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Full text of "Zeitschrift für Bücherfreunde"

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I. TJaljroanri 1897/98 ^ JFrbruar 1898 

fU o n iirlidi rin lirft, — finirlyrris für flidiinbonnrntrn 3 fü.— örr latjrgang uon 12 lirftrn im flbannrntrnt 24 ffl. 

Hrrlag oon Bflljaorn &■ ftiasing in ßirlffrlü uni) iCfijjjig. 




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Monatlich ein Heft. — Der Jahrgang läuft von April bis März. 

Abonnementspreis für den Jahrgang 24 Mark (14,40 Fl. ö. W., 30 Fr., 24 sh., 14,40 Rb.) 
für das Quartal (drei Hefte) 6 M. — Einzelhefte ausser Abonnement 3—4 M. 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, sowie durch die deutschen Postanstalten. 

(Ia der 1898er Zeitungspreisliste der deutschen Reichspost No. 8143.) 

Inhalt des 10. Heftes. 

Seile 

Ein vergessenes Ulustrationsverfahren. Von Eduard Grosse. Mit den Facsimiles 


eines Holzschnitts und 4 lithographischer Hochdrucke aus den Jahren 1833/34 . . 561 

Der Papyrus Erzherzog Rainer. Von Rudolf Beer. (Schluss aus Heft X) ... 572 

Heines Buch der Lieder. Eine bibliographische Plauderei von Gustav Karpeles. 

Mit Porträt und zwei Facsimiles.576 

Noch einige Jahn-Karikaturen. Von Eduard Fuchs. Mit 2 Abbildungen . . . 582 

Zur Litteratur über Friedrich Wilhelm II. Von Ernst Rowe.585 

Die zweite Ashburnham-Auktion. Von Otto von Schleinitz.590 

Kritik . . . ..592—597 


Aus Worpswede (- zj. _ Mareks: Königin Elisabeth. Mil 2 Abbildungen (—v.). — Haitz: Die 
ßüchermarken (S.). — Fromm: Festschrift zur Eröffnung des Aachener Bibliothekgebäudes (— z). 
Eckmann: Neue Formen (D.). — Werle: Ein malerisches Burgerheim V und Gradl & Schlotke: 


Kleinkunst I (a—). — Keats: Poems und Browning: Poems (— mf). — Gyp: Totote (— a). 

Chronik .597—508 

Mitteilungen.597 

Daudet in der Karikatur. Mit 2 Abbildungen (E. F \ — Aus der Sammlung Moser. Mit 4 Ab¬ 
bildungen (—z). — Hungers deutsche Übersetzung der „Emblemata 44 Alciatos. Mit 2 Facsimiles 
(M. Rubensohn). — Ein Baseler Druck von 1520 (F. Falk). 

Meinungsaustausch.602 

Naumanns „Philosophischer Bauer“ und Lottingers „Cuucou“ (P. Leverkühn). 

Kleine Notizen.602 

Beiblatt (S. 1—8): Kataloge (S. I—2) — Rundschau der Presse (S. 2—5) — Briefkasten 

(S. 5) — Anzeigen (S. 1—8 und Umschlag). 


































ZEITSCHRIFT FÜR BÜCHERFREUNDE. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR *£3 fjj~ 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben 


FEDOR VON ZOBELTITZ. 


Erster Jahrgang. — 1897/1898. 

Erster Band. 




Bielefeld und Leipzig. 

Verlag von Velhagen & Klasing. 


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Inhaltsverzeichnis 

L Jahrgang 1897/1898. — Erster Band. 

Die illustrierten Beitrage sind mit * bezeichnet 


Grössere Aufsätze. 

Seite 

*Aufsee8ser, Julius: Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. Mit 6 Facsimiles älterer 

Lithographien. 121 

Beer, Rudolf: Die Autographensanunlung der K. K. Hofbibliothek zu Wien. 81 

Bierbaum, Otto Julius: Gedanken über Buchausstattung. 210 s 

* Boesch, Hans: Ein gestochenes Buch des XVIIL Jahrhunderts. Mit 6 Abbildungen 

und Vignetten. 233 

Fabridus, W.: Die ältesten gedruckten Quellen zur Geschichte des deutschen Studenten- 

tums. L Das „Manuale scolarium“. 177 

Fischer von Röslerstamm, E.: Vom Autographensammeln. 193 

* Geiger, Ludwig: Die erste Ausgabe von Goethes Hermann und Dorothea und ihr 

Verleger. Mit 1 Abbildung. 143 

* — Wieland an seinen Sohn Ludwig. Mit Porträt Wielands als Greis . . 298 

* Hecker, Oscar: Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. Mit 3 Autographentafeln 33 

* Heyck, Ed.: Eine fürstliche Privatbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. Mit 

10 Abbildungen. 65 

Jellinek, A. L.: Eine Encyclopädie der Wissenschaften. 200 

* Keinz, Friedrich: Über die älteren Wasserzeichen des Papiers und ihre Untersuchung. 

Mit 11 Abbildungen der Wasserzeichen. 240 

* Kersten, Paul: Der künstlerische Bucheinband. Mit 26 Abbildungen. 307 

* Lern ingen-Westerburg, K. E. Graf zu: Etwas über Ex-libris. Mit 4 Bibliothekszeichen 15 

Lichtwark, Alfred: Der Bucheinband. 13 

* Loubier, Jean: Ein venetianisches Modelbuch vom Jahre 1559 in einem kursächsischen 

Einbande. Mit 2 Mustertafeln und einem farbigen Kunstblatt. 85 

Meier-Graefe, J.: Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel I . . 4 2 

— do. do. do. ü . . 77 

* — Die moderne Illustrationskunst in Belgien. I. F&icien Rops. Mit Porträt 

von Rops und 11 Abbildungen. 289 

Mdsner, Heinrich: Der Bücherfluch. 101 

Pollard, Alfred W., Bibliographische Klubs in England . 99 


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VI 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

* Popp enb erg, Felix: Moderne Plakatkunst Mit 11 farbigen Abbildungen und einem Kunstblatt 183 

* — Buchschmuck von T. T. Heine. Mit 12 Abbildungen. 264 

* Rheden, Klaus von: Aus der FrhrL v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 

Mit 1 Bibliothekszeichen und 11 Abbildungen. 15 ° 

Scherer, Carl: Die Wilhelmshöher Schlossbibliothek. 255 

Schleinitz, Otto von: Vom Londoner Büchermarkt. 270 

* Schorbach, Karl: Die Historie von der schönen Melusine. Mit 2 typographischen und 

2 zeichnerischen Abbildungen. 13 2 

* Schreiber, W. L.: Die Holztafeldrucke der Apokalypse. Mit 2 Abbildungen und einem 

farbigen Kunstblatt. 5 

Sondheim, Moriz: Das Philobiblon des Richard de Buiy. 322 

Zobeltitz, Fedor von: Zur Einführung. 1 

* — Moderne Buchausstattung. Mit 14 Abbildungen . 21 

* — Neudrucke I. Mit 2 Typen-Facsimiles und 3 Abbildungen ... 92 

* — Eckmann’scher Buchschmuck. Mit 3 Abbildungen. 104 

* — Ein geschriebenes Andachtsbuch des XVHL Jahrhunderts. Mit 

1 Initial und 4 Vignetten. 238 

* — Münchhausen und die Münchhausiaden. Mit Porträt und Wappenbild 247 

VÖ 3 


Kritik. 


Seite 


Andersen-Leffter: Die Prinzessin und der Schweine¬ 
hirt. (—g.). 5 1 

Bell, Rob. Anning: A Midsummer-nights Dream. 

(—nn.).. . 276 

Beltraml, Luca: H libro d’Ore Borromeo. (—v.) . 165 

Berliof , Dr. K.: Der Korsächsische Hofbuchbinder 

Jakob Krause. (Paul Schumann). 213 

Bilbassoff, B. von: Katharina IL (—er.). 273 

Blades, William: The ennemies of Books. (—st.) 217 

Bftrckel, Alfred: Gutenberg, (i.). 167 

Copinger, W. A.: Supplement to Hains Repertorium 

bibliographicum. (Adolf Schmidt) ..... 48 

Dzlatzko, Karl: Sammlung bibliothekswissenschaft¬ 
licher Arbeiten. (S.). 50 

Fiber'sche Buchdruckerei, Die. (—z.).329 

Fletcher, William Younger: Foreign Bookbindings 

in the British Museum. (—g.) ....... 162 


* Franke, Willibald: Hundert Jahre im Dienste der 

Kunst Mit 3 Abbildungen. (—z.) .... 329 

Ganse, W.: Carlsbad, ein Bildercyclus. (—r.) . . 109 

Graad-Cartered, John; Les Almanachs fran^ais. (—f.) 271 

Haebler, Konrad: The early Printers of Spain and 


Portugal. (R. E.). 331 

Hansschatz moderner Kunst L (—g.). 166 

Helerll, Julie: Die Schweizer Trachten vom XVHI. 

bis XIX. Jahrhundert L (—f.). 108 

Heltz, Paul: Der Initialschmuck in den elsässischen 

Drucken des XV. und XVI. Jahrhunderts. (—v.) 216 

Heyck, Prof. Dr. Ed.: Monographien zur Weltge¬ 
schichte. L Die Mediceer. (— nm.) .... 217 


Seite 


Jenaer Liederhandschrift, Die Facsimile-Ausgabe in 

Lichtdruck der (—z.). 5 1 

Jonas, Fritz: Schillers Briefe. (—f.). 215 

Knautsch, Rudolf: Die Holzschnitte der Kölner Bibel 

von 1479. (W. L. S.). 107 

Kapferstlchkablnett, Das. (—v.). 166 

Leist, Friedrich: Notariats-Signete. (S.). 164 

Meisterwerke der Holzschneidekunst, Heft I u. II. 

(—v.). 108 

MUkowIcz, Wladimir: Ein nordrussischer, auf Holz 

gemalter Kalender von 1600 (R. B.) .... 275 

Mancher, Franz: Immermanns Ausgew. Werke. (— f.) 276 
Rondot, Natalis: Les graveurs en bois k Lyon. 

(W. L. S.). 332 

Range, Paul: Die Sangesweisen der Colmarer Hand¬ 
schrift und die Liederhandschrift Donaueschin- 

gen. (Rob. Eitner). 214 

Schabart, Martin: Francois de Thlas, comte de 

Thorane. (—rv.). 109 

Stoskopf, G., Luschtigs üs’m Eisass. (—r.) ... 167 

Uzanne, Octave: La nouvelle Bibliopolis. (—f.). . 333 

VoIImöIIer, Karl: Über Plan und Einrichtung des 

Romanischen Jahresberichts. (—v.) .... 50 

—, Der Kampf um den Romanischen Jahresbericht. 

(— v ). 5 ° 

Werfe, Herrm.: Ein malerisches Bürgerheim. L (—v.) 108 

-, IL und ID. (—v.). 274 

♦ Wfllker, Prof. Richard, Geschichte der englischen 
Litteratur von den ältesten Zeiten bis zur 
Gegenwart. (—v.). 52 


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Inhaltsverzeichnis. 


vn 


Chronik. 


Meinungsaustausch. 


Seite 

The Banks of the Maine. 52 

Paul Bello.52, 168 

Erste Bnchdrnckerei in Constantinopel. 168 


Seite 


Celander? Wer ist._. 168 

♦ Monogrammist mit dem Zeichen der gekreuzten 

Trommelstöcke. 53 


Mitteilungen. 


Augustinus: „De civitate christiana“, Schluss¬ 


schrift in (Ad. Schmidt).. 55 

Aasstellaag Araold in Dresden. (P. S.). 336 

AntngrapMsches (Fischer von Röslerstamm) ... 170 

Amtier k Röthardt: Auktion. 118 

Anto g r npheus am m lu n g Brockhaus. (— v.) . 171 

BIbefflbersetiusges der Welt. 337 

Bacbbtaderarbett ca auf der Industrieausstellung in 

Leipzig. (—n.) . .. 218 

—, Sperlingsche Kollektion. (—n.). 220 

Chinesisches Konversationslexikon, Ein. (Friedrich 

Hirth). 276 

Cousta nti nop el , Erste Buchdruckerei in. (M.) . . . 111 


Druckort Böhmens, Ein unbekannter. (Rudolf Wolkan) 169 

Einbände, Interessante. (F. W. E. Roth). 169 

Ex-llbris Rudolfs von Franckenstein. (Ad. Schmidt) 279 

Ex-Ilbrls, Ein unbekanntes. (R.). 169 

Qebetbuch der Königin Marie v. Frankreich von 1530. 56 

Gedichte ohne R. (M.). 222 

Knast Im Bnchdrack. (P. Jessen). 221 

Michelangelos Bibliothek, EinBuch aus. (Ed.Grisebach) 53 

Optstographle. (—r.). in 

Pariser Dokumente des XV. Jahrhunderts. (—g.) . in 

Pichon, Baron Jlröme. 116 

Recensenteatnm, Das deutsche. (H. M.). 55 

Spanisches Schönschreibebnch des XVI. Jahrhunderts 110 


Antiquariatsmarkt. 


Autographik. 62 

Jos.Bacr&Co: LoretsLettresen vers 1650—65. (—m.) 111 
Bernoux & Cumin: Aus dem Bull. mens. 162. (—vo.) 284 
Richard Bertling: Musikalische Autographen ... 113 

Albert Cohn: Flugblatt um 1510. (—v.) .... 58 
Gustav Fock: Prof. H. Brunns Bibliothek .... 224 
Französisches Antiquariat (Victor Ottmann) . . . 223 

J. Halle: Aus Katalog 16. 112 

G. Hess & Co., Loosbuch von 1546. 59 

Karl W. Hirsemann, Rfickertbriefe 1844—65 ... 113 

—, Americana. 224 


Karl W. Hirsemann, Miniaturmanuskripte. (—f.) . 284 
Leo Liepmannsohn: Ottaviano dei Petrucci von 1575 283 

Leo F. Olschki: Inkunabeln aus Katalog 35 und 38 114 

♦Jacques Rosenthal: Aus Katalog 7. 60 

*Ludw. Rosenthal: Copia d. newen Zeytung auss 

Presillgs Landt. (F. B.). 59 

—: Aus Katalog 87 und 88. 114 

J. Scheible: Neudrucke. (—z.). 57 

Franz Teubner: Robinsonadenkatalog. 113 

Adolf Weigel: Luthermanuskript. 61 


Von den Auktionen. 


Amsler k Rothardt: Graphisches. 115 

HötelDrouot in Paris: BibL Luc.Double; M.H. Borde 115 

—, BibL Gebr. Goncourt; Marsac... . 174 

—, BibL Didot; Crampon; Pichon; Pyat .... 222 

Hugo Helbing in Mönchen: Handzeichnungen • • 283 

J. M. Heberle in Köln: BibL Sitt, Wirtz, Jonen . • 115 

Rud. Lepke in Berlin: Graphisches. 115 

Londoner Auktionen. 224 


Preise für französ. Original- und Luxusausgaben . 116 

Puttick & Simpson in London: Ex-libris. 117 


Sewall-Bibliothek in New-York. 283 

Sotheby in London: BibL Arth. Youngs. 117 

—, Bibi. Ashbumham. 281 

—, Shakespeareausgaben. 223 

—, BibL Philipps u. a.. 337 

—, Cruikshankzeichnungen . 338 


Kleine Notixen. 


Afrika .. 232 

Am eri ka . 232 

.1*0, 231, 342 

Dmrtachloi . . 62, 117/18, 174 / 75 » *25/28, *« 5 / 8 $» 339 / 4 * 

England .63, 118, 119, 228, 229, 287, 288 

Frankreich . 63, 119, 120, 229, 230, 231, 288, 342, 343 


Italien.64, 120, 175, 176, 231, 288 

Montenegro. 344 

Österreich-Ungarn . ..62, 228, 286, 287, 342 

Russland.231, 343 

Spanien.120, 176, 343 

Schweis. 287 


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vm 


Inhaltsverzeichnis. 


Beiblatt 


Zu Heft I—6: Kataloge — Bibliographie — Rundschau der Presse — Aus den Vereinen — Briefkasten — Anzeigen. 


t 


Kunstbeilagen. 

Hlstoria S. Joannls Evangellstae. 16. Blatt: Übergang von der Apokalypse zu der Geschichte des Antichrists. Zu 
Schreiber: Die Holztafeldrucke der Apokalypse (zw. Seite 12/13). 

Ein venetlanlsches Modelbach vom Jahre 1559 In einem karaichsischen Eiabtade. Zu Loubier: Modelbuch (zw. 
Seite 86/87). 

Franz Stack: Plakat der Internationalen Kunstausstellung des Vereins bildender Künstler Münchens (Secession) 

Zu Poppenberg, Moderne Plakatkunst (zw. Seite 190/191). 



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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

i. Jahrgang 1897. - Heft 1: April 1897. 


Zur Einführung. 


..Bekannte kommen und gehen; Freunde 
nicht. Bücher, die wir tu unseren Freunden 
machen, werden uns nie zum Ekel. Sie 
nutzen sich durch den Gebrauch nicht ab; 
sie reproduzieren sich immer wieder von 
Neuem, wie das Leben; ihr Genuss ist 
unerschöpflich.'* 

Ludwig Feuerbach. 




|n Deutschland hat die Bücher¬ 
liebhaberei von jeher einen bei 
j Weitem weniger günstigen 
Nährboden gefunden als in 
Frankreich und England, in 

_Holland, Amerika und selbst 

in Italien. Es ist eine beschämende Thatsache, 
dass in der Heimat Gutenbergs das Interesse 
für das Buch, wie eine jüngst erschienene sta¬ 
tistische Zusammenstellung der grösseren Privat¬ 
bibliotheken beweist, ein verhältnismässig ge¬ 
ringeres ist als in dem weltfernen Canada. 
Den Kulturhistoriker mag es reizen, einmal den 
Gründen nachzuspüren, die zu dieser Interesse¬ 
losigkeit geführt haben. Der Hang zu einer 
luxuriösen Lebensführung und die Sucht, die 
eigene Persönlichkeit in ein möglichst vorteil¬ 
haftes Licht zu setzen, beeinflussen unser Da¬ 
sein in hohem Masse und zwar intensiver als 
dies beispielsweise im benachbarten Frankreich 
der Fall ist Dort findet man mitten im ge¬ 
räuschvollen Lärmen des gesellschaftlichen Hin 
und Her und in der Aufregung des politischen 
Treibens noch immer Müsse, sich dem Reize 
eines stillen geistigen Genusses zu widmen. In 
Z. C B. 


Zeiten, da die Wogen des Lebens am höchsten 
schlugen und der französische Hof in prunk¬ 
volle Äusserlichkeiten versank, sammelte Maza- 
rin seine kostbare Bibliothek, und Männer wie 
de Thou, der Duc de La Valli£re, der leicht¬ 
sinnige Prinz von Soubise und viele Andere 
folgten seinen Spuren. So ist es auch noch 
heute. Die berühmtesten Bibliophilen unserer 
Zeit tragen französische Namen. Bei uns sind 
Sammler wie Hagen, Meusebach, Klemm, Heyse, 
Maltzahn Ausnahmen geblieben. Bei uns be¬ 
schränkt sich auch das Mäcenatentum der 
oberen Zehntausend auf die bildende Kunst 
und die Bühne. Gerade das übertriebene Ge- 
wicht, das man in unseren Tagen dem Theater 
beilegt, ist mit ein Hauptgrund für die Ver¬ 
nachlässigung des Buchs. Leute, die sich hun¬ 
dertmal besinnen, ein Zehnmarkstück für ein 
wertvolles Werk auszugeben, pflegen nicht zu 
zögern, sich dafür einen Logenplatz zur Premiere 
der neuesten französischen Posse zu kaufen. 
Die Bücherliebhaberei ist freilich eine stille 
Schwärmerei, die ein eingehendes und zärtliches 
Versenken erfordert — mit ihr lässt sich schwer 
prahlen und brüsten. So findet man denn auch 
— ach, leider nur allzu häufig in den Häusern 
der vom Glück Bevorzugten inmitten einer glän¬ 
zenden Ausstellung wertvoller Mobilien, einer 
Überfülle von Gemälden, Statuen, Gobelins und 
Bibelots — inmitten all’ dieser schimmernden 


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2 


Zur Einführung. 


Pracht nur ein winziges Bücherschränkchen, 
dessen grünseidener Vorhang schämig die innere 
Leere verhüllt 

Wir sind uns demgemäss der Schwierig¬ 
keiten, mit denen unsere „ Zeitschrift für Bücher¬ 
freunde“ zu kämpfen haben wird, sehr wohl 
bewusst. In Frankreich und England besitzen 
die Bibliophilen längst ihre eigenen Organe. 
In Deutschland wäre es eine Unmöglichkeit, 
ein Blatt zu schaffen, wie die wundervolle 
„Biblio-Graphica“, die Trübner & Co. in London 
herausgiebt; es würde sich kaum ein Dutzend 
Abnehmer dafür finden. Es konnte sich für 
uns daher von vornherein nicht darum handeln, 
lediglich für den ziemlich eng begrenzten Kreis 
der durchbildeten und erfahrenen deutschen 
Bibliophilen ein besonderes Blatt zu begründen; 
ein berufsmässiger Bibliothekar oder Antiquar, 
der sich Jahrzehnte lang mit der Erforschung 
typographischer und litterarischer Kostbarkeiten 
beschäftigt, würde ein solches im Übrigen wahr¬ 
scheinlich auch fachmännischer zu leiten ver¬ 
stehen, als der Unterzeichnete Herausgeber, dem 
seine litterarische Thätigkeit die Erwerbung der 
notwendigen Spezialkenntnisse an der Hand 
seiner mit eifriger Passion zusammengetragenen 
Sammlungen bisher gewissermassen nur neben¬ 
bei verstattet hat, dem dafür freilich auch eine 
langjährige redaktionelle Erfahrung und eine 
ziemlich intime Kenntnis des bücherfreundlichen 
Publikums zur Seite stehen. Ein Fachblatt im 
engeren Sinne wird die Zeitschrift für Bücher¬ 
freunde“ also nicht sein, obschon auch der Fach¬ 
mann in ihr Neues und Interessantes in Fülle 
finden wird. Die Heranziehung auch weiterer 
Kreise der gebildeten Welt , in denen wir das In¬ 
teresse für Bücherkunde und Buchwesen und für 
die damit verbundenen graphischen Künste 
wecken und fördern möchten, soll das Hauptziel 
bilden, das wir nicht aus den Augen verlieren 
wollen. 

Gesammelt wird in unsem Tagen genug — 
bis auf Liebigbilder und Pferdeeisenbahnbillets 
herab. Sollte es nicht besser sein, statt nutz¬ 
lose Spielereien zu begünstigen, schon in der 
heranwachsenden reiferen Jugend den Sinn für 
die geistigen Schätze der Völker zu wecken, 
wachsen und reifen zu lassen? — Leider 
hat sich auch auf dem Gebiete der Bilderbücher 


und illustrierten Jugendschriften — ein Thema, 
das wir noch eingehenderer behandeln werden 

— wenige Ausnahmen abgerechnet, ein so 
vager Spekulationsgeist breit gemacht, dass 
er den Zweck dieser Litteratur als bestes 
Mittel zur Bildung und Erziehung des Ge¬ 
schmacks völlig zerstört hat. . . „Bücher sind 
immer noch die wohlfeilsten Lehr- und Freuden¬ 
meister und der wahre Beistand hinieden für 
Millionen besserer Menschen", sagt Weber, der 
lachende Philosoph. Das ist eine grosse Wahr¬ 
heit — wollten doch alle Gebildeten zu dieser 
Erkenntnis kommen! „Lehr- und Freuden¬ 
meister" — denn es giebt nichts Reizvolleres, 
Schöneres, nichts Anregenderes für den Geist 
und wahrlich auch nichts Unterhaltenderes, als 
die Beschäftigung mit den Büchern, die man 
im Laufe der Jahre mit Liebe und Sorgfalt ge¬ 
sammelt hat, und an denen unser Herz mit einer 
gewissen liebevollen Zärtlichkeit hängt. Es giebt 
auch nichts „Wohlfeileres" als diesen Lehr- und 
Freudenmeister, der uns immer wieder erneut 
mit seiner Gunst erfreut, und der uns Genüsse 
spendet, die nicht vergänglich sind wie die 
meisten anderen — nein, dauernd und „uner¬ 
schöpflich“. . . 

Als wir daran gingen, unsere Idee, eine 
Zeitschrift für bibliophile Interessen zu schaffen, 
zur That werden zu lassen, wurde uns hie und 
da entgegengehalten: wer versteht denn etwas 
von der Bibliophilie?! — Die Ansicht, dass die 
Bibliophilie eine „gelehrte" Wissenschaft sei, 
ist vielfach verbreitet, aber durchaus irrig; 
schon die Thatsache, dass die bedeutendsten 
Bibliophilen keine berufsmässigen Gelehrten 
sind und waren, beweist dies. Die Bibliophilie 
ist auch nur eine Passion; sie verlangt freilich 
eine gründlichere Vertiefung in den Gegen¬ 
stand, als es etwa für das Sammeln von 
Briefmarken, von Tafelmenus notwendig sein 
mag, ist dafür aber auch vielseitiger, weil ihr 
Interessenkreis eine ganze Anzahl verwand¬ 
ter Gebiete umfasst, wie die innere und äussere 
Buchausstattung, die Autographen, Bücher¬ 
zeichen, graphischen Künste u. a. Selbstver¬ 
ständlich hat die Gelehrtenwelt, die sich mit 
der Litteraturgeschichte, der angewandten Biblio¬ 
graphie und der Bibliothekskunde beschäftigt 

— hat der Forscher von Beruf es leichter, sich 
in den hundertfältig reizvollen Geheimnissen der 
Bibliophilie zurecht zu finden; aber die grund- 


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Zur Einführung. 


3 


legenden Kenntnisse kann sich jeder Gebildete 
erwerben, denn die dazu nötigen Studien fussen 
eben auf der Passion des Sammlers. 

Welch’ köstliche Freuden sie gewährt, weiss 
freilich nur der zu schätzen, der ihr eine ge¬ 
wisse Begeisterung entgegenbringt, den freu¬ 
digen Enthusiasmus des Sammlers. Sicher 
werden sich auch mahnende Stimmen dagegen 
erheben, und der alte kunstvoll konstruierte 
Gegensatz zwischen Bibliophilie und „Biblio- 
manie“ wird von neuem aufgerührt werden. In 
der That aber existiert ein solcher Gegensatz 
kaum. Wenn man auch Dibdins Definition des 
Bibliophilen als eines Büchersammlers, der seine 
Schätze nur ihrem inneren Werte nach beurteilt 
und zu einem bestimmten wissenschaftlichen 
Zwecke zusammenträgt, gelten lassen will, 
während der Bibliomane nach dem gleichen 
Autor weniger auf die Gediegenheit des Inhalts 
als auf gewisse Äusserlichkeiten sieht und vor 
allem das Alter und die Seltenheit der Bücher, 
ihre Schicksale, ihr Material, ihren Kuriositäts¬ 
wert und ihre Einbände berücksichtigt—schliess¬ 
lich treffen diese „Gegensätze“ doch immer 
zusammen. Und wenn auch zunächst dem 
Sammeleifer der Bücherliebhaber thatsächlich 
keine wissenschaftlichen Zwecke zu Grunde 
liegen — ist nicht unter allen Umständen selbst 
die laienhaft betriebene bibüomanische Passion 
zum Mindesten ebensohoch anzuschlagen als die 
Sammelsucht der Briefmarkenfreunde und ähn¬ 
licher Sonderlinge? — Denn das ist das Gute 
an der Bücheriiebhaberei: bei ihr fuhrt die Unter¬ 
haltung, die sie gewährt, nach und nach auch 
den Laien zu ernsthafteren Studien und weckt 
wissenschaftliche Interessen in ihm. . . . 

»Mk 

Der Weg, den wir einzuschlagen haben, 
ist nach dem Gesagten klar vorgezeichnet. 
Die „ Zeitschrift för Bücherfreunds* verfolgt 
keine gelehrten Ziele, wohl aber die wissen¬ 
schaftlichen und künstlerischen Intentionen, die 
mit der Bücherliebhaberei endgültig immer ver¬ 
bunden sind. Dass wir uns zu diesem Zwecke 
die Mitarbeiterschaft einer grossen Zahl fach¬ 
männischer Autoritäten sichern mussten, war 
selbstverständlich. Alle diese Herren haben 
unser Unternehmen mit Freude — ja, vielfach 
mit heller Begeisterung begrüsst; alle auch er¬ 


klärten sich ohne Weiteres damit einverstan¬ 
den, ihren auf wissenschaftlicher Grundlage 
ruhenden Beiträgen eine für die grosse gebil¬ 
dete Welt, an die wir uns wenden, allgemein 
verständliche Fassung geben zu wollen. Die 
Stimmen gegen die „Popularisierungssucht“ wie 
gegen die Veranschaulichung wissenschaftlichen 
Stoffes durch Abbildungen scheinen allgemach 
verstummt zu sein. Wie uns, den Verlegern 
und dem Herausgeber, so dünkte auch unsem 
Mitarbeitern der Zweck dieser Blätter: im Lande 
Gutenbergs das Verständnis für die Bücher¬ 
kunde in weiteren Kreisen in anregender und 
interessanter Form zu fordern, als eine schöne, 
grosse und dankbare Aufgabe. Ob sie sich 
auch lohnen wird? — Oktave Uzanne, einer 
der bekanntesten Bibliophilen Frankreichs, 
schrieb uns: „Je suis assure qu’en un pays de 
Science et d’^rudition tel que l’Allemagne, qui 
est la premi£re nation du monde pour la con- 
sommation des livres et le goüt de la lecture, 
votre revue a toutes les chances de succ£s“... 
Hoffen wir, dass diese Stimme von jenseit der 
Vogesen recht behält! — 

Die „Zeitschrift für Bücherfreunde“ wird 
allen Gebieten der Bibliophilie und den ihr ver¬ 
wandten Interessenkreisen eingehende Berück¬ 
sichtigung zuwenden: den typographischen 
und litterarischen Seltenheiten und Kuriositäten 
aller Zeiten und Länder, den berühmten, kost¬ 
baren und originellen Einbänden, dem Papier 
und den Wasserzeichen, dem Schrift- und Buch¬ 
wesen fremder Völker, den handschriftlichen 
Eintragungen, Autographen, Ex-libris und 
Druckerzeichen, dem künstlerischen Bücher¬ 
schmuck, den grossen öffentlichen und privaten 
Sammlungen, der litterarhistorischen und biblio¬ 
graphischen Forschung, dem Bibüotheks-, Zei- 
tungs- und Plakatwesen, dem Auktionsmarkt 
und der Antiquariatswelt u. s. w., u. s. w. 

Besondere Beachtung wollen wir der Frage 
der künstlerischen Buchausstattung moderner 
Werke zuwenden. Nach dieser Richtung hin 
hat in erster Linie die Gegenwart das Wort 
Lange, lange hat das Kunstgewerbe ein arm¬ 
seliges Dasein gefristet; auf die herrlichen 
Leistungen des Mittelalters folgte eine Zeit des 
Niedergangs und der Versumpfung. Aber in 


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Zur Einführung. 


unseren Tagen beginnt es sich wieder fröhlich 
zu regen; ein neues Blühen hebt an . . . Es 
ist nur natürlich, dass das Kunstgewerbe sich 
auch dem Buchwesen zuwandte. Der wieder 
erwachende Schönheitssinn konnte der flachen, 
charakterlosen Eleganz der fabrikmässig her- 
gestellten Einbände keinen Geschmack mehr 
abgewinnen; noch öder und langweiliger er¬ 
wies sich der innere Schmuck, und am schreck¬ 
lichsten mutete der nüchterne Deckel der bro- 
chierten Exemplare an, die gewöhnlich beim 
ersten Aufschneiden auseinander zu fallen pfleg¬ 
ten. In jüngster Zeit ist in dieser Beziehung 
vieles besser geworden. Buchhändler und Buch¬ 
binder, graphische und artistische Anstalten, 
die Schriftgiessereien und die Papierfabriken — 
die ganze Arbeitswelt, die dem Äusseren des 
Buchs Prägung giebt, fängt — wenn auch 
erst langsam und allgemach — an, sich mit 
künstlerischen Ideen zu befreunden. Der emi¬ 
nente Aufschwung, den die Technik des Illu¬ 
strationswesens genommen hat, ist ein weiterer 
Beweis für die sich vollziehende Läuterung des 
Geschmacks. Über all* das werden wir noch 
viel zu sagen haben. 

Der Deutsche liest gern, aber er kauft keine 
Bücher. Darüber haben wir bereits gesprochen. 
Vielleicht ruft die beginnende Verfeinerung des 
Geschmackes aber auch in dieser Beziehung 
eine Wandlung hervor. In Hamburg hat der 
dortige Kunstverein auf Anregung des Profes¬ 
sors Lichtwark die Herausgabe einer Liebhaber- 
Bibliothek begonnen. Das Beispiel verdient 
regste Nachahmung. Hie und da finden sich 
auch bereits Verleger, die moderne Werke — 
wie es in Frankreich längst Sitte ist — in zwei 
oder mehreren Ausgaben, einer billigen und 
sogenannten Luxus-Editionen, erscheinen lassen. 
Die letzteren sind für die „Liebhaber“ und 

Berlin ,, im März 1897. 


zwar vor allem für die reicheren bestimmt. Und 
gerade diese Reicheren haben die Pflicht , die 
vorwärts schreitende bibliophile Bewegung aus 
voller Kraft zu unterstützen. Sollen die Tage, 
da Adel und Bürgertum sich im edelsten 
Mäcenatentum vereinten, für immer vorüber 
sein?! — 

Noch Etwas sei angefügt Von interessierter 
Seite werden wir darauf aufmerksam gemacht, 
dass wir in unseren Prospekt-Cirkularen die Be¬ 
tonung einer besonderen Berücksichtigung der 
Sammler von alten Holzschnitten, Kupferstichen 
u. s. w. verabsäumt hätten. Man hat uns auch 
vorgeschlagen, den Titel der Zeitschrift zu än¬ 
dern, weil er den Irrtum hervorrufen könne, wir 
wollten uns auf das „Buch“ selbst und ganz 
allein auf dieses beschränken. An ein solches 
Missverständnis haben wir allerdings nicht ge¬ 
dacht; wir meinen, der Untertitel „Monats¬ 
hefte für Bibliophilie und verwandte Interessen“ 
sollte es auch ausschliessen. Und zu den „ver¬ 
wandten Interessen“ gehört doch wohl in erster 
Linie Alles, was mit den graphischen Künsten 
zusammenhängt. . . Wir wollen durchaus nicht 
engherzig, sondern nach Möglichkeit viel¬ 
seitig sein. 

Von dem, was wir wollen, kann das vorliegende 
erste Heft freilich nur einen knappen und un¬ 
zureichenden Umriss gewähren. Doch es stellt 
wenigstens das Programm fest, und wir hoffen, 
man wird ihm Zustimmung zollen. Aber auch 
guten Ratschlägen, es anders und besser zu 
machen, werden wir uns nicht verschliessen. 
Im Gegenteil — ein möglichst lebhafter Aus¬ 
tausch der Meinungen kann der Sache nur 
dienlich und wird uns daher willkommen sein. 

Ein Glückauf dieser guten Sache /. . 

Redaktion und Verlag. 



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Die Holztafeldrucke der Apokalypse. 

Von 

W. L. Schreiber in Potsdam. 


H ür Wissenschaft und Kunst begann 
am Ausgange des XIV. Jahrhunderts 
ein neues Zeitalter. Hatte bis dahin 
die Verbreitung der Litteratur sich im allge¬ 
meinen auf einige wissenschaftliche Werke für 
den Kreis der Gelehrten, auf die asketische 
Litteratur für den Klerus und auf die für die 
Schule notwendigen Lehrbücher beschränkt, so 
entstand nun auch in dem wohlhabenden Bürger¬ 
stande das Bedürfnis nach geistiger Nahrung. 
Erwachsene suchten vielfach die Schulen auf, 
um das in der Jugend Versäumte nachzuholen, 
und mit der wachsenden Zahl der des Lesens 
kundigen Leute stieg die Nachfrage nach 
Büchern. Geistliche, Lehrer und Schreiber er¬ 
warben sich durch Abschreiben von Büchern 
einen hübschen Nebenverdienst; ja, im zweiten 
Viertel des XV. Jahrhunderts entstanden sogar 
Schreibwerkstätten, die nicht nur auf Bestellung 
arbeiteten, sondern Heldengedichte, Erzählungen, 
Rechtsbücher, Andachtsbücher, Kalender, Le¬ 
genden, Chroniken, populär-medizinische Werke 
und ähnliche Volksbücher auf Vorrat anfertigten. 

Hatte das Bild auch nicht mehr die Be¬ 
deutung wie in den vorhergehenden Jahrhun¬ 
derten, in denen ein des Lesens unkundiger 
Richter aus der Zahl der Sonnen, Monde und 
Sterne, die der bildlichen Darstellung eines 
Verbrechens im Gesetzbuche beigefiigt waren, 
entnehmen konnte, wie viele Jahre, Monate und 
Tage der Schuldige im Gefängnis zu büssen 
habe, so erfreuten sich Bücher-Hlustrationen 
doch einer grossen Beliebtheit, und in den 
Schreibwerkstätten fanden daher neben den 
Abschreibern auch Zeichner Beschäftigung. 

Die Herstellung eines Buches pflegte in der 
Weise zu erfolgen, dass der Schreiber den Text 
kopierte und an jenen Stellen, wo ein Bild hin¬ 
gehörte, einen freien Raum liess, in den dann 
später der Maler die Zeichnung in Umrissen 
mit der Feder entwarf und mit dem Pinsel 
bunt ausmalte. Dadurch aber waren die Schrei¬ 
ber von den Malern abhängig; ja, oft genug 
fanden sie überhaupt keinen Zeichner und muss¬ 
ten dann die Handschrift ohne Bilder, aber 
mit den dafür leer gebliebenen Plätzen ver¬ 


kaufen. Um sich von diesem Zwange zu be¬ 
freien, kamen einzelne der Bücherfabrikanten 
etwa in der Zeit zwischen 1440—1450 auf den 
Gedanken, die Handzeichnungen durch Holz¬ 
schnitte zu ersetzen. Sie Hessen sich zunächst 
von dem Holzschneider die Bilder auf beson¬ 
deres Papier drucken und ausmalen, und kleb¬ 
ten sie nach Bedarf an den betreffenden Stellen 
in den Text ein; später aber gaben sie die 
leeren Papierbogen direkt an den Holzschnei¬ 
der, Hessen von diesem an bezeichneten Plätzen 
die Bilder abdrucken und richteten sich dann 
mit ihrem Text nach Massgabe der Illustratio¬ 
nen ein. Gelang es ihnen auf diese Weise, 
sich von den Malern unabhängig zu machen, 
so erwuchs ihnen nun durch die Holzschneider 
eine unerwartete Konkurrenz.! 

Die Bearbeitung von Holzplatten geht in 
das graue Altertum zurück, aber auch der 
Formschnitt, d. h. die Herstellung von Holz¬ 
tafeln, welche für den Bild-Abdruck bestimmt 
sind, war bereits im VI. Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung bekannt. In den Gräbern von 
Achmim hat man Reste von Leinen- und Sei¬ 
denstoffen gefunden, die mit Verzierungen in 
bunten Farben bedruckt sind. Dieser Zeug¬ 
druck, in welchem wir den Vorläufer unseres 
heutigen Holzschnittes erkennen müssen, fand 
etwa im XI. oder XII. Jahrhundert aus dem 
Orient in Europa Eingang, und gegen Ende 
des XIV. Jahrhunderts gab es in Italien, 
Frankreich, Spanien und am Rhein Werkstätten, 
in denen bedruckte Zeugstoffe für Gewänder 
und Tapeten in Massen hergesteUt wurden. 

Um die nämHche Zeit scheint auch der Über¬ 
gang vom Zeugdruck zum Papier- beziehungs¬ 
weise Pergamentdruck stattgefunden zu haben. 
Zwei Veranlassungen zu demselben sind denk¬ 
bar. Einmal war in jener Zeit (etwa 1380) 
eine fast unglaubHche Spielwut ausgebrochen, 
so dass das Kartenspielen aUenthalben verboten 
wurde, und es ist daher anzunehmen, dass da¬ 
mals spekulative Köpfe auf den Gedanken ka¬ 
men, die Spielkarten, welche vordem mit der 
Hand gezeichnet wurden, durch Holztafeldruck 
zu vervielfältigen. Andererseits aber hatte sich 


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Schreiber, Die Holztafeldrucke der Apokalypse. 


auch der christlichen Welt eine starke religiöse 
Schwärmerei bemächtigt, die namentlich in 
Wallfahrten ihren Ausdruck fand; und die Un¬ 
möglichkeit, an die zahllosen Schaaren, welche 
nach einem berühmten Gnadenorte pilgerten, 
bleierne Medaillen als Erinnerungszeichen zu 
verteilen, wie es ehedem üblich gewesen war, 
mochte die Veranlassung bieten, statt derselben 
Holzschnitte mit dem Bilde des am Wallfahrts¬ 
ort verehrten Heiligen, die sich ja schnell in 
Massen herstellen Hessen, auszuteilen. 

Unter den Volks- und Andachtsbüchem des 
XV. Jahrhunderts befand sich eine beträcht¬ 
liche Anzahl solcher, bei denen der knappe 
Text im Verhältnis zu den Bildern kaum in 
Betracht kam. Als daher die Holzschneider 
von den gewerbsmässigen Schreibern zur An¬ 
fertigung von Bücher-Illustrationen herangezo¬ 
gen wurden, lag für sie der Gedanke nahe, sich 
nicht auf die Anfertigung der Bilder zu be¬ 
schränken, sondern auch den kurzen Text in 
Holz zu schneiden. Auf diese Weise entstan¬ 
den jene Holztafel-Druckwerke, die wir Block¬ 
bücher (nach dem englischen Ausdruck „Block- 
books“) zu nennen pflegen, und deren erstes 
gegen 1460, das letzte zwischen 1510—1520 
entstanden ist Die eigentliche Blütezeit der¬ 
selben fällt jedoch in den Zeitraum etwa zwischen 
1465 bis 1480. 

Das Erscheinen der Blockbücher führte aber 
auch gleichzeitig zu einer Verbesserung des 
Druckverfahrens. Die Holztafeln werden näm¬ 
lich in der Weise bearbeitet, dass man die 
eigentliche Zeichnung erhaben stehen lässt, so 
dass sie auf dem Abdruck schwarz erscheint, 
hingegen alles übrige fortschneidet, damit das 
Papier dort nicht berührt wird und weiss bleibt. 
Das ursprüngliche Druckverfahren bestand nun 
darin, dass man die Oberfläche der bearbeite¬ 
ten Holzplatte mit einer aus Russ und Leim¬ 
wasser bereiteten Druckerschwärze benetzte 
und sie dann in derselben Weise, wie wir uns 
des Petschafts bedienen, auf den Stoff oder 
das Papier abdruckte. Dieses primitive Ver¬ 
fahren genügte nun wohl zur Herstellung eines 
einfachen Bildes, aber Text liess sich auf diese 
Weise nur ziemlich unleserlich wiedergeben. 
Deshalb bürgerte sich ein dem typographi¬ 
schen Pressendruck ähnliches Verfahren ein. 
Die Holztafel wurde auf einen Tisch gelegt, 
mit der bearbeiteten und geschwärzten Seite 


nach oben. Dann deckte man das Papierblatt 
darüber und drückte auf dessen Rückseite von 
oben mit einer Platte oder einem Falzbein. 
Der so entstandene Abdruck wurde deutlicher, 
aber die Umrisse der Zeichnung pressten sich 
jetzt so scharf in das Papier ein, dass die 
Rückseite nicht mehr zur Aufnahme eines zwei¬ 
ten Bildes benutzt werden konnte, und des¬ 
halb wechseln bei den Blockbüchem die 
bedruckten Seiten mit den leeren ab. Erst als 
sich die Holzschneider der Buchdrucker-Presse 
zu bedienen begannen, hörte dieser Übelstand 
auf, und Vorder- und Rückseiten konnten gleich- 
mässig bedruckt werden. 

Wir dürfen jedoch die Kunstfertigkeit der 
damaligen Formschneider nicht zu hoch an¬ 
schlagen. Wohl mögen sich unter ihnen einige 
Maler befunden haben, die Zeichnungen selb¬ 
ständig zu entwerfen vermochten; im allgemei¬ 
nen besassen sie aber nur eine mehr oder min¬ 
der grosse Fertigkeit im Schneiden der auf die 
Holzplatte übertragenen Zeichnung und kopier¬ 
ten die ihnen vorliegende Bilderhandschrift oder 
auch die xylographische Reproduktion eines 
Kollegen so sklavisch genau, dass es mitunter 
dem geübtesten Auge schwer fällt, die eine 
Ausgabe von der anderen zu unterscheiden, 
wenn beide neben einander liegen. Gerade 
letzteres ist aber bei der Seltenheit und der 
Kostbarkeit der Blockbücher äusserst schwierig, 
und ich verdanke es nur der nicht hoch genug 
zu veranschlagenden Bereitwilligkeit der in Be¬ 
tracht kommenden deutschen, österreichischen 
und schweizer Bibliotheken und Museen, die 
auf meine Bitte vor zwei Jahren ihre Exemplare 
gleichzeitig nach Berlin sandten, dass ich bei 
der Feststellung der verschiedenen Ausgaben 
einen bedeutenden Schritt vorwärts gekommen 
bin; doch sind meinen Forschungen über die 
im Auslande zerstreuten Exemplare noch nicht 
abgeschlossen. Das Endergebnis meiner Unter¬ 
suchungen wird aber nicht nur für den Spezia¬ 
listen von Wichtigkeit sein, sondern auch in 
Bezug auf die Preisschätzung der einzelnen 
Ausgaben einen Umschwung herbeifuhren. Bis¬ 
her begnügte man sich im allgemeinen, wenn 
ein Blockbuch in den Handel kam, einen ziem¬ 
lich willkürlichen Preis zwischen 9000—16000M. 
zu fordern, d. h. etwa 200—350 M. für jedes 
einzelne Blatt desselben, doch werden Exem¬ 
plare, denen eine grössere Anzahl von Seiten 




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Schreiber, Die Holztafeldrucke der Apokalypse. 


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fehlt, wesentlich geringer geschätzt Für den 
thatsächlichen Wert ist es aber natürlich von 
grosser Bedeutung, ob es sich um die Original¬ 
ausgabe oder um die so und so vielste Copie 
handelt oder ob nur ein einziges Exemplar 
der betreffenden Ausgabe erhalten ist oder ein 
Dutzend. 

Von einzelnen Blockbüchem sind zahlreiche 
Ausgaben vorhanden, von anderen hingegen 
besitzen wir nur noch ein einziges Exemplar 
oder gar nur ein Bruchstück, und wir können 
deshalb mit Sicherheit annehmen, dass noch 
manches Blockbuch existiert hat aber vollstän¬ 
dig verschwunden ist Bisher habe ich 33 Werke 
in 100 verschiedenen Ausgaben nachweisen 
können. Zumeist sind es religiöse Schriften: 
einzelne Teile der Bibel, das Leben und Lei¬ 
den Christi, die Hauptstücke der christlichen 
Lehre, Gebetbücher und Erbauungsschriften, 
Werke zu Ehren der Jungfrau Maria und Le¬ 
genden der Heiligen, sowie Todesbetrachtungen 
und Totentänze. Aber auch profane Schriften 
sind vorhanden, nämlich Planetenbücher, Ka¬ 
lender, die Lehre der Chiromantie, die Fabel 
vom kranken Löwen und ein Buch über die 
Ringerkunst 

Es ist unmöglich, hier alle diese Werke ein¬ 
gehend zu würdigen; wir müssen uns daher 
auf eine kurze Charakteristik der hauptsächlich¬ 
sten beschränken. 

Die grösste Verbreitung hat die „Ars mo- 
riendi“ (Kunst gut zu sterben) gefunden, denn 
es sind 17 verschiedene Ausgaben derselben 
auf uns gelangt Sie enthält elf Bilder, deren 
Mittelpunkt jedesmal das Bett eines Sterben¬ 
den bildet Auf fünf derselben sehen wir den 
Teufel mit seinen Gehilfen bestrebt die Seele 
des im Todeskampf Befindlichen an sich zu 
locken, während Engel auf den anderen fünf 
Darstellungen dem Scheidenden Trost bringen; 
auf dem Schlussbild ist der Sieg der Religion 
dargestellt und ein Engel nimmt die dem Leben 
entfliehende Seele in Empfang. Dass zu jener 
Zeit wo furchtbare Seuchen wüteten und nie¬ 
mand wissen konnte, wie nahe ihm seine letzte 
Stunde war, ein solches Werk ungewöhnliche 
Verbreitung finden musste, liegt auf der Hand. 

Von der „Biblia pauperum“ (Armenbibel) 
sind uns 11 Ausgaben erhalten. Dieses Werk 
enthält auf 40 Blättern die Lebens- und Lei¬ 
densgeschichte Christi und zwar in der Weise 


dass das Mittelbild immer eine Scene aus dem 
neuen Testament illustriert, die beiden Seiten¬ 
bilder hingegen solche Darstellungen aus dem 
alten Testament enthalten, welche die damalige 
Theologie als „Vorläufer“ der betreffenden 
Scene betrachtete (z. B. die Verspottung Christi 
zwischen der Verspottung Noas durch seinen 
Sohn und der Verspottung des Propheten Elisa 
durch die Knaben). Oben und unten sind Pro¬ 
phetenbilder mit Aussprüchen, die ebenfalls 
in Bezug auf das Mittelbild gedeutet wurden. 
Der Geistliche (denn unter dem Worte „Arme“ 
ist der niedere Klerus zu verstehen) brauchte 
also nur das für den betreffenden Festtag be¬ 
stimmte Blatt aufzuschlagen und hatte sofort 
das nötige Material für seine Predigt zur Hand. 

Ein ähnliches Werk ist die „Ars memorandi 
die den jungen Theologen ein mnemotechni¬ 
sches Hilfsmittel bot, sich den Hauptinhalt 
sämtlicher Kapitel der vier Evangelien einzu¬ 
prägen. In der Mitte jedes Blattes ist das 
Symbol des betreffenden Evangelisten, also 
Engel, Löwe, Stier oder Adler, zu sehen, und 
auf dessen Haupt, Flügeln, Füssen, Brust u. s. w. 
sind kleine Bilder mit den Kapitel-Ziffern an¬ 
gebracht. Das erste Blatt zum Matthäus-Evan¬ 
gelium zeigt uns daher den Engel, über dessen 
Haupt das Christkind und ein Engel mit der 
Zahl 1 schweben, als Erinnerung an das erste 
Kapitel, in welchem von der Geburt Christi 
und dem Engel, der Joseph im Traum erscheint, 
berichtet wird. Die drei Kronen auf der Brust 
mit der Ziffer 2 vergegenwärtigen die heiligen 
drei Könige aus dem zweiten Kapitel; der Tauf¬ 
stein auf dem Leib mit der Zahl 3 bedeutet 
Christi Taufe; der Teufel mit den Steinen und 
der Zahl 4 bei den Füssen erinnert an Christi 
Versuchung; das Buch mit acht Lichtem und 
der Zahl 5 in der rechten Hand des Engels 
weisen auf die Bergpredigt mit den acht Selig¬ 
preisungen und der Allegorie vom Licht der 
Welt, während das Brod in seiner Linken mit 
zwei Vögeln und der Zahl 6 die Vögel be¬ 
deutet, die nicht säen und nicht ernten und 
doch genährt werden. Auf diese Weise reprä¬ 
sentieren 15 Bilder den Hauptinhalt sämtlicher 
Evangelien. 

Von allen Blockbüchem das interessanteste 
ist aber zweifellos die Apokalypse . Abgesehen 
davon, dass die in ihr enthaltenen Visionen 
über das Ende der Welt in jenen Tagen, wo 


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Schreiber, Die Holztafeldrucke der Apokalypse. 


der Tod Jedem vor Augen stand, besonderen 
Eindruck auf das Volk machen mussten, und 
dass der mystische Text für die damalige theo¬ 
logische Geistesrichtung einen ganz besonderen 
Reiz hatte, gewährte der Inhalt des Buches 
auch dem Maler eine viel grössere Schaffens- 
freiheit als irgend eines der vorgenannten Werke. 


ftjffunttr tute 
Irans »lawnmT 
anuuurriHau 
bäumt orfotttt 
ontirarbufud 
qufoMuoie'" 



Historia S. Ioannis Evangelistae. 

Unterer linker Teil von Blatt 46 a: Johannes wird am Tempeleingang vo 
freudig erregten Menge empfangen. 

Während bei der Ars tnoriendi und der Ars 
memorandi stets das Blatt des Sterbenden oder 
die symbolische Figur des Evangelisten als 
Mittelpunkt wiederkehren, und bei der Armen¬ 
bibel jedes Blatt in derselben Anordnung und 
dem gleichen Rahmen erscheint, stellt die Offen¬ 
barung Johannis an den Künstler die Anfor¬ 
derung, den Untergang dieser Welt zu schil¬ 
dern und auf den Trümmern derselben eine 
neue entstehen zu lassen. Engel und Teufel, 


wundersame Tiere mit dämonischen Kräften, 
phantastische Reitergestalten und blasende 
Winde, Elend der Menschheit und Freuden 
des Himmels, gewaltige Städte und rauchende 
Trümmerhaufen, gläubige Christenheere und 
zuchtlose Heidenschaaren, wilde Felsenscenerie 
und tiefe Gewässer bieten dem Maler Gelegen¬ 
heit, seine volle Kraft zu entfalten. 

Einzelne Scenen der Apokalypse, 
namentlich die vierundzwanzig Alten und 
die zum jüngsten Gericht blasenden 
Engel, sind schon im V. oder VI. Jahr¬ 
hundert zum Gegenstände künstlerischer 
Darstellung gemacht worden, und seit 

r dem Vin. Jahrhundert etwa gab es bereits 
apokalyptische Bildercyklen. Auch illu¬ 
strierte Handschriften der Offenbarung 
sind seit jener Zeit in mehreren Ländern 
Europas, namentlich in Italien und 
Spanien, verbreitet gewesen, und schon 
damals bürgerten sich gewisse künst¬ 
lerische Auffassungen ein, die von allen 
Miniatoren mehr oder weniger getreu bei¬ 
behalten wurden. Eine ganz besondere 
Vorliebe für die Apokalypse bildete sich 
aber seit dem XE. Jahrhundert aus, und 
neben den zahlreichen Bilder-Hand¬ 
schriften und Fresko-, Mosaik- und Glas¬ 
gemälden fertigte man sogar Stickereien 
apokalyptischer Scenen auf Teppichen, 
wie das „inventoire des joyaulx cPor et 
cPargent etc . appartenant h MS. le duc 
de Bourgoingne" beweist, wo unter dem 
12. Juli 1420 „huit tapiz de haulte üce, 
de file cPArras, ouvrez de PApocalipse“ 
aufgefiihrt sind. 

Im XIII. Jahrhundert, und zwar wohl 
in Frankreich, entstand dann die Apo¬ 
kalypse in jener Auffassung, wie sie uns 
in den xylographischen Ausgaben vor 
Augen tritt. Sie ist nicht mehr ein rein 
biblisches Buch, sondern durch Verschmelzung 
mit zwei anderen volkstümlichen Werken, näm¬ 
lich der Legende des hl. Johannes und der 
Geschichte des Antichrists zu einem Volksbuch 
geworden, und es ist nicht undenkbar, dass sie 
in dieser Form, wie so manche andere biblische 
oder legendarische Erzählung, auch als Schau¬ 
spiel auf der damals noch völlig unter geistlicher 
Leitung stehenden Bühne aufgefiihrt wurde. 
Die sechs uns erhaltenen xylographischen 


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Schreiber, Die Holztafeldrucke der Apokalypse. 


9 


Ausgaben der Apokalypse zerfallen in drei 
Gruppen, nämlich in eine niederländische und 
zwei deutsche. Die drei niederländischen Aus¬ 
gaben enthalten dieselben Bilder mit nur ge¬ 
ringen, durch die Bequemlichkeit oder minder 
grosse Geschicklichkeit der Holzschneider ver¬ 
ursachten Abweichungen; doch sind die beiden 


Da der Text in sämtlichen Ausgaben (von 
den veränderten Abbreviaturen abgesehen) der 
gleiche ist, so eigiebt sich, dass alle drei 
Gruppen auf nur eine gemeinsame Quelle, d. h. 
eine anscheinend im XIV. Jahrhundert ange¬ 
fertigte Bilderhandschrift, zurückzuführen sind. 
Während aber die Schreiber den Wortlaut immer 



Historia S. Ioannis Evangelistae. 

Unterer rechter Teil ron Blatt 46 a: Johannes ruft die Drusiana, eine getaufte Christin, wieder in's Leben. 


letzten Ausgaben um zwei Blätter vermehrt, 
welche vier Scenen aus dem Aufenthalt des hl 
Johannes in Rom und aus dessen Verbannung 
durch Kaiser Domitian enthalten. Von den 
beiden deutschen Gruppen ist die eine meines 
Erachtens am rechten Rheinufer, etwa zwischen 
Neckar und Wupper, die andere zweifellos im 
südlichen Deutschland entstanden, und nach 
letzterer ist die sechste Ausgabe mit nur un¬ 
wesentlichen Abänderungen kopiert worden. 

Z. f. B. 


wieder getreu kopieren mussten, sodass er in der 
ursprünglichen Fassung erhalten blieb, kamen bei 
den Illustratoren ihre mehr oder minder grosse 
Handfertigkeit, die im Laufe der Zeit vor sich 
gehende Veränderung der Kostüme und Sitten, 
sowie die Entwickelung des künstlerischen Ge¬ 
schmacks zum Ausdruck, sodass der gemein¬ 
same Ursprung zwar deutlich erkennbar ist, 
aber doch wesentlich veränderte Bilder ent¬ 
standen. 


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IO 


Schreiber, Die Holzt&feldrucke der Apokalypse. 


Da nun die Holzschneider lediglich vorhan¬ 
dene Bilderhandschriften kopierten, so ist aus 
dem Stile an sich die chronologische Reihen¬ 
folge der xylographischen Ausgaben nicht fest¬ 
zustellen, sondern wir müssen uns mit der Ver¬ 
mutung begnügen, dass die erste niederländische, 
die mittelrheinische und die erste süddeutsche 
Ausgabe ziemlich gleichzeitig und zwar gegen 
1465 entstanden sind, während die drei übrigen 
Ausgaben einer etwas späteren Zeit angehören. 

Hiermit steht jedoch die Seltenheit der Aus¬ 
gaben keineswegs im Einklang. Die mittel¬ 
rheinische und die erste süddeutsche sind die 
häufigsten: von der ersteren sind gegen 20, 
von der anderen etwa 16 Exemplare vorhanden; 
dann folgen die zweite niederländische mit etwa 
9, die dritte niederländische mit 6, die zweite 
süddeutsche mit 3 und endlich die erste nieder¬ 
ländische mit nur einem Exemplar. Bemerken 
muss ich hierbei jedoch, dass ich das letztere 
infolge des vor einigen Jahren eingetretenen 
Besitzwechsels bisher nicht habe besichtigen 
können. Die Erfahrung, die ich bei anderen 
Blockbüchem gemacht habe, und die sich im 
übrigen bei der Apokalypse bestätigt, dass 
nämlich die Originalausgaben grössere Ver¬ 
breitung als ihre Kopien gefunden haben und 
uns daher in mehr Exemplaren erhalten sind 
als letztere, lässt mich Bedenken hegen, ob die 
in Rede stehende Ausgabe auch wirklich, wie 
dies bisher stets behauptet wurde, die früheste 
der niederländischen Gruppe sei. 

Mit Ausnahme der beiden niederländischen 
Ausgaben, die, wie erwähnt, um zwei Blätter 
vermehrt wurden, enthalten sämtliche Ausgaben 
48 Blätter, die jedoch bis auf 5 nochmals ge¬ 
teilt sind, so dass insgesamt 91 Scenen uns 
vor Augen geführt werden. 

Die beiden ersten Blätter illustrieren das 
Leben des Evangelisten Johannes: wir sehen 
ihn als Prediger, er tauft dann eine zum 
Christentum übergetretene Heidin, wird des¬ 
halb vor den Präfekten gebracht und schliess¬ 
lich nach Rom als Gefangener geschickt. Das 
dritte Blatt fuhrt uns die Verse 11—17 des 
ersten Kapitels der Apokalypse vor Augen, 
nämlich die Erscheinung des verklärten Men¬ 
schensohnes mit den sieben goldenen Leuch¬ 
tern und den sieben Gemeinden; das vierte 
illustriert die Offenbarung der Majestät Gottes 
mit den vier Tieren und den vierundzwanzig 


Ältesten aus dem vierten Kapitel, und das 
fünfte das Lamm mit dem versiegelten Buch 
aus dem fünften Kapitel. Drei geteilte Blätter 
sind dann dem sechsten Kapitel gewidmet: 
wir sehen die Reiter auf dem weissen, dem 
roten, dem schwarzen und dem fahlen Pferde, 
die Seelen unter dem Altar mit der Verteilung 
der weissen Kleider und das Erdbeben mit den 
vom Himmel fallenden Sternen; das folgende 
Blatt ist dir das siebente Kapitel bestimmt und 
zeigt oben die Engel mit den Winden, unten 
die lobsingenden Ältesten, Engel und Märtyrer. 
Auf das achte Kapitel sind zwei und ein halbes 
Blatt verwendet, und zwar sind die Verteilung 
der Posaunen, der Engel mit dem Räucher¬ 
becken und das Blasen der vier ersten Posau¬ 
nen dargestellt Aus dem neunten Kapitel sind 
drei Scenen illustriert: das Blasen der fünften 
Posaune, der Engel des Abgrundes mit den 
Rossen ähnlichen Heuschrecken, sowie die 
vier Engel des Euphrats, während die Tötung 
des dritten Teils der Menschheit und das Ver¬ 
bot des Niederschreibens aus dem zehnten 
Kapitel das nächste Blatt füllen. 

Das fünfzehnte Blatt bringt aus dem elften 
Kapitel die Scenen, wie Johannes das Rohr 
empfängt, und das Erscheinen der beiden Zeugen, 
und an das letztere schliessen sich auf den 
beiden nächsten Blättern vier Darstellungen an, 
die nicht der Apokalypse, sondern der Ge¬ 
schichte des Antichrists entlehnt sind. Wir 
sehen die Hinrichtung der beiden in der Bibel 
nicht genannten Zeugen, unter welchen die 
Legende aber Henoch und Elias verstand, 
ferner die Anbetung des Antichrists, die Ver¬ 
teilung von Geschenken an die Anhänger des¬ 
selben und endlich dessen Sturz durch Gottes 
Macht, worauf der Bibeltext an der unter¬ 
brochenen Stelle wieder aufgenommen und das 
elfte Kapitel mit dem Ertönen der siebenten 
Posaune und der Öffnung des Tempels Gottes 
zu Ende geführt wird. 

Sieben Scenen sind aus dem zwölften Kapitel 
geschildert, nämlich das Weib mit der Sonne 
und der siebenköpfige Drache, der Kampf 
zwischen Michael und dem Drachen, die Aus¬ 
rufung des Reiches Gottes, die Niederlage des 
Drachens, die Verteilung der Flügel an das 
Weib, die Verfolgung desselben durch den 
Drachen und der Kampf zwischen den Gläu¬ 
bigen und dem Drachen. Auf das dreizehnte 


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Schreiber, Die Holztafeldrucke der Apokalypse. 


II 


Kapitel sind sogar acht Bilder verwendet, und 
zwar sehen wir das Aufsteigen des sieben¬ 
köpfigen, leopardartigen Tieres aus dem Meere, 
wie es die Kraft von dem Drachen erhält, die 
Anbetung des Drachens, die Anbetung des 
siebenköpfigen Tieres, dessen Sieg über die 
Gläubigen, das Erscheinen des Tieres mit den 
Hömem, das Götzenbild des siebenköpfigen 
Tieres und die Verteilung des Zeichens an die 
Götzenanbeter. Dem vierzehnten Kapitel sind 
wiederum sieben Illustrationen gewidmet; sie 
stellen das Lamm mit den Ältesten, den das 
Evangelium verkündenden Engel, den Fall Baby¬ 
lons, den Zorn Gottes über die Bilder-Anbeter, 
die Seligkeit der Toten, den Menschensohn mit 
der Sichel und das Keltern der Reben dar, 
wahrend auf das fünfzehnte nur drei Bilder, 
nämlich die sieben Engel mit den Plagen, die 
Gläubigen mit den Harfen und die Verteilung 
der Schalen des Zornes, verwendet sind. 

Fünf Halb- und zwei Vollbilder, welche das 
Ausgiessen der sieben Zomesschalen durch die 
Engel und die damit für die Menschheit ver¬ 
bundenen Strafen darstellen, illustrieren das 
sechzehnte Kapitel. Den beiden folgenden Ka¬ 
piteln werden nur je zwei Darstellungen ge¬ 
widmet; sie fuhren uns das babylonische Weib 
an den Gewässern und auf dem leopardartigen 
Tiere vor Augen, ferner sehen wir das zer¬ 
störte Babylon und den Engel mit dem Mühl¬ 
stein. Auf das neunzehnte Kapitel sind hin¬ 
gegen wieder sieben Halbbilder verwendet, 
nämlich das babylonische Weib im ewigen 
Rauch, das Hochzeitsmahl des Lammes, der die 
Anbetung verwehrende Engel, der Wahrhaftige 
auf dem weissen Pferde, die das Fleisch der 
Könige fressenden Vögel, der Kampf zwischen 
den Helden des Glaubens und den Anhängern 
des leopardartigen Tieres, sowie der Sturz 
des letzteren und des falschen Propheten in 
den feurigen Pfuhl. Ebenso sind dem zwan¬ 
zigsten Kapitel fünf Illustrationen zugestanden, 
und zwar ist zunächst die Ankettung des 
Drachens und sein Verschliessen in den Ab¬ 
grund dargestellt, dann deutet ein grosses Bett 
verschämt die Unzucht Babylons an, ferner 
sehen wir die Belagerung der heiligen Stadt, 
sodann Teufel, Tier und den falschen Propheten 
im feurigen Pfuhl und endlich die Auferstehung 
der Toten. 

Aus dem einundzwanzigsten Kapitel sind 


die Erbauung des neuen Jerusalems und die 
Erscheinung des Engels dargestellt, und drei 
Bilder, nämlich der lebendige Strom bei dem 
neuen Jerusalem, der die Anbetung ablehnende 
Engel und Johannes vor dem Gekreuzigten, er¬ 
läutern das zweiundzwanzigste und letzte Ka¬ 
pitel der Apokalypse. Hieran schliessen sich 
noch fünf Scenen aus der Legende des Jo¬ 
hannes, nämlich wie er die Drusiana wieder 
zum Leben erweckt, wie er Steine in Edel¬ 
steine und Stöcke in Goldrollen verwandelt, wie 
auf sein Gebet der Tempel der Diana zusam¬ 
menstürzt, wie er zum Tode durch den Gift¬ 
becher verurteilt wird und endlich sein Tod. 

Wie die Künstler ihrer Aufgabe gerecht zu 
werden suchten, ergiebt sich aus dem beigegebe¬ 
nen colorierten Facsimile, welches uns das sech¬ 
zehnte Blatt des Werkes vor Augen führt. Es ist 
dies, wie oben erwähnt, das Blatt, das den Über¬ 
gang von der Apokalypse zu der Geschichte 
des Antichrists vermittelt. Die beiden Inschrif¬ 
ten der oberen Darstellung sind fast wörtlich 
der Apokalypse entnommen. Das linke Band 
enthält aus dem 8. und 9. Verse des 11. Kapitels 
die Worte „Et iacebunt corpora eorum in plateis 
et non sinent poni in monutnentis“ (Und ihre 
Leichname werden auf der Gasse liegen, und 
sie werden dieselben nicht lassen in Gräber 
legen), und das rechte giebt den 7. Vers wieder 
„ Cum finierint enoch et helias testimonium suum 
bestia que ascendit de abisso faciet contra eos 
bellum et vmcet illos et occidet eos“ (Wenn 
Henoch und Elias ihr Zeugnis geendet haben, 
so wird das Tier, das aus dem Abgrunde auf¬ 
steigt, mit ihnen einen Streit halten und wird 
sie überwinden und wird sie töten). Während 
also in den Text nur die Worte „enoch et 
helias“ interpolirt sind, hat sich der Maler eine 
weitergehende Freiheit gestattet und statt des 
aus dem Abgrunde steigenden Tieres den Anti¬ 
christ, der durch seine Henker die beiden Zeugen 
hinrichten lässt, dargestellt — Das untere Bild 
hingegen gehört völlig der Geschichte des Anti¬ 
christs an. Der Inschrift „Hic facit antichristus 
miracula sua et credentes in ipsum honorat et 
non credentes variis interficit penis “ (Hier ver¬ 
richtet der Antichrist seine Wunder und ehrt 
die an ihn Glaubenden, während er die Nicht- 
gläubigen durch verschiedene Strafen umbringt) 
entsprechend, sehen wir links die Hinrichtung 
von Christen und in der Mitte zwei den Antichrist 


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12 


Schreiber, Die Holztafeldrucke der Apokalypse. 


anbetende Leute, dagegen erinnern uns die 
beiden rechts stehenden Bäume an den 
4. Vers des 11. Kapitels der Apokalypse „Diese 
sind die zwei ölbäume und zwei Fackeln“. 

Die hier gegebene Beschreibung des Blattes 
passt auf sämtliche sechs Ausgaben. Wollen 
wir die einzelnen Gruppen von einander unter¬ 
scheiden, so würden folgende nähere Angaben 
nötig sein. Bei der niederländischen Gruppe 
trägt auf der oberen Darstellung der dem Anti¬ 
christ zunächst stehende Henker nur ein Schwert, 
bei der mittelrheinischen (der abgebildeten) hält 
derselbe jedoch ein Schwert in jeder Hand; 
bei der süddeutschen ist das gleiche der Fall, 
während aber bei der vorigen die Augen der 
Hingerichteten nicht verbunden sind, sind sie 
auf letzterer durch eine Binde verhüllt Um 
jedoch die einzelnen Ausgaben der verschiedenen 
Gruppen unterscheiden zu können, bedarf es 
noch folgenden Zusatzes: Die erste niederlän¬ 
dische Ausgabe hat keine Signaturen (darunter 
versteht man die Bezeichnung der Blätter durch 
die einzelnen Buchstaben des Alphabets, während 
heute die Bezeichnung der Seiten durch fort¬ 
laufende Zahlen üblich ist), das vorliegende 
Blatt trägt in der zweiten Ausgabe die Signa¬ 
tur £, in der dritten Ausgabe die Signatur L 
Bei der mittelrheinischen und der ersten süd¬ 
deutschen Ausgabe trägt das gegenüberstehende 
Blatt die Signatur bei der zweiten süddeut¬ 
schen Ausgabe ist auf dem vorliegenden Blatt 
die Signatur 4 B. 

Das beigefiigte Kunstblatt ist, wie gesagt, 
nach der mittelrheinischen Ausgabe reproduciert 
und zwar nach einem Exemplar, das sich in der 
Freiherrlich von Lipperheide’schen Bibliothek in 
Berlin befindet, deren im Erscheinen begriffenen 
Katalog auch die beiden andern Illustrationen mit 
Erlaubnis des Herrn Besitzers entnommen sind. 
Das genannte Exemplar hat nicht nur den Vor¬ 
zug vollständig zu sein, sondern auch der ersten 
Auflage anzugehören. In der ursprünglichen 
Bilderhandschrift muss nämlich dem Illustrator 
das Versehen untergelaufen sein, das im 5. Verse 
des 6. Kapitels der Apokalypse erwähnte Pferd 
als ein weisses zu bezeichnen, während es 
schwarz sein muss. Dieser Irrtum ist in die 
Blockbuch-Ausgaben übergegangen, und die 
niederländischen haben sämtlich die Inschrift 
„equus palUdus ypocrisis est“ Bei der mittel¬ 
rheinischen Ausgabe war der Fehler wohl 


gleich nach der Fertigstellung des Holzschnittes 
entdeckt und das falsche Wort aus der Platte 
entfernt worden, so dass die Inschrift nunmehr 
„equus —ypocrisis esf ‘ lautet In dieser Form 
finden wir dieselbe ausser in dem Lipper- 
heide’schen nur noch in wenigen Exemplaren, 
denn sehr bald wurde auch der Rest der ver¬ 
stümmelten Inschrift aus der Holztafel entfernt, 
so dass die meisten Exemplare an jener Stelle 
überhaupt keinen Text, sondern nur eine leere 
Fläche haben. Die beiden süddeutschen Aus¬ 
gaben zeigen hingegen in allen uns erhaltenen 
Exemplaren die unvollständige Lesart „equus 
ypocrisis est / 4 — Hierbei mag auch erwähnt 
werden, dass die Reihenfolge der Blätter in 
den verschiedenen Ausgaben nicht überein¬ 
stimmt, was dadurch zu erklären ist, dass man 
bis weit in das XV. Jahrhundert hinein die ein¬ 
zelnen Seiten eines Buches noch nicht mit 
Signaturen zu bezeichnen pflegte, so dass bei dem 
Einbinden der Bilderhandschriften sehr leicht 
Irrtümer unterlaufen konnten, die sich dann un- 
entdeckt auf die Blockbücher übertrugen. In 
dieser Beziehung sind die deutschen Ausgaben 
wesentlich richtiger als die niederländischen. 

Sämtliche sehs Ausgaben zeigen die pri¬ 
mitive Stufe des Holzschnittes, die sich gleich 
der ursprünglichen Federzeichnung auf die 
Wiedergabe der Konturen beschränkt, eine 
weitere Modellierung, wie sie sich durch Schraf¬ 
fierung erreichen lässt, aber noch nicht kennt, 
sondern auf das Kolorieren mit bunten Farben 
rechnet. Diese hat denn auch bei fast allen 
Exemplaren der verschiedenen deutschen Aus¬ 
gaben stattgefunden; bei den niederländischen 
Exemplaren ist dies jedoch weniger der Fall, 
da die dortige Kunst die Konturen schärfer als 
die deutsche wiederzugeben vermochte und da¬ 
her eher auf die Bemalung Verzicht leisten konnte. 

Dass die Blockbuchausgaben der Apoka¬ 
lypse nicht nur von der Geistlichkeit, sondern 
auch von Laien gern gekauft wurden, beweisen 
uns mehrere Exemplare, denen eine handschrift¬ 
liche Übersetzung in deutscher Sprache bei¬ 
gefügt ist 

Eine wesentliche Änderung erfuhr die Illu¬ 
stration der Apokalypse durch das Erscheinen 
der typographischen Bilder-Bibeln. Hier konn¬ 
ten die einzelnen Scenen nicht ebenso ausführlich 
illustriert werden, als dies bis dahin möglich 
gewesen war, sondern die unbedeutenderen 


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sondern auf das Kolorieren mit bunten Färb, n 
rechnet. Diese hat denn auch bei fast a.iun 
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gaben stattgefunden; bei den nieder;«.ndisehen 
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die deutsche wiederzugeben vermochte und da¬ 
her eher auf die Bemalung Verzicht leisten konnte. 

Dass die Blockbuchausgaben der Apoka¬ 
lypse nicht nur von der Geistlichkeit, sondern 
auch von Laien gern gekauft wurden, beweisen 
uns mehrere Exemplare, denen eine handschrift¬ 
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gefugt ist. 

Eine wesentliche Änderung erfuhr die Blu¬ 
stration der Apokalypse durch das Erscheinen 
der typographischen Bilder-Bibeln. Hier konn¬ 
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Lichtwark, Der Bucheinband. 


13 


Scenen mussten fortgelassen, die wichtigeren 
hingegen zusammengefasst werden. Vorbildlich 
wirkte in dieser Beziehung namentlich die erste 
niederdeutsche Bibel, welche wahrscheinlich 
1479 bei Heinrich Quentel in Cöln erschien. Von 
dieser wurde auch Albrecht Dürer beeinflusst, 
der 1498 als sein erstes Meisterwerk „Die heim¬ 
liche Offenbarung Johannis 44 veröffentlichte. Auf 
15 Bildern drängte er jene Scenen zusammen, zu 
deren Bewältigung seine Vorgänger 91 Illustra¬ 
tionen gebraucht hatten. 


Es war die letzte bedeutsame Ausgabe dieses 
geheimnisvollsten aller Bücher. Wohl sind apo¬ 
kalyptische Scenen auch noch in den folgenden 
Jahrhunderten zum Gegenstände künstlerischen 
Schaffens gewählt worden, aber sie erreichten 
weder die schlichte Einfachheit der Blockbücher, 
noch die kraftvolle und dabei doch so kindlich¬ 
naive Auffassung des Nürnberger Meisters. Die 
Apokalypse war eben ein Lieblingsbuch des 
Mittelalters, und mit dessen Ende hatte es für 
weitere Kreise seine Bedeutung verloren. 




Der Bucheinband.* 


Von 

Alfred Lichtwark in Hamburg. 



er Deutsche liebt das Buch nicht 

I mehr. Er gesteht es zwar nicht gern 
zu, und wenn es behauptet wird, 
pflegt er zu protestieren. 

Aber wenn die Bücher in Deutschland ge¬ 
liebt würden, wie bei unsem Nachbarn, würden 
wir sie dann nicht geschmackvoller ausstatten 
in Lettern und Papier? Würden wir reiche 
Häuser mit allem Luxus finden, in denen die 
Bibliothek mit einigen Dutzend üblicher Klassiker 
in Calicot mit wilder Goldpressung vertreten ist? 

Nicht immer war es so. Vor hundert 
Jahren, als wir ein armes Volk waren, wurde 
das Buch anders behandelt Freilich besassen 
wir damals litterarische Interessen, die tiefer 
und weiter gingen als heute. 

Deutsche Privatbibliotheken, soweit sie über¬ 
haupt vorhanden sind, pflegen schlecht ge¬ 
bunden zu sein. Wie gering im Allgemeinen 
das Verständnis für die Freude ist, die der 
Bücherliebhaber auch am Einband hat, davon 
wissen die wenigen Bücherfreunde ein Lied zu 
singen. Achselzucken und Kopfschütteln sind 
noch die mildesten Formen, in denen sich die 
tiefe Missbilligung zu äussem pflegt. 


Freilich haben die letzten Jahrzehnte schon 
einige Besserung gebracht. Unsere Buchbinder 
vermögen höheren Anforderungen zu genügen, 
und der Einband wird von zahlreichen Lieb¬ 
habern schon nicht mehr als eine Sache der 
blossen Bestellung angesehen, sondern als ein 
Feld eigenen Studiums und selbständiger Ueber- 
legung. 

Deshalb erschien es der Gesellschaft Ham- 
burgischer Kunstfreunde wichtig, diesen Bücher¬ 
freunden die kostbaren Drucke ihrer Liebhaber¬ 
bibliothek zur Verfügung zu stellen, und in ihren 
Jahresausstellungen dürfte der Liebhabereinband 
künftig einen hervorragenden Platz einnehmen. 

In den Sitzungen des vergangenen Jahres 
ist die Einbandfrage wiederholt erörtert, und 
bei der Betrachtung alter und moderner Muster¬ 
leistungen ist die Möglichkeit erwogen worden, 
wie weit der Liebhaber sich aus Eigenem am 
Schmuck seiner Bibliothek zu beteiligen vermag. 

In den meisten Fällen wird ein eingehendes 
Studium der Werke älterer Zeit die Grundlage 
und den Ausgangspunkt neuer Versuche bilden. 


* Wir werden in einem der nächsten Hefte einen ausführlichen illustrierten Beitrag über Bucheinbände bringen 
und geben als Einführung in das Thema den kurzen Aufsatz Professor Xichtwarks aus der als Manuscript gedruckten 
Zeitschrift der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde wieder, den uns der Herr Verfasser zur Verfügung gestellt hat. 
Auch auf die grossen Verdienste, die sich Professor Lichtwark grade auf dem Gebiete der künstlerischen Buchaus¬ 
stattung durch seine Anregungen erworben hat, werden wir noch eingehender zurückkommen. D. R. 


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14 


Lichtwark, Der Bucheinband. 


Der Bucheinband in der dekorativen Ge¬ 
stalt, die wir heute anstreben, existiert eigent¬ 
lich erst seit dem siebzehnten und gehört in 
seiner folgerichtigen Durchbildung sogar wesent¬ 
lich dem achtzehnten und dem Anfänge unseres 
Jahrhunderts an. 

Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst 
war das Buch ein Individuum. Es wurde einzeln 
auf Pulte ausgelegt Seiner Kostbarkeit ge¬ 
mäss wurde es reich geschmückt Es kam 
dabei in Betracht, dass es bei seiner Grösse 
fast noch zu den Mobilien zählte; manche 
Bücher waren so umfangreich, dass sie sich 
kaum aufheben Hessen, oft lagen sie noch oben¬ 
drein angekettet Somit bot für den Schmuck 
wesentlich nur der obere Deckel Raum, den 
man mit metallenen Beschlägen, oft mit Elfen¬ 
beineinlagen, getriebenen Reliefs oder edlen 
Steinen schmückte. Die Empfindlichkeit der 
Pergamentblätter gegen den wechselndenFeuch- 
tigkeitsgehalt der Luft machte eine Verbindung 
der schweren Deckel durchKlammem notwendig, 
die lange Zeit auch bei gedruckten Büchern, wo 
sie nicht nötig sind, aus alter Gewohnheit bei¬ 
behalten wurden und heute noch den Gebet- und 
Gesangbüchern einen altertümlichen Anstrich 
geben. Der untere Deckel wurde zur Zeit des 
geschriebenen Buches nur bei den kleinen Ge¬ 
betbüchern geschmückt, die man bei sich trug. 

Als die Buchdruckerkunst wirkliche Bibliothe¬ 
ken im modernen Sinne möglich machte, änderte 
sich die dekorative Behandlung des Buches, das 
jetzt nicht mehr einzeln ausgelegt, sondern auf 
Borten in Reih und Glied aufgestellt wurde. 

Nun trat der Rücken als der für die De¬ 
koration wichtigste Teil an die Stelle des 
Deckels. Aber sehr langsam gelangte man 
dazu, die volle Consequenz aus der Veränderung 
zu ziehen,* eigentlich erst im achtzehnten Jahr¬ 
hundert, wo man zuerst die Fläche eines mit 
Büchern bestellten Regals als dekorative Ein¬ 
heit zusammenfassen lernte. Bei vielbändigen 
Werken wurde dabei dasselbe Princip zur 
Geltung gebracht, das in der preussischen 
Uniform zur Verwendung der durchgehenden 
Querteilung vermittelst Achselklappen und 
Gürtel gleicher Farbe geführt hat Auf dem 
Buchrücken erschienen für Titel und Bandzahl 
die eingelegten Lederschilder in kontrastieren¬ 
der Farbe, meist dunkler als der Grund. 


Oft wurde für eine ganze Bibliothek ein und 
derselbe Einbandtypus durchgeführt, was un¬ 
leugbar von höchstem dekorativem Wert ist, 
da es eine herrliche ruhige Fläche ergiebt. 

Am reichsten entwickelte sich die Behand¬ 
lung des Buchrückens gegen Ende des ver¬ 
gangenen Jahrhunderts und zu Anfang des 
unsem. Die Vergoldung wurde energischer, 
der Ton des Leders heller — am köstlichsten 
wirkte das helle Kalbleder mit reicher, starker 
Vergoldung — die Farbe der Schilder wurde 
mit grösstem Raffinement abgestimmt. Das 
dekorative Ziel war die Herstellung einer hellen, 
lichten, goldig wirkenden Bücherwand. 

Wenn wir uns für unsere Bibliotheken nach 
liebenswürdigen Vorbildern umsehen, finden 
wir sie hier. Vor allem können wir den obersten 
Grundsatz lernen, dass das dunkle Leder zu 
vermeiden ist Vornehmeres als gelbes Kalb¬ 
leder mit reicher Vergoldung und Schildern in 
Türkisblau, in zartem Rot oder Grün lässt sich 
nicht denken. Die Wahl der Farben fordert 
ein eigenes Studium. Hier kann der Liebhaber 
auf die Leistungsfähigkeit der Lederfabrikation 
von grossem Einfluss werden. 

In den Sitzungen der Gesellschaft Hambur- 
gischer Kunstfreunde sind diese Fragen oft ver¬ 
handelt worden. 

Es ist dabei der Wunsch aufgetaucht, neue 
Filete für den Buchbinder zu entwerfen. Die 
ersten Versuche sind schon recht erfreulich 
ausgefallen. Wahrscheinlich wird die Ham- 
burgische Liebhaber-Bibliothek Anlass geben, 
auf diesem Gebiete weitgehende Versuche an¬ 
zustellen. In ähnlicher Weise wie bei der Buch¬ 
ausstattung dürfte es sich empfehlen, Natur¬ 
formen für den Entwurf von Rosetten oder 
Zweigen zu verwenden. Es ist kein zu hoch 
gestecktes Ziel für den Bücherfreund, dass er 
sich den ornamentalen Schmuck seiner Einbände 
selber entwerfen lernt. Ein Sicheres giebt es: 
dass der Bücherliebhaber bei uns wie in Eng¬ 
land selber Buchbinder wird und mit seinem 
Geschmack, seinem Können, seiner Hingabe 
neue Typen schafft. Aber dazu müssen bei uns 
noch manches Vorurteil und Missverständnis 
über den Haufen gerannt, mancher Blindheit 
der Staar gestochen werden. 


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Etwas über Ex-Libris. 

Von 

K. E. Graf zu Leiningen-Westerburg in München. 



H if besondere Einladung des Herrn 
Herausgebers ergreife auch ich das 
Wort, um Einiges über ein Thema mit¬ 
zuteilen, das zwar nicht in erster Linie die 
Bibliophilie selbst betrifft, aber doch unbedingt 
eng mit ihr zusammenhängt 

Wer seine Bücher lieb hat — und das ist so¬ 
wohl vom allgemeineren Büchersammler als auch 
von dem anzunehmen, welcher sich eine eigene 
Handbibliothek zum eingehenderen Spezialstu¬ 
dium anlegte — der wird nach gutem altem 
Beispiele auch seine Lieblinge in ein hübsches 
Gewand kleiden, wie wir dies in Deutschland und 
Frankreich im XVI. und XVII. Jahrhundert be¬ 
sonders wahmehmen können. Unsere deutschen 
schweinsledernen Folianten mit ihren Ornament-, 
Wappen- und Monogrammpressungen, sowie 
die oft wertvollen reliures der Franzosen be¬ 
weisen, dass man auch dem Einbande eines 
inhaltlich kostbaren und daher werten Buches 
hohe Beachtung schenkte — eine lobenswerte 
Sitte, die heute erfreulicherweise allmälig wieder 
mehr in Aufnahme kommt und noch mehr 
nachgeahmt zu werden verdient 

Was man aber lieb hat, das „sichert“ man 
sich auch so gut als möglich, auf dass es einem 
nicht durch böse Absicht (Büchermarder) oder 
Nachlässigkeit Anderer geraubt wird und ver¬ 
loren geht Die Sitte des Mittelalters, die 
seltenen, mit der Hand geschriebenen und 
miniaturengeschmückten Folianten an Ketten 
zu hängen und in der Bibliothek anzuschmieden, 
geht heute freilich nicht mehr gut an. Diese 
Sitte verlor sich allmälig von selbst, als die 
Buchdruckerkunst erfunden und dadurch eine 
gleichzeitige Herstellung von Büchern in grösserer 
Anzahl ermöglicht wurde. 

Eine der vielen Folgen der neuerfundenen 
„schwarzen“ Gutenberg’schen Kunst diente als¬ 
bald auch der Sicherung der Bücher. Hatte 
man bis dahin in bessere Werke das Familien¬ 
oder Klosterwappen mehr oder minder kunst¬ 
voll mit der Hand eingemalt, um den Besitz 
an jenen zu dokumentieren, so griff man nun 
schleunigst die maschinelle Vervielfaltigungs- 
kunst auf, um sich dieselbe nutzbar zu machen. 


Im Lande der Erfindungen, in Deutschland, 
stellte man bereits im XV. Jahrhundert, ioo 
Jahre vor andern Ländern, Abdrücke von Holz¬ 
stöcken her, die man meistens mit dem Wappen 
und dem Namen des Buchbesitzers versah und 
in die Innenseite der Buchdeckel einklebte. 
Wir finden solche Holzschnitte, bemalt und 
unbemalt, als Eigentumsblätter vorherrschend 
im inneren Vorderdeckel, manchmal auch 
im Rückdeckel, ab und zu auch in beiden zu¬ 
sammen. 

Diese Sitte war unbedingt praktisch und 
entsprang einem wirklichen Bedürfnis; sie ist 
zurückzufiihren nicht bloss auf einen gewissen, 
damals wegen des höheren Preises noch mehr 
berechtigten Stolz, dies oder jenes Werk sein 
eigen zu nennen; es lag auch, da viele dem 
Willibald Pirckheimerischen Grundsätze „Sibi et 
amicis“ huldigten, das thatsächliche Bedürfnis 
nahe, beim Verleihen eines Buches den eigent¬ 
lichen Besitzer desselben in diesem zu nennen 
und so den säumigen Entleiher beim Öffnen 
des Buchs an die Zurückgabe an dessen Herrn 
zu mahnen; auch vergesslichen Gemütern gegen¬ 
über oder bei Diebstählen oder nach Todes¬ 
fällen erwies es sich als nützlich, aus dem 
Inneren eines Werkes den Besitzer desselben 
leicht ermitteln zu können. Wanderten doch 
seltenere Folianten oder ausländische, schwerer 
anzuschaffende Bücher oft von einem Gelehrten 
zum andern; es sei ferner daran erinnert, dass 
auch Klöster sich oft gegenseitig mit Büchern 
zum Studium Einzelner oder zum Zwecke des 
Kopierens aushalfen — kurz, immer lag für 
den Besitzer der sehr berechtigte Wunsch nahe, 
seinen verliehenen Schatz wieder in die eigene 
Büchersammlung zurückkehren zu sehen. 

Dies führte zur Erfindung und zum ausge¬ 
breiteten Gebrauch der Bibliothekzeichen , die 
nunmehr seit über 4c» Jahren in ausgedehnter 
Benutzung stehen. Sie haben Stil und Mode 
mitgemacht, haben alle Vervielfaltigungsmetho- 
den, den Holzschnitt, Kupferstich, Stahlstich, 
die Lithographie und Zinkographie benützt und 
den kleinen bescheidenen Meister wie den 
Kleinmeister, den Dilettanten wie den Künstler 


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Graf zu Leiningen-Westerburg, Etwas über Ex-Libris. 


zu ihrem Dienste herangezogen. Dass in diesem 
Material ein gutes Stück Kultur- und Kunst¬ 
geschichte steckt, ist einleuchtend und von der 
Alles sichtenden Neuzeit auch anerkannt wor¬ 
den. Dies beweisen in erster Linie die Bibliothek - 
zeichen-Sammlungeni welche, abgesehen von 
einer vereinzelten um 1750 angelegten irischen 
Kollektion, seit etwa 50 Jahren zuerst in Deutsch¬ 
land, dann in England und Frankreich, hierauf 
wieder in Deutschland und nun auch in Ame¬ 
rika, Italien, Schweden, Russland u. s. w. nicht 
nur seitens Privater, sondern auch von staat¬ 
lichen Bibliotheken und 
Museen angelegt worden 
sind, von denen an Zahl 
die englischen, an innerem 
Kunstwert aber die deut¬ 
schen Sammlungen die 
erste Stelle einnehmen. 1 
Einzelne derselben sind 
die reinsten Holzschnitt- 
und Kupferstichkabinete, 
oft von hohem Kunst- und 
pekuniärem Werte, sowie 
von historisch-biographi¬ 
schem und heraldisch- 
genealogischem Interesse 
und enthalten zahlreiche 
Unica, die ohne die An¬ 
legung solcher Spezial¬ 
sammlungen nutzlos zu 
Grunde gegangen wären. 

Diese Sammlungen dienen 
zumeist nicht bloss einer 
mehregoistischenSammel- 
leidenschaft, sondern sie 
sind auch von grosser 
Bedeutung für die Kunstgeschichte, da sie 
reiches Material zum Studium von Technik und 
Stil bieten, den Lernenden unterstützen und 
den Kunstjünger und seinen Kunstsinn anregen 
und belehren. 

Ein anderer Beweis der Wertschätzung der 
Bibliothekzeichen und eine Folge der nur solche 
enthaltenden Sammlungen ist das Entstehen 
der ad hoc gegründeten Vereine , zuerst in 
England (1890), dann in Deutschland (1891), 
Frankreich (1893) und Amerika (1896), die alle 


zusammen heute eine Mitgliederzahl von etwa 
900 Personen und Anstalten aufweisen. 

Als weitere Beweise für die Beachtung, 
welche man den wieder zu Ehren gekommenen 
Bibliothekzeichen schenkt, kann man die be¬ 
reits umfangreiche, nur dieses Thema behan¬ 
delnde Litteratur nennen, die namentlich in 
Deutschland schon mehrere stattliche Pracht¬ 
werke, sowie kleinere bilderreiche Monographien 
gezeitigt hat, welche Zeichnern und Historikern 
wertvolle Muster und Nachschlagewerke ver¬ 
schafft haben* — sowie den Umstand, dass 
Zeichnungen zuBibliothek- 
zeichen oder solche selbst 
schon auf den meisten 
deutschen Kunst- und Ge¬ 
werbeausstellungen von 
1895 und 1896 zu sehen 
waren. Eine ständige 
Ausstellunghauptsächlich 
alter Bibliothekzeichen 
besitzt sogar die kgl. 
Hof- und Staatsbibliothek 
München, welche richtig 
erkannte, dass Bibliothek¬ 
zeichen auch zu einer 
Bibliothek hinzugehören, 
und dass sie grossen 
historischen und künst¬ 
lerischen Wert besitzen. 

Die über den grössten 
Teil der Welt verbreitete 
Kunde und Erforschung 
der Bibliothekzeichen 
(nicht zu verwechseln mit 
den in die Buch- 7 i/V 7 - 
blätter eingedruckten 
„Buchdruckersigneten“ oder „Buchdrucker¬ 
zeichen“) brachte es mit sich, dass auch ein im 
internationalen Verkehr üblich gewordener Aus¬ 
druck, der Name „Ex-Libris“, gebräuchlich wurde. 

Für uns Deutsche ist und bleibt der rich¬ 
tigste Ausdruck „Bibliothekzeichen“, das Zeichen 
der eigenen grossen oder kleinen Bibliothek, 
womit man die, alle in eine solche gehörenden 
Bücher mit einem gemeinsamen Zeichen kenn¬ 
zeichnete. Man findet auch noch „Bücherei¬ 
zeichen“, das einer Übersetzung gleichkommt, 



Bibliothekzeichen des Dr. George Meyer. 
Entworfen und gezeichnet von P. Voigt 


x Die grösste Sammlung des Kontinents, mit nun 11100 Stück von ca. 1460—1897, gehört dem Verfasser 
dieser Zeilen. 

* Siebe darüber „Buchgewerbeblatt“ 1895, IU, Heft 8, Seite 186. 


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Graf za Leiningen-Westerbarg, Etwas über Ex-Libris. 


1 7 


„Büchermarke“, das gut deutsch und gleich¬ 
berechtigt ist, und „Bücherzeichen“ das minder 
prägnant ist, da es erfahrungsgemäss oft mit 
dem naheliegenden „Buch“-, Lese- oder Merk¬ 
zeichen verwechselt wird, 

„Bibliothekzeichen“ ist auch insofern der 
historische Ausdruck dafür, als wir ihn genau 
übersetzt lateinisch schon im vorigen Jahrhundert 
als „signum bi- 
bliothecae“ und 
1840 deutsch 
als „Bibliothek- 
zeicheji“ vor¬ 
finden ; ferner 
ist es auch der 
in der deut¬ 
schen Ex-libris- 
Uttevatur zuerst 
(von H. Lem- 
pertz sen.) 1853 
gebrauchte, also 
historisch ge¬ 
nügend festge- 
stellteAusdruclc 
Wir finden ihn 
von Ex-libris- 
Schriftstellem 
wie in Kunst¬ 
werken und Ver¬ 
kaufskatalogen 
neben dem Aus¬ 
druck „Ex-Lib¬ 
ris“ angewen¬ 
det, und so wird 
er auch das 
richtigste Wort 
bleiben, solange 
wir von öffent¬ 
lichen, Staats¬ 
und Privat-Bibli- 
otheken“ reden. 

Die Worte „Ex Libris“ stammen daher, dass 
auf sehr vielen solcher den Besitz anzeigenden 
Blätter der Text mit den Worten „Ex libris“ — 
„aus den Büchern, aus der Bibliothek des .. 
beginnt; so ist dieser anfangs namentlich von 
Händlern angewendete Ausdruck allmälig immer 
mehr üblich geworden; er wird jetzt, wie er¬ 
wähnt, im internationalen Sprach- und Handels¬ 
verkehr überwiegend gebraucht und ist in die 
Titel der vier Ex-libris-Vereine übergegangen.— 
Z. C B. 


Der Engländer sagt noch nebenbei book- 
plates, der Franzose marques de possession, 
der Holländer boekmerkteeken. 

In der ersten Zeit bis zum Ende des 
XVD. Jahrhunderts finden wir fast durchweg 
das Wappen der Person, der Familie oder des 
Klosters auf dem Eignerzeichen abgebildet, zu¬ 
gleich fast immer mit dem Namen, manchmal 

auch das Por¬ 
trait; im XVni. 
Jahrhundert be¬ 
gegnet man 
neben denWap- 
pen vielfach al¬ 
legorischen und 
symbolischen 
Darstellungen, 
kleinen Genre¬ 
bildchen ähn¬ 
lich , ebenso 
noch im Beginn 
des XIX. Jahr¬ 
hunderts. Was 
den Geschmack 
in der Darstel¬ 
lung anbelangt, 
so steht das 
XV. und XVI. 
JahrhundertCna- 
mentlich Nürn¬ 
berg) mit seiner 
Gothik und Re¬ 
naissance oben¬ 
an, das XVÜ. 
hat noch viel 
Gutes,das XVin. 
weist zwar oft 
zierliches Roko¬ 
ko, aber auch 
überschwäng- 
licheGeschmack- 
losigkeiten auf; der Beginn des XIX. bringt 
überwiegend zopfiges, steifes Machwerk, eine 
flotte oder schöne Zeichnung sieht man fast 
nicht mehr, und erst die Zeit nach 1871 brachte 
wieder bessere Blätter mit ästhetisch schönen 
Zeichnungen, ja stellenweise mit kleinen Kunst¬ 
werken hervor. 

Man wendet auch heute noch bei Adeligen 
und Bürgerlichen, bei Staats-, Stadt- oder 
Klosterbibliotheken gern das betreffende Wappen 

3 



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Graf zd Leiningen-Westerburg, Etwas über Ex-Libris. 


an, aber daneben finden wir Bibliothek¬ 
oder Zimmeransichten, Landschaften, symbo¬ 
lische Zeichnungen, Allegorien, Portraits — 
kurz, all das vereinigt und zu gleicher Zeit, 
was frühere Jahrhunderte einzeln oder vor¬ 
wiegend nur zu gewissen Perioden anwendeten. 
Der individuelle Geschmack ist heutzutage die 
Hauptsache, und es ist mit Recht mit der domi¬ 
nierenden Vorherrschaft der stets sklavisch 
nachgebildeten „Schablone“ gebrochen worden. 

Die Herstellungsverfahren unserer Ex-Libris 
entsprechen dem Fortgang der Techniken. 
Zuerst herrschte der Holzschnitt, der meist 
ein kräftiges Bild abgab, dann kam der Kupfer¬ 
stich, der mehr Feinheit ermöglichte. Der 
einfache Lettern-Buchdruck ging nebenher; 
es folgte in unserem Jahrhundert der Stein¬ 
druck, und heutzutage wirken ausser dem auch 
jetzt noch ausgeübten Holzschnitt und Kupfer¬ 
stich die Radierung, die Zinkographie und 
Chromolithographie u. s.w. an der Herstellung 
der Bibliothekzeichen mit. 

Betrachten wir noch die Verfertiger der 
ebenso nützlichen, wie oft schönen Eigentums¬ 
marken, so sind die ersten aus dem XV. und 
XVI. Jahrhundert vielfach unbekannt geblieben; 
aber im XVI. tauchen auch in der Ex-libris- 
Kleinkunst schon Namen auf, vor denen man 
in der Neuzeit noch den Hut tief abnimmt. Ein 
Dürer hat allein ca. 20 Ex-Libris gezeichnet, 
Burgkmair, B. und H. S. Beham, Holbein, Cranach 
haben es ganz natürlich gefunden, dass sie 
ihre Kunst auch der Ex-libris-Zeichnung wid¬ 
meten, und nicht wenige Blätter von unseren 
deutschen Kleinmeistem, die man früher ein¬ 
fach als „Wappen“ ansah und ansprach, sind 
oft ausschliesslich nichts anderes gewesen, als 
die zur Sicherung und zum Schmucke des 
Eigentums bestellten und verwendeten Biblio¬ 
thekzeichen. Altmeister Goethe hat sogar zwei 
Ex-Libris selbst radiert! 

Gehen wir zur neusten Zeit über, so finden 
wir die erfreuliche Thatsache, dass auch heute 
endlich wieder bedeutende Künstler das Biblio¬ 
thekzeichen nicht für ein zu kleines und un¬ 
scheinbares Ding ansehen, sondern gerade einem 
so wenig umfangreichen Werkchen gern ihre 
Liebe und ihren Fleiss widmen. Auf geringem 
Raum etwas Schönes und Geschmackvolles, 
ohne Überladung, ohne das leidige „Zuviel“ 
zu vereinigen, ist eine nicht immer leichte 


Aufgabe. Mit den Wünschen des Bestellers 
verbindet sich nicht immer der Geschmack; da 
ist es eine manchmal schwierige, aber um so 
mehr dankbare Aufgabe für den Künstler, die 
„Masse“ zu sichten, ein harmonisches Ganzes 
zu schaffen und doch dabei noch seine eigene 
Individualität zur Geltung zu bringen. 

Obenan steht Max Klinger, von dessen Hand 
bereits acht Bibliothekzeichen herrühren, und von 
dem man noch mehr erhoffen kann; die deutsche 
Ex-Libris-Zeitschrift hat in ihrer Januamummer 
eine besondere Abhandlung über dessen Ex- 
Libris-Radierungen gebracht Dann nennen wir 
folgende Namen: Professor E. Döpler d. J., 
Professor Ad. M. Hildebrandt, C. L. Becker, 
Gg. Otto, Fr. Stassen, Frl. M. Wichmann, Frl. 
A. Kessler, E. Zellner, J. Sattler, alle in Berlin; 
O. Hupp in Schleissheim; P. Halm, M. Gube, 
O. Greiner, C. Rickelt, M. J. Gradl, A. v. Dachen¬ 
hausen, Fr. Erler, Th. Niemeyer, Fr. Burger in 
München; Ed. Lor. Meyer, O. Schwindrazheim, 
Rob. Bauer, M. Droege, Fr. Dr. Schramm, Fr. 
Engel-Reimers in Hamburg; H. Thoma, Frl. B. 
Bagge, Professor Luthmer in Frankfurt a. M.; C. 
Spindler in Strassburg i. E.; Joh. Gehrts in Düssel¬ 
dorf; H. Vogeler in Worpswede; Fr. L. Burger 
in Leipzig; L. Kühn, Professor K. Hammer in 
Nürnberg; G. A. Kloss in Stuttgart; CI. Kissel 
in Mainz; W. Schulte vom Brühl in Wiesbaden; 
E. Freihr. v. Hausen in Königstein; Fr. El. v. 
Bülow in Güstrow; E.Volckmann in Rostock; 
G. Heil und W. Caspari in Weimar; M. M. v. 
Weittenhiller und E. Krahl in Wien; Chr. Bühler, 
R. Münger in Bern; E. Gerster in Basel u. s. w. 
Damit sind aber noch lange nicht alle Namen 
der hervorragenderen Ex-Libris-Zeichner er¬ 
schöpft. Ausser auf Hupp, Döpler und Hilde¬ 
brandt, die speziell Meister in der Heraldik 
sind, und C. L. Becker, der ein eminenter 
Kupferstecher ist, möchte ich nur noch auf 
einige andere „Specialisten“ hinweisen, welche 
denjenigen empfohlen seien, die sich, der guten 
alten Sitte folgend, auch ein eigenes Bibliothek¬ 
zeichen beilegen wollen und daher auf der 
Suche nach einem Zeichner sind. Als solche 
empfehle ich angelegentlich W. Behrens in 
Cassel und Julius Maess in Friedenau bei Berlin, 
welche ausser in anderen Stilarten Beide be¬ 
sonders im Rokoko {Damen- Ex-Libris!) ganz Her¬ 
vorragendes und Feines leisten; ferner seien ge¬ 
nannt P. VoigtinBerlin (Reichsdruckerei), dessen 


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Graf zu Leiningen - Westerburg, Etwas über Ex • Libris. 


19 


gemütliche, echtdeutsche Blätter reizende,»Innen¬ 
ansichten“ bieten, H.G. Ströhl in Wien XIX, der 
neben Figürlichem und Ornamentalem Vortreff¬ 
liches in heraldischen Zeichnungen liefert, und 
Melchior Lechter in Berlin, ein junger Künstler 
von charakteristischer Eigenart und mit dem 
Mut des Neuen. 

Einige hier wiedeigegebene Blätter von 


Darüber, ob es heraldisch oder mehr genre¬ 
bildartig— solid-altmodisch oder mehr modem¬ 
frei — allegorisch, symbolisch, ja mystisch aus- 
sehen soll, lassen sich keine bindenden Vor¬ 
schriften machen, denn das ist allein Sache 
individuellen Geschmackes und eigenen Willens. 
Das aber kann man mahnend betonen, dass 
man die meist kleine Zeichnung nicht überladen 



Bibliothekzeichen Sr. Majestät des deutschen Kaisers, 
Königs von Preussen. 

Entworfen und gezeichnet von Emil Döpler dem Jüngeren. 


Döpler, Becker, Voigt und Lechter mögen als 
Beispiele für moderne Ex-Libris überhaupt und 
für die Manier der genannten Künstler gelten; man 
kann sich danach eher ein Bild von den Bibliothek¬ 
zeichen unsererTage machen. Besonders interes¬ 
sant ist das Döplefsche Ex-Libris Sr. Majestät 
des deutschen Kaisers, dessen Veröffentlichung 
uns von Allerhöchster Seite gestattet worden ist 
Ich komme zum Schlüsse zur Beschreibung 
eines Ex-Libris, wie es sein soll. 


soll mit allzuvielen Beziehungen und An¬ 
spielungen; wenig wird auch hierbei oft besser 
als viel sein. 

Wählt man nur heraldische Ausstattung 
durch das Familien- oder Ortswappen, so fehle 
keinenfalls der Name ; denn anonyme Wappen 
kennen nur äusserst wenige. Der Name gehört 
überhaupt in erster Linie auf ein Ex-Libris; 
denn sonst erfüllt es ja seinen Hauptzweck, den 
Besitzer des Buches zu nennen, durchaus nicht. 


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20 


Graf xu Leiningen-Westerburg, Etwas über Ex-Libris. 


Lebensstellung, Ort der Bibliothek und 
Jahreszahl der Anfertigung des Ex-Libris*, so¬ 
wie Monogramm oder Name des Zeichners 
sollten nicht fehlen. Für verschiedene Bücher¬ 
formate kann man, wenn man nicht ein ein¬ 
ziges, für alle gemeinsames kleines Zeichen 
vorzieht, ebenfalls verschiedene Grössen von 
einer Zeichnung machen lassen, oder allenfalls 
auch für jede Grösse eine andere Zeich¬ 
nung, was freilich die Sache verteuert 
Was das zu wäh¬ 
lende Motiv anbelangt, 
so kann man an sei¬ 
nen Stand und Beruf, 
an Lieblingsneigungen 
oder an die Art der 
betreffenden Fach¬ 
bibliothek anknüpfen; 
der Gelehrte oder Jurist 
können z. B. Bücher¬ 
gruppierungen , der 
Offizier oder die Regi¬ 
mentsbibliothek mili¬ 
tärische, der Arzt medi¬ 
zinische, der Theologe 
kirchliche Embleme, 
der Schriftsteller Feder 
oder Theatermaske, 
der Chemiker Retorten 
u. dgl., der Musiklieb¬ 
haber musikalische In¬ 
strumente oder Me¬ 
lodien, der Bergfreund 
die Alpenflora, Damen 
ihre Lieblingsblumen 
wählen u.s.w. — Alle 
mit oder ohne ihr 
Familien- oder ein 
Staats-, Orts - oder 
Gewerkschaftswappen' man kann ferner An¬ 
sichten und Ausblicke auf Heimatsorte, Stamm¬ 
burgen, Schlösser, Villen, Lieblings- und Ge¬ 
denkplätze oder die betreffenden Bibliothek¬ 
gebäude anbringen; Portraits der Besitzer, 
reiche Ornamentik, Stilleben, Genrebildchen 
heiteren oder ernsteren Charakters, Lieblings¬ 
ideen, Erinnerungen, allgemeinere Eingaben 
künstlerischer Empfindung — kurz: unendlich 


viel lässt sich zur Ausschmückung der prak¬ 
tischen und zierenden Blätter heranziehen. 

Nur rätselhafte Monogramme allein sind 
ebensowenig zu empfehlen als anonyme Wappen 
oder gar die selten deutlichen, meistens halb 
oder ganz verwischten, ästhetisch durchaus un¬ 
schönen Farbenstempel. 

Devisen auf Spruchbändern und in Rand¬ 
leisten, eigene Verse, Dichterworte, Mahrvworte 
hinsichtlich der Bücherrückgabe, etwaige Aus¬ 
sparungen für Katalog¬ 
abteilungen und Num¬ 
mern lassen sich leicht 
anbringen. 

Die teuersten und 
wertvollsten Herstel¬ 
lungsarten sind die in 
Kupferstich und Helio¬ 
gravüre, billiger sind 
Lithographie, Chromo¬ 
lithographie und Holz- 
schnitt ; welch letzterer 
wegen der schönen 
starken und kräftigen 
Striche nicht warm ge¬ 
nug als beste Herstel¬ 
lungsart angeraten 
werden kann; das bil¬ 
ligste ist heutzutage 
die Zinkätzung (Cliche) 
nach einer Federzeich¬ 
nung. Doch sollte man 
nicht unnötig knau¬ 
sern; denn man freut 
sich sein Leben lang 
mehr an einem schö¬ 
nen Blatte, als an 
einem geringwertigen, 
und man hinterlässt der 
Nachwelt auch besser ein reiches als ein armes 
Zeugnis seines Geschmackes. 

Sollte ich manchem Leser etwas Neues ge¬ 
bracht und da oder dort ein neues Bibliothek- 
Zeichen durch meine Worte angeregt haben , so 
wird es mich im Interesse der Sache aufrichtig 
freuen. Allenfalls gewünschte Auskunft oder 
Rat stehen jederzeit und jedermann zur Ver¬ 
fügung. (München, Amalienstr. 50. d.) 



Bibliothekzeichen des Klosters Nonnenwerth. 
Entworfen und gezeichnet von Carl Leonhard Becker. 


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Moderne Buchausstattung. 

Von 

Fedor von Zobeltitz in Berlin. 


Anfang un¬ 
seres Jahr¬ 
hunderts 
sah es auf 
dem Ge¬ 
biete der 
künstleri- 
schenBuch- 
ausstattung 
in Deutsch¬ 
land unge¬ 
fähr so aus 
wie im Cha¬ 
os: „es war 

Initial aus Boos: WÜSte Und 

Geschichte der rheinischen Städtekultur. 

Gezeichnet von Josef Sattler. leer • Es 

wurde un¬ 
heimlich viel gedruckt; neben den Werken der 
Klassiker eine Fülle von Schundromanen, deren 
Autoren zum grossen Teil noch unter dem 
vemunftmordenden Einflüsse des braven Rinaldo 
Rinaldini Vulpius standen. Das Publikum gierte 
nach Lektüre und verdaute auch die unerträg¬ 
lichste Kost. Ungeheuere Massen von Papier 
liefen durch die Pressen — aber das Papier 
war gerade so schlecht wie der Inhalt, und 
der Druck noch jammervoller wie der Ge¬ 
schmack der p. t Verfasser und des verehr- 
lichen Publikums selbst Nur hin und wieder 
kam einmal ein künstlerischer empfindender 
Verleger auf den klugen Gedanken, seine Publi¬ 
kationen auf besserem, sogenanntem „Schreib¬ 
papier“, wie man damals sagte, drucken und sie 
nach französischem Vorbilde mit hübschen 
Vignetten und Culs de lampe schmücken zu 
lassen. Dann machte er auch sicher herzlich 
schlechte Geschäfte damit Das Publikum hatte 
wenig Sinn für das Äussere der Bücher, die es 
las. Die Mode der Almanache und Taschen¬ 
bücher brachte insofern wenigstens einen 
kleinen Aufschwung zum Besseren, als man von 
dem dünnen, gelben und groben Papier zurück¬ 
kam, das sich zwischen den Fingern zerreiben 
liess und bei jedem Umblättem zerriss. Dafür 
förderte die Sitte, die Almanache in Carton¬ 
nagen zu stecken, manche neue Geschmacklosig¬ 


keit an den Tag. Es ging immer weiter bergab 
mit der Buchausstattung. Die Zeit der scha- 
blonenmässig hergestellten Einbände und der 
schrecklichen „Prachtwerke“ brach an — es 
konnte nicht schlimmer kommen. 

Und das war ein Glück. Der Niedergang 
des deutschen Buchgewerbes trug schon den 
Keim neuen Aufblühens in sich. Wie so häufig, 
kam auch diesmal die Anregung von aussen. 
Vor Allem England und die Niederlande hatten 
Deutschland auf dem Felde der Buchausstattung 
den Rang abgelaufen. Unsere grossen Verleger 
durften nicht länger zurückstehen. An allen 
Ecken und Enden Deutschlands und Österreichs 
begann es sich gewaltig zu rühren. Das alte 
Schablonen-Prachtwerk zog auch im Publikum 
nicht mehr. Hirth, Hanfstängel, Bruckmann, 
Lipperheide, Grote, Velhagen & Klasing und 
ein Dutzend anderer bekannter Firmen waren 
die Ersten, die unser Buchgewerbe aus dem 
Schlendrian des Alltäglichen zu künstlerischer 
Bedeutsamkeit emporfuhrten. Jüngere Verlags¬ 
firmen folgten; mit der wachsenden Konkurrenz 
stieg auch der Eifer der beteiligten Kreise. 
Nicht alles war vollendet, war schön und ge¬ 
schmackvoll, was das Streben, mit dem Alther¬ 
gebrachten zu brechen, an neuen Blüten zeitigte. 
Aber neben dem guten Willen, der um seiner 
selbst schon Anerkennung verdient, zeigten sich 
auf dem Büchermarkt der letzten Jahre auch 
zahlreiche bemerkenswerte Werke, die den Be¬ 
weis dafür lieferten, dass wir in Bezug auf die 
künstlerische äussere Ausgestaltung moderner 
Produktionen nicht mehr hinter unsem Nachbar¬ 
ländern zurückzustehen brauchen . . . 

Die Wandlungen, die Kunst und Kunstge¬ 
werbe in jüngster Zeit durchgemacht haben, 
und denen nach Überwindung mancherlei 
kleiner und grosser Verirrungen, wie sie jede 
umgestaltende Bewegung mit sich bringt, in 
der Folge der neue Geist, das neue Schauen 
und Schaffen und der neue Blütentrieb zu danken 
sind, konnten auch nicht ohne Einfluss auf den 
modernen Buchschmuck bleiben. Dass man 
sich in der Illustration im Gegensatz zu der 
süsslichen Manier der neueren Schule mehr als 



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von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 


je auf die Vorbilder der alten Meister stützte, 
war erklärlich; dass man aber auch die in der 
Kunst wieder erwachte, wenn auch nach 
modernem Empfinden entwickelte Neigung zur 


griff man naturgemäss vielfach auf die alten 
Vorlagen zurück, die seit Vermehrung der 
Facsimiledrucke nicht mehr allzu kostspielig zu 
beschaffen waren. Aus Schöffers Typen zu 



Kirchenbau unter Bischof Burchard von Worms. 
Zeichnung von Josef Sattler. 

Aus Boos: Geschichte der rheinischen Stadtekultur. (Berlin, J. A. Stargardt.) 


Mystik, zum Symbolisieren und AUegorisieren 
auf den Buchschmuck übertrug, war Vielen 
nicht recht zu Sinn, obschon sich ihre tief¬ 
greifende Wirkung speziell im ornamentalen 
Beiwerk gar nicht verkennen lässt Ähnlich 
verhielt es sich mit den Typen und dem Papier. 
Auch auf der Suche nach neuen Schriftzeichen 


Breydenbachs Reisen entwickelte sich die nach 
ihrem Vervollkommner benannte Schwabacher 
Schrift, die lange Zeit für besonders vornehm 
galt und in der That auch durch ihre charakter¬ 
istische Eigenart besticht Je mehr ornamen¬ 
tale Zierstücke man verwandte, um so kräftiger 
trat das Gefühl ftir harmonischen Einklang 


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von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 


23 


zwischen Typen und bildnerischem Schmuck 
hervor. Die Antiqua wurde veredelt, die alte 
gotische und semigotische Missal- und Bibeltype 
unter Beibehaltung der ehemaligen Grundformen 
dem Auge lesbarer gemacht, die deutsche Frak¬ 
tur, für die einst Dürer mit Hilfe der Quadranten 
die ersten Regeln aufstellte, modernisiert Die 
grossen Schriftgiessereien schufen neue Typen 
nach französischen, italienischen und hollän¬ 
dischen Vorbildern; die Schriftzeichen der 
Estienne’s, der Giunta’s und Bodoni’s und der 
Elzevire, die alte Cursiv-, griechische und 
Renaissancetype gelangten wieder zu Ehren. 
Die vervollkommnete technische Ausbildung 
der verwandten graphischen Künste kam dem 


rungen begrüsst worden, und da man vom 
Gegner lernen soll, so wird demnächst auch 
in diesem Blatte ein geistreicher Mann zu Worte 
kommen, der sich von anderem Standpunkte 
aus mit der Ästhetik des modernen Buch- 
schmuck’s beschäftigen wird. Ohne Zweifel bietet 
die Fülle neuer Gesichte auf dem Büchermarkt 
auch mancherlei Absonderliches, Verqueres und 
Eigentümliches, über das sich von der Warte 
des Schönheitsempfindens aus streiten lässt. 
Aber ich meine, das schadet nichts. Gährung 
bringt Klärung — und schon die Thatsache , 
dass sich im deutschen Buchgewerbe eine ge¬ 
waltige Revolution vollzieht, ist von dessen wah¬ 
ren Freunden mit Genugthuung zu begrüssen... 



Vignette aus Boos: 
Geschichte der rheinischen Städtekultur. 
Gezeichnet Yon Josef Sattler. 


Buchdruck zu Hilfe. Selbstverständlich erstreckte 
sich das Streben nach Verschönerung auch 
auf das Papier. Für Luxus-Ausgaben bevor¬ 
zugte man gern das ziemlich teure, aus Pflanzen¬ 
fasern gefertigte sogenannte japanische Papier; 
eine besondere Liebhaberei hat sich aber in 
neuerer Zeit für das holländische Büttenpapier 
entwickelt, für das mit der Hand gearbeitete 
echte, wie für das mechanisch hergestellte 
nachgeahmte. Es hat allerdings grosse Vor¬ 
züge, doch auch seine Nachteile, da sich nur 
in kräftigen Strichen ausgeführte Holzschnitte 
und Ätzungen, nicht aber Autotypien u. dergl. 
darauf reproduzieren lassen, ein Umstand, der 
auch die Verleger dieser Hefte veranlasste, bei 
unserer Zeitschrift auf ein gutes Kupferdruck¬ 
papier zurückzugreifen. 

De gustibus non est disputandum. Die 
Neuerungen sind nicht überall als Verschöne- 


Der Verlag von J. A. Stargardt in Berlin 
legt uns ein Werk vor, dessen Ausstattung so 
überaus geschmackvoll und vornehm ist, dass 
man seine helle Freude daran haben kann. 
Einer der reichen Grossindustriellen des Rheins, 
der Freiherr Cornelius W. Heyl zu Herrnsheim 
in Worms, hat die Anregung und den Auftrag 
zur Ausführung gegeben. Die grossen Mittel, 
die er für diesen Zweck gespendet, haben es 
möglich gemacht, dass der Preis für das Werk 
erstaunlich niedrig festgesetzt werden konnte, 
so dass auch minder Bemittelte in der Lage 
sind, es sich für ihre Privatbibliothek anzu- 
schaflen ... In einem Hamburger Blatte las 
ich bei Gelegenheit der Besprechung einer neuen 
französischen Prachtausgabe über Florenz und 
Toskana von Eugene Müntz, die kürzlich bei 
Hachette in Paris erschienen ist, folgendes: 
„Die brillante typische Ausstattung und die 


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24 von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 

enorme Zahl der in das Werk aufgenommenen für derlei Werke vorhandenen Absatzgebietes 
Abbildungen, die möglich waren, ohne dass erklärt Wie beschämend klein aber dieses 
darum der Preis auf eine nur dem Reichsten Absatzgebiet sein muss, wird man erst inne, 
erschwingliche Höhe hinauf geschraubt zu werden wenn man erfährt, dass — nach einer für uns 



Worms unter Bischof Burchard. 

Zeichnung von Josef Sattler. 

Aus Boos. Geschichte der rheinischen Stadtekultur. (Berlin, J. A. Stargardt.) 


brauchte — das Werk kostet 30 Fr. — lässt allerdings unkontrollierbaren Aufstellung — mit 
uns nicht ohne Neid und Wehmut an die auf dem Verkauf des hundertzwanzigsten Exemplars 
diesem Gebiete in Deutschland noch immer eines Werkes der Verleger seine gehabten Aus¬ 
herrschenden unerfreulichen Zustände denken, lagen hereingebracht haben soll. Da ist es für 
die für eine gleiche Buchausgabe an Herstellungs- einen französischen Editeur freilich kein Risiko, 
kosten mindestens das Dreifache verschlingen wenn er ein solches Werk pomphaft ausgestattet 
würden, was sich aus der Beschränktheit des auf den Markt bringt In Frankreich allein 


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von Zobelritz, Moderne Buchausstattung. 


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Portrat Hans Thomas von F. Vallotton. 
Aus Bierbaum: Der bunte Vogel. 


werden ihm seine Kosten reichlich gedeckt, 
und nun kommt noch England als erste Absatz¬ 
stelle dazu, wo es kein Gut, fast kein Privat¬ 
haus giebt, das nicht, je nach der Vermögens¬ 
lage seines Besitzers, seine kleine, fein einge¬ 
richtete Bibliothek besitzt. Wann wird es bei 
uns dahin kommen?!“ . . Der Herr Verfasser 
hat zweifellos Recht. Der hohe Preis der 
meisten deutschen, mit solider Pracht und ge¬ 
diegener Vornehmheit ausgestatteten grösseren 
Werke ermöglicht es nur den Reicheren, sich 
in den Besitz derselben zu setzen; andererseits 
macht es aber auch die Gleichgültigkeit, die 
wir selbst den hervorragenderen Erzeugnissen 
unseres Schrifttums entgegenbringen, für den 
Verleger notwendig, bei der Kalkulation Preise 
in Anschlag zu bringen, die ihn vor einem et¬ 
waigen Verlust zu schützen vermögen. Geber 
und Nehmer haben sich in dieser Beziehung 
gegenseitig nichts vorzuwerfen — oder gleich 
viel. Da ist es denn doppelt erfreulich, wenn 
sich reiche Mäcene finden, die aus eigenen 
Mitteln, ohne Rücksicht auf Verdienst oder Ver¬ 
lust, einmal den Versuch wagen, durch billige 
Prachtausgaben das spröde Publikum aus seiner 
Lethargie emporzureissen. Das von dem Baron 
Heyl edierte Werk ist innerlich wie äusserlich 
von so hohem Wert, dass es reissenden Ab¬ 
satz finden müsste. Es ist eine Probe auf das 
Exempel; wird es wenig gekauft, so würde dies 
thatsächlich ein Beweis dafür sein, dass die 
grössere Schuld viel mehr auf Seiten des Publi¬ 
kums als auf der des Verlagshandels liegt 
Z. f. B. 


Baron Heyl ist Wormser und vertritt seit 
Neubegründung des Reichs seine Vaterstadt 
im deutschen Reichstage. Der Wunsch nach 
einer umfassenden Geschichte von Worms, wo 
gewissermassen jeder Stein von vergangener 
Grösse und Herrlichkeit erzählt, war um so 
mehr von jeher seine Lieblingsidee, als die 
bereits erschienenen historischen Arbeiten über 
die alte Reichstagsstadt doch nur fragmenta¬ 
rischer Art sind oder von einseitiger Auffassung 
ausgehen. So beauftragte er denn einen Freund, 
der ihm bei der Reorganisation des Wormser 
Archivs näher getreten war, den Professor Dr. 
Heinrich Boos in Basel, mit der Abfassung einer 
„Geschichte der rheinischen Städtekultur von 
den Anfängen bis zur Gegenwart mit besonderer 
Berücksichtigung der Stadt Worms “ von welchem 
Werke der erste Band, bis zur Gründung des 
rheinischen Städtebundes reichend, in stattlichem 
Grossquart, über 550 Seiten stark, zum Preise 
von 10 Mark uns vorliegt. 

Boos hat seine gründlichen Vorstudien in 
der Bearbeitung der Wormser Geschichtsquellen 
drucken lassen. Der Plan zu dem hier be¬ 
sprochenen Werke schloss jedoch die Auf¬ 
zählung nüchternen historischen Archivmaterials 
aus. Es sollte mehr ein Volksbuch geschaffen 
werden als ein Gelehrtenwerk — freilich ein 
Volksbuch, das sich in jeder Zeile auf die Basis 
streng wissenschaftlicher Forschung stützt. Pro¬ 
fessor Boos hat diese Aufgabe so gelöst, dass 
man ihm Dank sagen muss. Die geschicht¬ 
liche Entwicklung von Worms steht im Mittel¬ 
punkte der Darstellung; sie gilt dem Verfasser 



Porträt Fritz von Uhdes von F. Vallotton. 
Au» Bierbaum: Der bunte Vogel. 

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von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 


gewissennassen als typisches Beispiel für die 
Entwicklungsgeschichte des ganzen rheinischen 
Städtekranzes. Köln und Strassburg hätten 
ihm allerdings ein bedeutend weitschichtigeres 
Quellen-Material liefern können, aber die Be¬ 
schränkung war eine beabsichtigte, durch die 
auch das Gesamtbild — die Schilderung der 
allgemeinen politischen und kulturellen Ver¬ 
hältnisse am Rhein von der Urzeit an bis auf 
unsere Tage — nicht gelitten, an Frische und 
Anschaulichkeit vielmehr zweifellos gewonnen 
hat. 

Die Ausstattung des Buchs, das, was uns 
am meisten interessiert, ist das alleinige Ver¬ 
dienst des Herrn von Heyl. Professor Boos 
betont in der Vorrede, dass es sich um das 
Problem gehandelt habe, ein Druckwerk in 
vollendet künstlerischer Weise auszustatten, 
ohne es seines wissenschaftlichen Charakters 
zu entkleiden. Den Herausgebern schwebten 
dabei naturgemäss jene Vorbilder aus dem sechs¬ 
zehnten Jahrhundert vor Augen, denen ein Dürer 
und Holbein ihre reiche Kunst widmeten. 


hat er die stärkste Seite ihrer Eigenart, die un¬ 
erschöpflich fliessende Fülle individuellen Lebens 
der Gestaltungen, übernommen und dabei auch 
glücklich den wieder Mode gewordenen Hang 
zum Unwichtigen und Kleinlichen zu vermeiden 
verstanden. 

Das Werk enthält einundzwanzig grössere 
Zeichnungen, die auf einzelnen Blättern wieder¬ 
gegeben worden sind. Sie haben häufig orna¬ 
mentale Umrahmungen in quadratischer oder 
ovaler Form, die in innerem Einklang mit dem 
Charakter des Bildes stehen. So zeigt z. B. 
eine Illustration die Ausrodung eines rheinischen 
Waldes durch die Römer; der Rahmen setzt 
sich aus einem Gefüge von Holzklötzen zu¬ 
sammen, ein Medaillon in der Mitte des oberen 
Randes trägt den römischen Adler. Ein anderes 
Bild schildert die Einäscherung eines Dorfes 
am Rhein durch vandalische Horden; ein grim¬ 
miger Vandalenkopf schliesst die Illustration 
unten ab; seine fliegenden Zöpfe umrahmen 
nach oben zu kreisförmig das Bild. Ausser 
den grösseren Zeichnungen schmückt eine Fülle 


Als einen der Berufen¬ 
sten unter den Jüngern 
wählten sie Josef Satt¬ 
ler zum Illustrator des 
Werks; in welch’ geni¬ 
aler Weise er auf ihre 
Intentionen eingegangen 
ist, davon geben schon 
die beigefügten Proben 
ein Beispiel. 

Wie der Inhalt des 
Buches, so schloss auch 
das Büttenpapier die 
landläufige Illustrierung 
aus. Stark estompierte 
Zeichnungen mussten 
vermieden werden; es 
konnte sich von vorn 
herein nur um die kraft¬ 
volle und dabei doch 
wunderbar fein charakte¬ 
risierende Strichmanier 
handeln, in der Sattler so 
hervorragendes leistet. 
Er ist nicht umsonst 
bei den alten deutschen 
Meistern in die Lehre 
gegangen. Von ihnen 



Vignette von Fidus. 

Aus Evers: Hohe Lieder. (Berlin, Schuster & Löffler.) 


kleinerer Illustrationen 
dasWerk. Es sind Pracht¬ 
stücke unter ihnen. 
Besonders müssen die 
Initialen mit ihrer pomp¬ 
haften Ornamentik und 
die Schlussstücke der 
Kapitel hervorgehoben 
werden, die hie und da 
mit ihrer von grimmem 
Humor durchwehten 
geistreichen Symbolik 
an die Todtentanzphan- 
tasien der Alten hinan¬ 
reichen. Beim Studium 
der Alten hat sich 
Sattler freilich auch 
seine Vorliebe für naiv 
mangelhafte Perspek¬ 
tive geholt, die biswei¬ 
len doch recht störend 
wirkt. 

Das schöne Werk 
ist, wie gesagt, verhält¬ 
nismässig sehr billig. 
Das mag es erklären, 
dass man den Einband 
nur einfach gehalten 



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Das Lied von der Erde. 

Zeichnung von Fidus. 

Aus Evers: Hohe Lieder (Berlin, Schuster ft Löffler.) 


hat. Aber ein besseres Vorsatzpapier als das 
blaugraue hätte ich mir doch gewünscht. Viel¬ 
leicht lässt Baron Heyl bei einer Neuauflage 
sich ein entsprechendes Muster von Sattler ent¬ 
werfen. Das Vorsatzpapier ist noch immer — 


wenige Ausnahmen abgerechnet — der Fluch 
unserer Buchausstattung. Auch nach dieser 
Richtung hin müsste man versuchen, die Künstler¬ 
kreise lebhafter zu interessieren. Wir kommen 
darauf zurück und werden im Laufe der Zeit 


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von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 



Umschlagbild zu Croissant-Rust: Der standhafte Zinnsoldat. 
Zeichnung von Richard Scholz. (Berlin, Schuster & Löffler.) 


in diesen Heften eine Reihe von Musterproben 
für künstlerisch ausgeführtes Vorsatzpapier re¬ 
produzieren lassen. 

Für die Ausstattung und den Buchschmuck 
neuer belletristischer Produktionen hat eine junge 
Berliner Verlagsfirma, Schuster 6 r 


Ich sprach zu Anfang von einem geistreichen 
Mann, der demnächst an dieser Stelle ein ge¬ 
harnischtes Wort gegen manche Übertriebenheit 
in der künstlerischen Buchausstattung von heute 
sprechen wird — eine neue Stimme, die auch 
gehört werden soll. Das Gefieder des „Bunten 
Vogel’s“ will ihm namentlich nicht gefallen. 
Und ich muss gestehen: es wirkt im ersten 
Augenblick in der That befremdlich. Auf mich 
persönlich aber doch nur im ersten Moment. 
Das Auge gewöhnt sich bald an die unmodernen 
Typen, die an ein Chodowieckisches Interieur 
erinnern könnten. Nur wo eine Reihe grosser 
Buchstaben nebeneinander steht, was vermieden 
werden dürfte, wirken sie unleserlich. Der archa¬ 
istische Eindruck, den der ganze Buchschmuck 
vielleicht da und dort hervorruft, stört mich 
nicht. Das Gefühl rein künstlerischer Wirkung 
lässt sich selbst bei dem Seltsamen und Ge¬ 
suchten nicht unterdrücken. Ein Franzose, 
Felix Vallotton , dessen Zeichenkunst man bei 
den Nachbarn hoch schätzt, und ein junger 
Deutscher, E . R. Weiss, haben den Zierschmuck 
geliefert Bierbaum selbst sagt darüber im Vor¬ 
wort des Buchs Einiges, das hier folgen soll: 
„Es sind keine Illustrationen und wollen keine 
sein. Es sind Zierstücke, berechnet, mit dem 


Loeffler , sehr interessante Anregun¬ 
gen gegeben und in letzter Zeit auch 
eine lebhafte Schaffenskraft bethätigt. 
Ob unseres Freundes Bierbaum ori¬ 
ginelles Kalenderwerk von 1897 „Der 
Bunte Vogel u aller Welt gefallen 
wird, weiss ich freilich nicht recht. 
Bierbaum ist immer seine eigenen 
Wege gewandelt und hat sich herz¬ 
lich wenig um den Geschmack der 
Menge gekümmert Sicher aber wird 
auch das, was sein bunter Vogel 
singt, um der vielen, vielen zarten 
und innigen Melodien willen, die er 
anschlägt, den grossen Kreis der 
Freunde des Dichters erweitern hel¬ 
fen. Bierbaum ist einer jener Rea¬ 
listen, die das ganze sangesvolle 
Herz voller Ideale tragen; seine 
Schönheitsbegeisterung und sein 
Künstler-Enthusiasmus reissen auch 



den Kühleren, der gern wägt und 
sondert, unwillkürlich mit sich fort. 


Umschlagbild zu Servaes: Stickluft 


Zeichnung von Fidus. (Berlin, Schuster & Löffler.) 




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von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 


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Typenbilde des Drucksatzes zusammen zu gehen 
und dekorativ zu wirken. Der Zeichner ist hier 
nicht der Mann mit dem Deutestocke in der 
Jahrmarktsbude, der meine dichterischen Mori- 
thaten mit Bildern erklärt, sondern er ist der 


Jedes Verhältnis, das einen Teil zum Knecht 
macht, ist hässlich und peinlich, und künst¬ 
lerisch kann ein solches Verhältnis nie sein. 
Daher denn immer nur die Illustrationen künst¬ 
lerische sind, die sich irgendwie vom Texte 



Umschlagbild zu Rolf: Tristan und Isolde. 
Zeichnung von Richard Scholz. (Berlin, Schuster & Löffler.) 


selbständige Mann seiner eigenen Kunst, dem 
es vor Allem darauf ankommt, das Auge zu 
belustigen. Wenn er dabei meine Einfälle in 
seine Zeichensprache übersetzt, so ist das um 
so lustiger, da es ganz frei und nicht in der 
sklavischen Art der Illustratoren geschieht. 


emanzipieren, ausgenommen jene seltenen Zu¬ 
fallsfalle, wo künstlerisch ganz gleichartige Per¬ 
sonen Zusammentreffen. Von den Fällen, wo 
der Illustrator der vorwiegende Teil ist, braucht 
nicht gesprochen zu werden. Wenn Dichter 
und Künstler heute Zusammengehen, so kann 


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3 ° 


von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 


das künstlerisch nicht den Zweck haben, dass standen, dass die Eigenart des einen der des 
der Künstler noch einmal dasselbe ausdrückt, andern nicht widerspricht, wie es in tausend 
was der Dichter gesagt hat; es kann nur den modernen Illustrationswerken der Fall ist. Val¬ 
dekorativen Zweck verfolgen, ein schönes Buch lotton’s frisches Können, mit wenigen Linien 
zu machen, aufzuräumen vornehmlich mit dem charakteristische Wirkungen zu erzielen, ersieht 
Clichehausrat der Druckereien, in dem sich weder man aus den beigegebenen beiden Porträts und 
geschultes Können, noch freie Eigenart offenbart, dem Schlussstück Buch und Eule. Der „Bunte 



Verkleinteres Umschlagbild zu Aho: Ellis Ehe. 
Zeichnung von Max Raschice. (Berlin, Schuster & Löffler.) 


Es gilt, wieder zu einem Buchschmuckstile von Vogel“ ist auch in Liebhaberabzügen zu haben, 
ausgeprägtem Zeitcharakter und strenger Be- Es wurden neben der wohlfeilen Ausgabe (M. 6) 
schränkung auf die besonderen Forderungen hergestellt: 15 Exemplare auf deutschem Bütten¬ 
des Typographischen zu gelangen . . .“ papier ä M. io, io auf holländischem Bütten- 

Nicht Alles däucht mich richtig, was Bier- papier ä M. 12 und 5 auf japanischem Papier 
bäum da sagt. Aber es muss ihm gelassen ä M. 30. 

werden: er hat im „Bunten Vogel“ ganz aus- Ungleich anders präsentiert sich das Buch 
gezeichnet das typographische Bild mit dem „Hohe Lieder** von Franz Evers (M. 5; 5oExem- 
künstlerischen Schmuck so zu vereinen ver- plare auf Büttenpapier ä M. IO; Einbandmappe 


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von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 


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M. 2). Fidus hat den Bildschmuck dazu ge¬ 
liefert Unter der Leitung jenes unglücklichen 
Münchener Künstlers, der seiner Absonderlich¬ 
keiten wegen lange von der Polizei verfolgt und 
gehetzt wurde, hat er sich die ersten Sporen 
verdient Inzwischen ist seine Künstlerschaft, 
obwohl noch immer nicht frei von einer gewissen 
Einseitigkeit, die sich namentlich in der Zeichnung 
nackter Mädchenkörper kund giebt, gewaltig ge¬ 
wachsen. Immer entzückt die tiefsinnige Poesie 
seiner Konzeptionen, die auch da, wo sie einen 
antikisierenden Charakter annehmen, 
von frisch quellender Phantasie 
und freier Gestaltungskraft 
zeugen. Man betrachte 
die Titelzeichnung von 
dem „Lied von der 
Erde“ und die Vig¬ 
nette Hand mit 
Schwert, um das 
sich ein Ähren¬ 
kranz schlingt, 
vor Allem aber 
den dornenge¬ 
krönten Mäd¬ 
chenkopf, der in 
dem Buche die 
Rückseite des Um¬ 
schlags schmückt. 

Im Gegensatz zu den 
Zinkätzungen der übrigen 
Illustrationen ist er in dem 
Werke auf lithographischem 
Wege reproduziert worden, 
ein Verfahren, das die ganze 
Weichheit und die wunder¬ 
sam zarte Tönung der Linien des Antlitzes voll 
zur Geltung bringt. Hat der Künstler in die 
grossen traurigen Augen der Märtyrerin nicht 
eine Welt voll Leid und Entsagung zu legen ge¬ 
wusst? Wirkt der Ausdruck dieses schönen, 
stolzen, armen Mädchengesichts nicht tief zu 
Herzen greifend? . . . 

«Mr 

Die übrigen bildlichen Wiedergaben von 
Fidus , Richard Scholz und Max Raschke sind die 
Illustrationen zu den Umschlagseiten für die 
Romane „Stickluft“ von Franz Servaes (M. 3), 
„Der standhafte Zinnsoldat“ von Anna Croissant • 


Rust (M. 3), „Tristan und Isolde 11 von Adrian 
Rolf (M. 3,50) und „Ellis Ehe “ von fuhani Alto 
(M. 3,50). Sie sind hier meist in Verkleinerungen 
und ohne den coloristischen Schmuck der Ori¬ 
ginale wiedergegeben worden und mögen in 
ihrer feingeistigen künstlerischen Auffassung 
und Ausführung zunächst als willkommene An¬ 
regungen gelten. 

Auch in Bezug auf die Ausstattung der Um¬ 
schläge broschierter Werke herrschte bei uns 
lange, lange eine trübselige Armut. Die fadeste 
Nüchternheit war in Permanenz er¬ 
klärt worden. That man etwas 
Besonderes, so liess man das 
Titelblatt in zwei Farben 
drucken und arrangierte 
den Haupttitel quer 
über die Umschlags¬ 
seite. Nicht jedes 
Buch verträgt eine 
Titelillustration— 
das ist selbstver¬ 
ständlich — und 
auch geschmack¬ 
voll hergestellte 
Umschläge, die 
nur ein typogra¬ 
phisches Bild zei¬ 
gen, können sich 
sehr vornehm präsen¬ 
tieren. Wählt man aber 
schon eine Titelillustration, 
so soll sie wenigstens künst¬ 
lerisch nach Entwurf und 
Ausstattung gehalten sein 
und in harmonischer, wenn 
auch nicht direkter Beziehung zu dem Inhalt des 
Buches stehen. Dass die Symbolik und die Alle¬ 
gorie bei der Titelbildnerei moderner Werke 
auch zukünftig eine hervorragende Rolle spielen 
werden, erscheint mir zweifellos. Wie soll sich 
beispielsweise ein Umschlagbild zu einer lyri¬ 
schen Gedichtsammlung anders entwerfen lassen 
als in Form irgend einer den Gesamtinhalt cha¬ 
rakterisierenden symbolisch-allegorischen Ge¬ 
staltung? — Thumann, dessen Illustrationsmanier 
sonst in ausgesprochenem Gegensatz zu der mo¬ 
dernen Schule steht, hat einmal den schrecklichen 
Auftrag erhalten, Heines „Buch der Lieder“ mit 
Bildschmuck zu versehen; das ist ihm überall da 
famos gelungen, wo er die Anmut, den Geist 



Verkleinertes Deckclbild zu EversHohe Lieder. 
Zeichnung von Fidus. (Berlin, Schuster & Löffler.) 


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von Zobeltitz, Moderne Buchausstattung. 


und die Bosheit Heinescher Verse in sinniger 
Symbolisierung zu lebendiger Anschauung zu 
bringen wusste. So sind auch die hier re¬ 
produzierten Umschlagbilder aus dem Verlage 
von Schuster & Löffler zumeist symbolistisch 
gemeinte Darstellungen. Ein gewisses typisches 
Interesse hat die Fidussche Titelillustration zu 
dem Roman „Stickluft“ von Franz Servaes. 
Die Deutung ist nicht schwer, auch wenn man 
den Inhalt der Erzählung nicht kennt. Der 
nackte Mensch wehrt sich verzweiflungsvoll 
gegen die ihn erstickenden Umschlingungen 
eines ungeheuren Polypen, der vielleicht die 
Sünde in alF ihrer Vielgliedrigkeit darstellt, 
während hinter ihm die Sonne der Freiheit oder 
der Intelligenz ihre Strahiengarben leuchten 
lässt; auch die ornamentale Umrahmung, die 
Kette ohne Anfang und Ende, ist leicht ver¬ 
ständlich. Bei dem Raschkeschen Umschlag¬ 
bilde zu dem Romane „Ellis Ehe“ thut die 
Farbentönung des Originals viel. Das zarte 
Taubengrau des Innenbildes wirkt sehr reiz¬ 
voll; der an das schwermütige Gesicht der Düse 
erinnernde Frauenkopf ist mit grosser Feinheit 
ausgeführt. Die dreiseitige Umrahmung ist zu 
dunkel gehalten, und die Idee, den Titel des 
Romans aus den vom brennenden Feuer auf¬ 


steigenden Rauchguirlanden zu bilden, nicht 
recht glücklich. Reizend und graziös, ohne 
süsslich zu sein, ist die Zeichnung von Richard 
Scholz zu dem „Standhaften Zinnsoldaten.“ 

Die hässliche Mode der Engländer, auf die 
Deckel ihrer Sensationsromane irgend eine Scene 
der Erzählung in krassen Farben zu setzen, ist 
hie und da auch bei uns adoptiert worden. 
Das ist natürlich ganz unkünstlerisch und auch 
ganz unberechtigt, denn ein solches Bild giebt 
illustrativ eben immer nur einen Kreisausschnitt 
des Ganzen wieder, statt den Gesamtinhalt zu 
charakterisieren. Der Titel soll gewissermassen 
als Affiche wirken. Das haben die Franzosen 
längst empfunden, und wenn sie auch vielfach 
zu Gunsten der „Idee“ den guten Geschmack 
hintenan setzen, so muss ihnen doch gelassen 
werden, dass sie uns, wie auf dem Gebiete der 
Plakatillustration, so auch auf der des Buch¬ 
umschlags in mancher Beziehung vorbildlich sein 
können — eine Thatsache, mit der wir uns be¬ 
ruhigt abfinden können, ohne unserem Patriotis¬ 
mus wehe zu thuen. 

Ich möchte die weitere Ausführung diesesThe- 
mas aber einem späteren Artikel Vorbehalten, der 
das Gesagte an einer Serie anderer Buchumschläge 
noch näher und eingehender beleuchten wird. 



Vignette von F. Vallotton. 

Aus Bierbaum: Der bunte Vogel. (Berlin, Schuster & Löffler.; 


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Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 

Von 

Oscar Hecker in Berlin. 


occaccio lebt in dem Gedächtnis der 
Gebildeten aller Völker als der Dichter 
des unvergänglichen Dekameron. Sein 
Ruhm als Gelehrter aber ist schon seit Jahrhun¬ 
derten in weiteren Kreisen verschollen. Und 
doch überragte er nach G.Carduccis 1 besonnenem 
Urteil selbst einen Petrarca an klassischer Be¬ 
lesenheit Er verdankte diese für seine Zeit 
ungewöhnlich tiefgehende Vertrautheit mit der 
Litteratur der Alten einem unstillbaren Wissens¬ 
durst, der ihn von Jugend auf zu den damals aus 
langem Winterschlaf zu neuer Blüte erwachen¬ 
den Klassikern unwiderstehlich hinzog. 

Nicht so leicht und einfach wie heute war 
es im XTV. Jahrhundert, in die Geisteswelt der 
Griechen und Römer einzudringen, sie forschend 
nach allen Richtungen zu durchstreifen und in ihr 
wirklich heimisch zu werden. In jener bücher- 
armen Zeit musste, wen es nach gediegener 
Kenntnis verlangte, sich selbst in den Besitz von 
Codices setzen, entweder durch Kauf oder durch 
Abschrift eines geliehenen Manuskriptes. 

So ward Boccaccio ein unermüdlicher Samm¬ 
ler von Büchern, deren Zahl seiner sehnsüchtigen 
Ungeduld nicht schnell genug wachsen konnte. 
Unausgesetzt spähte er nach einer günstigen 
Gelegenheit, seine Bibliothek zu bereichern. 
Ein wichtiges Stück den anderen zugesellen zu 
können, war eine seiner schönsten Freuden. Der 
Gedanke an neue Erweibungen, der ihn in der 
Heimat nie verliess, begleitete ihn auch auf 
seinen Reisen, und wie sein vergötterter Freund 
Petrarca, von gleichem edlem Triebe beseelt, 
so wird auch Boccaccio auf seiner Strasse an 
keinem alten Kloster vorübergezogen sein, ohne 
es vorher mit erwartungsvoll höher schlagen¬ 
dem Herzen nach unbeachteten literarischen 
Schätzen spürlustig und hoffnungsfreudig zu 
durchstöbem. Während uns aber Petrarca über 
seine Nachforschungen nach seltenen Büchern, 


über seine häufigen Enttäuschungen und hie 
und da auch glücklichen Funde in seinem 
Briefwechsel ausführlich berichtet, ist über den 
gleichen Stoff aus Boccaccios Feder so gut 
wie nichts auf uns gekommen, da uns — was 
schmerzlich zu bedauern ist — von den zahl¬ 
reichen Schreiben, die er in den langen Jahren 
ihrer innigen Freundschaft an Petrarca gesandt, 
ein tückisches Geschick nicht mehr als drei ge¬ 
gönnt hat 

Ganz so reichhaltig und bedeutend wie seines 
Freundes Bibliothek wird Boccaccios wohl kaum 
gewesen sein, denn Petrarca war wohlhabend 
genug, auch solche kostbare Handschriften zu 
erstehen, die wegen ihres Alters, ihrer Seltenheit 
oder künstlerischen Ausstattung jeder Sammlung 
zur Zierde gereichen mussten; er konnte ausser¬ 
dem häufig einen, mitunter sogar mehrere 
Schreiber in seine Dienste nehmen, um Ab¬ 
schriften von nicht käuflichen Manuskripten zu 
erhalten. Boccaccio dagegen hat stets nur in 
bescheidenen Verhältnissen gelebt, die ihm nicht 
gestatteten, seiner Lust an Büchern in gleichem 
Masse die Zügel schiessen zu lassen. Auch in 
seine Bibliothek ist zweifellos eine gewisse An¬ 
zahl Handschriften durch Kauf übergegangen, 
aber sehr viel mehr hat er, der schaffende 
Dichter, der strebsame Gelehrte und pflicht¬ 
bewusste Bürger, selbst noch in reiferen Jahren 
trotz wachsender Leibesfülle unverdrossen ab¬ 
geschrieben, wie uns das Giannozzo Manetti,* 
sein Zweitältester Biograph, voller Staunen und 
Bewunderung bezeugt 

Welche Werke dies waren, ist uns leider nur 
zum allerkleinsten Teil bekannt Nichts als ein 
paar dürftige Andeutungen darüber hat uns der 
Zufall in die Hände gespielt So lesen wir in 
den Miscellanea Polizians 3 einmal, wie er bei 
einer fraglichen Stelle der Epigramme des Au- 
sonius einen Codex von Boccaccios Hand zu 



* In dem Aufsatz Ai parentali di Giovanni Boccacci. 

* In seiner Vita J. B. bei Mebus, Specim. hist litt flor. (Flor. 1747) heisst es: „ ... copiam transcriptorum 
suorum intuentibas mirabile quid dam videri soleat hominem pinguiorem, ut eius corporis habitudo fuit, tanta librorum 
▼olumina propriis manibns exarasse, ut assiduo librario qui nihil aliud toto fere vitae suae tempore egisset, satis 
superque esset“. 

3 Im Kap. XXXIX mit Bezug auf Vers 77 der Epistula IV. 

z. t a 5 


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Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


Rate gezogen, ersehen aus dem Inventar der 
Bücher Lorenzos dei Medici, dass dieser einen 
Band Sonette und Kanzonen Petrarcas aus Boc¬ 
caccios Feder besessen hat, und lassen uns von 
der Überlieferung erzählen, es gehe die Aus¬ 
scheidung der Divisioni aus dem Texte der 
Danteschen Vita nuova auf eine Niederschrift 
Boccaccios zurück. Ferner hat er — wie fest¬ 
steht — die mit seiner Hilfe entstandene latei¬ 
nische Homer - Übersetzung des Calabresen 
Leontius Pilatus, seines griechischen Lehrers, 
in ihrer vollen Länge eigenhändig ins Reine 
geschrieben, und endlich hören wir teils aus 
seinen, teils aus Petrarcas Briefen, dass er aus 
Freundschaft für diesen die langwierige Mühe 
nicht scheute, das Leben des S. Pier Damiano, 
Auszüge aus Schriften Varros und Ciceros und 
die ganze Divina Commedia zu copieren. 

Doppelten Grund hatte also unser Dichter, 
auf seine Bücher, die Frucht seines opfer¬ 
freudigen Sammeleifers und seines unermüd¬ 
lichen Fleisses, stolz zu sein. Von Jahr zu Jahr 
wuchsen sie ihm fester ans Herz. Er hütete 
sie wie seinen Augapfel, zeigte sie mit inniger 
Genugthuung gleichgestimmten Seelen und nahm 
sogar auf weiteren Reisen, so z. B. nach Neapel, 
die schönsten Stücke seiner Sammlung wohl¬ 
verpackt in Kisten mit, um sie stets zur Hand 
zu haben und auch fernen Freunden diese 
Augenweide bereiten zu können. Besonders 
im späteren Alter lebte er wie Petrarca ganz 
in der kleinen und doch so grossen Welt seiner 
Manuskripte, deren heimliche, erhebende und 
beglückende Unterhaltung in stiller Nacht ihn 
Sorgen und Krankheit vergessen und manche 
bittere Erfahrung, manche herbe Enttäuschung 
leichter verwinden liess. 

Wie sehr Boccaccio an dem Buch als sol¬ 
chem hing, zeigt uns eine Stelle der Vorrede 
zu seiner Genealogia deorum, wo er beweglich 
darüber klagt, dass durch Überschwemmungen 
und Feuersbrünste, durch die Rachsucht und 
den Geiz der Menschen, durch sträfliche Nach¬ 
lässigkeit und nicht zum mindesten durch die 
zerstörende Kraft der Zeit tausende und aber¬ 
tausende von Büchern dem Verderben anheim¬ 
fallen. Und als Boccaccio einmal — wie uns 


sein Schüler Benvenuto da Imola berichtet — 
bei einer Reise durch Kampanien das Kloster 
von Montecassino um seiner rühmlich bekann¬ 
ten Bibliothek willen mit gespannter Erwartung 
aufsucht, in weihevoller Stimmung eine steile, 
schmale Stiege klopfenden Herzens zu ihr empor¬ 
klimmt und nun die kostbaren alten Codices 
in einem verwahrlosten, dürftigen Raum ohne 
Schloss und Riegel wüst durcheinander geworfen 
unter Staub und Spinngeweben elend verküm¬ 
mern sieht, da blutet sein Herz ob dieser schmäh¬ 
lichen Nichtachtung seiner geliebten Bücher, und 
weinend eilt er hinaus, die stumpfen Mönche mit 
grimmigen Vorwürfen zu überschütten. 

Wollen wir einen annähernd richtigen 
Begriff von der Eigenart und Bedeutung der 
Bibliothek Boccaccios erhalten, so müssen wir 
uns in Ermangelung bestimmter Angaben seiner¬ 
seits vor allem einmal diejenigen klassischen 
Autoren vergegenwärtigen, aus deren Schriften 
er am häufigsten und reichlichsten Stellen im 
Wortlaute anführt. Es sind dies nach den gründ¬ 
lichen Untersuchungen Hortis* 1 von griechischen 
Autoren im Original nur Homer, Odyssee und 
Ilias, in lateinischer Übersetzung Aristoteles, be¬ 
sonders die Politica, und Eusebius* Onomasticon; 
von lateinischen Dichtem in erster Reihe Virgil, 
mit dessen Aeneis, Georgica und Bucolica Boc¬ 
caccio innig vertraut war, dann Ovid, den er 
auch in seinen kleineren Schriften genau ge¬ 
kannt hat, Senecas Tragödien, Statius’ Thebais, 
Claudians Epen und Juvenals Satiren. 

Unter den Geschichtsschreibern war ihm 
Livius der liebste. Ihn hat er in ausgiebigster 
Weise für seine historischen Werke benutzt und 
die IV. Decade 2 sogar ins Italienische übertragen. 
Dann fesselten ihn besonders noch Valerius 
Maximus, Curtius Rufus, Sueton und auch Taci- 
tus, von dessen Annalen und Historien zu seiner 
Zeit Boccaccio allein Kenntnis hatte, nicht ein¬ 
mal Petrarca, was doch bei dem lebhaften geisti¬ 
gen Verkehr der Beiden höchst auffällig ist Aus 
der Zahl der Philosophen und der Redner be¬ 
vorzugte er Seneca, den Moralisten, der für 
ihn ein anderer als der Tragödiendichter war, 
Quintilian und natürlich Cicero, in dessen Tus- 
culanen und De officüs er sich besonders 


1 A. Hortis, Studj sulle Opere latine del Boccaccio (Trieste 1879), S. 363 ff.; vergL auch G. Körting, Bocc. 
Leben und Werke (Leipz. 1880), S. 385 ff. 

2 VergL Hortis a. a. O. S. 422, Anm. 1, wo er mit Recht auf die überzeugende Beweisführung des wenig beachteten 
Schriftchens G. Arri, Di un volgarizzamento della IV deca di T. Livio giudicato di G. Boccaccio (Torino 1832), hinweist. 


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Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


35 


vertieft zu haben scheint Von Geographen wird 
er schliesslich nicht müde den Pomponius Mela 
und den Vibius Sequester anzufuhren. Unter den 
christlich-lateinischen Autoren stehen ihm am 
nächsten Augustin, Hieronymus, Isidor, Lactanz, 
Orosius und Rabanus Maurus. 

Ausser all den bisher genannten, die schon 
eine stattliche Reihe von Büchern bilden, 
hat Boccaccio zweifellos aber auch sämtliche 
Schriften Dantes und Petrarcas, Giov. Villanis 
Croniche und wohl noch manches Werk weniger 
berühmter Zeitgenossen besessen. Rechnen wir 
ferner alles dazu, was er selbst italienisch und 
lateinisch geschrieben, so dürften wir der Wahr¬ 
heit ziemlich nahe kommen, wenn wir seine 
Bibliothek auf etwa 200 Bände veranschlagen, 
was ftir damalige Zeiten eine ganz bedeutende 
Anzahl ist 

Da sich unser Dichter wohl bewusst war, 
welch* reichen Schatz er im Laufe seines 
Lebens oft unter mühseligen Opfern gesammelt 
hatte, hegte er den begreiflichen Wunsch, es 
möchte derselbe nach seinem Tode nicht hier¬ 
und dorthin verzettelt werden, sondern zu Nutz 
und Frommen wissensdurstiger Seelen in einer 
Hand vereinigt bleiben. Er hinterliess daher 
seinen gesamten Besitz an Büchern testamen¬ 
tarisch seinem Beichtvater und Freunde, dem 
gelehrten Fra Martino da Signa, mit der Be¬ 
stimmung, jedermann die Einsicht zu gestatten 
und auch Abschriften von einzelnen Codices 
auf Verlangen nehmen zu lassen. Für lange 
Zeit auf das Wohl seiner geliebten Bücher be¬ 
dacht, ordnete er zugleich noch an, dass sie 
nach Fra Martinos Ableben alle ohne Ausnahme 
an das Kloster S. Spirito in Florenz fallen sollten, 
dem die Verpflichtung auferlegt wurde, sie in 
einem besonderen Schranke unterzubringen, ein 
Inventar von ihnen aufzustellen und auf einer 
Tafel an der Wand des betreffenden Raumes den 
Namen des Stifters der Nachwelt zu überliefern. 

Als Boccaccio gestorben, wurde genau seinen 
letztwilligen Verfügungen gemäss verfahren. Fra 
Martino, der im Kloster S. Spirito lebte, erhielt 
die Büchersammlung ausgehändigt und erfreute 
sich 12 Jahre ihres Besitzes, den ihm mancher 
gelehrte Zeitgenosse geneidet haben mag. Sie 
war sein ganzer Stolz, und er war glücklich, 
wenn er sah, wie von nah und fern die Kenner 


zu seiner stillen Klause strömten, um seine 
Schätze zu bewundern. Er verwaltete das kost¬ 
bare, ihm anvertraute Gut ganz im Sinne des 
Erblassers, eifersüchtig darüber wachend, dass 
kein Stück verdürbe oder gar verloren ginge. 
So war bei seinem Tode im Jahre 1387 Boc¬ 
caccios Bibliothek ohne Frage noch unge¬ 
schmälert vorhanden und vortrefflich erhalten. 

Als unwürdig des Vertrauens und der Frei¬ 
gebigkeit unseres Dichters erwies sich dagegen 
der Prior des Klosters S. Spirito, in dessen 
Hände alsdann die Manuskripte übergingen. 
Statt wie Fra Martino den Willen des Stifters 
heilig zu halten, kümmerte er, dem jedes 
höhere Streben fremd gewesen sein muss, 
sich gamicht um das Vermächtnis und die 
damit verbundenen Bedingungen. So blieben 
denn die Bücher, die Boccaccio mit so edlem, 
opferfreudigem Eifer gesammelt und mit so 
warmer Liebe gehegt und behütet hatte, in 
mangelhaft verwahrten Kisten der Habgier und 
den Ratten zur willkommenen Beute, unbeachtet 
und ungenützt jahrzehntelang liegen, bis im 
ersten Viertel des XV. Jahrhunderts ein leiden¬ 
schaftlicher Bücherfreund, der Florentiner Nic- 
colö Niccoli, von dem Werte der Sammlung 
durchdrungen, sich ihrer in ehrfürchtiger Gross¬ 
mut annahm, auf eigene Kosten einen schönen 
Schrank in der Klosterbibliothek errichten und, 
was noch an Manuskripten erhalten war, in ge¬ 
bührlicher Ordnung darin aufstellen liess. Ohne 
sein dankenswertes Eingreifen wären sie infolge 
der Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit der 
Mönche voraussichtlich langsam dem Verderben 
anheimgefallen. 

Bis vor nicht allzu langer Zeit konnte es 
nun scheinen, als hätte ein widriges Geschick 
die Grossmut Niccolis elend zu Schanden ge¬ 
macht Wiederholt doch noch Körting im Jahre 
1880 die trübe, bis dahin überall gläubig auf¬ 
genommene Märe, dass die kostbaren Schätze 
von S. Spirito in der Nacht vom 21. auf den 22. 
März 1471 ein Raub der Flammen geworden seien. 
Diese Feuersbrunst ist nun zwar geschichtlich 
beglaubigt, aber die mit seltener Zähigkeit stets 
wieder vorgebrachte Behauptung, sie habe auch 
die Bibliothek Boccaccios in Asche gelegt, ist 
rein aus der Luft gegriffen, wie das zuerst Enrico 
Narducci 1 im Jahre 1882 durch scharfsinnige und 


1 E. Narducci, Intomo all* autenticitä di un codice Vaticano.... scritto di mano di G. Bocc. (Roma 1882), S. 8—10. 


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36 


Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


überzeugende Beweisführung dargethan hat. 
Alle, die jener Fabel zu so langem Leben ver- 
halfen, haben sich auf Scipione Ammirato, den 
bekannten florentiner Geschichtsschreiber des 
XVI. Jahrhunderts, als auf ihren sicheren Ge¬ 
währsmann immer wieder berufen. Doch hat 
ihnen infolge flüchtigen Lesens ihre Einbildungs¬ 
kraft einen Streich gespielt Ammirato sagt 
nämlich nur: „Es entstand Feuer in der Kirche 
S. Spirito, die völlig ausbrannte, sodass nur die 
kahlen Mauern stehen blieben“. Von der Zer¬ 
störung des Klosters und damit der Bibliothek 
Anden wir aber bei ihm kein Wort. Wären 
Boccaccios wertvolle Bücher wirklich von den 
Flammen verzehrt worden, so würde ein ge¬ 
nauer und gewissenhafter Historiker, wie Am¬ 
mirato es war, diesen für die wissenschaftliche 
Welt so schmerzlichen Verlust nie und nimmer 
mit gleichgültigem Stillschweigen übergangen 
haben. 

Noch schlagender ist jedoch die Beweiskraft 
eines Dokuments, das Narducci mit glücklicher 
Hand in dem Archiv des Klosters S. Spirito auf¬ 
gefunden hat. Es ist ein ausführlicher Bericht 
aus der Feder eines der Klosterbrüder über Ur¬ 
sache, Entstehung, Verlauf und Folgen unseres 
Brandes. Da heisst es ungefähr so: Am 15. März 
1470 (nach altem florentiner Stil) zog in Florenz 
der edle Herzog Galeazzo Maria mit grossem 
Gefolge vornehmer Herren ein, und um ihn zu 
ehren, erging der Befehl, es sollten in mehreren 
Kirchen religiöse Aufführungen veranstaltet 
werden. So wurde in S. Spirito erst am späten 
Abend — da man lange und vergeblich auf das 
Kommen des Herzogs gewartet hatte — die 
Ausgiessung des heiligen Geistes dargestellt. 
Doch müssen, meint der Schreiber, die Teil¬ 
nehmer an dem Festspiel unvorsichtig mit dem 
Feuer umgegangen sein, denn gegen 5 Uhr 
morgens schlägt plötzlich weithin sichtbar eine 
mächtige Lohe aus dem Dach der Kirche und 
greift so schnell verheerend um sich, dass die 
jäh aus dem Schlaf geschreckten Mönche nur 
gerade noch Zeit finden, nach dem Hauptaltar 
zu eilen und wenigstens 3 der wertvollsten 
Messbücher zu bergen. Dann stürzt krachend 
der Dachstuhl zusammen und begräbt alles unter 
seinen Trümmern. Und nun wird vom Schreiber 


1 Vergl. Giom. stor. d. lett ital., Band IX, S. 457. 
3 Vergl. Novati a. a. O., S. 423, Anm. 2. 


einzeln jedes Ding aufgeführt, das dabei verloren 
gegangen, sogar die Zahl der verbrannten Mess¬ 
gewänder und Dekorationstücher wird genau an¬ 
gegeben. Da ist es denn doch ganz und gar un¬ 
glaublich, dass er mit keinem Worte des Klosters 
und der Bibliothek gedacht hätte, wenn beides 
ebenfalls ein Raub der Flammen geworden wäre. 

Im Jahre 1886 hat A. Gaspary, 1 dem die Ver¬ 
öffentlichung Narduccis entgangen war, noch 
einmal den gleichen Beweis erbracht und seiner¬ 
seits neu das Zeugnis des Vespasiano da Bisticci, 
Naldo Naldis und Agnolo Polizianos herange¬ 
zogen. Schliesslich ist ein Jahr später Francesco 
Novati 2 in einem gediegenen und anregenden 
Aufsatz auf dieselbe Frage zurückgekommen 
und hat den schon angeführten Zeugnissen noch 
dasjenige zweier Zeitgenossen des Ereignisses 
hinzugefügt, die übereinstimmend von dem 
Brand der Kirche allein berichten. Es kann 
also heute kein Zweifel mehr darüber walten, 
dass Ende des XV. Jahrhunderts Boccaccios 
Bücher noch in S. Spirito aufbewahrt wurden. 

Wie lange sind sie aber dort geblieben? 
Narducci meinte, gestützt auf Angaben des Padre 
Richa, der Mitte vorigen Jahrhunderts die Denk¬ 
würdigkeiten von Florenz beschrieb, die Biblio¬ 
thek hätte noch zu jener Zeit in S. Spirito ge¬ 
standen; aber Novati hat überzeugend dargethan, 
wie Narducci den nicht ganz klaren Worten 
Richas einen falschen Sinn untergeschoben hat. 
Dauns sonst nirgends ein Hinweis auf Boccaccios 
Büchersammlung überliefert ist, bleibt ihre Ge¬ 
schichte vom Beginn des XVI. Jahrhunderts ab 
in völliges Dunkel gehüllt. Dazu wird nicht wenig 
beigetragen haben, dass gegen 1560 das alte 
Kloster niedergerissen wurde, um einem Neubau 
Platz zu machen, der würdiger wäre, sich an die 
Kirche, das herrliche Werk Brunelleschis, zu leh¬ 
nen. Wo mag nun während des Umbaus die 
Bibliothek ein Unterkommen gefunden haben? Ist 
sie dann nach Vollendung des jetzigen Klosters 
dort wieder aufgestellt worden? — Das sind 
Fragen, auf die uns bis jetzt die Forschung jede 
Antwort schuldig geblieben ist. 

Wohl zu beachten ist, dass Rosselli (1652)3 
in seinem Sepoltuario bei S. Spirito bemerkt, es 
befände sich zwischen den beiden Klosterhöfen 
eine schöne Bibliothek, die von dem Augustiner 

- a Vergl. Giom. stör. d. lett. ital, Band X, S. 420, 421. 


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Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


37 


Padre Lionardo Coqueo, dem Beichtvater der 
Christine von Lothringen, begründet oder zum 
mindesten bedeutend vermehrt worden sei. Da 
er kein Wort der Bewunderung für Boccaccios 
Bücher hat, ja sie nicht einmal erwähnt, obwohl 
sie doch der Stolz des Klosters sein mussten, 
so drangt sich einem fast der Schluss auf, sie 
hätten dort zu seiner Zeit überhaupt nicht mehr 
gestanden. Was aus S. Spirito bei Aufhebung 
der Klöster in die königlichen Bibliotheken des 
geeinigten Italiens überging, ist nur ein kläg¬ 
licher Rest einstiger Herrlichkeit, es sind nur 
einige 50 Manuskripte, von denen 11 an die Lau- 
renziana, die anderen an die Magliabechiana 
fielen. Und diese wenigen lassen sich zu dem 
Padre Coqueo, dem Neubegründer der Biblio¬ 
thek, nicht ein einziges aber lässt sich zu Boc¬ 
caccio in irgend welche Beziehung bringen.* 

Wohin hat nun ein arges Schicksal die 
kostbare Sammlung verschlagen? Irgendwo muss 
sie doch auch noch heute, falls sie nicht etwa 
elementaren Gewalten zum Opfer gefallen ist, 
unter dem Staube jahrhundertelanger Vergessen¬ 
heit ein unrühmliches Dasein fristen. Sollten die 
verschollenen Manuskripte, mit denen Boccaccio 
einst trauliche Zwiesprache gepflogen, für uns 
unwiederbringlich verloren sein? 

Bis zum Jahre 1887 konnte es thöricht und 
vermessen scheinen, der Hoffnung auch nur 
einen Spalt zu öffnen, denn selbst wenn einmal 
eine wohlbegründete Vermutung für die Her¬ 
kunft eines Codex aus Boccaccios Sammlung 
gesprochen hätte, wäre es gewiss äusserst 
schwierig gewesen, einen zwingenden Beweis 
dafür zu erbringen. 

Darum ist es in dankbarer Anerkennung 
freudig zu begrüssen, dass A. Goldmann* mit 
scharfem Blick den Wert seines Fundes er¬ 
kennend, einen kurzen Handschriften-Katalog 
herausgegeben hat, auf den er in einem Ash- 
buraham-Manuskript der Laurenziana gestossen 
war. Dieses enthält nämlich ein Inventar der 
Bibliothek des Klosters S. Spirito aus den Jahren 
1450—51, welches in drei Teile zerfällt In dem 
ersten befindet sich die Liste der von dem be¬ 
kannten Bischof von Fiesoie, Guglielmo Becchi, 
ererbten Bücher, der zweite fuhrt 369 Hand¬ 
schriften auf, welche die eigentliche Kloster- 


Bibliothek (libreria maior) bildeten, und in dem 
letzten, für unsere Frage allein wichtigen Teile 
werden 107 in acht Fächern verwahrte Codices 
beschrieben und unter dem Namen „parva li¬ 
breria“ zusammengefasst Dieses Verzeichnis ist 
am 20. September 1451, als ein Magister Jacobus 
Prior war, aufgestellt worden von dem Magister 
Santes de Marcialla und nachgeprüft durch den 
Baccalaureus Bruder Dominicus de Artimino. 
Goldmann hat es, wohlunterrichtet auch auf 
diesem Gebiete, in der begründeten Annahme 
veröffentlicht, es möchten sich in ihm Spuren 
der Bibliothek Boccaccios entdecken lassen. Be¬ 
merkenswert erschien ihm vor allem, dass ausser 
einer stattlichen Menge klassischer Werke sich 
in zwei Fächern eine grössere Anzahl Schriften 
Petrarcas und unseres Dichters vorfindet. 

Die Vermutung Goldmanns zur Gewissheit er¬ 
hoben zu haben, ist das nicht geringe Verdienst 
Novatis' 3 , dem es gelungen ist, die Identität der 
„parva libreria“ mit der durch Niccoli im Kloster 
S. Spirito aufgestellten Bibliothek Boccaccios 
überzeugend nachzuweisen. Papst Nicolaus V. 
hatte nämlich, als er noch der einfache Maestro 
Tommaso aus Sarzana war, den Traktat des heil. 
Augustin Contra Julianum pelagianistam eigen¬ 
händig abgeschrieben und ihn den Kloster¬ 
brüdern von S. Spirito zum Geschenk gemacht, 
die ihn, wie Vespasiano da Bisticci erzählt, der 
Bibliothek des Boccaccio zugesellten. Dieser 
Codex wird nun zwar in * dem von Goldmann 
gedruckten Index der „parva libreria“ nicht er¬ 
wähnt, aber in dem handschriftlichen Katalog 
der „libreria maior“ finden wir ihn ausführlich 
beschrieben und dazu am Rande bemerkt, er 
sei, um ihn vor Diebstahl besser zu schützen, 
in die „parva libreria“ gestellt worden. Hieraus 
kann man mit Sicherheit schliessen, dass „parva 
libreria“ die im Kloster übliche Bezeichnung für 
die Bibliothek Boccaccios war. 

Somit haben wir jetzt in dem Goldmannschen 
Katalog ein vollgültiges Zeugnis für den Bestand 
der von Boccaccio ererbten Büchersammlung 
des Klosters S. Spirito im Jahre 1451. Doch nicht 
alle dort angeführten Handschriften stammen aus 
diesem Nachlass. Mehrere mögen wegen ihrer 
Kostbarkeit, wie der Autograph des Papstes 
Nicolaus V, in die augenscheinlich sorgsamer 


* VergL Novati a. a. O., S. 421, 422. — * VergL Centralblatt f, Bibliothekswesen, Jahrg. IV, Heft 4. 
i Am a. O., S. 419 u. 42a 




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38 


Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


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QHAW^ 6 t>i^T<l^-AnwqiiSau^^W.l;^ 

XOMAMN^? TS^KTALTIO £CWP?T 

Terenz, BibL Lauremisna, Plut. 38, No. 17 . Bekanntes Autogramm Boccaccios. 


Zuversichtlich dürfen wir 
dagegen von der Zukunft 
erwarten, dass sie uns eine 
beträchtliche Anzahl, viel¬ 
leicht sogar die meisten von 
den etwa ioo Bänden der 
„parva libreria“ wieder¬ 
schenken wird, da uns ein 
freundlicher Zufall in dem 
Goldmannschen Katalog ein 
unfehlbares Hilfsmittel zur 
Identifizierung der Manu¬ 
skripte an die Hand gegeben 
hat Bei jedem Buche hat 
nämlich der katalogisierende 
Klosterbruder nicht nur die 
Anfangsworte des Werkes 
verzeichnet, sondern — um 
etwa gestohlene Exemplare 
untrüglich herauszuerkennen 
— vor allem die Schluss¬ 


verwahrte „parva libreria“ eingereiht worden 
sein. Ebenso wenig gehen auf Boccaccios 
Sammlung zurück die von Lorenzo Ridolfi ge¬ 
schenkten Briefe des heiligen Hieronymus, ein 
geographisches Werk des Domenico Silvestri, 
mehrere Schriftchen des Lionardo Aretino und 
eine kleine Anzahl Bücher rein kirchlichen 
Inhalts. Nach Abzug dieser bleiben dann einige 
90 Bände, die, hauptsächlich klassische Littera- 
tur enthaltend, fraglos Boccaccio gehört haben. 

Ein vollständiges Bild seiner einstigen Biblio¬ 
thek, wie sie auf Fra Martino überging, geben 
sie uns aber keinesfalls, denn in der Periode 
ihrer traurigen Verwahrlosung wird manches 
Manuskript verkommen, manches entwendet 
worden sein. In der That weist auch der 
Katalog der „parva libreria“, verglichen mit der 
Liste der von Boccaccio unablässig benutzten 
Bücher, nicht unerhebliche Lücken auf. Fehlt doch 
ausser Isidor, Solin, Vibius Sequester und anderen 
vor allem der ganze Virgil! Auch die lateini¬ 
sche Übersetzung des Homer sowie das grie¬ 
chische Original sind nicht verzeichnet, und von 
Dantes Werken und den italienischen Schriften 
Petrarcas und Boccaccios hat man dort keine 
Spur. Sie einmal aufzufinden, könnten wir 
verständigerweise nur dann hoffen, wenn sie 
unser Dichter selbst abgeschrieben oder doch 
mit Anmerkungen versehen hätte. 


worte des vorletzten Blattes. 
Stimmen also diese, die ja in jeder Abschrift des¬ 
selben Werkes notgedrungen wechseln werden, 
in einem Codex mit denen des Goldmannschen 
Katalogs überein, so kann man dreist hundert- 

mnj' U ficT 

ui go Ibcmf^aio {udfcct: 

ttjasflfc'buaf 

Mctfia. lucm ftctntcf tohtkf4cms*to 
‘uatc^itapbart tcfttiUgc.qCtomwLdr 
fkÄ ivaftt*iicrtlupm4f omcf ttfötziui« 
imoTbjuo m cnrmk- n a mslcbari»«t 
<uulp*p^cr tutV u^yefvnore^m 
Mut« 

a? u<|j (iu«aJfedSjxnnif eutttiuvftfoc 
utbico unfur ptfuvßmf’tiuieyttmfcgr 
tvuca ff mtti ^'Autattcn^uzn arfet* 
feXpriaT ff(\\ titimo€kn 
cnictut» uiro affWibtptj 

£90 < 5 ituft? cnfp? SmcbmivroTncfc 
liplnaj ApiUci pHy platoma wcta* 
Ru£ Clawm in$tm{Utirör 

Apul ejus, Bibi. Laurenziana, Plut. 54, No. 3a. 

Neues Autogramm Boccaccios. 


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Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


39 


4/5 £?**? At^aii^ cgÄMtptilttcrGwp*, 

ritS mi.t ..tt «L^.rfl A tnnniur 1 Hirn. ' 

«Vw’STillteÄ 0 tnib? «ratc^un S ii5i*ticrtoan nntS ; 

Wnt^tüH a n x rnt A j 0:1 5> «tp»»cvMM«wMlm»r.. - 

«uaftSoiM^ P »bwp tcua rnntm • patrui* Hat- cnmtc 

V man ( Jg»br 9 feiert* «*t»nar 

0 ‘CniTc- ♦n’larcrn^Knlc'- notift^ *tccx>^*. * 

a iitnaibz .tio illcwmi« voltntaCa im 
, _ j VF”?* ’ ^‘'W.u^ntco au frfJa gcmnhir'; 

I-- Jn.nrÄfcypmc> /ptr*u ,lhtt, 7 - , .tac'ficK 4 J«?je fil.oncr^rnto«T»r<V „ 

| *9 Anja atm^c noui« * t txmcws c>ztx> (VantnS^fenr»^- 

-es*» /.«"• 

nj»S uaetwa*. fciaittgra tnitTto 
'S? cmere fufjxnptitr- f^intton. öiictmz etchutii 

f ' bntotoßntetgi /7t ,* 0 * 

1 nacher* vfcatio» c* mcicnti<» «i#» 

. ^ «-jrtaMtaf cThld"! «urr atirpUair?AJptT«rfdtMftAki£d 

21 tntu$Tnune- <u tau» auf tflta&ie- hMtftraSfa 

S lkÄiiC acv & ^dhwt# 

pmncziCageiuziv tMmtueicucr- «fr cdcratübur 


Statius, Bibi. Laurenziana, Plut. 3*, No. 6. Neues Autogramm Boccaccios. 


tausend gegen eins wetten, dass der betreffende 
Codex thatsächlich der Bibliothek Boccaccios 
entstammt. 

Man sollte nun denken, es wäre seit der 
Mitteilung Goldmanns, die im April 1887 er¬ 
folgte, auf diesem sicheren Wege schon manche 
Identifizierung gelungen, da es ja für die Biblio¬ 
thekare besonders auf den kleinen Bibliotheken 
ein Leichtes sein müsste, die nötigen Vergleiche 
anzustellen; aber seltsamerweise ist bisher in 
der langen Zeit nur ein einziges Manuskript der 
„parva libreria“ wieder zum Vorschein gekommen, 
und von diesem wusste man obendrein bereits, 
dass es von Boccaccio geschrieben und daher 
einst in seinem Besitz war. Es ist dies der be¬ 
rühmte Terenz-Codex der Laurenziana, 1 der in 
der „parva libreria“ als 2. Buch im 2. Fache 
stand, denn sein vorletztes Blatt schliesst genau 
mit den im Goldmannschen Kataloge ange¬ 
gebenen Worten. Diese erste Wiederauffindung 
eines Bruchstücks der Bibliothek Boccaccios 
verdanken wir dem um diese ganze Frage so 
verdienten Novati.* Sie ist besonders deshalb 
wertvoll, weil nun zu den schon ausreichenden 


Beweismitteln für die autographische Echtheit 
des Terenz-Codex mit ihr ein neues unwider¬ 
legliches getreten ist. 

Weitere Nachforschungen nach den ver¬ 
schollenen Büchern hat Novati nicht angestellt. 
Er war der festen Überzeugung, sie wären un¬ 
erreichbar in alle Winde verstreut Vitt. Cian* 
und H. Hauvette* dagegen sprachen sich hoff¬ 
nungsfreudiger aus, und auch in mir sträubte 
sich ahnungsvoll etwas dagegen, dass sich mein 
Traum, die Büchersammlung meines Lieblings 
unter den italienischen Klassikern wieder ans 
Licht gezogen zu sehen, nie und nimmer auch 
nur teilweise erfüllen sollte. 

So ging ich denn seiner Zeit, als sich will¬ 
kommene Gelegenheit mir bot, frohen Mutes 
und mit Geduld gewappnet an die mühselige, 
nicht gerade kurzweilige Aufgabe, die reichen 
Schatzkammern der Laurenziana nach Bänden 
der „parva libreria“ ’bis in die verstaubtesten 
Winkel und Ecken hinein planmässig zu durch- 
stöbem, und nach hundertfacher niederdrücken¬ 
der Enttäuschung fand sich meine Spürlust am 
Ende doch belohnt, wenn auch die Ausbeute 


1 Plnteus 38, Cod. 17. — * Am a. O., S. 424, 425. — 3 Vergl. Giorn. stör. d. lett ital., Band X, S. 299. 
4 H. Hanvcttc, Notes sur des manuscrits autographes de Boccace k la Biblioth&que Laurentienne (Rome 1894)^ 
S. 4 , Anm. I. (Auszug aus d. Mllanges d’archloL et d’hist pubL par l’Ecole fran^aise de Rome, Band XIV.) 


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Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


hinter meinen Hoffnungen oder gar Wünschen 
bedeutend zurückblieb. Immerhin ist es mir zu 
meiner Herzensfreude vergönnt gewesen, ein 
halbes Dutzend Handschriften zu Tage zu för¬ 
dern, die thatsächlich vor mehr als fünf Jahr¬ 
hunderten in dem dürftigen, aber sonnenhellen, 
damals noch weit über lachende Fluren und 
liebliche Hügel schauenden Arbeitsstübchen in 
Certaldo unter der fürsorglichen Hut unseres 
Dichters gestanden, deren vergilbte Blätter er 
oftmals, mit glänzenden Augen darüber gebeugt, 
in stillem Genuss und ernstem Streben gewendet, 
und in deren bunte Gedankenwelt er sich manche 
weltvergessene Stunde bewundernd eingespon¬ 
nen haben mag. 

Es sind dies die folgenden Codices, 1 deren 
Herkunft aus der „parva libreria“ und somit 
aus dem Nachlass Boccaccios durch Überein¬ 
stimmung der Schlussworte des vorletzten Blattes 
mit den Angaben des Goldmannschen Katalogs 
untrüglich beglaubigt ist:, i) Horaz, Ars poetica, 
Satiren und Episteln, aus dem XII. Jahrhundert, 
der heute auf der Laurenziana die No. 5 im 
Pluteus 34 fuhrt und in der „parva libreria“ 
der 5. Band des 2. Faches war. 2) Juvenal, 
Satiren, ebenfalls aus dem XII. Jahrhundert, 
der in der „parva libreria“ neben dem vorigen 
seinen Platz hatte und jetzt in der Laurenziana 
unter der Nummer 39 des Pluteus 34 aufbewahrt 
wird. 3) Lucanus, Pharsalia, aus der gleichen 
Zeit, der in dem Katalog der „parva libreria“ 
als 12. Band des 2. Faches erscheint und nun 
die Signatur Plut. 35, No. 23 trägt 4) ein Ovid, 
De Ponto, aus dem XHI. Jahrhundert, der in der 
„parva libreria“ als No. 12 zum 3. Fache ge¬ 
hörte und heute der 32. Codex des Plut. 36 ist 
In diesen 4 Manuskripten zeigt sich von Boc¬ 
caccios Hand nirgends auch nur die leiseste 
Spur. Er scheint es im Gegensatz zu Petrarca 
nicht geliebt zu haben, am Rande Betrachtungen, 
Urteile, Parallelstellen und dergleichen zu ver¬ 
zeichnen. Bei No. 3 und 4 ist es der Erwähnung 
wert, dass sie auf dem hinteren Deckblatt noch 
die alte Signatur der „parva libreria“, eine römi¬ 
sche Ziffer für das Fach, eine arabische für den 
Platz in demselben, unversehrt und deutlich auf¬ 
weisen. 

Bedeutend höher an Interesse und Wert als 


die bisher erwähnten stehen nun die folgenden 
2 Handschriften. Erstens Statius’ Thebais, der 
heute an 6. Stelle im Plut. 38 liegt und dem 
9. Bande des 8. Faches der „parva libreria“ ent¬ 
spricht Es ist ein wohlerhaltener Pergament- 
Codex, dessen 176 Blätter bis auf 12 aus dem 
XI. Jahrhundert stammen; von den später einge¬ 
fügten aber sind 4 (fol. 43, ICO, 11 1 , 169) deshalb 
besonders kostbar, weil die darauf entfallenden 
222 Verse, was niemand bisher beachtet hat, 
von Boccaccio selbst geschrieben sind . Augen¬ 
scheinlich hat er also dieses Manuskript seiner 
Zeit in unvollständigem Zustande erworben, 
ist vielleicht erst nach abgeschlossenem Kaufe 
zu seinem schmerzlichen Erstaunen der ent¬ 
stellenden Lücken gewahr geworden und hat 
alsdann nicht eher geruht, als bis er die ersehnte 
Gelegenheit fand, sie mit Hilfe eines anderen 
Exemplars auszufüllen. Hat er sich doch gerade 
in die Thebais mit grosser Liebe versenkt, wie 
aus zahlreichen Zitaten in seiner Genealogia 
und vor allem aus seiner Teseide hervorgeht, 
die sich häufig an das Werk des Statius 
anlehnt 

Bei diesem Codex sehen wir Boccaccio zum 
ersten Male an der Arbeit, wenn es auch nur 
die rein äussere des Abschreibers ist Spuren 
seiner geistigen Thätigkeit sind auch hier nicht 
zu entdecken, denn die interlinearen Glossen 
verdankt er jedenfalls seiner Vorlage, und der 
Kommentar am Rande ist der bekannte des 
Lactantius Placidus. Es kann also dieses nicht 
das Exemplar der Thebais sein, von dessen Er¬ 
werbung uns Boccaccio in einem seiner Jugend¬ 
briefe berichtet, denn bei jenem beklagt er gerade, 
dass er es, weil ohne Glossen, nicht recht ver¬ 
stehen könne. Thatsächlich hat er auch die 
Thebais doppelt besessen. Den zweiten Codex 
findet man in dem Katalog der „parva libreria“ 
an 4. Stelle unter Fach 2 verzeichnet. Auf diesen 
noch nicht wiederaufgefundenen mag sich Boc¬ 
caccios Hinweis beziehen. 

Das letzte und kostbarste Stück ist ein Apu- 
lejus-Codex, der auf der Laurenziana im 54. Plut. 
die Nummer 32 führt und dem 2. Bande des 
6. Faches der „parva libreria“ entspricht Es 
ist uns nämlich in ihm — was niemand bisher 
geahnt zu haben scheint — eine eigenhändige 


1 Ausführliche Angaben, sowie eine Erörterung der einschlägigen philologischen Fragen werden im laufenden Jahr¬ 
gang des Archivs für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen (Westermann, Braunschweig) erscheinen. 


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Hecker, Die Schicksale der Bibliothek Boccaccios. 


41 


Kopie Boccaccios erhalten, die sich von der 
ersten bis auf die letzte Silbe erstreckt Um 
sich hiervon zu überzeugen, genügt es, wie 
auch bei den eingeflickten Blättern des Statius, 
einen vergleichenden Blick auf die Schriftzüge 
(besonders in den grossen Buchstaben) der an¬ 
erkannten Autographen zu werfen. Es sind dies 
der Terenz, der Zibaldone und ein Miscellanea 
latina auf der Laurenziana, sowie der Thomas 
von Aquinsche Kommentar zur Ethik des Aristo¬ 
teles auf der Ambrosiana. 

Unser neuer Autograph enthält auf 79 zwei¬ 
spaltigen, sorgfältig beschriebenen Pergament- 
blattem das De Magia, das Metamorphoseon, 
4 Bücher Floridorum und zum Schluss das De 
deo Socratis. Die Überschriften der einzelnen 
Bücher sind in roter Farbe gegeben. Der 
Anfangsbuchstabe eines neuen Buches ist jedes¬ 
mal etwa 6 Zeilen hoch, sauber in blau und rot 
ausgemalt und geschmückt mit einer Verzierung, 
die sich in langen Schwänzen meist bis zum 
unteren Rande windet Die Buchstaben des 
Textes selbst sind sehr häufig mit einem gelben 
Farbentupf ausgefiillt Die Handschrift ist im 
Ganzen vortrefflich erhalten, nur an einigen 
wenigen Stellen sind durch Stocklöcher ein 
paar Buchstaben ausgefallen. Als Boccaccio 
das Pergament zum Beschreiben in die Hand 
nahm, war es hie und da schon brüchig und 
zur Benutzung zusammengenäht worden, was 
sich daraus ergiebt, dass an jenen Stellen keiner¬ 
lei Textverlust eingetreten ist Desgleichen wies 
es schon damals 2 oder 3 grössere Löcher auf, 
an deren Rändern Boccaccio die Worte stets 
sorgfältig getrennt hat 
* Anmerkungen von seiner Hand begegnen 
wir nicht eben selten auf den ersten 20 Blättern, 
später aber nur ausnahmsweise einmal Sie be¬ 
schränken sich meistens darauf, den Namen der 
im Text erwähnten Männer am Rande zu ver¬ 
zeichnen. Dann und wann finden wir jedoch 
auch Gedanken vermerkt, die dem Schreiber 
beachtenswert erschienen. Nie aber tritt uns 


eine selbständige Betrachtung, nie ein Ausdruck 
der Freude, der Bewunderung entgegen. Das 
ist besonders auffällig bei dem Metamorphoseon, 
dem goldenen Esel, den Boccaccio sicherlich 
mit heiterem Behagen und unter voller Würdig¬ 
ung aller Feinheiten des ihm verwandten Geistes 
mehr als einmal gelesen hat Ihm verdankt er 
ja doch zwei seiner ausgelassensten Novellen, 
und auch das liebliche, ewigjunge Märchen von 
Amor und Psyche erzählt er ihm ausführlich 
nach in dem 22. Kapitel des V. Buches seiner 
Genealogia deorum. — 

Damit bin ich am Ende meiner kleinen 
Entdeckung. Nicht der erträumte Erfolg ist 
meinen Nachforschungen beschieden gewesen, 
aber immerhin ist doch der tröstliche Beweis 
erbracht, dass wir nicht mit Novati unser Herz 
der Hoffnung zu verschliessen brauchen. Der 
erste Anstoss ist gegeben. Was die Kräfte 
des Einzelnen übersteigt, kann das zielbewusste 
Streben vieler unschwer leisten. Möchte sich 
daher noch mancher durch den Katalog der 
„parva libreria“ anregen lassen, an seiner lei¬ 
tenden Hand die Schätze jedweder, auch nicht 
italienischen Bibliothek auf ihre ehemalige Zu¬ 
gehörigkeit zu Boccaccios Sammlung zu unter¬ 
suchen! Dann werden allmählich bei geduldiger 
und sorgsamer Prüfung fraglos nicht wenige, 
ich denke sogar die meisten der heute ver¬ 
schollenen Bände unverdienter Vergessenheit 
entrissen werden, und mit ihnen steigt auch 
ohne jeden Zweifel noch mehr als ein wertvoller 
Autograph Boccaccios, der ja nach Manettis 
Zeugnis unzählige eigenhändige Niederschriften 
hinterlassen, den emsig Suchenden beglückend 
zu neuem Leben herauf. So schliesse ich in 
der frohen Zuversicht, dass unsere regsame 
Zeit an dem grossen Dichter und Gelehrten 
des XIV. Jahrhunderts das schnöde Unrecht 
gleichgültiger Geschlechter wieder sühnen wird, 
und das Bewusstsein, selbst in bescheidenem 
Masse dazu schon beigetragen zu haben, ist 
mir für meine Arbeit schöner Lohn. 



Z. f. B. 


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Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 

Von 

J. Meier-Graefe in Paris. 

I. 


B flKWie französische Buchkunst leidet schwer 
M g|y j| an jenem Zwiespalt, der all den Län- 
dem gefährlich wird, die über eine 
grosse gewerbliche Vergangenheit und eine re¬ 
volutionär gesinnte Gegenwart verfügen. Wie 
in den meisten anderen Ländern ist auch hier 
die Buchkunst aus dem abgeschlossenen Metier 
herausgetreten und in die Hände von Künst¬ 
lern gelangt, die Maler, Zeichner, Bildhauer, 
aber keine Handwerker sind, also keine Fähig¬ 
keiten, die dem Buchgewerbe unmittelbar dien¬ 
lich werden können, besitzen, sondern für das 
ihnen vollkommen neue Fach nur Anlagen mit¬ 
bringen, die unter Umständen für den Schmuck 
des Buches, also, gewerblich gedacht, für die erst 
in zweiter Linie kommenden Faktoren verwend¬ 
bar werden können. Oder es sind Handwerker, 
die sich künstlerische Allüren geben und ge¬ 
nügender ästhetischer Bildung ermangeln. Der 
grosse Irrtum, zu glauben, dass das Buch nur 
der künstlerischen Zuthaten wegen da sei, wenn 
es einen bibliophilen Charakter annehmen soll, 
ist in Paris mit einer wahren Leidenschaft gross 
gezüchtet worden. Für das Buch selbst bedeutet 
das neuere Frankreich unendlich viel weniger 
als sein Ruf. Weder besitzt es einen eigenen 
Drucktypenschatz, der sich nur im entferntesten 
mit dem deutschen oder gar englischen zu 
messen vermöchte, noch hat es jemals in 
neuerer Zeit einen individuellen typographischen 
Textschmuck hervorgebracht. Die Bücher sind 
ausnahmslos in der „Didot“-Antiqua oder in 
Elzevir gedruckt; die typographischen Tradi¬ 
tionen für die Anordnung des Textes sind 
höchst primitiv bei den besseren Sachen, 
deren Textflächen man so neutral wie mög¬ 
lich zu halten sucht; bei den Durchschnitts¬ 
werken ist davon überhaupt keine Rede; da 
werden auf einem Titelblatt z. B. ein halbes 
Dutzend Schriften kunterbunt durcheinander ge¬ 
druckt, schlimmer als in einer Berliner Vor¬ 
stadtdruckerei. Das Gewicht liegt einzig und 
allein auf der Illustration, d. h. auf dem, was 
man in Frankreich darunter versteht. Dieser 


Begriff hat sich auch bei uns Deutschen arg 
verwirrt; in dem Frankreich unseres Jahrhunderts 
ist er aber überhaupt nicht mehr zu erkennen. 
So glänzende Illustratoren es besitzt, nament¬ 
lich besessen hat, nie haben sie sich künstle¬ 
risch auch im Kleinen nur annähernd dem 
Buche so untergeordnet, wie es ihnen im 
Grösseren, als geistvollen Interpreten des poe¬ 
tischen Gehalts der Werke, gelungen ist. Dor6’s 
Übertragung Rabelais’scher Art ist für ihre 
Fähigkeit, die Idee, die Stimmung, den künst¬ 
lerischen Charakter eines Werkes wiederzugeben, 
ein unsterbliches Muster. Für das Buchhand¬ 
werk und seine Bedingungen aber bedeuten 
diese Eigenschaften, so gross sie sind, Ab¬ 
strakta, die erst dann springenden Wert be¬ 
kommen, wenn noch etwas hinzukommt, das, 
künstlerisch unbedeutend, buchgewerblich die 
Hauptsache bedeutet: die Einsicht, was in ein 
Buch gehört, und wie es dazu gehört. 

Bei einigen Wenigen hat sich aus der Fülle 
des rein Künstlerischen auch jenes scheinbar Ge¬ 
ringfügige in das Buch selbst hinübergerettet; 
in ein paar Illustrationen zu B£ranger, in Dore’s 
köstlichen Contes Drolatiques von Balzac, bei ein 
paar anderen; aber es ist zweifelhaft, ob selbst 
diesen Wenigen je bewusst war, dass sie in diesen 
vereinzelten Fällen mehr thaten als gewöhnlich. 
Die überwiegende Mehrzahl der französischen 
illustrierten Werke des Jahrhunderts sind Bilder¬ 
bücher, d. h. Konglomerate, an denen Drucker 
und Künstler gearbeitet haben, ohne mehr als 
ganz summarische Vorstellungen von einander 
zu haben. Der Künstler geht wie der Drucker 
lediglich auf das Manuskript zurück; keinem 
fällt es ein, auf diesem Wege zum gemein¬ 
schaftlichen Ziele dem anderen die Hand zu 
reichen. Der Drucker bleibt ganz und gar 
Handwerker, und zwar Handwerker im geringen 
Sinne, Werkzeug, Druckpresse; dem Künstler 
fällt es nicht ein, auch nur um ein Haar aus 
seiner abstrakten Sphäre herauszukommen; er 
macht Bilder in kleinerem Format, wie er sonst 
in grösserem malt. Und bestellt werden die 


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V 


Meier - Gracfe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 43 


Bücher von Bibliophilen oder deren Vermitt¬ 
lern, die in der Regel keins von beiden sind, 
weder Kunstfreunde, noch Bibliophilen, sondern 
— Raritätensammler. 

Von dem Umfang des Raritätenluxus, den 
französische Sammler mit dem Buchwesen 
treiben, kann man sich in Deutschland schwer 
eine Vorstellung machen. In der voijährigen 
internationalen Bücherausstellung in Bing’s 
Salon L’Art Nouveau füllten allein die Werke, 
die von berühmten Künstlern mit der Hand 
in Aquarell oder Federzeichnung illustriert 
waren, mehrere Säle. Manche dieser Original¬ 
illustrationen sind in einfache 3 Fr. 50-Bände 
auf die engen Ränder gezeichnet. P. Gallimard 
hat sich in ein einfaches Exemplar der Bau- 
delaire’schen Fleurs du Mal, erste Auflage 
(Poulet Malassis, 1857), von Rodin Illustrationen 
mit der Feder zeichnen lassen, die mit zu dem 
Feinsten gehören, das der berühmte Bildhauer 
je gescharten hat Gallimard ist wohl der inte¬ 
ressanteste der vielen Pariser Büchersammler; 
man darf ihm nachrühmen, dass er in seinen 
Neigungen das Tüchtige bevorzugt; was er an 
Originalillustrationen besitzt, gibt allein eine 
kleine gediegene Übersicht über die moderne 
Malerei in Frankreich. Nur liefern all diese, 
wenn auch noch so vortrefflichen, noch so künst¬ 
lerischen Spielereien keine Beiträge zur Ent¬ 
wickelung der Buchkunst. 

Ganz ähnliche Verhältnisse finden wir bei 
den reproduktiv illustrierten Werken. AlsTechnik 
par excellence dafür gilt der Holzschnitt; nicht 
der wundervolle Schnittcharakter der Alten, 
dessen starke Linien unzertrennlich mit aller 
echten Illustrationskunst verbunden bleiben, son¬ 
dern jene unglückselige moderne „realistische" 
Technik, die den Übergang zu unseren mecha¬ 
nischen Reproduktionsverfahren bildet In der 
Übertragung der Originale ist nichts Besseres 
denkbar; Bellenger, Beltrand, Florian u. A. dürfen 
sich als würdige Nachkommen der Holzschneider 
aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, der 
Meaulle, Piaud u. s. w., betrachten. Viele von 
ihnen kommen den besten modernen Ameri¬ 
kanern gleich; wie Leveilte z. B. eine Skulptur 
wiederzugeben versteht, das ist schlechterdings 
unerreicht Nur vermag man eine solche Gra¬ 
vüre ausserhalb des Buches in vernünftigem 
Format ungleich besser zu gemessen. 

Dasselbe lässt sich von den meisten Origi¬ 


nalen zu diesen technisch vollendeten Repro¬ 
duktionen sagen, die im Aufträge der vielen 
französischen Luxusediteurs — Conquet, Boudet, 
Rondeau, Marne, Ferrould, Pelletan, Paul & 
Guillemin, Quentin, Floury u. s. w.— gefertigt 
worden sind. Vierge, der Meister dieser Kunst, 
hat sich in Tausenden der entzückendsten 
Tuschzeichnungen ein unvergängliches Denk¬ 
mal gesetzt, das gewiss nicht durch dieThat- 
sache geschmälert wird, dass er, der so viele 
Bücher illustriert hat, für die Buchkunst nicht 
das mindeste bedeutet Er verdient keinen Vor¬ 
wurf dafür, dass andere seiner Kunst eine irr¬ 
tümliche Verwendung gaben. Zwischen den 
fast gehauchten Nuancen seiner Töne, seiner 
Zeichnung, die ohne jede feste Kontur verläuft, 
und der Drucktype fehlt es an jeder Beziehung. 
Der Stil, der darin steckt, hat nichts mit dem 
viel gröberen Stilbegriff zu thun, der im Buch 
das einzige verwendbare ist, der starke Linien 
und mehr oder weniger deutlich stilisierte Orna¬ 
mente verlangt. Wo die Franzosen die starke 
Linie anwenden, die sich für den alten Holz¬ 
schnitt eignet, da dient sie mehr oder weniger 
der Karikatur. Hier liegt zweifellos das glän¬ 
zendste Feld französischer Illustration — und 
der französischen Zeichnung überhaupt, weil 
hier der französische Esprit seine natürlichste 
Äusserung findet. Was Lautrec, Forain, Re- 
nouard, Caran d’Ache und viele andere davon 
in die Bücher und Zeitungen des modernen 
Frankreich gestreut haben, verträgt den Ver¬ 
gleich mit den besten Karikaturen, selbst mit 
denen unseres grossen Busch und Oberländers. 
Zugleich lässt sich von hier, wie wir später sehen 
werden, verhältnismässig am leichtesten die 
Brücke zum Buchmässigen finden. 

Aber die Pariser Bibliophilen würden mit 
Entrüstung die Zumutung, diese Bücher mit zu 
denen von Liebhaber-Wert zu rechnen, zurück¬ 
weisen. Dieser Wert beginnt erst da, wo der 
abstrakt bildmässige Charakter der Illustration 
gesichert erscheint. Viele Verleger verzichten 
sogar auf den letzten Rest einer typographi¬ 
schen Seite der Illustration, indem sie diese ganz 
aus der Textfläche, wo sie wenigstens einer 
gewissen äusseren Disposition zu genügen hatte, 
entfernen und sich nur mit Vollbildern begnügen. 
Dafiir wird der ganze Apparat der Original¬ 
technik aufgeboten, der in unserem Jahrhundert 
von den Franzosen so glänzend erweitert worden 



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44 


Meier-Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


ist Dem Holzschnitt gesellt sich die Litho¬ 
graphie bei, die vor hundert Jahren von einem 
Deutschen entdeckt, aber erst in Paris begriffen 
wurde, und die im Buche wenigstens nicht un¬ 
natürlicher als der gewöhnliche moderne Holz¬ 
schnitt erscheint Der Kupferstich wird durch 
die Radierung erweitert; hier ist der Wider¬ 
spruch schon gegen das ästhetische Empfinden, 
denn jede Radierung, zumal die mit scharfen 
Konturen, muss mechanisch leiden, sobald sie 
in ein Buch gepresst wird, das im einzelnen 
Blatt keine Oberfläche duldet Schreiend wird 
der Unfug, wenn, wie dies vereinzelt bereits 
geschehen ist, die neuesten Techniken, Glypto- 
graphien, also Reliefs in das Buch eingeführt 
werden, die von rechtswegen verlangen, dass 
das Buch an den Stellen, wo die Reliefblätter 
liegen, immer offen gehalten wird. 

Man begegnet solchen Verirrungen auch in 
anderen Ländern, selbst in Amerika. Dass sie 
in Frankreich so stark hervortreten, liegt daran, 
dass nirgends so viel Kapital für rein biblio¬ 
phile Zwecke vorhanden ist, wie hier. Kein 
Verleger schreckt vor den ungeheuerlichsten 
Honoraren an Künstler und Schriftsteller zurück, 
sobald er seines Publikums sicher ist, und diese 
Sicherheit bedeutet hier ganz phantastische Be¬ 
griffe. Aber keinem fällt es ein, sich einmal 
den Luxus neuer Typen zu leisten, ja noch 
heute ist es eine Seltenheit, in einem Text, 
dem die kostbarsten Originalplatten beigefügt 
sind, die bescheidenste eigene Leiste zu finden. 
Es fehlt vollkommen an der Grundbedingung 
der Buchkunst: am individuellen Gefühl für 
typographische Gestaltung. 

Diesen Mangel vermag die Aufwendung 
grösster Kunst ebenso wenig zu überwinden, 
wie die kostbarsten Gemälde ein Zimmer wohn¬ 
lich machen können. Wie man mit den gering¬ 
sten Mitteln, einzig und allein mit der aparten 
Zusammenstellung einfacher Farben und Linien, 
einen Raum hersteilen kann, der, sobald es 
auf das Ensemble ankommt, das prunkvollste 
Gemach zu schlagen vermag, so steht auch 
das simpelste englische Buch für zwei oder 
drei Schillinge höher als irgend eines der be¬ 
rühmten illustrierten livres de bibliophiles, das 
hunderte kostet, weil das englische nach einem 
Gesichtspunkt komponiert ist und in der Wahl 
der Type, der Art und des Formats des Papiers, 
des an sich vielleicht höchst unbedeutenden 


Textschmuckes, kurz in allen Details einen ein¬ 
heitlichen künstlerischen Willen verrät. Die Fran¬ 
zosen sehen in dem Buch nie dies Ensemble, 
sondern verschiedene Einzelheiten, sei es die 
Illustration oder die Gravüre oder den Ein¬ 
band u. s. w. Jedem ist das Buch seinen 
Neigungen entsprechend eins der Mittel zu den 
Zwecken, die er auch auf anderen künstleri¬ 
schen Gebieten verfolgt, nie ist das Buch der 
Selbstzweck. Unter diesen Details spielt die 
glänzendste Rolle der Einband, den Frankreich 
die letzten Jahrhunderte fast allein für sich in 
Anspruch nahm, und der in der Pariser Technik 
bis vor dreissig Jahren von den Bibliophilen der 
ganzen Welt als unerreichbar gepriesen wurde. 

Ein Blick auf die gegenwärtigen Verhält¬ 
nisse der Pariser Reliure hat aber etwas von dem 
ungemütlichen Empfinden bei einem rapiden 
Umzug, wie man ihn heutzutage in grossen 
Städten bewerkstelligt Überall stehen unge¬ 
ordnet durcheinander eigene und fremde Sachen; 
der frühere Hausherr ist noch nicht ganz her¬ 
aus, man sieht noch, angedeutet durch alle 
möglichen halbzerstörten Details, wie früher die 
Wohnung war; und der neue Herr ist noch 
nicht darin; von dessen neuem Heim kann man 
sich noch nicht die leiseste Vorstellung machen; 
er weiss es selbst noch nicht und sorgt zu¬ 
nächst nur ängstlich dafür, dass alles, was dem 
Vorgänger gehört, bis auf das kleinste Rest- 
chen hinauskommt und alles, was sein eigen 
ist, herein. Wie er nachher damit fertig wird, 
ist eine andere Frage. 

Auf der einen Seite: eine mächtige, im Ab¬ 
sterben begriffene Vergangenheit, auf der anderen: 
eine aller Pietät baare Jugend, die mit flottem 
Neuerungssinn voreilig zerstört, ohne etwas 
Besseres an Stelle des Alten setzen zu können. 
Kampf giebt es überall in der Kunst. Nirgends 
aber ist er so schnell und unerbittlich entschieden 
worden, nirgends verdient der Überwundene 
mehr Sympathie, nirgends sieht man das Alte 
mit so grossem Bedauern scheiden, wie hier, 
und wenn man sich auch sagt, dass einmal ge¬ 
schieden sein muss: das Neue ist deshalb nicht 
unbedingt willkommen. Man wird schwer einen 
überzeugenderen Beleg für die alte Wahrheit 
finden, dass sich jeder Fortschritt aus dem Vor¬ 
handenen entwickeln muss, und dass eine Neue¬ 
rung, die bewusst auf jede Beziehung zum 
Vorhergehenden verzichtet, der gesundesten 


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Meier • Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


45 


und stärksten Förderungen auf ihrem Wege 
entbehrt 

Die grossen Zeiten desGrolier, die in unserem 
Jahrhundert Trautz-Bauzonnet mit seiner glän¬ 
zenden Suite wieder belebte, sind lange vor¬ 
über. Noch lebt der Nachkomme dieser grossen 
Relieure in Mercier, der treu in der Tra¬ 
dition verharrt und die überlieferten Formen 
mit der überlieferten Technik ä petits fers 
besser als irgend einer in Europa in Gold 
prägt Aber diese Formen, die graziösen Linien 
Louis XV. und XVI., haben gar zu wenig 
mehr mit der Gegenwart gemein. Marius Michel, 
aus alter Relieurfamilie stammend, stellt den be¬ 
wussten Übergang zur Moderne dar und hält sich 
im allgemeinen von den tollen Ausschweifungen 
fern, denen die Jüngeren in Frankreich fast 
allgemein unterliegen. Ihnen scheint jede klare 
Vorstellung von dem Wesen ihres Metiers ab¬ 
handen gekommen zu sein. Viel Geschick und 
unendliche Mühe im einzelnen werden auch 
hier verwandt. Aber es fehlt an der Basis, 
vor allem an Zeichnern, die sich einfach monu¬ 
mental zu äussem vermögen und zugleich 
w issen, was sich am besten für eine rationelle 
Technik eignet. Die meisten Binder machen 
sich selbst die Zeichnungen und betonen dabei 
nur das, was ihre technischen Spezialitäten zur 
Geltung bringt, unbekümmert um den gewerb¬ 
lichen Charakter des Einbandes. Die Beziehung 
zum Buche ist rein literarischer Art; der Ein¬ 
band, meint man, soll möglichst prägnant den 
Charakter des Buches verraten; wenn man den 
Band in die Hand nimmt, soll man schon eine 
schone Ahnung von dem bekommen, was darin 
steht — Man kann sich leicht vorstellen, zu 
welchen geschmacklosen Indiskretionen solche 
Anspielungen ausarten können. 

Diesen Zwecken dient jede erdenkliche 
Technik. Nur die beste der Alten, die Präge¬ 
technik ä petits fers, bleibt so gut wie vernach¬ 
lässigt Am häufigsten ist Ledermosaikierung, 
in der neben Marius Michel als der bedeutendste 
Gruel erscheint, und die von Raporlier, Canape, 
Meunier und vielen anderen gebraucht und 
missbraucht wird. 

Dann Inkrustationen aller möglichen Mate¬ 
rialien, mit denen sich namentlich die Künstler 
Nancys beschäftigen, Martin, Prouvö, Wiener 
u s. w.; sie wenden auch vielerlei Lederskulptur 
en relief und glatt an, in der sich in Paris 


Madame Vallgren besonders auszeichnet. End¬ 
lich auch hier der unvernünftige Luxus der 
Originalmalereien, zu denen jeder Sammler den 
Maler, der ihm behagt, heranzieht, auf Karto- 
nagen, die Carayon am besten herstellt 

Es ist ein buntes Bild, aber keineswegs er¬ 
quicklich. Man stelle sich Bücher vor, mit 
schwitzendem Oel bemalt, das an den Fingern 
haftet, mit scharfen Metallerhöhungen, die sich 
keiner Bibliothek einfugen, weil sie ihre Nach¬ 
barn aufschlitzen würden, mit feinen Reliefs aus 
empfindlichstem Material, die man kaum zu be¬ 
rühren wagt. Von dem gewerblichen Begriff 
des Einbandes, d. i. des Schutzdeckels für das 
Buch, ist dabei so gut wie alles verloren ge¬ 
gangen, denn diese Reliuren bedürfen wieder 
besonderer Schutzvorrichtungen, die Reliefs und 
Applikationen verlangen sogar Postamente; auf 
der letzten Marsfeldausstellung ist einer der 
Nancyer so weit gegangen, einen Bronzeein¬ 
band auszustellen, der mit schweren Ketten 
wie Prometheus an einen Felsen angeschmiedet 
war, und zu dessen Gebrauch zunächst die Kraft 
einiger starken Männer erforderlich gewesen 
wäre. Aber niemand denkt ja an den Ge¬ 
brauch dieser Gebrauchsartikel, nie fallt es dem 
Amateur der Reliure ein, auf etwas anderes als 
seine Reliure zu achten, ebenso wenig wie sich 
der Amateur der Gravüre im wesentlichen für 
etwas anderes als sein enges Gebiet interessiert. 

Aus dieser Betonung des Einzelnen in rein 
künstlerischem Sinne entwickelt sich das Kunst¬ 
gewerbe in Frankreich als ein vollkommenes 
Abstraktum, als objet d’art, das ernsthafter ge¬ 
werblicher Beziehungen gänzlich entbehrt, nicht 
Fisch, nicht Fleisch ist und am richtigsten etwa 
als eine Nebenerscheinung der bildenden Kunst 
aufgefasst wird, nicht als ein besonderes Ge¬ 
biet mit eigenen Gesetzen. 

Es hiesse aber den Franzosen Unrecht thun, 
wollten wir ihnen all die Fehler, an denen ihre 
Buchkunst krankt, zur Last legen, ohne nach 
mildernden Umständen zu suchen. Der fran¬ 
zösische Geschmack manifestiert sich seit Jahr¬ 
hunderten in so überzeugender Form, dass man 
schlechterdings vor einem Rätsel zu stehen 
meint, wenn man die Masse der französischen 
Luxusbücher betrachtet, denen gerade das in 
letzter Linie abgeht, was man im übrigen dem 
französischen Geschmack nachzurühmen ge¬ 
wohnt ist Das Rätsel erhellt sich, wenn man 


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4 6 


Meier-Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


die Entwickelung der französischen Kunst in’s 
Auge fasst, also auf die ästhetischen Quellen 
der angewandten Künste zurückgeht. 

Frankreichs Ruhm liegt in jener grossen 
realistischen Malerei, die für alle Schulen der 
Welt mehr oder weniger vorbildlich geworden 
ist, und die der Natur auf all den Wegen, 
die so mannigfaltig sind, wie der Charakter 
des beweglichen Volkes, möglichst nahe zu 
kommen sucht. Ihr Dogma ist frei genug, 
um die Entwickelung alles dessen zu gestatten, 
was Frankreich an Geist, Grazie und Sinnen¬ 
freude besitzt Nur in einem Punkt ist es 
rigoros, muss es sein, um seine Eigentümlich¬ 
keit zu behalten. Es konnte nur dadurch zu 
seiner Macht gelangen, dass es all die Fak¬ 
toren unterdrückte, die stilbildend wirken und 
der angewandten Kunst unmittelbar förderlich 
werden. 

Eine Kunst, die wesentlich in Malerei auf¬ 
geht, kann füglich nur angewandte Erschei¬ 
nungen koloristischer Art hervorbringen. Das 
geschieht in Frankreich in reichstem Masse. 
Man braucht nur an die Toiletten und die Stoffe 
überhaupt, im Luxusgewerbe an die glänzende 
moderne Keramik und die Glaskunst zu denken, 
um den deutlichen Reflex der grossen franzö¬ 
sischen Koloristik wiederzufinden. Auch die 
Linie der flotten Pariser Zeichner taucht in 
vielerlei Form im Pariser Leben wieder auf. 
Nur fehlt ganz und gar jede lineare Beziehung 
dieser Kunst zu all den Dingen, die der Neu¬ 
zeit in festen Stilformen überliefert worden sind. 
Zwei Generationen lang blieb diese einschnei¬ 
dende Differenz zwischen der immer reicheren 
Malerei und dem vollkommen abgestorbenen 
Gewerbe unbemerkt. Keiner der modernen 
Sammler fand die Unnatur heraus, in einem 
Salon Louis XV. oder XVI. die kühnsten Manets, 
Monets oder Degas zu hängen, die man mit 
grösster Energie nach hartem erbittertem 
Kampfe mit der alten Kunsttradition durchge¬ 
setzt hatte. 

Da wurde eines Tages Japan in Paris ent¬ 
deckt ... In den nächsten Wochen gelangt die 
Sammlung Goncourt unter den Hammer. Bing, 
dem Freunde der Verstorbenen, ist das schwie¬ 
rige Amt des Experten übertragen worden. 
Manches Stück wird dabei wieder zu Tage 
kommen, das mit zu dem ersten gehörte, was 
die Pariser aus Japan zu sehen bekamen, und 


dabei wird die ganze Geschichte der merk¬ 
würdigen Invasion wieder wach, die in den 
siebziger Jahren von den Goncourts, ihren Maler¬ 
freunden und nicht zuletzt durch Bing hervor¬ 
gerufen wurde, und die die meisten anderen Län¬ 
der früher oder später ergriff. Was die moderne 
Kunst, die reine wie die angewandte, Japan 
verdankt, darüber Hessen sich viele Bücher 
schreiben. Unter anderem lernte Frankreich an 
Japan jene Differenz erkennen; es begriff, dass 
eine künstlerische Kultur erst dann im Voll¬ 
besitze ihrer Kraft steht, wenn sie ihre Stärke 
auf allen Gebieten des menschlichen Milieus 
gleichmässig erprobt hat. 

Die Engländer hatten sich diese Erfahrung 
bei den alten Florentinern geholt. Mit viel ge¬ 
ringerer künstlerischer Subjektivität und ebenso 
viel geringerer Widerstandskraft begabt, accep- 
tierten sie um so schneller, was sie dort und 
im Orient fanden. Mit echt moderner Geschwin¬ 
digkeit blühte in England ein Kunstgewerbe in 
die Höhe, das, ganz und gar eklektisch, so gut 
wie gar nicht eigen war, aber dessen fremde 
Elemente mit so viel Geschmack verwandt 
schienen, dass es tief in das breite Volk dringen 
konnte und gar bald anfing, einen gewichtigen 
Einfluss auf andere Länder auszuüben. 

Frankreich wurde von diesem Einfluss, wenn 
überhaupt davon die Rede sein kann, am späte¬ 
sten erreicht. In der Internationalen Bücheraus¬ 
stellung in L'Art Nouveau war zum ersten Mal 
in Paris eine Gelegenheit zum Vergleich ge¬ 
boten. Das gesamte engUsche Buchgewerbe war 
in den denkbar besten und typischsten Exem¬ 
plaren vertreten. Der Eindruck auf die Pariser 
aber war so gering wie möglich. Die wenigen 
Verleger, die sich überhaupt zu einem Besuch 
der Ausstellung aufrafften, kamen nicht im ent¬ 
ferntesten auf den Gedanken, dass diese eng¬ 
lischen Bücher besser als die ihrigen seien, und 
die anderen, die zu Hause geblieben waren, 
hielten sich davon von vornherein überzeugt. 
— Auf anderen gewerbUchen Gebieten ist es 
wenig anders. Immerhin fängt man auch hier an, 
zu erkennen, dass die Engländer etwas haben, 
was Paris nicht besitzt, wenn man auch dies 
Besitztum nicht für erstrebenswert erachtet. 
Das letztere ist bis zum gewissen Grade be¬ 
greiflich. Denn nie würde sich die kräftige 
Kunst Frankreichs mit der englischen Rolle 
begnügen, der Interpret älterer oder fremder 


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Meier - Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


47 


Manifestationen zu werden. Wo aber an¬ 
zugreifen ist, um den greifbaren Vorteilen der 
Dccadenten auf eigenem Wege nahezukommen, 
das weiss heute noch niemand. Auf Schritt und 
Tritt ist allen französischen Versuchen, stili¬ 
sierende Wirkungen zu erzielen, die mächtige 
Naturtradition im Wege, mit der alles Gute 
bisher erreicht worden ist. An ihr zu rütteln, 
heisst etwas Ähnliches, wie auf politischem Ge¬ 
biet den Gedanken an Elsass-Lothringen zu 
uberwinden. Und selbst, wenn der gute Wille 
da wäre, bleibt die Aufgabe schwierig. Die 
Franzosen der ersten Hälfte des Jahrhunderts 
haben zu heftig gegen die Stilistik, die ihnen 
in Gestalt des Klassizismus entgegentrat, reagiert, 
als dass den heute lebenden Nachfolgern, die 
bis auf jeden Blutstropfen ihre Kinder sind, die 
Gegenreaktion, die wieder der Stilisierung fähige 
Linien zu schaffen vermag, leicht werden könnte. 
Hier kann es sich also, wenn überhaupt, nur 
um eine Stilisierung handeln, die über alles Vor- 
hergegangene hinausgeht. Darnach wird in 
Frankreich überall krampfhaft gesucht Man 
trachtet mit allen nur möglichen Einfällen nach 
einem Kompromiss zwischen einem unklaren 
StilbegrifT und dem schärfsten Realismus. Die 
Konsequenzen können nicht schlimmer sein, als 
sie sind. Am erträglichsten ist die Lage da, 
wo man den Realismus einfach gewähren lässt, 
wie in der bilderartigen Illustration; geradezu 
verblüffend geschmacklos wird die Sache, wenn, 
wie das z. B. viele moderne Binder versuchen, 
„der Realismus stilisiert wird“. Das Paradox 
sieht geschrieben schon genügend unsinnig aus, 
in Wirklichkeit ist es schlechterdings uner¬ 
träglich. 

Frankreich wird lange Zeit brauchen, bis es 
aus diesem Dilemma herauskommt, an dem 
bis jetzt seine ganzen gewerblichen Versuche 
scheiterten. Ganz gewiss eignet sich Japan, und 
zwar nicht das Japan, das die Engländer dem 
übrigen Europa vermitteln, sondern die Quelle 
selbst, am besten zum Lehrmeister. Denn hier 
ist das Problem beinahe gelöst; frei herrscht 
der überzeugendste Realismus, und zugleich er¬ 
scheint uns die Handschrift, derer er sich be¬ 
dient, so markant, dass es nur weniger Accente 
bedarf, um daraus den Stil abzuleiten, der dem 
Gewerbe zu dienen vermag. Dass das moderne 
Japan keinen Stil im Sinne unserer Traditionen 
besitzt, kann dabei nur als Vorteil gelten. Denn 


der Stil, der sich mit der französischen Kunst 
nicht in Widerspruch stellen will — und nur 
darum kann es sich natürlicherweise handeln 
— wird sich, wie der japanische, nur in Nuancen 
äussem. Wie überall wird auch hier die Zeich¬ 
nung die Trägerin der Bewegung werden, hier 
zumal, da sich kaum ein prägnanterer Ausdruck 
für französisches Wesen denken lässt als die 
Art, wie die französischen Zeichner das Leben 
und Treiben ihrer Zeitgenossen schildern. Dieser 
Ausdruck ist so knapp gefasst, so reduziert 
auf das Äusserste, dass er fast einer Zeichen¬ 
sprache gleichkommt Felice Vallotton hat ihm 
bereits eine Art von typographischer Form ge¬ 
geben. Die Note, die er vertritt, scheint mir 
die zukunftsicherste für unsere Interessen. Die 
Deutschen dürfen übrigens den Ruhm in An¬ 
spruch nehmen, zur Entwickelung gerade dieser 
höchst wesentlichen Seite des hochbegabten 
Künstlers beigetragen zu haben, denn die Bücher, 
in denen Vallottons Veranlagung für Typogra¬ 
phie am überzeugendsten zum Ausdruck kommt, 
sind deutschen Ursprungs, stammen von einem 
Deutschen und sind von Deutschen verlegt 

Die wenigen übrigen französischen Buch¬ 
schmuckversuche neueren Genres, unter denen 
die Auriols, Bonnards, Grassets, Denis’, Jossots, 
Knowles, Lep&res, Ronais* und ähnlicher her¬ 
vortreten, die Luxusbücher, die Uzanne u. a. 
für ihre Bibliophilenkreise zusammenstellen, sind 
ihrer Art nach zu sehr Einzelerscheinungen, als 
dass sie sich unter einem gemeinsamen Gesichts¬ 
winkel betrachten Hessen. So viel Gutes in man¬ 
chen von ihnen enthalten ist, sie können nicht 
als Repräsentanten der modernen französischen 
Buchkunst gelten. Von dieser ist zunächst noch 
keine Rede. — Da die gewerbliche Renaissance 
in Frankreich vom Buch ausgehen wird, so ge¬ 
winnt die französische BibHographie für die Zu¬ 
kunft besondere Bedeutung; bis sie aber die 
Traditionen unserer BibHophilen überwindet, 
wird es noch lange dauern. 

Gegenwärtig werden, da, wie wir sahen, 
eine direkte Verbindung zwischen der modernen 
realistischen Kunst und dem Gewerbe noch 
nicht besteht, die Völker die Führer im Ge¬ 
werbe und auch in der Buchkunst sein, die 
über keine glänzende Kunst, aber über ge¬ 
schärftes Verständnis für moderne Bedürfnisse 
verfügen, die durch keine glänzende gewerbliche 
Vergangenheit gehindert werden, vorwärts zu 


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48 


Meier-Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


schauen, und deren künstlerische Ambitionen im 
Stilistisch-dekorativen verlaufen. Es werden die 
praktischen Völker sein, die industriellen, deren 
Sinn dem Abstrakten abgewandt ist, die sich 
in ihrer konkreten Welt mit der praktisch ver¬ 
wertbaren Kunst zu umgeben wünschen. 

Thatsächlich liegt denn auch die Führung 
im Buchgewerbe, abgesehen von England, das 
sich niemals ganz von der allzunahen Verwandt¬ 
schaft mit dem Quattrocento befreien wird, in 
den Händen von Skandinaviern, Belgiern, Hol¬ 
ländern und Amerikanern. Amerika, das kunst¬ 
gewerblich wohl die grösste Zukunft besitzt, 
weil sich in ihm alle günstigen Faktoren zu 
vereinen scheinen, bleibt im Buch auffallend 


abhängig vom Mutterland. Unter den Skandi¬ 
naviern herrschen, abgesehen von einzelnen vor¬ 
züglichen Typographen, die Binder vor; von 
der Übermacht der dänischen Einbände konnte 
man sich wieder einmal auf der Ausstellung der 
Art Nouveau überzeugen. Die Kollektion, die 
Hendriksen für diesen Zweck zusammengestellt 
hatte, schlug selbst die besten englischen Arbeiten. 
Den Holländern sind in vereinzelten, allerdings 
höchst überraschenden Fällen gute Bücher und 
Einbände gelungen (Dijsselhof, Berlage, L. Ca- 
chet, van Huytema u. s. w.). Eine moderne 
weitere Buchkunst aber, die alle Teile des 
Buches gleichmässig bedenkt, ist bisher nur in 
einem Lande deutlich bemerkbar, in Belgien. 

Schlussartikel folgt. 



Kritik. 


Supplement to Hain*s Repertorium bibliographi - 
cum , or Collections towards a new Edition of that 
Work. In Two Parts. The first containing nearly 
7000 Corrections of and Additions to the Colla- 
tions of Works described or mentioned by Hain: 
The second, a List with numerous Collations and 
bibliographical Partiailars of nearly 6000 Volumes 
printed in the fifteenth Century, not referred to 
by Hain. By W. A. Copinger . Part I. London: 
Henry Sotheran and Co., 1895. 

Erst im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts 
wandte sich das Interesse der Bücherfreunde in 
grösserem Umfange den Druckwerken des fünf¬ 
zehnten Jahrhunderts, die man „Wiegendrucke“, 
„Incunabula“, nannte, zu, indem man anfing, diese 
ehrwürdigen Denkmäler der Vergangenheit, die seit¬ 
her ziemlich unbeachtet in dem Staube der Biblio¬ 
theken verborgen waren, ohne Rücksicht auf ihren 
Inhalt, lediglich ihres Alters wegen zu sammeln 
und in bibliograpischen Werken zu verzeichnen. 
Bereits die in den Jahren 1719—1741 in 5 Bän¬ 
den erschienenen „Annales typographici“ von Mich. 
Maittaire brachten im L und IV. Bande eine 
Menge interessanter Nachrichten nicht nur über 
die Inkunabeln selbst, sondern auch über deren 
Drucker, aber das Werk war trotz seiner Indices 
infolge seiner wenig übersichtlichen Anlage nur sehr 
schwer zu benutzen, und die von vielen anderen 
Gelehrten dazu veröffentlichten Supplemente mach¬ 
ten die Benutzung nur noch schwieriger und um¬ 
ständlicher. Weit in den Schatten gestellt wurden 


alle diese Werke durch die 1793—1803 zu Nürn¬ 
berg in 11 Bänden erschienenen, bis 1536 reichen¬ 
den „Annales typographici“ G. W. Ranzers, die 
in Bd. I—HI die datierten Drucke bis 1500 
alphabetisch nach den Druckorten, in Bd. IV die 
ohne Druckort, aber mit Jahreszahl erschienenen 
Drucke chronologisch, die Drucke ohne Ort und 
Jahr alphabetisch nach den Namen der Verfasser 
geordnet verzeichnen. Bd. V giebt ein dreifaches 
Register über die Werke, die Druckorte und die 
Drucker, Bd. XI ein Supplement zu dem ganzen 
Werke. 

An Panzers Werk schlossen sich andere Ar¬ 
beiten über Inkunabeln, allgemeine Verzeichnisse 
wie Monographien von Panzer sowohl wie von 
anderen Gelehrten in Menge an, aber alle diese 
Werke konnten auf die Dauer für eingehendere 
Untersuchungen nicht genügen; es fehlten ihnen 
vor allem die Angabe der Zeilenteilung und die 
getreue Wiedergabe der Abkürzungen, die allein 
es ermöglichen, undatierte Drucke genau zu be¬ 
stimmen. Erst Luchvig Hain lieferte in seinem 
„Repertorium typographicum,“ Stuttgart und Paris 
1826—38, 2 Teile in 4 Bänden, ein Werk, das 
für die Inkunabelforschung grundlegend geblieben 
ist und auch heute noch von niemand, der mit 
Inkunabeln zu thun hat, entbehrt werden kann. 
Alphabetisch nach den Verfassern oder den Titeln 
geordnet, verzeichnet das Repertorium über 16 000 
Drucke des 15. Jahrhunderts, indem Hain von 
allen in der unvergleichlich reichen Inkunabel- 


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Kritik. 


49 


Sammlung der Münchener Hof- und Staatsbibliothek 
vorhandenen Werken genaue Beschreibungen giebt 
Neben diesen durch ein Sternchen vor der Nummer 
ausgezeichneten, mit bewundernswerter Sorgfalt ab¬ 
gefassten ausführlichen Beschreibungen führt Hain 
noch alle Drucke, deren Titel er in anderen Wer¬ 
ken fand, die er aber nicht selbst gesehen hat, in¬ 
gekürzter Form, meist ohne Zeilentrennung und 
Abkürzungen auf. Fehler und Versehen kommen 
natürlich auch bei Hain vor, namentlich in dem 
vierten, nach dem Tode des Verfassers erschiene¬ 
nen Band, aber je mehr man das Werk benutzt, 
desto mehr muss man den riesigen Fleiss und die 
ausserordentliche Genauigkeit des Verfassers be¬ 
wundern. ln sehr vielen Fällen, wo man beim 
Vergleichen einer Inkunabel mit Hains Beschrei¬ 
bung Verschiedenheiten findet und zuerst geneigt 
ist, bei Hain ein Versehen anzunehmen, stellt es 
sich bei eingehenderer Untersuchung heraus, dass 
Satzvarianten, die in älterer Zeit bekanntlich un- 
gemein häufig sind, vorliegen. 

Seit dem Erscheinen des Hamschen Werkes 
ist nun die Inkunabellitteratur gewaltig angewach¬ 
sen; Kataloge von Bibliotheken, Monographien 
über einzelne Druckwerke, Drucker, Städte und 
linder brachten eine solche Fülle von Hain un¬ 
bekannten oder von ihm nicht nach eigener Ein¬ 
sicht beschriebenen Drucken zu Tage, dass eine 
Sammlung dieses zerstreuten Materials ein dringen¬ 
des Bedürfnis wurde. Mit allgemeiner Freude 
wurde daher die Ankündigung begrüsst, dass Herr 
IV. A. Copinger, Präsident der englischen biblio¬ 
graphischen Gesellschaft, nach jahrelangen Vor¬ 
arbeiten ein Werk herauszugeben gedenke, das in 
seinem ersten Teile nahezu 7000 Verbesserungen 
und Zusätze zu den von Hain beschriebenen und 
angeführten Drucken bringen, in seinem zweiten 
Teile aber ungefähr 6000 Hain nicht bekannte 
Drucke verzeichnen sollte. Man hoffte darin ge¬ 
naue Beschreibungen der bei Hain ohne Sternchen 
angeführten oder ganz fehlenden Drucke nach den 
Exemplaren der dem Verfasser leicht zugänglichen 
englischen Bibliotheken oder nach zuverlässigen 
Inkunabelwerken zu finden, so dass man in den 
beiden Werken von Hain und Copinger ein nahe¬ 
zu vollständiges Repertorium über die erhaltenen 
Drucke des XV. Jahrhunderts besitzen würde, dem 
man dann leicht die in noch nicht genügend 
durchforschten Bibliotheken auftauchenden Werke 
anfigen könnte. Auf Grundlage dieser Vorarbei¬ 
ten hätte man später versuchen können, in Mono¬ 
graphien nach Art der trefflichen Arbeit von 
Schorbach-Spirgatis über Knoblochtzer in Strass¬ 
burg die Menge undatierter Inkunabeln, soweit es 
überhaupt möglich ist, bestimmten Druckereien zu¬ 
zuweisen, und nach Vollendung auch dieser Arbeit 
hätte man endlich an die Herausgabe eines neuen 
„Repertorium bibliographicum“ über die Drucke 
des XV. Jahrunderts denken dürfen. 

Seit Jahresfrist liegt nun der L Teil des Co- 
p mg ersehen Werkes vor, und man kann jetzt 

Z. f. B. 


wohl, nachdem man genügend Zeit gehabt hat, 
sich mit ihm vertraut zu machen, die Frage auf¬ 
werfen, inwieweit es die gehegten Erwartungen und 
Hoffnungen erfüllt hat Ich muss nun gestehen, 
dass ich von dem Werke etwas enttäuscht worden 
bin. Herr Copinger hat sich allzusehr darauf be¬ 
schränkt, eine Vorarbeit für eine Neubearbeitung 
des Hainschen Werkes zu liefern, und allzuwenig 
berücksichtigt, dass eine solche doch noch in 
weiter Feme steht, und dass seine Arbeit bis da¬ 
hin eine Ergänzung zu Hain bilden muss. So hat 
er nicht ein gleichberechtigtes Seitenstück zu Hain 
geliefert, sondern seine Arbeit ist im Grunde ge¬ 
nommen nichts als ein allerdings mit ungeheurem 
Fleiss gearbeiteter Index zu einer grossen Anzahl 
neben Hain erschienener Inkunabelwerke. Was 
der Verfasser als Zweck seines IL Teiles angiebt: 
„It is intended to be merely introductory to some- 
thing better—rather to indicate the sources of In¬ 
formation than to give the actual collations which 
must subsequently be made“ (I S. IX) trifft auch 
für den L Teil zu, er ist nur dann nutzbar zu 
machen, wenn man daneben auch alle die vom 
Verfasser angezogenen Werke besitzt Er erleich¬ 
tert wohl deren Benutzung durch genaue Zitate, 
macht die Quellen selbst aber nicht entbehrlich. 
Es dürfte aber nicht jedermann in der Lage sein, 
sich, um das nahezu 100 M. kostende Werk über¬ 
haupt benutzen zu können, noch eine ganze Bi¬ 
bliothek von Inkunabelwerken anzuschaffen. Diese 
verfehlte Anlage scheint mir ein grosser Mangel 
des Werkes zu sein. Da indessen jeder Autor 
sich am Ende das Ziel seiner Arbeit so stellen 
kann, wie es ihm passend erscheint, wenn nur die 
Ausführung dem Zwecke des Autors selbst ent¬ 
spricht, nehme ich die Anlage des Werkes einmal 
als gegeben an und wende mich der Frage zu: 
hat Copinger seinen eigenen Plan konsequent 
durchgeführt, und wie steht es mit der Zuver¬ 
lässigkeit seiner Angaben? Was den,ersten Punkt 
betrifft, so ist es mir bei Benutzung des Werkes 
nicht klar geworden, nach welchen Grundsätzen 
der Verfasser eigentlich verfährt, wenn er bald 
vollständige Beschreibungen giebt, bald sich mit 
dem Hinweis begnügt, wo solche zu finden sind. 
Zu Hains kurzer Angabe bei Nr. 8 fügt er z. B. 
nur hinzu: „26 L, 3off. including ist blank. B. M. 
958. b. 8.“, während er bei Nr. 19 das Exemplar 
des British Museum beschreibt Bei Nr. 1711 ist 
aus Voullifcmes Werk „Die Incunabeln der Kgl. 
Universitäts-Bibliothek zu Bonn,“ Leipzig 1894, 
Nr. 86, die vollständige Beschreibung abgedruckt, 
bei Nr. 46 dagegen heisst es nur: „56 & 57L, 66ff. 
Bonn Nr. 433, giving full collation.“ Welchen 
Zweck es hat, aus Voulltemes genauer Beschrei¬ 
bung lediglich die Zahl der Blätter und der Zeilen 
mitzuteilen, die doch Hains kurze Angaben nicht 
hinreichend vervollständigen, sehe ich nicht ein, 
da man ja unter allen Umständen den Bonner 
Katalog nachschlagen muss. Und dergleichen In¬ 
konsequenzen trifft man fast auf jeder Seite. Auch 


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Kritik. 


SO 


die Zuverlässigkeit der Angaben, namentlich wo 
es sich um Abdruck von Beschreibungen aus ande¬ 
ren Werken handelt, lässt zu wünschen übrig; man 
vergleiche z. B. die Nummern 1162 a, 13980, 1711, 
1775, 16044 mit Voullifcmes Nummern 62, 73, 86, 
92, 95. Manchmal sind Copingers Angaben ge¬ 
radezu irreführend, so wenn bei Nr. * 2408 nur 
eine Verschiedenheit des Bonner Exemplars (Voul- 
li&me Nr. 163) von dem bei Hain beschriebenen 
angeführt wird, während die beiden an sich rich¬ 
tigen Beschreibungen auch an anderen Stellen 
nicht übereinstimmen, da ihnen zwei im Satz ver¬ 
schiedene Exemplare zu Grunde liegen. Auf diese 
Satzverschiedenheiten ist überhaupt, selbst wo sie 
durch eine Vergleichung der dem Verfasser vor¬ 
liegenden Beschreibungen leicht festzustellen waren, 
viel zu wenig geachtet worden. 

Zum Beweise meiner obigen Behauptungen 
habe ich aufs Geratewohl einige Fälle herausge- 
griffen; jeder Benutzer des Werkes wird ohne Mühe 
eine Menge anderer auffinden können. Trotz allen 
Ausstellungen aber, die ich an Copingers Arbeit 
machen musste, stehe ich doch nicht an, sie für 
eine höchst verdienstvolle Bereicherung der In- 
kunabellitteratur zu erklären. Indem sie die Quellen 
und Aufbewahrungsorte der bei Hain ungenau ver- 
zeichneten oder ganz fehlenden Drucke nach¬ 
weist, erspart sie nicht nur dem Bearbeiter eines 
künftigen Repertoriums viele Arbeit, sondern ist 
auch überall in Bibliotheken, wo man über die 
Quellen selbst verfügt und Copingers Angaben 
nachprüfen kann, bei Inkunabelarbeiten mit Nutzen 
zu verwenden. Für die grosse Mühe und Arbeit, 
der er sich unterzogen hat, sind daher alle In¬ 
kunabelforscher dem Verfasser zu Dank verpflich¬ 
tet Hoffentlich giebt der zweite Teü Gelegen¬ 
heit, auch der Ausführung uneingeschränktes Lob 
zu spenden. 

Darmstadt Adolf Schmidt 


.« 

„Sammlung bibliothekswissenschaftlicher Arbeiten** 
von KarlDiiatzko , 10. Heft (Preis 6 M.); M. Spirgatis 
in Leipzig. 

Von den neun Aufsätzen entstammen vier der 
Feder des Herausgebers, und für den ersten derselben 
„Warum Caxton Buchdrucker wurde“ müssen wir dem 
Verfasser besonders dankbar sein. Wie er im 8. Hefte 
derselben Sammlung auf Grund aller vorhandenen ur¬ 
kundlichen Nachrichten ein Lebensbüd Gutenbergs 
gab, so fuhrt er uns nun den ersten englischen Buch¬ 
drucker in gleicher Weise vor Augen. Das wichtigste 
Ergebnis seiner Untersuchung dürfte sein, das Caxtons 
erstes Druckwerk nicht vor 1473, vielleicht aber erst 
1474 erschien, und dass die selbständige Druckerthätig- 
keit des Colard Mansion, die mitunter in nebelgraue 
Feme zu rücken versucht wird, kaum vor 1476 (allen¬ 
falls 1475) begonnen hat — Von seinen anderen Auf¬ 
sätzen werden die „Bibliotheksanlage von Pergamon“, 
sowie die bibliographischen Untersuchungen über den 


„Mönch am Kreuze“ und über den „Absatz dreier Ver¬ 
lagsartikel Franz Behems von Mainz auf der Frank¬ 
furter Fastenmesse von 1548“ nur bestimmte Kreise 
interessieren, dagegen beansprucht seine Arbeit „Über 
Inkunabelnkatalogisierung“ allgemeines Interesse. Der 
Wunsch, dass Hains Repertorium in einer völlig um¬ 
gearbeiteten und erweiterten Gestalt neu aufleben möge, 
ist allgemein verbreitet, und Dziatzko präcisiert nun 
mit der ihm zu Gebote stehenden Sachkenntnis und 
der ihn auszeichnenden Gründlichkeit, wie die Be¬ 
schreibung der Bücher zu erfolgen habe, wobei auch 
der etwaigen Bücherillustrationen Rechnung getragen 
werden soll. 

Ferner hat J. Schnorrenberg über „Die Erstlings¬ 
drucke des Augustinus, de arte praedicandi“, Ferd. 
Eichl er über „Die Autorschaft der akademischen Dis¬ 
putationen“, W. Brambach über „Die päpstlichen Bi¬ 
bliotheken“, J. Joachim über „Das Brüsseler Dezimal¬ 
system“ und M. Spirgatis über die „Nürnberger 
Moli&reübersetzungen und ihren Verleger Johann Da¬ 
niel Tauber 41 geschrieben. Aus dem Inhalte dieser 
Aufsätze dürfte am meisten interessieren, dass die vati¬ 
kanische Bibliothek nicht, wie vielfach vermutet wird, 
bereits in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters 
angelegt und seitdem fortgesetzt wurde, sondern dass 
ihre Begründung erst durch die Päpste Nicolaus V. 
(1447—55) und Sixtus IV. (1471—84) erfolgte, und ferner, 
dass schon zu Lebzeiten Moli&res seine Stücke in 
Deutschland weite Verbreitung fanden. S. 

« 

Karl Vollmöller: Über Plan und Einrichtung des 
Romanischen Jahresberichts . Erlangen, Fr. Junge 
(M. 3). — Der Kampf um den Romanischen Jahres - 
bericht . Ebda. (M. 2). 

Der „Romanische Jahresbericht“ unseres Mitarbei¬ 
ters Professor Vollmöller in Dresden ist die erste zu¬ 
sammenhängende Darstellung der gesamten Leistun¬ 
gen und Fortschritte auf dem Gebiete der romanischen 
Philologie und ihrer Grenzwissenschaften innerhalb eines 
Jahreslaufs, eine periodisch erscheinende Fortsetzung 
und Ergänzung zu Gröbers berühmtem „Grundriss“. 
Der in Vierteljahrsheften verausgabte Jahresbericht er¬ 
schien zuerst im Verlage von R. Oldenbourg in Mün¬ 
chen; seinen Prozess mit der genannten Firma behan¬ 
delt der Verfasser ausführlich in der zweiten der oben 
genannten Broschüren. Der Prozess ist für die ganze 
Schriftsteüerwelt interessant und belehrend, er ist in der 
That ein „Beitrag zur Klärung des Verhältnisses zwi¬ 
schen Autor und Verleger.“ Rühmend hervorgehoben 
sei der ruhige und sachliche Ton, in dem Prof. Voll¬ 
möller, der schliesslich einen glänzenden Sieg erstritt, 
die Einzelheiten des Prozessganges schildert. 

Die zweite Broschüre berichtet über die Organi¬ 
sation des nunmehr im Verlage von Fr. Junge in Er¬ 
langen erscheinenden „Romanischen Jahresberichts“, 
der als eine grossartig angelegte Rundschau über 
Sprache, Litteratur und Kultur der romanischen Völker 
dem Fachgelehrten wie dem praktischen Schulmann 
gleich willkommen sein wird. —v. 


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Kritik. 


51 


Die Jenaer Liederhandschrift . Facsimile-Ausgabe 
in Lichtdruck. Jena, Fr. Strobel, 1896. Gr.-FoL, in 
Mappe M. 200, in gepresstem weissein Schweinsleder¬ 
band mit Beschlägen M. 250. 

Der berühmte Minnesängercodex, von dem man 
annimmt, dass er in der ersten Hälfte des XIV. Jahr¬ 
hunderts für einen der Thüringischen Landgrafen an¬ 
gefertigt wurde, ist aus der alten kurfürstlichen Biblio¬ 
thek in Wittenberg nach Jena gekommen, wo er die 
Zierde der dortigen Universitätsbücherei büdet Die 
Handschrift ist oft genug beschrieben worden (zuletzt 
von Rochus von LiHencron in der „Zeitschr. f. vergleich. 
Literaturgeschichte“), so dass wir uns auf einige kurze 
Erläuterungen beschränken können. Der älteste der 
in dem Codex vertretenen Dichter ist Spervogel; ihm 
schliessen sich in chronologischer Reihenfolge an: 
Bruder Wemher, Meister Alexander, der Tanhäuser, 
dann als Sänger aus der zweiten Hälfte des XIII. Jahr¬ 
hunderts Gervelin, der Urenheimer, der Henneberger, 
der Unverzagte, Guter, Litschower, Singauf, v. d. Lippe, 
Goldener, Rumsland von Sachsen, Rumsland von 
Schwaben, der alte Meissner, Poppe und Hermann der 
Damen; dem XIV. Jahrhundert gehören an: Fürst 
Wizlav von Rügen und Frauenlob. Der Hauptwert 
der Jenaer Handschrift liegt in den beigegebenen Me¬ 
lodien, die für uns die einzige Quelle zur Beurteilung 
der Musik der Minnesänger sind. Den Abdruck der 
Melodien findet man bereits im vierten TeÜ v. d. Hä¬ 
gens „Minnesänger“; dagegen ist das vorliegende, 
nach jeder Richtung gelungene grossartige Werk die 
erste Facsimilierung des berühmten Codex. 

Der Wert derartiger Facsimiles ist gar nicht genug 
zu schätzen. Die Kostbarkeit des Originals ermöglicht 
nicht dessen Verschickung zu Studienzwecken; die Ein¬ 
sicht am Aufbewahrungsort ist aber für ferner Woh¬ 
nende häufig mit Schwierigkeiten verbunden. Oft ge¬ 
nug ist auch der Verlust wertvoller Handschriften und 
Druckwerke durch elementare Ereignisse oder der¬ 
gleichen zu beklagen gewesen; man erinnere sich nur 
an den Untergang des „Hortus delidarum“ der Herrad 
von Landsperg beim Brande der Strassburger Univer¬ 
sität 1870 und des Verschwindens der beiden Psalter¬ 
exemplare von 1457 in Aschaffenburg und Mainz wäh¬ 
rend des französischen Revolutionskrieges. Zudem 
vermag auch der beste, mit grösster Sorgfalt herge¬ 
stellte Abdruck nicht die absolute Genauigkeit der 
Facsimiles zu ersetzen. 

Der Strobelsche Verlag in Jena hat mit der Vor¬ 
lage ein Meisterwerk geschaffen, das zu Zwecken 
wissenschaftlicher Forschung ohne weiteres an die 
Stelle des Originals treten kann. Die 266 Seiten der 
Foliohandschrift sind zunächst photographiert und dann 
in unveränderlichem Lichtdruck reproduziert worden. 
Da beide Seiten jedes Blattes phototypisch bedruckt 
sind, so enthält das Werk 133 Blätter. Vorangeschickt 
ist die Subskriptionsliste und als Einleitung eine paläo- 
graphische Beschreibung der Handschrift von Dr. K. 
K. Müller , Oberbibliothekar der Jenaer Universität 
Die Ausführung der Arbeit hat die bekannte graphische 
Kunstanstalt von Meisenbach, Riffarth & Co. über¬ 
nommen; einige Seiten lieferte Fr. Haack in Jena. 


Das Werk wird auch in einzelnen Blättern in einer 
Mappe geliefert, doch empfiehlt sich der besseren Er¬ 
haltung wegen das gebundene Exemplar. Der Ein¬ 
band, von F. X. Vierheilig in Würzburg hergestellt, 
wirkt zunächst durch seine imponierende Statdichkeit 
Man glaubt, einen der dauerhaften, gewissennassen 
für Zeit und Ewigkeit gebundenen Folianten des XVI. 
Jahrhunderts vor sich zu haben. In der That ist der 
Einband auch dem Originaldeckel nachgebüdet worden, 
an dem sich noch die Kette befindet, mit der das 
Werk am Pulte angeschlossen war. Das weisse, resp. 
lohfarbige Schweinsleder des Deckels ist durch Blind¬ 
pressungen in Felder geteüt und durch schöne grosse 
Messingbeschläge in gotischem Stil geschützt 

Die Kostbarkeit der Herstellung bedingte den 
hohen Preis, der übrigens keineswegs übertrieben zu 
nennen ist. Von der in 140 Exemplaren gedruckten 
Auflage sind z. Z. nur noch 50 auf Lager; da ein Neu¬ 
druck nicht beabsichtigt ist, so werden Bibliotheken 
und Bücherfreunde gut thun, sich baldigst ein Exem¬ 
plar dieses Monumentalwerks zu sichern. —z. 

« 

H. C. Andersen: Die Prinzessin und der Schweine¬ 
hirt. 13 farbige Kunstblätter von Heinrich Leffler. 
Gesellschaft für vervielfältigende Kunst, Wien, 1897. 
Gr. 4°. 

Vor uns liegt eine in lichtgrünem Satin gebundene 
Mappe, deren Inhalt eine der schönsten Perlen der 
Andersenschen Märchensymbolik birgt Herr Leffler 
hat es unübertrefflich verstanden, das Zarte und Duftige 
des Märchens neben dem Charakteristischen in seinen 
Illustrationen zum Ausdruck zu bringen. Er ist unseres 
Wissens der Erste, der mit der altmodischen Kaulbach- 
haft gedrungenen oder Thumannisch gesäuselten Manier, 
Märchen zu illustrieren, gebrochen hat Ein grosser 
Teü der schönsten Dichtungen von Andersen, Grimm, 
Musäus u. s. w. sind nicht für Kinder bestimmt, oder 
vielmehr nicht in ihrem tiefsten Sinne Kindern ver¬ 
ständlich. Ein solches Märchen braucht auch nicht kind¬ 
lich illustriert werden. Herr Leffler versetzt die 
hübsche Kaiserstochter mit dem Spatzenhirn in die 
heitere Zeit des Rokoko zurück; gleich das Titelblatt 
zeigt sie uns unendlich charakteristisch auf der mar¬ 
mornen Balustrade ihres Parkes, die auch ihren geistigen 
Horizont zu begrenzen scheint. Nach höfischer Sitte der 
Zeit zugestutzte Bäumchen schliessen sie von der grünen 
Wiese der weiten Welt ab. Zarte Lämmerwölkchen 
schweben am blauen Himmel. Finster aber starrt der 
verkleidete Schweinehirt zur Pracht ihres rosa und 
weissen Kleides, ihres edelsteinfunkelnden Corselets und 
ihrer leichtsinnig auf dem gepuderten Hinterköpfchen 
schaukelnden Krone empor. 

Jedes der dreizehn Blätter, deren Mittelschüd den 
Text in feinen, etwas nachlässigen gotischen Buch¬ 
staben trägt, ist in seiner Art reizend. Die Bordüren 
aus roten und sübemen Herzen, aus empörten Hof¬ 
damengesichtem u. s. w., die den farbigen Büdem bei¬ 
gegeben sind, sowie die an Stelle der Ausschlussstücke 
getretenen Zeichnungen sind von zierlichster Anmut. 


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52 


Kritik. 


Als besonders charakteristisch zu nennen sind Blatt IV 
(die erstaunten Würdenträger), Blatt VIII (die zehn 
Küsse), vor Allem aber Blatt IX (die klatschenden 
Hofdamen). 

Es will uns beinahe scheinen, als ob der grosse 
Aufschwung, den die künstlerische Buchausstattung seit 
einiger Zeit genommen hat, zum Teü an ziemlich wert¬ 
lose Litteratur verschwendet wird. Mit grosser Freude 
begrüssen wir daher die gute Wahl, die Herr Leffler 
getroffen hat, und hoffen, bald noch Weiteres aus 
Andersens Juwelenschatz von ihm illustriert zu sehen. 


Geschichte der englischen Literatur von den ältesten 
Zeiten bis zur Gegenwart . Von Professor Dr. Richard 
Wülker. Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut. 
1896. Lex.-Form., Halbleder; mit 150 Abbildungen im 


Werk für die weiteren Kreise der Gebildeten handelt 
wie bei demWülkerschen Buche. In solchen Fällen aber 
kann die Illustration zu einer überaus lebendigen Ver¬ 
anschaulichung des textlichen Inhalts werden; ein Por¬ 
trät und ein handschriftliches Blatt bringen uns die 
Menschen vergangener Zeit unwillkürlich näher als es 
zuweilen selbst die gelungenste Charakteristik des Lite¬ 
rarhistorikers vermag. 

Wülkers „Geschichte der englischen Literatur“ be¬ 
rücksichtigt weniger die Einzelheiten und das für den 
Spezialforscher anziehend wirkende Beiwerk als das 
Ganze. Die Aufgabe des Verfassers war, auf wissen¬ 
schaftlicher Basis ein volkstümliches Werk zu schaffen, 
und das ist ihm gut gelungen. Seine Darstellung ist 
nie trocken und langweilig, sondern bleibt immer 
gleich interessant. Dass er bei Besprechung der poe¬ 
tischen Hauptwerke kurz den Inhalt derselben zu skizzie¬ 
ren pflegt, wird dankbar empfunden werden. Der bei- 



Shakespeares Grabinschrift in der Dreifaltigkeitskirche zu Stratfort. 
Nach einer Photographie. 

Aus Wülker: Geschichte der englischen Litteratur. (Leipzig, Bibliographisches Institut.) 


Text, 25 Tafeln in Farbendruck, Kupferstich und Holz¬ 
schnitt und 11 Facsimile-Beilagen. (In 14 Lief, ä M. i; 
gbd. M. 16.) 

Das bibliographische Institut plant eine Sammlung 
von ülustrierten Darstellungen der Litteratur aller wich¬ 
tigen Kulturvölker; der vorliegende Band eröffnet die 
Kollektion. Das Projekt ist ein neuer Beweis dafür, 
dass das Misstrauen gegen illustrierte wissenschaftliche 
Werke so ziemlich geschwunden ist. Es war auch nur 
da begründet, wo der Bilderschmuck als Hauptzweck 
erschien und der Wert des Textes zurücktreten musste. 
Selbstverständlich wird bei wissenschaftlichen Büchern 
die Illustration nur immer da in Kraft treten können, 
wo es sich nicht um gelehrte Zwecke, sondern um ein 


gegebene Bildschmuck ist offenbar direkt nach den 
Originalen reproduziert worden. Professor Wülker ist ein 
gründlicher Kenner der englischen Handschriften; man 
spürt seinen Einfluss auch bei der Auswahl des Illustra¬ 
tionsmaterials. Die technische Vervielfältigung der Vor¬ 
lagen verdient allesLob; unter den farbigen Kunstbeilagen 
befindet sich manches Meisterstück, wie das Facsimile 
des Anfangs von Chaucers Canterbury-Geschichten, der 
Krönungstafel aus der Froissard-Handschrift und des 
Beginns des Johannis-Evangeliums. Ein kleiner Irrtum 
fiel mir auf S. 379 auf. Die erste deutsche Übersetzung 
des „Robinson Crusoe“ von Defoe erschien 1720 nicht 
in Frankfurt und Leipzig, sondern nach neuester 
Forschung in Hamburg bei Thomas Wierings Erben. 



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Chronik 


Meinungsaustausch. 



deutet Nagler in seinen Monogrammisten Bd. i, 


S. 784 als Emst Vöglein Baccalaureus Sculpsit und 
verbessert die Ansicht Christ’s, demzufolge der be¬ 
treffende Holzschneider um 1635 in Leipzig gelebt 
haben soll Nagler weist nach, dass die Platten der 
FDete, in denen jenes Zeichen vorkommt, schon 1573 
bekannt waren, sagt aber; „Nur kennen wir kein Buch 
mit den Randleisten, auf welchen sie Vorkommen.“ 
Die Königliche Bibliothek in Dresden besitzt mehrere 
Drucksachen mit diesem Zeichen. Das älteste mir vor¬ 
gekommene ist Wolfgang Ammon, Libri tres odarum, 
Lipsiae apud haeredes Jacobi Berualdi Anno 1579. 
(Mus. B. 1814). In diesem sind alle Seiten, auch das 
Titelblatt mit schmalen Fileten eingefasst, welche oben 
und unten jedesmal Tiere, Hasen, Hirsche, Hunde 
Vögel etc darstellen, an den Seiten aber Säulchen, 
auf welchen allerhand Heilige stehen. An den Fileten 
am Fusse der Seiten findet man nun vielfach jenes 
BE VS, doch sehen die zwei zwischen den Buchstaben 
gekreuzten Gegenstände nicht wie Schnitzmesser und 


Grabstichel aus, sondern haben folgende Gestalt 
wohingegen der Grabstichel sich mehrfach auf anderen 


Seiten in anderer Form findet, 



ln dem mit Musiknoten versehenen Büchlein finden 
sich auch zahlreiche kleine feine Stiche, Scenen aus 
der biblischen Geschichte darstellend, fast alle mit 
einem kleinen aber deutlichen Kreuz in dieser Form 


versehen ♦, einer nur mit Die gekreuzten 

Schnitzmesser, aber ohne Buchstaben, findet man in 
Randleisten um Simon Malsius, Johanni Georgio . . . 
Li psi a e , excudebat Tobias Beyer. 1612. (H. Sax. C. 
81, 174), die von mir oben angegebene Form um Otto 
Schwalenberg, Elegia consolatoria, Lipsiae ex Offidna 
Poenca 1623 (H. Sax. C. 81, 89 m), und endlich den 
Grabstichel mit dem breiten Hefte, gekreuzt mit dem 
dünnen Schnitzmesser, innerhalb der 4 Buchstaben in 
den Randleisten um L. B., Fama natalida. Gedruckt 
zu Dresden durch Gimel Borgen 1619. (H. Sax. C. 
118, 28). Alle drei offenen Blätter sind sehenswert, 
offenbar nach demselben Vorbilde ausgeführt, und doch 
jedes abweichend von dem andern. Auf dem Schwalen- 
bergschen Blatte findet man rechts unten einen bärti¬ 
gen Kopf mit der Umschrift ITDSNCLE, und das 
Medaillon gehalten von zwei Bären, im Hintergrund 
Baume, so dass man an den Drucker Bärwald denken 
könnte. Das interessanteste Blatt ist entschieden das 
bei Gimel Borgen gedruckte wegen der auf ihm vor¬ 
kommenden mancherlei Figürchen. So sind z. B. die 
Zwischenräume zwischen den einzelnen Fileten mit 
drei bis vier Millimeter grossen Löwchen, an einer an¬ 
deren Stelle mit winzigen Fechterpaaren ausgefüllt, 
und rechts oben scheinen zwei nackte Bübchen mit 
Stangen ein Breichen zu schieben, auf dem man ein 


Monogramm zu finden hofft, bei Zuhülfenahme der 
Lupe aber findet, dass der Künstler ABCDEF darauf 

GHIKLM 

gestochen hat. NOPQ 

Vielleicht finden sich aus dem Leserkreise noch 
erfolgreichere Aufschlüsse über das Zeichen mit den 
beiden gekreuzten Trommelstöcken. R. 

Wer kann mir den Verfasser des folgenden Werkes 
nennen: PaulBello. Ein Burschengemälde; dem Geist 
von Sibaris gewidmet. Ein Pendant zu den Galanterien 
von Berlin. Frankfurt und Leipzig 1785. Titelkupfer, 
fec. Grünler 1785. In 8°, Titel mit Vignette, 2 Bll. 
„Apostrophe an alle Kunstrichter Deutschlandes, gross 
und klein, mit und ohne Bart, mit und ohne Kopf, mit 
und ohne Gailsucht, gerichtet“. Unterzeichnet; „Ge¬ 
schrieben auf den Trümmern des Kaiser-Truzes ohn- 
weit Heidelberg. J. P. B**r“. Dann folgt als Schmutz¬ 
titel: „Paul Bello, der lokkere Akademiker“. 246 Seiten, 
31 Kapitel („Abschnitte“); am Schlüsse: „Nunc si voltis, 
ne vapulem reor impetrari posse, si plausum darum 
detis!“ — Das Ganze ist ein Studenten-Roman voll 
derber Obscönitäten. Der Druckort ist fingiert; Weller 
giebt keinen Aufschluss darüber. Vielleicht ist es Rötzl 
in Wien, unter dessen gleicher Deckadresse im selben 
Jahre Joh. Friedeis Roman „Heinrich von Wahlheim“ 
erschien. Friedei ist bekanntlich auch der Verfasser 
der oben genannten „Briefe über die Galanterien von 
Berlin“, O. 0 .1782 (Gotha, Ettinger). Auch Hayn, der 
in seiner „Bibi. Germ. Erot“ das Buch als „höchst 
sdten“ anführt, kennt den Verfasser nicht. Es wäre 
mir als Beitrag zu einer Geschichte des deutschen ko¬ 
mischen Romans im 18. Jahrhundert wichtig, ihn zu 
erfahren. F. G. 

In Daniels bekanntem geographischen Handbuch 
(3. Auf!., 1869, S. 297) finde ich ein Buch „ The banks 
of the Maine“ des englischen Dichters Geddes erwähnt 
nach dem ich bisher bei Brockhaus, Tauchnitz, Fues 
etc. und in Londoner Antiquariaten vergeblich gefahn¬ 
det habe. Kann mir ein Leser dazu verhelfen? 

Pf. Dr. K. 


Mitteilungen. 

Ein Buch aus Michelangelos Bibliothek. — Bücher 
mit Einzeichnungen erlauchter Vorbesitzer gehören zu 
den köstlichsten Schätzen der Sammlung eines Biblio¬ 
philen. Ich bin so glücklich, eine grosse Anzahl von 
Büchern aus Arthur Schopenhauers Bibliothek mit 
seinen interessantesten Randbemerkungen zu besitzen 
und habe darüber vor Jahren ausführlich berichtet 
(„Edita und Inedita Schopenhaueriana,“ Leipzig, Brock- 


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54 


Chronik. 


haus, 1888). Aus des berühmten Goetheforschers von 
Loeper Bibliothek ist in die meinige übergegangen das 
Exemplar des „Buches des Labus,“ welches Goethe mit 
einer herrlichen Inschrift versah und als „königliches 
Buch orientalicher Weisheit“ seiner Suleika Wülemer 
schenkte (siehe mein „Goethesches Zeitalter der deut¬ 
schen Dichtung.“ [Leipzig, Engelmann, 1891] S. 134). 
Aber über diese und ähnliche Schätze kann ich doch 
den Ärger nicht vergessen, dass ich einst ein Buch aus 
Michelangelos Bibliothek, mit zahlreichen Anstreich¬ 
ungen von seiner Hand, hätte erwerben können und 
es mir doch habe entgehen lassen. 

Es war in Mailand, im Jahre 1886, als mir eines 
Tages der Antiquar-Buchhändler Vergani ein kleines 
Duodezbändchen in abgegriffenem Pergamenteinbande 
zeigte; das Titelblatt war herausgerissen, und das Buch 
begann gleich mit dem Schmutztitel 

P. Ovidii Nasonis Heroidum über« 

Auf die Heroidenbriefe folgten noch die „Amores“, 
die Bücher „de arte amandi“ und „de remedio amoris.“ 
Ich wollte eben fragen, was an diesem schlechten Exem¬ 
plar einer vermutlichen Florentiner Giuntine aus dem 
Anfang des XVI. Jahrhunderts merkwürdiges sei, als 
ich am Fusse des Schmutztitels die Worte las 

Ex libris Mich, angnolo 
Bonarota 

Die Handschrift liess auf den ersten Blick erkennen, 
dass sie echt war. Michelangelo schrieb sich selbst 
bekanntlich niemals so: in den Originalmanuskripten 
der „Rime“ begegnet man meist „Michelagnolo“, 
„Michelagniolo“, einmal „Miccelangniolo“ (siehe die 
Quartausgabe von QuastL Florenz, Le Monnier, 1863). 
Charakteristisch für den grossen Pessimisten waren in 
dem Bande auch die Anstreichungen einzelner ovidi- 
scher Verse, so namentlich, auf pag. 293, die Doppel- 
anstreichung des Distichons im III. Buche der „Ars 
amandi“ (v. 63Q: 

Nec, quae praeteriit, rursum revocabitur unda: 

Nec, quae praeteriit, hora redire potest 

(Die Anstreichung Michelangelos ist anbei genau 
nach dem Original facsimiliert). 

Als ich nach dem Preise dieses unschätzbaren 
Bändchens fragte, entgegnete Vergani, er sei mit dem 
Besitzer noch nicht einig und könne mir erst später 
einen Preis machen. Kurze Zeit darauf musste ich 
Mailand verlassen, die erbetene Nachricht Verganis 
über das Buch kam mir nach meinem, allerdings etwas 
entfernten neuen Wohnort —- Port au 
Prince auf Haid — nicht zu, und dann 
erfuhr ich,dass Vergani plötzlich gestorben 
sei Der Ovid Michelangelos war für 
mich verloren. Die Gelegenheit, die ich 
einen Augenblick am Stirnhaar gehalten, 
hatte mir das kahle Hinterhaupt zuge¬ 
kehrt: occasio praecepsl Und die ovi- 
dischen Verse bewährten sich auch bei 
diesem bibliophilen Anlass: 

Nicht, wann vorbei sie geeilt, rufst je die Welle zurück du 
Nicht, wann vorbei sie geeilt, kehret die Stunde zurück. 

Berlin. Eduard Grisebach. 


Über die Bibliothek der Gebrüder Goncourt bringt 
das „Bulletdn du Bibliophüe“ einige interessante Einzel¬ 
heiten. Edmond de Goncourt hat seine Sammlungen 
dreimal dem Publikum vorgestellt, zuerst in zwei selbst¬ 
ständigen Catalogs-Bänden, später gelegentlich der 
Anmerkungen zu den Briefen von Jules de Goncourt, 
und endlich in dem Buche des Herrn Alidor Delzant, 
das dieser unter Zustimmung des Meisters, ja, augen¬ 
scheinlich zuweilen nach seinem Diktat niedergeschrie¬ 
ben hat Aber wenn es Goncourt auch Freude machte, 
von seinen Funden und Seltsamkeitsgelüsten zu erzählen, 
so verstand er sich doch nicht gern dazu, sie den 
heutzutage so häufigen Privatausstellungen zu über¬ 
lassen. Braun hat die 1860 zum ersten Male für den 
Salon Martinet geliehene Zeichnungensammlung photo¬ 
graphiert; teÜweise erhielt sie Georges Petit zum zwei¬ 
ten Male 1884. Einige der schönsten Exemplare zieren 
die Ausgabe der „Art du XVIII e sifccle“ von Quantin. 
Als die Brüder Goncourt 1854 die bevorstehende Ver¬ 
öffentlichung der„Maitresses de Louis XV.“ angekündigt 
und sich damit vom Journalismus losgesagt hatten, 
machten sie sich an eine weit mühevollere Arbeit: an 
die „Histoire de la Sociötö frangaise sous la Revolution 
et le Directoire.“ Damals bot ihnen ihre Bibliothek 
noch nicht ihre späteren unvergleichlichen Hilfsmittel; 
das einschlägige Material zu sammeln, verursachte 
ihnen unbegreifliche Schwierigkeiten. 

Ein Nacheiferer des „Rousseaulätre“ Richard, ein 
Herr Perrot oder Peyrot, hatte sich auf die Sammlung 
von Pamphleten aus der Revolutionszeit geworfen. Aus 
seiner Wohnung in der Rue des Martyrs schleppten die 
Goncourts Arme voll Drucksachen, die sie brauchen 
konnten. In der ersten, später unterdrückten Vorrede 
zur „Histoire de la Socidtö“ haben sie darüber quittiert 
Dank ihrer Wohlhabenheit waren sie im Stande, das 
Material zum historischen Teil ihrer Arbeit, Bücher, 
Autographen, Bilder und Kupfer, in Massen an sich zu 
bringen. 

,,L’ Histoire de la Soddtd frangaise sous l’Empire“ 
blieb Entwurf, ebenso wie „Paris au XVIII e siöcle“, 
wozu Jules die Tafeln gravieren wollte. Aber die 
„Portraits intimes“, „Sophie Amould,“ „Les Maftresses 
de Louis XV.“ , 4 ’Histoire de Marie Antoinette“ ver¬ 
langten solche Materialskosten, dass die Goncourts 
keinen Ersatz dafür bei ihren Verlegern fanden. So 
verkauften sie an den Verleger Dentu ihre „Portraits 
intimes“ für 300 Fr cs., während sie allein 2—3000 Fr cs. 
für Autographen ausgegeben hatten. 

Noch im Jahre 1870 hatte die Goncourtsche Biblio¬ 
thek nicht das lockende Äussere, das sie später in 
Auteuil annahm, obwohl Jules schon lange nach einer 
Skizze Gavarnis das symbolische Ex-libris graviert hatte, 
auf dem zwei Finger auf die Buchstaben E. J. hindeuten. 
Ihre schönsten Bücher standen in einem alten Boule- 
Schrank, den sie von der Mutter geerbt hatten. Es 
waren dies ein paar Bände in antikem Saffian mit den 
Wappen Marie Antoinettes, der Madame de Pompa¬ 
dour, der Dubarry, der Choiseul etc. und einige andere 
von Lortie oder Cassö elegant gebundene Exemplare. 

Alles übrige war auf einfachen Tannenregalen in 
einer Rumpelkammer neben Edmonds Arbeitszimmer 



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Chronik. 


55 


aufgereiht. Nach Jules Tode veröffentlichte Edmond 
mit Vorliebe Werke, die er noch mit den Doppelbuch¬ 
staben zeichnen konnte, so die „Art du XVIII* Sifccle“ 
und den „Gavarni* 1 , und redigierte die Kataloge der 
Werke Watteaus und Prudhons, an die Jules so oft ge¬ 
dacht hatte. 

188$ verwandelte Edmond mit Hilfe des Architekten 
Frantz das zweite Stockwerk seines Hauses in jenen 
berühmten „Boden* 1 , von dem seit zehn Jahren soviel 
gesprochen und geschrieben wird; er diente als Auf¬ 
bewahrungsort für die iconographischen Werke und 
seine Lieblingsbücher. In einem Glasschrank sah man 
J Histoire de Marie Antoinette“, von Lortie p&re ge¬ 
bunden, dann ein Exemplar der „Nanette Salomon“, mit 
zwei Schmelzmalereien von Popelin geschmückt, ferner 
eine Nekrologensammlung und das Manuskript der von 
der Prinzessin Mathilde überihreVorleserinMme.Dieudd- 
Defly verfassten Notiz. Eine Reihe ebenerdiger Fächer 
enthielt nur moderne Bücher in originellen Ausgaben 
und auf sonderbarstem Papier. Die meisten wiesen eine 
Seite aus dem wirklichen Manuskript des Autors auf, 
manchmal ganz zerschunden durch Radierungen, wie 
die, welche Mme. Commanville aus dem Manuskript 
der „Madame Bovary“ gelöst hatte, oder wie die aus 
den „Souvenirs de jeunesse“ von Erneste Renan. 
Andere waren im Gegenteil erst nach der Geburt des 
Werkes geschrieben worden, wie die Stelle aus „Nana“, 
die Zola noch einmal hatte verfassen müssen, weil die 
ursprüngliche unter den Händen des Druckers ver¬ 
schwunden war, oder wie die aus den „Diaboliques“, 
die von roter Tinte triefte, mit Goldstaub gelöscht, und 
mit zahllosen Einschaltungspfeilen versehen. Vor „Ma 
Jeunesse** ist ein Aufsatz des Gymnasiasten Michelet 
gebunden, von der Hand Villemains korrigiert und 
mit einer schmeichelhaften Unterschrift versehen. 

In letzter Zeit hatte Goncourt einen neuen Schmuck 
für die Bücher seiner Freunde ersonnen; er liess auf 
der Titelseite das Portrait des Verfassers in Aquarell, 
Gouache oder Kreide anbringen. 

« 

Das deutsch* Recensententum ist noch gar nicht 
alt. Vor einigen Jahren hätte es sein zweihundertjähriges 
Jubiläum feiern können. Leider hat sich der Urvater 
aller deutschen Recensenten nicht genannt, der im 
Jahre 1681 ein „ Unvorgreiffliches Bedenken über die 
Schriften derer bekanntesten Poeten hochdeutscher 
Sprache" in Königsberg erscheinen liess. Aber wunder¬ 
lich und nacheifernswert ist das Buch doch. In der 
Überzeugung, dass die deutsche Poeterei nunmehr so 
hoch gestiegen, dass sie weder der lateinischen noch 
anderen Sprachen zu weichen habe, beginnt der Ver¬ 
fasser seine Kritik, die sich über 41 Dichter erstreckt, 
mit Martin Opitz und schHesst mit Christian Weise. 
Im Ganzen ist das Urteil dieses ersten Recen¬ 
senten gerecht und richtig; in seinen wunderlichen Aus¬ 
drucken findet vielleicht mancher moderne Kritiker 
neue, eigenartige Muster. Von dem Poeten Mor- 
hof weiss er zu sagen: „Seine Gedichte seind voller 
Feuer und Geist und er weiss auf eine sonderlich an¬ 


genehme und ,flemische‘ Art mit kurzen Worten viel 
auszudrücken. Johannes Georg Albinus Gedichte seind 
gleich einer ansehnlichen Wolken, so zu einer Zeit 
Feuer und Wasser, Donner und Regen ausläflt In 
Enoch Gläsers Gedichten ist eine lebhafte Sinnlichkeit 
in Worten und Gedanken zu spüren; ausserdem hat er 
die Eigenschaft der Gedichte, so in Musik gesetzt 
werden sollen, wohl observieret und den Worten der¬ 
selben einen feinen Nachdruck und nach Gelegenheit 
der Malerei eine gebührende Stärke oder Schwäche 
gegeben, auch die Commata zu rechter Zeit schneiden 
und die Verse nicht unförmig laufen lassen“. „Georg 
Neumarks poetische Schriften führen“, so meint unser 
Kritikus weiter, „eine saubere Niederträchtigkeit mit 
sich“. Der letztere Ausdruck wäre besonders dazu geeig¬ 
net, von unseren heutigen Recensenten eingefuhrt zu 
werden; was er aber bedeutet, das möge aus seinem 
Gegensatz hervorgehn. Ein Dresdner Kreuzschulrector 
gratulierte zu Neujahr 1648 seinem Bürgermeister in 
einem Gedichte, in welchem die Zeilen Vorkommen: 
„Wär* nicht der ein dummes Thier, 

Ein unsinnig grober Stier, 

Der nicht wollt* mit Cedem schreiben 
Eure hochbelobte Farn’?“ 

Dies war nach dem Urteil der damaligen Zeit 
keine „saubere Niederträchtigkeit.** 


Über die Schlussschrift in des Augustinus „De ci- 
vitale christiana '* (Subiaco, 1467), einem jener seltenen 
vier Bücher, die von zwei Deutschen (Conrad Sweyn- 
heim und Arnold Pannartz) im Kloster Subiaco bei 
Rom auf der ersten Presse Italiens gedruckt wurden 
(schönes Exemplar Alb. Cohn, Berlin, Cat 212, M. 1000), 
spricht unser Mitarbeiter Dr. Adolf Schmidt in Darm¬ 
stadt im Januarheft des „Centralbl. f. Bibliotheksw.“ in 
einem längeren Artikel über die Buchdruckertechnik 
des XV. Jahrhunderts. Die drei letzten Zeilen lauten 
nach Dibdin „Biblioth. Spenceriana“: 

FREDERICO. Indictiöe XV. die uero 
duodecima mensis Jumi. 

GOD 

.AL. 

DEO GRATIAS. 

Schmidt führt u. A. aus: Wohl Jedem, der Inku¬ 
nabeln genauer betrachtet, fallt es auf, dass bei man¬ 
chen Drucken an Stellen, die eigentlich leer sein sollten, 
sich deutliche Eindrücke ungeschwärzter Typen oder 
ganzer Satzreihen zeigen, die hier offenbar statt der 
sonst gebräuchlichen niedrigeren Ausschlussstücke ver¬ 
wendet worden sind. Als Grund dafür wird meistens 
angegeben, dass die vorhandenen Quadrate nicht hin¬ 
reichten, die Form auszufüllen; eine einleuchtendere 
Erklärung giebt, soviel ich sehe, nur De Vinne (The 
Invention of Printing, London, 1877), nach dem diese 
als Quadrate verwandten Typen bestimmt waren, die 
am Ende der Zeilen oder überhaupt an exponierten 
Stellen stehenden Typen vor allzuhartem Drucke zu 
bewahren. Aber auch er glaubt irrtümlicherweise, man 
hätte dazu alte, abgenutzte Typen verwendet Nicht der 


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56 


Chronik. 


Mangel an Quadraten war jedoch der Grund der Ver¬ 
wendung von Typen an jenen Stellen, sondern die Not¬ 
wendigkeit, der Form überall die gleiche Höhe zu 
geben, weil der Deckel mit dem zu bedruckenden 
Bogen sich nicht wagrecht aufgelegt hätte, wenn nur 
die eine Hälfte der Form mit Satz, die andere aber 
mit niedrigeren Ausschlussstücken angefüllt gewesen 
wäre. Der durch den bei der alten Holzpresse be¬ 
kanntlich sehr kleinen Tiegel ausgeübte Druck hätte 
die eine Seite des Deckels, da wo sich nur niedrige 
Quadrate befanden, zu arg niedergedrückt, die andere 
Seite aber über dem Satz in die Höhe gehoben, und 
die Folge wäre ein verschmierter undeutlicher Abdruck 
gewesen. Um einen solchen Missstand zu vermeiden, 
brauchten die alten Drucker in dem Raum, der beim 
Abdruck leer bleiben sollte, neben den niedrigen 
Quadraten irgend ein Stück, das gleiche Höhe mit den 
Typen hatte, und hierzu waren natürlich Typen selbst 
am bequemsten, da sie nicht, wie die Konkordan¬ 
zen, erst zu der passenden Höhe zugerichtet werden 
mussten. Wir finden aber auch schon von Anfang an 
Ausschlussstücke in Typenhöhe als Stützen gebraucht, 
und zwar sowohl kleine Quadrate, wie grössere hölzerne 
Stücke. Da diese Typen sowohl, wie die Quadrate im 
Abdruck nicht schwarz erscheinen sollten, es aber beim 
Aufträgen der Druckerschwärze manchmal nicht zu 
vermeiden war, dass auch sie mit Farbe bedeckt 
wurden, mussten die Drucker irgend eine Vorrichtung 
treffen, um das Übertragen der Farbe auf den Druck¬ 
bogen zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurde später 
über den Deckel das Rähmchen gelegt, das mit Papier 
überzogen ist, aus dem nur die Stellen herausgeschnitten 
sind, die sich im Drucke zeigen sollen. In den alten 
Abbildungen von Druckereien, z. B. in dem bekannten 
Holzschnitt Jost Ammans von 1568, ist dieses Rähmchen 
bereits vorhanden, und in den meisten Darstellungen 
der Geschichte der Buchdruckerkunst wird daher an¬ 
genommen, schon die ältesten Drucker hätten davon 
Gebrauch gemacht Nur De Vinne, der selber Fach¬ 
mann war, vermutet, die älteren Drucker hätten auf 
die Teile der Form, die im Abdruck weiss bleiben 
sollten, einfach eine Maske von Papier mit der Hand 
aufgelegt 

Wenn die Drucker Typen als Stützen verwendeten, 
so benutzten sie entweder einzelne weniger häufig vor¬ 
kommende Buchstaben und Zahlzeichen oder Stücke 
abgelegten Satzes. Es lag nahe, dass gelegentlich 
einmal ein Setzer auf den Gedanken kam, die stützen¬ 
den Typen zu Worten zusammen zu setzen, die mit 
dem Text des Werkes nichts zu thun hatten. In diesem 
Falle sollte man die Eindrücke natürlich auch lesen 
können, und es unterblieb daher die Anwendung der 
Papiermaske. In der Darmstätter Inkunabelnsammlung 
habe ich nur einen solchen Setzerscherz gefunden. 
Der fromme Setzer der bei Bämler in Augsburg 1473 
gedruckten „Histori von dem grossen Alexander“ 
schloss die letzte Seite, Bl. 170 a, durch eine Reihe 
grosser Buchstaben ab, die er nach dem Vorbild der 
Handschriftenschreiber zu folgender Bitte an die hei¬ 
lige Jungfrau zusammensetzte: 

MARIA CVM VNS ZE HILF AMEN DICO. 


Ganz ebenso scheint mir die Sache zu liegen bei 
der vielbesprochenen Schlussschrift von Augustinus 
„De civitate christiana“, an deren Erklärung Audifreddi 
„Catalogus Romanorum Editionum Saecoli XV“, Roma 
1783, S. 6—7, verzweifelte, und die Dibdin „Bibliotheca 
Spenceriana“ I, 169, (London 1814) eine „crux biblio- 
graphica“ nennt Was bedeuten die fünf Buchstaben 
GOD.AL. ? Die meisten Bibliographen wollen sie in 
Beziehung zu dem Namen des Setzers oder Correctors 
bringen. Mir scheint zunächst klar zu sein, dass sie 
hier nur als Stützen verwendet wurden; dafür spricht 
schon der Umstand, dass sie nach den Angaben der 
Bibliographen in manchen Exemplaren fehlen, weil 
sie nämlich mit einer Papiermaske bedeckt worden 
waren. Die richtige Deutung hat bereits, wie mir 
scheint, Van Praet in seinem zweiten „Catalogue de 
Livres imprimös sur V^lin“, Paris 1824, 1 , 180, bei einem 
andern Drucke: Sixtus IV. (Franciscus della Rovere), 
„Tractatus duo de Sanguine Christi et de Potentia Dei“, 
Romae, Philippus de Lignamine, ca. 1472, gegeben, 
unter dessen letzten Zeilen gleichfalls die Worte GOD. 
AL. zu lesen sind, die Van Praet als Abkürzung von 
„God almechtich“ erklärt. Graesse (Tresor IV, 110) 
nennt zwar diese Deutung sehr unwahrscheinlich, aber sie 
dürfte nun durch die Erklärung der Worte als Stütze 
und den Vergleich mit dem Bämlerschen Druck sehr 
an Wahrscheinlichkeit gewinnen. Wie der Augsburger 
Setzer die Mutter Gottes nach vollendeter Arbeit anfieht, 
so wendet sich der deutsche Setzer italienischer Drucke 
an den allmächtigen Gott selbst. Die Nachsetzung des 
Adjectivs ist gerade bei dem Ausdruck „God almech- 
tig“ sehr häufig. 

.« 

Das Gebetbuch der Königin Marie von Frank - 
reich, der Gemahlin Ludwig's XII., das der bekannte 
Bibliophile, Herr Charvin , der Bibliothek von Lyon 
vermacht hat, beschreibt Aitnd Vingtrinier im „Bulletin“ 
in einem höchst interessanten Artikel, dem wir folgende 
Einzelheiten entnehmen. 

Obwohl die entzückenden Bilder der auf papier¬ 
dünnem Pergament geschriebenen und gemalten Gebet¬ 
sammlung nicht unterzeichnet sind, weist doch die 
ganze Manier auf den „Kammerdiener 11 und höfischen 
Maler — zu jener Zeit ein Posten, mit Edelmannsrang 
verknüpft und höchst ehrenvoll — Jehan Perr^al, auch 
Jehan von Paris genannt, der 1463 in Lyon geboren 
wurde und seine künstlerische Ausbildung in Brügge 
genossen hat Er war gleichzeitig Maler, Bildhauer, 
Geschichtsschreiber, Dichter und Festungsbaumeister, 
in welch’ letzterer Eigenschaft er auch die Befestigungen 
Lyons anlegte. Von seiner Hand stammen die Grab- 
mäler von Franz II. und dessen Mutter in Nantes sowie 
die Ludwigs XII. und der Anna von Bretagne. 

Der Königin Anna, der Jugendliebe Ludwigs, um 
derenwillen er sich von seiner ersten Gemahlin, der 
Tochter Ludwigs XI., hatte scheiden lassen, widmete 
Perr£al das kostbare Gebetbuch. Nach ihrem Tode 
brachte es der König seiner, dem Frieden mit Gross¬ 
britannien zu Liebe gewählten dritten Gattin, Marie 
von England, im Brautschatze dar. Drei Monate nach 


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Gaogle 



Chronik, 


57 


seiner dritten Hochzeit starb der König; Marie kehrte 
an den englischen Hof zurück und nahm das Buch mit 
Als sie später, ihrem Herzen folgend, den Herzog 
von Suffolk heiratete, schenkte sie das Werk als eine 
lästige Erinnerung an ihre kurze Königswürde ihrem 
Bruder, Heinrich VIII., eine Thatsache, die durch zwei 
am Ende des Bandes befindliche Widmungen bestätigt 
wird. Dort steht nämlich in der Schrift jener Zeit: 

Heures donndes au 
Roi d'Angleterre Henri VIII 
Par sa soeur, la princesse 
Marie, femme de Louis XII 
1530 

Henrico ejus nom“ octavo 
Anglie et Francie regi 
illustrissimo, Maria Franco. 

Regina ejus soror serenissima 
Hunc librum DD 1530 

Heinrich VIII. ist freilich nur in der Einbildung 
seiner erlauchten Schwester König von Frankreich ge¬ 
wesen; vielleicht sollte der Titel auch eine Schmeichelei 
bedeuten. 

Das Buch selbst ist ein Unikum an Schönheit Das 
kleine, zierlich kokette Manuskript besteht aus 95 feinen 
Pergamentblättem in der Grösse von 13,2 zu 8,9 cm., 
von denen 21 Vignetten ausserhalb des Textes tragen, 
während zahlreiche entzückende Figuren in die Schrift 
eingestreut sind. Die zweite Vignette allein zeigt ein 
Blumenstück, bei den anderen bedecken je J/ 4 der be¬ 
treffenden Seite die Gebete illustrierende Gruppen 
von unendlicher Schönheit der Landschaften, Farbe und 
Charakteristik der wenig über einen Stecknadelkopf 
grossen Köpfe. Engelgruppen mit Palmenwedeln oder 
Blutenzweigen schmücken die Säulentafeln unterhalb 
der Gemälde. 

Der Einband besteht aus gelbem, gewaffeltem 
Saffian; die Decken zeigen reiche Rosetten, rot umsäumt, 
mit vier roten Punkten in der Mitte. Goldene, rot 
punktierte Arabesken zieren die Ecken, und rund um 
den Rand läuft zwischen zwei Doppelfaden eine Rauten- 
verzkrung. Der Rücken zeigt reichen Omamenten- 
schmuck. Schwerer, rotpunktierter, in Felder geteilter 
Moirö ersetzt das Vorsatzpapier. Der ganze Einband 
ist im Stil des XVIII. Jahrhunderts gehalten. 

Die rote Saffianhülse, in der das Buch steckt, ist 
eine Arbeit des XIX. Jahrhunderts. 


Antiquariatsmarkt 

Einige treffüch wiedergegebene Neudrucke wert - 
voller alter Werke hat der Verlag von J. Scheitle in 
Stungart erheblich im Preise herabgesetzt, so dass ihre 
Anschaffung auch minder Bemittelten möglich ist. Zu¬ 
nächst ein Facsimile des Enndkrist nach der auf der 
Stadtbibliothek in Frankfurt a. M. befindlichen Aus¬ 
gabe : „Hye hebt sich an von dem Enndkrist ge | nommen 
vnd getrogen vss vil büchera | wie vnd von wem er 
Z.LB. 


geborn soll wer- | dm. Der erst an hab ist wie jacob 
der | erst patrijarch als er sterben solt, Sin | zwölf sün 
für sich beruffte vnd in sinen | segen wolt gebe do sagt 
er sünderlich | dem das jm künftig wer. Do er kam | 
an sun der hiess dan, do sprach er diess wert Dan rieht 
sin volck | als ander geschlecht von ierusalem etc.“ 
Ohne Ort und Jahr, Kl.-Folio, 40 Seiten mit Holzschnitten. 
Von dem „Enndkrist“ kennt man ausser den drei xylo- 
graphischen deutschen Ausgaben vier typographische. 
Die von Hain unter No. 1149 beschriebene, o. O. u.J., 
22 Blätter, wurde lange Zeit für die erste typographische 
gehalten. Der verstorbene Dr. Emst Kelchner hat mm 
nachzuweisen verstanden, dass das Frankfurter Exemplar 
der ersten Ausgabe angehört; seine Ausführungen, die 
dem Facsimile vorangehen, klingen durchaus überzeu¬ 
gend. Er hält das Exemplar gleichfalls für einen Strass¬ 
burger Druck aus der Zeit von 1473—7^ und führt als 
wahrscheinliche Drucker Hussner und Beckenhaus an, 
von denen gemeinsam man nur wenige Drucke kennt 
Die Facsimile-Wiedergabe auf starkem Büttenpapier, 
in nur 200 Exemplaren hergestellt, ist vorzüglich ge¬ 
lungen; es ist die einzige Reproduktion des Originals. 
Der Preis ist von 18 M. auf 10 M. herabgesetzt worden. 

Ein weiterer facsimilierter Neudruck der gleichen 
Firma ist das „Symbolum Apostolicum" oder „das 
Apostolische Glaubensbekenntniss“ mit beigefügtem 
Texte des Credo. Das einzige bekannte Original-Exem¬ 
plar, aus dem ehemaligen Kloster Tegernsee stammend, 
jetzt im Besitze der Münchener Hof- und Staatsbibliothek, 
besteht aus 7 Blättern in KI.-4 0 , die nur auf einer Seite 
mit dem Reiber gedruckt und mit den leeren Seiten 
aufeinandergeklebt sind. Das Ganze zählt 12 Holz¬ 
schnitte mit zwei oder drei Zeilen textlicher Erläuterungen 
unter den Bildern. Bei dem vorletzten Bilde ist dem 
unbekannten Künstler das zweifellose Versehen passiert, 
den Judas mit dem Zacharias verwechselt zu haben. 
Selbstverständlich sind bei dem Facsimile die Holz¬ 
schnitte (in Lithographie) auf einzelnen Blättern wieder¬ 
gegeben worden. Auch hier ist die Reproduktion zu 
rühmen, der Preis (4 M.) sehr mässig. 

Endlich liegen uns noch aus demselben Verlage 
Neudrucke zweier interessanter und seltener Jagd¬ 
bücher vor: 

„Waidwerk vnd FederspieL Von der Häbichen 
vnnd Falcken natur | art | vnnd eygenthumb | wie man 
sie berichten | gewehnen | ätzen | vnnd von allen jren 
Krankheyten soll erledigen | Allen Häbich | vnnd Falcken 
tregem vast nötig vnnd zu wissen nützlich. Durch 
Eberhardum Tappium Lunensem, Burger zu Cöln. Zu 
Strassburgk bey M. Jacob Cammer Lander. Anno 
MDXLij.“ Ferner: „Ein sehr artig Büchlein von dem 
Weydwerk vnd der Falcknery von Fr. Pomay. Lyon 
1671.“ 

Souchart in seiner „Bibliogr. g£n. des ouvrages sur 
la chasse“ (Paris, 1886), einer sonst sehr verdienstlichen 
Zusammenstellung, kennt das erstgenannte Buch gar 
nicht. Das Pomay'sehe Werkchen ist ein wortgetreuer 
Abdruck der deutsch-französischen Original-Ausgabe 
des „Traitd de la vönerie et de la fauconnerie“, das der 
Verfasser seinem „Grand dictionnaire royal“ (Lyon, 
Molin, 1671) als Anhang gegeben hatte, und ist mit Holz- 

8 


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58 


Chronik« 


Schnittvignetten von Jost Amman geschmückt Beide 
Bücher sind sehr hübsch ausgestattet, in Schwabacher 
Lettern auf holländischem Büttenpapier in einer nur 
geringen Anzahl von Exemplaren gedruckt; sie eignen 
sich auch vortrefflich als Geschenke für Jagdfreunde 
und Jagdliebhaber. (Preis 5 M. und 4 M.) —z. 


die weit geneigt ift.“ Das Flugblatt enthält dreissig 
numerierte, teils sehr gut gezeichnete, kräftig in Holz 
geschnittene Bilder, deren jedes von einem dreizeiligen 
Verse in Typendruck auf einem Spruchzettel begleitet ist 
Der Inhalt ist politisch-satirisch, wie dies bei den meisten 
Flugblättern in der bewegten Zeit vor und während der 


<7^TP 

£opfao«r vuwm gfötung 

aug'ßzdtUgZanor. 



„Cop ia der Newen Zeytung aus« Presillg Landl/* 
(wahrscheinlich 1508). 

Facsimile des Titelholxschnitts. 


In seinem Cataloge 212 macht Albert Cohn in Berlin 
Mitteilung von einem anscheinend ganz unbekannten 
Flugblatt . Es besteht aus drei aneinander gefugten 
Bogen. Die Überschrift, mit grösster gothischer Missal¬ 
type gedruckt, nimmt die ganze Länge der Bogen ein 
und lautet: „Der dife practica wel recht verflö Der fol 
fin eige gewifle lo. Richter (in in difer fper Vn wol 
acht han d’ rime 1 er Da vint er f kurtzer frift. waz trw 


Reformation der Fall war. No. I,zum Büde eines Fuchses 
(oder auch einesWolfe ?) mit einer Glocke im Maul, lautet: 

„Den ftunde rieffer gern hör ich 
Wan ich den vil die finen fich 
Gar oft jm lyb fie fröwe mich“ 
und No. 30, zum Bilde eines Totenkopfes: 

„Sich mefch was du vff erde düft 
Mir glich hibfch du werden muft 
Schon din arm fei nit verwuft.“ 


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Chronik. 


59 


Den ganzen dritten Bogen nimmt in reicher Um¬ 
rahmung „die vfelegungvnd der befchlufe differ Figuren“ 
ein, dreispaltig und wiederum in einem dreizeiligen 
Verse für jedes der 30 Bilder, mit der „Beschlufs rede“ 
in 10 dreizeiligen Versstrophen mit Ausnahme der 
letzten, die vieneilig ist: 

„Vch das zu lieb mit vnderfcheit 
ein blinder ftemen feher feit 
ein gut iar vnd ewig felikeit 
winft vch der dis hat vfs geleit 
Amen.* 4 

Bilderschmuck wie Typendruck bekunden unzweifel¬ 
haft den strassburgischen Ursprung des Blattes, das 
wahrscheinlich aus Grieningers Offizin hervorgegangen 
ist und zwar eher vor als nach 1510. Der eine Spruch¬ 
zettel lässt einen Bauern sagen: „Ich hof der buntfchuch 
helf mir fchir“, was vermutlich auf die rheinische 
Bauernempörung von 1502 hindeutet Der Bauernkrieg 
von 1525 scheint nach dem Charakter des Blattes aus¬ 
geschlossen. Der Bundschuh als Wahrzeichen der 
Rebellen war übrigens schon in den letzten Jahren 
des 1$. Jahrhunderts bekannt, wie neuerdings erwiesen 
worden ist. Hörige des Bischöfe von Strassburg 
schwuren bereits 1493 auf dem Hungersberg zwischen 
Andlau und Villd, nordwestlich von Schlettstadt, auf 
den Bundschuh: die Juden sollten geplündert und aus¬ 
gerottet werden, alle Geistlichen nur je eine Pfründe 
haben, die Schuldlasten aufgehoben und die Zölle ver¬ 
ringert werden. —v. 

Von der ausserordentlich seltenen Flugschrift: 
„Copia der Newen Zeytungauss Presillg Land ?' kommt 
wieder einmal ein Exemplar in den Handel. Es befindet 
sich in einem alten Sammelbande — einem Original- 
Schweinslederbande aus der Zeit — mit noch 37 poli¬ 
tischen bezw. kirchengeschichtlichen Stücken aus den 
Jahren 1486—1517 zusammen. Bisher sind von dieser 
ältesten und interessantesten deutschen Zeitung, die 
über die Entdeckung Amerikas berichtet, nach Wieser 
nur zehn Exemplare bekannt geworden. 

Bei diesen lassen sich drei verschiedene Ausgaben 
feststellen, von denen zwei in Augsburg durch Erhard 
Ogiin gedruckt worden sind, mit Wappen auf dem Titel, 
während die dritte ohne Angabe des Ortes und Druckes 
erschienen und mit einem grossen, interessanten Titel¬ 
holzschnitt geschmückt ist Wie aus der Titel-Reproduk¬ 
tion auf Seite $8 hervorgeht, haben wir es hier mit der 
dritten und schönsten Ausgabe zu tbun, von welcher 
ausser dem vorliegenden nur noch vier weitere Exem¬ 
plare bekannt sind. Eine Angabe der Jahreszahl findet 
sich bei keiner der drei Ausgaben, und es konnte des¬ 
halb nicht ausbleiben, dass die Meinungen der Ge¬ 
lehrten, die sich mit dieser Flugschrift beschäftigten, be¬ 
züglich der Datierung weit auseinander gingen. Nur 
die bekanntesten seien kurz erwähnt. Harisse nimmt 
in seiner „Bibliotheca Americana Vetustissima“ — er 
führt unter Nr. 99 dieselbe Ausgabe auf — 1520 als 
Erscheinungsjahr an, während Weller in seinen Werken: 


„Die ersten deutschen Zeitungen“ — Nr. i a — und im 
„Repertorium typographicum“ — Nr. 315 — den Druck 
der Flugschrift in das Jahr 1505 setzt. Dass nicht nur 
diese beiden Annahmen, sondern auch die anderer Ge¬ 
lehrten, wie Alex, von Humboldt, F. A. von Vamhagen 
und d’Avezac, irrig sind, hat schon im Jahre 1881 Prof, 
von Wieser in Innsbruck in seiner Schrift: „Magalhäes- 
Strasse und Austral-Continent auf den Globen des Jo¬ 
hannes Schöner“ eingehend bewiesen; auf Grund weit¬ 
läufiger sachlicher Untersuchungen ist er zu dem Re¬ 
sultat gekommen, dass unsere Zeitung entweder Ende 
1508 oder Anfang 1509 erschienen sei; ich glaube, dass 
wir 1508 mit aller Bestimmtheit als Druckjahr annehmen 
können. Dass die Zeitung nicht später als 1517 heraus¬ 
gekommen sein könnte, würde auch aus dem höchst 
beachtenswerten Umstande hervorgehen, dass die übri¬ 
gen 37 Teile des Sammelbandes in den Jahren 
1486—1517 gedruckt sind, und zwar nur je ein Teil 
in den Jahren i486 und 1517, während die meisten um 
1510 erschienen sind. Aus diesem Grunde möchte 
ich lebhaft dafür sprechen, dass der Sammelband, 
so interessant die einzelnen Schriften auch sind, nicht 
aufgelöst werde; es ist dadurch für die Bestimmung der 
Datierung der Zeitung immerhin ein gewisser Anhalts¬ 
punkt gegeben. — Es erübrigt mir noch, zu bemerken, 
dass die Erhaltung des Sammelbandes bzw. der in 
Frage stehenden Rarität eine vorzügliche ist. Der 
Band befindet sich zur Zeit im Besitze von Ludwig 
Rosenthals Antiquariat in München. F. B. 

Das Kunstantiquariat von G. Hess Sb Co. in Mün¬ 
chen zeigt in seinem Katalog XI ein kostbares Manu¬ 
skript an: Das „LOS BUCH“ vom Jahre 1546 — 
Folio-Pergament von 162 Seiten mit 115 prächtig in 
Gold und Farben gemalten Miniaturen. Das Loosbuch 
gehört zu den interessantesten kirchlichen Volksdich¬ 
tungen des XVI. Jahrhunderts und enthält die wichtig¬ 
sten Stellen der Bibel in Reimen in der Weise des Hans 
Sachs. Als Autor betrachtet man den Strassburger 
Pramonstratenser Paul Pambst Das sehr sauber ge¬ 
schriebene Exemplar dürfte vielleicht die Original-Hand¬ 
schrift des im selben Jahre bei Balthasar Beck in 
Strassburg erschienenen Druckes sein, von dem es 
textlich wenig, jedoch illustrativ mannigfach ab¬ 
weicht Auf dem Titelblatte sowie auf dem Bilde Gott 
Vater (S. 108) befindet sich das Monogramm DHP 
und die Jahreszahl 1546, die wahrscheinlich auf den 
Miniaturisten, sicherlich einen Strassburger Meister, hin- 
weisen. Die zahlreichen Miniaturen sind sowohl in der 
Zeichnung als auch im Kolorit vorzüglich und bekun¬ 
den einen hervorragenden Meister seiner Zeit (Preis 
3500 M.) — Dieselbe Firma zeigt in ihrem Katalog XII 
ein berühmtes Facsimilewerk an,die„Heures de maistre 
Estienne Chevalier“ (2 Bde., Paris 1866). Die 60 Mi¬ 
niaturen und 236 durchweg verschiedenen Bordüren, 
die nach den prächtigen Originalen von Jehan Fouquet 
(XV. Jhrhrt) reproduziert sind, sind Meisterwerke der 
Chromolithographie. (Pr. 240 M.) 


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6o 


Chronik. 


Der Katalog VII des Antiquariats von Jacques 
Rosenthal in München enthält zahlreiche sehr inter¬ 
essante Seltenheiten; der Wert des Katalogs wird durch 
die beigefugten Facsimiles noch erhöht. Die Rubrik 
^Amerika " führt an Raritäten u. a. an: verschiedene 
Ausgaben der Geographie des Ptolemaeus, die beim 
Wiederaufleben der Wissenschaften im XV. Jahrhun- 


karte aus der „Cosmographia introductio“ (120 M.) des 
Martin Waltzemüller, auf dessen Vorschlag schliesslich 
die Neue Welt Vespucci zu Ehren „Amerika“ benannt 
wurde. Von den zahlreichen Bibelausgaben sei die 
dreiteilige, Basel, Petri, 1523—25, mit den Holbein’schen 
Holzschnitten genannt (1500 M.), sowie die erste Aus¬ 
gabe der Schweizer Übersetzung (von Leo Juda), Zürich, 



Federzeichnung Thomas Murners. 

Facsimile aus der handschriftlichen Übersetzung der Enneaden des Sabellicus von Murner. 


dert die Grundlage der wissenschaftlichen Erdkunde 
wurde — darunter die „Ptolemaei Schemata“, Rom, 
1508, mit der Ruysch’schen Weltkarte, der ersten, die 
eine Idee der Grenzen der Neuen Welt gab (500 M.); 
ferner die Sammlungen der Reisebriefe des Vespucci, 
als seltenste die „Mundus nouus“, Aug. Vinci, Joh. 
Otmar, 1504 (8000 M.), jener Bericht der zweiten Reise 
des Vespucci vom Jahre 1502, der s. Z. die Veranlassung 
gab, den florendnischen Weltfahrer für den Entdecker 
des Festlandes von Amerika zu halten — und die Globus- 


1524—27 (1200 M.), und die editio princeps der Biblia 
rhaetica, im romanischen Dialekt des Engadin (1000 M.). 
Aus der Sammlung der Totentänze verdienen die 
sechs Blätter der „Ars moriendi“ Erwähnung, ein kost¬ 
bares Fragment der siebenten Ausgabe (4000 M.), und 
die französischeAusgabe von gegen 1500 „L* Art et Science 
de bie viure z bie mourir“, die den Bibliographen bis¬ 
her unbekannt war (2500 M.). Sie enthält 57 grosse 
und 12 kleine Holzschnitte, deren kraftvolle Eigenart 
aus dem Facsimile auf Seite 61 ersichtlich ist Der 


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Chronik. 


61 


Teil, der die „Kunst, gut zu leben" behandelt, zählt 12 
Zeichnungen, von denen 11 den Typus der bekannten 
biographischen Ausgaben der „Ars moriendi“ tragen; 
in der Partie von den Strafen der Hölle stellen acht 
Illustrationen die teuflischen Martern der Seelen dar. 
Die Manuskript-Abteilung des Katalogs umfasst so 
viele Kostbarkeiten, dass wir vermutlich darauf zurück¬ 
kommen werden. Nr. 1080 ist eine Handschrift Thomas 
Murners , die auf 216 Folioblättern eine deutsche Über¬ 
setzung der achten Enneade (418—817) des M. Ant 
Coccius Sabellicus enthält (Das Original erschien unter 


gartenstrasse 4, erworben. Es umfasst 116 Blatt in 4 0 ., 
zusammengebunden in einem Pergamentbande. Der 
Inhalt besteht aus Bruchstücken von sechs Schriften 
Luthers, zumeist, wie aus Zeichen am Rande und im 
Texte, für die Kustoden, hervorgeht, in der Druckerei 
benutzt An der Echtheit kann nach der Beschaffen¬ 
heit des Manuskripts kein Zweifel auf kommen; sie 
wurde auch von Autographenkennem anerkannt No¬ 
tizen, nur an einer Stelle auf dem Rande des Manu¬ 
skripts, sonst auf losen und angeklebten Blättern, 
lassen nach dem Charakter der Schrift und der Be- 



L*Art de mourir (gegen 1500). 

Facsimile einer Zeichnung, die HöUenstrafen darstellend. 


dem Titel „Enneades ab orbe condito ad annum 1503" 
in Venedig 1498—1503.) Das Manuskript ist, wie der 
Katalog ausfuhrt, in den Jahren 1534 und 35 vom Über¬ 
setzer selbst geschrieben und von seiner Hand mit 108 
prächtigen Federzeichnungen im Stile Burgkmairs ge¬ 
schmückt worden. Die Zeichnungen, von denen wir die 
eine auf Seite 60 in Facsimile wiedergeben, beweisen, 
dass Murner selbst ein hervorragender Künstler ge¬ 
wesen sein muss. Das Manuskript ist übrigens nie im 
Druck erschienen. 

«3 

Ein ausserordentlich wertvolles Luther-Manuskript 
hat das Antiquariat von Adolf Weigel in Leipzig, Winter- 


schaffenheit des Papiers schliessen, dass schon seit 
Mitte des 16. Jahrhunderts die Bruchstücke in einen 
Band gebracht, durch verschiedene Hände gegangen, 
auch nach ihrem Werte geschätzt worden sind. Sie 
enthalten jedoch weder Namen noch Zahlen, welche 
einen Anhalt für die Geschichte des Manuskripts 
geben würden. Es sind Citate aus anderen Schriften, 
Titelangaben des betreffenden Druckes, Bemerkungen 
über Lücken oder kleine Ergänzungen nach dem 
Drucke. 

Der Inhalt ist kurz folgender: 

I. Blatt 1—33 und 48—641 Bruchstücke vom sogen, 
grossen Abendmahl 1528. 

II. Blatt 34 und 35: wahrscheinliches Bruchstück 


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62 


Chronik. 


einer ersten Aufzeichnung zum ,»Kurzen Bekennt¬ 
nisse vom heiligen Sakrament 1544“. 

III. Blatt 36—47 und 65—66: etwa die letzte Hälfte 
vom „Bericht an einen guten Freund von beider¬ 
lei Gestalt des Sakramentes, auf des Bischofes 
zu Meissen Mandat 1528“. 

IV. Blatt 67 und 68: Bruchstück von „Deuteronomion 
Mosis“. 1524—1525. 

V. Blatt 69—71: Bruchstück der Schrift „Der Segen, 
so man nach der Messe spricht über das Volk, 
IV Moses VI, ausgelegt durch D. Martinus 
Luther, 1532“. 

VI. Blatt 72—116: der grösste Teü der Schrift „Wider 
Hans Worst 1541“. 

Angefügt sind 3 Seiten Probedruck mit Korrek¬ 
turen von Luthers Hand. 

s® 

Autographik . Das letzte Jahr hat eine Reihe be¬ 
deutender Autographen-Versteigerungen gebracht. Wir 
nennen nur die kostbaren Sammlungen Halm, Paar 
und Schebeck, sowie die Künzel’sche, die verhältnis¬ 
mässig hohe Preise erzielten. Albert Cohn und Leo 
Liepmannssohn, beide in Berlin, versandten Autogra- 
phen-Kataloge, die manche wertvolle Nummern ent¬ 
hielten. Katalog 125 des Letztgenannten führt u. a. an: 
ein Dokument, von Goethe unterschrieben, 3. Juni 1801, 
Verordnung, nach welcher die Mitglieder der Weimarer 
Bühne als temporelle Diener des Herzogs nicht ohne 
höhere Erlaubnis „proklamiert und kopuliert“ werden 
sollen; dazu die Unterschriften des gesamten Schau¬ 
spielerpersonals unter Goethe (M. 60). Ferner: ein 
Brief Goethe’s vom 4. November 1807 in bezug auf be¬ 
absichtigte Recensionen in der Jenaer Litteraturzeitung 
(M. 30) — Briefe Goethes mit Unterschrift und Kom¬ 
pliment vom 30. Oktober 1816 an Hofrat Eichstädt in 
Jena (M. 25), vom 13. Juli 1820 an Amalie von Helwig, 
geb. v. Imhof (M. 12,50), an Hofgärtner Baumann in 
Jena vom 13. Juni 1828 (M. 28), an denselben vom 30. 
Mai 1830 (M. 20), die beiden letzten bisher unveröffent¬ 
licht. — Wir werden in den nächsten Heften wertvolle 
Beiträge über Autographik aus der Feder bester Ken¬ 
ner — E. Fischer von Röslerstamm und E. Mor, Ritter 
von Sunnegg — bringen, auch eingehendere Beschrei¬ 
bungen kostbarer Privat-Sammlungen geben, u. a. der 
berühmten Kollektion des Banquiers Alexander Meyer 
Cohn in Berlin. 


Kleine Notizen. 


Deutschland. 

Die moderne Plakatillustration , die in Frankreich, 
England und Amerika sich hoher Blüte erfreut, beginnt 
allmählich auch in Deutschland unsere künstlerischen 
Kreise zu beschäftigen. Die grossen Plakatausstellun¬ 
gen, die im letzten Jahre in Berlin, München, Ham¬ 
burg und Leipzig arrangiert wurden, haben gezeigt, dass 


wir eine stattliche Anzahl von Künstlern besitzen, die 
auch in der Plakatmalerei Hervorragendes leisten. 
Wir bringen demnächst einen mit zahlreichen verklei¬ 
nerten Reproduktionen moderner Plakate geschmück¬ 
ten Artikel über die künstlerische Betätigung auf 
diesem Gebiete und beschränken uns für heute darauf, 
auf das Ausschreiben der Kunstanstalt von Grimme 
&* Hempel , A. G., in Leipzig hinzuweisen, die eine 
dauernde Ausstellung wertvoller Entwürfe für farbige 
Plakate beabsichtigt und jährlich zwei Prämiierungen 
mit je neun Preisen (6 ä 200 M., je einer zu 300, 500 
und 1000 M.) veranstaltet Da unsere Künstler sich 
in reger Anzahl an diesen Konkurrenzen beteiligen, so 
ist begründete Hoffnung vorhanden, dass eine erfreu¬ 
liche Umgestaltung des ganzen deutschen Plakat¬ 
wesens zu erwarten ist 


Zur Bibliotheksgeschichte . Im vergangenen Jahre 
sind wieder zwei grosse deutsche Privatbibliotheken 
nach Amerika gewandert Zunächst die des Professors 
Reinhold Bechstein in Rostock, die auf Betreiben Pro¬ 
fessor Leameds, der den Lehrstuhl für Germanistik 
an der Universität von Pennsylvanien inne hat, in 
Bausch und Bogen erworben wurde und jetzt den Kern 
der sogenannten Bechsteinsammlung der dortigen Uni¬ 
versitäts-Bibliothek bildet — Auch die Bücherei des Pro¬ 
fessors Emst Curtius , ca. 7000 Bände umfassend und 
überaus reichhaltig an Werken über griechische Alter¬ 
tümer, wurde von einem Amerikaner angekauft, der sie 
der Yale-Universität zu New Haven in Connektikut ge¬ 
schenkt hat — Die Treitschke'sehe Bibliothek ist der 
Stadtbibliothek zu Leipzig einverleibt worden, und die 
des Dr. Rudolph Roth % ehemaligen Oberbibliothekar’s 
von Tübingen, ging in den Besitz der dortigen Uni¬ 
versitäts-Bibliothek über. — Die Schlossbibliothek von 
JVilhelmshöhe, gegen 15000 Bände, ist unter Wahrung 
des Eigentumsrechts der Krone Preussens der Kas¬ 
seler Landes-Bibliothek überwiesen worden. — Die 
Bibliothek Gustav Frey tag's, die Herr Leop. Sonnemann 
der Stadtbibliothek zu Frankfurt a. M. geschenkt hat, 
wird von dem dortigen Stadtbibliothekar Dr. Ebrard 
katalogisiert werden; wir hoffen, in einem der nächsten 
Hefte ausführlicher auf die interessante Sammlung zu¬ 
rückkommen zu können. — Die Münchener Hofbiblio¬ 
thek hat die bekannte hymnologische Sammlung des 
Dr. Joh . Jahn erworben. — Der Strassburger Landes¬ 
bibliothek vermachte Prof Böhmer in Lichtenthal eine 
reichhaltige Kollektion linguistischer Werke, und Prof. 
Geffken die von ihm hinterlassene Sammlung staats¬ 
wissenschaftlicher Litteratur. 


Österreich-Ungarn. 

Professor Leo Reinisch in Wien hat der berühmten, 
im österreichischen Museum für Kunst und Industrie 
untergebrachten Papyrus-Sammlung des Erzherzogs 
Rainer eine Reihe neuer, höchst wertvoller hieratischer 
Papyri gewidmet, unter denen besonders das älteste 
bisher bekannte egyptische Totenbuch (ca. 1500 v. Chr.) 


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Chronik. 


63 


hervorragt Die etwa sieben Meter lange Rolle ist 
kalligraphisch schön gemalt und enthalt zahlreiche Illu¬ 
strationen. Ferner hat die Direktion der genannten 
Sammlung ein ganzes Tempelarchiv aus Saknapaiu 
Nehus erworben; in diesem befindet sich u. A. eine 
Rechtsurkunde aus der Regierungszeit der Cleopatra 
und ihres Sohns Casarion (43 v. Chr.). 


Das Projekt der Herausgabe der Bibliotkekskataloge 
des Mittelalters wurde in einer der letzten Sitzungen 
der philosophisch-historischen Klasse der Akademie der 
Wissenschaften zu Wien durch den Sektionschef v. Hartei 
neu angeregt Zunächst soll Österreich, Deutschland, 
Italien und Frankreich berücksichtigt werden; die not¬ 
wendigen Mittel zur Verwirklichung des Planes, der seit 
langem die gelehrte Welt beschäftigt und für Litteratur- 
forscher wie für Kulturhistoriker von grösster Bedeutung 
ist, hofft man aus einem der Akademie kürzlich zuge- 
fallenen reichen Legat eines Wiener Bürgers bestreiten 
zu können. 


England. 

J. J. Stürzinger hat für den Roxburghe - Club in 
London eine neue Ausgabe der „Seelenwallfahrt 1 von 
G. de D/guilleville veranstaltet Der Text wurde 
nach dem französischen Nationalbibliotheks-Manuskript 
No. 12466 und andern variierenden Handschriften her- 
gestellt 18 farbige Miniaturen zieren den Band. 


Eine .Jconographie des Don Quixote“ hat M. H. S. 
Ashbee verfasst, die er jedoch nicht in den Handel 
bringen will Mr. Ashbee zählt nicht weniger als 409 
verschiedene Ausgaben des Don Quixote auf, aus aller 
Herren Ländern stammend. Dem Werke sind zwei 
Specialwörterbücher beigegeben, von denen das eine 
die Namen aller technischen Mitarbeiter, Zeichner, 
Herausgeber, Kupferstecher u. s. w., das zweite die 
Namen der Erscheinungsorte enthält 


Das British Museum hat ein Manuskript des be¬ 
rühmten griechischen Dichters Bacchylides aufgefun¬ 
den; das „Atheneum" macht folgende Mitteilungen 
darüber: 

Bacchylides war ein von den Griechen hochge¬ 
schätzter Zeitgenosse und Rivale Pindars, von dem man 
aber leider bis heute nur wenige Fragmente kannte. 
Das in Frage stehende Manuskript ist Eigentum des 
British Museums und rührt von den letzten egyptischen 
Ausgrabungen her; es enthält 50 Papyrusblätter und ist 
genügend erhalten, um ein Urteil über grössere Stücke 
zu gestatten. Unter den wichtigsten Gedichten finden 
wir Triumphoden in der Art Pindars, z. B. zwei zu 
Ehren Hieros von Syrakus, deren eine, sehr lange 
denselben Sieg feiert, wie der böodsche Poet in seiner 
ersten Olympiade. Ferner eine grosse Anzahl von Ge¬ 
dichten zu Ehren anderer Machthaber und berühmter 
Feldherrn der Zeit, und endlich drei Epen, betitelt 


Theseus, Io und Idas. Da die Griechen den Bacchylides 
von Keos Pindar gleichstellten, sieht die Gelehrtenwelt 
der Veröffentlichung seiner Schriften mit Spannung ent¬ 
gegen. Die von Bacchylides bisher bekannten Bruch¬ 
stücke findet man in Bergks „Poetae lyrici graeci (4. Auf!., 
Leipzig, 1882), in deutscher Übersetzung in Hartungs 
„Griechischen Lexikon“ (ebda., 1858). 


Die „Bibliographical Society ' in London veröffent¬ 
licht ein interessantes illustriertes Werk des Dr. Haebler 
über die tt Drucker in Spanien und Portugal“ und 
ausserdem ein ,.Handbuch englischer Drucker", das 
eine höchst wichtige Aufzählung von Pynson-Büchern 
enthält Ferner ist Herr Dr. Uppmann, Direktor des 
KgLKupfersrichkabinets in Berlin, damit betraut worden, 
sechszehn Zinkätzungen anfertigen zu lassen, welche eine 
illustrierte Monographie über Olivier de la Marche's 
Befreiten Ritter" schmücken sollen, der als das ty¬ 
pischste Werk der holländischen Pressen des fünfzehnten 
Jahrhunderts berühmt ist Die einzigen bekannten Exem¬ 
plare der ersten und zweiten Ausgabe des „Chevalier 
dlliblrl“ befinden sich in Paris. Das der ersten, aus den 
Sammlungen des Marquis du Gormay und des Baron’s 
de Selli&re stammend, ein koloriertes Exemplar, gehört 
zur Rothschild’schen Bibliothek; die beiden Exemplare 
der zweiten Ausgabe — nach denen Geheimrat Lipp- 
mann Photographien anfertigen liess — sind im Besitze 
der Biblioth&que nationale und der Biblioth&que de l’Ar- 
senal, beide unvollständig, sich aber gegenseitig er¬ 
gänzend. — Endlich hat die „Bibliographical Society“ 
mit der Büdung einer bibliographischen Bibliothek be¬ 
gonnen, deren Aufblühen mit voller Sympathie gefolgt 
wird. _ 


Die Universität Cambridge bereitet eine grossartige 
..Geschichte der modernen Zeit von der Renaissance bis 
zur Gegenwart* vor. Prof. Lord Arton hat die Ober¬ 
leitung übernommen. Das Werk soll zwölf Bände zu 
je 700 Seiten umfassen und im Jahre 1906 abgeschlossen 
vorliegen. 


Frankreich. 

Zwei wertvolle Manuskripte persischer Sprache 
hat der bekannte Reisende durch Central-Asien, M. 
Eduard Blanc, dem Naturkunde-Museum in Paris 
überreicht Er hat die Manuskripte im Dechanat von 
Buchara entdeckt; sie stammen anscheinend aus der 
Bibliothek, die der grosse Tamerlan begründete. 

Das erste datiert aus dem Jahr 997 der Hedschra und 
ist herrlich erhalten; die sauber kalligraphierten per¬ 
sischen Schriftzüge sind auf aus Seidenabfällen ge¬ 
fertigtem Papier geschrieben; der Einband, in per¬ 
sischem Stile, ist mit Ziegenleder bezogen; die zahl¬ 
reichen Büder sind, dem „BulL du BibL“ zufolge, etwas 
grob gezeichnet 

Noch interessanter ist das zweite Manuskript; man 
hat Reispapier aus Samarkand dazu benutzt Die Schil- 
dereien sind ausnehmend schön in Farbe und Feinheit 
der Ausführung. Der Autor dieses Wunderwerks, oder 


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6 4 


Chronik. 


vielmehr dieser Sammlung — denn das Werk ist ein 
wahres Lexikon alles menschlichen Wissens jener Zeit 
— nennt sich YezidL 


Für das älteste französische Exlibris hält M. L. Foly 
die von ihm entdeckte und veröffentlichte wappen¬ 
geschmückte Buchmarke des Abbd von Touraus, F. 
de la Rochefoucauld, die noch aus der Zeit vor 1585 
stammen solL 


Bücherkataloge beginnen eine immer bedeutendere 
Rolle zu spielen. Während man sich früher mit ärm¬ 
lichen Heftchen begnügte, druckt man sie jetzt auf 
schönem Papier und schmückt sie mit künstlerischen 
Vignetten und Einbänden. Die Kataloge sind ein 
Studium für sich geworden. Ein Franzose, Herr Roger 
Marx % schlägt in der Zeitschrift „Voltaire“ vor, eine 
Bibliothek der Kataloge zu gründen, wie sie z. B. den 
Notaren schon lange zur Verfügung steht Herr Marx 
— er lebt in Paris — meint, dass das Hotel Drouot, 
durch dessen Säle hunderttausende von Bänden wan¬ 
dern, am leichtesten Gelegenheit böte, die noch zahl¬ 
reichen Lücken auszufüllen, und dass es Forschem eine 
Freude sein würde, der Reihe nach die Rolle eines 
Bibliothekars zu übernehmen. Auch in Berlin giebt es 
eine solche Bibliothek noch nicht. 


Eine Bibelausgabe im proven^alischen Dialekt exi¬ 
stierte bisher noch nicht Nunmehr bereitet FrlcUric 
Mistral , der berühmte moderne Troubadour der Pro¬ 
vence, eine solche vor, die für die Arbeiter und 
Landleute seiner Heimat bestimmt ist 


Die sogenannte „National-Ausgabe“ der Werke 
Molüres ist Ende vorigen Jahres endlich fertig ge¬ 
stellt worden, nachdem man zwanzig Jahre daran ge¬ 
arbeitet hat und so mancher Künstler darüber hin ge¬ 
storben ist Sie erscheint in der Maison Testard und 
endet mit Moli&res letzter Komödie, dem „Eingebüde- 
ten Kranken.“ Herr T. de Wyzsewa hat einen inter¬ 
essanten bibliographisch-biographischen Beitrag dazu 
geliefert, den Maurice Leloir aufs Geistvollste illu¬ 
striert hat Testard selbst hat die Herausgabe nicht 
mehr erlebt 


Bei Georges Rafilly in Paris ist soeben der erste 
Band eines Werkes erschienen, von dem nur 150 Exem¬ 
plare in den Handel kommen sollen. Es ist dies der 
„Katalog der Kupferstichsammlung französischer und 
ausländischer Porträts im Kupferstichkabinet der Bi- 
bliotklque Nationale ", herausgegeben von Georges Du- 
plessis ; Danel in Lille hat den Druck besorgt Das 


Werk wird 10 Bände umfassen. In einem kurzen Vor¬ 
wort sagt der Verfasser, dass das Thema keineswegs 
erschöpft sei, sondern dass er nach Beendigung dieser 
Arbeit eine zweite, als Supplement gedachte, in Angriff 
nehmen würde. Dem letzten Bande soll eine Berich¬ 
tigungstafel, sowie ein Verzeichnis aller beteiligten 
Maler, Zeichner, Graveure u. s. w. beigegeben werden. 


Die noch unedierten Gedichte von Salluste du 
Bartas y einem der Dichter der „Pldiade“, haben ein 
unverdientes Ende in der Lumpenmühle von Die ge¬ 
funden. Ein Herr Delpy, Mitglied der archäologischen 
Gesellschaft in Gers, hatte gehört, dass sich noch kost¬ 
bare Manuskripte in der Schlossbibliothek zu Bartas 
unter andern Büchern versteckt befinden sollten. Er 
eilte nach Cologne-du-Gers, in dessen Nachbarschaft 
das Schloss liegt, um Abschriften zu nehmen und sie 
zu veröffentlichen. Aber er kam zu spät Der Lumpen¬ 
sammler hatte alles bekommen, und so wird vielleicht 
ein neuer Dichter seine Verse auf dem Papier nieder¬ 
schreiben, auf dem ehemals Bartas’ berühmte Gedichte 
und sein Briefwechsel mit Henri de Navarre stand. 


Wo mögen sich das Manuskript und die beiden 
ersten Ausgaben von Chateaubriands „Gdnie du Chri- 
stianisme“ befinden, und existieren sie überhaupt noch? 
Der Autor selbst erzählt einmal, dass er zur Zeit des 
Erscheinens des ersten Bandes noch in England ge¬ 
wesen, und dass diese Ausgabe durch seine Rückkehr 
nach Frankreich unterbrochen worden sei In Paris 
begann er eine zweite, von der schon zwei Bände er¬ 
schienen waren, als ein Zwischenfall ihn zwang, die 
Episode „Atala“ einzeln zu veröffentlichen. Die stren¬ 
geren Anforderungen, die er an sich selbst stellte, ver- 
anlassten ihn, diese zwei Bände aufzukaufen und das 
ganze Werk noch einmal zu überarbeiten. Diese dritte 
Ausgabe des „Gönie du Christianisme“ ist die zuerst 
vollständig veröffentlichte. 


Italien. 

Von den Tragödien des Äschylos, deren berühmtes 
Manuskript aus dem XI. Jahrhundert in der Lauren- 
tinischen Bibliothek zu Florenz auf bewahrt wird, bringen 
der Verlag von R. Bemporad & Sohn jetzt eine Fac- 
simile-Reprodukdon auf dem Wege der Photogravüre 
in den Handel. 


Unter dem Vorsitz des Herrn Bonamici haben die 
Bibliothekare Italiens beschlossen, eine italienische 
bibliographische Gesellschaft zu gründen und Herrn 
Fumagalli zur Ausarbeitung der Statuten ausersehen. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten . 

Für die Redaküon verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse: Berlin W. Ansbacherstrasse 47 erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. — Papier der Neuen Papier- 

Manufaktur in Strassburg i. E. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

i. Jahrgang 1897. _ Heft 2: Mai 1897. 


Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 

Von 

Ed. Heyck in Donaueschingen. 


H uf dem Bergplateau der Baar 
liegt die kleine Residenz Donau¬ 
eschingen, ein in mancher 
Beziehung eigenartiges Städt¬ 
chen. Dem badischen Lande, 
zu dem es von Staatswegen ge¬ 
hört und das vom Bodensee bis Mannheim ein 
Land am Rhein ist, kehrt es sozusagen den 
Rücken; es liegt hinter dem Berg, hinter der 
merkwürdigsten Wasserscheide im zivilisierten 
Europa, und wie die klaren Bergwasser an ihm 
vorbei nach Osten rauschen, so fühlt sich auch 
das geschichtliche Denken unwillkürlich eher 
dorthin getragen. Nicht aus Zufall hat die 
Furstenbergische Landesgeschichte zu den nahen 
Rhcinlanden fast gar keine und zu Baden erst 
ganz moderne Beziehungen, dagegen haben 
diese sich, mit den Wassern der Donau ab¬ 
wärts ziehend, stets weiter in deren Richtung, 
zunächst in Schwaben und schliesslich bis nach 
Niederösterreich hinein, vorgestreckt. 

Alles öffnet sich hier oben nur dem Osten 
zu. Nach Westen bedarf es weniger Schritte, 
und den Spaziergänger oder den Schlitten¬ 
fahrer im heitern frostklaren Winter umfangen 
die tiefen Wälder von echtestem Schwarzwald- 
charakter. Nach Osten und Süden dagegen 
schweift der freie Blick über weites ebenes Land, 
z. f. B. 


Wiesen und Weiden, hinweg zu den scharf¬ 
geschnittenen Bergprofilen des Jura, hinter denen, 
sobald man von geeigneten Punkten die Umschau 
hält, in ragender Höhe und eisigem Glanz die 
Alpenwelt derSchweiz emporsteigt. Aus näherer 
Feme grüssen vertraut der Fürstenberg und die 
Schlosseinsamkeit auf dem Wartenberg; vom 
Jurazuge schimmern auf halbem Abhange ge¬ 
legene Orte mit hellen Häusern und Kirchlein 
durch die klare Luft des Hochlands herüber — 
gar nicht so unähnlich wie von jenseits der 
Campagna die Städte der Sabiner und der 
Albaner. 

Residenz ist das badische Amtsstädtchen 
bekanntlich insofern, als hier in der früheren 
Hauptstadt ihres mediatisierten schwäbischen 
Reichsfürstentums die Fürsten zu Fürstenberg 
ihren Hauptsitz behalten und sich auch seit 
dem Verluste der Souveränität im Jahre 1806 
nur immer liebevoller und reicher mit allen 
Schöpfungen umgeben haben, wie sie von geistig 
hochstehenden Regentenhäusem auszugehen 
pflegen. Schöpfungen für sich und zugleich 
für die Bewohner, mit denen das Fürstenhaus 
durch das alte gegenseitige Band unverändert 
verbunden geblieben ist. An dieser etwas 
abgelegenen Stätte ist ein anziehendes und 
liebenswürdiges Stück ancien r£gime erhalten 

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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


geblieben, allerdings, wie schon dem auf der 
Schwarzwaldbahn Vorüberfahrenden die weissen 
elektrischen Bogenlampen als eine Art Symbol 
verkünden, in hebender und verjüngender Ver¬ 
einigung mit einem durchaus modernen Geist 
und offenem, weitem Gesichtskreis. Ich denke 
mir den liebwerten Leser als Gast in Donau- 
eschingen und hoffe ihn vielleicht auch in 
Wirklichkeit einmal geleiten zu können. Und 
da ich voraussetze, dass er nicht bloss Bücher-, 
sondern auch Naturfreund und Mensch ist, so 
wandern wir zunächst etwas im weiten Schloss¬ 
park und kommen dann auf der Rückkehr — 
selbstverständlich! — an die Donauquelle. Kein 
Vernünftiger wird wegdisputieren wollen (wie 
es im vorigen Jahrhundert um der Ehre willen, 
den einzigen Donauquell zu besitzen, wol ge¬ 
schah), dass die Donau aus den beiden ganz 
respektabeln Wassern der Brigach und Bregach 
bei Donaueschingen zusammenfliesst, wie die 
von den Altvorderen den vom Schwarzwald¬ 
kamme herabkommenden Zwillingsflüssen bei¬ 
gelegten Namen lauten. Aber nicht minder 



Metallener Einbanddeckel eines Breviers 
aus dem XIII. Jahrhundert. 

Aus der Fürstl. Fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen. 


ist es Thatsache, dass nun einmal wirklich seit 
Alters in Urbarien, Karten und sonstigen Ar¬ 
chivalien der beim Schlosse aufquillende Brunnen 
der Donauquell und seine Verbindung mit der 
Brigach das Donaubächlein, ja sogar dass die 
Brigach just vom Einfluss des Donaubächleins 
an selber, also schon vor der Verbindung mit 
der Bregach oder Breg — „ach“ ist ja nur „Fluss“, 
urverwandt mit aqua — die Donau heisst. 

Nach dieser lokalpatriotischen Erleichterung 
(wo wäre man so lokalpatriotisch, als in kleinen 
und ansprechenden Umgebungen?) und nach¬ 
dem ich mich aber auch jeder Quellenkritik, 
im wörtlichsten Sinne, zugänglich erklärt habe, 
steigen wir hinter dem Schlosse etwas auf¬ 
wärts zum Karlsbau hinan, der auf der freien 
Höhe gelegen in drei breiten Stockwerken 
die altdeutsche und sonstige Gemäldegallerie, 
die Skulpturensäle und die naturwissenschaft¬ 
lichen Sammlungen des Fürsten enthält. Ein 
kleiner Saalbau zur Linken verrät, dass er 
historische Waffen und Jagdtrophäen verwahrt, 
schon durch die Reliefs derFagade; zur Rechten 
dagegen schmiegt sich in den Schutz des grossen 
Karlsbaus ein zweistöckiges Wohnhaus. Viel¬ 
leicht mag der Leser und Besucher, ich darf 
ihn schon einladen, auch dort einschauen und 
nach einiger Zeit, wenn er will, wieder zu 
den Fenstern hinausschauen über den Garten 
und über dessen Mauer ins schöne weite Land; 
es ist die Dienstwohnung des jetzigen Vor¬ 
standes der fürstlichen Archiv- und Bibliothek¬ 
verwaltung wie der Kunstsammlungen. 

Nun aber, an der Kirche vorbei, zur Biblio¬ 
thek, die als stattlicher Würfelbau neben dem 
Schwestergebäude des Archivs sich erhebt! 
Sie birgt mannigfaltigen, doch lauter schönen 
Inhalt. In den zwei oberen Stockwerken und 
schon in einigen Mansardenräumen die Bücher, 
und dazu, ebenfalls eine Treppe hoch, das 
Handschriftengewölbe; ferner im Hochparterre 
links das geldschrankmässig verwahrte Münz¬ 
kabinett, rechts das Kupferstichkabinett, beides 
die Schöpfungen des geschmack- und kennt¬ 
nisreichen Hofkavaliers und Beraters in Kunst¬ 
sachen der früheren Fürsten Karl Egon II. und 
III., des Freiherm von Pfaffenhoffen. Auch unter 
diesem Hochparterre, im stimmungsvollen Dunkel 
wiederum anderer Gewölbe, lagert geistiges 
Eigentum, das goldene Gut des fürstlichen — 
Hofkellers. Gewiss nicht die übelste Hauspartei 


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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit 


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und „Grundlage“ für eine schöne Bibliothek, 
und ein Palladium gegen trocknes Pedantentum 
und toten Bücherstaub. Mittwochs aber ist 
Bibliothektag für die Donaueschinger, oben 
und unten, denn nach gutem Herkommen giebt 
auch die Kellerei von dem, was bei ihr wol¬ 
eingebunden liegt, für den Hausbedarf der 
Familien nach liberalsten Grundsätzen ab. 

Schwerlich kann von den letzteren eine Bi¬ 
bliothek mehr geleitet sein als die unsere. Obwol 
aus den Mitteln der Standesherrschaft, also 
doch nicht aus öffentlichen verwaltet und fortge- 
fuhrt, hat sie nach dem Willen ihrer fürstlichen 
Herren den ausgesprochenen Zweck, nach Mög¬ 
lichkeit alle Aufgaben eines öffentlichen Insti¬ 
tuts zu erfüllen. Wie oft hilft sie Historikern aus, 
wenn denen die nähergelegenen staatlichen An¬ 
stalten versagen, und schwerlich werden in den 
Kreisen der germanistischen Forscher allzuviel 
Bibliotheken noch häufiger genannt werden als 
die unsere um ihrer altdeutschen Schätze willen. 
Aber so hoch ganz gewiss ein jeder neuer Bei¬ 
trag zur Forschung und Wissenschaft, der hier 
erhoben wird, anzuschlagen ist, nicht mindere 
Freude gewährt es, den idealen Nutzen und 
die das tägliche Leben verschönernde Wirk¬ 
samkeit zu beobachten und wo möglich noch 
zu steigern, welche die Bibliothek in ihrem mehr 
lokalen Umkreise entfaltet. Ich erröte nicht 
zu gestehn, dass mich z. B. jeder einzelne 
Forstmann draussen im Walde oder der Lehrer 
auf dem Dorfe, für den ich gute Bücher ein¬ 
packen sehe, reichlich so freut und interessiert, 
als eine gewisse Klasse von angehenden Ge¬ 
lehrten, die an irgend einem Zipfel eines hoch¬ 
akademischen Unternehmens ein bischen Ma¬ 
schinenarbeit mitfabrizieren dürfen, und die 
zwischen zwei Eisenbahnzügen bei uns auf¬ 
tauchen, um in ängstlicher Hast, dass sie nur 
ja nichts unnötiges sehen, einige 30 oder 40 
vorher notierte Codices „vorläufig zu erledigen“. 
Übrigens ist die vollkommene Selbstverständ¬ 
lichkeit, mit der die Bibliothek und ihre entgegen¬ 
kommende Leistungsfähigkeit von dem loka¬ 
le ren Leserkreise in Anspruch genommen werden, 
gewiss die beste und erwünschteste Anerkennung 
für ihr Bestehen und für den Sinn ihrer fürst¬ 
lichen Gönner. 

Uber die interessantesten Donaueschinger 
Handschriften hat in der Beilage der Allge¬ 
meinen Zeitung, 1895, Nr. 287, eine sachkun- 



Metallener Einbanddeckel eines Breviers 
aus dem XIII. Jahrhundert. 

Aus der Fürstl. Fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen. 


dige Feder, die meines Collegen, Herrn Archivar 
Dr. Tumbült, eine anziehende Übersicht gegeben. 
Der freundlichen Aufforderung der Redaktion 
der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ zu einigen 
weiteren Mitteilungen glaube ich deshalb durch 
eine Skizze der bisher noch ungeschriebenen 
Geschichte der Bibliothek entsprechen zu sollen, 
gewissermassen als eine Einleitung: wenn näm¬ 
lich eine solche in der Hoffnung angebracht 
ist, gelegentlich wieder, z. B. über die Incu- 
nabeln oder über sonst bemerkenswerte Be¬ 
stände, oder auch über einzelne zu monogra¬ 
phischer Sonderbehandlung geeignete Hand¬ 
schriften berichten zu dürfen. — 

Die ältesten direkten Belege für Fürsten¬ 
bergischen Bücherbesitz führen auf den Grafen 
Wolfgang (1465—1509). Er vereinigte infolge 
von Heimfällen allen Hausbesitz in seiner Hand 
und war auch als Feldhauptmann und Statt¬ 
halter Kaiser Maximilians I., sowie als oberster 
Ratgeber und Begleiter Philipps des Schönen 
nach Spanien eine nicht unbedeutende Persön¬ 
lichkeit unter seinen Zeitgenossen. Auf ver- 


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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


schiedenen Handschriften und Drucken ist er 
als Eigentümer genannt, Wenn sich somit der 
Bücherbesitz der Fürstenberg bis in die älteren 
Zeiten der Buchdruckerkunst hinauf verfolgen 
lässt, so wird offenbar von der eigentlichen 
„Begründung“ einer Fürstenbergischen Bibliothek 
überhaupt nicht zu reden sein. Es liegt viel¬ 
mehr so, dass die Grafen und späteren Fürsten 
eben zu allen Zeiten Bücher besessen und dazu 
erworben haben, und dass auf diese stetige und 
einfache Weise der heutige ansehnliche Bestand 
herangewachsen ist. Bestimmte Anzeichen spre¬ 
chen aber, abgesehen von der allgemeinen 
Wahrscheinlichkeit für eines der allerältesten 
und bedeutendsten 
regierenden schwä¬ 
bischen Häuser,auch 
im einzelnen dafür, 
dass jene schon vor 
der Buchdrucker¬ 
kunst nicht ohne Bü¬ 
cher gewesen sind. 

Wir haben jedenfalls 
eine Anzahl der¬ 
jenigen Handschrif¬ 
ten, bei denen sich 
eine jüngere Hinzu¬ 
kunft nicht, wie für 
andere Gruppen, aus 
Nachrichten, Ein¬ 
trägen und Akten 
feststellen lässt, dem 
ganz alten Hausbe¬ 
sitz zuzuschreiben. 

Wenn man in der ersten Hälfte des XIV. Jahr¬ 
hunderts in diesem aller ritterlichen Bethätigung 
ergebenen Hause des sangesliebenden Schwaben 
einer Tochter den aus dem Parzival bekannten 
Namen der Herzelaude (Herzeloyde) beilegte, 
so erweckt schon das allein die unwillkürliche 
Vorstellung von Aventiuren und Ritterepen, die 
man an den langen traulichen Abenden des 
Winters las. Und gerade in diesem Falle ge¬ 
sellt sich eine zweite Beziehung eigentümlich 
zu diesem Frauennamen hinzu. Um 1336 liess 
sich der Freiherr Ulrich von Rappoltstein im 
Eisass den Parzival Wolframs und dazu eine von 
ihm selbst veranlasste deutsche Überarbeitung 
französischer Parzivaldichtungen resp. -Fort¬ 
setzungen in einen ungemein stattlichen Perga¬ 
mentband zusammenschreiben; die Übersetzung 


und Niederschrift kamen ihm zusammen auf 
die erkleckliche Summe von 200 Pfund Silbers 
zu stehen. Derselbe Ulrich aber, der auf den 
Parzival so viel hielt, hat die Grafentochter 
Herzelaude von Fürstenberg auf seine noch 
heute bewundernswerten, jedem Wanderer im 
Eisass wohlbekannten Burgen über Rappolts¬ 
weiler heimgeführt und bis zu ihrem Tode (um 
1362) als geliebte Gattin besessen. So weit 
reicht, was vorsichtige Forschung nach den 
bis jetzt bekannten Anhaltepunkten zu sagen 
vermag; einer näheren Ausmalung oder An¬ 
deutung des Liebesromans, der hier mit den 
Namen von Herzeloyde und Gahmuret gespielt 

haben könnte,stehen 
die weiter erschliess- 
baren Daten eher 
entgegen. Ein Zufall 
aber wieder für sich 
ist es, dass die Hand¬ 
schrift, nachdem sie 
später von Rappolt¬ 
stein an Helfenstein 
vererbt worden war, 
mit gräflich Helfen- 
steinschem Erbe an 
das Haus Fürsten¬ 
berg, dem Herze¬ 
laude entstammte, 
gelangt ist. 

Im XVI. Jahr¬ 
hundert sahen die 
F ürstenbergischen 
Bücherbestände 
manchen einzelnen Zuwachs, wie eingetragene 
Bemerkungen in den Bänden und Widmungsworte 
der Texte bezeugen. Besonders aber nahmen sie 
im folgenden XVII. Jahrhundert beträchtlich zu 
und zwar unter verschiedenen Pflegern zugleich, 
da das Haus nun wieder in verschiedene Linien 
zerspalten war. Die von Graf Wratislav (geb. 
1600, f 1652) vertretene älteste Linie hatte mit 
der Hand einer Gräfin von Helfenstein auch 
die vormals Zimmernsche Herrschaft Messkirch 
erheiratet und im Schlosse zu Messkirch, welches 
dieser Linie als Residenz den Namen gab, ver¬ 
einigte sich mit den älteren Fürstenbergischen 
auch eine Anzahl von Druckwerken und zum 
Teil sehr wichtigen Handschriften, die früher 
der mit jener Gräfin und Erbin zum Erlöschen 
gelangten Helfensteinschen Linie, sowie den 


■K 



Rechtsförmlicher Zweikampf zwischen Mann und Frau. 
Aus einem handschriftlichen Fechtbuch des XV. Jahrhunderts in der 
Fürstl. Fürstenbergischen Bibliothek zu Donaueschingen. 


D i g i t i z ed by UOOQ Le 








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Nach einer Zeichnung des Fürst!. Fürstenbergischen Gallerieinspektors H. Frank. 










70 


Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


besonders durch ihr unvergleichliches Chro¬ 
nikenwerk bekannten Herren und Grafen von 
Zimmern gehört hatten. Graf Wratislav hatte 
in den spanischen Niederlanden studiert und 
war ein Herr, der z. B. seine Collegienhefte 
sorglich aufbewahrte, der über Reisen und 
Aufenthalt in Italien Tagebücher führte, und 
der auch eine Anzahl selbstverfasster philo¬ 
sophisch-exegetischer Traktate hinterlassen hat. 
Er ist also schwerlich 
ein gleichgiltiger Ver¬ 
walter seiner Mess- 
kircher Schlossbiblio¬ 
thek gewesen. Von 
seinem Sohne und 
Nachfolger Franz 
Christoph (1642 bis 
1671 )liegt im Konzept 
eine nicht datierte, 
aber um 1650 abge¬ 
fasste Supplik vor, in 
der er die päpstliche 
Erlaubnis erbat, auch 
verbotene Bücher in 
seiner Sammlung ha¬ 
ben zu dürfen. Es 
handelte sich, wie das 
Ergebnis des Vorhan¬ 
denen bestätigt, um 
die haeretischen Wer¬ 
ke der protestanti¬ 
schen Theologen. Ein 
interessantes Buch 
aus der Frühzeit des 
Protestantismus hatte 
er übrigens schon er¬ 
erbt,nämlichdasdurch 
allerhand Umstände 
in Helfensteinsche 
Hände gelangte Gebetbuch Kurfürst Johanns des 
Beständigen von Sachsen, eine mit wertvollen 
Miniaturen aus Cranachs Schule geschmückte 
Handschrift. Ohne auf das verlockende Thema 
des Parallelismus in der Herkunft der Gemälde 
und der Bücherschätze im Fürstenbergischen Be¬ 
sitze einzugehen, bemerke ich kurz, dass auch 
von den Gemälden des ältem Lukas Cranach 
und seiner Schule, die sich jetzt im Karlsbau 
befinden, wenigstens ein Teil schon dem älteren 
FürstenbergischenBesitzstande angehört, darunter 
ein wahrhaft meisterhaftes Theologenportrait 


Der Hauptförderer der Messkircher Biblio¬ 
thek aber war Franz Christophs Sohn, Fürst 
Froben Ferdinand, der seit 1671 zunächst unter 
Vormundschaft regierte und 1741 starb. Ihm 
wird die endgültige Bücherzahl, die in Mess- 
kirch zusammenkam, verdankt, 3785 Bücher, 
darunter 98 Handschriften. Das genaue Ver¬ 
zeichnis über sie rührt zwar erst von 1768 her, 
giebt aber den Bestand von 1741» da nach 

Froben Ferdinands 
Tode für die Bücherei 
nichts mehr geschah 
und seine Linie über¬ 
haupt 1744 erlosch. 
Seitdem stand die 
Bibliothek tot in dem 
verlassenen Schlosse 
da, soweit nicht ge¬ 
legentlich von der jün¬ 
geren , nunmehrigen 
Hauptlinie, an welche 
die Messkircher Herr¬ 
schaft angefallen war, 
ein Beauftragter aus 
Donaueschingen hin¬ 
übergesandt wurde — 
wenigstens 1754 sind 
über einen solchen 
Fall Akten entstan¬ 
den — um die Biblio¬ 
thek zu visitieren und 
reinigen zu lassen. 

Das genannte Ver¬ 
zeichnis der Messkir¬ 
cher Bücher enthält, 
wie schon nach 
dem Gesagten vor¬ 
auszusehen war, von 
berühmteren, jetzt 
Donaueschinger Handschriften u. a. die Zimmern- 
sche Chronik und den Zimmemschen Toten¬ 
tanz und verzeichnet — billig als Hauptstück und 
Nr. 1 —auch die berühmte Handschrift der Welt¬ 
chronik des wirklichen Rudolf von Ems, die 
mit ihren vielen, in grossem Format gehaltenen 
Miniaturen aus dem XIV. Jahrhundert eine noch 
unausgeschöpfte Fundgrube zur Kultur- und 
Kostümgeschichte darstellt. Auch die mittel¬ 
alterliche Ependichtung ist vertreten. Der „Par¬ 
zeval in Reimen“ muss jener Rappoltsteinsche 
sein, da die zweite Donaueschinger Parzival- 


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mim. er tmiro poft mitum. 
yone mtr.fons fatutis er 
ginae.fbnöpieratiöcrlennrl 
&ti$ confolatioiuö etnrtml 
i gniae.cfprtTUamfaucra/ 

' iiiffamabiiaulmaarnqua 
milcmut fpus tuus m UU 


Aus einem Officium sanctae crucis 
des XV. Jahrhunderts 

in der Fürstl. Fürstenbergischen Bibliothek zu Donaueschingen. 


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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit 


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handschrift erst aus Lassbergs Sammlungen 
stammt; „Lanzelots Thaten“ und verschiedene 
„alte Romanzen“, d. h. Romanepen, werden 
aufgezählt Wenn heute ferner viele mehr oder 
minder alte und kostbare Gebetbücher und 
Missalien mit Miniaturen, darunter altvlämisch- 
burgundische Sachen, von deren Betrachtung 
man sich gar nicht losreissen kann, in Donau- 
eschingen zusammengekommen sind, so weist 
der Katalog von 1768 
auch davon einen Teil 
derMesskircher Samm¬ 
lung zu. Der Ursprung 
der auffälligen italieni¬ 
schen, übrigens ziem¬ 
lich jungen Handschrif¬ 
ten mag wenigstens 
zum Teil in Graf Wra- 
tislavs italienischem 
Aufenthalt seine Be¬ 
gründung finden. Die 
gedruckten Bücher aus 
Messkirch gehören in 
ganz überwiegender 
Weise den theologi¬ 
schen und juristischen 
Disziplinen an, nur ein 
geringes Häuflein an¬ 
derer sammelt sich 
unter dem Begriff der 
Philosophie, für die im 
engeren Sinne einst 
Wratislav eine persön¬ 
liche Liebhaberei ge¬ 
habt hatte, ohne Fort¬ 
setzer zu finden. Man 
empfindet es: wir be¬ 
wegen uns noch im 
Zeitalter der vorwie¬ 
gend konfessionellen Meinungskämpfe und staat¬ 
lich in dem des Absolutismus mit seiner 
Beamtenregierung und seinem ausschliesslich 
juristischen Bedürfnis. Die Periode der schönen 
Geister ist noch nicht gekommen; als sie sich 
der Gemüter siegreich bemächtigt, da sind so¬ 
eben die Thüren der Messkircher Bücherei von 
der Schattenhand des Todes leise zugeschlossen 
worden. 

Neben dem Messkircher ist es das male¬ 
rische Stühlinger Schloss, das einen zweiten 
Grundstock der Donaueschinger Sammlung hat 


an wachsen sehen. Die Stühlinger Linie, die 
durch das Aussterben der Messkircher 1744 
zur Hauptlinie wurde, war begründet worden 
durch einen Bruder Wratislavs, Friedrich Rudolf 
(geb. 1602, i 1655), der i. J. 1631 zum Herz¬ 
weh Vieler die schöne Tochter des Reichs¬ 
erbmarschalls Maximilian von Pappenheim, 
Maximiliane Maria, heimführte, die ihm als 
Erbtochter ihrer aussterbenden Linie zwei bedeu¬ 
tende Frauenerbschaf¬ 
ten ihrer Vorfahren 
zubrachte, die einst 
gräflich Lupfensche 
Landgrafschaft Stüh- 
lingen an der rauschen¬ 
den Wutach längs der 
heutigen schweizeri¬ 
sche n(Schaffhausener) 
Grenze und die Herr¬ 
schaft Hohenhewen mit 
ihren Burgen auf den 
steilenBasaltkegeln des 
Hegau. Und natürlich 
auch alles, was durch 
Lupfen und Pappen¬ 
heim im Stühlinger 
Schlosse von Büchern 
zusammengekommen 
war. Darunter war die 
überhaupt ältesteHand- 
schrift, die heute in 
Donaueschingen ist, 
der um 800 herum in 
langobardischerSchrift 
geschriebene Codex 
des Weltchronisten 
Orosius, eines Schülers 
der Kirchenväter Au¬ 
gustin und Hieronymus. 
Die von mir herangezogenen Akten lassen 
feststellen, dass auch eine nicht unerhebliche 
Bücherei des kinderlosen Grafen Wolfgang 
Christoph von Pappenheim (f 1633), eines 
älteren Verwandten der Maximiliane Maria, 
an diese und an ihren Sohn als Erben über¬ 
gegangen sein muss, denn dieser Sohn, Graf 
Maximilian Franz von Fürstenberg-Stühlingen 
(1655—1681), lehnt in einem erhaltenen Brief-, 
Postskriptum den Verkauf der Stühlinger Schloss¬ 
bibliothek an einen gewissen Zügler (Ziegler) 
ab und fügt hinzu, er hätte für die Bibliothek 



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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


Wolf Christofs, die auch noch zu der Stühlinger 
hinzukomme, allein schon 300 fl. haben können. 
Das kann aber nicht wohl jemand anders als 
der erwähnte Pappenheimer sein. Allerdings 
würde der Graf das Ganze um „800 par gdt 
an duggaten oder daler“ verkauft haben, aber 
er fand, Zügler wolle ihn drängen, „wie die 
schafhauser weiber die wirtenbergischen bauern 
auf den [dem] markt“, und da wollte er’s noch 
lieber verbrennen. Er hätte sich offenbar nicht 
leichtfertig von der Bibliothek getrennt, sondern 
befand sich in schwierigen Zeitumständen, wie 
schon aus dem Stossseufzer jenes an einen seiner 
Beamten gerichteten Briefes hervorgeht: „Ich 
bin eben unglickhlich. Gott mit uns!“ Er selber 
hat, nachdem ihm die Bibliothek durch Züglers 
passives Verdienst erhalten geblieben war, sie 
später, 1680, ein Jahr vor seinem Tode, statt¬ 
lich vermehrt durch die Bücher seines Rats 
und Landvogts Bidermann, die er um die Summe 
von 560 fl. ankaufen liess. 

Die Stühlinger Linie ist es, die 1723 ihren 
Wohnsitz verlegte, also in der gleichen Zeit, 
da überhaupt alle 
Fürstenhäuser, grosse 
und kleine, das 
ebenere Land für ihre 
breiten Raum bean¬ 
spruchenden Schloss¬ 
neubauten und ihre 
Gartenschöpfungen 
aufsuchten, da Ver¬ 
sailles allen das Vor¬ 
bild gab, Schwetzin¬ 
gen , Nymphenburg 
und unzählige andre 
fast aus dem Nichts 
entstanden. So ging 
auch hier ein wirk¬ 
liches Residenzstädt¬ 
chen anstatt der bis¬ 
herigen Burgsitze aus 
dem Dorfe Donau- 
eschingen hervor, das 
unweit der alten 
Stammburg auf dem 
Fürstenberge liegt 
und zugleich in der 
ungefähren Mitte des 
schwäbischen Teils 
der Hausbesitzungen 


im Schwarzwald, an der oberen Donau und 
nördlich am Bodensee. Wenn die Bibliothek 
selbstverständlich der Herrschaft nachfolgen 
sollte, so konnte das doch erst geschehen, nach¬ 
dem in der neuen Residenz, wo alles erst gebaut 
werden musste, geeignete Lokalitäten geschaffen 
waren. Jedenfalls im Hinblick auf den Umzug 
wurde 1730 ein Verzeichnis der in Stühlingen 
zurückgebliebenen Bücher angelegt, das rund 
2300 Druckwerke und 70 Handschriften aufweist. 
175 2 geschah dann die Überführung und zwar 
in das obere Stockwerk des in lauter starken Ge¬ 
wölben erbauten Archivs zu Donaueschingen. 
Alle diese Dinge fallen in die Zeit des treff¬ 
lichen Regenten Josef Wilhelm Ernst (1704 — 
1762). Dessen Sohn Josef Wenzel (1762—83) 
begann alsbald nach seinem Regierungsantritt 
auch die Messkircher Bibliothek zu benutzen, 
aber gerade die Schwierigkeiten, die dies hatte, 
mögen dazu beigetragen haben, dass er 1768 
Befehl gab, alle Messkircher Bücher und Hand¬ 
schriften zu katalogisieren und auch nach 
Donaueschingen zu überführen. 

Mit der Bibliothek 
kamen aus Messkirch 
auch dieRepositorien 
herüber, in denen sie 
dort aufgestellt wa¬ 
ren. Sie bilden eine 
äusserst achtbare 
Leistung damaliger 
Kunsttischlerei; in 
wechselnden Tönen 
fourniert und mit rei- 
chemSchnitzwerk ver¬ 
sehen, zeigen sie Stil¬ 
formen, die noch dem 
Barock angehören, 
aber auch schon die 
leichte Anmut des 
Rokoko atmen, doch 
ohne dessen bekann¬ 
tes Spiel mit der 
Symmetrie geistvoller 
Unregelmässigkeiten 
zu kennen. Der ar¬ 
chitektonische Auf¬ 
bau bleibt die Haupt¬ 
sache und hält die 
dekorative Zuthat in 
Grenzen für sich, die 



Aus einem Officium beatae Mariae 
des XV. Jahrhunderts 

in der Fürstl. Fürstenbergischen Bibliothek zu Donaueschingen. 


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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


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Ausladungen undPro- 
file sind heiter und 
bestimmt, nicht über¬ 
wuchtig und schwül¬ 
stig jdieSchnitzereien, 
auch quantitativ eine 
ansehnliche Leistung, 
zeigen reizendeEinzel- 
heiten, besonders in 
manchen der orna¬ 
mentalen Köpfchen. 

1769 wurde der Hof¬ 
schreiner Xaverius 
Goggel in Messkirch 
angewiesen, noch sie¬ 
ben solche Bücherge¬ 
stelle zu liefern und 
bekam auch das Nuss¬ 
baumholz zugestellt. 

Die ganze schöne Ein¬ 
richtung der Biblio¬ 
thek, zu der übrigens 
auch Thürrahmen, 

Sopraporten und Ar¬ 
beitstische gehören, 
wurde den Gewölben 
und Pfeilern im Ober¬ 
stock des Donau- 
eschinger Archivs, wenn auch immerhin im 
Einzelnen mit kleinen unvermeidlichen Gewalt¬ 
samkeiten, so doch im ganzen sehr geschickt 
angepasst und ist später nach Wiederverlegung 
der Bibliothek dort geblieben. Jetzt liegen Akten 
darin, aber in den von Schnitzwerk umgebenen 
Cartouchen am Sims stehen noch die alten 
jeweiligen bibliothekarischen Fächer bezeichnet. 
Als kunstgewerbliche Sehenswürdigkeit wird 
dies Messkircher Werk des XVIII. Jahrhunderts 
Besuchern gern gezeigt. 

Seit der Vereinigung aller Bestände in 
Donaueschingen wurde die Bibliothek mit 
neugemehrtem Eifer gefördert. In den 90er 
Jahren war der gleichzeitige Archivaccessist 
Johann Baptist Müller an der Bibliothek an¬ 
gestellt, seit 1795 als Bibliothekar, ein eifriger, 
gebildeter Mann, der aber für jedes einzelne an- 
zuschaffende Buch die Genehmigung des fürst¬ 
lichen Regierungs- und Kammerkollegiums ein¬ 
zuholen hatte und dieser Situation nicht recht ge¬ 
wachsen war. Er ist der erste Donaueschinger 
Bibliothekar nach modernem Begriff, und mit red- 
Z , U B, 


lichstem Eifer hatte er 
es sich beglückt aus¬ 
gemalt, wie er so recht 
im Geiste einer fein¬ 
sinnigen, litteraturbe- 
wanderten, interesse- 
reichenFürstenfamilie 
seine Anschaffungen 
auf die einzelnen schö¬ 
nen Wissenschaften 
verteilen wollte. Wahr¬ 
haft mit Mitleid be¬ 
obachtet man, wie es 
ihm mit seinen Bestell¬ 
listen bei den Herren 
des Kollegiums er¬ 
ging, die alles rund- 
weg ablehnten, was 
sie nicht kannten, näm¬ 
lich was nicht Juris¬ 
prudenzwar. Auf eine 
solche Liste hatMüller 
im ersten Zorn ge¬ 
schrieben : „Dieses 
Verzeichnis wurde mir 
simpliciter wieder zu¬ 
rückgegeben mit der 
Äusserung, dass man 
nicht gestimmt sey, belles-lettrische Bücher an¬ 
zuschaffen! Wer hätte je glauben können, dass 
Carpzow, Wolf, Guthey, Gray, Weber, Gatterer, 
Remer, Gmeiner, Meiners, Haller p. p.“ [er wagt 
nicht einmal Winckelmann hinzuzufügen, der 
auch in seiner Liste steht] „dermaleinst noch als 
Belletristen aus Bibliotheken würden verwiesen 
werden!! Triste lupus stabulis. In piam rei 
memoriam notiert Joh. Bapt. Müller m. p.“ Ein¬ 
mal reicht der leicht versöhnte Sanguiniker eine 
Rechnung über glücklich gemachte Einkäufe ein 
und schreibt zu aller Vorsicht nochmals darauf, 
dass diese Bücher „auf Gutheissen des Herrn 
Geheimen Raths v. Kleisers und des Herrn 
Geheimen Rath und Kammerdirectors Clavells“ 
angekauft seien. Aber anstatt der Zahlungsan¬ 
weisung steht von Clavell darunter geschrieben: 
„Mir ist ausser dem Böhmer“ [Jus ecclesias- 
ticum] „nichts vom weitern Einkauf, wohl aber 
soviel bekannt, dass ich von allen übrigen 
Büchern keines gekauft hätte.“ Eine eigentüm¬ 
liche Ironie will es, dass sich unter diesen 
„übrigen Büchern“, die Clavell nicht gekauft 

10 



Aus einem Officium beatae Mariae 
des XV. Jahrhunderts 

in der Fürstl. Fürstenbergisehen Bibliothek su Donaueschingen. 


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Hcyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


hätte, u. a. auch die Schriften Knigges be¬ 
finden. 

So kam es, Jahre hindurch, zu wenigem 
von dem, was Müller „gewunschen hätte“, für 
was er Denkschriften und Eingaben verfasste 
und nach allen günstigen Gelegenheiten zu ge¬ 
schicktem billigerem Einkauf ausspähte, wozu 
er besonders auch die Cottasche Buchhandlung 
in Tübingen, die überhaupt die damaligen An¬ 
schaffungen lieferte, in Anspruch nahm. Eine 
kurze Periode hindurch muss er freiere Hand 
gehabt haben, aber als er die Jenaer Litteratur- 
zeitung hielt, sowie der Anschaffung von 
Pfeffels Gedichten und einer Broschüre „Freymü- 
thige Gedanken über die allerwichtigsten An¬ 
gelegenheiten Deutschlands“ sich unterfangen 
zu haben betroffen ward, wurde 1799 die 
alte Abhängigkeit wieder hergestellt. Schwer¬ 
mütig ist sein ganzer Bestellisten-Faszikel be¬ 
titelt: „Bücher betreffend, welche man in der 
fürstlichen Bibliothek anzuschaffen von Bib¬ 
liothekwegen für gut fände, deren Assignation 
aber von den Dikasterien abgeschlagen worden“. 

Müller hat 1801 seinen guten Glauben zu 
Grabe getragen und nichts mehr beantragt. Er 
beschränkte sich auf das Archiv und starb 1814. 
In den zwanziger Jahren siedelte dann die Bib¬ 
liothek aus dem Archiv in das Nachbargebäude 
über. Als Bibliothekar fungirte 1818—24 der 
Schulprofessor Joseph Eiselein, der später nach 
Heidelberg ging. Waren bisher Theologie, 
Jurisprudenz, Medizin, und soweit Müller ver¬ 
mochte, auch etwas deutsche Litteratur berück¬ 
sichtigt worden, so vertrat Eiselein die klassische 
Philologie mit wahrhaft philologischer Aus¬ 
schliesslichkeit. Er ist auch der Veranstalter 
der unvorteilhaft bekannten „Donaueschinger 
Klassikerausgabe“ nämlich der Werke Winckel- 
manns und Lessings, für welches Unternehmen 
der — so weit ich es beurteilen kann — aus 
Idealismus und Verwahrlosung unglücklich zu¬ 
sammengesetzte Mann dem edlen Fürsten Karl 
Egon II., welcher in dem kleinen Donaueschingen 
ein reges künstlerisches und litterarisches Treiben 
erweckt hatte, nach und nach eine Beihilfe von 
20944 fl. 33 kr. zu entlocken gewusst hat. 

Im Jahre 1825 übernahm die Bibliothek 
Becker, der protestantische Hofprediger und 
Seelsorger der Fürstin Amalie, einer geborenen 
Prinzessin von Baden, und später auch der 
Gemahlin Karl Egons DI., der ebenfalls pro¬ 


testantischen Prinzessin Elisabeth von Reuss- 
Greiz. Wenig überhäuft durch sein eigentliches 
Amt in dem fast ganz katholischen Städtchen 
hat er sein bibliothekarisches Nebenamt kennt¬ 
nisreich, auch unter Fernhaltung jeder Ein¬ 
seitigkeit verwaltet. Als er 1857 starb, war 
kurz vorher ein Ereignis eingetreten, das aller¬ 
dings andere, direkt entsprechende Kräfte nötig 
machte und die ganze Bedeutung der Biblio¬ 
thek verschob, ja das überhaupt den wich¬ 
tigsten Vorgang in ihrer Entwicklungsgeschichte 
darstellt. 

Für die Leser dieser Zeitschrift bedarf es 
einer besonderen Würdigung des Anteils nicht, 
der dem Freiherm Josef von Lassberg an der 
Wiedererweckung des deutschen Mittelalters 
und einer national gerichteten Litteratur zu¬ 
kommt, Weniger allgemein bekannt dürfte sein, 
dass er der Sohn eines Fürstenbergischen Be¬ 
amten, selber der oberste Leiter des Fürsten¬ 
bergischen Forstwesens und überdies wäh¬ 
rend der vormundschaftlichen Regierung der 
Fürstin Elise, zur Zeit Napoleons, in Donau¬ 
eschingen der persönliche Berater der Regentin 
war. Manches ist ihm überhaupt nur durch die 
fördernde Teilnahme der fürstlichen Gönnerin 
ermöglicht worden. Als man auf dem Wiener 
Kongress mit der berühmten Nibelungenhand¬ 
schrift (C) bei dem ganzen ausländischen Diplo¬ 
matenanhang herumhausierte, da war es lediglich 
Lassbergs zornmütiger Eifer, der dies deutsche 
Heiligtum dem Schicksal entriss, einem „briti¬ 
schen Knochenvergraber“, wie er sich nicht 
schlecht ausdrückt, zugeschlagen zu werden; 
es fehlten ihm nur die 250 Dukaten, zu denen 
er sich dafür verpflichtet hatte, und die 
Fürstin Elise war es, die sie ihm vorstreckte. 
Sie war eine geistvolle Frau, die auch dem 
grossen Gedanken des Freiherm vom Stein, den 
Monumenta Germaniae, eine bereitwillige Gön¬ 
nerin wurde und Lassbergs romantisch-histo¬ 
rischen Neigungen mit innerster Teilnahme 
nahe stand. 

Kaum hat jene erste Zeit der Germanistik, 
die zugleich ihre freudigste und poetischste war, 
einen echteren Repräsentanten aufzuweisen, als 
den Fürstenbergischen Geheimrat im Schmuck 
der Oberjägermeisteruniform oder im altdeut¬ 
schen Romantikerrock, den Freiherm Josef 
von Lassberg. Ihm stieg aus jedem alten Per¬ 
gament der Hauch einer grossen Vergangenheit 


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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


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empor, und diesen möglichst getreu auch anderen 
durch die altertümelnde Art seiner Arbeiten zu 
vermitteln, schien ihm wichtiger, als eine philo¬ 
logische Zergliederung. Auf seinen Wohnsitzen, 
zuletzt im alten Schlosse zu Meersburg, umgab 
ihn das Mittelalter selber, so wie es sich in seiner 
Vorstellung gestaltete. Ein feingestimmtes 
Durcheinander alter Zeiten: Ritterwappen und 
leuchtende gotische Bilderfarben in den Fen¬ 
stern, alt und eichenschwer das Gerät, Gemälde 
der schwäbischen Schulen an den Wänden, ein 
tüchtiges „mittelalterlich“ Tintenfass auf dem 
Tisch zwischen Inkunabeln, Nibelungenlied und 
Pergamentbänden, schöne Geweihe und sonstige 
Beute deutscher Waidmannslust, Gewehre und 
Hellebarden und eine Unzahl mächtiger Tabak¬ 
pfeifen — wer wollte behaupten, das alles hätte 
sich nicht innig zusammen ver¬ 
tragen? Und mitten darin der 
Freiherr, mit der unermüdeten 
Sorgfalt der alten Miniatoren 
sein gotisch stilisiertes Wappen 
mit Namensumschrift als zier¬ 
liches Bücherzeichen in seine 
Codices malend. 273 Hand¬ 
schriften hatte er schliesslich 
beisammen, nebst etwa 11000 
Druckbänden. Dazu war er ein 
gar behaglicher Schlossherr und 
Wirt Uhland, Jakob Grimm, 

Lachmann, Pfeiffer, die ganze 
deutsche Wissenschaft kehrten bei ihm ein; 
die Beziehungen zu ihnen allen bilden, nur 
soweit sie in ausgetauschten Bücherwidmungen 
zum Ausdruck kommen, schon ein anziehendes 
kleines Kapitel deutscher Literaturgeschichte 
für sich. 

Zu seinem 84. Geburtstag lud er Uhland, 
diesmal horazisch anstatt mittelhochdeutsch: 
Est mihi cadus vini Manlio sub consule nati, 
langgesparten goldenen Elfers, der Freund solle 
mit ihm feiern. Aber er hatte doch auch schon 
an sein Sterben gedacht und wie nach seinem 
Tode seine Schätze nicht würden beisammen 
bleiben können. Da wollte er das schwere 
Werk lieber noch selber thun, als es den 
zarten Händen trauernder Töchter überlassen. 
Preussen, Baden, Württemberg hatten ihm An¬ 
gebote machen lassen, er aber wusste die Welt, 
in der er gelebt hatte, am liebsten bei Fürsten¬ 
berg, bei dem Hause, das ihm manchen schönsten 


Lebensinhalt gegeben hatte, und das überdies 
seine Schätze am wenigsten aus derjenigen 
Umgebung entfremdete, in der sie zusammen¬ 
gebracht waren. Er hatte ja auch zeitlebens 
das Gefühl gehabt, die wirklichen und rechten 
Nachfahren der schönen Stauferzeit und der 
mittelhochdeutschen Sänger von Minnelust und 
Aventiure, das seien doch eben nur die echten 
Schwaben von der jungen Donau und vom 
„schwäbischen“ Meer. So kam denn 1853 der 
Vertrag mit Karl Egon II. zu Stande: Lassberg 
verkaufte an den Fürsten für 27000 Gulden 
seine Handschriften, Bücher, Gemälde und etwa 
IOOO alte Urkunden und Dokumente. Der Fürst 
wollte nicht, dass sich der alte Herr von seinen 
Schätzen trenne, und so umgaben sie ihn nach 
wie vor bis zu seinem Tode. 

Am 15. März 1855 starb 
Lassberg. Und danach kamen 
nun Kisten und Kasten in 
schwerer Menge nach Donau- 
eschingen hinüber, standen unten 
im Archiv und harrten dessen, 
der sie auspacken und den un¬ 
vergleichlichen Inhalt ordnen 
und aufstellen könne. Und da 
fand man Josef Victor Scheffel, 
den Dichter, der den Trompeter 
und Ekkehard geschrieben und 
der wie keiner mit seiner ganz 
und gar historischen Poesie und 
Phantasie und dazu mit der tüchtigen Fach¬ 
kenntnis persönlicher Neigung in der Romantik 
des alten Schwaben und oberrheinischen Landes 
wurzelte. Ihm aber ist aus Donauquell- und 
Hegauwanderungen der Juniperus erwachsen, 
von seinen Büchern wenn nicht das schönste, 
so jedenfalls das in Inhalt und Sprache am 
echtesten epische und am tiefsten im künst¬ 
lerischen Sinn historische. 

Auf Scheffel folgte Barack, dessen 666 Seiten 
starkes Verzeichnis aller Donaueschinger Hand¬ 
schriften 1865 erschien, nachdem Scheffel nur 
die altdeutschen Handschriften in einem Druck¬ 
heft beschrieben hatte. Nach Barack über¬ 
nahm Riezler die Bibliothek, mit der er zu¬ 
erst auch die Leitung des Archivs vereinigte, 
auf ihn folgte (bis 1895) F. L. Baumann. 
Die Munificenz des Fürsten Karl Egon III. 
(1854—92) begünstigte nicht bloss die Mehrung 
der Bibliothek und die Zugänglichmachung ihrer 



Lassbergsches Wappen 
in der Fürstl. Fürstenbergischen 
Bibliothek zu Donaueschingen. 


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Heyck, Eine fürstliche Hausbibliothek im Dienste der Öffentlichkeit. 


Schätze, sondern auch die stattlichen Bände 
zur Haus- und Landesgeschichte von Fürsten¬ 
berg verdankten ihm ihr Entstehen. 

Zur Zeit zählt die Bibliothek etwa 120000 
Bände, 1160 Handschriften, 400 Inkunabeln, 
über welche letzteren Barack ebenfalls schon 
ein fast druckfertiges Verzeichnis angelegt hat. 
Weiter gesellen sich zu den Mappen und 
Kästen des Kupferstichkabinetts in dessen 
Bücherschränken viele Hunderte von Bänden 
künstlerischer Illustrationswerke, von den In¬ 
kunabeln des Holzschnitts an durch alle Gat¬ 
tungen des Formenschnitts und Kunstdrucks, 
und durch Gallerie-, Costüm-, Reisewerke und 
Prachtzeitschriften hindurch bis zum — Pan. 
Ebenso besitzt das Münzkabinet eine besondere 
Fachbibliothek. Nachdem die einzelnen Budgets 
des öfteren geregelt und erhöht worden sind, 
ist eine einheitliche Organisation all dieser In¬ 
stitute ganz neuerdings durchgeführt worden. 

Übrigens nicht alle Bücher, die das fürstliche 
Haus besitzt, sind in Donaueschingen vereinigt. 
Auch im Schlosse Pürglitz, dem Hauptsitz der 
Böhmischen Sekundogenitur, die jetzt wieder mit 
dem schwäbischen Stammgut vereinigt ist, be¬ 
steht eine Bibliothek, deren Inkunabeln für sich 
eine stattliche Sammlung darstellen, worüber ein 
Verzeichnis (von Felix Zeller) 1885 erschienen ist. 


Die Donaueschinger Bibliothek wird gern 
unter Führung eines der Beamten gezeigt. Sie 
ist auch jederzeit gern besucht worden. Das 
Fremdenbuch ist eigentlich als „Donauprotokoll“ 
das der fürstlichen Familie selber und ist es in 
seiner jetzigen Verwendung insofern geblieben, 
als auch für die Gäste des Schlosses die Biblio¬ 
thek stets eine besondere Anziehungskraft hat. 
Es stammt von 1660, nachdem ein älteres leider 
verloren gegangen war. Damals bestand zu 
Donaueschingen, wo, ehe es 1723 eigentliche 
Residenz wurde, schon einmal bis 1676 eine 
Seitenlinie sich eingerichtet hatte, noch die 
uralt deutsche Sitte fort, „den Ursprung eines 
Stromes, dessen Wasser als besonders heilig 
und heilsam galt, durch Hineinspringen und 
Untertauchen zu verehren“. Unterzutauchen 
brauchten freilich die in den Donauquell Gesprun¬ 
genen nicht, aber ein grosses Stengelglas mit 
„ehrlichem“ Moselwein liess ihnen die Herrschaft 
zur inneren Wiedererwärmung hineinreichen. 
Manch lustiger und schlecht und recht gereimter 
Vers, wieFremdenbuchverse sind, erzählt davon, 
und Scheffel in seinem Juniperus hat die Schil¬ 
derung solchen „Donausprungs“ mit dem fröh¬ 
lichen Bilde der noch heute weithin berühmten, 
gar ausgelassenen Donaueschinger Fastnacht 
in heiterer Laune poetisch verbunden. 



Die Donauquelle in Donaueschingen. 


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Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 

Von 

J. Meier-Graefe in Paris. 


B MV as Studium der belgischen Bewegung 
I IS « gehört nicht nur zu dem interessan- 
■ HR^ | testen der Moderne, sondern auch zu 
dem erfreulichsten. Hier ist wirklich der Begriff 
eines Renaissancegeistes nicht zu kühn ange¬ 
wendet. Wohlverstanden, nur das Prinzip der 
Renaissance, das gleichzeitige Durchdringen 
eines und desselben künstlerischen Impulses 
durch alle Gebiete. 

Die Grossindustrie des Eisen- und Kohlen¬ 
beckens Belgiens, die wohl die relativ stärksten 
Produktionszahlen in Europa aufweist, hat eine 
sehr freigeistige Atmosphäre, die sich ebenso 
wenig in der Kunst wie in der Politik um 
Traditionen kümmert. Der gesunde materia¬ 
listische Sinn dieses modernen Volkes von Tech¬ 
nikern und Kaufleuten, die Freizügigkeit, die den 
belgischen Handel in alle Weltteile trägt — alle 
diese Faktoren schaffen in Belgien zum Teil 
dieselben Vorbedingungen, die Amerika so för¬ 
derlich sind. 

Auch in Brüssel sind es zunächst nur wenige 
Künstler, die die Bewegung in Gang halten, aber 
diese streben so bewusst nach einem gemein¬ 
schaftlichen Ziele, dass ihnen eine Sonderstellung 
gebührt 

Man kann das Anfangsdatum der Bewegung, 
wenn man von den einzelnen Künstlern absieht, 
mit der Gründung der „Vereinigung der XX“ 
identifizieren, die im Jahre 1884 ihre erste Aus¬ 
stellung in Brüssel veranstaltete. Dies Datum 
markiert zugleich einen Abschnitt in der trau¬ 
rigen Geschichte des modernen Ausstellungs¬ 
wesens. Zum ersten Mal trat eine mehr oder 
weniger zusammenhängende Gruppe von Künst¬ 
lern mit einem wenigstens in wesentlichen 
Punkten gemeinschaftlichen Programm an die 
Öffentlichkeit und schied sich auf diese Weise 
von dem kunterbunten krämerhaften Jahrmarkts¬ 
treiben der grossen Ausstellungen. Es waren 
berühmte Namen unter den XX — der Bild¬ 
hauer Rodin z. B., der Radierer Fölicien Rops, 
Whistler gehörten zu den sehr vorsichtig ge¬ 
wählten Eingeladenen, Lautrec stellte hier seine 
besten Blätter aus — aber der Charakter der 
Sache kam nicht von ihnen, sondern von ganz 
und gar unbekannten Leuten, meistens Malern, 


n. 

und das Gemeinsame an diesen war, dass sie, 
so gut sie von der grossen französischen Technik 
ausgingen, gegen die Konsequenzen der fran¬ 
zösischen Malerei zu reagieren und den strengen 
Naturbegriff der Pariser Schule so zu erweitern 
versuchten, dass die Malerei fähig wurde, in 
Linie wie Farbe rein dekorativ zu wirken. Es 
war die Reaktion der Lyrik auf die Prosa — 
um nicht die thörichten Schlagworte Idealismus 
und Naturalismus heranzuziehen — dieselbe, 
die wir Deutschen ebenso stark in der Litteratur 
erleben. So mächtig diese Prosa in ihrer fast 
hundertjährigen Tradition dastand, so poetisch, 
so geistvoll, so durch und durch künstlerisch 
sie gehandhabt wurde — das, was diese jungen 
Leute sich nun einmal in den Kopf gesetzt hatten, 
zu wollen, besass sie nicht, konnte und durfte 
sie, wie wir vorhin gesehen haben, nicht be¬ 
sitzen. Diese Leute verlangten nach Rhythmus, 
mochte er noch so primitiv, noch so reaktionär 
sein, wenn er nur wieder geschwungene Linien 
zeigte. Um so besser, wenn es gelang, neue 
dekorative Wege zu finden. 

Das war das Ziel, es war nicht ganz neu; 
ähnliche Ideen waren früher schon in England, 
gleichzeitig und später in den meisten andern 
Ländern thätig. Überall ging durch alle Jungen 
der brennende Wunsch, sich von der abstrakten 
Kunst, die immer mehr eine Sache für Lieb¬ 
haber wurde, immer mehr an dem breiten Wir¬ 
kungsfeld vergangener Epochen verlor, abzu¬ 
wenden und eine neue zu schaffen, die weiter 
greifenden Zwecken dienen konnte, auch wenn 
sie substanziell nicht so raffiniert war. Man 
fing mit dekorativen Malereien und Zeichnungen 
an. Aus dem Bedürfnis für die Kartons, die, 
abstrakt betrachtet, viel zu ausdrucksvoll gewesen 
wären, Verwendung zu schaffen, entstanden die 
ersten kunstgewerblichen Absichten. Da sich 
kein Fabrikant dieser ganz und gar nicht gang¬ 
baren Zeichnungen bedienen wollte, musste man 
sie selbst in irgend einer Weise ausführen. So 
begann man zu handwerkern. Die Schwierigkeit 
war gross; es galt zunächst die richtigen Zeich¬ 
nungen für einen bestimmten Zweckzu komponie¬ 
ren, der gewerblich zweckentsprechend erschien, 
und dann für exakte Verarbeitung zu sorgen. 


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7« 


Meier-Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


Aber hier erkannte man, anders als in Paris, 
wie notwendig dafür eine strenge gewerbliche 
Ausbildung war. 

Die Gefahr lag nicht in Standesvorurteilen; 
man war von allem Nimbus frei, ja man ver¬ 
zichtete mit einer gewissen Begeisterung, die 
an sich nichts mit der Sache zu thun hatte, 
auf das Prestige der reinen Kunst Wie in 
London, so war auch in Brüssel der So¬ 
zialismus ein mächtiger Antrieb zur kunst¬ 
gewerblichen Bewegung. Gleich Morris, Crane 
und anderen Engländern, die ideell und prak¬ 
tisch anfangs grossen Einfluss auf die Brüsseler 
ausgeübt haben, stehen oder standen die mei¬ 
sten der jungen Gruppe kommunistischen Ideen 
nahe. Diese Tendenzen haben, so dankbar man 
dem Anstoss, den sie gaben, auch sein mag, 
viel Verwirrung in die Bewegung gebracht, weil 
sie zu jener literarischen Kunst verleiten, mit der 
sich keine Ästhetik verträgt. Den Brüsselern 
gelang es, das Mittel zum Zweck zu machen; 
sie fingen an, das Handwerk seiner selbst wegen 
zu lieben; man war von Haus aus Künstler genug, 
die Sache in ihren eigenen Gesetzen zu erfassen, 
und strebte nun energisch darnach, auf dieser 
gesunden Grundlage etwas Neues zu schaffen. Es 
fanden sich Leute unter ihnen, die Stoffe, Sticke¬ 
reien, Teppiche fertigten, andere fabrizierten 
Tapeten, andere Gebrauchskeramik, zuletzt kam 
man auf das schwierigste, das Mobiliar. Soweit 
war man nach zehn Jahren rastloser Arbeit. 
1893 stellte van de Velde seine erste Broderie 
aus; es war eine der bemerkenswertesten 
eigenen Arbeiten der Gruppe. Im Jahre vorher 
hatte Max Elskamp, der auch mit zu den XX 
gehörte, in Antwerpen mit van de Velde und 
einer Auswahl aus den übrigen Brüsselern die 
erste Ausstellung der Association pour TArt 
veranstaltet, die bereits ein vollkommen har¬ 
monisches Ensemble von Kunst- und kunst¬ 
gewerblichen Werken zeigte. Van de Velde 
setzte es durch, dass in der Ausstellung der 
XX in Brüssel im Jahre 1893 ein Saal dem 
Kunstgewerbe reserviert wurde. Es war die 
letzte Ausstellung der Vereinigung. Nachdem 
sich die XX, wohl infolge der Unterschiede 
zwischen den doch zum Teil zufällig zu¬ 
sammengekommenen Individualitäten aufgelöst 
hatten, gründete Octave Maus die „Libre 
Esth£tique,“ die in erweiterter Form die Ten¬ 
denzen der XX, namentlich in gewerblicher Be¬ 


ziehung, fortführte, freilich nicht ohne sie durch 
einen allzuweit gefassten Internationalismus 
etwas zu verwässern. Jedenfalls gelingt es den 
jährlichen Salons der „Libre Esth£tique“ und der 
an sie angeschlossenen ständigen Ausstellung 
„Pour l’Art“ in Brüssel immer mehr, der Bewegung 
auch die materielle Geltung zu schaffen, die 
ihr gebührt. Alle ihre Nuancen erscheinen zu¬ 
sammengefasst in dem Begabtesten der Gruppe, 
in Henri van de Velde, der vor kurzem mit 
einem der klügsten und geschmackvollsten 
Kenner, H. M. Jaeger, ein Etablissement bei 
Brüssel gegründet hat, das allen Zweigen des 
Gewerbes dient 

Ohne dass das Buch in Belgien die präpon- 
derierende Ausnahmestellung einnimmt wie in 
Frankreich, hat man ihm auch hier grosse Auf¬ 
merksamkeit zugewandt und erreicht, dass 
von irgend einer Abhängigkeit von Frank¬ 
reich nicht mehr die Rede sein kann. W. Crane 
stellte bei den XX seine Bilderbücher aus; 
bald konnte man Eigenes zeigen. Georges 
Lemmen und Th. van Rysselberghe schufen 
die Kataloge für die Ausstellungen, unter 
denen einige, z. B. der durchgängige der 
„Libre Esth£tique“ von Rysselberghe, bereits 
gelungene Muster darstellen. Heute sorgen schon 
eine Menge typographischer Zeichner — neben 
den beiden genannten Elskamp und Hagemann 
in Antwerpen, G. Minne in Brüssel, mehr illu¬ 
strativ Donnay, Rassenfosse, Berckmann in Lüt¬ 
tich, Doudelet in Brügge u. a., mit verschiedenem 
Erfolg, manche nicht ohne stark archaistische 
Anklänge, dafür, auch im Buch die Tendenzen 
der Gruppe zur Geltung zu bringen, und finden 
in dem Lütticher Verleger A. Benard, in den 
Brüsseler Verlegern Deman, Dietrich, La- 
comblez, Lamertin (der neben seinen medizi¬ 
nischen Werken auch ein paar gute künstlerische 
Bücher publiziert hat), vor allem aber in dem 
Verlag und der Druckerei der Veuve Monnom, 
die in der ganzen Bewegung eine sehr fördernde 
Rolle spielt, tüchtige und verständige Heraus¬ 
geber. Durch all diese Bücher, die so nahe bei 
Paris und in derselben Sprache gedruckt werden, 
die von den Franzosen zu so vielen typographi¬ 
schen Ungeheuerlichkeiten missbraucht wird, 
geht ein gemeinsamer Zug, das überzeugte Be¬ 
streben, aus dem Buch ein organisches Ganzes 
von Type, Bild und Einband zu schaffen. Die 
Tendenz zielt dabei auf Einfachheit; man 


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Meier -Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


79 


folgt der Einsicht, dass ein Buch, selbst das 
luxuiröseste, auch zum Gelesenwerden da ist, 
eine Einsicht, die man oft bei den kost¬ 
baren englischen Büchern vermisst, unter denen 
die besten von Morris fast unleserlich und offenbar 
auch nicht zum Gelesenwerden da sind. Die 
Brüsseler meinen, dass eine einfache Elzevir, 
gut gedruckt, vor allem gut gesetzt, so dass 
nicht die Type, sondern das Arrangement der 
Tex tfläche bildmässig wirkt, mit einfachen Leisten 
und Zwischenstücken geschmückt, die in Linie 
und Farbe das Ensemble vervollkommnen, ver¬ 
nünftigen Ansprüchen geschmackvoller Men¬ 
schen zu genügen vermag. Statt des über¬ 
flüssigen Luxus suchen sie grösste Gediegen¬ 
heit des Einfachen; keine Clichös, sondern 
Holzschnitte; keine komplizierten unsoliden Ma¬ 
nipulationen in den Einbänden, sondern die 
Prägetechnik ä petits fers, aber praktischer ver¬ 
wandt als bei den Alten; grosslinige einfache 
Muster, die mit dem Strichholzschnitt der Innen¬ 
dekoration der Bücher harmonieren und zu er¬ 
schwinglichen Preisen herzustellen sind. Unter 
den modernen Bindern ragt Claessen besonders 
hervor, dem Coppens, van de Velde u. a. die 
Zeichnung liefern. 

Vorbildlich für jede Einzelheit des Buchge¬ 
werbes und vor allem für das Ensemble ist auch 
hier van de Velde; das Wenige, das er bisher 
geschaffen hat, steht so hoch über der Buchkunst 
— man kann sagen der ganzen modernen 
Buchkunst aller Völker — dass die Existenz 
dieses einen Mannes genügt, um der Brüsseler 
Bewegung grösste Bedeutung auch für die 
Bibliophilie zu verschaffen. 

Das Traditionelle dieses jungen Brüssels ist 
durchaus nicht vom Himmel gefallen, und gerade 
darin liegt die Gewähr für die Zukunft. Es ist 
kein Zufall, der dort ein paar Leute mit eigen¬ 
artigen Ideen in die Welt gesetzt hat Man sieht 
an Paris, w r o es so viele merkwürdige Originali¬ 
täten mit guten Einfallen giebt, dass es darauf 
im Gewerbe nicht in erster Linie ankommt. 
Zur Kunst gehört das Genie, das sich so stark 
wie möglich von allem, was es vorfindet, scheidet 
und seinen Willen, einen neuen Komplex von 
Empfindungen, der Welt diktiert; zum Gewerbe, 
wie es hier verstanden wird, zu dem Gewerbe 
des Modernen, gehört Intelligenz; nicht so sehr 
originale Kunstbegabung, sondern ein haar¬ 
scharfes Gefühl für das, was nötig, und das, 


was dienlich ist Wenn der Künstler auf sich 
allein sehen und die grösste Wirkung im Aus¬ 
geben des Ureignen finden muss, vermag der 
Kunsthandwerker nur mit offenem Blick für die 
reale Aussenwelt zu nützen. Die gegebenen 
Bedürfnisse dieser Welt auf originale Weise 
sowohl praktisch wie ästhetisch zu erfüllen, ist 
das Ziel, das sich in diesem Hauptpunkt voll¬ 
kommen im Gegensatz zu den Zielen der reinen 
Kunst befindet. Die Verkennung dieses Gegen¬ 
satzes führt in Frankreich und in manchen 
andern Ländern zu dem Zwitterding, das nicht 
Kunst, nicht Gewerbe ist und doch ein Stück¬ 
chen von beiden hat. 

Die Brüsseler fingen damit an, sich umzu¬ 
sehen. Sie setzten das fort, was die Engländer 
angefangen, aber fast in den Anfangsstadien 
stecken gelassen haben. Alles, was in London 
noch ungeordnet nebeneinander liegt, wie in 
den exotischen Kaufhäusern ä la Liberty mit 
dem Chippendale-Empire, der Gothik von 
Morris und dem unverarbeiteten Japanismus, 
findet man hier wieder, aber zusammenge¬ 
schmolzen, extrahiert, verdichtet. Das Neue 
daran ist nicht zuletzt eine negative Qualität, 
das Ausmerzen alles Überflüssigen und aller 
direkten Erinnerungen an Fremdes und Altes, 
vor allem aber die Harmonisierung. Daraus ist 
ein Ganzes geworden, das man, obwohl es nicht 
aus urschöpferischer Kraft entstanden ist, mit 
eigenem Namen bezeichnen darf. — 

Vielleicht weist Brüssel den Weg, der 
der modernen Welt, die weniger Genie, aber 
mehr Intelligenz als vergangene Epochen be¬ 
sitzt, überhaupt übrig bleibt Einen Stil im 
Sinne der Alten werden wir wohl überhaupt 
nie mehr bekommen, aber das braucht uns 
nicht niederzudrücken, wenn wir nur für unsere 
spezifischen Bedürfnisse die passende ästhe¬ 
tische Form finden. Vergessen wir nicht, dass zur 
Verbreitung, zum Ausbau, kurz zur Schöpfung 
der Stile älterer Art, auch Eigenschaften und 
Verhältnisse nötig waren, gegen die siegreich 
gekämpft zu haben, uns heute als Errungen¬ 
schaft erscheint. Es ist undenkbar, dass das, 
was jetzt in Brüssel als ein zusammenhängen¬ 
der Stilgedanke wahrnehmbar ist, jemals die 
Marschroute für eine ganze Kultur wird, wie 
das zu früheren Zeiten möglich gewesen wäre, 
und es hiesse den Brüsselern Unrecht thun, 
diese relativ geringe Wirkungsfähigkeit einzig 


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8o 


Meier - Graefe, Der gegenwärtige Stand des Buchgewerbes in Paris und Brüssel. 


der ungenügenden Kraft der Äusserung anzu¬ 
rechnen. Was wir wünschen können, ist, dass 
die Zahl der Centren, unter denen Brüssel bis¬ 
her eine erste Stelle einnimmt, sich mehre. 
Diese Centren werden mehr oder weniger ver¬ 
schieden voneinander sein fc und zwar desto ver¬ 
schiedener, je eingehender sie die Bedürfnisse 
ihrer Sphäre — um nicht den verwirrenden Be¬ 
griff der Nationalität heranzuziehen — erfüllen. 
Nur eins werden und müssen sie gemein haben: 
die grundsätzliche Gegnerschaft gegen die alten 
Stile, die heute aus allen Jahrhunderten in das 
vor lauter Stilen stillose Haus des Bourgeois 
hineinragen, und die so wenig zu uns passen 
wie die Rüstung des Ritters, das Sammetkleid 
des Dogen, die Eskarpins der Rokokoherren. 
Sie müssen uns von der lächerlichen, unwür¬ 
digen Modemaskerade befreien, mit der wir 
uns je nach dem gangbaren Stil mit erkünstel¬ 
tem Behagen umgeben, uns lehren, auf die alte 
Pracht, der wir entwachsen sind, zu verzichten 
und uns lieber mit neuem Schmuck, der uns 
wirklich zum Schmuck gereicht, zu begnügen, 
auch wenn er uns nötigt, traditionelle Ansprüche 
an die Pracht ein wenig niedriger zu schrauben. 
Für schönen Luxus gibt es auch in der Mo¬ 
derne noch Raum; freilich ist er geringer ge¬ 
worden, Der Aufwand an Kraft, dessen wir 
heute zur Befriedigung des Nötigen bedürfen, 
genügte früher bereits zu einem relativen Luxus. 
Wenn wir die nächstliegenden Bedürfnisse eines 
Durchschnittsmenschen unserer Zeit mit denen 
eines Menschen in relativ ähnlichen Verhält¬ 
nissen der früheren Zeit vergleichen, so finden 
wir leicht die Kurve, die trotz vieler verwirren¬ 
der Krümmungen die Neigung verrät, um so 
tiefer zu gehen, je weiter sie in die Vergangen¬ 
heit zurückläuft. Diese Linie, nicht eine der 
vielen anderen, die die höchsten Punkte des 
Luxus der Zeiten verbinden, ergibt die Kultur¬ 
geschichte. Wir dürfen getrost für uns in An¬ 
spruch nehmen, dass sie in unserer Zeit den 
bisher höchsten Punkt erreicht hat. Das schliesst 
die genügend bekannte Thatsache nicht aus, 


dass die vergangenen Stilepochen glänzende 
Besitztümer vor uns voraus haben. Wir be¬ 
kommen sie nicht, indem wir Anachronismen 
aus ihnen machen. Aber Ersatz können wir 
uns schaffen, nicht indem wir in vergangene 
Zeiten zurückgehen und Formen, die nur für 
jene Sinn und Inhalt haben, neu zu beleben 
versuchen, sondern mit der Wiederholung des 
Prinzips, das immer und ewig dasselbe bleibt: 
für die eigene Zeit Eigenes zu schaffen. Stets 
war der beste Stolz des Gewerbes die Gedie¬ 
genheit. Im Zeitalter der Massenfabrikation 
wird diese Qualität kostbar. Je mehr wir sie 
in den Dienst unserer persönlichsten Bedürfnisse 
stellen, um so kräftiger wird das Gewerbe werden. 

Ich glaube den Charakter dieser neuen Zeit¬ 
schrift recht zu verstehen, wenn ich annehme, 
dass sie nicht nur abgeschlossenen Bibliophilen- 
Interessen dienen, sondern auch den Leuten 
etwas geben will, die Fühlung zu den hier be¬ 
rührten Fragen haben oder suchen. Die Biblio¬ 
philie als beziehungsloser Sammelsport ist an 
sich ein Anachronismus in unserer ernsten Zeit, 
wo es so viel dringend nötige Dinge zu thun 
gibt, und sie wird immer nur hemmende Ele¬ 
mente in die Bewegung mischen. Fasst man 
das Buchwesen nicht lediglich als eine Sache 
auf, die nur für ein paar Leute mit Geld für 
kostbare Liebhabereien da ist, sondern als einen 
wichtigen Teil der kunstgewerblichen Strömung, 
deren Entwickelung grösstes Interesse verdient, 
so lässt sich besonders in Deutschland, das im 
modernen Gewerbe von vielen anderen Kunst¬ 
völkern überragt wird und fast nur noch im Buch¬ 
wesen Anklänge an seine glänzende kunstge¬ 
werbliche Vergangenheit besitzt, manches Gute 
damit ausrichten. Gerade der Vergleich der 
beiden Länder, Frankreichs und Belgiens, gewährt 
die Möglichkeit, alle Wege, auf die man heute 
das Buchgewerbe zu leiten sucht, zu beobachten, 
denn in beiden Ländern liegen die Pole, zwi¬ 
schen denen die ausgeprägtesten Bestrebungen 
auf diesem ganzen Gebiet, sowohl die gesunden 
wie auch die typisch irrtümlichen, verlaufen. 



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Die Autographensammlung der K. K. Hofbibliothek in Wien. 

Von 

Rudolf Beer in Wien. 


» »fassende gedruckte Verzeichnisse 
geben über die einzelnen Handschriften¬ 
bestände der altehrwürdigen Biblio- 
theca Palatina Vindobonensis Aufschluss. Selbst 
die vor geraumer Zeit erschienenen, von Lam- 
beck, Nessel und Kollar bearbeiteten Ver¬ 
zeichnisse der griechischen Handschriften, die, 
wie natürlich, in manchen Beziehungen als ver¬ 
altet erscheinen müssen, geben im wesentlichen 
den Bestand der Codices graeci in getreuem 
Bilde wieder, so dass sie sich auch heute noch 
als nützlich bewähren. In weit höherem Masse 
ist dies der Fall bei G. Flügel’s Katalog der 
arabischen, persischen und türkischen Hand¬ 
schriften der K. K. Hofbibliothek (Wien 1865— 
1867, 3 Bände), während die Tabulae codicum 
manuscriptorum praeter Graecos et Orientales 
(Vindobonae 1863 ss.), deren Herausgabe unter 
den Auspicien der kaiserlichen Akademie der 
Wissenschaften in Wien stattfindet, wohl auch 
den strengsten Anforderungen, die man an 
einen solchen catalogue raisonn£ stellen kann, 
genügen dürften. Zu erwähnen wäre noch, 
dass zu diesen Tabulae, d$ren 8. Band nach 
längerer Pause im Jahre 1893 erschien, ein 
2 Bände umfassendes Supplement binnen kur¬ 
zem erscheinen wird: das Verzeichnis der 
musikalischen Handschriften, auf Grund ver¬ 
schiedener älterer Beschreibungen bearbeitet von 
dem Amanuensis der Hofbibliothek Dr. Josef 
Mantuani. Die genaue Beschreibung der kost¬ 
baren Miniatur-Handschriften der Palatina haben 
im Aufträge des österreichischen Ministeriums ftir 
Cultus und Unterricht unter der Leitung des 
Professors der Kunstgeschichte an der Wiener 
Universität, Dr. Franz Wickhoff, mehrere jüngere 
Fachgelehrte unternommen, und es steht zu 
erwarten, dass die Ergebnisse dieser mühe¬ 
vollen, bereits seit Jahren fortgesetzten Unter¬ 
suchungen bald der Öffentlichkeit übergeben 
werden. 

Zweck der nachfolgenden Mitteilungen ist 
es, über eine Abteilung des Handschriftendepar¬ 
tements, an deren Bedeutung, wenn sie sich 
auch nicht mit jener der genannten Hand¬ 
schriften-Fonds messen darf, man wohl nicht 
z. L B. 


zweifeln kann, nämlich über die Autographen¬ 
sammlung der Hofbibliothek einige Mit¬ 
teilungen zu geben; bei der Zusammenstellung 
derselben haben mich sowohl der Direktor der 
Hofbibliothek, Herr Hofrat Professor Dr. Hein¬ 
rich Ritter von Zeissberg, der mir auch in 
liberalster Weise zu der vorliegenden Ver¬ 
öffentlichung die Ermächtigung gewährte, wie 
der Vorstand der Handschriftenabteilung, Herr 
Custos Dr. Göldlin von Tiefenau, thatkräftigst 
und liebenswürdig unterstützt 

Die Aufgabe wird durch den Umstand 
wesentlich erleichtert, dass über den gesamten 
Bestand an Autographen der Hofbibliothek 
sehr genau und zweckmässig abgefasste hand¬ 
schriftliche Kataloge vorliegen. Das, was bis¬ 
her aus denselben veröffentlicht wurde, steht 
mit dem Umfange des thatsächlich vorhandenen 
Materials in keinem Verhältnisse. Zuerst hat 
J. F. von Mosel in seiner Geschichte der 
Hofbibliothek (Wien, 1835) die Anlage der 
Sammlung kurz erwähnt, S. 270 und in der 
Beilage VII einige der merkwürdigsten Stücke 
hervorgehoben, nachdem er unter den Werken 
der musikalischen Sammlung schon einiger vor¬ 
züglicher musikalischer Autographe gedacht 
hatte (S. 353 ff). Seither wurde meines Wissens 
die Autographensammlung nur einmal, und auch 
da nur nach einer Seite hin systematisch durch¬ 
forscht, und zwar anlässlich der Wiener Musik- 
und Theaterausstellung im Jahre 1892, deren 
Direktion durch ihren wissenschaftlichen Stab 
zwar alle einschlägigen Autographe der Hof¬ 
bibliothek durchsehen, aber schliesslich doch 
nur verhältnismässig wenige zur Schau stellen 
liess. Letztere Stücke sind in dem von der 
Ausstellungskommission herausgegebenen Ka¬ 
taloge genau verzeichnet worden. Speziell diese 
Musikautographe haben schon früher von ver¬ 
schiedenen anderen Seiten (La Mara, Nohl u. a.) 
eingehende Benutzung erfahren, wie denn bei 
Abfassung von Biographien von Schriftstellern 
bei Herausgabe ihrer Werke (z. B. Grillparzer) 
natürlich auch das an der Hofbibliothek aufbe¬ 
wahrte reiche Autographenmaterial in allen 
seinen einschlägigen Teilen herangezogen wurde. 

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82 


Beer, Die Autographensammlung der K. K. Hofbibliothek in Wien. 


Zunächst einige Worte über die Genesis 
der Sammlung. Der erste Gedanke, in der Hof¬ 
bibliothek eine Autographensammlung anzu¬ 
legen, datiert aus einer verhältnismässig nicht 
allzulange hinter uns liegenden Zeit. Er fällt 
in das erste Drittel unseres Jahrhunderts, während 
dessen die Vorliebe für derlei Schriftstücke in 
Wien besonders rege geworden zu sein scheint, 
wie dies die hier im Jahre 1838 veranstaltete 
Versteigerung—die erste grosse Autographen¬ 
auktion in Deutschland — beweist. So regte 
auch der damalige Präfect der Hofbibliothek, 
Graf Moritz von Dietrichstein-Proskau-Leslie, die 
Vereinigung von Autographen in dem ihm 
unterstehenden Institute an. Er wendete sich, 
wie auch Mosel erzählt, im Dezember 1828 
behufs Erlangung von einschlägigen Beiträgen 
zunächst an den StaatskanzlerFürsten von Metter¬ 
nich, an die „Gubemien“ der Provinzen und an 
das Ausland. „Diese Korrespondenz hatte einen 
Erfolg, der alle Erwartung übertraf. In weniger 
als 2 Jahren waren bereits mehrere tausend, 
darunter eine grosse Zahl der allermerkwür¬ 
digsten und seltensten Autographen, teils von 
den Behörden, teils von Privaten eingegangen, 
wobei die Hofbibliothek besonders S. Hoheit, 
dem Herrn Erzherzog Rainer, Vizekönig des 
lombardo - venezianischen Staates, höchst¬ 
weicher zu dem schnellen Gedeihen dieser 
Sammlung mit vorzüglicher Teilnahme beizu¬ 
tragen geruhte, sich zu besonderem Dank ver¬ 
pflichtet fühlt“ So berichtete Mosel 1835. 
Erwähnenswert ist, dass die Sammlung, welche 
Mosel auch etwa auf 8000 Stücke schätzte, 
seither ununterbrochen bereichert und erweitert 
wurde, so zwar, dass sie nach den erst kürzlich 
von Herrn Custos Göldlin von Tiefenau ange- 
stellten Berechnungen sich jetzt auf etwa acht¬ 
zehntausend Nummern beläuft. Zu diesem ge¬ 
wiss achtenswerten Anwachsen trug in erster 
Linie die nimmermüde, schon von Mosel rühmend 
hervorgehobene Fürsorge des Erzherzogs Josef 
Rainer bei. Daraus erklärt sich der Reichtum 
unserer Sammlung an italienischen Autographen, 
und mit der bekannten Vorliebe des Erzherzogs 
für Naturwissenschaften hängt der Umstand 
zusammen, dass speziell namhafte Naturforscher, 
Physiker, Ärzte, Botaniker u. s. w. durch Auto- 
graphe vertreten sind. Unter Behörden und 
Ämtern, welche zu der Sammlung bei¬ 
steuerten, wären vor Allem das Haus-, Hof- 


und Staatsarchiv, das Kriegsarchiv, das Hof- 
Marschallamt, das Hofkammerarchiv, die un¬ 
garische und vereinigte Hofkanzlei zu erwähnen. 
Ferner ist zu bemerken, dass zu den schon 
von Mosel genannten „Gubemien“ damals auch 
das Venezianische und das Lombardische ge¬ 
hörten. Unter den Privatpersonen, welche zur 
Bereicherung unseres Autographenschatzes bei¬ 
trugen, ist neben den Beamten der Hofbiblio¬ 
thek, wie Mosel, Karajan, Birk und andern, der 
Schriftsteller Castelli wie der durch seinen Brief¬ 
wechsel mit Münch-Bellinghausen bekannte 
Enk von der Burg zu nennen. Sehr reich¬ 
haltig war endlich die Autographenkollektion 
des Wiener Sammlers W. La Croix, die, wie 
es scheint, vollständig in den Besitz der Hof¬ 
bibliothek überging. 

Nicht mindere Sorgfalt als das Sammeln 
dieser Schriftstücke, erheischte ihre Ordnung 
und Katalogisierung, deren hier denn auch 
eingehender gedacht werden möge. 

Ohne den Vorwurf zu besorgen, dass ich 
zu eifrig pro domo spreche, darf ich die 
Katalogisierung der Autographen der Hof¬ 
bibliothek als eine mustergiltige bezeichnen. 
Die Forderung, welche für sämtliche Hand¬ 
schriften und Bücherbestände einer Bibliothek 
gerade in jüngster Zeit als gebieterisch aner¬ 
kannt, aber nur in den seltensten Fällen ausgeführt 
wurde, nämlich die nach einem Nominal- und 
Realkatalog, ist bezüglich unserer Autographen¬ 
sammlung in glänzender Weise erfüllt worden. 
Jedes der 18000 Autographen erhielt seinen 
eigenen Zettel, auf welchem zunächst der Name 
des Schreibers, sein Stand oder seine Würde, 
das Fach der Wissenschaft oder der Kunst, in 
der er sich bethätigte, ersichtlich gemacht wird. 
Darauf erfolgt die Angabe des Landes, in 
welchem er lebte oder lebt, das Geburts-, even¬ 
tuell auch das Todesjahr, die Provenienz des 
Stückes, endlich die Angabe des Kästchens, 
in welchem es, sauber in Papierumschlag ge¬ 
borgen und mit einer gesonderten Nummer 
versehen, ruht An der Anlage dieses Zettel¬ 
katalogs, der natürlich alphabetisch nach den 
Namen der Schreiber geordnet ist, hat in erster 
Linie der bereits mehrfach erwähnte erste 
Custos, Ignaz Franz Edler von Mosel, gearbeitet. 
Mit welchem Eifer und mit welcher Liebe zur 
Sache er ans Werk ging, beweisen manche 
zwar ganz unbibliothekarische, aber doch auch 


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Beer, Die Autogrmpbensammlung der K. K. Hofbibliothek in Wien. 


83 


geradezu rührende Anerkennungen, die er auf 
den Zetteln den einzelnen Namen beifügte. 
So heisst es bei dem Namen der Schauspielerin 
Toni Adamberger, der berühmten Braut Theo¬ 
dor Körners, späteren Gattin Joseph Calasanz 
Ritter von Ameths, einmal „trefflich“, einmal 
sogar „unübertrefflich“ — ein Beweis, dass die 
helle Kunstbegeisterung Mosels auch bei der 
trockenen Katalogisierungsarbeit sich zum Durch¬ 
bruch zu verhelfen wusste. 

Die Ergänzung zu dieser Arbeit Mosels lieferte 
Friedrich Ritter von Bartsch, ein Sohn des be¬ 
rühmten Kupferstichkenners, in einer seines 
Vorgängers vollkommenen ebenbürtigen und 
würdigen Weise. Und dies nicht nur mit 
Rücksicht auf den Zettelkatalog. Bartsch ver¬ 
danken wir auch die Anlage des monumen¬ 
talen Fachkatalogs der Autographe in zwei 
starken Foliobänden. Dieser Fachkatalog ist 
es auch, welcher die schwierigen Aufgaben 
lösen hilft, über die grosse Masse des Materials 
einen wenigstens allgemein orientierenden Über¬ 
blick zu gewähren. Ich habe im nachfolgenden 
die Hauptabteilungen dieses Katalogs verzeichnet, 
in der Überzeugung, hierdurch über den Um¬ 
fang der Sammlung am besten Aufschluss zu 
vermitteln. Der Titel des Kataloges lautet: 

„Repertorium | über | die | Autographen-Sam- 
hing | der | K. K. Hofbibliothek. | Nach Staaten 
und Ständen I genealogisch-chronologisch-al¬ 
phabetisch geordnet | 1852.“ 

Die Einteilung des Verzeichnisses wird durch 
die folgende Übersicht klar: 

I. Deutschland. 

Anhalt — Baden — Bayern — Braunschweig 
und Hannover. — Curiand — Hessen — Jülich 

— Leuchtenburg — Mecklenburg — Nassau. 

— Österreich (vgl. weiter unten) — Oldenburg 

— Ostfriessland — Pfalz—Pommern —Preussen 

— Sachsen — Schweiz —Württemberg — (über 
den hier folgenden Anhang siehe weiter unten). 

IL Die übrigen Europäischen Staaten nach 
alphabetischer Ordnung. 

Belgien — Britisches Reich — Dänemark 
(1. Königliches Haus. 2. Nebenlinien: Holstein, 
3. Staat) — Frankreich (1. Dynastien. 2. Neben¬ 
linien. 3. Republik von 1792—1804.4. Kaiserreich 
unterNapoleon Bonaparte. 5. Revolutionsmänner 
seit 183a Anhang ähnlich wie bei Österreich 
und Deutschland.) — Griechenland — Italie¬ 
nische Staaten (Kirchenstaat, Bistume, Mailand, 


Malta u. s. w. samt Anhang, ähnlich, wie bei 
Österreich und Deutschland) — Lothringen — 
Niederlande — Polen — Portugal — Russland 

— Schweden und Norwegen — Siebenbürgen 

— Spanien — Türkei — Ungarn. 

HI. Die ausser-europäischen Staaten. 
Asien: Persien oder Iran — China. — 
Amerika: Vereinigte Staaten — Mexiko — 
Hayti — Columbia — Peru — Bolivia — 
Brasilien. 

IV. Anhang: Mimische europäische Künstler. 

Sänger: 1. Deutschland, 2. Frankreich, 
3. Italien. Schauspieler: 1. Deutschland, 2. Eng¬ 
land, 3. Frankreich. Tänzer: 1. Deutschland, 

2. Frankreich, 3. Italien. Theateruntemehmer 
und Direktoren: r. Deutschland, 2. Frankreich, 

3. Italien, 4. Schweden. 

Hier ist, wie man sieht, die geographische 
Einteilung streng eingehalten. Innerhalb der 
einzelnen Länder findet sich eine Art ständi¬ 
scher Scheidung durchgefuhrt, während im 
Bereiche dieser das chronologische Prinzip be¬ 
obachtet wird. So haben wir beispielsweise 
bei Österreich: 

Dynastie Habsburg, Deutsche Linie: Maxi¬ 
milian I., Carl V., Ferdinand I., Anna, dessen 
Gemahlin, u. s. w. 

Dynastie Lothringen: Maria Theresia,Franzi., 
Joseph II. (u. s. w.; schliesst mit dem gegen¬ 
wärtigen Kaiser). 

K, K, Armee: Ausserordentlich zahlreiche 
Autographe aus dem XVL, XVII., XVHL, XIX. 
Jahrhundert 

Hofdienste : Oberste Hofchargen. Subalterne 
Hofdienste, Kämmerer und Truchsesse; oberste 
Erbämter derKronländer; Hofstaat der Kaiserin 
und der Erzherzoge und Erzherzoginnen; Privat¬ 
dienstleistungen bei Sr. Majestät und den Glie¬ 
dern des kaiserlichen Hauses. 

Hohe Staatsdienste: Staats- und Konferenz¬ 
minister. Kanzler und Vicekanzler. Präsidenten 
und Vicepräsidenten der Hofstellen. Gouver¬ 
neure der Kronländer. Landmarschälle, ge¬ 
heime Räte, Staats- und Konferenzräte. Dip¬ 
lomatisches Korps. Geheimes Kabinet des 
Kaisers. Haus-Hof-und Staatsarchiv. XV. Jahr¬ 
hundert (Stephanus Lapicida 1484) XVI.—XIX. 
Jahrhundert. 

Subalterne Staatsdienste: Hofräte. K. K. 
Räte. Magistratsräte der Stadt Wien und 
anderer Städte der Kronländer. Bürgermeister, 


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Beer, Die Aatographens&mmlung der K. K. Hofbibliothek in Wien. 


Sekretäre u. s. w. XV. Jahrhundert (Conrad 
Holzer 1472; Peter Plannkch 1445; Hanns Mene- 
storff 1491; Ulrich Hirssauer 1437). 

Adel: XV. Jahrhundert (Paris, Graf v. Lodron 
1477) XVI.—XIX. Jahrhundert 

Bürger - und Gewerbesland: Bankiers, Kauf¬ 
leute und Fabrikanten. (Die am schwächsten 
vertretene Abteilung; nur 7 Namen, darunter 
Moritz Graf Fries und Salomon M. Freiherr 
v. Rothschild). 

Hohe Geistlichkeit: XVI.—XIX. Jahrhundert. 
Subalterne katholische, griechische, sowie pro¬ 
testantische Geistlichkeit Israelitische Ge¬ 
meinde. XVL—XDC Jahrhundert 

Die Männer der Bewegung während der 
Revolution von 1848 auf 184g: Kossuth, Paz- 
mandy, Deak, Giskra, Blum, Messenhauser, 
Pulszky, Smolka u. v. a. m. 

Gelehrtenstand: 1. Philologie. XVI. Jahrhundert 
(Brassicanus, Cuspinianus, Nydbruck, Gerardus de 
Roo, Mitis v. Limusa). XVII.—XIX. Jahrhundert 
2. Philosophie und Paedagogik. 3. Theologie. 
4. Jurisprudenz und Politik. 5. Archäologie und 
Kunstgeschichte. 6. Ästhetik und Belletristik. 
XVI. Jahrhundert (Celtes, Paulus Rubigallus). 
XVTL—XIX. Jahrhundert; sehr zahlreiche Auto- 
graphe fast sämtlicher bedeutender Vertreter der 
Dichtkunst und Belletristik. 7. Medizin und Chi¬ 
rurgie, Arzneimittellehre. Theorie und Praxis. 
8. Mathematik und Astronomie. 9. Naturwissen¬ 
schaften (Physik, Chemie, Mineralogie, Zoologie, 
Botanik). XIX. Jahrhundert 10. Geschichte und 
Geographie. XVI.—XIX. Jahrhundert 11. Ver¬ 
mischte Schriften. 12. Schöne Künste (Archi¬ 
tektur, Skulptur, Malerei). 13. Schöne Künste 
(Musik, Theorie und Praxis). 14. Buchdrucker, 
Buchhändler u. s. w. 

Eine ähnliche Einteilung wurde in dem bereits 
erwähnten Anhang zu Deutschland beobachtet 
Den breitesten Raum nehmen ein: Hohe Geist¬ 
lichkeit; standesherrliche Häuser; 1848—1849 
(Frankfurter Parlament); Gelehrtenstand (Philo¬ 
logie u. s. w.). — 

Ein entsprechend grosser frei gelassener 
Raum in den einzelnen Rubriken dieses Band- 
Repertoriums gestattet leicht die Eintragung 
späterer Zugänge, während die entsprechenden 


Katalogblätter in den Zettel-Katalog einfach 
alphabetisch eingereiht werden. 

Nur eine ebenso reichhaltige wie wertvolle 
Autographensammlung macht hiervon eine Aus¬ 
nahme. Es ist die Briefsammlung des Frei- 
herm Eligius Münch-Bellinghausen, des letzten 
Präfekten der Hofbibliothek, der unter dem 
Namen Friedrich Halm als Zierde des öster¬ 
reichischen Parnasses bekannt ist. Nach seinem 
im Jahre 1871 erfolgten Tode gelangten ge¬ 
mäss letztwilliger Verfügung die vorher schon 
sorgfältig geordneten und von dem nun gleich¬ 
falls bereits verstorbenen Skriptor Joseph Majr 
in einem gesonderten Zettelkataloge, genau 
beschriebenen Autographe — fast ausschliess¬ 
lich Briefe, die an Baron Münch gerichtet 
waren — in den Besitz der Hofbibliothek. 
Aus den Namen der hier vertretenen Brief¬ 
schreiber: Auersperg, Baudius, Bauemfeld, Ro- 
derich Benedix, Birch-Pfeiffer, Georg von Cotta, 
Johann Ludwig Deinhardstein, Josef Dessauer, 
Eduard Devrient, Graf Dietrichstein, Dingel¬ 
stedt, Egon Ebert, Ebner-Eschenbach, Fanny 
Elssler, Ludwig August Frankl, Ludwig und 
Zerline Gabilion, Emanuel Geibel, Elise Glück 
(Betty Paoli), Ottilie und Wolfgang von Goethe 
jun., Karl Gutzkow, Amalie Haizinger, Hamer- 
ling, Hebbel, Carl von Holtei, Hans Hopfen, 
W. Jordan, Fr. Krastel, Karl La-Roche, Hein¬ 
rich Laube (45 Briefe), Meyerbeer, Mosenthal, 
Putlitz, Clara Schumann, A. Sonnenthal, Char¬ 
lotte Wolter u. s. w. ersieht man, dass die 
hervorragendsten Zeitgenossen hier vertreten 
sind, und auch das jüngere Österreich in der 
Autographensammlung der ersten Bibliothek 
der Monarchie zu Worte kommt Überblickt 
man die ganze Sammlung, dann drängt sich 
unwillkürlich eine eigenartige Empfindung auf. 
Man fühlt sich den edelsten Geistern ver¬ 
gangener und gegenwärtiger Zeiten näherge¬ 
rückt, und es gewährt einen besonderen Reiz, 
gerade an der Stätte, wo die gedruckten Werke 
so vieler vorzüglicher Autoren zu finden sind, 
auch die eigenhändigen Schriftzüge eines guten 
Teils derselben mit ihrem oft so charakteristi¬ 
schen, eigentümlichen und eigenartigen Gepräge 
recht unmittelbar auf sich wirken zu lassen. 




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Ein venezianisches Modelbuch vom Jahre 1559 

in einem kursächsischen Einbande. 

Von 

Tean Loubier in Berlin. 


» iter den deutschen Bucheinbänden der 
Renaissance nehmen die sächsischen 
Einbände einen hervorragenden Platz 
ein, und von den sächsischen Fürsten, die der 
Buchbindekunst ihr Interesse zuwandten, ist vor 
allen der Kurfürst August von Sachsen zu nennen. 
Kurfürst August begründete im Jahre 1555 in 
dem Lustschlosse Annaberg eine Kurfürstliche 
Privatbibliothek, die, später nach der Residenz 
überführt, den Grundstock der jetzigen König¬ 
lichen öffentlichen Bibliothek in Dresden bildete. 
Der Kurfürst sowohl wie seine Gemahlin Anna, 
eine Tochter des Königs Christian HI. von 
Dänemark, liessen es sich nun angelegen sein, 
die Bücher der Kurfürstlichen Bibliothek mit 
kostbaren Einbänden nach ihrem Geschmacke 
zu versehen. Der Meister Jakob Krause aus 
Augsburg wurde im Jahre 1566 als Hofbuch¬ 
binder nach Dresden berufen, und 1578 wurde 
Kaspar Meuser in der gleichen Eigenschaft 
bestallt 1 Ein wie grosses Interesse der fürst¬ 
liche Herr an den Arbeiten seiner Hofbuch¬ 
binder nahm, geht schon daraus hervor, dass 
er ihre Werkstatt später in sein eigenes Schloss 
verlegte, um die Arbeiten besser überwachen zu 
können. Es ist auch überliefert worden, dass 
er sich gelegentlich eigenhändig an diesen 
Arbeiten beteiligte und selbst eine Buchbinder¬ 
lade mit allen Gerätschaften besass. 

Die Bücher, die Kurfürst August für sich 
und seine Gemahlin mit schönen Einbänden 
versehen liess, sind noch mit wenigen Aus¬ 
nahmen in der Königlichen Bibliothek in Dresden 
vereinigt Ihre Zahl wird durch den auf bei¬ 
folgender Tafel abgebildeten, reich mit Gold¬ 
pressungen verzierten Einband von braunem 


Kalbleder vermehrt. Er gehörte, wie die auf¬ 
geprägten Wappen beweisen, zweifellos zu den 
Büchern des Kurfürsten August. Nach dem 
Inhalt zu schliessen, war das Buch für den 
speziellen Gebrauch der Kurfürstin bestimmt 
und konnte, da es wohl nicht in die Kurfürst¬ 
liche Bibliothek eingereiht wurde, später ein¬ 
mal in anderen Besitz übergehen. Da der Ein¬ 
band so tadellos erhalten ist, wie es nur äusserst 
selten vorkommt, ist anzunehmen, dass das Buch 
nicht in viele Hände gekommen sein kann. Bis 
zum Jahre 1891 gehörte der kostbare Band dem 
Pariser Bibliophilen Eugöne Piot, kam sodann 
mit dessen Bibliothek zur Versteigerung und 
befindet sich jetzt im Besitze des Buchhändlers 
Herrn Albert Cohn in Berlin. 

Kurfürst August liebte es, seine Bücher 
durch sein eigenes Wappen und das dänische 
Wappen seiner Gemahlin als sein Eigentum 
zu bezeichnen, und meist liess er auch noch 
seinen vollen Namen Churfürst Augustus Herzog 
zu Sachsen oder die Anfangsbuchstaben A. 
H. Z. S. C. («=* August Herzog zu Sachsen, 
Churfürst) hinzufügen. Unser Band zeigt in 
der Mitte des Vorderdeckels in Goldprägung 
das grosse kursächsische Wappenschild, auf 
dem hinteren Deckel das dänische Löwen¬ 
wappen. Die Wappen und die Eckverzierungen 
wurden mit Stempeln aufgedruckt, und wenn 
wir die Einbände des Kurfürsten August mit¬ 
einander vergleichen, so überrascht uns der 
grosse Vorrat von Stempeln, die den sächsischen 
Hofbuchbindem zur Verfügung standen. 3 In 
den umrahmenden Leisten wechselt zwischen 
Ornamenten, die an Schmiedeeisenwerk erinnern, 
das sächsische mit dem dänischen Wappen ab. 


■ Siehe Richard Steche „Zar Geschichte des Bucheinbands** im Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels, 
Band 1, Leipzig 1878. 

* Die schönsten sächsischen Einbände sind abgebildet in den Werken: J. Stockbauer „Abbildungen von Muster¬ 
einbänden aus der Blüthezeit der Buchbinderkunst,** Leipzig 1883, und „Bucheinbände aus dem Bücberschatze der Kgl. 
öffentl. Bibliothek su Dresden,* 4 herausg. von K. Zimmermann, Leipzig 1888; Neue Folge berausg. von H. A. Lier, 
Leipzig 1892. Der für unsern Band verwendete Stempel des sächsischen Wappens kehrt wieder auf dem bei Hilde¬ 
brandt „Heraldische Meisterwerke von der internationalen Ausstellung für Heraldik,** Berlin 1882, Taf. 89 abgebildeten 
Einbande, die beiden Stempel der Eckverzierungen auf dem bei Stockbauer Taf. 17 abgebildeten, jetzt in Wolfen- 
bottel befindlichen Einbände. 


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86 


Loubier, Ein venezianisches Modelbuch vom Jahre 1559. 


Hergestellt wurden sie mit der Buchbinderrolle. 
Dagegen ist das Rankenwerk des Mittelfeldes 
in Handvetgoldung ausgeführt und aus Linien 
und kleinen Stempeln kunstvoll zusammenge¬ 
setzt Selbst der Goldschnitt des Buches ent¬ 
behrt nicht einer hübschen und originellen Ver¬ 
zierung. Mit der Punze sind kleine Muster 
in den Goldschnitt eingeschlagen, und dazwischen 
lassen ausgesparte Stellen das weisse Papier 
durchscheinen wie Elfenbeineinlagen auf Gold¬ 
grund. In der Mitte des Längsschnittes ist 
noch einmal das sächsische Wappen angebracht. 

Nach den Ermittelungen Steches liess Kur¬ 
fürst August seine Bücher zuerst und noch 
bis zum Jahre 1576 in Schweinsleder binden. 
Kalblederbände kommen schon früher vor, 
werden aber erst von 1576 an zur Regel. Das 
Todesjahr des Kurfürsten ist 1586; wir werden 
unsem Einband also in die Zeit von 1576 bis 
1586 setzen können. — 

Wenn dieser kostbare Einband die Auf¬ 
merksamkeit auf sich lenkt, so gilt dasselbe 
von dem Inhalt des Bandes. Der Einband 
umschliesst ein venezianisches Modelbuch mit 
dem Titel „Le Ricchezze", datiert vom Jahre 
15 59. Dieses Modelbuch, bisher meines Wissens 
nur in diesem einen Exemplare bekannt, ist 
noch nicht beschrieben und auch in keiner der 
vorhandenen Bibliographien erwähnt Wenn 
ich den Versuch mache, in den folgenden 
Zeilen das interessante Buch eingehend zu 
beschreiben und nach seinem Inhalte in die 
vorhandenen und bekannten Modelbücher ein¬ 
zureihen, sei es mir gestattet, zur Einführung 
kurz zu erläutern, was man unter Modelbüchem 
überhaupt versteht, und die zeitlich vorher¬ 
gehenden deutschen und italienischen Model¬ 
bücher nach ihren Hauptvertretem zu charak¬ 
terisieren. 

Es sind kleine dünne Hefte in Quartformat 
aus den zwanziger Jahren des XVI. Jahrhunderts, 
auf deren Titel wir zuerst den Namen Model - 
buch finden. Model, ein in einzelnen Industrie¬ 
zweigen noch heute gebrauchtes Wort, ist aus 
dem lateinischen modulus gebildet und heisst 
Form oder Muster. 1 Modelbücher, oder wie sie 


in jener Zeit auch genannt wurden „Formbüch¬ 
lein“ sind also Musterbücher. Ein „Schön Neues 
Modelbuch von allerley lustigen Modeln“ nennt 
Johann Sibmacher sein berühmtes Musterbuch 
vom Jahre 1597* Während der Name Model¬ 
buch jetzt ganz ausgestorben ist, muss er noch 
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebendig 
gewesen sein, denn bei Christoph Riegl in 
Nümbeig kam noch 1756 ein „Neues und zum 
Stricken dienliches Model Buch“ heraus. Der 
Name Modeltuch , womit man ein Muster¬ 
tuch bezeichnete, auf dem man verschiedene 
Muster und Arten der Stickerei in kleinen 
Proben vereinigte, war sogar noch in unserem 
Jahrhundert gang und gäbe. 

Die frühesten Modelbücher geben mit ihren 
in Holzschnitt ausgeführten Mustern Vorlagen 
für alle möglichen Arbeiten: für Stickereien 
und Näharbeiten verschiedener Art, für Band- 
und Borten Wirkerei und Weberei, und daneben 
allgemeiner verwendbare Muster von Flach¬ 
omamenten, Füllungen, Randleisten, Friesen, 
Ranken, Grottesken, Mauresken und Knoten¬ 
werk. Erst etwas später, etwa um das Jahr 
1540, als die der Spitze verwandten Hand¬ 
arbeiten sich besonderer Beliebtheit zu erfreuen 
begannen, treten zu den Stickmustern an die 
Stelle der allgemeinen Ornament-Muster die 
nun ohne Zweifel mehr verlangten Spitzenmuster 
hinzu, und erst von dieser Zeit an darf man 
die Modelbücher mit Fug und Recht als Stick- 
und Spitzenmusterbücher bezeichnen, wie ge¬ 
meinhin geschieht.* 

Die Zahl der Modelbücher des XVI. und 
XVII. Jahrhunderts ist sehr beträchtlich und 
besonders deshalb schwer zu übersehen, weil 
einzelne von ihnen durch Jahrzehnte hindurch 
immer wieder in neuen, zum Teil vermehrten 
und veränderten Ausgaben erschienen und 
auch, durch keine Privilegien geschützt, in 
anderen Ländern, manchmal unter anderem 
Titel, nachgedruckt wurden. Aber gerade die 
vielen Nachdrucke sind ein deutlicher Be¬ 
weis dafür, wie beliebt und begehrt diese 
kleinen Bücher waren. Eine umfassende Biblio¬ 
graphie aller in öffentlichen Bibliotheken und 


* Das jetzt gebräuchliche Lehnwort Modell entstand später aus dem französischen mod&le (■» ital. modello). 

2 Alfred Lichtwark, dem wir die ersten Forschungen über die frühesten Modelbücher in seinem Buche „Der 
Ornamentstich der deutschen Frührenaissance“ (Berlin 1888) verdanken, hat zuerst daraufhingewiesen. — Beachtens¬ 
wert ist die Abhandlung „Über Spitzenbücher und Spitzen“ von E. v. Ubisch im Repertorium für Kunstwissenschaft, 
Band 16, Berlin und Stuttgart 1893. 


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Loubier, Ein venezianisches Modelbach vom Jahre 1559. 


»7 


Privatsammlungen zerstreuten Modelbücher 
steht noch aus. Beiträge dazu lieferten ausser 
Brunet in seinem „Manuel du libraire“ (5. Aus¬ 
gabe, Paris 1860—65, Supplement 1878—80) 
der Marquis d’Adda (in der „Gazette der 
beaux-arts“ 1863—64) und Duplessis (in der 
„Revue des arts d6coratifs“ 1886—87). Den 
wertvollsten und vollständigsten Versuch einer 
bibliographischen Beschreibung gab Mrs. Buiy 
Palliser in ihrem vortrefflichen Buche „A 
Histoiy of Lace" (3. Aufl. London 1875). 
In den Katalogen der Omamentstich-Samm- 
lungen von Wien (Wien 1871, Nachtrag 1889), 
Leipzig (Leipzig 1889) und Berlin (Leipzig 1894) 
wird der dort vorhandene Bestand an Model- 
büchem beschrieben. Solange eine genaue 
und vollständige Bibliographie noch nicht vor¬ 
handen ist, kann jeder Versuch, die Model¬ 
bücher auf ihren Inhalt hin zu prüfen und nach 
der Herkunft und Abhängigkeit der Muster zu 
gruppieren, nur ein ungefährer und vorläu¬ 
figer sein. 

Dass die Nachfrage nach den Modelbüchem 
gross war, und die Verleger derselben auf einen 
fiir damalige Zeit bedeutenden Absatz rechneten, 
gehtauch daraus hervor,dasssieihreMusternicht 
in Kupferstich ausführten, wie es für ornamen¬ 
tale Vorlagen jener Zeit allgemein üblich war, 
sondern in Holzschnitt, der eine höhere Auflage 
ermöglichte, als die schneller abgenutzten Kupfer¬ 
platten. Trotz der verhältnismässig hohen 
Auflagen sind aber die alten Modelbücher 
doch nur in wenigen Exemplaren, öfters nur in 
einem einzigen, bis heute erhalten. Das erklärt 
sich daher, dass diese Muster- und Vorlagen¬ 
bücher, sei es im Handbetriebe des Hauses, 
sei es bei der gewerbsmässigen Herstellung in 
der Werkstätte, stark abgenutzt und oft geradezu 
unter der Arbeit aufgebraucht wurden, ganz 
ebenso, wie es den Modenblättem von jeher 
erging. So kommt es, dass die älteren Model¬ 
bücher gegenwärtig zu den grössten Selten¬ 
heiten unter den Druckwerken gehören und 
seit mehreren Jahrzehnten buchstäblich mit Gold 
aufgewogen werden. 

Von Ländern, in denen Modelbücher her¬ 
gestellt wurden, sind in erster Linie Deutsch¬ 


land und Italien zu nennen. In Frankreich 
begnügte man sich in der ersten Zeit damit, 
deutsche Modelbücher zu kopieren, später er¬ 
schienen ein paar originale Werke. In Eng¬ 
land und den Niederlanden sind nur ganz 
wenige, in Spanien meines Wissens gar keine 
Musterbücher dieser Art veröffentlicht worden. 

Die ältesten der erhaltenen Modelbücher 
sind in Deutschland entstanden; ihre Muster 
zeigen teils noch spätgotische Formen, über¬ 
wiegend aber Ornamente der Frührenaissance. 
Das früheste, das wir kennen, ist im Jahre 1525 
durch Jorg Gastei in Zwickau unter dem 
Titel: »Eyn new Modelbuch " herausgegeben 
worden. 1 Aber schon durch die Bezeichnung als 
ein neues Modelbuch und ausserdem durch den 
Zusatz im Titel „gemert vnd gebessert“ ist es als 
die zweite Auflage eines schon früher erschie¬ 
nenen Buches gekennzeichnet Das Büchlein 
enthält in noch unbeholfener Ausführung Friese 
und Borten aus Laubranken und geometrische 
Muster für Kreuzstich und den sogenannten 
Holbeinstich. Zwei Jahre später, 1527, erschien 
bei Peter Quentel in Köln »Eyn new künstlich 
boichy“ das man als die Krone der Musterbücher 
der deutschen Frührenaissance b / '~" : chnen darf. 
Es ist nicht leicht zu sagen, für welche Arbeiten 
die Muster der frühen Modelbücher gedacht sind, 
denn sie nehmen auf die Technik der Arbeit 
noch keine Rücksicht; das ändert sich erst am 
Ende des XVI. Jahrhunderts, wenigstens für die 
Spitzenarbeit, als man auf den glücklichen Ge¬ 
danken kam, die Muster weiss auf schwarzem 
Grunde wiederzugeben. In Quentels Buch lassen 
sich Muster für Kreuzstich, Filetarbeit, Holbein¬ 
stich und Bandwirkerei erkennen, daneben 
gehen Füllungen im Stile der deutschen Klein¬ 
meister und Friese mit naturalistischen Blatt- 
und Blumenranken der heimischen Flora, die 
letzteren von ganz hervorragender Schönheit. 
Als nächstes erschien in Frankfurt am Main 
bei Christian Egenolff um 1533* das »Model¬ 
buch aller art Nekwercks vnd Sticken, r“. Es 
enthält Ranken mit Blumen und Tierfiguren, 
daneben die in jener Zeit sehr beliebten Oma- 
mentformen: Mauresken und Knotenwerk. So¬ 
wohl Quentels wie Egenolffs Buch sind Jahr- 


* Es ist nur io einem Exemplar in der Bibliothek der KgL Kunstgewerbe-Schule in Dresden erhalten und von 
Professor Knmsch in der Zeitschrift „Kunst und Gewerbe,“ 12. Jahrgang, Nürnberg 1878, S. 173 ** beschrieben. 

* Die Jahreszahl 1527 auf dem Titel des Neudruckes (Dresden, Gilbers, 1880) ist willkürlich; auf Tafel 28 dieser 
Ausgabe findet sich die Jahreszahl 1533. 


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88 


Lonbier, Ein venesitaisches Modelbach vom Jahre 1559. 


zehnte hindurch in neuen Ausgaben erschienen, 
und viele ihrer Muster gingen auch in die Bü¬ 
cher anderer Verleger über. Wenn wir zu 
diesen noch die beiden 1534 in Augsburg er¬ 
schienenen Werke „Ein New Modelbuch auff 
die Welschen monier M von Heinrich Steyner 
und Johann Schartzemberger*s reizendes „New 
Formbüchlein u hinzunehmen, haben wir die 
wichtigsten der frühen deutschen Modelbücher 
beisammen. Steyners Buch bringt Friese mit 
Laubranken und Bandwerk, Mauresken und 
Kreuzstichmuster; aus Schartzembergers Buch, 
das übrigens nur in einem Exemplar in Paris 
bekannt ist, sind die wundervollen Friese zu 
erwähnen. In den nächsten Jahrzehnten ko¬ 


pierte und verarbeitete man in Deutschland 
im wesentlichen die Muster der eben ge¬ 
nannten Bücher; neue Formen treten erst 
später hinzu. 

Fast gleichzeitig mit den ersten deutschen 
Musterbüchern war in Venedig, wo die Stickerei 
und andere weibliche Handarbeiten in hoher 
Blüte standen, eine ganze Reihe von Model- 
büchem entstanden, beginnend mit dem 1528 er¬ 
schienenen Buche von Giovanni Antonio Tagliente : 
„Opera nuova che insegna a le donne a cufcire , 
a raccamare, Gr a difegnare a ciajcuno“ Wie 
der Titel besagt, enthält Taglientes Buch ausser 
den Mustern für Näharbeit und Stickerei auch 
Tafeln mit einzelnen Blumen und Tieren als 
Zeichenvorlagen „fiir jedermann." Das 
Buch enthält zwar zum Teil von Quentel 
entlehnte Muster, giebt aber auch eigene 
Erfindungen, nämlich maureske Orna¬ 
mente. Wenn auch schon früher in 
Italien vorhanden, ist die Maureske doch 
zuerst durch die italienischen Model¬ 
bücher als Vorlage eingeführt und den 
anderen Ländern übermittelt worden, 
wie Lichtwark a. a. O., S. 31, anfuhrt 
Quentel hatte in der ersten Ausgabe 
noch keine Mauresken gehabt, nahm 
sie jedoch in seine späteren Ausgaben 
auf; Egenolff und Steyner brachten sie 
von vornherein. 

Niccolo Zoppinos Esemplario di 
lavori u (Venedig 1530) und Paganmos 
„Libro di rechami u (Venedig um 1530) 
nebst den Fortsetzungen dieses Buches 
von Burato geben auch wieder die 
Quentelschen Stickmuster und daneben 
eigene maureske Erfindungen. Muster 
für Leinenstickerei, Kreuzstich und Hol¬ 
beinstich und Mauresken, selbst Zeichen¬ 
vorlagen wie Tagliente enthält Giovanni 
Andrea Vavassores „ Opera nova univer¬ 
sal intitulata corona di raccammi u vom 
Jahre 1546. 

In den vierziger Jahren waren in 
Venedig zwei neue Arten der Näh- und 
Stickarbeit beliebt geworden, der punto 
tirato und der punto tagliato , die die 
Modelbücher nun auch berücksichtigen 
mussten. Der punto tirato, die ausge¬ 
zogene Arbeit, bestand darin, dass aus 
der Leinwand nach einer Richtung des 



Eichelmuster aus 

„Lo Ricchezze delle bellissime et virtuosissime donne", 
Modclbuch von 1559 (Verkleinerung). 


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89 


Lotibier, Ein venezianisches Modelbuch vom Jahre 1559. 



Gewebes Fäden ausgezogen, die 
stehengebliebenen Fäden umnäht 
und zu Mustern zusammengezogen 
wurden. Bei dem punto tagliato, 
der ausgeschnittenen Arbeit, schnitt 
man dagegen ganze Quadrate 
aus der Leinwand heraus und 
liess dazwischen nur einige wenige 
Fäden in beiden Richtungen des 
Gewebes, also die Ketten- und 
Schussfäden, wie ein quadratisches 
Netz oder Gitter stehen. In die 
leeren Quadrate wurden dann, durch 
das Netz zusammengehalten, Sterne 
und andere regelmässige Figuren 
hineingestickt Diese Technik bil¬ 
dete die Vorstufe für die reticella 
(— Netzwerk) genannte eigentliche 
Spitzenarbeit. 

Für punto tirato und punto 
tagliato, namentlich für letzteren, 
entstand schnell eine ganze Reihe 
von Musterbüchern. Im Jahre 1543 
erschien, von Matteo Pagano heraus¬ 
gegeben, das Buch: „ Giardinetto 
novo di punti tagliati et gropposi 
per exercido et omamento delle 
dortnS 4 , 1 hier wohl zum ersten male 
auf dem Titel eines Modelbuchs 
der Ausdruck punti tagliati. Die 
Muster sind für punti tagliati, 
einige für punti gropposi, worunter 
man wahrscheinlich Bandverschlin¬ 
gungen zu verstehen hat. Auch 
Domenico da Seras „ Opera nova “ 
von 1546enthält neben seinemhübschenRanken-, 
Band- und Knotenwerk für Kreuzstich einige 
Tafeln mit punto-tagliato-Mustem. Ein anderes 
Buch von Vavassore von 1550, betitelt „Essem- 
plario novo intitulato Fontana de gli essempW *, 
enthält nur Muster für punto tagliato. In allen 
diesen Büchern handelt es sich, der Technik 
des punto tagliato entsprechend, um geome¬ 
trisch angeordnete Muster, deren Linien aus 
den stehengebliebenen Gewebeladen und den 
parallel mit diesen oder in den Diagonalen 
eingezogenen Fäden bestehen. An den stehen¬ 
gebliebenen Fäden finden die Muster ihren Halt 


und Zusammenhang. Nur selten steht eine 
Figur darin, die vermutlich für sich aus dem 
Stoffe geschnitten und eingesetzt wurde. 

Etwa um das Jahr 1550 wird eine andere 
Art Arbeit in die Musterbücher aufgenommen. 
Es sind die punti tagliati a fogliami, geschnittene 
Arbeit mit Rankenmustern (fogliami = Ranken). 
Sie stehen zwar noch auf einem durch punto 
tagliato hergestellten quadratischen Netzgrund, 
die Muster selbst machen sich aber von der 
geometrischen Konstruktion frei und bewegen 
sich in geschwungenen Ranken, in die hin und 
wieder Tier- und Menschenfiguren eingesetzt 


* Angeführt bei Duplessis, S. 229 

Z. f. B. 12 


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90 


Loubier, Ein venezianisches Modelbuch vom Jahre 1 559 - 


sind. Wie Brinckmann annimmt, 1 wurden diese 
Ranken aus der Leinwand ausgeschnitten, an 
den Rändern umnäht und mit aufgestickten 
Knötchen verziert. Dann wurden sie, damit 
sie nicht auseinanderfielen, auf einen weit¬ 
maschigen punto-tagliato - Grund aufgenäht. 2 

Schöne Vorlagen für diese Technik giebt 
das 1550 in Venedig erschienene Buch von 
Matteo Pagano : „L'honesto essempio del ver- 
tuoso desiderio che hatttto le donne di nobil in - 
gegno , circa lo imparare i punti tagliaii a 
fogliami, also Beispiele, welche die Damen 
in Arbeiten in punto tagliato a fogliami unter¬ 
weisen. Auf den Tafeln sind die aufgestickten 
Verzierungen durch Schraffieren oder Punk¬ 
tieren angedeutet. 

Bald sagte man sich aber ganz von dem 
Netzgrunde los und nähte die auf einer Per¬ 
gament-Unterlage aufgezeichneten Muster frei, 
ohne Grund, gleichsam „in der Luft“, in aria 
(oder in aere, in aiere). Der Ausdruck punti in 
aria bezieht sich also auf die Technik, punti 
a fogliami dagegen, wie gesagt, auf das Muster. 

„II Monte, Opera nova di recami“ von 1557 
(ein zweiter Teil erschien 1560) enthält dem 
Titel nach nur Muster „di punti in aiere a 
fogliami.“ Die „BeUezze de recami et dessegni“ 
bringen vielerlei: „varie e diverse sorti di mostre, 
di punti tagliati, & punti in aiere, a fogliami, 
punti in stuora, & altre Sorte.“ Ein neuer Aus¬ 
druck ist hier „punti in stuora,“ was vielleicht 
Muster für Leinenstickerei bedeutet. Stuora 
heisst Matte; „punti in stuora“ würde also die 
Stickerei bezeichnen, die sich an die matten¬ 
artige Struktur des Gewebes hält. Soweit ich 
es beobachten konnte, kommen in der That 
in den Büchern, in denen sich der Ausdruck 
„punti in stuora“ findet, Kreuzstichmuster vor. 

In die Kategorie der letztgenannten Mo¬ 
delbücher gehört nun auch unser Buch: „Le 
Ricchezze“ von 1559. 

„Le Ricchezze delle belUfsime et virtuo - 
sifsime donne“ —die Reichtümer der schönen und 
tugendhaften Damen—betitelt sich das Buch, das 
diese Zeilen veranlasste. Die Herausgeber der 


italienischen Modelbücher liebten es, sich mit 
schönen und volltönenden Titeln an die Damen 
zu wenden, in denen sie vornehmlich ihre Ab¬ 
nehmer sahen. Die Titel „Corona di raccammi“ 
(Krone der Stickereien), „Fontana degli essempli“ 
(Quelle der Muster), „Bellezze di recami“ 
(Schönheiten der Stickereien) lernten wir 
schon kennen; von ähnlichen Titeln spä¬ 
terer Bücher wären zu nennen Cesare Vecellios 
„Corona delle nobili et virtuose donne“ (Krone 
der edlen und tugendhaften Damen), Isabetta 
Catanea Parasoles „Gemma pretiosa delle vir¬ 
tuose donne“ (Kostbarer Edelstein der tugend¬ 
haften Damen) und Matteo Florimis „Gioieilo 
della corona“ (Edelstein der Krone). — 

Der vorliegende Band, der die „Ricchezze“ 
enthält, zerfällt in drei Teile: ein erstes Buch 
mit der Jahreszahl 1559 als Datum des Er¬ 
scheinens, einen anderen Abdruck des ersten 
Buches ohne Datum und ein zweites Buch, 
gleichfalls ohne Datum. 

Der Titel des ersten Buches hat folgenden 
Wortlaut: 

RICCHEZZE | LIBRO PRIMO. | OPERA 
NOVA DI RECAMI | INTITOLATA LE 
RICCHEZZE | Delle Bellifsime, & virtuofifsime 
Donne. ||| Nella quäle fi ritroua varie forti di 
punti tagliati, & punti in aiere, doue facilifsi- 
mamente | & fenza fatica alcuna, ogni virtuofa 
Donna potra lauorare cauezzi di varie forti, | 
colari, merli da cauezzi, auertadure da huomo, 
& da dönna, maneghetti, merli | da maneghetti, 
ftriche, & frifi da lenzuoli, intimele da cofsini, 
ouer | forette, maneghe da camife & da vefture, 
& altre varie forte [!] de frifi, | & moftre, fi 
come veder potrai: Ridotte alla vera grandez-1 za, 
forma, & mifura, che debbono eifere, ne mai 
piu | per Tadietro vedute da niuno. | Opera non 
meno vtilifsima, che neceffaria. 

Darunter, noch auf der Titelseite, steht das 
Vorwort mit der Widmung an eine Dame na¬ 
mens Andriana Pasqualiga, unterzeichnet mit 
dem Datum: „Di Venegia alli iii. di Aprile 
MDLVII“ und dem Namen des Herausgebers: 
Gio. Antonio di Bernardino Bindoni.3 Auf der 


1 „Das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe** (Hamburg 1894) S. 77 ff.; vgl. für die Technik der Arbeiten 
auch Tina Frauberger, „Handbuch der Spitzenkunde** (Leipzig 1894) und die Anzeige des letzteren Buches von Elisabeth 
Homann in der Zeitschrift: „Das Kunstgewerbe**, 5. Jahrg. (München 1895) S. 17 fr. 

* Eine interessante, noch erhaltene Arbeit dieser Art ist in Brinckmanns Führer auf S. 78 abgebildet. 

3 In dem zweiten Teil von „II Monte** (Venedig 1560) wird gleichfalls Antonio Bindoni als Herausgeber genannt 


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Loubier, Ein venezianisches Modelbuch vom Jahre 1559. 


91 


Rückseite des letzten Blattes ist das Datum 
des Erscheinens und die Verlagshandlung ver¬ 
zeichnet: „In Venetia L’anno MDLVÜIL A la 
libraria della gatta.“ Mit der libraria della gatta, 
der Buchhandlung mit dem Zeichen der Katze, 
ist offenbar der Verlag der Sessa gemeint, in 
dem auch das Musterbuch „Le Pompe“ von 1558 
erschien. Einschliesslich des Titels besteht 
das erste Buch aus 12 Blättern in Folio-Format 
(6 Lagen zu je 2 Blatt, die erste ohne Signa¬ 
tur, die folgenden mit den Signaturen B-F). 
Die Holzschnitte mit den Mustern beginnen auf 
der Rückseite des Titels, die letzte Seite ent¬ 
hält nur die Druckerangabe. 

Nach dem Wortlaut des Titels enthält das 
Buch „varie forti di punti tagliati & punti in 
aiere“. Die Muster bestehen ganz ähnlich wie die¬ 
jenigen in den Büchern II Montes und „Bellezze“ 
aus Blattranken (fogliami), z. T. mit Eicheln 
und Granatäpfeln, und mehrfach aus Delphin¬ 
köpfen emporgezogen (siehe die Abbildung 1). 
Grösstenteils stehen die Muster auf einem weit¬ 
maschigen Netzgrund, der, wie wir sahen, in 
punto tagliato, in ausgeschnittener Arbeit, her- 
gestellt wurde. Die Muster selbst mögen in der 
oben geschilderten Weise aus Leinwand aus¬ 
geschnitten, umnäht und bestickt worden sein; 
auch hier sind die aufgestickten Verzierungen 
wieder schraffiert oder punktiert angegeben. 
Auf die anderen Muster, besonders für Streifen 
und Zacken, bei denen der Netzgrund fehlt, 
mag sich der Ausdruck punti in aiere beziehen. 

Der Titel der „Ricchezze“ ist für die Deutung 
der Modelbücher dieser Zeit darum von be¬ 
sonderem Interesse, weil er alle die Stücke 
aufführt, für welche solche Muster verwendet 
werden konnten, nämlich „Tücher verschiedener 
Arten, Kragen, Kanten von Tüchern, Hemden¬ 
schlitze für Herren und Damen, Manschetten, 
Manschettenspitzen, Borten, Einfassungen von 
Tüchern, Kopfkissenbezüge, Ärmel von Hemden 
und Kleidern und andere Sorten von Friesen 
und Mustern“. Dann heisst es weiter, die 
Muster seien „ridotte alla vera grandezza, 
forma et misura, che debbono essere 44 , auf die 
richtige Grösse, Form und Maasse, wie sie sein 
müssen, gebracht Eine ähnliche Bemerkung 


enthielt schon „II Monte“ von 1557; man kann 
sich denken, dass den Damen daran lag, die 
Muster, die sie brauchten, in der richtigen Grösse 
vor sich zu haben. Die „Ricchezze“ geben aber 
Muster von solcher Grösse, wie sie noch nicht 
vorgekommen waren; das Folio-Format dieses 
Buches, dessen Einband wir leider auch nur 
in starker Verkleinerung wiedergeben können, 
ist für Modelbücher dieser Zeit ganz ausser- 
gewöhnlich. 

Der zweite Teil, der übrigens durch ein 
Versehen des Buchbinders in unserem Bande 
an die erste Stelle gerückt ist, fuhrt folgenden 
Titel: 

RICCHEZZE | LIBRO SECONDO. | 
OPERA NOVA DI RECAMI, INTITVLATA | 
LE RICCHEZZE, ||| Nella quäle fi ritroua uarie, 
& diuerfe forti di mostre di punto in stuora ä 
fogliami, | & di punto in aiere, & punto tagliato ... 

Der weitere Wortlaut des Titels deckt sich 
fast ganz mit dem des ersten Teiles. Eine 
Datierung fehlt. Auch dieser Teil enthält 12 
Blätter (6 Lagen zu je 2 Blatt, die erste ohne 
Signatur, die folgenden mitden Signaturen B—F); 
die Rückseite des letzten Blattes ist leer. 

Der Titel führt an erster Stelle „mostre di 
punto in stuora a fogliami“ an, und diese bil¬ 
den auch den Hauptinhalt des zweiten Teiles. 
Es sind Rankenmuster (a fogliami), auf einem 
mattenartigen Stoffe (stuora = Matte) aus¬ 
geführt, Muster für Kreuzstich und verwandte 
Arbeiten. Unsere Abbildung 2 giebt eines 
dieser Rankenmuster wieder, die gern auch 
stilisierte Vögel und Delphine aufweisen. Die 
Muster bilden teils grössere Flächen für Tücher, 
teils Streifen, teils ist der Grund zu Zacken 
ausgeschnitten. Von den auch hier er¬ 
wähnten Mustern für punto tagliato und punto 
in aiere sind nur zwei gegeben (Seite A 4 
und F,). 

Um die Zeit, als die „Bellezze,“ „II Monte“ 
und die „Ricchezze“ erschienen, also um 1558 
bis 1559, ist die punto tagliato-Arbeit bereits 
im Absterben, und von da ab tritt die frei 
genähte Spitze, als reticella und punto in aria 
bezeichnet, auch in den italienischen Model- 
büchem wieder ganz in den Vordergrund. 


OE> 


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Neudrucke. 


Von 

Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

I. 


^ ie Niederlegung des sogenannten 
Fausthauses in dem thüringischen 
Dorfe Roda hat den Streit um die 
ütte des historischen Faust wieder 
einmal von neuem entbrennen lassen. Das 
älteste Druckwerk, das von Fausts Thaten be¬ 
richtet, lässt ihn allerdings aus Roda stammen; 
Melanchthon und Johann Weyer, der berühmte 
Arzt und Gegner der Hexenverfolgungen, lassen 
ihn dagegen in dem schwäbisch-fränkischen, 
s. Z. zu Pfalz-Simmern gehörigen Städtchen 
Knittlingen geboren sein. Näheres über den ge¬ 
schichtlichen Faust und Bibliographisches über 
die Faustschriften findet man bei Dumke „Die 
deutschen Volksbücher von Faust“ (Leipzig, 
1891), Engel „Zusammenstellung der Faust¬ 
schriften“ (Oldenburg, 1885), Kiesewetter „Faust 
in Geschichte und Tradition“ (Leipzig, 1893), 
Creizenach „Volksschauspiel vom Dr. Faust“ 
(Halle, 1878), Zarncke und Braune „Einleitung 
zum Faustbuch“ (Halle, 1878) u. a. Die soeben 
erschienenen Untersuchungen Gustav Milch¬ 
sacks über die Wolfenbütteler Fausthandschrift 
sind mir noch nicht zu Gesicht gekommen, doch 
wird der Herr Verfasser selbst demnächst in diesen 
Heften über das Verhältnis des Manuskripts zu 
den Druckwerken berichten. Der Erste, der 
einen Neudruck des Faustbuchs von 1587 ver¬ 
anstaltete, war der Buchhändler J. Scheible in 
Stuttgart, in dessen, Ende der vierziger Jahre 
erschienenem Sammelwerk „ Das Kloster M die 
Bände 2, 3, 5 und 11 eine sehr interessante 
Zusammenstellung von Schriften über Faust 
bieten. 

Das Verdienst, das Faustbuch von 1587 
entdeckt zu haben, und zwar auf eine An¬ 
regung Fr. Heinrichs von der Hagen hin, ge¬ 
bührt Scheible allein. Man hatte bis dahin 
die Ausgaben von 1588 (Frankfurt a/M., Johann 
Spiess) und von 1589 (o. O.) für die ältesten 
gehalten. Mit Hilfe des Archivars Neubronner 
erhielt Scheible 1846 aus der Ulmer Stadt¬ 
bibliothek die angeblich gleichfalls bei Spiess 
gedruckte Ausgabe von 1587 in 8°, 8 BL, 


249 Sp. und Register. Später stellte sich her¬ 
aus, dass diese Ausgabe nur ein interpolierter 
und vermehrter Nachdruck einer älteren im 
gleichen Jahre erschienenen und von dem¬ 
selben Drucker besorgten Edition ist, die 
12 BL, 227 Sp. und Register enthält, und von 
der sich Exemplare in Wien, Pest, Wernige¬ 
rode, im British Museum und s. Z. in der 
Hirzelschen Bibliothek befanden. Eine andere 
Ausgabe Frankfurt a/M. 1587 enthält keine 
Drucker-Angabe, stimmt aber mit der vor¬ 
genannten überein, eine in Danzig befindliche 
aus demselben Jahre datierte ist von Heinrich 
Binder in Hamburg gedruckt worden. 1588 
folgte abermals ein vermehrter Spiessscher 
Neudruck, sowie der in der Berliner König¬ 
lichen Bibliothek liegende ohne Orts- und 
Druckerangabe, zugleich auch die niederdeutsche 
Ausgabe, die in Lübeck bei dem berühmten 
Fiebelverleger Johann Balhorn erschien. Eine 
Berliner Ausgabe von 1590 fügte sechs Kapitel 
hinzu, eins auf Leipziger Lokaltradition, die 
fünf anderen auf Erfurter Überlieferungen 
fussend, die Faust im Gegensatz zu der Witten¬ 
berger Tradition poetisch idealisieren. 

Im Winter von 1587—88 erschien wieder 
ein neues Faustbuch „auss dem vorigen ge - 
truckten / teutschen exemplar in rey - / men ver¬ 
fasset * (Tübingen, Alexander Hock). Dieser 
reimweise Faust, von dem nur ein Exemplar 
in Kopenhagen bekannt ist (in Maltzahns 
Bibliothek befand sich ein zweites, ohne Orts¬ 
und Druckemamen), scheint bei den Tübinger 
Studenten sehr beliebt gewesen zu sein, da 
diese laut Senatsdekret vom 15. April 1588, 
wenige Monate nach Erscheinen des Werkes, 
wegen desselben zu einer Freiheitsstrafe ver¬ 
urteilt wurden. Aus der vermehrten Ausgabe von 
1587 entstand zwei Jahre später die französische 
Übersetzung: „Histoire prodigieuse et lamentable 
de Jean Fauste magicien .... traduit de 
TAllemand par Vict Palma Cayet“, Paris 1589 
und oft, später auch in Rouen, Amsterdam und 
Brüssel (unter dem Deckort Cöln), nachgedruckt 


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von Zobeltitz, Neudrucke. 


93 


Palma Cayet, der Verfasser, soll der Sage nach, 
gleich Faust, schliesslich vom Teufel geholt 
worden sein. Seine Übersetzung ist trotzdem, 
bis auf ein paar Missverständnisse, vortrefflich; 
er giebt das Volksbuch in der ursprünglichen 
Form wieder, hat nur einige Kapitel des Origi¬ 
nals geteilt und andere dafür zusammengezogen. 
Auch die englische Übersetzung: „The History 
of the Damnable Life and Deserved Death of 
Dr. John Faust .... by P. R. Gent“, nach 
der Christoph Marlowe seinen Faust gearbeitet 
haben soll, obwohl schon vorher die deutsche 
Faustsage in einer englischen Ballade ihren 
Bearbeiter gefunden hatte, schöpft fast wort¬ 
getreu aus der vermehrten deutschen Ausgabe, 
ebenso die holländische „Warachtige Historie 
van Faustus“ (Emerich, 1592), die auch wie 
diese einige genauere Daten hinzufugt, z. B. das 
Geburtsjahr Faustens um hundert Jahre zurück¬ 
rechnet und ihn 1491 geboren sein und am 
24. Oktober 1538 sterben, d. h. vom Teufel 
holen lässt. 

Neben den vermehrten deutschen Ausgaben 
des Originals erschien 1593 ein »Ander Theil 
D. Johann Faustii Historien , darin beschrieben 
ist: Christophori Wagners , Fausti gewesenen 
Discipeb auffgerichter Pact mit dem Teuffel 
. . . Durch Fridericum Sc ho tum Tolet: Jetzt 
zu Paris“ Dieses Leben Wagners wurde in 
den folgenden Jahren noch einige Male auf¬ 
gelegt und schliesslich 1714 (nach Maltzahn 
schon 1712) von P, Jacob Marperger in einer 
Berliner Ausgabe neubearbeitet Das alte Faust¬ 
buch aber wurde schon 1599 durch eine 
Verbalhomisierung von Georg Rudolf Widmann 
so völlig verdrängt, dass man lange Zeit hin¬ 
durch diese Bearbeitung für das Original hielt. 
Die tendenziösen Veränderungen, die Widmann 
in seinem, in Hamburg gedruckten dreiteiligen 
Werke sich an dem Ursprungswerk erlaubte, 
betrafen in erster Linie das Religiöse. Wid¬ 
mann war ein gestrenger Lutheraner, der die 
sündige Weltlichkeit Faustens dem Katholi¬ 
zismus in die Schuhe schob. Sein Faust durfte 
nicht mehr Theologie studieren, sondern Medizin, 
nicht in Wittenberg, sondern in Ingolstadt — 
selbst der Teufel wird bei Widmann zu einem 
argen Philister. Langweilige moralisierende 
Anmerkungen, Warnungen, Mahnungen und 
Erläuterungen sind den Kapiteln angehängt 
Er liess auch Faust nicht in Roda geboren 


sein, wie in der Frankfurter Original-Ausgabe 
des unbekannten Autors, oder in Knittlingen, 
wie Manlius aus Melanchthons Munde wissen 
will, und wie auch der Verfasser des 1594 in 
England erschienenen „Second report of Doctor 
John Faustus“ behauptet, der Knittlingen oder 
Kundlingen freilich nach Schlesien verlegt — 
sondern in der Grafschaft Anhalt „vnd haben 
seine Eltern gewöhnet in der March Sond- 
wedel“, im heutigen SaltzwedeL 

Ein Menschenalter später sah sich ein 
Nürnberger Arzt, Dr . Nicolaus Pfitzer , veran¬ 
lasst, das Widmannsche Faustwerk in neuer 
Bearbeitung herauszugeben. Es erschien zuerst 
1674 im Endtensschen Verlage in Nürnberg, 
20 Bl. und 635 Sp. stark in 8°, mit einem 
Anhang „zauberischer Geschichten“. Auf Pfitzer 
und Widmann fusste auch die erste kurz- 


HISTORIA 



$<u»|Un/t>fm twt&ffcfwptm 
faufcmt wmb @cf>ft>«rfcMn(Her/ 

ff ftc$ gt$en Dem $euffcl auff eine b& 
ttanbtt | eit tKrfdjn'e&cn/ QBa* <r iwrjroifdjm fuv 
fcfcame 2foent jjeunxr gef<&en / fcitoattgcricfc 
tet »nbgetriebett/ t>iß er en&tlidj feu 
mit tvofoer&iemenio&rt 
empfange«. 

bMaffenm ©djrifffen/atfni fjodjtragmben/ 

(Arolsen »nb&oftlofcnCOfrnfd^n Juni f<trc (fließen 
2}cefpbl/atf4eun»U$<n JCjrcmpri/tonD treuw» 
TOanwng jufammcit <)<jo* 
ges/snd inten £>tudutß 
fertiget. 

IACOBI Ulf. 

©ejK «oft «nbm^nfg / wtbtrffe^et btnt 
‘Jeuffef/ foffen^ei er vom eiitfo. 

CVM GiUTIA ET PlLlVlLEGIO. 

©rtntfft juftranfffurfam 

Aute$ Johann ©plcs, 

M. a LXXXVIL 

Facsimiliertes Titelblatt des ersten Fau>tbuches 
vom Jahre 1587. 

Nach dem G. Groteschen Neudruck. 


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94 


von Zobeltitz, Neudrucke. 


gefasste Bearbeitung des Faustbuchs „von 
einem Christlich Meynenden“ (C. M. mögen 
die Anfangsbuchstaben des Automamens ge¬ 
wesen sein), die ohne Angabe des Jahres 
(wahrscheinlich 1726) in „Frankfurth und Leipzig" 
erschien und die Grundlage für die späteren 
massenhaften Jahrmarktsschriften über Fausts 
Leben und Höllenfahrt bildete. 

Die erwähnten Faustbände des „Klosters“ 
— sie sind nicht mehr einzeln zu haben, da¬ 
gegen ist der Preis des Gesamtwerks vom 
Scheibleschen Antiquariat in Stuttgart von 
126 M. auf 65 M. herabgesetzt worden — ent¬ 
halten Abdrücke der interpolierten Faustaus¬ 
gabe von 1587 nach dem Ulmer Exemplar, 
ferner der Widmannschen und Pfitzerschen 
Bearbeitung, sowie der des „Christlich Mey¬ 
nenden“, des reimweisen Faust, der Abenteuer 
Wagners nach der Berliner Ausgabe von 1714, 
der Faust-Puppenspiele und sonstigen drama¬ 
tischen Bearbeitungen, zahlreiche Abhandlungen 
zur Geschichte der Sage von Düntzer, Görres, 
Reichlin-Meldegg u. a., Vieles aus verwandten 
Sagenkreisen, die Höllenzwänge, magische 
Zauberbücher u. dergl. m. — ein überaus 
reichhaltiges Material, das denen, die sich für 
das Thema interessieren, warm empfohlen 
werden kann. 

In buchstabengetreuer Nachbildung erschien 
die Erstausgabe des Faustbuchs in der 
G. Groteschen Verlagsbuchhandlung in Berlin. 
Das Werk ist nach dem Hirzelschen Exemplar 
unter Beihilfe des in der Wernigeroder Biblio¬ 
thek befindlichen in Lichtdruck hergestellt 
worden und bietet Liebhabern völlig Ersatz 
ftir das Original, dessen wenige bekannte 
Exemplare in festem Besitz liegen. Ein Facsi- 
mile des Titels geben wir anbei. Der ver¬ 
storbene Professor Wilhelm Scherer hat die 
Einleitung verfasst: eine kurze und klare Über¬ 
sicht der Sage und ihrer ersten Bearbeitungen. 

Über dem namenlosen Verfasser dieses 
ersten Faustbuchs liegt tiefes Dunkel. Der 
Drucker Spiess sagt in seiner dem Werke 
vorgedruckten Zuschrift vom 4. September 1587 
an den Mainzischen Amtsschreiber Caspar 
Kolln: „Nach dem nun viel Jar her ein gemeine 
vnd grosse Sag in Teutschlandt von Dokt. 
Johannis Fausti . . . gewesen / vn allenthalben 
ein grosse nachfrage nach gedachtes Fausti 


Historia bey den Gastungen vnnd Gesell¬ 
schafften geschieht . . . hab ich mich selbst 
auch zum offtenmal verwundert / dass so gar 
niemandt diese schreckliche Geschieht ordent¬ 
lich verfassete . . . hab auch nicht vnterlassen 
bey Gelehrten vnd verständigen Leuten nach¬ 
zufragen / ob vielleicht diese Histori schon all¬ 
bereit von jemandt beschrieben were / aber 
nie nichts gewisses erfahren können / biss sie 
mir newlich durch einen guten Freundt von 
Speyer mitgetheilt vnd zugeschickt worden“ ... 
Der Name des Speyerschen Freundes wird 
jedoch nicht genannt. Es ist anzunehmen, 
dass schon vor der ersten Drucklegung hand¬ 
schriftliche Bearbeitungen Faustischer Abenteuer 
existiert haben, die wie das Spiesssche Werk 
von Mund zu Mund getragene Schwänke und 
Geschichten wunderbarer Künste mit den 
Taschenspielereien des landfahrenden Doktors 
vereinten. Die hundert Historien, die man 
sich von ihm erzählte, drängten gewissermassen 
zu dem Druckwerk. Dass der Verfasser kaum 
ein berufsmässiger Skribent war, geht aus der 
Stilistik seiner Erzählung hervor; er wirbelt 
auch die Überlieferungen von Wittenberg, 
Erfurt und dem Oberrhein bunt durcheinander, 
ohne auf Einheitlichkeit zu achten. Es macht 
den Eindruck, als habe er lediglich eine Reihe 
Faustischer Anekdoten zusammengestellt, so 
wie man sie ihm erzählt hat. Faust ist in 
dem Buche des Speyerschen Unbekannten 
daher Dämon, Gaukler, Weltmensch, Poet und 
Philosoph zugleich, je nach der Tradition, die 
ihn in Wittenberg zum Sohn der Hölle, in 
Erfurt zum humanistischen Grübler macht. 

Schon die Thatsache, dass das älteste 
Faustbuch die Basis für die ganze spätere, 
epische wie dramatische Überlieferung bildet, 
den Keim, aus dem Goethes Titan emporwuchs, 
lässt uns das Werk als ein Denkmal schöner 
Ehrwürdigkeit erscheinen. 

Als solches ist auch das Grotesche Fac- 
simile zu begrüssen, das in unseren Tagen, da 
der Streit um die Geburtsstätte Fausts wieder 
einmal die Presse beschäftigt, noch besonderes 
Interesse erregen dürfte. Der originelle und 
schöne gepresste Ledereinband dient dem Buche 
zum erhöhten Schmuck; der Preis (20 M.) ist 
besonders in Anbetracht des Umstandes, dass 
nur dreihundert numerierte. Exemplare her¬ 
gestellt worden sind, wirklich ein sehr niedriger. 


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von Zobeltitz, Neudrucke. 


95 



Noch zwei weitere Neudrucke legt uns 
die Grotesche Verlagshandlung vor. Zunächst 
ein Prachtwerk von monumentaler Schönheit: 
eine herrliche Nachbildung der sogenannten 
Septemberbibel von 1522. 

Bis zu diesem Jahre waren bereits vierzehn 
deutsche Bibeln in verschiedenen Ausgaben 
erschienen, abgesehen von den die Zahl 200 
übersteigenden biblischen Handschriften, von 
denen 16 die ganze heilige Schrift umfassten, 
die aber allesamt nicht in die Hände von 
Laien gelangten. Wie die erste gedruckte 
Bibel, die Mentelsche in Strassburg von 1466, 
so besassen auch die meisten nachfolgenden, 
wenig verbesserten, inhaltlich den gleichen 
Fehler: den einer ungefügen, veralteten Sprach- 
weise und einer unkorrekten Übersetzung. 
Besser revidiert waren die niederdeutschen 
Übertragungen, sowie die Zainersche Augs¬ 
burger (1473) und die Kobergersche Nürn¬ 
berger Bibel (1483). Aber Luther genügte der 
Text noch nicht Schon vor 1521 hatte er 
sich an der Übersetzung einzelner Teile der 
Bibel versucht; die Wartburg -Mufee dieses 
Jahres benutzte er zur völligen Fertigstellung 


des Neuen Testaments. Auch seine Gegner 
mussten anerkennen, dass die Übertragung die 
früheren in sprachlicher Beziehung weit über¬ 
traf; die ungelehrte Volkstümlichkeit des Tons 
sicherte ihr eine rasche Verbreitung. Luther 
wünschte eine beschleunigte Drucklegung. 
Einer, der einen ähnlichen Namen trug wie 
er, Melchior Lotther der Jüngere, übernahm 
die typographische Herstellung des Werks. 
Schon sein Bruder, der ältere Melchior, hatte 
durch den Druck von Luthers Schriften wesent¬ 
lich zur schnellen Verbreitung der Reformation 
beigetragen; in der Druckergeschichte ist sein 
Name zudem dadurch bekannt geworden, dass 
er nach seiner Übersiedelung von Wittenberg 
nach Leipzig dort als Erster die römischen 
Lettern einflihrte und sich der gothischen 
Schrift nur noch bei deutschen Werken be¬ 
diente. Lotther der Jüngere hatte die Matrizen 
seiner Typen von dem berühmten Froben aus 
Basel mitgebracht, und mit diesen wurde 
„Das Newe Testament Deutzsch“ zu „Vuittem- 
berg“ gedruckt Im September 1522 erschien 
die erste Ausgabe anonym, und schon im 
Dezember musste eine zweite, vielfach ver- 


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von Zobeltitz, Neudrucke. 


besserte angefertigt werden, bei der Verleger 
und Drucker sich nannten. Die Anfangsbuch¬ 
staben der Evangelien erhielten Holzschnitt- 
zeichnungen, die Evangelisten darstellend, die 
Offenbarung Johannis wurde mit 21 ganzseitigen 
Bildern geschmückt, wahrscheinlich von Lukas 
Cranachs Hand, sicher aber aus dessen Schule. 
Polemische Anspielungen gegen das Papsttum 
in diesen Bildern wurden auf Luthers Wunsch 
schon in der zweiten Auflage geändert. Der 
Preis des Buches betrug i */ a Gulden — nach 
Köstlin etwa 25 M., nach Anderen nur 6 M. 
30 Pf. heutiger Währung. 

Die Septemberausgabe ist die ewig denk¬ 
würdige Grundlage des Lutherischen Bibel¬ 
werks. Die Nachbildung des Groteschen Ver¬ 
lags wurde schon 1883, zum vierhundertjährigen 
Geburtstage Luthers, in 500 Exemplaren her¬ 
gestellt. Aber sie ist so wundervoll, dass man 
immer wieder auf sie aufmerksam machen 
muss. Als Vorlage wurde ein Exemplar aus 


dem Besitze des Verlags benutzt und zur Er¬ 
gänzung das Exemplar der Königlichen Bi¬ 
bliothek zu Berlin herangezogen. So entstand 
diese Facsimile-Ausgabe, deren phototypische 
Wiedergabe, von H. S. Hermann in Berlin 
hergestellt, sowohl in Bezug auf das typo¬ 
graphische Bild wie der Zeichnungen, von 
schönster Klarheit und ganzer Vollendung ist. 
Der Einband besteht aus Ganzleder mit reicher 
Vergoldung der Ornamente, die altsächsischen 
Einbänden nachgebildet zu sein scheinen. Der 
Preis beträgt 60 M. Das klingt hoch; wenn 
man aber bedenkt, dass die Doresche Bilder¬ 
bibel mit ihren gemütsbaren phantastischen 
Illustrationen doppelt so teuer ist, dann scheint 
der Preis im Gegenteil niedrig zu sein. Und 
gerade für das protestantische Haus, für Kon- 
firmations- und Hochzeitsgeschenke, eignet 
sich die Grotesche Septemberbibel mit dem 
Cranachschen Buchschmuck sicher hundertmal 
mehr wie das Dorische Illustrationswerk. 





ls letztes Werk des 
gleichen Verlags liegt 
uns eine Heliand - 
Ausgabe in der 

Simrock sehen 
Übe rtragung 
vor. Simrock 
vollendete 
diese schon 
1856, aber 
meines 
Wis¬ 
sens 

Initial aus dem „Heliand**, 

gezeichnet von G L. Becker. er¬ 


schien 

sie erst zehn Jahre später in ziemlich unschein¬ 
barem äusserem Gewände. Der Grotesche 
Verlag hat ihr einen prunkvollen Schmuck zu 
Teil werden lassen. Es lag dabei die Absicht 
zu Grunde, die innere und äussere Erscheinung 
des Buches so zu gestalten, dass in ihr ein 
Anklang an die Entstehungszeit der Evangelien¬ 
harmonie zu finden sei. Man hat dies durch 
eine Nachahmung der Art und Weise zu 
erreichen versucht, wie im IX. Jahrhundert im 
fränkischen Reiche religiöse Handschriften mit 
Ornamenten gec:iimückt wurden. Eine farbige 


Wiedergabe schloss die Anlage des Neudrucks, 
vor allem der Preis (15 M.) aus, doch hat es der 
Zeichner, Carl Leonhard Becker in Berlin, ganz 
vortrefflich verstanden, die Töne in ihrer 
wechselnden Helligkeit der Farbenwirkung der 
Originale anzupassen. Benutzt wurden u. a.: 
ein Evangelienbuch Karls des Grossen, die für 
Karl den Kahlen gefertigte sogenannte Bible de 
St. D6nis, ein Evangelienbuch Ludwigs des 
Frommen, ein solches für Kaiser Lothar und 
ein Evangelien-Canon aus der Kirche von Le 
Mans, sämtliche Werke im Besitze der Pariser 
Nationalbibliothek. In Bezug auf die An¬ 
ordnung der Ornamente und die Zusammen¬ 
setzung der Haupt- nnd Nebentitel ist der 
Künstler streng stilgerecht verfahren. Wie 
sehr ihm das geglückt ist, mögen die bei¬ 
gegebenen Proben beweisen. 

Auch die Zeichnung der Einbanddecke, 
die auf braungetöntem Untergründe den Titel 
in Gold und die Ornamentik in Silber trägt, 
ist aus Charakteren der Blattumrahmung der 
als Vorlagen benutzten Manuscripte des IX. Jahr¬ 
hunderts gebildet. Simrock, der im Jahre 1876 
starb, hat diese Ausgabe seiner Heliand-Über¬ 
tragung, im besten edelsten Sinne eine „Pracht¬ 
ausgabe“, leider nicht mehr schauen dürfen. 


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von Zobeltitz, Neudrucke. 


97 


Von Luthers kleineren Schriften sind zwei 
Sammlungen in der „Ausgabe für Bücher¬ 
freunde“ erschienen, die der Verlag von Vel- 
hagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig her- 
ausgiebt. Der erste Band enthält ausser der 
gegen den Herzog Heinrich von Braunschweig 
gerichteten bitteren Polemik „Wider Hans 
Worst“ die beiden „Bock“-Blätter von 1521, 
die beiden auf König Heinrich VIII. von Eng¬ 
land zielenden Flugschriften von 1522 und 
1527 und den Brief an den Erzbischof Albrecht 
von Magdeburg und Mainz, als dieser seinen 
Rentmeister Schätz wegen angeblicher Untreue 
hatte aufhängen lassen. Vorangeschickt ist 
Luthers prächtige „Warnung an die Drucker“, 
die er seiner Bibelausgabe von 1545 als Vor¬ 


gerichtet“. So kündigte der Verlag das Er¬ 
scheinen dieser Ausgaben an. Gegenüber der 
ablehnenden Haltung des Publikums gehörte 
ein gewisser Mut dazu, den Versuch zu wagen, 
in dem verhältnismässig kleinen Kreise der 
Bibliophilen die Freude am Exemplar zu wecken. 
Ob der Verlag damit auf seine Kosten ge¬ 
kommen ist, kann ich nicht konstatieren. 
Jedenfalls verdienen die Bücher allseitige Be¬ 
achtung — ganz abgesehen vom Inhalt schon 
um ihrer Ausstattung willen. Als Schrift wurde 
eine veredelte Schwabacher Type von älterem 
Schnitt gewählt; an Stelle der unmöglichen 
landläufigen Illustrationen sind die Original- 
titelborduren der ersten Drucke in sorgfältiger 
Holzschnittnachbildung getreten. Wo die Origi- 



Zierstück aus dem ..Heliand", gezeichnet von C. L. Becker. 
(G. Grotesch« Verlagsbuchhandlung in Berlin.) 


rede gab, und die man noch heute den 
„geizigen Wänsten und räuberischen Nach- 
druckcm“ eines gewissen freien Landes zur 
Nachachtung widmen könnte — und angehängt 
der von ihm selbst verfasste „Catalogus oder 
Register aller Bücher vnd schrifften D. Mart. 
Luthers“ von 1518 bis 1533. Der zweite Band 
enthält die zwölf Abhandlungen „Von Ehe- und 
Klostcrsachen“, darunter die beiden berühmten 
Stucke „An die Herren Deutsches Ordens, dass 
sie falsche Keuschheit meiden und zur ehelichen 
Keuschheit greifen, Ermahnung“ und „Ursache 
und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich 
verlassen mögen“. 

Die Velhagen & Klasingschen Ausgaben 
für Bücherfreunde gehören zu den ersten Luxus- 
drucken, die bei uns versucht wurden, und 
sind „direkt gegen die bei uns herrschende 
Ärmlichkeit und Billigkeit im Bücherwesen 

Z. f. B. 


nale ohne Blattitel erschienen, hat man sich 
mit Ornamenten aus der gleichen Zeit von 
Schriften verwandten Inhalts beholfen. So ist 
ein eigenartiger, dem Charakter der Werke 
durchaus angepasster Buchschmuck entstanden. 
Cranach, der grosse Geistesverwandte Luthers, 
und seine Schule sind vielfach vertreten. Als 
Papier ist für die wohlfeileren Ausgaben (zu 
M. 7 der Band) Büttenpapier gewählt worden, 
doch wurde auch noch eine kleine numerierte 
Auflage für Liebhaber hergestellt, und zwar 
auf stärkerem holländischem Büttenpapier mit 
dem Wasserzeichen V & K zum Preise von 
M. 20, auf Papier Whatman für M. 30 und 
auf feinem chinesischem Papier, das meiner 
Ansicht nach nicht zum Charakter des Ganzen 
passt, für M. 40 das Exemplar. Die nume¬ 
rierte Ausgabe ist nur ungebunden zu haben, 
für die billigere sind dagegen Einbände nach 

13 


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98 


von Zobeltitr, Neudrucke. 


altem Muster angefertigt worden, mit Gold¬ 
druckomamenten „nach dem Einbande eines 
Aldinischen Sallusts vom Jahre 1567“. Das 
war die beste Zeit der italienischen und fran¬ 
zösischen Reliure, die Zeit Geoffroy Torys, 
Thomas Majolis und des Brüderpaars Eve. 
Ich glaube auch, dass der Einband zu dem 
Aldusdruck, der hier als Vorlage gedient hat, 
aus Anregungen Majolis hervorging, denen 
auch noch nach seinem Tode zahlreiche schöne 
Werke zu danken sind. Das Ornamenten- 
muster mit den stilisierten Papageienköpfen 
ist sehr charakteristisch für die Schule Majolis 
und kehrt auch auf verschiedenen Bänden 
Groliers wieder, dessen künstlerisches Empfinden 
bekanntlich stark durch Majoli beeinflusst wurde. 
Der Verlag hat die Ornamente auf einem 
Einbande aus feinem weissem Pergament (M. 11 
das Exemplar) und einem aus rotem Saffian 
(M. 13) anbringen lassen; ersterer präsentiert 
sich zart und geschmackvoll, ungleich charak¬ 
teristischer aber der letztere; ich persönlich 
würde lichtbraunes Kalbleder als Untergrund 
für den Goldschmuck vorziehen. Das Vorsatz¬ 
papier trägt auf dunkelgrünem Grunde ein 
goldenes Renaissancemuster mit Medaillons, 
die das Monogramm der Firma führen. Ausser 
in der Prachtausstattung werden die beiden 
Lutherbücher auch noch in eleganten Halbfranz¬ 
bänden (M. 10) geliefert. 

Demselben Verlage verdanken wir drei 
reizende Bändchen im sogenannten Elzevir- 
format. Das erste betitelt sich „ Altdeutscher 
Witz und Verstand “ und enthält eine Zusammen¬ 
stellung charakteristischer Reime und Sprüche 
aus dem XVI. und XVII. Jahrhundert — wie 
der Bearbeiter, zweifellos ein in der einschlägigen 
Litteratur sehr bewanderter Mann, bemerkt, „für 
Liebhaber eines tüchtigen Sinnes in ungekün¬ 
stelten Worten“. Dem Büchelchen kann man 


ein ähnliches Begleitwort mitgeben, wie es s. Z. 
Agricola bei seiner Sammlung von Sprüch- 
wörtern und weisen Reden der alten Deutschen 
ausgesprochen hat: „auf dass doch etliche unter 
unsern Teutschen gereizet würden, ihrer Vor¬ 
eltern Fusstapfen nachzuwandeln“. Mit Absicht 
hat der Bearbeiter meist nur Sentenzen aus 
solchen Werken ausgewählt, die dem Einzelnen 
schwerer zugänglich sind — und dasselbe Motiv 
hat ihn auch bei der Zusammenstellung des 
zweiten Bändchens geleitet, das den Titel führt 
„ Altdeutscher Schwank und Scherz “. Der Scherz 
unserer Ahnen ist nicht zahm und blöde, son¬ 
dern kräftig und derb, und dadurch unterscheidet 
er sich von den in holde Grazie eingewickelten 
Frivolitäten der gleichzeitigen französischen 
Schriftsteller und der Nachfolger Pietro Aretinos 
jenseits der Alpen. Ungleich anders seinem 
Inhalte nach als dieses amüsante Kompendium 
lustiger Schwänke in Vers und Prosa ist die 
dritte Sammlung „ Altdeutsches Herz und Ge- 
müth “. Wie schon der Titel ausdrückt, handelt 
es sich in diesem Falle um ein Spiegelbild des 
Gemütslebens deutscher Vorzeit, um eine Dar¬ 
stellung der Empfindungswelt in den Epochen 
der Reformation und des dreissigjährigen Krieges 
durch die Zeugnisse von Zeitgenossen. Neben 
sanftklingenden Versen, die Liebe, Treue und 
Freundschaft, das trauliche Heim und die Früh¬ 
lingspracht preisen, finden wir da auch manch* 
loderndes Wort vom Vaterlandsgefühl, Spott, 
Eifer und Grimm gegen Zuchtlosigkeit und 
Niedertracht. Die Bändchen, die einen Zier¬ 
schmuck jeder Bibliothek bilden und durch 
ihre äussere Ausstattung sofort ins Auge fallen, 
kosten in Halbfranz gebunden mit reicher 
Rückenvergoldung je 7 M., sind aber gleich¬ 
falls in numerierten Exemplaren auf stärkerem 
Büttenpapier (jzu je 10 M.) und auf chinesischem 
Papier (zu je 15 M.) zu beziehen. 


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Schiussleiste zum ..Heliand", gezeichnet von C. L. Becker. 
(G. Grotesche Verlagsbuchhandlung in Berlin). 


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Bibliographische Klubs in England. 

Von 

Alfred W. Pollard in London. 


JTVflQ|enn man eine kurze Periode zu Be¬ 
tt« mH ^ nn unsres Jahrhunderts ausnimmt, 
während der das Interesse für Bi¬ 
bliographie und alle damit verwandten Zweige 
gewissermassen einen aristokratischen Sport 
bildete, so kann man behaupten, dass dieses 
Interesse noch nie so lebhaft war wie heutzutage. 
Die Preise, die auf Bücherauktionen erzielt wer¬ 
den, steigen fortwährend; eine Ausnahme machen 
nur frühe Klassikerausgaben, Aldinen und Bo- 
donis. Fast täglich vergrössert sich der Kreis 
der Sammler und wird das Gebiet sammelns¬ 
werter Bücher umfassender. Auch geht der 
heutige Bibliophile mit so viel Intelligenz an 
seine Beschäftigung und ist so lernbegierig, 
dass ein wirklich kompetentes Buch über bi¬ 
bliographische Themen weit mehr Käufer findet, 
als dies früher der Fall war, und auch die 
Abneigung gegen Vereinigungen mehr und 
mehr schwindet. Dies erklärt das Gedeihen 
der verschiedenen bibliographischen Gesell¬ 
schaften in England; ich will meinen ersten 
Bericht einigen der hauptsächlichsten widmen. 

Die älteste dieser Vereinigungen ist der 
berühmte Roxburghe-Klub , der sich aus einem 
Diner entwickelte, welches man am 17. Juni 
1813 zu Ehren der grossen Roxburghe-Auktion 
einnahm. Zu den ersten Mitgliedern dieser 
Tischgesellschaft wurden die hervorragendsten 
Habitues der Auktionssäle gewählt, und ihre jähr¬ 
lichen Festessen zeichneten sich durch einen be¬ 
sonders kräftigen Trunk aus. Trotzdem ver- 
gassen die Gründer des Klubs nicht ihren Haupt¬ 
gedanken zur Ausführung zu bringen, nämlich 
sich gegenseitig mit privatim gedruckten Büch¬ 
lein zu beschenken. Das erste dieser Bücher, ein 
Neudruck von Surreys „Certain Bokes of Virgiles 
Aenaeis tumed into English meter“ (einzelne 
Gesänge von Virgils Aeneide in englisches 
Versmass übertragen) wurde schon 1814 von Sir 
W. Boiland den Mitgliedern überreicht. Als 
zweites folgte ein Jahr darauf Cutwodes „Caltha 
Poetarum or the Bumble bee“ im Neudruck des 
berühmten Sammlers Richard Heber nach einer 
Ausgabe von 1599. Aber wie gering die Mühe 
war, die man sich mit diesen ersten Neudrucken 


gab, geht daraus hervor, dass Heber nur mit Hilfe 
von Haslewood, einem bescheidenen Parasiten 
der damaligen Bibliophilen, das ganze Werk 
in knappen vierzehn Tagen bearbeitet, verlegt 
und gedruckt hatte. Im Jahre 1816 erschienen 
vier solcher kleinen Bände; 1817 hob sich die 
Zahl auf sieben, 1818 auf acht Stück. Dann 
nahm das Interesse stark ab, und in manchem 
Jahr zwischen 1820 und 30 erschien kein ein¬ 
ziger Band. Im Jahre 1828 gab Sir Frederick 
Madden eine Neuausgabe der Romanze von 
„Havelok the Dane“ heraus, und damit beginnt 
die ernste Arbeit des Klubs, denn dieses Werk 
erschien nicht mehr auf Kosten des Einzelnen, 
sondern der ganzen Gesellschaft. „Havelok 
the Dane“ war der 46. Roxburghe-Band; in den 
siebzig Jahren, die seit seinem Erscheinen ver¬ 
strichen sind, kamen noch etwa achtzig Bände 
heraus, von denen die beachtenswertesten sind: 
die Romanzen von „William and the Werwolf* 
(1832); eine alte englische Fassung der „Gesta 
Romanorum“ (1838); das allitterierende „Alexan¬ 
derlied“ (1849); Hoccleves „De Regimine Prin- 
cipum“ (1860) „La Queste del Saint Graal“ 
(1864); „The Pilgrimage of the Lyf of Man- 
hode“ aus dem Französischen des Guillaume 
de Deguilleville (1869); die Gedichte von 
Richard Barnfield (1876); „The Lamport Gar¬ 
land** (1882); „Les Miracles de la Vierge“ 
(1882), und das wichtigste von allen, die 
wundervolle Ausgabe des „Buke of John Man- 
deville“ in einer noch unveröffentlichten eng¬ 
lischen Fassung, nebst dem französischen Text 
und 28 reizenden Miniaturen. Dieses schöne 
Buch erschien auf Kosten des Klubs 1889, 
herausgegeben durch Herrn G. F. Warner vom 
British Museum. 

Jahrelang hing die Mitgliedschaft des Rox- 
burghe-Klubs von einer der folgenden angeneh¬ 
men Eigenschaften ab: man musste hochgeboren, 
im Besitz einer schönen Bibliothek oder littera- 
risch berühmt sein. Von den vierzig Mitgliedern, 
auf welche sich die Vereinigung beschränkt, 
sind augenblicklich die Hälfte Mitglieder des 
Oberhauses oder Söhne von Peers; der Vor¬ 
sitzende ist der Marquis von Salisbury, der, 


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Pollard, Bibliographische Klubs in England. 


wenn die Politik ihm Zeit lässt, seine Mufse 
mehr noch der Wissenschaft wie der Litteratur 
zuwendet, und den man kaum einen echten 
Bibliophilen nennen kann, wenn er auch so 
manches wertvolle Buch ererbt hat. S$in 
früherer Gegner, Lord Rosebery, ist eifriger 
Sammler und hat mehr Anrecht auf die Mit¬ 
gliedschaft, während ein andrer Staatsmann, 
Mr. A. J. Balfour, die philosophische Litteratur 
vertritt. Lord Crawford und Lord Amherst 
of Hackney sind ebenfalls Peers in Besitze 
schöner Bibliotheken; die Sammlungen von 
Mr. Huth und Mr. Christie Miller erfreuen sich 
eines Weltrufs, während man zu den litterarisch 
hervorragenden die Herren Andrew Lang, 
R. C. Christie, Aldis Wright und Sir E. M. 
Thompson rechnen kann. Die Bedingungen 
zur Aufnahme in den Klub sind ein jährlicher 
Beitrag von 105 Mark und die ehrenvolle Ver¬ 
pflichtung, direkt oder indirekt den Neudruck 
irgend eines alten Buches oder Manuskriptes 
zu veranlassen, der dann den Mitgliedern über¬ 
reicht wird. — 

In der Anciennität dem Roxburghe - Klub 
zunächst steht eine ganz anders geartete Ver¬ 
einigung: „ The Library Association of Great 
Britain and Ireland welche 1877 infolge einer 
Konferenz von Bibliothekaren begründet wurde 
und, wie schon der Name sagt, beinah aus¬ 
schliesslich aus Amtsleuten besteht. Natürlich 
befindet sich unter den 500 Mitgliedern auch 
so mancher Liebhaber. Die Gesellschaft hält 
jährlich eine Zusammenkunft ab, welche mehrere 
Tage dauert und stets in einer anderen Stadt 
stattfindet. Ihr verdankt man die Gründung 
zahlreicher öffentlicher Bibliotheken, auch be¬ 
sitzt sie in „The Library“ ein eigenes, allmonat¬ 
lich erscheinendes Organ. Augenblicklich be¬ 
reitet die „Library Association“ einen inter¬ 
nationalen Bibliothekarkongress vor, der im 
nächsten Juli in London abgehalten werden 
soll. Der jährliche Beitrag beträgt 21 Mark; 
Mr. J. Y. W. Mac Alister, 20 Hanover Square, 
funktioniert als Honorar-Sekretär. — 

In chronologischer Reihenfolge nenne ich 
nun: „ The Sette of Odd Volumes “, eine Lieb¬ 
habervereinigung, deren Mitgliederzahl zuerst 
auf 21 beschränkt war, zu Ehren der 21 Bände 
des „Variorum Shakespeare“ von 1821. Jetzt 
hat sich jedoch eine „Supplemental Sette“ in 
der gleichen Anzahl dazu gefunden. Diese 


„Essgesellschaft“ von Bücherliebhabem trifft 
sich einmal im Monat, um sich neben einem 
guten Diner an witziger Narrheit zu erlaben, 
deren Wiedergabe genau in ihren Jahrbüchern 
zu finden ist. Der erste Präsident war der 
bekannte Buchhändler Bernhard Quaritsch, der 
auch so manche Nummer zu den „Privately 
printed Opuscula“ beigetragen hat Die ganze 
Serie dieser kleinen, in zierlichem sextodecimo- 
Format erschienenen Bändchen ist äusserst 
schwer erhältlich und natürlich entsprechend 
begehrt. 

In noch stärkerem Mafse ist dies mit den 
Drucksachen der „ Edinburgh Bibliographical 
Society a der Fall, welche 1890 zur Beförderung 
bibliographischer Studien im allgemeinen, so¬ 
wie von Forschungen in Bezug auf Schottland 
und der Geschichte der Buchdruckerkunst da¬ 
selbst im Besonderen gegründet wurde. Dieser 
Verein ist auf 70 ordentliche Mitglieder und 
drei oder vier Korrespondenten beschränkt, und 
lässt in der Regel nur die genaue Anzahl Ab¬ 
züge, die für die Mitglieder erforderlich sind, 
sowie drei Abzüge für den Autor drucken. 
Einige ausgezeichnete Bibliographen gehören 
dem Verein an; er liess kürzlich ein sehr be¬ 
deutendes Werk: „A Bibliography of Books re- 
lating to Mary, Queen of Scots“ von John Scott 
herausgeben, das zwanzig Facsimiles enthält, 
eine der wenigen Ausgaben, deren geringe 
Auflagezahl man bedauern muss. Der Sekre¬ 
tär dieser Gesellschaft ist G. P. Johnston, 33 
Georgestr., Edinburgh, und der Jahresbeitrag — 
für die, welche den Vorzug haben, ihn zahlen 
zu dürfen — beträgt io'/a Mark. 

Das südliche Gegenspiel zu dieser Gesell¬ 
schaft nennt sich ganz einfach „ The Biblio¬ 
graphical Society “ und wurde 1892 gegründet 
auf Veranlassung von Dr. W. A. Copinger, 
dem Verfasser der „Incunabula Biblica“ und 
des „Supplement to Hains Repertorium“. Wie 
bei der „Edinburgh Society“ ist die Mitglieder¬ 
zahl beschränkt, und zwar, was die englisch 
Sprechenden betrifft, auf 300 (worunter7 5 Ameri¬ 
kaner), dagegen steht es jedem ausländischen 
Bibliothekar oder Bücherfreund frei, beizutreten, 
wenn es ihm .Spass macht. Der Verein ist 
auch in anderer Hinsicht kosmopolitisch; seine 
bedeutendsten Veröffentlichungen, die „Illustra- 
ted Monographies“ bringen meist ausländische 
Drucke und häufig die Arbeiten fremder 


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Meisner, Der Bücherfluch. 


IOI 


Autoren. Die letzte Leistung der Societät ist 
„The Early Printers of Spain and Portugal“ 
von Dr. Konrad Haebler in Dresden: sie be¬ 
reitet ferner Monographien über „Die ersten 
Buchdrucker der Sorbonne“ von M. Claudin in 
Paris, über „Antoine V£rard“ und über den 
„Chevalier Delibere“ von Olivier de la Marche 
vor, für welch letzteren Dr. Lippmann in Berlin 
freundlichst die Reproduktion der Dlustrationen 
nach der Schiedam-Ausgabe überwacht hat. 
Über diese Gesellschaft kann Schreiber dieses 
aus Bescheidenheitsgründen nicht mehr sagen, 
da er die Ehre hat, selbst ihr Sekretär zu sein; 
dafür wird er gern alle an seine Adresse, 13 


Cheniston Gardens, Kensington oder nach dem 
British Museum gerichteten Anfragen beant¬ 
worten. Der Beitrag beträgt 21 Mark nebst 
einem ebenso hohen Eintrittsgeld. 

Noch einer andern Gesellschaft will ich 
einige Worte widmen, ehe ich schliesse, der 
„Ex-libris Society “, welche im Februar 1891 
gegründet wurde. Sie giebt für den kleinen 
Jahresbeitrag von io J / 2 Mark ihren Mitgliedern 
eine Zeitschrift, welche zahlreiche und inter¬ 
essante Mitteilungen über Büchermarken enthält, 
und hält jedes Jahr eine Ausstellung ab. Den 
Sekretäriatsposten bekleidet W. H. K. Wright, 
öffentlicher Bibliothekar in Plymouth. 




Der Bücherfluch. 

Von 

Heinrich Meisner in Berlin. 


B |Kl er Autor, der jüngst hinter den Titel 
fl nill se ‘ ner Werke schrieb: „Das Weiter- 
wLSSk U verleihen dieses Buches ist bei einer 
Konventionalstrafe von 100 Mark verboten“, 
hat wohl nicht gedacht, dass er dadurch eine 
alte Sitte in neuer Form aufleben liess. Und 
doch ist dies nichts anderes, als eine be¬ 
sondere Art des sogenannten „Bücherfluches“, 
dessen sich allerlei Autoren bis in das 
XVIII. Jahrhundert hinein zu bedienen pflegten, 
in dem Glauben, dass sie dadurch ihren Werken 
einen Talisman mitgäben, der dieselben vor aller¬ 
lei Missethaten der Lesewelt schützen könnte. 

Die Zeit des Entstehens der Sitte des 
Bucherfluches ist in Dunkel gehüllt; bei den 
Klassikern finden wir nichts dergleichen, wohl 
aber bei den christlichen Kirchenvätern, also 
in einer Periode, wo es in Schrift und Gegenschrift 
darauf ankam, genau den Wortlaut des Textes 
festzuhalten. Dass dies nicht immer zum Vor¬ 
teil des Verfassers geschah, war damals, in 
einer Zeit, in welcher Gelehrte und Ungelehrte 
Abschriften berühmter Werke, woher sie solche 
bekommen konnten, nahmen, leicht möglich. 
Entweder veränderte ein denkender Schreiber 
nach seiner Idee den Titel selbst, oder ein 
leichtsinniger kürzte und fälschte; andere brachten 


die Randglossen mit in den Text, ein dritter 
excerpierte nur, und so entstand nicht selten 
ein Werk, welches dem ursprünglichen gar nicht 
mehr ähnlich sah; des letzteren Verfasser ver¬ 
schwand manchmal sogar gänzlich. Dazu 
kommen noch geradezu böswillige Fälschungen, 
absichtlich in die Schriften der Kirchenväter 
eingeschobene Irrtümer, um aus ihnen be¬ 
weisen zu können, was die Gegner gerade 
wollten, und Zuthaten und Umformungen der 
Sätze der Heiligen Schrift, wie sie gerade den 
einzelnen Sekten passten. Gegen alle solche 
beabsichtigte und unbeabsichtigte Böswillig¬ 
keiten sollte ein kräftiger Fluch ein Buch 
schützen. 

„Einem jeden, der diese Bücher entweder 
abschreiben oder lesen wird, beschwöre ich im 
Angesichte Gottes des Vaters, des Sohnes und 
des heiligen Geistes bei der Verheissung des 
zukünftigen Reiches, bei dem Geheimnis der 
Auferstehung von den Toten, bei dem ewigen 
Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln 
bereitet ist, wenn er nicht etwa den Ort als 
ewige Wohnung haben will, wo Heulen und 
Zähnklappen ist und das Feuer niemals erlischt, 
— dass er zu dieser Schrift nichts hinzuthue, 
noch davon fortnehme, noch etwas dazwischen 


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102 


Meisner, Der Biichcrfluch. 


setze, noch verändere, sondern mit der ur¬ 
sprünglichen Niederschrift, von der er es ab¬ 
geschrieben hat, vergleiche und bis auf den 
Buchstaben genau verbessere; auch keine Vor¬ 
lage sich zur Abschrift wähle, die schon ver¬ 
bessert oder verändert sei, damit nicht das 
richtige Verständnis der Urschrift den Lesern 
erschwert werde.“ So lautet der Bücherfluch, 
den Rufinus seiner lateinischen Übersetzung 
der Schrift des Origines De principiis beifügte 
und der als Muster ähnlicher in den kirchlichen 
Streitschriften damaliger Zeit dienen kann. Als 
die siebzig Schriftgelehrten am Hofe des Ptole- 
mäus Philadelphus in Alexandria die griechische 
Übersetzung des alten Testamentes unter¬ 
nahmen, die nach ihnen die Septuaginta ge¬ 
nannt ward, soll der König der damaligen Sitte 
nach befohlen haben, dass dem Werke ein 
Fluch gegen alle, welche irgend etwas an der 
Übersetzung ändern würden, beigefügt werde. 
Allein auch diese Verwünschung scheint nicht 
viel gefruchtet zu haben, denn schon Origines 
und nach ihm viele im Laufe der Jahrhunderte 
haben an der Bibelübersetzung der Siebzig zu 
bessern versucht, ohne Schaden an Leib und 
Seele zu nehmen. 

Das deutsche Mittelalter nahm die Sitte 
des Bücherfluches an, nachdem sie wahrschein¬ 
lich durch die Schriften der Mönche zuerst 
bekannt geworden war. Als Eike von Repkow 
gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts seinen 
lateinischen Sachsenspiegel ins Deutsche über¬ 
setzte, mag er wohl gefürchtet haben, dass 
gerade ein solches Gesetzbuch, welches bald 
grosse Verbreitung erhielt, durch Abschreiber 
und Erklärer der Gefahr ausgesetzt wäre, ver¬ 
ändert zu werden. Da es damals noch keinen 
Schutz des litterarischen Eigentums gab, half 
er sich mit einer Verwünschung gegen alle, 
welche sein Werk fälschen würden: 

Groz angest get mich an,' 

ich vorchte sere, daz manich man 

diz buch wille meren 

und beginne recht verkeren . . . 

alle de Unrechte varen 

und werben an dissem buche, 

dem sende ich disse vluche, 

und de valsch hir zu scriben, 

de meselsucht müze in bekliben. 

Der Bücherfluch gewann aber nicht allein 
als ein Schutzmittel gegen diese Fälschungen 


von Büchern Bedeutung, sondern er wurde 
auch als ein Mittel zur Verhütung des Nach¬ 
druckes und unbefugter Übersetzungen ange¬ 
wandt. Besonders das hebräische Anathema 
Niddui Cherem und Schamatha findet sich in 
jüdischen Gesetzbüchern, welche im 17. und 
18. Jahrhundert mit Kommentar gedruckt wur¬ 
den, nicht selten; zahmer klingen die Ver¬ 
wünschungen der Nachdrucker in deutschen 
Büchern jener Zeit. Christian Weidling setzte 
vor eine Ausgabe seiner oratorischen Schatz¬ 
kammer die Verse: 

Wer wohl und ehrlich lebt, verdienet Schüd und 
Helm, 

Wer dieses Buch nachdruckt, den nenn* ich einen 
Schelm. 

Nichts destoweniger wurde das Buch nach¬ 
gedruckt, und einer solchen unrechtmässigen 
Ausgabe sogar eine lustige Parodie der obigen 
Verse beigefügt. Überhaupt scheinen diese 
Worte eine oft gebräuchliche Form der Ver¬ 
wünschung in Büchern gewesen zu sein. Ein 
deutscher Moliere fügt dem Schimpfnamen des 
Schelms noch eine weitere Ausführung hinzu: 
Wen solcher Titel nicht schreckt von dem Vor¬ 
satz ab, 

Den führ* eine Statua, wie Don Jüan zu Grab. 

Wer sich das Übersetzungsrecht seiner 
Schriften Vorbehalten wollte, oder wer über¬ 
haupt Übersetzungen derselben nicht wünschte, 
der versicherte dies gewöhnlich in der Vorrede 
mit derben Worten, die in einem Fluch aus¬ 
klangen. Man erzählt von dem gelehrten 
italienischen Priester Daniel Barrius, der über 
die Geschichte seines Vaterlandes und seiner 
speziellen Heimat Kalabrien mehrere Werke 
verfasste, er habe, durch die Vorliebe für die 
lateinische Sprache dahin geführt, jedem, der 
von ersteren Übersetzungen in das Italienische 
anfertigen würde, den Fluch angedroht, dass 
er nicht ein Jahr mehr leben solle. 

Allmählig, im Zeitalter der Aufklärung, ver¬ 
schwindet die Sitte des Bücherfluches, nach¬ 
dem man aber erst in echter deutscher Gründ¬ 
lichkeit gelehrte juristische Abhandlungen dar¬ 
über verfasst hatte, dass solcher Fluch doch 
eigentlich wertlos und unverbindlich sei. Nur 
in einer gewissen Art der Volkslitteratur, die 
sich trotz der Aufklärung noch immer breit 
machte, in den Büchern über Zauber- und 
Geheimmittel blieb die Verwünschung aller, 


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Meisner, Der Bücherfluch. 


103 


welche den wertvollen Stoff an Unwürdige 
mitteilen würden, bestehn. Denn wie im Alter¬ 
tum die Sterndeuter, so hielten im deutschen 
Mittelalter und weit über dasselbe hinaus die 
Goldmacher ihre Aufzeichnungen geheim und 
vererbten sie nur auf den Sohn oder den besten 
und würdigsten Freund weiter, niemals aber 
ohne besondere Beschwörung. Im „Rosarium 
philosophicum“, einer alchymistischen Schrift, 
welche durch den Druck weitere Verbreitung 
erlangte, wird trotzdem jedem, der das Ge¬ 
heimnis des Goldmachens offenbare, gedroht, 
er werde am Schlagflusse sterben. Gewöhnlich 
rufen die weisen Meister der schwarzen Kunst 
bei ihren Verwünschungen den lieben Gott 
oder die heilige Dreifaltigkeit als Rächer des 
Verrats an; ja ein Bannfluch wird sogar gegen 
unwürdige Jünger der Alchymie in Aussicht 
gestellt. 

Glaubte man den Inhalt der Bücher durch 
Fluch und Verwünschung genügend geschützt, 
so suchte man durch ebendieselben Mittel das 
einzelne Buch selbst vor Dieben oder säumigen 
Borgern zu sichern. Von Dionysius, dem un- 
getreuen Bibliothekar Ciceros an, welcher die 
Bücher seines Herren stahl, bis zu unseren 
Tagen hat es Leute gegeben, welche die Ent¬ 
wendung eines Buches nicht als Sünde be¬ 
trachteten, und ihnen gesellt sich die Menge 
derjenigen bei, welche aus geborgten Büchern 
das gerade herausreissen, was sie interessiert. 
Für letztere ist Matthias Flacius der Illyrier 
das Prototyp, und sein Messer, mit welchem 
er aus den Büchereien der deutschen Klöster 
ausschnitt, was ihm gefiel, ist sprichwörtlich 
geworden. Eine ganze Reihe von Gelehrten, 
darunter der bekannte Conrad Samuel Schurz¬ 
fleisch, haben fleissig das flacische Messer auf 
ihren gelehrten Reisen benutzt. 

In der Vaticana traf der päpstliche Bann 
alle Bucherdiebe: „Si quis secus fecerit, libros 
partemve aliquam abstulerit, extraxerit, clepserit 
rapseritque, carpserit, corruperit dolo malo, ille 
a fidelium communione ejectus, maledictus, 
anathematis vinculo colligatus esto. A quoquam 
praetcrquam Romano Pontifice ne absolvitor“. 
Anders sollen sich die Mönche auf Athos ge¬ 
holfen haben, welche in jedes einzelne Buch 
ein Ex-libris schrieben in der Weise, dass, 


wer sich sollte gelüsten lassen, das Buch zu 
stehlen, mit dem Fluche der zwölf Apostel und 
aller Mönche behaftet sei. Ähnliche Formeln 
finden sich in vielen Handschriften, gewöhnlich 
in Form von Schreiberversen am Schluss des 
Werkes, und haben sich bis in das achtzehnte 
Jahrhundert hinein erhalten. Wattenbach fuhrt 
in seinem Schriftwesen eine ganze Anzahl der¬ 
selben an, zu denen die folgenden eine Er¬ 
gänzung bilden können: 

Libri contractor calamis coeli potiatur, 

Si quis subtractor in avemis sic moriatur. 

Sit maledictus per Christum 
Qui librum subtraxerit istum. 

Me bene tractantes committo deo vel amantes, 
Ast detractorum dominus judex sit eorum. 

Quem (librum) si quis tollat, tellus huic ima dehiscat, 
Vivus et infemum petat amplis ignibus atrum. 

Dergleichen Verwünschungen sind auch in 
die deutsche Sprache übergegangen: 

Wer das puech stel 
desselben chel 
muzze sich ertoben 
hoch an eim galgen oben; 

und sie klingen noch in unserer Jugendzeit in 
dem Verse aus: 

Wer dies Buch stiehlt, ist ein Dieb, 

WePs mir wiedergiebt, den hab* ich lieb, — 

als eine unbewusste Erinnerung an die alte 
Sitte des Bücherfluches. 

Glücklicherweise haben die Autoren, deren 
Schriften mancherlei über die Bücherflüche 
entnommen ist, der ehrwürdige Herr Michael 
Lilienthal aus Königsberg, ein Hallenser Anony¬ 
mus vom Jahre 1751 und andere, ihren Werken 
nicht selbst einen Fluch gegen unrechtmässige 
Benutzung beigefiigt. Dann freilich hätte dieser 
Aufsatz nie können geschrieben werden, und 
die alte Sitte wäre vergessen geblieben, die 
doch jetzt gerade zu erneuern die beste Zeit 
wäre; denn nicht mehr aus dem Kopfe, sondern 
aus andern Büchern entsteht die Mehrzahl der 
Werke, die schön geschmückt die Schaufenster 
der Buchhändler zieren und die Käufer locken. 




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Eckmannscher Buchschmuck. 


H m Verlage von Albert Ahn in Köln, Berlin 
und Leipzig, ist kürzlich ein Buch er¬ 
schienen, auf das wir aus mehr als einem 
Grunde aufmerksam machen möchten. 
Es betitelt sich „ Herodias ** und enthält eine schwung¬ 
volle Dichtung von Josef Lauff. Aber mehr als der 
Inhalt interessiert uns an dieser Stelle die Ausstattung 
des Werkes, die der treffliche Otto Eckmann über¬ 
nommen hat. Über den Studiengang dieses eigen¬ 
artigen Künstlers, dem auch das moderne Buch¬ 
gewerbe viel schöne Anregungen und manche, alte 
Schablonen abstreifende und Neues schaffende That 
zu verdanken hat, liegt uns ein eigenhändiger Brief 
Eckmanns vor, der besser als eine ausführliche 
Schilderung das rastlose Ringen und beständig 
suchende Streben des jungen Malers darthut. 
Vorausgeschickt sei, dass Eckmann 1865 in Ham¬ 
burg geboren wurde, daselbst die Realschule ab- 


Einband zu Lauffs „Herodias“, 
entworfen von Otto Eckmann. 


solvierte und nach vielen Kämpfen mit seinen 
Angehörigen, die ihn für den Kaufmannsstand be¬ 
stimmt hatten, die Erlaubnis erhielt, die Ge¬ 
werbeschule besuchen zu dürfen. Es folgten ein 
kurzer Aufenthalt im Nürnberger Gewerbe-Museum, 
in der Bau- und Kunstgewerbeschule und endlich 
der Entschluss, nach München zu gehen, um auf 
der dortigen Akademie mit allen Kräften den 
weiteren Studiengang zu beschleunigen. Eckmann 
wandte sich zuerst an den Professor Alexander 
Wagner und wurde durch dessen Fürsprache im 
November 1883 in die Malschule aufgenommen. 

„In der Malschule bestanden“ — so schreibt 
Eckmann — „derzeitig zwei Abteilungen: die 
,Alten*, welche schauderhafte grosse Studien, und 
die Jungen*, die schauderhafte kleine Studien 
malten. Das war übrigens in allen anderen 
Schulen gerade so. Da ich unbekannt mit diesen 
ehrwürdigen Einrichtungen und 
zudem ein unverbesserlicher 
Idealist war, so malte ich in der 
letzten Reihe die grossen Studien 
mit, ohne mich um die Un¬ 
freundlichkeit der ,Alten* dem 
frechen Eindringling gegenüber 
sonderlich zu kümmern. Diese 
ganze Zeit hindurch war ich 
für meine Familie der verlorene 
Sohn und getraute mich auch 
nicht, nach Hause zurückzu¬ 
kehren , bis mir für meine 
schlechten grossen Studien aus 
unbekannten Gründen die sil¬ 
berne Medaille verliehen wurde, 
die einen erheblichenUmschwung 
in der Achtung meiner Person 
bewirkte. Nun kam die glück¬ 
liche Zeit stolzer Selbstüber¬ 
hebung, wie sie die Jahre der 
ersten Zwanzig gewöhnlich mit 
sich zu bringen pflegen. Nach 
anderthalbjährigem Aufenthalt 
in der Malschule erhielt ich ein 
Atelier in der,Komponierschule* 
und — komponierte* infolge¬ 
dessen frisch drauf los. Hier 
machte sich nur zu bald der 
Gegensatz zwischen Lehrer und 
Schüler geltend. Ich malte im 
Hof, und es war doch ganz 
klar, dass »echte Kunst* nur im 
Atelier zu finden sein durfte. 
Daher wurde die sogenannte 
Korrektur immer mehr zur 
blossen Förmlichkeit, bis ich, 
des Hadems müde, die Aka¬ 
demie verliess. Ich malte nun¬ 
mehr, allerdings mit Beriick- 



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Eckmannscher Buchschmuck. 


io 5 



Buchschmuck aus Lauffs ,.Hero dia*‘\ 
gezeichnet ton Otto Eckmann. 


sichtigung besonders sorg¬ 
fältiger Zeichnung, Bilder — 
wie sie andere auch malten, 
meist holländische Motive aus 
Amsterdam und Umgebung. 

Gleichzeitig begann aber auch 
der Gärungsprozess in geisti¬ 
ger Beziehung. Ich beschäf¬ 
tigte mich viel mit Philo¬ 
sophie; Kant, Schopenhauer, 

Nietzsche, Stirner etc. er¬ 
forderten alles Interesse. Hand 
in Hand damit ging allmählich 
die Loslösung und Befreiung 
von der akademischen Art Die 
, komponierten* Genrebilder 
wichen landschaftlichen Moti¬ 
ven. Das Landschaftliche 
überwog schliesslich, während 
das Figürliche als Staffage 
mehr in den Hintergrund 
trat Mit einer Kollektion 
aus dieser Periode erzielte 
ich meinen ersten grossen Erfolg; die ,Münchener 
Neuesten Nachrichten* entdeckten in mir ein ,neues 
Genie* . . . Ich wurde bei dem Sohne des Be¬ 
sitzers genannten Blattes, des kunstsinnigen Dr. 
Hirth, Lehrer — Dr. Hirth hat mich in dieser 
kritischen Zeit durch Aufträge u. s. w. auch wacker 
unterstützt, was ich ihm nie vergessen werde. In¬ 
zwischen hatten mich Piglheim und Langhammer 
für die Secession ,gewonnen,* jene Gruppe von 
Künstlern, die aus der Münchener Genossenschaft 
ausgeschieden waren. Da mir aber auch hier 
an Stelle idealer Begeisterung mancherlei persön¬ 
liche und parteiliche Interessen mitzusprechen 
schienen, so machte ich mit Trübner, Corinth, 
Heine, Schlittgen u. a. Opposition, wofür uns 
natürlicherweise eigennützige Motive untergeschoben 
wurden . . . Die Geschichte ist lange vorbei — 
ich würde sie auch nicht erwähnen, wenn sie für 
mich nicht insofern von grossem Vorteü gewesen 
wäre, als ich, auf keine Cliquenwirtschaft ge¬ 
stützt, streben musste, durch meine Arbeiten allein 
Stellung zu gewinnen. Ausserhalb aller Parteien 
stehend, fand ich denn auch eine köstliche Ruhe 
und Mufse. Ich trat aus allen Vereinen aus und 
lebte in völliger Zurückgezogenheit Meine Ver¬ 
ehrung für die Natur brachte mich immer wieder 
zur Landschaft zurück. Von dem Studium des 
Charakters der Bäume ausgehend, wurde ich un¬ 
merklich intimer und inniger auf die Einzelheiten 
geführt, was sich auch in meinen Bildern äusserte. 
Es waren nicht mehr einfache Abbildungen 
— die Resultate meiner Beobachtungen waren 
vielmehr stärker und stärker in sinnbildlichen 
Darstellungen niedergelegt, die mir gestatteten, 
auch die Details zu bringen, die auf einem 
naturalistischen Stimmungsbüde in Wegfall kom¬ 
men mussten. Der Schritt vom Sinnbild zum 
Ornament war da fast sicher, denn im Büd lag 
Z.LB. 


immer noch der Zwiespalt zwischen der Mög¬ 
lichkeit im Rahmen des Ganzen und der Neigung, 
die reizvollen Einzelheiten energisch zur Geltung 
zu bringen. So liess ich denn die Pinsel fahren 
und arbeitete einige Holzschnitte, die schon ganz 
ornamental gehalten waren. Meine ,Schwäne auf 
schwarzem Wasser* war der erste derselben und 
trug mir unerwartet einen schönen Erfolg ein. 
Sämtliche grosse Museen erwarben den Holz¬ 
schnitt — und was entscheidend für mich war: 
man beanspruchte daraufhin meine Thätigkeit für 
ornamentale Arbeiten. Nun folgte eine Zeit rast¬ 
loser und glücklichster Arbeit Glücklich vor 
allem, weil es mir Zufriedenheit gewährt, meinen 
Geschmack, soweit ich darüber verfüge, in den 
Dienst der angewandten Kunst zu stellen. Ver¬ 
suche mit Töpferei wechseln mit Holzschnitt¬ 
arbeiten, die ich auch selbst drucke; ich zeichne 
Möbel, stelle Buntdruckpapiere für Vorsatz und 
Einband her und beschäftige mich auch sonst viel 
mit Arbeiten auf dem Gebiete des Buchschmucks. 
Im Augenblick beansprucht die Textilindustrie 
meine Thätigkeit sehr stark; um für diese Zweige 
zeichnen zu können, musste ich mich natürlich 
eingehend mit der Technik der Teppichweberei 
beschäftigen . . . Auf meine drei Medaillen bilde 
ich mir wenig ein; wohl aber freut es mich, dass 
Museen und hervorragende Künstler meine Ar¬ 
beiten schätzen und kaufen ... In der ,Gesell¬ 
schaft* lebe ich nicht mehr; die Bibel, Cervantes, 
Rabelais, Sterne, Goethe u. s. w. gewähren mir 
mehr, wenn ich der Erholungspausen bedarf. ..“ 
Eine ganze Künstlerseele spricht aus diesen 
Zeilen. Jeder selbst Schaffende wird das Glück 
der Arbeit verstehen, das Eckmann sich nach 
schweren Kämpfen errungen hat In der Zukunft 
unseres deutschen Buchgewerbes wird er vermut¬ 
lich noch eine grosse Rolle spielen. Über seine 

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io6 


Eckmannscher Buchschmuck. 


Buntpapiere und seine neuen Entwürfe für Vorsatz¬ 
papier, die er zunächst uns zur Reproduktion über¬ 
lassen hat, wird der Direktor des Berliner Kunst¬ 
gewerbe-Museums, Dr. P. Jessen, s. Z. in diesen 
Heften berichten. Für heute sei nur seines Buch¬ 
schmucks zu Laufe „Herodias“ gedacht 

Zunächst der Einband, dessen Zeichnung gleich¬ 
falls von seiner Hand stammt Er besteht aus 
starkmaschiger graugelber Leinewand, in welche die 
Ornamente in Goldbronze eingepresst sind. Der 
ganze Deckelschmuck versinnbüdlicht einen Vor¬ 
gang des Bindens. Die Büschel des Bandes sind 
in die Formen, Dolden und Staubfäden des Je¬ 
längerjeliebers gelegt 
Selbstverständlich wie¬ 
derholt sich aus stilisti¬ 
schen Gründen das 
Motiv auf der Rück¬ 
seite des Einbandes. 

Das Ganze macht einen 
ungemein ruhigen und 
vornehmen Eindruck, 
wirkt vor allem, da 
Eckmann sich an kei¬ 
nerlei Vorbüder an¬ 
lehnt, durch und durch 
original. Es ist etwas 
Neues, ein Bruch mit 
dem Herkömmlichen. 

Das englische Leinen 
spielt in der modernen 
Buchbinderei eine ge¬ 
wichtige Rolle; es ist 
billig (auch „Herodias“ 
kostet nur i o M.), leicht 
zu bearbeiten und in 
allen Farbentönen her¬ 
zustellen. Wirksame 
Effekte lassen sich da¬ 
mit erzielen, aber ge¬ 
schmackvolle moderne 
Muster sind mir, wenige 
Ausnahmen abgerech¬ 
net, bisher fast nur aus der Leipziger Buch¬ 
binderei-Aktiengesellschaft (vorm. G. Fritzsche) 
zu Gesicht gekommen, die auch die Ausführung 
des „Herodias“-Einbandes übernommen hat 

Bei dem Vorsatzpapier zu „Herodias“ hat Eck¬ 
mann den Versuch gemacht, das Monogramm des 
Verlegers mit einem Krokosmotiv zu einem Flach¬ 
muster zu vereinen. Die Form des doppelten A 
ist dem A in Dürers Monogramm nachgebüdet 
Der Untergrund ist lichtgelb getönt, die Orna¬ 
mentik in zartestem Graugrün gehalten. 

Der innere Buchschmuck beschränkt sich auf 
Kapitelstücke und Schlussvignetten, vorwiegend 
Darstellungen symbolischer Natur mit reicher Orna¬ 


mentik, der man es anmerkt, dass Eckmann nicht 
von der Zeichnung zur Natur, sondern von der Natur 
zur Zeichnung gekommen ist Überall stösst man 
auf ein besonders liebevolles Eingehen in feine 
malerische Einzelheiten. Wie im Büde „Vision“ 
die eben aufgebrochenen Kirschknospen am Stiele 
angewachsen sind, kann nur ein Künstler wieder¬ 
geben, der das Studium der Natur gewissennassen 
zum Lebensberuf gemacht hat Prächtig behandelt 
sind auch die Orchideen in dem Kapitelstück 
„Herodias;“ die Dolden sind hier halb zerfallen 
und auseinander gedrückt, als habe der Fuss der 
tanzenden Königstochter, der Herodias die Krone 

reicht, sie zertreten. 
Die figürlichen Darstel¬ 
lungen sind trotz einer 
gewissen arabesken Be¬ 
handlung doch höchst 
lebensvoll König He- 
rodes hat mir etwas 
zu weibische Hände, 
dürfte auch wohl jünger 
erscheinen — ganz 
vortrefflich charakte¬ 
risieren dagegen die 
Fürstin, welche die In¬ 
signien ihrer Würde 
von sich schleudert, 
und die tanzende Sa¬ 
lome den Buchinhalt, 
ohne dass dabei die 
Büder zu banalen Text¬ 
illustrationen herab¬ 
sinken. 

Wirkliche Triumphe 
aber feiert Eckmann in 
seinen kleinen, leicht 
umrissenen Landschaf¬ 
ten mit ihren stimmungs¬ 
vollen Blumenrahmen. 
Der See in seinem 
Lüienkranze, aus dem 
die schönste Blüte 
geknickt worden ist, während leichte Schifflein 
über die glatte Fläche gleiten — und das üppige, 
haindurchzogene Sebulon, ein Büd, bei dem man 
den schwülen Duft der Orchideen zu spüren meint, 
die es umranken, lassen kaum die Farbe vermissen. 
Auch in seine ausgesprochen ornamentalen Vorwürfe 
bringt Eckmann grosse Abwechslung und genialen 
Schwung. Man betrachte u. a. die drei mohn¬ 
umschlungenen Schlusskreuze des fünften Gesanges 
oder die Vignette zum zehnten Gesang, den Drei- 
fuss, dem giftige Dünste entsteigen, die sich zu 
Schierlingsblättem verdicken. Aus all dem spricht 
nicht nur die reife Kunst des trefflichen Zeichners, 
sondern auch ein echtes Poetenherz. —z. 



Buchschmuck aus Lauffs „Herodi 
gezeichnet von Otto Eckmann. 


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Kritik 


Die Holzschnitte der Kölner Bibel von 147g . 
Von Rudolf Kautzsch. Strassburg, Verlag von J. 
H. Ed Heitz, 1896. 

Wie es sich neuerdings bei vielen illustrierten 
Drucken herausgestellt hat, so ist auch die Kölner 
Bibel auf eine Gruppe von Bilderhandschriften 
zurückzuflihren, und eine derselben hat Kautzsch in 
dem Ms. germ. foL 516 der Königlichen Bibliothek 
in Berlin entdeckt 

Bekanntlich leitete die Kölner Bibel eine neue 
Epoche der Büder-Bibeln ein. In den vorher¬ 
gehenden gedruckten Bibeln beschränkte sich die 
Illustration auf einige kleine, mehrfach wiederholte 
Holzstöcke oder drängte die Darstellung auf den 
beschränkten Raum einer Initiale zusammen. Die 
Kölner Bibel enthält hingegen 113 Bilder (zumeist 
1 20 mm. hoch und 190 mm. breit) und ist mithin 
die erste, welche die Bezeichnung „Bilderbiber* auch 
wirklich verdient 

Gegen Kautzschs Ausführungen und Folgerungen 
liesse sich wohl nicht das geringste einwenden, 
wenn er nicht zum Schlüsse zu der überraschen¬ 
den Behauptung gelangen würde: „Damit wäre 
denn erwiesen, dass wir den Ursprung des Stils, 
den die Holzschnitte der Quentellschen Bibel zei¬ 
gen, nur in Frankreich suchen dürfen. Höchst 
wahrscheinlich hat sie ein etwa in Paris oder Lyon 
geschulter Formschneider, der auf der Wander¬ 
schaft in Köln Arbeit suchte, dort gefertigt“ 

Natalis Rondot hat in seinem Werke über die 
Bücherillustratoren in Lyon nachgewiesen, dass in 
Lyon vor 1480 urkundlich kein Holzschneider 
bekannt geworden ist und dass die dortigen 
Bücherillustrationen vor 1493 auch keine stilistische 
Eigenart zeigen. Über die Pariser Holzschneider 
lesen wir bei Monceaux (I, S. 122, 125; n, S. 
269): „Le premier livre imprim£ ä Paris avec 
date contenant des gravures que nous avons pu 
rencontrer est le Missei de Paris, 6dit6 le 2 2 sep- 
tembre 1481 par Jehan Dupr6“, ja seiner Ansicht 
nach rühren die beiden in diesem Werke ent¬ 
haltenen Holzschnitte nicht einmal von einem 
französischen Künstler her, sondern von D6sire 
Huym, einem Deutschen, der sich mit Dupr6 
associiert hatte. Da nun die Zahl der während 
des XV. Jahrhunderts in Holz geschnittenen fran¬ 
zösischen Einzelblätter eine sehr geringe und deren 
Datierung bisher mit Sicherheit noch nicht mög¬ 
lich gewesen ist so dürfen wir, wenn sich zwischen 
den Holzschnitten der 1479 erschienenen Kölner 
Bibel und den späteren französischen Buchillustra¬ 
tionen eine gewisse Übereinstimmung bemerkbar 
macht, doch nicht französischen Einfluss voraus¬ 
setzen, sondern müssen eher das entgegengesetzte 
Verhältnis annehmen. 

Ob der Holzschneider der Kölner Bibel gerade 
aus dieser Stadt gebürtig war, oder ob er aus 
den Niederlanden oder aus Belgien stammte, lässt 


sich bei dem heutigen Stande der Forschung nicht 
sagen. Wir müssen die dortigen Erzeugnisse der 
Holzschneidekunst einstweüen noch unter dem 
Kollektiv-Begriff „Niederrheinische Schule“ zu¬ 
sammenfassen; dass ihr aber der Holzschneider 
der Kölner Bibel angehörte, darüber darf kein 
Zweifel sein, denn gerade jene Kennzeichen, die 
Kautzsch hervorhebt und die den Unterschied 
zwischen den Zeichnungen der Büderhandschrift und 
den Holzschnitten des Kölner Druckes büden, Anden 
sich in den niederrheinischen Blockbüchem, Einzel- 
blättem und Buchillustrationen wieder. 

Da ist zunächst das eigenartig gezeichnete 
Wasser; wir treffen es — sogar mit demselben 
Schwan — in der Blockbuchausgabe des „Exerci- 
tium super pater noster“ (abg. bei Dutuit Tf. 35); 
die ein- und ausschlüpfenden Kaninchen, welche 
den Erdboden beleben, finden wir auf der so oft 
abgebildeten Brüsseler Madonna mit der apokry¬ 
phen Jahreszahl 1418; die Haube mit der Agraffe, 
wie sie auf dem von Kautzsch beigegebenen Fac- 
simüe die Schwester des Moses trägt, findet sich 
auf zahlreichen niederrheinischen Metallschnitten, 
welche die hL Barbara, Katharina und Dorothea 
darstellen, und der Diener, der hinter dem Königs¬ 
paar steht, hat dieselbe Mütze wie der Falken¬ 
träger in den „Proprieteyten der dinghen“ (abg, 
bei Sotheby Tf. 45). 

Nicht anders steht es mit der eigenartigen, aus 
kurzen parallelen Strichen gebildeten Schraffierung. 
Sie ist nichts als eine von professsioneilen Holz¬ 
schneidern eingefuhrte manierierte Zerstückelung 
einer der Federzeichnung entlehnten Schattierung, 
wie wir dies bei den verschiedenen Ausgaben der 
Ars moriendi verfolgen können. Auf der bei 
Sotheby Tf. 60 abgebildeten Ausgabe sind die 
Striche genau wie in der Kölner Bibel; ebenso 
bei der Turris sapientiae (ebend. Tf 87), des¬ 
gleichen wendete sie der Haarlemer Holzschneider 
an, der von 1483—86 für Jacob Bellaert arbeitete 
(vgl. Sotheby Tf. 44 u. 45), wir finden sie ferner 
in Drucken des Engländers Caxton und auf vielen 
Einzelblättem, die einen rheinischen oder auch 
vielleicht lothringischen Ursprung verraten, endlich, 
wenn auch nicht so maschinenmässig durchgeführt, 
in der berühmten lübischen Bibel von 1494. 

Unbestreitbar ist es ja, dass der französische 
Meister I-D, der 1488—90 in Lyon arbeitete (nach 
anderen Angaben soll er 1491 in Dijon thätig ge¬ 
wesen sein) dieselbe Schraffierung anwendete. Er 
tritt also verhältnismässig ziemlich spät auf, und 
sollte er nicht vielleicht diese Manier aus der 
xylographischen, oben erwähnten Ars moriendi 
entlehnt haben, da die Illustrationen zu diesem 
Werke gerade seine Hauptarbeit bildeten? Zum 
Überfluss bemerkt Rondot, dem diese Eigenheit 
nicht entgangen ist: „Nous avons dit que ce mai- 
tre introduisait dans ses ouvrages des hachures 


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io8 


Kritik. 


entrecoup6es. Nous n’en avons vu ä Lyon que 
dans une planche de la Grant danse macabre 
des hommes et des femmes publice en 1500 par 
Pierre Mareshal et Bamab£ Chaussard.“ 

Wir haben also alle Veranlassung zu der An¬ 
nahme, dass der Niederrhein das Centrum war, 
von dem aus sich diese eigenartige und nicht 
gerade schön zu nennende Schraffierungs-Methode 
ausbreitete, und bei einer derartigen Übereinstim¬ 
mung aller Kennzeichen wohl Grund genug, in 
dem Holzschneider der Kölner Bibel einen nieder¬ 
rheinischen Meister zu sehen. W. L. S. 

Ä3 

Meisterwerke der Holzschneidekunst. Neue Folge. 
Heft I: Aus der internationalen Kunstausstellung Berlin 
1896. Heft II: Weihnachtsmappe. Text von Aemil 
Pendler p Leipzig, J. J. Weber. 

Es lässt sich darüber streiten, ob die farbigen 
Reproduktionen mit Recht den einfarbigen Holz¬ 
schnitt mehr und mehr verdrängen; es gelingt ihnen 
doch nur selten, den Farbenreiz voll wiederzugeben, 
und die eigentliche „Zeichnung“ leidet oft an zu wenig 
Klarheit Die aus dem Weberschen Atelier stam¬ 
menden Holzschnitte sind stets von tadelloser Aus¬ 
führung, so lebensvoll, wie Schwarzdruck überhaupt 
sein kann, und auch in Bezug auf die Kunstwerke, die 
sie wiedergeben, glücklich gewählt Natürlich sind 
die Schnitte am besten geraten, deren Originale mehr 
durch Schönheit der Form und Zeichnung, als durch 
den Schmelz der Töne und die Stimmung wirken, wie 
z. B. Julius G. Jordans Medusa. Von den Ölgemälde¬ 
reproduktionen finde ich die Nixenblumen von Ferd. 
Max Bredt und Böcklins herrliche Pietä am gelungen¬ 
sten. Ich erinnere mich sehr wohl des Originals von 
Achenbachs warmtönigem Stackat von Ostende und 
muss sagen, dass auch der vorzüglichste Holzschnitt 
solchem Bilde nicht gerecht werden könnte; am stärk¬ 
sten aber vermisst man der Farben heiteres Spiel beim 
Blumenfest in Paris von Friedrich Stahl, bei dem die 
duftigen, vieltönigen Massen zu einem kompakten, 
kaum entwirrbaren Klex geworden sind. 

Der Text beginnt mit einer kurzen Lebens- und 
Leidensskizze des Ausstellungsgebäudes, deren man 
nicht unbedingt zum Verständnis der „Meisterwerke 
der Holzschneidekunst“ bedürfte. Die Erklärungen 
der Bilder sind im durchaus lobenden Familienblattstü 
gehalten; doch schon für die kargen biographischen 
und kunsthistorischen Notizen über das Leben der 
Künstler sind wir dem Verfasser dankbar. Irgend einer 
künstlerischen Überzeugung Ausdruck zu geben, ver¬ 
meidet Herr Fendler geschickt Er giebt Jedem das 
Seine aus einem grossen Topfe. Neues sagt er uns nicht 

Die zweite Sammlung, die „Weihnachtsmappe,“ 
hat vor der ersten das schöne Kartonpapier, auf dem 
die Büder sich eleganter geben, voraus. Dem Christ¬ 
fest ist nur ein einziges Bild geweiht, der „Weih¬ 
nachtsmorgen“ von Brütt. Als die Perle der Sammlung 
möchte ich Holbeins Madonna bezeichnen; das Harte 
des Faltenwürfe, die markige Strenge der Gesichter 


im Gegensatz zur Lieblichkeit der Gottesmutter, ja 
selbst das mosaikhaft behandelte Teppichmuster und 
die Muschelung der abschliessenden Nische kommen 
vorzüglich zum Ausdruck. Auch das Bismarckporträt 
Lenbachs ist trefflich reproduziert; freilich fallt dagegen 
das StandbÜd Eberleins, dessen Reproduktion Heft I 
brachte, gewaltig ab. —v. 

s® 

Die Schweizer-Trachten vom XVII. — XIX. Jahr¬ 
hundert nach Originalen. Dargestellt unter Leitung 
von Fr. Jul. Heierli und auf photomechanischem Wege 
in Farben ausgeführt Druck und Verlag von Brunner 
und Hauser, Zürich IV. 

Serie I der grossen, mit Recht als „National¬ 
werk“ bezeichneten Trachtenbüdersammlung bringt 
zunächst sechs Blatt nebst einem Beiblatt mit schlicht¬ 
verständlichem kurzem Text, dem noch drei ein¬ 
farbige Kostümskizzen eingefügt sind. Wir haben 
da neben einem derb-bäuerlichen Züricherpaar eine 
beinahe patrizierhaft vornehm gekleidete Bernerin, 
deren blaue Taffetschürze ein Wunder der Photo¬ 
graphie genannt werden muss. Ländlich und bunt 
und doch zierlich in ihrem flachen Hut und den Filet¬ 
handschuhen sitzt die Aargäuerin da und lässt ihre 
steifen Ärmel und meterlangen Zopfbänder bewundern, 
während der Putz der Appenzellerin fast ans Ope¬ 
rettenhafte streift. So mag die reiche Landammans¬ 
tochter das Festgewand von der Mutter selig geerbt 
haben: die Magd wird schwerlich damit auf die Alm 
gezogen sein. Die junge Schächenthalerin aus Uri 
dagegen ist ein echtes Kind ihrer Berge; ihre Zwillich¬ 
jacke hat schon mancher Himmelsguss durchweicht 
und mancher Sonnenstrahl getrocknet, und ihre nackten, 
sandalenumschnürten Füsse fürchten weder Kiefer¬ 
nadelgleiten noch Sumpfeinken. Den Schluss der ersten 
hochinteressanten Serie macht ein wohlhabender Bauers¬ 
mann, der in der Nähe von Schaffhausen daheim ist. 

Wenn man die Farbenpracht dieser nunmehr leider 
zum grossen Teil vom Volke abgelegten Trachten mit 
den zu kurzen Hosen, dem billigen Rock und ver¬ 
beulten Melonehut des heutigen Bauern vergleicht, 
begreift man kaum, wie dieser Wechsel hat stattfinden 
können, und möchte das Fluchwort „modern“ am 
liebsten aus dem Volkswortschatz auslöschen. 

Die Chromophotogravüren des Werkes kann man 
getrost den besten Aquarellreproduktionen zur Seite 
stellen. Sie übertreffen sogar manche Pinselstudie an 
Farbenschmelz und an glücklicher Wahl charakte¬ 
ristischer Köpfe. Man darf mit Recht auf die Fort¬ 
setzung dieser wertvollen Beiträge zur Kostümkunde 
gespannt sein. —f- 

Ein malerisches Bürgerheim. Versuche zur Neu¬ 
gestaltung deutscher Wohnräume. 25 Entwürfe von 
Herrmann Werle. Illustrationstext von Alexander 
Koch. Verlag von Alexander Koch, Darmstadt. 1896. 


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Kritik. 


109 


Da bisher nur die erste von acht Lieferungen vor uns 
liegt, ist es schwer, ein endgültiges Urteil über das 
interessante Werk zu fallen. Der Versuch, den entsetz¬ 
lichen Dutzendwarengeschmack des deutschen Publi¬ 
kums nicht von geschäftlicher Seite, sondern durch 
eigene Anschauung zu heben, ist sehr löblich, nur 
müsste da zunächst auf den geringen Farbensinn des 
Publikums eingewirkt werden; wir glauben, dass das 
wunderschöne „Schlafzimmer der Eltern“ oder das 
„Wohnzimmer 11 leicht angetönt bedeutend anschaulicher 
wirken würde. Nach dem Luxus einer „Diele,“ wie 
Herr Werle sie uns vorzaubert, sehnt sich wohl so 
manches Herz, besonders der armen Berliner, deren 
allgemeine Wohnungsanlage sie zu einem finstern 
„Entrde“ von der Grösse eines massigen Esstisches 
verurteilt Das „Herrenzimmer 11 eignet sich namentlich 
für Villa oder Landhaus; wir glauben, dass jeder Dorf¬ 
tischler, mit etwas geistiger Hilfe seitens der Herrschaft, 
die schlichten und geschmackvollen Formen der Möbel 
zustande bringt; die etwaigen Schnitzereien verlangen 
freilich eine Künstlerhand. Die „einfache Küchenein¬ 
richtung 41 erscheint uns für die tellermordende, fettver¬ 
spritzende Thätigkeit einer Minna oder Guste fast zu 
schön. Am wenigsten Geschmack können wir den Gar¬ 
dinendraperien abgewinnen; sie machen einen etwas 
steifen Eindruck. Der schon erwähnte erläuternde Text 
soll erst mit der 5. Lieferung erscheinen; wir halten 
dies für recht unpraktisch; wenn man sich nun jetzt 
dies oder jenes bereits schaffen lassen möchte? Bei 
einzelnen Möbeln thäten einige Massangaben z. B. sehr 
not — Wir kommen auf das Werk zurück, wenn erst 
mehr Lieferungen erschienen sind. —v. 

Francois dt Thias comie de Thoranc, Goethes 
Königslieutenant Dichtung und Wahrheit, drittes Buch. 
Mittheilungen und Beiträge von Martin Schubart '. 
München, Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. 1896. 

Gr. 8°. 12 Bogen. Mit 14 Vollbildern in Photo¬ 
gravüre, Lichtdruck und Chromolithographie. In 
Leinenband M. 15; in Kalblederband M. 2$; 25 numer. 
Exemplare auf Japanpapier ä M. 40. 

Der Verfasser ist ein bekannter Münchener Kunst¬ 
freund, dessen Gemäldegallerie reich an hervorragenden 
Einzelheiten ist Ein Aufenthalt in Cannes gab den 
äusseren Anstoss zu dem vorliegenden Werke. Herrn 
Schubart fiel bei der Lektüre von Goethes „Dichtung 
und Wahrheit“ ein, dass der Geburtsort des Königs¬ 
lieutenants ganz in der Nähe von Cannes liege; er 
machte sich auf, fand in Grasse das Haus wieder, 
das dem ehemaligen Grafen Thoranc („Thorane“ ist 
wohl auf einen Gedächtniss- oder Schreibfehler Goethes 
zurückzuführen) gehörte, und fand hier wie auf dem, 
einem Grossneffen Thorancs zu eigenen Schlosse 
Mouans zahlreiche Erinnerungen an den Grafen, Bil¬ 
der der Frankfurter Maler Trautmann, Seekatz, Schütz 
u. A., ein reiches Material zur Vervollständigung 
der Loeperschen Kommentare, die merkwürdiger 
Weise den vom Dichter mit besonderer Liebe behan¬ 
delten Kömgsheutenant wenig berücksichtigt haben. 


Das Werk ist indessen kein trockener Gelehrten¬ 
beitrag zur Goethelitteratur. Es ist anziehend und 
liebenswürdig geschrieben, ohne dass über die Form 
die Sachlichkeit verletzt wird, wirft auch ein inter¬ 
essantes Licht auf die kulturgeschichtlichen und gesell¬ 
schaftlichen Zustände des vorigen Jahrhunderts und 
giebt intime Einzelheiten über Goethes Kunstauffassung 
und seine Stellung zu der derzeitigen Frankfurter und 
Darmstädter Malerschule. Die Josefebilder Traut¬ 
manns, die Bilder von Schütz, Seekatz und Junker, 
ein Porträt Thorancs, als dessen Schöpfer wahrschein¬ 
lich der Darmstädter Künstler Johann Christian Fiedler 
zu betrachten ist, sind dem Buche in Lichtdruck und 
ausgezeichnet hergestellten Photogravüren beigegeben. 
Das Grafenwappen Thorancs, sehr zart in farbiger 
Lithographie ausgeführt, ist dem Reichsgrafen-Diplom 
entnommen, das in dem Wiener Hof- und Staatsarchiv 
aufbewahrt wird. 

Die Ausstattung des Buches dürfte die Freude 
jedes Bibliophilen bilden. Die Liebhaber-Ausgabe ist 
auf feinem Japan gedruckt und sehr geschmackvoll in 
lichtbraunes Kalbleder gebunden. Ein leicht und 
zierlich stilisiertes Ornament in Goldpressung rahmt die 
Deckelseite ein, die auf der oberen linken Hälfte, 
gleichfalls in Goldpressung, das alte Thdas-Thorancsche 
Wappen nach einem gut erhaltenen Siegelabdruck 
zeigt Das Vorsatzpapier dünkt mich ein wenig zu klein- 
mustrig; hier hätte die Ornamentik in grösserem Stil 
gehalten werden müssen. —rv. 

s® 


Carlsbad. Ein Bildercyklus von W. Gause . Deutsche 
Verlagsanstalt, Stuttgart und Leipzig. 

Herr Gause hat sich ein dankbares Thema gewählt: 
der wildromantische, elegante Badeort im Teplthal be¬ 
sitzt unzählige Verehrer unter allen Nationen und nicht 
nur unter den geheilten Kranken; auch frische Lebenslust 
trifft man in Carlsbad auf Schritt und Tritt Alle diese 
Freunde der böhmischen Wälder werden sich freuen, 
die liebgewordenen Stellen in der Mappe des Malers 
wiederzufinden. Im ersten Bilde zeigt er uns einen weiten 
Blick über das amphitheatralisch den Berg hinaufge¬ 
baute Städtchen im hellen Frühsommerglanz. Einige 
Blätter später sehen wir den finstern See zu Hans Heiling, 
von Gewitterwolken übertürmt Der Künstler hat sich 
nicht aufe Geratewohl die schwüle, regenschwere Stimm¬ 
ung für sein BÜd gewählt; vom Heilingfelsen erzählt man 
sich neben der Sage von der Versteinerung der lustigen 
Hochzeitskumpanei noch eine zweite: nie ist eine hell 
und festlich gekleidete Landpartie, und sei sie bei dem 
blitzblauesten Himmel abgezogen, undurchweicht von 
den Gestaden des Sees zurückgekehrt Schreiber dieses 
war vierzehnmal dort und kann die Wahrheit des Mär¬ 
leins bezeugen. Da ist ferner „Findlaters Tempel,“ 
trotzdem der trübe Herbst die fallenden Blätter her¬ 
niedertreibt, weit gefahrloser und ein auch bei bedeck¬ 
tem Himmel gern gewählter Spazierweg. Die beste 
Leistung des stattlichen, 29 Blätter umfassenden Werkes 
ist aber die Abbüdung der „Körnereiche in Dallwitz.“ 


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Chronik. 


iio 


Man sollte es kaum für möglich halten, mit einer ein¬ 
igen Farbe — Kassler Braun, wie in Wirklichkeit bei 
Findlaters Tempel — eine solche Summe von zarten 
Übergangstönen und kräftigen Schlagschatten zu er* 
zielen; das Blatt würde gerahmt jedem Zimmer zum 
Schmucke dienen, auch wenn sein Bewohner nicht ein 
alter Carlsbader ist. 

Weniger gelungen scheinen mir die Genrescenen, 
die zu momentphotographisch genau, nicht künstlerisch 
frei genug sind. Auch die streng modern behandelten 
Toiletten der Damen stören; noch ein Jahr, und dank 
der Riesenärmel und Glockenröcke wird das Ganze 
einen etwas antiquierten Eindruck machen. Eine rühm¬ 
liche Ausnahme davon macht der „Mühlbrunnen bei 


Regen.“ Einige Physiognomiengruppen, z. B. die 
polnischer Juden, österreichischer Offiziere u. s. w., sind 
sehr charakteristisch, dagegen sind die weiblichen Ge¬ 
sichter, besonders die jungen und hübschen, von einer 
solchen Seelenlosigkeit im Ausdruck, dass man wirklich 
nicht begreift, wie die begleitenden Herren so vergnügt 
drein blicken können. 

Wir sehen zwar das Carlsbad von 1896 in guter 
Reproduktion vor uns, aber wir sehen nicht das charak¬ 
teristische Carlsbad, dem zehn Jahre mehr oder weniger 
nichts von seinem durchaus kosmopolitischen Äussem 
nehmen können, gleichwie auch die Natur rundum 
Nachwuchs und Absturz, Aufbau und Zerfall zeigt, ohne 
sich doch im Wesentlichen zu verändern. —r. 



Chronik. 


Mitteilungen. 

Über ein spanisches Schönschreibebuch des X VI. Jahr- 
Hunderts bringt „The Studio“ einige interessante Notizen. 
Um die Bedeutung eines Meisters der Schönschreibe¬ 
kunst zu verstehen, müssen wir uns in die Zeiten 
der Entstehung des Buchdrucks zurückversetzen. 
„Schreiben“ und „Lesen“ waren dazumal seltene und 
schwer zu erlernende Wissenschaften, deren Kenntnis 
fast ausschliesslich dem Clerus, den Gerichten und vor 
allem der Güde der Schreiber und Illustratoren Vor¬ 
behalten war, die natürlich ihr Möglichstes thaten, sie 
zu beschränken und ihren Erwerb dadurch zu sichern. 
Die Erfindung des Buchdruckes verallgemeinerte die 
Lektüre in unglaublich kurzer Zeit, und Hand in Hand 
damit kam der Wunsch, auch selbst seine Gedanken 
niederschreiben zu können. Es entstand im Volke ein 
starkes Verlangen nach Schreibvorlagen und Regel- 
büchera, mit deren Hilfe man die schwere Kunst er¬ 
lernen konnte. 

Schon 1514 veröffentlichte Sigismondo dei Fanti 
ein solches Schreibbuch in Rom und liess die Vorlagen 
von Ugo da Scarpi schneiden. Im Jahre 1529 er¬ 
schienen Geoffrey Torys berühmte „Philosophie des 
Schreibens“ in Paris und 1548 die erste Ausgabe von 
Juan de Yciars „Recopüacion Subtilissima“ in Saragossa. 

Eine Nachahmung dieser letzteren versuchte Fran¬ 


cisco Lucas in seiner „Arte de Escrivir " (Madrid 1577, 
die Holzblöcke datieren von 1570). Das Buch beginnt 
mit einem reichlichen Schwall von schönen Worten über 
„königliche Erlaubnis,“ „Widmung,“ „Belobigungen des 
Autors.“ Aber nachdem dies überwunden, vertieft sich 
der Meister sofort in seinen Gegenstand mit einer nütz¬ 
lichen Ausführung über die verschiedenen gebräuch¬ 
lichen Lettern, über die Art, die Feder zu halten, und 
über noch andere „notwendige und nutzbare Dinge.“ 
Er rät, den Federhalter leicht zwischen Daumen und 
die übrigen Finger zu klemmen, so dass sich sämtliche 
Fingerspitzen beinah gegenüberstehen, im Gegensatz 
zu dem steifen und gezwungenen Fingerstrecken, mit 
dem man uns in unsrer Schulzeit quält Wohl ge¬ 
merkt handelt es sich um gespitzte Rohre oder Feder¬ 
kiele, deren Stellung allein schon genügte, starke und 
schwache Linien hervorzubringen, während unsre Stahl¬ 
federn nur auf härteren und leichteren Druck reagieren. 

So bestehen die Lettern der „redondo de libros,“ 
der runden Buchschrift, stets aus einem Zug, während 
die „letra bastarda“ einen frischen Ansatz bei jedem 
Grundstrich verlangt 

Leider fehlt bei den meisten Beispielen der Zu¬ 
sammenhang, als ob die Holzblöcke nicht eng genug 
gepackt worden wären, wodurch das Lesen der sonst 
wunderschönen Schriftproben erschwert wird. 

Sehr interessant sind auch die Federzeichnungen 


D’igitTzed Google 


Chronik. 


III 


römischer und italischer Lettern, welche die erst 
kurz erfolgte Scheidung von Druckschrift und Schreib¬ 
schrift illustrieren. Die ersten Typenschneider richteten 
sich nach anerkannten Mustern und kopierten so man¬ 
chen Zug, der nur durch eine Eigenheit der betreffen¬ 
den Feder entstanden war. Daher wurde es der zweiten 
Generation der Typenschneider schon ziemlich schwer, 
ein reinliniges Alphabet zusammenzustellen, und sie ver¬ 
schmähten es keineswegs, wieder auf die Handschrift 
zurückzugreifen. Selbst ein Jahrhundert später nahm 
ein Schreibkünstler noch keine so hervorragende Stellung 
ein, wie Lucas. 

46 

Herr Leopold Delisle hat der Sodltl de l’Histoire 
de Paris et de nie de France eine Serie Pariser Doku - 
mente mitgeteilt, die er in den Einbänden zweier Werke 
der Berner Bibliothek gefunden hat; nämlich im „Livre 
de raison de Jacques le Gros,“ einem Pariser Bürger 
aus der Zeit Franz’ I., und in einer lateinischen Chronik, 
welche dem Historiker Nicole Gilles gehörte. 

Delisle nahm die Bücher mit nach Paris und weichte 
den Karton des Deckels sorgfältig auseinander. Man 
erkannte nun Bruchteile von neun kostbaren Werken, 
die gegen Ende des XV. Jahrhunderts gedruckt worden 
waren, sowie ein kleines Manuskript Das kurz ge¬ 
haltene Verzeichnis der Fragmente folgt hier: 

1. Blatt II, VII, CV, CVII, CXI und CXII eines 
lateinischen Psalters in-4, mit grossen gotischen Typen 
gedruckt von Pierre Levet und vom 23. September i486 
datiert 

2. Die beiden ersten und beiden letzten Seiten des 
ersten Bogens eines Büchleins, das: „L’Exposidon pour 
quoy David fist | chascune pseaulme du Psaultier“ be¬ 
titelt und in Paris gedruckt worden ist 

3. Die beiden ersten und beiden letzten Seiten des 
Bogens d eines Andachtsbuches in-4, Pariser Herkunft, 
in grossen gotischen Typen gedruckt 

4. Das dritte und das drittvorletzte Blatt des Bogens 
b einer Biographie der heiligen Margarethe in franzö¬ 
sischen Versen. 

5. Acht Seiten des C- Bogens der Ausgabe von 
Taillevents „Viandier,** die man für die früheste hält. 

6 . Ein korrigierter Probedruck von zwei Seiten 
(CII (L CIX) des Inhaltsverzeichnisses zu dem i486 bei 
Antoine V6rard in Paris gedruckten Werke „La Fon¬ 
taine de | toutes Sciences | du philosophe | Sydrach.“ 

7. Ein achtseitiger Probedruck des nicht signierten 
Teils eines Andachtsbuches mit Kalender, dessen in Rot 
zu druckende Zeilen frei gelassen worden sind, und 
eine andere stark verstümmelte Seite desselben Buches; 
M 1 **- Pellechet glaubt, dass die Typen von Pierre le 
Rouge in Paris herrühren. 

8. Ein Heft von 8 Seiten doppelter Probedrucke, 
welche Folio 3—6 eines Pariser Andachtsbuches bilden 
sollten und mit gotischen Buchstaben gedruckt sind. 

9. Ein Doppelblatt des Bogens a eines Quartbandes 
in kleinem gotischem Druck, dessen Papier das Wappen 
der Stadt Paris trägt 

10. Vier Papierblätter in Agendaform, auf die ein 
Pariser Buchhandlungsgehilfe die Geschäfte notiert hat, 


die er vom 15. September bis zum 15. November (1491, 
1496 oder 1502) gemacht hat —g. 

4B 

Die erste Buchdruckerei in Constantinopel ist im 
Jahre 1718 eingerichtet worden. Die Lettern wurden 
in Leyden gegossen, ebendaher auch die Pressen etc. 
bezogen, aber da die Türken die Kunst nicht recht 
übten, kam die Buchdruckerei in ihrer Hauptstadt 
nicht sehr in Aufschwung. Erst ein Deutscher, den 
man kommen liess, ein Doctor Bachsträn, brachte mit 
seinen deutschen Gesellen eine Änderung. Zwölf 
Jahre lang blühte die Buchdruckerei, aber als die 
Unzufriedenheit der Abschreiber, deren Zahl auf 6000 
geschätzt wurde, immer grösser ward, als selbst die 
Irade, dass der Koran niemals gedruckt, sondern nur 
abgeschrieben werden dürfe, nicht die Gemüter be¬ 
ruhigen konnte, liess man die Druckerei eingehen. 
Erst 1784 wurde sie wieder hergestellt M. 

46 

„Opistographid' , dieses herrliche Fremdwort, wel¬ 
ches die Übersetzungskunst der modernen Sprach- 
reiniger herausfordert, ist der Schrecken aller Redak¬ 
tionen. Da das Fremdwort, welches so prägnant eine 
ganz eigene Art des Schreibens bezeichnet, kaum von 
allen Lesern verstanden werden wird, so müssen wir 
es zunächst wohl erklären. Es ist die Angewohnheit, 
beide Seiten eines Bogen Papier zu beschreiben. Die 
Alten Hessen stets die Rückseite leer. Dies galt als 
ein Act der Höflichkeit, so dass der heihge Augustin, 
als er einige Male dagegen gehandelt, glaubte, sich 
desshalb besonders entschuldigen zu müssen. Julius 
Cäsar scheint der erste gewesen zu sein, der consequent 
beide Seiten beschrieb; er kann somit für den „Erfinder* 1 
der sogenannten Opistographie gelten. —r. 


Antiquariatsmarkt 


Über die Lettres en vers ä Son Altesse Mademoiselle 
de Longueville par Loret 1630—63 finden wir eine inter¬ 
essante Notiz im 437. Antiquarischen Anzeiger von 
Joseph Baer Co. in Frankfurt a. M. Loret ist der 
Vater jener leichten Unterhaltungszeitschriften, welche 
die Franzosen petits joumaux nennen. Er war ein armer 
Teufel, der aus der Normandie nach Paris gekommen 
war, um von seiner Feder zu leben, und humoristische 
Hochzeits- und Neujahrsgedichte für die Vornehmen 
verfasste. Er fand eine Gönnerin in der Herzogin von 
Longueville, welche eine grosse Freundin der burlesken 
Dichtkunst war; jeden Sonnabend brachte er ihr einen 
Bericht in Knittelversen über die Ereignisse der Woche. 
Diese Reimchronik zirkuHerte zuerst nur handschrift¬ 
lich, später wurde sie in zwölf Exemplaren gedruckt, 
nach und nach wuchs die Auflage, und eine Zeit lang 
gehörte Loret zu den gelesensten Dichtem Frankreichs. 


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112 


Chronik. 


Fünfzehn Jahre lang hat er Woche für Woche Alles in 
Verse gebracht, was die vornehme Gesellschaft damals 
interessierte; politische Ereignisse, Hofgeschichten und 
Stadtklatsch, Bälle und TheateraufRihrungen, neue 
Bücher und neue Erfindungen, Feuersbrünste, Hinrich¬ 
tungen und nächtliche Überfälle, Alles wurde in Reime 
gezwängt mit einer Gewandtheit, die nur bei Hans Sachs 
ihresgleichen findet Die erträumte Unsterblichkeit als 
Dichter hat Loret mit den viermalhunderttausend Versen, 
die er auf diese Weise geschmiedet, nicht errungen, 
aber für den Historiker ist seine Zeitung von unschätz¬ 
barem Werte; sie ist die reichhaltigste und sicherste 
Quelle für die Kulturgeschichte des Zeitalters Lud¬ 
wigs XIV. Niemand gab sich die Mühe, diese anspruchs¬ 
lose Zeitschrift aufzubewahren; die meisten Exemplare 
sind untergegangen, die wenigen, die uns erhalten ge¬ 
blieben, weisen Lücken auf, so dass Lorets Lettres en 
vers zu den grössten Seltenheiten gehören, und der 
Forscher mit dem Neudrucke sich begnügen muss, 
welchen Loret in Buchform unter dem Titel La Muse 
kistorique herausgab., Aus besonderen Gründen 1 wurden 
in dieser neuen Ausgabe vielfache Änderungen vor¬ 
genommen; wer die echten Lettres en vers lesen will, 
muss daher die Originaldrucke benützen. Das Exemplar 
der ersten Ausgabe, welches die Herren J. Baer & Co. 
besitzen, scheint das vollständigste zu sein, das auf uns 
gekommen ist; es fehlen ihm nur 36 Briefe. Den Wert 
eines Unikums erreicht es dadurch, dass es einen Brief 
enthält, der verloren gegangen war, in der Muze histo- 
rique in Folge dessen nicht wieder abgedruckt werden 
konnte, und an dessen Existenz die meisten Bibliographen 
gezweifelt haben. C. Livet, der einen Neudruck der 
Muze historique unternahm, welcher leider Fragment 
geblieben ist, schreibt darüber: ,Cette lettre a 6 t6 vai- 
nement cherchöe dans tous les exemplairesque poss&dent 
les Bibliothöques publiques et particuli&res de Paris: 
eile n’a pas 6 t6 retrouvöe. 1 (La Muze hist Paris 1877. 
T. II p. 241.) Und Laborde, welcher sich am eingehend¬ 
sten mit Loret beschäftigt hat, berichtet: „La Muze histo¬ 
rique a une lacune au septiöme livre, la lettre 37 manque. 
J’ai recherchd dans un grand nombre d’exemplaires 
tant dans nos biblioth&ques publiques que chez nos 
principaux amateurs et partout cette lettre fait döfaut 

Je suis portd ä penser qu’elle n’a point paru_II y 

aurait un moyen sür de savoir si eile a vu le jour, ce 
serait de la trouver dans un recueü des lettres de pre- 
miöre ddition, de celles qui se distribuaient dans les 
maisons; malheureusement mes recherches me prouvent 
que les collections sont particuliörement ddfectueuses 
ä cette annde.‘ (Laborde, Organisation des Biblioth&ques. 
Paris 1845. P- IV p. 141.) Das Exemplar der Herren 
Baer enthält diesen geheimnisvollen Brief; er ist vom 
16. September 1656 datiert und beschreibt den Einzug 
der Königin Christine von Schweden in Paris: 

% 

Ce fut, si bien je m’en remembre, 

L’huiti&me du mois de Septembre 

Que cette Auguste Majestl 

Arriva dans cette Citd 

Für die bibliographische Beschreibung des Exem¬ 
plars, welche mehrere Irrtümer Labor des verbessert, 


verweisen wir auf den Katalog. Hier sei nur noch er¬ 
wähnt, dass viele Briefe auf der leeren vierten Seite die 
handschriftliche Adresse tragen: A. Mr. le Lieutenant 
Pärticulier, und dass zehn Gelegenheitsgedichte Lorets 
beigebunden sind, welche fast alle bis jetzt unbekannt 
und jedenfalls imbeschrieben waren. —m. 

5® 

Aus der berühmten Sammlung des Lyoner Biblio¬ 
philen Dauphin de Verna hat der Antiquar J . Halle in 
München mancherlei Kostbares erworben und macht 
in seinem Katalog XVI darüber nähere Mitteilung. Ein 
lateinisches Cassiodorus-Manuskript, Kommentar der 
Psalmen Davids, aus dem XI. Jahrhundert, in Kl.-FoL, 
ist auf Pergamenthaut geschrieben und mit schön ge¬ 
malten ornamentierten Initialen geschmückt; leider 
fehlen 4 Blatt (M. 500). Ein Bibel-Kommentar auf 
Pergament, mit einem Anhang moralischer Erläute¬ 
rungen zu den Büchern Salomonis, in KL-4 0 , stammt 
aus dem XIII. Jahrhundert (M. 250), drei homiletische 
Fragmente (M. 150) sind Manuskripte des XII. und 
XIII. Jahrhunderts. Auch sonst bietet der genannte 
Katalog viel Seltenes. Das Werk des Magisters Georg 
„Iudicum prenosticon“ . . . vom Jahre 1483 über die 
russischen Drohobiczen (M. 480), Hain sowie den an¬ 
deren Bibliographen unbekannt, ist wahrscheinlich 
Unikum. Ebenso selten ist der Pomponius Mela von 
1518, die erste von Vadianus in Rücksicht auf die Ent¬ 
deckung Amerikas redigierte Ausgabe, der 26 mit der 
Hand entworfene und kolorierte Karten aus dem 
XVI. Jahrhundert beigefiigt sind (M. 900). No. 68: 
„Le Centre de l’Amour. A Paris chez Cupidon 1687,“ 
in*4°, Velin, mit 92 Kupferplatten. Es ist dies ein für 
die deutsche Sittengeschichte des XVII. Jahrhunderts 
äusserst wertvolles Buch, die französische Ausgabe von 
zwei seltenen Werken des Peter Rollos, Kupferstechers 
in Berlin (um 1640), nämlich der „Vita Comeliana em- 
blematibus in aes artifidose incisa, Leben Coraelij“ und 
der „Euterpe soboles. Neues Stambuchlein,“ welche 
hauptsächlich das rohe deutsche Studentenleben jener 
Zeit illustrieren. Man findet darin AbbÜdungen aller 
Spiele (Lawn tennis, Kegel), Tanz, Schlittschuhlaufen, 
Mummerden, Kommerse, Fechten etc. Das Buch 
schliesst mit folgendem „Quatrain“: 

„Le Centre de l’Amour, est icy dlcouvert. 

On a de cet amour tird la Quintessence 

Si dans quellques endroits il paroit trop ouvert, 

Honi soit il qui mal y pense. M 

No. 98: „Extraict des isles nouuellement trouudes 
en la grand mer Oceane .. . par Pierre Martyr,“ in 
KL-4 0 , 1532 — eine Übersetzung der Relationen des 
Cortez (M. 1800). No. 137: die erste Homer-Ausgabe, 
Florenz 1488, 2 Bände in Folio zu 39 Linien die Seite 
(M. 2000). No. 237: die Chronik Steinhöwels, des mut¬ 
masslichen ersten Übersetzers des Dekamerone, vom 
Jahre 1473 in guter Erhaltung (M. 350). Ein seltenes 
historisches Flugblatt zeigt No. 302 an: „Neu Zeyt- 
tigung“ ... von den Kämpfen der Portugiesen mit 


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Chronik. 


113 


indischen Fürsten aus handelspolitischen Ursachen im 
XVI. Jahrhundert, „datu zu Rom den . xj tag Junij. 
Anno. 1531“, zugleich auch diplomatisch wichtig. (M.250). 

« 

Karl W. HUrsemann in Leipzig zeigt eine Samm¬ 
lung von 56 Rückert-Briefen an: 42 von Friedrich 
Rückert, 11 von seiner Frau und 3 von seiner Tochter, 
sämtlich an Professor I. A. Hartung, Direktor des 
Hennebergischen Gymnasiums in Schleusingen, in den 
Jahren 1844—6$ gerichtet (Preis M. 800). Rückert war 
mit Hartung, dem vielseitig gebildeten Schulmann und 
Philologen, der auch eine reiche litterarische Thädgkeit 
entwickelte, schon in Erlangen bekannt geworden, wo¬ 
hin er 1826 als Professor der orientalischen Sprachen und 
Literaturen berufen worden war. Später, als er seine 
Kinder von Neusess aus das Gymnasium in dem nicht 
fern gelegenen Schleusingen besuchen liess, trat er mit 
ihm in neue Verbindung. Der Verkehr, der zwischen 
Schule und Haus aufrecht erhalten werden musste, 
leitete ganz von selbst einen Briefwechsel zwischen der 
Familie Rückert und dem Schleusinger Gymnasial¬ 
direktor ein. Zunächst war es die Mutter, Rückens 
Gattin, Louise, geb. Wiethaus-Fischer, die sich brieflich 
mit allerlei kleinen Anliegen und Sorgen an den ihr 
gewiss auch persönlich bekannten Schulmann wandte. 
Louise Rückert erscheint uns in diesen hinterlassenen 
Briefen ganz als die treusorgende zärtliche Mutter, liebe¬ 
voll sich bescheidende Gattin und feinempfindende 
Frau, wie sie uns ihr Sohn Heinrich in dem ersten 
Kapitel seines „Lebens 11 schildert Die Briefe Friedrich 
Rückerts selbst fallen in seine letzte Lebenszeit, wo sich 
der Dichter fast ausschliesslich mit der orientalischen 
Litteratur beschäftigte. Er war immer erfreut, wenn 
Hartung in die gelegentlichen Postsendungen, die 
zwischen Schleusingen und Neusess hin und her gingen, 
seine neuesten gelehrten Arbeiten einschloss; Hartung 
bat Rückert um sein Urteil, und dieser erwies ihm trotz 
seiner Vielgeschäftigkeit gern diesen Gefallen. Er teilte 
ihm in zwangloser, bisweilen feinironischer Weise seine 
Meinung über die aufgestellten Fragen mit, und Hartung 
scheint dann entweder in Antwortschreiben, die sich 
nicht erhalten haben oder wenigstens nicht an die 
Öffentlichkeit getreten sind, Gegenrede gegeben zu 
haben, oder er kam, wie dies aus vielen Stellen der 
Rückertschen Briefe hervorgeht, selbst nach Neusess, 
um mit dem hochverehrten Dichter engeren Gedanken¬ 
austausch zu pflegen. Rückerts Handschrift ist klein 
und zierlich, meist sicher und leserlich, bleibt sich 
auch ziemlich gleich bis an die letzten Jahre seines 
Lebens; die Handschriften der Frau Louise und seiner 
Tochter Marie sind gross, klar und deutlich. 

« 

Frans Teubners (Düsseldorf) Antiquariats-Katalog 
No. 69 enthält eine reichhaltige Sammlung von Robin - 
sonaden , Fahrten, Abenteuern, Avanturiers und älteren 
Reisewerken. Darunter die erste dreibändige Übersetzung 

Z.LB. 


von Defoes „Crusoö“ ins Französische, Amsterdam 
1720—31 (M. 18), die deutschen Nachdrucke von 1728 
und 1731, die Erstauflage der Campeschen Bearbeitung 
und die meisten der zahlreichen Nachahmungen und 
buchhändlerischen Spekulationen auf das Originalwerk: 
den Boehmischen, Dänischen, Englischen, Französischen, 
Irländischen, Oösterreichischen, Schwäbischen, Unsicht¬ 
baren Robinson u. s. w. — zahlreiche Ausgaben von 
Schnabels „Insel Felsenburg“, die „Neuen Fata“, Ulm 
1769 (M. 10), und mancherlei Seltenheiten zu billigen 
Preisen, z. B. den sogenannten dritten und vierten Teil des 
Crusoe, Leyden 1721 (M. 10), „Robina, der maldivische 
Philosoph“ (M. 5) und Bigots rare „Hitzige Indianerin“ 
in einem schönen Exemplar (M. 10), ferner Henri 
Estiennes „Apologie pour H6rodote“, La Haye 1735 
(M. 40) und Lucians Satyrische Geschichte in Buch- 
holtzens Übersetzung, Frankfurt 1679 (M. 4,50). 

Ein paar kostbare musikalische Autographen er¬ 
warb soeben das Antiquariat von Richard Bertling 
in Dresden. Ludwig van Beethoven ; Eigenhän¬ 
diges Musikmanuskript mit lateinischem Text und 
Namen auf dem Titelblatt: „Missa Da Luigi van 
Beethoven.“ (37 Bl., enthaltend Titelblatt und 70 be¬ 
schriebene Seiten Musik. Fol-obl) Originalhand¬ 
schrift von Op. 86 „ Messe in C-dur, für 4 Solostimmen , 
Chor und Orchester " in der Partitur, dem Fürsten 
Ferdinand Kinsky gewidmet, und zwar ist vorhanden 
das „Kyrie“ (auf S. 1—27); am Schlüsse desselben an 
unbeschriebener Stelle ist ein Zettel eingeklebt, worauf 
folgende eigenhändige Notiz Beethovens: „Ludwig van 
Beethoven (in Ermangelung einer Kopie eigne Hand¬ 
schrift).“ Seite 28 ist unbeschrieben, dann folgt das 
„Gloria“ (Seite 29—72), das mit . .. „misere“ endet 
(Nottebohm S. 85. Thayer, Chronolog. Verz. No. 137). 
Ein sauberes Manuskript mit zahlreichen interessanten 
Korrekturen, für das Beethoven als Titelblatt ein 
Notenblatt nahm, das inwendig von anderer Hand be¬ 
schrieben und zum Teil ergänzt ist Auch an Stelle 
des Titels hat offenbar vorher ein anderer gestanden, 
der sehr sauber wegradiert ist, und an dessen Stelle 
Beethoven die Bezeichnung seines Werkes und seinen 
Namen in schönen grossen Schriftzügen setzte. 

Christoph Willibald Ritter von Gluck: Eigenhän¬ 
diges Musikmanuskript mit italienischem Text (8 Blätter 
mit 16 voll beschriebenen Seiten. Fol.-obl.) Ein prächtiges 
Manuskript, in schönster Erhaltung. Die Handschrift ist 
die Tenor-Arie des Admet aus der Oper Alceste , für 
Sopran umgeschrieben von Gluck für seine Frau, deren 
Lieblingsarie dieselbe war; die Begleitung ist nur 
für Streichquartett eingerichtet Sie ist in beiden Be¬ 
arbeitungen der Alceste, sowohl der italie ni s chen , als 
auch der späteren französischen, enthalten, jedoch liegt 
der vorüegenden Bearbeitung die erstere zu Grunde. 
Die letzten 14 Takte sind neu dazu gesetzt, um der 
Arie einen Abschluss zu geben. 

Georg Friedrich Händel: Eigenhändiges Musik¬ 
manuskript mit italienischem Text und Namen (am 

iS 


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114 


Chronik. 


Anfänge): „Cantata con stromenti di G. F. Hendel“ 
(17 Blätter mit 33 beschriebenen Seiten. 4°*obl.) Auf 
Seite 33 befinden sich die vier Schlusstakte des Werkes, 
welche von etwas späterer Hand ergänzt sind. Ein Uni¬ 
kum, in der herrlichsten Erhaltung, so dass selbst der 
glitzernde Streusand, welchen der Meister benutzte, noch 
darauf ruht Der einstige Besitzer dieses überaus kost¬ 
baren Manuskriptes, Aloys Fuchs in Wien, setzte auf die 
Innenseite des Vorsatzblattes folgende Anmerkung: 
„Diese Cantate |: welche die Ballade „Hero und Le¬ 
ander“ zum Gegenstand hat ;| componirte Händl 
während seines Aufenthalts in Rom 1707, u. die vor¬ 
liegende Originalpartitur von Händel eigenhändig Ge¬ 
schrieben, blieb in Rom zurück, bis 1834, wo cs mir 
gelang dieses Stück an mich zu bringen. Bekanntlich 
werden sämmtliche Original-Partituren Händls in der 
Privat-Bibliothek Sr. Majestät des Königs von England 
auf bewahrt, u. es ist von dort aus unter keinen Um¬ 
ständen ein Autograph dieses grossen Componisten zu 
bekommen, ja es hält sehr schwer, jene Sammlung 
selbst nur sehen zu können. Unter diesen Umständen 
ist gegenwärtig eine Orig. Handschrift Händls eine 
der grössten Seltenheiten u. das vorliegende Stück wird 
um so schätzbarer, weil es aller Wahrscheinlichkeit nach, 
selbst in oben erwähnter k. Sammlung fehlen dürfte, 
und vielleicht nur blos allein in dieser Original Partitur 
existirt.Wien im August 1837. Aloys Fuchs“ ... 

Auf der Vorderseite des Vorsatzblattes befinden 
sich eigenhändige Beglaubigungen, betreffend die Echt¬ 
heit dieses Manuskripts von J. B. Cramer (in englischer 
Sprache) mit Datierung und Unterschrift: Vienna 
November io* 1836, und von J.Moscheles: Wien den 
14. December 1844. 

Franz Schubert: Eigenhändiges Musikmanuskript 
mit Namen und Datum (am Anfänge): „ Vier Improm¬ 
ptus. Op. 142. Dez. 1827 Frz. Schubert.“ (18 Bl. mit 36 
beschriebenen Seiten. Fol.-obl.) Originalhandschrift 
dieser berühmten Klavierstücke. 

Ein interessantes Kalender-Manuskript auf Perga¬ 
ment aus dem XIV. Jahrhundert zeigt uns Ludwig Rosen¬ 
thal in München in seinem Katalog 88 an. Dasselbe 
umfasst 75 Blatt in KI.-4 0 und ist in lateinischer und 
deutscher Sprache geschrieben. Die ersten 13 Blätter 
enthalten das einfache Kalendarium, die 2 nächsten 
Blätter zeigen uns, wie man den Sonntags-Buch¬ 
staben und die Goldene Zahl finden kann, was durch 
2 Figuren erläutert wird; auf den folgenden 9 Blät¬ 
tern ist die Natur der einzelnen Monate angegeben 
nebst Verhaltungsmassregeln für unsere Gesundheit; 
hierauf folgt auf 7 Blättern die Erklärung der Zeichen; 
Blatt 32—44 enthält wieder ein Kalendarium mit Angabe 
der kirchlichen Festtage für jeden Tag sowie der Länge 
der Tag- und Nachtzeit; dann folgen die 7 Busspsalmen 
und die verschiedensten Gebete. Am Schlüsse steht 
von späterer Hand: Signatum per annum 1240. Das 
Manuskript ist sehr deutlich geschrieben und abgesehen 
von leichten Wasserflecken auf dem Rande der ersten 
6 Blätter vorzüglich erhalten. — Derselbe Katalog fuhrt 


auch einen Hain und Panzer unbekannten Aderlass¬ 
kalender auf das Jahr 1496 an. Eis ist ein Einblattdruck 
in Gr.-Folio von 83 Zeilen in rot und schwarz, mit einem 
kolorierten Holzschnitt (etwas lädiert). Nach der Auf¬ 
führung der genauen Zeit, der „Newmonde“ und „Vol- 
monde“ u. z., nach der „Breslawer mittag“, folgen zwei¬ 
spaltig für die einzelnen Monate die „A userweite tag 
nach dem war haften Lauff des mondes in den XII. 
Zeichen mit schicklikeit vnd Ordenüg der planeten, zu 
aderlassen, zu baden, vnd zu ertzney nemen.“ Bei dieser 
Gelegenheit sei übrigens erwähnt, dass die in Heft I 
an gleicher Stelle besprochene Flugschrift „Copia der 
newen Zeytungaufffrefillg Landf* Eigentum der Herren 
Ludwig wu/Jacques Rosenthal ist Die beiden bekannten 
Münchener Antiquare, denen die wissenschaftliche Welt 
manche wertvolle Entdeckung und Auffindung verdankt, 
haben das kostbare Stück gemeinsam erworben. — 
Der Melanchthon-Katalog (No. 78) Ludwig Rosenthals 
verzeichnet u.A. eine Biblia sacra, Lugd., 1549, die einem 
gewissen G. Scribonius als Album amicorum gedient hat 
(Preis M. 1000). Die Vorblätter und einige am Ende bei¬ 
gefügte Blätter enthalten 16 lange Inschriften der be¬ 
rühmtesten zeitgenössischen Gelehrten. Man findet: 
Ph. Melanchthon 1551 [4 Seiten in Griechisch]: figura 
Christi ex primo libro Nicephori; Joh. Bugenhagius 
Pomeranus; Joh. Forsterus 1551; Georgius Flosculus, 
Kuttlingensis a. 1587; Hier. Wellerus 1554; Alexander 
Alesius Lipsiae 1556; Joh. PeflSnger 1555; Paulus Eber 
Lipsiae 1569; Joach. Seidelius; Nic.SelneccerLips. 1568; 
Joh. Strettbergius 1576; Andr. Pangratius 1576; Just 
Blocch 1576; Joh. Maior; Petr. Cnemiander [Hosmann] 
1586. Die Unterschrift Melanchthons folgt hier im 
wenig verkleinerten Facsimile. 



Aß 

Leo F. Olschki in Venedig bietet in seinen schön 
illustrierten Katalogen XXXV und XXXVIII eine 
reiche Auswahl kostbarer Inkunabeln, von denen einige 
hier angeführt sein mögen. Zunächst die Metamor¬ 
phosen des Apulejus, Rom, 1469, eines jener wenigen 
Bücher, die von Sweinheim und Pannertz gedruckt 
worden sind (Fr. 1250); dasselbe Vincenza, 1488 (Fr. 70). 
Nicolaus Ausmo „Supplementum Summae Pisanellae,“ 
Venedig 1473, Exemplar auf Pergament (Fr. 175 °)- 
Ferner einer der seltensten liturgischen Drucke: „Gra- 
duale sm morem sancte Romane ecdesie,“ 1500 
(Fr. 1500), über welchen der Herzog von Rivoli in 
seiner Bibliographie der venedanischen Figurenwerke 
eine eingehende Beschreibung liefert, ohne jedoch 
näheres über den Herausgeber, den Pater Franz von 
Bruges, mitzuteilen. Titus Livius „Historiae Romanae 
decades,“ 1495, in der von Alexander Minutius nach 
den ältesten Exemplaren besorgten Ausgabe (Fr. 125). 
Plinius „Historia naturalis,“ 1476 (Fr. 200), dasselbe 
1479 (Fr. 75) und 1487 (Fr. 40). Seneca „Prouerbios,“ 
1495, eine grosse Rarität, wie die meisten ersten 


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Chronik. 


115 


Druckerzeugnisse der spanischen Pressen (Fr. 800). 
Endlich Bomfadus Simoneta „De chrisdanae fidei“, Lodi 
1492, Pergamentdruck und als solcher vielleicht Unikum 
(Fr. 1500). Es ist nicht unmöglich, dass das Exemplar 
für den Papst oder einen anderen hohen Kirchenfiirsten 
mit besonderer Sorgfalt hergestellt worden ist; die 
zahlreichen Initialen sind von künstlerischer Hand 
koloriert worden. Simoneta war Abbö von St. Etienne 
in der Diöcese von Lodi und starb gegen Ende des 
XV. Jahrhunderts. Eine wenig bekannte italienische 
Ausgabe von Dantes „Divina Commedia,“ Venedig 
1491, mit 97 Holzschnitten und schönen Initialen ist 
mit Fr. 650 ausgeworfen; der Drucker ist Bernardino 
Benali. Eine weitere Ausgabe vom gleichen Jahre, 
„impresso in Vinegia per Petro Cremonese,“ mit freien 
Nachbildungen der Benalischen Bilder, ist mit 500 Fr. 
verzeichnet. Die letzte Nummer ist die erste italienische 
Version der Apokalypse, wahrscheinlich von dem Ingol- 
städter Drucker Udalricus Hain gegen 1470 in Rom 
hergestellt Hain beschreibt sie nicht ganz richtig, 
Copinger gar nicht Der interessante Haupt-Katalog 
umfasst 909 Nummern, das Supplement 100; eine alpha¬ 
betische Tafel der Städte und Drucker ist den Kata¬ 
logen beigegeben und erhöht ihren Wert. 


Von den Auktionen. 


Von bedeutenderen deutschen Auktionen in letzter 
Zeit wurden uns die Versteigerungen der Bibliotheken 
Sitt, Wirtz und Jonen bei J. M. Heberte in Köln bekannt 
Der Katalog enthält u. a. Fischarts Geschichtsklitterung, 
1600, Ehezuchtbüchlein, 1597, und Binenkorb, 1588; 
das Stammbuch der Fruchtbringenden Gesellschaft 
von 1646; Harsdörffers Gesprächsspiele, Millers drey 
Prediga, 1592; Rists Neuen Parnass, 1668, und den 
deutschen Cicero von 1540. Angebot und Zuschlag 
massig. 

In Rudolph Lepkes Kunst-Auktionshause in Berlin 
gelangte jüngst eine umfassende Kollektion von 
Kupferstichen, Radierungen und Lithographien neuerer 
Schule, Handzeichnungen und Originalradienmgen 
älterer Meister, sowie eine Sammlung von Porträts be¬ 
rühmter Personen und historischer Darstellungen zur 
Versteigerung; Alles ging zu ziemlich niedrigen Preisen 
ab. Erwähnung verdienen: B. P. Gibbons von Wölfen 
an gefallener Hirsch, F. Gauermann p., von E. Webb 
später mit dem Grabstichel vollendet, reiner Ätzdruck 
vor der Vollendung (M. 1) — eine Greuxsche Land¬ 
schaft, Ruine bei Sonnenuntergang, Q. Lorrain p., vor 
aller Schrift auf chinesischem Papier mit vollem Rande 
(M. 1,50) — 7 Blatt Adolf Menzel „Radierversuche,“ 
die Landschaft mit der Pfütze des gleichen Meisters, 
Abdruck vor der Nummer (M. 4,50) — von Ludwig 
Richter „Osteria cum cucina,“ früher Abdruck vor der 
Schrift mit breitem Rande (M. 2,50), desselben „Castel 
Gandolfo“ auf losem chinesischen Papier (M. 3,50) — 
Menzels „Vaterunser“ (M. 7), „Fünf Sinne“ (M. 6) und 
„Christus als Kind im Tempel“ (M. 8,50), Lithographien 


in schönen frühen Abdrücken. Von den zahlreichen 
Ridingers sei das Porträt des Künstlers, Halbfigur 
in Medaillon, von Diana gehalten, Bergmüller p., 
J. J. Haid sc., hervorgehoben (M. 6), ein herrliches 
Schabkunstblatt mit Rand. 

Bei Amsler 6r* Ruthardt in Berlin fand die zu 
gleicher Zeit veranstaltete Versteigerung einer Samm¬ 
lung von Kupferstichen und Holzschnitten aus dem 
XVI. bis XIX. Jahrhundert, meist zur Staaten- und 
Sittengeschichte, ein starkes Angebot. Aus der Por¬ 
trätkollektion seien zunächst angeführt: ein seltenes 
Büdnis des Columbus, „erster Erfinder der Neuen 
Welt,“ Brustbild in ornamentaler Umrahmung mit ge¬ 
reimter Unterschrift, de Bry sc., gut erhalten mit 
breitem Rande (M. 26) — ein Porträt Friedrich Wilhelms 
von Braunschweig-Oels, Zahn p., Meyer sc, geschabt, 
mit Nadelschrift (M. 37) — derselbe auf dem Toten¬ 
bette, Van Br£e p., Grebner sc. (M. 26) — Oliver 
Cromwell zu Pferde, im Hintergründe London, Rom- 
bout van der Hoeye exc. — Der „Grand Dauphin,“ 
einziger Sohn Ludwigs XIV., Halbfigur in Oval, 
Rigaud p., P. Drevet sc., vor aller Schrift (M. 76) — 
die Dubarry, Brustbild in Oval mit Rosenguirlande, 
in Farben, Bonnet sc. (M. 32) — Wilhelm Friedrich III. 
von Oranien, zu Pferde, Rombout van der Hoeye exc. 
(M. 10) — Wilhelmine Amalie von Braunschweig- 
Lüneburg, Empfang in Neuhaus durch König August II. 
von Polen, nach dem Gemälde von Sylvestre gestochen 
von Zucchi (M. 21). Weiter: Revue des Consuls Bona¬ 
parte L J. 1800 vor dem Louvre, Isabey und Vemet 
del., Pauquet und M£con sc. (M. 125) — Belagerung 
von Narva Anno 1700, Romeyn de Hooghe fec. (M. 7) 

— Schlacht bei Pultawa mit Peter dem Grossen, 
Martin le jeune p., Larmessin sc., schöner Abdruck 
(M. 15,50) — Johann Georg II. von Sachsen, Brustbüd 
im Harnisch, Blooteling sc., vor aller Schrift (M. 24). 
Aus der Flugblättersammlung: Allegorische Abbildung 
des Elends im dreissigjährigen Kriege „Abbildung 
des vnbarmhertzigen Thiers etc.“ (M. 8); 4 Blätter 
„Politische Tragikomödie in Holland 1787,“ Karri- 
katuren von J. H. Ramberg (M. 16); „Ancient Music,“ 
Karrikatur vom gleichen Jahre auf den englischen Hof, 
S. W. Fores exc. (M. 12); eine derbe Karrikatur auf 
das Treiben der englischen Halbwelt vom Jahre 1796, 
S. W. Fores exc. (M. 22); Ex-libris Joh. Ludov. Blon- 
deau, Wappen, Ende des XVI. Jahrhunderts (M. 13) 

— Ex-libris Bibi. Nicolsburg, Ant. Wierix sc. 
(XVI. Jahrhundert) (M. 11) — Ex libris Peter Techter- 
mann zu Freiburg in der Schweiz, Wappen mit alle¬ 
gorischen Figuren, Martin Martiny sc. 1600 (M. 11). 
Auch ein höchst seltener Kalender aus dem XV. Jahr¬ 
hundert, am Kopfe jedes Monats ein Holzschnitt, die 
Beschäftigungen des Landmannes u. dergl. darstellend, 
kam zur Versteigerung und ging mit M. 8,50 billig fort 

—v. 

5® 

In Paris hat neben der Vente Goncourt die Ver¬ 
steigerung der Büchersammlung des verstorbenen 
Baron Luden Double das Interesse der Bibliophüen 
in hohem Grade erregt. Unter seinen zahlreichen 


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Ii6 


Chronik« 


Kuriositäten befand sich auch ein kleines Büchelchen 
in schönem italienischem Renaissanceeinband, mit dem 
Wappen der Katharina von Medici, ein medizinisch- 
chemischer Traktat, der von der Bereitung von Giften 
handelt Gerade die Stellen, in denen die schnellste 
und sicherste Art angegeben wurde, einen Menschen 
vom Leben zum Tode zu befördern, waren in dem 
Büchelchen unterstrichen und von alter Handschrift 
glossiert worden. Ob es die Handschrift der grossen 
Königin selbst gewesen ist, hat auch Baron Double 
nicht herausfinden können, trotz grosser Mühe, die er 
sich um die Entzifferung dieses interessanten Geheim¬ 
nisses gegeben hat Besonders reich war seine Sammlung 
an schönen Einbänden. Er besass solche mit dem Sala¬ 
mander Franz I., mit den Monogrammen und Em¬ 
blemen Heinrichs II., Karls IX., Heinrichs III., mit 
den Lilien, Veilchen; Disteln und Margueriten der 
Margarete von Valois und den Wappen zahlreicher 
anderer Fürstlichkeiten jener Zeit Er besass ferner 
einen Grolier und einen wunderbar schönen Majoli- 
einband, von dem der Katalog Morgand 1889 eine Re¬ 
produktion brachte, und der damals auf 5000 Fr. ge¬ 
schätzt wurde — ferner einen Canevarius, einen Longe¬ 
pierre und mehrere Hoym, Einbände von erlesener 
Kostbarkeit. Bei der Auktion ging ein Missale Roma* 
num, Venetiis apud Hieronymum Scotum 1552, für 
1130 Fr., ein Novum Testamen tum, Lutetiae ex officina 
Roberti Stephani 1568, für 470 Fr., das Speculum hu- 
manae salutationis von 1471 für 2300 Fr., ein Traitd 
d'agriculture par le Chevalier de St-Blaise, Paris, Briand 
1788, zusammen mit den Commentarii di Gabriello 
Symeoni, Venezia 1558, für 5600 Fr. fort Der be¬ 
rühmte Kalendrier des Bergiers, Paris 1550, brachte 
4800 Fr.; ein in rotes Maroquin gebundenes Werk 
Marats: Ddcouvertes de M. Marat ... sur le feu, l'dlec- 
tricitö et la lumiöre, Paris, Elousier 1779, das Exemplar, 
das der spätere Schreckensmann der Königin Maria 
Antoinette gewidmet hatte und das deren Wappen 
trägt, wurde mit 8020 Fr. bezahlt. Der Katalog, den 
Baron Double selbst verfasst und 1892 veröffentlicht 
hat, umfasst nur 166 Nummern, aber es ist keine unter 
ihnen, die nicht eine ausgesprochene Rarität enthielte. 

Die vorgehende Auktion der Bibliothek des Herrn 
M. H. Borde im Hötel Drouot war nach mancher 
Richtung hin noch interessanter. Bei einigen Selten¬ 
heiten wurden enorme Preise erzielt, so bei dem be¬ 
rühmten Livre d’heure des Bussy-Rabutin, das schon 
1783 in dem Katalog des Herzogs von La Valliöre von 
dessen Verfasser Guülaume de Bure eingehend be¬ 
schrieben wurde: ein Meisterwerk der Miniaturmalerei 
und zugleich wegen der darin enthaltenen Verse und 
Anekdoten Boileaus von höchstem litterarischem und 
sittengeschichtlichem Interesse. Die Porträts, die man 
Petitot zuschreibt, stellen unter dem Namen und dem 
Äusseren von Heiligen meist berühmte Persönlichkeiten 
des Hofes Ludwigs XIV. dar, dessen Vater selbst als 
„heiliger Ludwig“ in dem reizenden kleinen Pamphlet 
erscheint Auch die Geschichte dieses M anuskri pts ist 
eine sehr bewegte. Die schöne La Valliöre rettete es 
vor den Verfolgungen seitens der Regierung; aus der 
Bibliothek ihrer Nachkommen kam es in die Hände 


der Herzogin von Chitillon, dann durch Erbschaft in 
den Besitz der Herzogin von Uzös, der Marquise von 
Rouzö und des Vicomte von Lostanges-Blduer. Nach 
dem Tode des letzteren kaufte es der Antiquar Firmin- 
Didot für 15500 Fr. Sieben Jahre später erstand es 
Herr Borde auf dem Auktionswege für 25000 Fr., 
während es jetzt für 20650 Fr. fortging. Aus derselben 
Vente mögen noch Erwähnung finden: die reiche Kol¬ 
lektion Rabelaisscher Erstausgaben, darunter die Gar- 
gantua von 1535 (7500 Fr.); die erste Ausgabe der Cent 
Nouvelles Nouvelles, Paris, Antoine Vörard i486 
(8200 Fr.); die Chansons de La Borde, von Derome in 
4 Bände gebunden (8000 Fr.); ein Pluvinel in einem Ein¬ 
band von Padeloup, dem Hofbuchbinder Ludwigs XV. 
(3120 Fr. gegen 5850 auf der Vente Lacarelle); ein 
Monument de Costume von Moreau-le-Jeune mit dem 
Text der dritten Folge (8000 Fr.); ein Traktat Giordano 
Brunos in einem wundervollen Padeloupschen Mosaik¬ 
einband mit dem Ex-libris Girardot de Pröfonds (1888 
Vente Lacarelle: 8100 Fr.; 1890 Vente Franchetti: 
5800 Fr.; jetzt wieder 8500 Fr.). Ein herrlicher reicher 
Einband mit dem doppelten Halbmond Heinrichs II. 
und der Diana von Poitiers erzielte sogar 12450 Fr., 
einen ungeheuren Preis, der sich nur durch die emi¬ 
nente Seltenheit von Reliuren mit dem Wappen der 
Genannten erklären lässt. Auch einige geschriebene 
Gebetbücher brachten hohe Angebote, so eines der 
Anna von Österreich, das 1827 auf einer Londoner 
Auktion für 2800 Fr. und nun für 8950 Fr. verkauft 
wurde; ein anderes, auf Befehl Ludwigs XV. für die 
Königin Maria Leszinska als Hochzeitsgabe angefertigt, 
wurde auf der Vente Lacarelle für 10000 — jetzt da¬ 
gegen für nur 8500 Fr. erstanden. —e. 

s® 

Welche ungeheuren Preise von französischen Biblio¬ 
philen für Original - und Luxus Ausgaben neuerer be¬ 
rühmter Werke gezahlt werden, beweisen die Ergeb¬ 
nisse verschiedener weiterer Pariser Auktionen letzter 
Zeit. Einige Preisnotizen dürften auch jetzt noch inter¬ 
essant für unsere Leser sein; sie sind charakteristisch 
für die Kauflust der französischen Bücherliebhaber. Es 
wurden gezahlt für: 

La Fontaine: Fables, Paris, 1883, 2 tom., dem.- 
rel., illustrd par Delierre. ExempL sur Chine avec les 
dessins originaux — 1,300 Fr. 

Mörimde: Carmen, Paris, 1884: Exempl. maroqu. 
rouge, avec les dessins originaux — 2,030 Fr. 

Mdrimde: Chronique du rögne de Charles IX., ma¬ 
roqu., avec les eaux-fortes pures — 1,725 Fr. 

Moliöre: Oeuvres, Paris, Imp. nat, 1878; 10 vol., 
dem.-reL, pap. Holland, avec fig. — 960 Fr. 

Murger: Vie de Boh&me, Edition des Amis des 
livres, fig. en 5 dtats — 1,400 Fr. 

Sardou: Divorgons, Paris, 1883: avec 60 aqua- 
relles de Morland — 520 Fr. 

Mdmoires du comte de Gramont, Paris, 1888; 
dem.-rel., Exempl sur grand pap. vdlin avec fig. en 
triple dtat et une aquarelle de Delord — 750 Fr. 


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Chronik. 


Soub£: Le 1 km amoureux, Paris, 1882, maroqu., pap. 
Japon, fig. en 3 ötats — 1,039 Fr. 

Uchard: MononcleBarbasson, Paris, 1884, maroqu., 
pap. Japan, 4 suites de fig. et 13 aquarelles de P. Avril 
— 2^05 Fr. 

Flaobert: Madame Bovary, ödit orig. — 300 Fr. 

Gautier: Poesies, ödit orig., maroqu. — 430 Fr. 

Maupassant: Contes choisis, publiös par les Biblio¬ 
philes contemp. — 500 Fr. 

Müsset: Oeuvres, Paris, 1865, dem.*reL, pap. Holland, 
10 vol — 605 Fr. 

s® 

Bei Sotheby, Wilckenson & Hodge in London kamen 
kürzlich die Reste der umfangreichen und berühmten 
Bibliothek Arthur Youngs zur Auflösung. 13 Briefe 
Washingtons an Young aus den Jahren 1786 bis 1794 
brachten 470 £ , eine Sammlung von Briefen und Ge¬ 
dichten Coleridges 23 £. Ferner seien notiert; Heure 
de Notre-Dame, Office des morts, 1538, in einem Ein¬ 
band von Clo vis feve mit dem Totenkopfwappen und 
der Devise Heinrichs III. (28 £); Columna, Hypnere- 
tomachia Poliphili, Venetia, Aldus 1599 (36 £); Beau¬ 
marchais, La Folie Journöe, mit Kupfern von St .-Quen¬ 
tin, 1785 (erste Ausgabe; 23 £); Boccaccio, Decame- 
rone, französische Übersetzung von Le Magon, Paris 
1757, mit den Kupfern von Boucher, Eysen und Gravelot 
(18 £); La Fontaine, Contes et nouvelles, Edit des 
Fermiers glnlraux, Amsterdam (Paris) 1762 (30 £). — 
Puttick & Simpson in London veranstalteten eine Auktion 
von englischen Book-Plates (Exlibris), über die uns 
leider keine Preisnotierungen vorliegen. Als die ältesten 
verzeichnet der Katalog zwei Ex libris in Holzschnitt, 
das eine in Gold und Farben, ein Ockham, Dialogus, 
1495, und desselben Opera, 1495; nur bei dem ersten 
bt der Besitzer genannt: Johannes Demschwam. —p. 


Kleine Notizen. 


Deutschland. 

Eduard Engel schlägt in seinem kleinen Hand¬ 
buch „ William Shakespeare! 1 * (Leipzig, Bädecker) vor, 
die Archive der grossen englbchen Adelshäuser und 
die Gesandtschaftsberichte der europäischen Staaten 
aus dem XVI. und XVII. Jahrhundert durchsuchen 
und ferner den Spuren des Johannes de Witt nach¬ 
forschen zu lassen, jenes viel reisenden holländischen 
Kunstschwärmers (1564—1622), auf dessen Verhältnis 
zur altenglbchen Bühne K. Th. Gädertz zuerst auf¬ 
merksam gemacht, und der nachweislich zu Shake¬ 
speares Zeiten mit allen Künstlern und Schriftstellern 
Londons verkehrt hat Engel meint, die Tagebücher 
de Witts müssten noch irgendwo in Holland oder Rom 
vergraben sein und würden sicher näheren Aufschluss 
über das Shakespearegeheimnis geben können. 


In einer Bremer Privatbibliothek bt kürzlich ein 
Theaterzettel jenes Liebhabertheaters, das s. Z. der 


117 


Freiherr Adolf Knigge , der bekannte Verfasser des 
„Umgangs mit Menschen/ 1 in den neunziger Jahren 
des XVII. Jahrhunderts Scholarist der Bremer Dom* 
schule, begründet hat. Der Zettel ist vom 16. April 1791 
datiert und verspricht wortgetreu folgende Genüsse: 
„Ariadne auss Naxos; ein Duodrama von Brandes; 
Mus. v. G. Ben da. Hierauf folgt ein Flöten - Doppel- 
Conzert von Barnitz, geblasen von Philippine Knigge 
und d. Herrn Conzertmebter Frese. Den Beschluss 
macht der schwarze Mann, eine Posse in 2 Aufrügen 
von Götter. 11 Nicht uninteressant bt auch folgende 
Bemerkung auf dem Zettel: „Diejenigen Damen, welche 
dem Publico die kleine Gefälligkeit etwa bbher noch 
nicht erwiesen haben, in dem Schauspiele mit niedri- 
germ Kopfputze ab gewöhnlich zu erscheinen, werden 
nochmals inständigst gebeten, doch dem gemeinsamen 
Vergnügen an dem einzelnen Tage dies unbedeutende 
Opfer zu bringen.“ In der Gotterschen Posse „Der 
schwarze Mann“ hat Knigge selbst häufiger die Haupt¬ 
rolle gespielt 


Die sogenannte „Blutbibel" Friedrichs von der 
Trenck bt kürzlich in den Besitz der Autographen¬ 
handlung von O. A. Schub in Leipzig übergegangen. 
Prinzessin Amalie von Preussen hatte Trenck diese 
Bibel während seiner Gefangenschaft in Magdeburg, 
also wahrscheinlich zu Weihnachten 1760, geschenkt 
Sie bt mit Papier durchschossen; 200 Seiten hat 
Trenck mit eigener Hand und mit seinem eigenen 
Blute eng beschrieben. Sie enthalten Briefe und 
Gedichte teib in deutscher, teib in französischer 
Sprache an die Prinzessin Amalie und deren Hofdamen, 
verschiedene soziale, politische und philosophbche 
Abhandlungen und eine ausführliche Schilderung 
seines Lebens und seiner Schicksale ab Gefangener 
,4m Stern“ zu Magdeburg. Am Schluss der Bibel be¬ 
findet sich ein Regbter über die in dieselbe eingetra¬ 
genen Artikel, welches lautet: „1) Danksagung an Ihro 
königliche Hoheit bey dem Empfange dieses Buches. 
2) Glückwunsch an höchst Dieselbe am neuen Jahre 
1761. 3) Französbcher Brief an Ihro königliche Hoheit 

4) Avertissement zum Nachtrage des vorigen Briefes. 

5) Erzählung von dem Ursprünge und dem Zusammen¬ 
hänge meines traurigen Schicksab. 6) Geheime be¬ 
sondere Nachricht an Ihro königliche Hoheit 7) Franzö¬ 
sbcher Brief an dero sämmtliche mir gnädige Hofdamen. 
8) Glückwunsch an eben diese meine gnädige Be¬ 
schützerin zum neuen Jahre. 9) Schwermüthige Ge¬ 
danken. Ein Gedicht 10) Brief an den Herrn Obrist¬ 
lieutenant und Kommandanten zu Magdeburg.“ 


Die Literaturarchiv-Gesellschaft in Berlin hat 
kürzlich ihre diesjährige Generalversammlung ab¬ 
gehalten. Aus dem Berichte des Schriftführers ent 
nehmen wir, dass das Literaturarchiv bereits über 
11000 Briefe und 500 grössere Manuskripte besitzt. 
Im Jahre 1896 wurde unter anderm der Nachlass der 


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Chronik. 


118 


Hermine von Chdzy erworben, darunter der ganze aus¬ 
gedehnte Briefwechsel dieser interessanten Frau, der 
eine wertvolle Fundgrube für die romantische Periode 
unserer Litteratur bildet. 


*No. 19 der „Münchener Neuesten Nachrichten“ 
veröffentlicht zwei bisher ungedruckte Briefe Goethes 
aus dem Nachlasse des Mannheimer Galeriedirektors 
und Hofmalers Karl Roux. Beide Briefe, d. d. Weimar 
den 29. Januar 1815 und Weimar den 13. März 1819, 
sind an den Maler und Radierer Wilhelm Roux ge¬ 
richtet, geboren 1771 zu Jena, später Professor an der 
Universität in Heidelberg, wo er 1831 starb. 


Die Bibliothek du Bois-Reymonds soll vom preussi- 
schen Kultusministerium gekauft und dem physiologi¬ 
schen Institut überwiesen werden. Der Wert der Biblio¬ 
thek wird auf 18—20000 M. geschätzt In ihr sind 
namentlich Physik, Physiologie und die verwandten 
Wissenszweige vertreten, daneben enthält sie viele wert¬ 
volle Werke über Geschichte der Philosophie, die En- 
cyklopädisten, Diderot, Voltaire, Rousseau, und eine 
grosse Anzahl Monographien. 


Der Herausgeber des „Verzeichnisses von Privat- 
Bibliotheken“ (G. Hedeler in Leipzig) wird dem soeben 
erschienenen ersten Band (Amerika) noch in diesem 
Jahre den in Vorbereitung befindlichen dritten Band 
(Deutschland) folgen lassen. Um diesen besonders 
wichtigen Teil möglichst genau und vollständig zu ge¬ 
stalten, richtet Herr Hedeler an alle Besitzer hervorragen¬ 
der Büchersammlungen die Bitte, ihm zur unentgeltlichen 
Benutzung kurze Angaben über ungefähre Bändezahl, 
Sonderrichtung und sonstige Einzelheiten ihrer Biblio¬ 
theken zugehen zu lassen. 


Herr Dr . Scherer , Bibliothekar der Landesbiblio¬ 
thek in Cassel\ ist von der Königlichen Gesellschaft der 
Wissenschaften in Göttin gen mit der Herausgabe der 
schönwissenschaftlichen Werke, Briefe etc. A. G. Käst¬ 
ners beauftragt worden und bittet alle, die sich im Be¬ 
sitze Kästnerscher Papiere befinden sollten, sich mit 
ihm in Verbindung setzen zu wollen. 


Wie uns der Verlag von J. A. Stargardt in Berlin 
mitteilt, ist das im ersten Hefte besprochene Boossche 
Werk „Geschichte der rheinischen Städtekultur“ bereits 
vergriffen, doch wird im Herbst ein Neudruck auf holz¬ 
freiem Papier veranstaltet werden, der nur 6 M. pro 
Band kosten soll. Auch der zweite Band ist in Vor¬ 
bereitung. 


England. 

Im Verlage von Boussod, Valadon u. Co. in London 
erschien soeben ein grossartiges Werk über das Leben 
und Wirken der Königin von England. „Queen Victoria “ 
nennt Richard R. Holmes den stattlichen Gross-Quart¬ 


band, dessen beschreibender Text aus seiner Feder her¬ 
rührt, während zu den Illustrationen Abbildungen von 
Bildern, Kunstwerken, Möbeln u. s. w., die sich in Privat¬ 
besitz, zum Teil in den königlichen Schlössern befinden, 
benutzt wurden. Die Königin selbst hat die Korrektur 
besorgt, da die einzelnen Teile des Werkes ihr vor 
dem Erscheinen vorgelegt werden mussten; besondere 
Sorgfalt ist dem Abschnitt gewidmet, der von ihrer 
Kindheit und den ersten Jahren auf dem Throne zur 
Seite des Prinz-Gemahls handelt. Grade über diese 
Periode laufen viele widersprechende Gerüchte um, die 
auf Wunsch der Königin endlich einmal klar widerlegt 
werden sollten. 

Für das Ausland ist eine Luxus-Ausgabe auf Japan 
mit faksimiliertem farbigem Frontispice erschienen, 
deren Auflage auf 200 Exemplare festgesetzt wurde, 
die alle numeriert und mit Beilagen der grossen Photo¬ 
gravüren versehen sind. Diese Ausgabe soll 200 M. 
pro Band kosten. Auch eine zweite, wohlfeilere Aus¬ 
gabe zu 60 M. ist erschienen. Das Japan-Papier wurde 
in den Culter Paper Mills bei Balmoral eigens für das 
Prachtwerk angefertigt. „Queen Victoria“ ist als Fort¬ 
setzung der Serie von Königinnen-Biographien gedacht, 
die mit „Mary Stuart 1 von John Skelton und „ Queen Eliza¬ 
beth“ von Mandell Creighton glänzend begonnen wurde. 


Wir nähern uns dem Anfang eines neuen Jahr¬ 
hunderts und damit auch der Veröffentlichung eines 
sonderbaren Geschenkes. Der Engländer Francis 
Douce liess im Jahre 1807 ein Werk erscheinen: „Illu¬ 
strations of Shakespeare ", das von der Kritik eine herbe 
Zurückweisung erfuhr, obwohl andere Shakespeare- 
forscher es sehr hoch stellten. Erbittert schwur Douce, 
kein andres Werk mehr veröffentlichen zu wollen, und 
hielt diesen Schwur auch, bis auf einige unwesentliche 
Kleinigkeiten, obwohl er immer noch fleissig schrieb. 
Bei seinem Tode vermachte er dem British Museum 
mehrere eisenbeschlagene Truhen, welche seine ge¬ 
samten Manuskripte enthielten, mit der Bestimmung, 
sie uneröfihet bis zum Jahre 1900 aufzubewahren. Man 
ist seinem Wunsche pietätvoll nachgekommen; die 
Truhen sind noch fest geschlossen. 


Die berühmte Bibliothek Lord Ashbumhams soll 
unter den Hammer kommen. Die Firma Sotheby in 
London ist augenblicklich mit der Katalogisierung be¬ 
schäftigt Vom Einzelverkauf ausgeschlossen bleibt 
auf Wunsch des Besitzers die kostbare Manuskripten- 
sammlung; sie soll nur ungeteilt vergeben werden. 


Auf einer Londoner Versteigerung wurde kürzlich 
eine Sammlung alter Zeitungs-Nummern verkauft: Das 
politische Tagebuch. Es ist 1831 erschienen und wurde 
von seinem Herausgeber, Bartholls, auf gemeinem 
Baumwollstoff gedruckt Dies geschah nicht etwa, um 
etwas Besonderes zu bieten, aus Laune, sondern um 
den Steuern zu entgehen, welche auf dem Zeitungs¬ 
papier lasteten. Die Sammlung umfasste 144 Num¬ 
mern. Damals wurde die Nummer zu 3 Pence verkauft 


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Chronik. 


Der Druck war schlecht, noch schlechter sind die Ab¬ 
bildungen. Bei der Versteigerung erzielten die Zeitungen 
jetzt, wie die„T.B.“ berichtet, einen Preis von 6880Mark. 

ln seiner Keimscott Press in London ist soeben 
ein Teil der nachgelassenen Werke des verstorbenen 
IV. Morris erschienen: „The earthly Paradise u in 
8 Bänden, von denen bisher einer fertig ist, mit neuen 
Randleisten etc., jeder Band 30 Shilling auf Bütten¬ 
papier, 7 Guineen auf Pergament. Dann in 4 Bänden: 
„The well at the World's End*, mit 4 Holzschnitten 
nach Zeichnungen von Bume-Jones, in grossem Quart¬ 
format, mit doppelten Druckkolonnen in der Chaucer- 
Type der Druckerei; die gewöhnlichen Exemplare 
kosten fünf Guineen. Cockerell, der frühere Sekretär der 
Druckerei, fuhrt das Etablissement weiter. 


Soeben erscheint der zehnte Band des „ Buchpreis - 
courants“ von El Hot Stock in London. Dieser Preis¬ 
courant fuhrt alle Summen an, welche bei Auktionen 
für Bücher vom Monat Dezember 1895 bis zum No¬ 
vember 1896 bezahlt worden sind. 


Frankreich. 

Der Kupferstecher Lalauze hat den ersten Anstoss 
zu einer Vereinigung französischer Kupferstichliebhaber 
gegeben. Ihr Ziel ist in erster Linie neben der Repro¬ 
duktion alter und neuer Bilder die Wiedergabe von 
Originalarbeiten der Künstler für die Vereinigung. Die 
Mitglieder des Vereins erhalten je ein Gratisexemplar 
der angekauften Werke im ersten oder letzten Zustande; 
diese Abzüge tragen das Zeichen des Vereins und den 
Namen des Künsders. Ausserdem sollen noch von 
jeder Arbeit 37 Abzüge gemacht werden, von denen 
das Komitee sich fünf zu Geschenken an Museen vor¬ 
behält, während 25 in den Handel kommen. Grosse 
Namen, wie der des Herzogs von Aumale, des Prinzen 
Roland Bonaparte, der Rothschilds, des Ministers 
Hanotaux, des Ehrenpräsidenten der Soci£t£ des Ar¬ 
bstes fran^ais, Bonnat, des Puvis de Chavannes von 
den Beaux-arts, Sardous und andrer stehen an der 
Spitze des Unternehmens. 


Die im Dezember 1896 von Lep&re, Beltrand u. a. 
begründete illustrierte Monatsschrift ,JJimage“ (heraus¬ 
gegeben von der Corporation fran^aise des Graveurs 
sur bois, bei Floury, Boulevard des Capucines No. x) 
scheint Boden zu fassen und ist zum mindesten technisch 
von grossem Interesse. Sämtliche Vollbilder, Illustra¬ 
tionen und Randleisten sind in Holz geschnitten. Die 
erste Nummer enthält einen sehr hübschen Druck des 
Luden Pissarro in der Art seiner letzten Schwarz-weiss- 
Bücher; dann ein von Lep&re geschnittenes Portrait nach 
Edmond de Goncourt von Carri&re, hübsche Skizzen 
von Renauard, einen bunten Holzschnitt nach Grasset 
von Froment: Les petites faunesses u. a.; die Januar¬ 


119 


nummer einen schönen echten Holzschnitt von Jeanniot 
„Soeurs,“ eine Menge mehr oder weniger gelungener 
Schnitte nach Chdrets graziösen Zeichnungen, aus¬ 
geführt von T. Beltrand etc. 


Paris hat nun auch seinen „Studio.“ Er nennt sich 
„Art et Dlcoration“ und erscheint seit Januar monat¬ 
lich in der Librairie Centrale des Beaux-Arts (13 rue 
Lafayette), wo auch das demnächst zu Ende gehende 
Werk Grassets „La Plante et ses applicadons ornamen¬ 
tales“ (im ganzen 12 Lieferungen) erschienen ist. Auch 
der intellektuelle Urheber der neuen Zeitschrift ist 
Grasset. Das Journal gleicht vollkommen dem Londoner 
„Studio“, nur ist der Umfang geringer. Redakteur des 
neuen Blattes ist Thtebault-Sisson, der in dem ersten 
Heft zwei Aufsätze über die dekorative Kunst in Belgien 
und in England veröffentlicht; namentlich der über 
Belgien und zwar über den Brüsseler Architekten 
Horta ist der Illustrationen wegen interessant Horta 
wird darin zu sehr isoliert — von den verdienstvollen 
anderen modernen Dekorateuren Brüssels ist nicht die 
"Rede — immerhin ist den Parisern nichts so nötig als 
eine Fühlung mit jener praktischen, gesunden und 
höchst künstlerischen Bewegung, die Horta vertritt 
Ausserdem sei erwähnt ein Aufsatz über Kirchenfenster 
mit Reproduktionen nach den Vitraux, die Grasset im 
letzten Marsfeldsalon ausgestellt hat, und von anderen. 
Im übrigen enthält das erste Heft neben einer bunten 
Zeichnung von Grasset Abbildungen von Möbeln,Tapeten 
etc. und die recht mässigen Preisarbeiten für ein Titel¬ 
blatt der neuen Zeitschrift, in denen man die ganze Zer¬ 
fahrenheit der modernen kunstgewerblichen Bewegung 
Frankreichs illustriert findet 


Der Verkauf der Goncourtschen Sammlungen hat 
auch für den, der nichts von den Kostbarkeiten er¬ 
werben kann, einen Vorzug. Die Leiter der Vente 
haben einen wundervollen illustrierten Katalog, der die 
Handzeichnungen des XVIII. Jahrhunderts umfasst, her¬ 
ausgegeben; die schönstenStücke sind durch gute Helio¬ 
gravüren von Dujardin wiedergegeben. Der Text ist klar 
und einfach. Der Katalog der japanischen Werke der 
Sammlungen erscheint in diesen Tagen ebenfalls bei 
Duchesne, 6 rue de Hanovre. 


Demolder , der Schwiegersohn von Fdlicien Rops, 
hat soeben im Verlage des Mercure de France ein 
Werk: „Le Royaume authentique du Grand Saint 
Nicolas* 1 erscheinen lassen. Rops wird darin auf nicht 
gerade pietätvolle Weise ausgeschlachtet Man hat in 
Ermangelung von Originalen die Illustration durch eine 
Sammlung der kleinen Bildchen hergestellt, die Rops 
auf die Ränder seiner Gravüren zu zeichnen pflegt 
Wer Rops nicht kennt, wird durch diese wahllose und 
geschmacklose Ausbeutung des Künstlers ein verkehrtes 
Büd von ihm bekommen. 


Die „Revue biblio-iconographique", welche bisher 
halbmonatlich erschien und besonders die verschiedenen 


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120 


Chronik, 


Auktionen berücksichtigt, wird von jetzt an allwöchent¬ 
lich und in verändertem Format erscheinen. Den mo¬ 
dernen Teil wird wie bisher der Begründer der Zeit¬ 
schrift, Herr Pierre Dauze, leiten; für die Besprechung 
älterer Bücher und Werke ist Herr d'Eylac gewonnen 
worden. 


Die „Societe de bibliophiles bretons“ wird ein „Iti- 
nlraire de Bretagne au XVII* sifccle“ von Dubuisson- 
Aubenay und die letzten Werke Lesages veröffentlichen. 
Um die fünfzigste Wiederkehr des Todestages Chateau- 
briands zu feiern, bereitet die Gesellschaft für 1898 eine 
gut illustrierte Ausgabe von „Atala“ vor. 


Herr Hugo Vaganay in Lyon beschäftigt sich mit 
der Zusammenstellung eines Repertoire du Sonnet; auch 
ein Repertoire des Cantiques (Kirchengesänge) steht zu 
erwarten, und zwar arbeitet der Abt Ulysse Chevalier 
daran. 


Bei Baudet in Paris, wo im vorigen Jahre „Les 
Afüches Illustr^es“ erschienen, ist jetzt in derselben 
Art das grosse Sammelwerk „ Les affiches etranglres" 
herausgekommen. Es enthält die besten amerikanischen, 
deutschen, belgischen, englischen und japanischen 
Plakate in vorzüglicher schwarzer und farbiger Repro¬ 
duktion. Den Text über Amerika hat La Forgue ge¬ 
schrieben, über England Pennell, über Japan Hayashi, 
über Belgien M. Bauweur, über Deutschland-Österreich 
Meier-Graefe. Das Werk ist bereits vergriffen. 


Belgien. 

Bei J. E. Buschmann in Antwerpen ist eine neue 
Luxusausgabe des alten Sangs „Het Liedeken van Here 
Halewijn“ erschienen, dem der bekannte Vorkämpfer 
für das Niederdeutsche in Vlämisch-Belgien, Pol de 
Mont , zwei Gedichte desselben Stoffgebietes hinzugefügt 
hat Das Buch ist mit zahlreichen VollbÜdem, Kopf- 
bUdera, Initialen etc. von Daudelet geschmückt, der 
jüngst (bei dem Mercure de France in Paris) 12 Lieder 
von Maeterlinck illustriert hat Sämtliche Schmuckstücke 
sind in Holz geschnitten. Der Druck ist in Rot und 
Schwarz in schöner altgothischer Type ausgeführt Die 
Auflage umfasst 90 Exemplare auf Van Geldern, 10 auf 
Japan; in den letzteren hat Daudelet den Büdschmuck 
mit der Hand koloriert Der Archaismus dieses vlä* 
mischen Crane passt sich vortrefflich dem schönen alten 
Stoff an. Das Format des Buches ist 12X15 cm. Der 
ursprüngliche Preis von 20 Fr. für die gewöhnlichen, 
75 Fr. für die Japanexemplare ist jetzt auf 30 Fr. bez. 
150 Fr. erhöht; die Ausgabe soll bereits vergriffen sein. 


Max Elskamp in Antwerpen, der bereits eins der 
besten modernen Bücher geschmückt hat — „Six 
Chansons de pauvre homme pour cdldbrer la Semaine 
de Flandre <( bei P. Lacomblez, Brüssel, mit Holzschnitten 
des Verfassers, gedruckt bei van de Velde in Brüssel, 
150 Exemplare auf China zu 5 Fr. — arbeitet an dem 
Schmuck eines neuen Buches, dessen Text ebenfalls 
von ihm stammt, „Enluminures”; es soll circa 100 Holz¬ 
stöcke enthalten und im November erscheinen. 


Bei Deman in Brüssel ist soeben Kahns „Limbes 
de Lumilres“ erschienen, geschmückt mit sehr dekora¬ 
tiven Kopf- und Schlussstücken des Brüsseler Teppich¬ 
künstlers Lemmen und sehr gelungenem Titel Es sind 
525 Exemplare zu 6 Fr. verausgabt worden. 

Italien. 

Die Laurentinische Bibliothek in Florenz wird dem¬ 
nächst 600 Briefe herausgeben, die von den berühm¬ 
testen Zeitgenossen Michelangelos an diesen gerichtet 
worden sind. _ 


Spanien. 

Die Academia de Historia in Madrid hat das 
berühmte „Gesetzbuch des Alarich u vervielfältigen 
und das erste Exemplar der Königin-Regentin durch 
eine Deputation überweisen lassen. Dieser Alarich 
ist nicht zu verwechseln mit dem Gothenkönig, der 
im Jahre 400 in Italien einbrach und 410 bei Cosenza 
starb, sondern war König der spanischen Westgothen 
und herrschte über Spanien und Südfirankreich zu 
Anfang des sechsten Jahrhunderts. Durch den Rechts¬ 
gelehrten Goiric liess er ein aus den Gregoriani¬ 
schen, Hermogeniaschen und Theodosianischen Co¬ 
dices zusammengetragenes Gesetzbuch in gothischer 
Sprache verfassen und in seinem ganzen Reiche in 
Kraft setzen. Das Gesetzbuch wurde am 2. Februar 
506 in einer in Aire abgehaltenen Versammlung von 
Bischöfen und Notablen gutgeheissen. Die einzige 
Handschrift, die von diesem merkwürdigen Codex 
übrig geblieben ist, befand sich im Archiv der Kathe¬ 
drale in Leon und wurde dort vor einigen Jahren von 
dem österreichischen Historiker Adolf Beer, der behufs 
Untersuchung mittelalterlicher Codices nach Spanien 
gekommen war, entdeckt. Die Academia de Historia 
beschloss sofort, die Herausgabe des wertvollen Wer¬ 
kes zu veranlassen. Genannte Handschrift ist die 
älteste der spanischen Urkunden, die bislang bekannt 
sind. Die Ausgabe umfasst 214 Seiten westgothischen 
Textes nebst seiner Übersetzung und einer Vorrede in 
lateinischer Sprache, in der die ausserordentliche Be¬ 
deutung des Werkes hervorgehoben wird. Die Über¬ 
setzung des westgothischen Textes ins Lateinische 
wurde von dem hervorragenden Paläographen Jesus 
Munoz besorgt und nahm zwei Jahre in Anspruch. 


Nachdruck verboten, — Alle Rechte Vorbehalten, 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse: Berlin W. Ansbacherstrasse 47 erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. — Papier der Neuen Papier« 

Manufaktur in Strassburg i. E. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

i. Jahrgang 1897. - Heft 3: Juni 1897. 


Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 

Von 

Julius Aufseesser in Berlin. 



on allen graphischen Künsten 
hat sich die Forschung am 
wenigsten mit der Lithographie 
beschäftigt. Mit grosser Freude 
von allen Kunstkennern, mit 
Begeisterung von allen denen, 
welchen der Kunstdruck und die Lithographie 
nicht nur eine vorübergehende Zerstreuung, 
sondern eine Quelle der Forschung und der Be¬ 
wunderung für das geniale Werk des Erfinders 
Alcys Senefelder gewesen, wurde es deshalb 
begrüsst, als im Jahre 1856 der Magistrat der 
Stadt München die Herausgabe eines litho¬ 
graphischen Geschichtswerkes beschloss. Die 
Veranlassung dazu bot der hundertjährige Ge¬ 
burtstag des Erfinders, und dessen Freund, der 
erste Sammler lithographischer Inkunabeln, Josef 
Maria Ferchl\ ist der Verfasser einer chrono¬ 
logisch geordneten Übersicht der ersten Er¬ 
scheinungen des Steindrucks geworden, auf 
welcher noch heute die Geschichtsschreibung 
der Lithographie basiert, ebenso wie sie noch 
heute den Dank und die Bewunderung aller 
Interessenten beanspruchen darf. Dieses Werk, 
das sich „Errichtung der ersten lithographischen 
Kunstanstalt bei der Feiertagsschule für Künstler 
und Techniker in München“ betitelt, beginnt mit 
der Herstellung des ersten im Jahre 1796 gedruck¬ 
st f. B. 


ten lithographischen Notenblattes »Jägermarsch 
der kurpfalzbayrischen Truppen“ und giebt in 
zeitlich genau festgestellter Reihenfolge eine 
Übersicht aller in München veranstalteten indu¬ 
striellen und künstlerischen Steindrucke, so¬ 
weit sie in der vom Verfasser angelegten und 
bis zum Jahre 1821 fortgesetzten sogenannten 
Inkunabeln-Sammlung vertreten oder zu dessen 
Kenntnis gelangt sind. Es ist wohl begreiflich, 
dass auf einem so kleinen Felde, wie es München, 
die Stadt der Erfindung, gewesen ist, die Über¬ 
sicht über die gesamte Entwickelung der Litho¬ 
graphie nur eine unvollständige bleiben musste, 
denn schneller, als es Senefelder selbst ahnte und 
wusste, hatte seine Kunst Jünger auch in anderen 
Teilen Deutschlands gefunden. Und wenn nun 
auch freilich nicht zu leugnen ist, dass es ziemlich 
lange gedauert hat, bis die ersten technischen 
Schwierigkeiten, welche die Lithographie in 
grosser Menge bot, so überwunden waren, dass 
sich deren künstlerische Ausbildung weiter ent¬ 
wickeln konnte, so sind die Leistungen dieser Zeit 
doch ungleich bedeutendere und zahlreichere, 
als es die Ferchlsche Übersicht angiebt. 

Die Lithographie, die in der ersten Hälfte 
unseres Jahrhunderts sich zu ungeahnter Blüte 
entfaltete, die in Deutschland, Frankreich und 
Österreich — welche Länder für ihre grosse 

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Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 



jl View Cottage tA t xi/min /////*rMo;NMOxjTii 

X*nd*n Ai « 0*1 ' tjff mt Artt A At inttf /Af />r«/ 


Facsimile einer Lithographie von F. Jos.’M.annslcirsch aus dem Jahre 1799. 
Originalgrösse 34 : 27 cm. 


Bedeutung allein in Frage kommen, da in 
England der Stahlstich ihrer vollen Entfaltung 
engere Schranken setzte — Künstlern wie 
D. Quaglio , Hanfstätigei , F. Krüger , A. Menzel 
und Hosemann, Horace Vernet, Gericault , Charlet , 
Gavami und Deveria, Eybl , Kriehuber und 
Pettenkoffen zur Volkstümlichkeit verholfen hat, 
tritt mit der zweiten Hälfte des Säculums in das 
Stadium des Verfalls. Selbst einzelne Nachzügler, 
wie die Zeichner des Düsseldorfer Künstler- 
Albums, wie Grenier, Ferrogio und selbst Raffet 
in Frankreich, vermögen sie, wenn schon ihre 
Werke noch allgemeines Interesse erregen, das 
aber mehr der Individualität des einzelnen Künst¬ 
lers gilt, nicht gegen die Gleichgültigkeit der 
Kunstweitzu verteidigen. Erst der hundertjährige 
Jahrestag ihrer Erfindung konnte auch weiteren 
Kreisen neues Interesse an Senefelder und seiner 


gewaltigen Schöpfung einflössen, und es scheint 
als ob im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens 
unsere ersten Künstler und mit ihnen die ge¬ 
samte Kunstwelt in gerechter Würdigung der 
Bedeutung und der grossen Ausdrucksfähigkeit 
ihres Verfahrens, für die Lithographie eine neue 
Zeit der Blüte vorbereiten wollten. Das Haupt¬ 
verdienst an diesem Umschwung gebührt den 
vorjährigen Fachausstellungen, denen wir zu¬ 
gleich die Entwickelung einer neuen Fachlitte- 
ratur verdanken, die ausser kleineren Abhand¬ 
lungen mit fünf Heften der „ Gesellschaft für 
vervielfältigende Kunst in Wien “ und einer illu¬ 
strierten lithographischen Nummer des „ Figaro u 
beginnt; eine Publikation über „Senefelder und 
sein Werk?* von Scatnotti schliesst sich an, wäh¬ 
rend der Bibliothekar des Cabinet des Estampes 
in Paris, H. Bouchot , in seinem Buche „La 


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Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 


123' 


Lithographie“ eine vollständige Entwickelungs¬ 
geschichte der Lithographie zu geben versucht. 

Die deutschen Frühdrucke sind in diesem 
Werke nur flüchtig behandelt, die Geburtsdaten 
einzelner Blätter, die durch Ferchls eingehende 
Beschreibung unzweifelhaft festgestellt sind, 
werden nur schätzungsweise aufgeftihrt und 
allein nur solche Frühdrucke beschrieben, die 
sich, im Vergleich zu der Münchener Samm¬ 
lung, in nur sehr beschränkter Anzahl im 
Pariser Cabinet des Estampes vorfinden. Dafür 
bietet das Bouchotsche Werk aber eine sehr 
genau gehaltene und deshalb schätzenswerte 
Übersicht über die lithographische Bewegung 
in Frankreich. 

Einen zuverlässigen Leitfaden, der die sämt¬ 
lichen bedeutenden Lithographen aller Länder 
und deren Werke berücksichtigt, insofern sie 


für die Kunst in Betracht kommen, giebt frei¬ 
lich noch keines der neueren Werke, und wenn 
das Sammeln von Lithographien nicht so zahl¬ 
reiche Anhänger gefunden hat, wie das der 
anderen graphischen Erzeugnisse, des Holz¬ 
schnitts, Kupferstichs und der Radierung, so ist 
der Umstand wohl darin zu suchen, dass bei der 
reichen Fachlitteratur der genannten drei Kunst¬ 
arten dem Sammler ein genügendes Erläute¬ 
rungsmaterial zur Verfügung steht, während er 
bei dem Sammeln von Lithographien ge¬ 
zwungen ist, sich gewissermassen autodidak¬ 
tisch zu bilden. Ferchl, dessen Werk für jeden 
Forscher auf dem Gebiete der Lithographie 
von unschätzbarer Bedeutung ist, weil es nicht 
allein einen Entwickelungsgang der Erfindung, 
sondern ein genaues Verzeichnis der einzelnen 
Blätter giebt, welche in den ersten Jahren nach 






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Facsimile einer Lithographie von F. Jos. Mannskirsch aus dem Jahre 1799* 
Originalgrdsse 34 * 27 cm. 


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124 


Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 



Pluto raubt Proserpiaa. 

Facsimile einer Lithographie von W. Reuter aus dem Jahre 1803 
Originalgrösse 28»19 cm. 


der Erfindung in München gefertigt worden 
sind, beschränkt sich auf die Münchener litho¬ 
graphische Bewegung, für deren Kenntnis es 
allerdings der vorzüglichste Ratgeber ist. 

Es wäre indessen ein Irrtum, durch das 
Fehlen einer anderen Quelle zu dem Schlüsse 
gelangen zu wollen, dass sich die Lithographie 
in den ersten Jahren nach ihrer Erfindung auf 
Bayern beschränkt hätte, und dass die ganze 
künstlerische Entwickelung und Ausbreitung in 
der Ferchlschen Sammlung niedergelegt sei, 
eine Annahme, die beispielsweise den Bouchot- 


schen Ausführungen zu Grunde 
gelegen haben muss, weil dort 
nur von München und von 
Münchener Künstlern allein 
gesprochen wird. Die ver¬ 
hältnismässig kleine Anzahl 
früher Drucke im Cabinet 
des Estampes in Paris gab 
Bouchot wahrscheinlich auch 
kein genügendes Material, die 
künstlerischen F ortschritte 

der Erfindung zu beurteilen, 
denn wenn er auch anerkennt, 
dass die im Jahre 1804 in 
München von Simon Klotz 
gefertigten Landschaften und 
die von Andreas Seidel 1805 
gezeichneten „Zwölf Monate“ 
nach Sandrat den Vergleich 
mit den ersten lithographi¬ 
schen Versuchen Horace 
Vemets aushalten können, so 
beurteilt er Dom. Quaglio, 
Strixner und Piloty anderer¬ 
seits doch viel zu pessimistisch. 
Mit diesen drei deutschen 
Künstlern wird aber erst die 
Reihe einer Anzahl glänzender 
Namen eröffnet, abgesehen 
davon, dass noch heute einige 
weniger bekannte Inkunabeln 
den Beweis erbringen, dass 
die künstlerische Beteiligung 
Deutschlands an der Erfin¬ 
dung der Lithographie eine 
ebenso hervorragende ge¬ 
wesen ist wie die Frankreichs. 
Obwohl Ferchl bei der Ab¬ 
fassung seines Werkes im 
Jahre 1856 nicht mit unbedingter Genauig¬ 
keit Vorgehen konnte, weil ihm die geringen 
Hilfsmittel der damaligen Zeit für eine tief¬ 
gehende Forschung bei den von ihm nur neben¬ 
sächlich berührten ausserbayrischen Städten 
nicht in so ausreichender Weise zu Gebote 
standen, wie dem Forscher unserer Tage, so 
meine ich doch, dass es Pflicht Bouchots ge¬ 
wesen wäre, wenigstens die von Ferchl an¬ 
geführten authentischen Daten zu benutzen, 
statt sie einfach zu ignorieren. 

Österreich kann für die ersten fünfzehn Jahre 


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Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 


125 



Badende Nymphe. 

Facsimile einer Lithographie von W. Reuter aus dem Jahre 1805. 
Originalgrösse 41 .*35 cm. 


unseres Jahrhunderts nicht in Frage kommen, 
weil dort, da die von Senefelder 1803 ge¬ 
gründete privilegierte chemische Druckerei am 
Graben in Wien sich nur kurze Zeit halten 
konnte und sich zudem auf die Herstellung von 
Musiknoten beschränkte, ein langer Stillstand 
eintrat, bis die ersten künstlerischen Erzeug¬ 
nisse das Licht des Tages erblicken durften. 
Ebenso standen England und Frankreich der 
neuen Erfindung in den ersten zwei Dezennien 
teilnahmlos gegenüber, denn wenn auch der 
französische General Lejeune und Denon, der 


General-Direktor der französischen Museen, bei 
ihrem Aufenthalt in München Steinzeichnungen 
anfertigen Hessen, so bedeutet dies noch lange 
keine Beteiligung ihres Vaterlandes an der 
direkten Ausgestaltung der Erfindung. Den 
grössten Anteil nahm naturgemäss Deutschland 
selbst an der neuen Erscheinung; eine grosse 
Anzahl prächtiger Blätter aus Stuttgart, Karls¬ 
ruhe, Frankfurt a. M., Leipzig, Köln, Kassel und 
hauptsächlich Breslau beweist dies, während das 
Auftauchen eines grossen künstlerisch-Hthogra- 
phischen Unternehmens im Jahre 1804 in Berlin 


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126 


Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 


für das Interesse des nördlichen Deutschland 
einen um so glänzenderen Beleg liefert, als 
gerade zu jener bewegten Zeit die Gemüter 
von anderen als künstlerischen Bestrebungen 
erfüllt waren. 

Wenn an dieser Stelle besonders betont wer¬ 
den muss, dass ein deutscher Künstler im Jahre 
1799, mit dem Erfolge im Vaterlande nicht zu¬ 
frieden, die Lithographie auch in England einzu- 
fuhren suchte, so soll damit eine von Bouchot 
aufgestellte Behauptung im Interesse ernster 
Forschung entkräftet werden, und wenn die Be¬ 
sprechung und Reproduktion der 1799 in Eng¬ 
land gefertigten Lithographien in erster Linie den 
Sammler mit einem hochinteressanten Früh¬ 
erzeugnis der Steingravierung bekannt machen, 
so sollen diese Blätter andererseits der Behaup¬ 
tung Bouchots gegenüber als Gegenbeweis un- 
umstossbare dokumentarische Belege darstellen. 

Bouchot erzählt, dass gegen Ende des 
vorigen Jahrhunderts die beiden französischen 
Prinzen Louis Philippe Herzog von Orleans und 
Antoine Philippe Herzog von Montpensier, welch 
letzterer als geübter Zeichner zu allen Zeiten 
der Kunst reges Interesse entgegenbrachte, 
von Frankreich exiliert, sich in England, im 
Schlosse Twikenham, eine Residenz gegründet 
hätten. Dort fertigte der Herzog von Mont¬ 
pensier, wahrscheinlich durch Senefelder, der 
1801 in London weilte, mit der Lithographie 
vertraut gemacht, eine lithographische Zeich¬ 
nung, sein und seines Bruders Porträt im Profil, 
mit 1805 bezeichnet, und ein mit 1806 be- 
zeichnetes Porträt seiner Schwester Adelaide 
an. An diese Thatsachen anknüpfend, führt 
Bouchot aus, dass, ebenso wie in Deutschland 
der Franzose Joh. Andrö in Oflfenbach dem Er¬ 
finder die Einrichtung einer lithographischen 
Druckerei anvertraute, sich auch in England 
ein französischer Prinz in erster Linie um die 
Einführung der Lithographie verdient gemacht 
habe. Er fahrt dann fort: Jusqu’ä nouvel ordre 
et sauf trouvaille nouvelle, le portrait dat6 de 
1805, reste pour Tart de Senefelder — r6v6rence 
gardde — un peu ce que le Saint-Christophe 
de Lord Spencer (1423) est pour la taille sur 
bois, ou ,La Paix* de Maso Finiguerra pour la 
gravure en creux, Tincunable ä date certaine, 
indiscutable, etc. etc.“ 

Bouchot will also diejenigen Blätter, welche 
bei Ferchl als vor 1805 gedruckt angeführt 


werden, aber nicht vom Künstler mit dem 
Geburtsdatum versehen sind, nicht anerkennen. 
Wir aber können ihm in der ersten von uns zu 
besprechenden Erscheinung die von ihm vor¬ 
behaltene trouvaille nouvelle einstweilen signali¬ 
sieren, und zwar in dem Heftchen: „ Views on 
the Borders of South Wales , Engraved in imi- 
tation of Chalk u (Publd. at R. Ackermanns 
Gallery, London, 101 Strand). Dieses Heft liegt 
uns nicht mehr ganz vollständig vor, da die erste 
der vier Ansichten, die dasselbe ursprünglich 
enthalten haben mag, verloren gegangen ist, 
während die anderen drei Drucke noch in tadel¬ 
loser Erhaltung vorhanden sind. Jedes der drei 
Blätter trägt die Bezeichnung der Landschaft, 
die es darstellt, unter derselben „London, Pub. 

I. Okt. 1799, at R. Ackermanns Repostory of 
art & Sciences, 101 Strand,“ und in der linken 
Ecke „Mannskirsch delin. & sculp.“ 

Franz Josef Mannskirsch, geboren 1770, Maler 
und Kupferstecher und Schüler seines Vaters 
Reinh. Gottfried, lebte zu Köln, von wo aus er 
um 1798 nach England reiste, um sich dort 
bis ungefähr 1805 aufzuhalten. Es ist anzu¬ 
nehmen, dass ihm die Kunst, auf Stein zu 
zeichnen und zu drucken, bald nach ihrer Er¬ 
findung durch Senefelder bekannt geworden 
ist, denn der „Brand von Neuötting“, ebenso 
wie die „Giftpflanzen für Schulen“, von Mayr- 
hoflfer gezeichnet, sind bereits 1797 gedruckt 
worden, zu einer Zeit, da schon eine grosse 
Anzahl von lithographierten Noten ihren Weg 
durch ganz Deutschland gefunden hatte. Auch 

J. Andr£ in Oflfenbach hatte sich bereits 1799 
eine eigene Druckerei einrichten lassen, was 
sicher erst nach längerer Verfolgung der in 
München erzielten Resultate geschehen sein wird. 
Mannskirsch scheinen die in München sich 
mehrenden Erfolge, jedenfalls aber ein be¬ 
deutendes persönliches künstlerisches Interesse 
veranlasst zu haben, die neue Kunst in das 
Ausland zu tragen und mit ihr und durch sie 
in England festen Fuss zu fassen. Möglich ist 
auch, dass Mannskirsch durch seinen Verleger, 
der Senefelder kurz nach dem Bekanntwerden 
der neuen Erfindung in München besuchte und 
von dort aus Proben mit nach England nahm, 
den Anstoss erhalten hat, selbst Arbeiten in 
der neuen Herstellungsart auszufuhren. 

Das künstlerische Gepräge, das seine Blätter 
tragen, gab zu der Hoffnung auf dauernde Erfolge 


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Anfseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 


127 



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Facsimile einer Lithographie von Franz Leopold aus dem Jahre 1807. 
Originalgrösse 29’: 18 cm. 


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volle Berechtigung, denn die tech¬ 
nische Ausführung derselben ist 
so vollendet, wie sie nur sonst an 
lithographischen Drucken einer 
zwanzig Jahre späteren Zeit ge¬ 
funden wird. Die Druckfarbe ist 
eine tief schwarze und wird bei 
den Abdrücken viel besser zur 
Geltung gebracht als bei den in 
München hergestellten Blättern, 
bei denen der Druck selten einen 
anderen als grauen Ton wieder- 
giebt Im allgemeinen erinnert 
die Linienführung etwas an den 
gepunzten Kupferstich, und wenn 
die Schattenpartien nicht immer 
klar zum Ausdruck kommen und 
etwas pastös wirken, während 
andererseits kleine Details im 
Abdruck schwach zu erkennen 
sind, so mag dies wohl an 
dem mangelhaften Druckverfahren 
jener Zeit gelegen haben. Die für 
spätere lithographische Drucke ge¬ 
bräuchliche Stangenpresse wurde 
erst 1797 erfunden, und es ist als 
sicher anzunehmen, dass sie 1799 
dem Künstler in London noch 
nicht zur Verfügung stand. Da 
Mannskirsch seine Blätter auf dem 
Titel als „Engraved in imitation 
of Chalk“ bezeichnet, so ist die 
Annahme gestattet, dass der 

deutsche Kupferstecher, um einer 
langen Erklärung über die in Eng¬ 
land damals noch unbekannten 
Solnhofer Platten, welche aus 

Kalkschiefer bestehen, zu ent¬ 
gehen, sie dem Publikum als Nachahmung 
von Kalk oder Kreide vorfuhrte, eine Freiheit, 
welche die gedrängte Kürze des Buchtitels ihm 
aufzwang und die sich entschuldigen lässt 
Die Zeichnungen sind 34 cm. breit und 
27 cm. hoch. Von dem ersten fehlenden Blatt 
ist kein Titel vorhanden, das zweite Blatt 
stellt „A View of a Cottage on the Keynim 

Hill near Monmouth“ dar; das dritte Blatt 

„A View of a Cottage at New Were on the 
River Weye South Wales“, und das vierte 
„A View near Tintem Abbey in South Wales.“ 
Diese Blätter sind in ihrer künstlerischen Auf¬ 


fassung von einer landschaftlichen Poesie durch¬ 
weht und von einer solchen Zartheit bei durch¬ 
aus starker Wirkung, dass es unbegreiflich er¬ 
scheint, warum sie nicht das kunstliebende 
Publikum wie die englischen Künstler zu einem 
wenn auch noch so schwachen Interesse für 
die Technik der neuen Erfindung beeinflusst 
haben. Der Umstand, dass sie ebenso wenig 
in einem Ausstellungskatalog als in einem der 
neueren Werke aufgeführt sind, lässt vielmehr 
auf das Gegenteil schliessen und gestattet 
die Annahme, dass die ganze Auflage, wenn 
sie als erster Versuch überhaupt umfangreich 


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128 


Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 


gewesen ist, unbeachtet untergegangen ist, 
dass wir uns also einer graphischen Seltenheit 
gegenüber befinden, die in gleicher Weise 
historischen wie künstlerischen Wert vereinigt. 
Die geringe Beachtung des Werks hätte viel¬ 
leicht Senefelder, wenn dies überhaupt zu dessen 
Kenntnis gelangt ist, und mit ihm seinen Ver¬ 
leger Andr£ abhalten müssen, zwei Jahre später 
eine lithographische Anstalt zu gründen; sie 
hätte ihn so vor einem Misserfolg bewahren 
können, der in den vielen Enttäuschungen 
seines Lebens den Anfang einer langen Lei¬ 
denskette gebildet hat. — 

Es ist betrübend, dass auch in Deutsch¬ 
land in der ersten Zeit nach der Erfindung der 
Lithographie das Interesse des grossen Publikums 
nicht für den neuen Zweig graphischer Kunst 
gewonnen wurde; ein umfangreicheres Unter¬ 
nehmen, die „Polyautographischen Zeichnungen 
vorzüglicher Berliner Künstler, herausgegeben von 
W. Reuter ", Berlin 1804, konnte ebensowenig 
einen Erfolg erringen wie die wenige Jahre früher 
erschienene Londoner Veröffentlichung. 

Wilhelm Reuter wird im Berliner Adress¬ 
buch von 1806 als Maler und Herausgeber der 
polyautographischen Zeichnungen angeführt, und 
mehr, als dass er Öl- und Miniaturenmaler ge¬ 
wesen sei, weiss auch Nagler von ihm nicht 
zu sagen. Genauere Nachforschungen jedoch 
haben ergeben, dass Reuter der Lehrer der 
Königin Luise im Malen und Zeichnen ge¬ 
wesen ist. Die Königin wurde von ihm mehrere 
Male auf Elfenbein porträtiert und sandte ihn 
wiederholt, zuletzt 1805, auf ihre Kosten nach 
Paris, um Bilder der dortigen Gallerie von ihm 
kopieren zu lassen. Die von ihm gelieferten 
Blätter sind die unbedeutendsten der ganzen 
Sammlung, verraten wohl eine geübte Hand, 
aber wenig Phantasie und ein geringes Kompo¬ 
sitionstalent. Sein Hauptverdienst scheint es 
gewesen zu sein, so viele bedeutende Künst¬ 
ler, wie sie in seinem Werke vertreten sind, 
um sich zu vereinigen und ihnen Interesse für 
die neue Erfindung eingeflösst zu haben. Der 
Grund für die Verwendung von Marmorplatten 
mag wohl auf der Schwierigkeit beruht haben, 
sich zu jener Zeit in Berlin Solnhofer Kalk¬ 
schieferplatten zu beschaffen, möglicherweise 
aber auch in materiellen Gründen zu suchen 
sein. Die ganze Sammlung der Reuterschen 
Drucke wiederzugeben ist deshalb nicht mög¬ 


lich, weil nur ein einziges vollständiges Exem¬ 
plar im Besitze des Buchhändler-Vereins in 
Leipzig vorhanden sein soll, und weil wir glau¬ 
ben, dass die Bedeutung der Erscheinung viel¬ 
mehr in dem künstlerischen Wert als in der 
Anzahl der Blätter zu suchen ist. Die Blätter, 
die meinen Ausführungen zu Grunde liegen, 
sind übrigens meiner eigenen Sammlung ent¬ 
nommen. Reuter hat die Anregung zu seinem 
Werke vielleicht durch den persönlichen Verkehr 
mit Senefelder, der 1801, wie schon früher be¬ 
merkt, in Offenbach a. M. arbeitete, erhalten, 
denn das erste uns vorliegende Blatt „Zwei 
Dioskuren" trägt die Unterschrift „W. Reuter, 
Darmstadt, 26. July 1803.“ Es ist den ersten 
Senefelderschen Notendrücken in Ausführung 
und Technik durchaus ähnlich und scheint auf 
Solnhofer Platten gedruckt zu sein, was bei der 
Nähe der Andr^schen Druckerei in dem von 
Darmstadt nur ein bis zwei Stunden entfernten 
Offenbach sogar die Annahme zulässt, dass es 
in der genannten Anstalt selbst hergestellt ist 

Kurz nach Beendigung dieser künstlerisch 
unbedeutenden Arbeit scheint Reuter nach 
Berlin übergesiedelt zu sein, denn das zweite 
uns vorliegende Blatt „ Pluto raubt Proserpina u 
trägt die Bezeichnung „W. Reuter, Berlin, Weih¬ 
nachten 1803“. An ihm ist unschwer zu er¬ 
kennen, dass sich der Künstler einer Marmor¬ 
platte bediente, auf welcher das Korn im 
Gegensatz zu den Solnhofer Platten grob und 
der Abdruck infolgedessen roh erscheint. Was 
bei fast bei allen Reuterschen Abdrücken Be¬ 
achtung verdient, ist die schöne tiefschwarze 
Farbe der lithographischen Tusche. Ein drittes 
Blatt, „Berlin, den 16. April 1804“ bezeichnet, 
erscheint wie ein letzter Versuch Reuters, be¬ 
vor er in die Öffentlichkeit tritt; es stellt einen 
nackten „ Tanzenden Jüngling mit Thyrsusstab u 
vor, eine Zeichnung, die flüchtig, aber flott aus¬ 
geführt, nur einen mangelhaften Abdruck geliefert 
hat. Im September 1804 beginnt Reuter mit 
der öffentlichen Herausgabe seines Werkes, zu 
dessen Vorrede er bemerkt: 

„Voll Vertrauen lege ich dem Publikum 
„diese Sammlung polyautographischer Zeich¬ 
nungen vor; ausser einigen Zeichnungen von 
„mir, haben die meisten vorzüglichen Künstler 
„Berlins verschiedener Fächer uneigennützig 
„aus Liebe zur guten Sache die Güte gehabt, 
„mich zu unterstützen“ ... 


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Z. f. B. 


17 


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130 


Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 


Der erste Jahrgang enthält Federzeichnungen 

von 

F. G. Weitsch: Schäferin, von weidendem Vieh 
umgeben, mit Hund. 

Prof .Niedlich: Der Centaur Chiron unterrichtet 
Achilles im Bogenschiessen. 

„ Schwebende Genien mit Palmen 

und Kränzen. 

F. Bolt: Griechisches Mädchen, den Schat¬ 

tenriss eines Jünglings zeichnend. 
Schumann; Auf einem Blatt zwei griechische 
Männerköpfe und Genrescene. 
y. GeneUi: Waldlandschaft mit Wasserfall 
und Figuren. 

C.F.Hampe; Kain erschlägt Abel. 

„ Griechische Familienscene. 

L . Wolf: Die Sündflut 

„ Phaeton. 

G. Schadow: Orest von Furien verfolgt. 

„ Römische Wagenscene. 

W. Reuter; Moses beschwört Schlangen über 

Egypten. 

„ Zwei Dioskuren, grösser als die 

von 1803. 

„ Auf einem Blatt drei kleine Zeich¬ 

nungen, eine Gebirgstypographie, 
ein Baum, eine Gebirgslandschaft. 
Diese Blätter sind sämtlich mit der Feder 
auf Marmor gezeichnet, die von Hampe und 
Wolf mit grossem künstlerischem Schwung 
behandelt, während das zweite Blatt von 
Schadow eine imposante Ruhe und Schönheit 
zeigt Eine Federzeichnung von Frisch liegt 
in so schlechtem Abdruck vor, dass man 
nur undeutlich eine Flusslandschaft mit Tempel 
aus altgriechischer Zeit erkennen kann. Den 
Übergang zur Kreidemanier scheint Reuter mit 
seinem Medusenhaupt" bilden zu wollen, das, 
vignettenartig behandelt, wahrscheinlich für 
Musikalienzwecke bestimmt gewesen ist Auf 
die Rückseite sind Noten lithographiert; diese 
einzige aus diesem Jahre vorliegende Arbeit 
ist mit „W. R. 1805“ bezeichnet. Im Jahre 
1806 hat der Herausgeber seinem Unternehmen 
neuen Schwung verleihen wollen, denn es 
befinden sich aus diesem Jahre in der Samm¬ 
lung mehrere in Kupferstichmanier brillant aus¬ 
geführte Blätter, mit Feder auf Stein gezeichnet, 
und es bleibt nur befremdlich, dass ausser 
Reuter lediglich C. W. Hampe und Frisch die 
Kreidemanier in Anwendung gebracht haben, 


trotzdem dieselbe schon Jahre vorher in Mün¬ 
chen besonders bei Landschaften verständnis¬ 
volle Verwendung fanden. Aus diesem Jahr¬ 
gang nennen wir: 

Franz Loepold: Landschaft mit Wasserfall. 

C. W. Hampe: Gebirgslandschaft mitWasserfall. 

„ Landschaft mit Wasserfall und 

Brücke. 

„ Grosse Gebirgslandschaft mit 

Fluss. 

Diese Blätter tragen den Titel und die 
Bezeichnung: „Polyauthographische Zeichnung 
von . . . ., mit der Feder auf Marmor gezeichnet 
und vervielfältigt im Verlage von W. Reuter, 
Berlin 1806.“ 

W. Reuter: Napoleon I., Empereur des Fran- 
gais, roi d’Italie. 

„ Alexander, Kaiser von Russland. 

Federzeichnung. 

C W. Hampe: Amor mit Bogen, Kreidezeich¬ 
nung. 

W. Reuter: Badende Nymphe in einer Fel¬ 
senlandschaft mit Wasserfall, 

ein in Zeichnung und Druck 

mangelhaftes Blatt, doch von 
reizender Gesamtwirkung. 

Auf einem Blatt zusammen mit Frisch, 

welcher einen Frauenkopf im Geschmack der 
damaligen Zeit bringt, der in Schönheit des 
Ausdrucks, in der Technik und als Abdruck 
gleich vollendet ist und zu den besten Stücken 
der Sammlung gehört, giebt Reuter den Kopf 
eines alten, bärtigen Mannes und eine Blatt¬ 
pflanzenstudie, Kreidezeichnungen, ebenso wie 
der Kopf von Frisch, und vorzügliche Beiträge. 
Einen antiken Frauenkopf in Kreidemanier 
scheint er trotz sechs auf einem Blatte an- 
gestellter Druckversuche nicht haben zur Wir¬ 
kung bringen können. Aus dem Jahre 1807 liegt 
eine kleine Karte von Wittich: Gegend um 
Ziesar, vor und eine andere von K.: Der 
Pichelsdorfer Werder nebst dem neuen Eiland. 
Als bedeutendstes Stück der ganzen Sammlung 
in technischer Beziehung erscheint ein Porträt, 
1807 gezeichnet von Franz Leopold: Friedrich 
Wilhelm III., König von Preussen, das den Fürsten 
im Profil in einem Medaillon darstellt. Dieses 
Blatt ist ähnlich der gepunzten Kupferstichmanier 
mit Kreide auf Marmor gezeichnet und von sel¬ 
tener Schönheit und Reinheit des Druckes, ebenso 
wie die Zeichnung vollendet ist. Dadurch bildet 


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Aufseesser, Künstlerische Frühdrucke der Lithographie. 


1 3 * 


es einen angenehmen Gegensatz zu seinem 
Seitenstück, das 1807 in gleicher Technik von 
Prof. Gottlieb Niedlich ausgeführt wurde, Luise, 
Königin von Preussen, darstellend, und das 
durch die mangelhafte Technik des Künstlers 
im Druck vollständig verdorben ist Trotz 
der glücklichen Auffassung des Porträts ist 
die Zeichnung roh, und von drei Abdrücken, 
welche vorliegen, kann kein einziger, selbst vor 
ungeübten Augen, die Bezeichnung genügend 
beanspruchen. Ein gleichfalls von Niedlich nach 
R. U. ausgeführter Kinderkopf ist gleichfalls im 
Druck verdorben und lässt darauf schliessen, 
dass der Künstler sich auch späterhin mit 
der lithographischen Kreidemanier nicht be¬ 
freunden konnte. 

Aus dem Jahre 1808 liegt von Hartmann: 
Ein Plan von Berlin und eine kleine Karte der 
Insel Rügen vor. Während 1809 die Produktivität 
Reuters ruht, finden wir im folgenden Jahre zwei 
1810 gezeichnete, aber erst 1818 gedruckte und 
herausgegebene Blätter, von denen das erste, 
eine Federzeichnung, in landschaftlicher wie in 
figürlicher Beziehung gleich bedeutend ist, 
indess das zweite, eine Kreidezeichnung, im 
Korn noch sehr roh erscheint und die Weich¬ 
heit der Münchener Drucke stark vermissen 
lasst. Es sind dies: 

L. Wolf: Hero und Leander. 

J. Genelli: Zwei Jagdhunde in einer Wald¬ 

gegend, 

denen sich als letztes Stück aus diesem Jahr¬ 
gang eine Federzeichnung, roh in Holzschnitt¬ 
manier ausgeführt: Der Zinsgroschen, von F. 
Grospietsch , anschliesst. Aus dem Jahre 1819 
liegen uns, in charakteristischer Weise aus- 
gefuhrt, von C. W. Kolbe: Eine Waldgegend, 
vor; neben diesen genannten vollendeten Blättern 
laufen noch gegen 50 Blatt Versuche Reuters, 
Köpfe und Tierstudien, die teils in Feder¬ 
zeichnung, teils in Kreidemanier ausgeführt 
sind. Fortschritte in der Technik repräsen¬ 
tieren sie nicht. Mit ,J. S. 1822“ bezeichnet, 
bildet ein Blatt, die Begegnung Faust und Gret- 
chens darstellend, den Abschluss der Reuter- 
schen Sammlung. Dasselbe ist ganz im Ge¬ 
schmack des XVI. Jahrhunderts gehalten und 


erscheint beim ersten Anblick wie ein schlechter 
Kupferstich aus jener Zeit; die Darstellung ist 
unschön und steif und der Druck mangelhaft. 
Es berührt peinlich, dass zu einer Zeit, in 
welcher die Lithographie in Deutschland 
bereits auf einer hohen Stufe technischer Voll¬ 
endung stand und Berlin lange schon Künstler 
besass, wie sie die lithographischen Reproduk¬ 
tionen der Königlichen Gemäldegalerien auf¬ 
weisen, Versuche so unfruchtbarer Art wie das 
vorliegende Blatt noch möglich waren. 

Wenn das Reutersche Unternehmen zu Be¬ 
ginn als ein hoch interessantes angesehen 
werden muss, weil es als erste Bethätigung 
der neuen Erfindung in Berlin zu betrachten ist 
und Künstler wie Schadow, Hampe, Genelli 
in seinen Bann zog, so muss doch eingestanden 
werden, dass sich Reuter gegen die Vervollkomm¬ 
nung der Lithographie streng abschloss, und dass 
sein Werk über das Stadium der Versuche nie 
hinaus kam. Trotz alledem muss es für die 
Geschichte der Lithographie als ein hoch be¬ 
deutendes bezeichnet werden, nicht von dem 
Standpunkt des Ästhetikers als vielmehr von 
dem des Forschers aus. 

Jedenfalls aber liefert die Beteiligung so vieler 
bedeutender Berliner Künstler an dem Werke 
den Beweis, dass die künstlerische Lithographie 
schon kurze Zeit nach ihrer Erfindung in 
Deutschland richtig erkannt und gewürdigt 
worden ist und dass es nicht der Anregung 
des Auslands bedurft hat, um Senefelder 
und seiner Kunst in seinem Vaterlande 
Gerechtigkeit und Würdigung, wenn auch' 
leider nicht materiellen Vorteil zu teil werden 
zu lassen. 

Die beiden ersten Dezennien des Jahr¬ 
hunderts haben dem deutschen Volke Auf¬ 
gaben gestellt, welche die Pfade der Kunst 
veröden liessen. Hoffen wir, dass nunmehr 
das neuerwachte Interesse an den Werken 
unserer zeitgenössischen Künstler-Lithographen 
in Sammlerkreise Anregung trage und auf die 
Pflicht zu pietätvollem Forschen nach den¬ 
jenigen Meistern und ihren Werken hinweise, 
welche die Grundlage zur heutigen Vollkom¬ 
menheit der Lithographie gelegt haben. 


* 3 E> 


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iluftteftgitmi! 

Titel der „Melusine“, Heidelberg, 1491. 

Originalgrösse des Drucks 4,91 1 4,3 cm. 

Die Historie von der schönen Melusine. 

Von 

Karl Schorbach in Strassburg i. E. 


er eigentliche Kern der Melusinensage 
ist ein uralter Märchenstoff, der in 
den verschiedensten Varianten fast 
über die ganze Erde verbreitet ist. 

Das Charakteristische des zu Grunde liegen¬ 
den Mythus besteht darin, dass ein Wesen 
höherer Ordnung sich mit einem Menschen zu 
ehelichem Bunde unter einer bestimmten Be¬ 
dingung vereint Bei Verletzung des Gebotes 
folgt die Lösung der Verbindung und der über¬ 
irdische Partner verschwindet. 

Diesen Grundgedanken teilen mit dem Me- 
lusinen-Mythus u. A. die bekannten Sagen von 
Amor und Psyche, Partonopier und Meliur, 
vom Schwanenritter Lohengrin, die ortenauische 
Sage vom Staufenberger und ausserdem zahl¬ 
lose Märchen der verschiedensten Volksstämme. 
Obwohl alle derselben Mythenwurzel entsprossen 
sind, so haben sich doch die einzelnen Äste 
eigenartig entwickelt. Die gestellten Bedingungen 
verändern sich, die Trennungsursachen sind ver¬ 
schiedene, der Abschluss wechselt. 

Bei dem engeren Melusinentypus gilt speziell 
der folgende Trennungsgrund: das Zauberwesen 
entflieht, wenn es in seiner wahren Art (Tier¬ 
gestalt) geschaut und offenbart wird. Auch dies 
Motiv liegt in verschiedenen Darstellungen vor. 

Die Frage nach dem Ursprung des My¬ 
thus hat mehrfach zu sagenkritischen Unter¬ 
suchungen angeregt und mannigfache Deu¬ 


tungsversuche hervorgerufen. Die französischen 
Forscher erklären ihn meist für eine örtliche Sage 
des Poitou (vgl. L. Favre in der Einleitung zu 
Nodots „Melusine“, 1876, und L. Desaivre „Le 
mythe de la M&re Lusine“, 1882). Andere deuten 
auf Grund von Mythenvergleichung die Melu¬ 
sine als ein Wolkenwesen, z. B. E. Blacher „La 
legende de Melusine“, 1872, und Marie Nowack 
„Die Melusinen-Sage“, 1886 (die letztgenannte 
tüchtige Arbeit bietet eine gute Übersicht mit 
Angabe der reichen Litteratur). Viel weitere 
Ausblicke eröffnet die ethnologische Unter¬ 
suchung von Prof. J\ Köhler „Der Ursprung der 
Melusinensage“, 1895. Nach ihm führt die Sage 
in das tiefste Altertum zurück, „wo die Mensch¬ 
heit noch dem Totemismus anhing“ Jedenfalls 
haben die neuesten Forschungen sicher darge- 
than, dass die Grundlage der Melusinensage 
ein uralter allgemeiner Mythus bildet. 

Dieser Mythus hat aber unleugbar sehr 
früh in Poitou Wurzel gefasst. Hier wurde 
die Sage zur Familiengeschichte des weit zurück 
reichenden Geschlechtes Lusignan gestempelt, 
das die Schlangenfee im Wappen führte. Hier 
erhielt das bisher namenlose Doppelwesen des 
Mythus als Ahnfrau der Familie die Benennung 
Mellusigne (aus Merlusigne) mit deutlich er¬ 
kennbarer Anlehnung an den Geschlechts¬ 
namen Lusignan. Noch heute lebt die „m£re 
Lusine“ überall im Volksglauben des Poitou fort. 



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Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


133 


Der Inhalt der Melusinensage, wie er sich 
in Frankreich auf Grund von Familientraditionen 
ausbildete, daselbst ausprägte und dann in die 
meisten europäischen Literaturen überging, ist 
folgender: 

Raimondin, der Sohn des Grafen von Forst, lebt 
am Hofe seines Oheims zu Poitiers. Bei einer Eber¬ 
jagd hat er das Unglück, den Oheim mit dem Speer 
zu Tode zu treffen. Trauernd irrt er durch den Wald 
und findet bei einem Quell 3 Jungfrauen, deren schönste 
(Melusine) den Erstaunten bei Namen nennt, ihm Trost 
spendet und glückliche Zukunft verheisst Sie ver¬ 
spricht seine Gattin zu werden unter der Bedingung, 
dass er an keinem Samstage ihr nachforsche. Mit 
feierlichem Schwur gelobt es Raimond. Am Nixen¬ 
quell, wo er auf Anraten Melusinens durch List ein 
ansehnliches Lehen erhält, wird ein reiches Hochzeits¬ 
fest gefeiert Bald erhebt sich dort wie durch Zauber 
ein festes Schloss, der Herrin zu Ehren Lusinien ge¬ 
nannt Viele Jahre verlebt das Paar in höchstem Glück. 
Melusine erbaut inzwischen noch viele Burgen, ein 
Kloster und die Stadt Parthenay. Ihren Gatten be¬ 
schenkt sie im Laufe derZeit mit zehn Söhnen, von denen 
aber jeder mit einem körperlichen Fehler behaftet ist. 
Diese werden fast alle tapfere Helden, bestehen Aben¬ 
teuer in Jerusalem, Cypem, Armenien, Eisass und 
Böhmen und vermählen sich mit Königstöchtern. 
Einstmals lässt sich Raimond durch Einflüsterungen 
seines Bruders bestimmen, Melusine gegen das Gebot 
an einem Samstag zu belauschen. Durch eine Thür¬ 
spalte erblickt er sein Weib im Bade. Da enthüllt sich 
ihm ihre Doppelnatur: der menschliche Oberkörper ist 
von wunderbarer Schönheit, endigt aber in Schlangen¬ 
gestalt Zornig treibt er den verläumderischen Bruder 
aus dem Schloss und versinkt in Reue. Melusine ist 
sein Vergehen nicht verborgen geblieben, sie schweigt 
aber, weil er das Geheimnis nicht offenbart hat Bald 
darauf vergisst sich Raimond jedoch im Zorn so gegen 
sein Weib, dass er Melusine vor allem Volk eine böse 
Schlange nennt Schmerzerfiillt wirft diese ihrem Gat¬ 
ten Meineid vor und klagt, dass sie nun auf ewig schei¬ 
den und unerlöst bis zum jüngsten Tag in Pein ver¬ 
harren müsse. Nachdem sie Raimond noch Ratschläge 
erteilt, nimmt sie ergreifenden Abschied und segnet den 
Trostlosen. Dann entweicht Melusine, als grässlicher 
Drache verwandelt, durch das Fenster, schwebt noch 
dreimal mit kläglichem Geschrei um die Burg und ver¬ 
schwindet. ln den folgenden Nächten erscheint sie 
ihren beiden jüngsten Kindern, die sie zärtlich an 
die Brust nimmt; sodann bleibt sie ganz fort. Aber 
beim Tode des jeweiligen Schlossherm umkreist sie 
als Drache die Burg und lässt ihren Klageruf er¬ 
schallen. — 

Hiermit endet das eigentliche Märchen. In der 
französischen Ausbildung der Sage, die literarisches 
Gemeingut wurde, folgt jetzt noch ein ausführlicher 
Bericht über die Thaten des jungen Sohnes Geoflfroy. 
Von diesen hat nur das Abenteuer auf dem Berg 
Awelon höheres Interesse, weil wir daraus Melusinens 
Herkunft und die Entstehung ihrer Doppelnatur er¬ 


fahren, welche sie durch eine Verwünschung ihrer 
Mutter annahm. Femer hören wir von Raimonds Ende. 
Er pilgerte nach Rom, erhielt vom Papste Vergebung 
seiner Sünden und starb als Einsiedler auf dem Berg 
Monserat, wo ihn sein Sohn Geoflfroy bestattete. — 

Das Verdienst, die Melusinensage in die 
Litteratur eingeführt zu haben, gebührt dem 
Franzosen Jehan cPArras , der auf Wunsch des 
Duc de Berry in den Jahren 1387—94 den 
Prosaroman Melusine verfasste. In den zahl¬ 
reich erhaltenen Handschriften — die National¬ 
bibliothek in Paris allein besitzt deren 5 — führt 
das Werk meist den Titel „L’histoire de Lusignan“. 
Aufgabe und Absicht war es, die Familienge¬ 
schichte des Geschlechtes Lusignan zu schrei¬ 
ben, das die Melusine als Stammmutter verehrte 
und im Wappen führte. Neben der alten örtlichen 
Sage, die im Poitou umlief, und neben den Fa¬ 
milienüberlieferungen benutzte Jean d'Arras alte 
Chroniken. Sein Roman, von dem eine kri¬ 
tische Ausgabe noch mangelt, hat sich rasch 
verbreitet und errang seit dem XV. Jahrhundert 
einen stetig wachsenden Erfolg. Zum ersten 
Male wurde er 1478 zu Genf durch A. Stein¬ 
schaber gedruckt (Neudruck nach der editio 
princeps von Ch. Brunet 1854). Es folgten 
zahlreiche französische Ausgaben von ca. 1500 
bis in die Neuzeit teils in treuer Wiedergabe, 
teils in freier Bearbeitung (vgl. Brunet, Manuel 
III 5 , S. 519 ff., und Suppl. I, S. 695). Früh fand 
sein Werk auch schon Aufnahme in andere 
Litteraturen. So kennt man eine spanische Über¬ 
setzung (Tholosa 1489 und Sevilla 1526), ferner 
eine niederländische (Antwerpen 1491 und Delft 
1510; vgl. Graesse, Tresor III, S. 456) und eine 
mittelenglische, die erst vor kurzem von A. K. 
Donald nach der Handschrift herausgegeben 
wurde (London 1895). 

Eine neue Bearbeitung des Stoffes entstand 
an der Grenze des XIV. und XV. Jahrhun¬ 
derts in einem französischen Gedicht, welches 
den trouvere Couldrette zum Verfasser hat. 
Dieser stand im Dienste der Herren von Par¬ 
thenay, die gleichfalls ihren Ursprung auf Me¬ 
lusine zurückführten. Couldrette schrieb seine 
„Mellusigne“ oder „Roman de Parthenay ou de 
Lusignan“, wie sein Werk in den Handschriften 
bezeichnet wird, auf Veranlassung des Guil- 
laume VII. und Jean de Parthenay und voll¬ 
endete es nach dem 17. (18.) Mai 1400. Dies 
Datum giebt der Übersetzer Thüring von Rin- 


✓ 


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*34 


Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


goltingen an. Das französische Werk umfasst 
6629 gereimte Verse und ist durch Überschriften 
in ungleiche Abschnitte geteilt (Ausgabe von 
Franc. Michel 1854). 

Couldrette erzählt nach anderen Quellen als 
sein Vorgänger Jehan d’Arras; er selbst weist 
im „Prologue“ auf eine ältere gereimte Bear¬ 
beitung der Sage in französischer Sprache hin 
und erwähnt weiterhin „deux beaux livres en 
la/in, qu’on fist translater en frangois“. Das 
Reimgedicht Couldrettes erhebt sich sowohl 
durch planvolle Anordnung als durch die Kunst 
der Erzählung weit über den breiten und ver¬ 
worrenen Prosaroman des Jehan d’Arras, von 
dem es sich auch inhaltlich nicht unwesentlich 
in vielen Punkten unterscheidet. 

Eine dritte Darstellung erfuhr die Melusinen- 
sage im XVII. Jahrhundert durch den Fran¬ 
zosen Jean Nodot , der in seiner „Histoire de Me¬ 
lusine“ einen neuen Prosaroman schuf (zuerst 
1648 erschienen, 2. Ausg. 1700, Neudruck von 
L. Favre 1876). Auch dies Werk entstand auf 
Wunsch vornehmer Personen, „qui sont sorties 
de la fameuse Melusine“. Nodot bietet darin 
den alten Stoff in neuem Gewände. Er erzählt 
mit grossem Geschick und sucht durch einge¬ 
streute Episoden, gelehrte Exkurse und geist¬ 
reiche Betrachtungen den Geschmack seiner 
Zeit zu treffen. Im Wesentlichen fusst Nodot 
auf seinem Vorgänger Jehan d’Arras, doch 
rühmt er sich, daneben auch viele andere ein¬ 
schlägige Quellen erhalten und benutzt zu haben. 

Die Verpflanzung des französischen Melu- 
sinenromans in die deutsche Litteratur vollzog 
sich um die Mitte des XV. Jahrhunderts. Einem 
Schweizer, Thüring von Ringoltingen , ist es zu 
danken, dass dieser schöne Stoff dem deutschen 
Volke bekannt wurde. Nicht der Prosaroman 
des Jehan d’Arras war es, wie man früher 
fälschlich annahm, sondern das Reimgedicht 
des Couldrette, welches durch ihn in deutsche 
Prosa übertragen wurde. Am 29. Januar 1456 
war das grosse und schöne Werk vollendet. 

Über das Leben des Thüring von Ringol¬ 
tingen sind wir genügend unterrichtet (vgl. 
Berner Taschenbuch 1878, S. 43 ff.; Sammlung 
Bemischer Biographien II, S. 186 ff, und Allg. 
deutsche Biogr. 28, S. 634 f.). Er wurde als ein¬ 


ziger Sohn des Rudolf Zigerli von Ringoltingen 
um 1415 in Bern geboren. Von seinem Vater, 
der als Diplomat und Feldherr in der Geschichte 
Berns eine hervorragende Rolle spielte, ererbte 
er einen einflussreichen Namen und reichen 
Besitz. Seit dem Jahre 1435 war er Mitglied 
des Rates, und in dem Zeitraum 1458—67 stand 
er viermal als Schultheiss an der Spitze seiner 
Vaterstadt. Obwohl er sich rege am öffent¬ 
lichen Leben beteiligte, errang er keine führende 
Stellung wie sein Vater, dessen staatsmännische 
Begabung ihm mangelte. Im Jahre 1461, als er 
zum zweiten Male Schultheiss war, dichtete ein 
unbekannter Solothumer ein Spottlied auf ihn. 
Im Twingherrnstreit stand Thüring von Rin¬ 
goltingen mannhaft auf der Seite des Adels. 
Während der Burgunderkriege gehörte er der 
französischen Partei an und bezog von Lud¬ 
wig XI. ein Jahrgehalt von 250 Fr., ein Zeichen, 
dass man seiner Stimme Gewicht beilegte. An 
den eidgenössischen Tagen beteiligte er sich 
bis 1480, an den Berner Ratssitzungen bis 1483. 
Thüring war vermählt mit Verena von Hunwyl, 
welcher Ehe fünf Töchter entsprossen. Sein 
bedeutendes Vermögen war im Lauf der Zeit, 
wohl im Dienste der Stadt, sehr zusammen¬ 
geschmolzen. Er starb als der Letzte seines 
Stammes bald nach dem 8. März 1483. Wahr¬ 
scheinlich wurde er, wie sein Vater, in der 
Familienkapelle der Ringoltingen im Münster 
zu Bern beigesetzt. 

Die Bedeutung Thürings von Ringoltingen 
liegt nicht in seinen Leistungen als Staatsmann, 
wozu ihn seine beschauliche Natur wenig be¬ 
fähigte. Seine Begabung trat auf einem andern 
Felde zu Tage. Sie zeigt sich in seinen jüngeren 
Jahren, noch bei Lebzeiten seines Vaters, in 
einem regen Interesse für die Kunst und vor 
allem durch Bethätigung in der Litteratur. Mit 
der Geschichte des S. Vincenz-Münsters zu Bern 
ist sein Name rühmlichst verbunden. Mit Eifer 
wirkte er (1448—56) als Pfleger am Münster¬ 
bau, wofür sein noch erhaltenes Rechnungs¬ 
buch beredtes Zeugnis ablegt. Durch seine Be¬ 
mühungen entstand der kostbare Schmuck des 
Zehntausend-Ritter-Fensters, für das er selbst 
reiche Gaben spendete, und einige Zeit später 
auch das von ihm gestiftete Dreikönigsfenster 
(vgl. „Berner Taschenbuch“ 1885, S. 120 ff, 
sowie B. Händcke und Aug. Müller „Das 
Münster in Sem“, 1894, S. 7 f. und S. 148). 


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Blatt 18a aus der „Melu si ne**, Heidelberg, 149t. 
Originalgrösse des Drucks 21 r 14,5 cm., Papieryrösse 25,3: 19,2 cm. 


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136 


Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


Uns interessiert Thüring von Ringoltingen 
vor allem als Übersetzer des Melusinenromans. 
Über die Entstehung seiner Übersetzung er¬ 
fahren wir Näheres aus dem Werke selbst 
Wie es in dem Vorwort heisst, hat Ringol¬ 
tingen die Geschichte von der „Meerfei“ Melu¬ 
sine für den Markgrafen Rudolf von Hochberg 
„zu teutscher Zungen gemacht vnd translatiert“, 
und zwar im Glauben an ihre historische Wahr¬ 


heit. Als Datum der Vollendung nennt er am 
Schlüsse Donnerstag nach S. Vincenzentag 
(29. Januar) 1456. Indem das französische Ge¬ 
dicht des Couldrette in deutsche Prosa umge¬ 
setzt wurde, ergab sich naturgemäss eine freie 
Übertragung. Dies deutet auch Ringoltingen 
selbst mit den Worten seiner Einleitung an: 
„Vnd ob ich den sin der matery nit gancz nach 
dem wälschen büch gesetzt hab, so han ich 
doch die subsiantz der matery so best vnd ich 
kund begriffen.“ Das Verhältnis der deutschen 
Melusine zu ihrer französischen Vorlage ist vor 


kurzem durch H. Ffölicher („Thüring von Rin¬ 
goltingens Melusine,“ 1889) näher untersucht 
worden. Eine Vergleichung der beiden Texte 
zeigt, dass der Übersetzer dem Original nicht 
immer genau folgt Abgesehen von neuer Ein¬ 
teilung des Stoffes erlaubt er sich manche Frei¬ 
heiten; Auslassungen, Besserungen und kleine 
Umstellungen sind zu bemerken, eigene Be¬ 
trachtungen und Zitate werden eingeschaltet 

u.A.m. An Fehlern 
und Missverständ¬ 
nissen ist kein Man¬ 
gel. Die Schuld 
daran mag zum Teil 
die Undeutlichkeit 
der benutzten hand- 
schriftlichenVorlage 
tragen, andrerseits 
wird aber auch Rin¬ 
goltingen das Fran¬ 
zösische nicht ge¬ 
nügend beherrscht 
haben. So hat er 
z. B. la fontaine de 
soif-joli (d. h. der 
Quell am „wunnig- 
lichen Hag“) mit 
Durstbrunnen über¬ 
setzt Andere komi¬ 
sche Versehen be¬ 
gegnen ihm bei 
Eigennamen (vgl. 
bei Frölicher S. 34 
f.). Der Übersetzer 
hat in seiner Be¬ 
arbeitung nicht den 
eleganten Stil des 
französischen Ori¬ 
ginals erreicht. Er 
selbst fühlt dies recht wohl und sagt bescheiden, 
dass er „zu translatieren nicht ein meister“ sei. 
Doch ist sein Erzählertalent nicht zu unter¬ 
schätzen, wie K\ Biltz („Festschrift für Rud. 
Hildebrand“, 1894) an schönen Proben gezeigt 
hat. Eine derselben möge nachstehend (nach 
der Ausgabe von 1491) wortgetreu folgen; es 
handelt sich um den |Abschied der Melusine 
von ihrem Raimond: 

Melusyna die sprang mit ebnen Füssen in ein 
venster vnd luget do hynn auss vnd wolt doch nit von 
dannen scheiden on vrlaub der landesherren vnd alles 



Aus der ..Melusine“. Strassburg, um 1483. 
Melusine, von den Drachen bewacht. 
Originalgrösse 12.4 : 12,8. 


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Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


137 


hoffgesmds, als ir hören werdent Nun sprach sy aber 
fürbas zu Raymond vnd gesegenet in vnd sprach: 
Gesegne dich got, meynn hertz, mein lieb, min gewore 
rechte freudl Gesegne dich got, mein zeitliches wol* 
gefallen I Gesegne dich got, mein holtselyger aller¬ 
liebste gemahelt Gesegne dich got, mein köstliches 
kleinot, daz ich so süsse vnd so lieblich erzogen hab 1 
Gesegne dich got, mein süsse creaturl Gesegne dich 
got, mein freuntlicher herr vnd süsser hört! — Ach, 


der tüchtigsten „Ausbildner unserer deutschen 
Prosa“ genannt zu werden. Volle Würdigung 
wird seine Leistung erst finden können, wenn 
sein Werk in kritischer Ausgabe nach den 
besten Handschriften vorliegt Unstreitig ist 
Ringoltingens Melusine eines der besten 
deutschen Volksbücher, dem der verdiente 
Beifall der Menge durch Jahrhunderte hin¬ 


Au» der „Melusine", Strassburg, um 1483. 
(Blatt 13b: Weihe des Hochseitsbettes durch den Erzbischof. 
Originalgrösse. 


nun gesegne dich got, 
mein allerliebster trost 
vnd mein hört in meines 
hertzens grund! Ge¬ 
segne auch got alles 
volck! Gesegne auch 
got das schlosLusynien, 
das so fin vnd so schon 
ist, daz ich gemacht 
vnd selbs gestifft habe. 

Gesegne dich got, du 
süsses saitenspil! Ge¬ 
segne dich got, aller 
breyss vnder disser 
weit! Gesegne dich 
got, alles das einer 
frawen wol gefallen 
mag! Gesegne dich 
got, meynn allerliebster 
friunt, der meynn hertz 
gantz hat besessen! 

Do nu Melusine dise 
wort alle folbracht vnd 
do tat sy vor inen einen 
sprang vnd sprang 
gegen einem venster 
vnd schoss also zu dem 
fenster auss vnd was 
tzu stunde eines augen- 
blickes vnder dem 
gurtel nider wider ein 
vientglicher vngehürer 
grosser langer wurmb 
wordenn. Des sy sich 
alle ser verwunderten. 

Denn nyemant vnder 
yn allen sy vormals also 
in dem statt gesehen 
noch vernummen hett, 
denn allein Raymond. 

O der eilenden stund, do er mit ir zu stoss kam von 
Goffroys wegenn, als ir gehört hannt Melusina schoss 
hin dannen durch den lufft gar schnell als sy flüg vnd 
vmbfur das schlos zu dem drytten mal und Hess zu 
ygiichem mal ein grossen schrey gar zu mol erbermb- 
klichen vnd schoss also durch den luflffc hin schnell 
das in kurtzem alles volck nyemant sye me gesehen 
möcht. . . 

Thüring von Ringoltingen verdient neben 
seinen Zeitgenossen H. Steinhöwel, Albrecht 
von Eybe und Nicolaus von Wyle als einer 
z.ta 


durch bis in unsere Tage erhalten blieb. Eine 
überaus reiche Überlieferung an Handschriften 
und alten Ausgaben bezeugt die Beliebtheit 
des Buches. 

Um den Lesern ein deutliches Bild von 
dem Fortleben desselben zu geben, lasse ich 
eine Zusammenstellung des mir bekannt ge¬ 
wordenen bibliographischen Materials folgen 
und zwar in der kurzen Fassung, wie sie der 
Zweck dieser Zeitschrift fordert Für wahre 

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138 


Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


Bücherfreunde werden diese dürren Aufzählungen 
jedoch rasch Leben gewinnen und ihnen zu 
interessanten Beobachtungen Anlass geben. 

Von der deutschen Melusine habe ich die 
nachstehenden 14 Manuskripte notiert, sämtlich 
Papiercodices des XV. Jahrhunderts, die zum 
Teil mit Malereien geschmückt sind. 

1) Handschrift No. 747 fol zu Klosterneuburg, ge¬ 
schrieben von Cunrat Beck in Mengen und vollendet 
am 5. Januar 1467. (Vgl. „Anzeiger £ Kunde der 
deutschen Vorzeit“ VII, Sp. 6x2.) 

2) Manuskr. No. 1193 des Nationalmuseums in 
Nürnberg, datiert 1468 und mit altkolorierten Feder¬ 
zeichnungen geschmückt Die Bilder sind teilweise im 
, Anzeiger für Kunde der Vorzeit“ 1882—83 reproduziert 
Das Buch gehörte früher dem Büdhauer L. Schwanthaler. 

3) Codex O. I. 18 der Univ.-Bibliothek zu Basel 
vom Jahre 1471. Die Abschrift fertigte Nie. Meyer in 
Basel; ein tüchtiger Meister zierte sie mit Illustrationen, 
die von dem alten Baseler Druck kopiert wurden. 

4) Ms. germ. fol 1064 der KgL Bibliothek Berlin. 
Es ist die frühere Riedegg-Efferdinger Handschrift der 
Fürstl. Starhembergischen Sammlung. Als Schreiber 
nennt sich H. Wincklär zu Hall (im Innthal) mit der 
Jahreszahl 1471. Im XV. Jahrhundert gehörte der Codex 
dem Frauenkloster Maria-Thal bei Voldep a. Inn. (Vgl. 
Pfeiffers „Germania“ XII, S. 3ff.). 

5) Handschrift der Staatsbibliothek München Cgm 
318, fol vom Jahre 1476. 

6) Cgm 252 fol. derselben Bibliothek, entstanden 
zwischen 1477—1780. 

7) Codex 454 fol der Vadianischen Bibliothek in 
St. Gallen. Abschrift von Hans Wissach von St Gallen 
aus dem Jahre 1478 (Scherrers Verzeichnis, S. 130). 

8) Handschrift No. 59160. 4 0 des Nationalmuseums 
in Nürnberg vom Jahre 1483, ohne Büder. Früherer 
Besitzer war Wilh. v. Urbach. (Vgl C. Steyers Antiqu. 
Kat. 17, S. 44). 

9) Codex Poet fol No. 10 der Kgl. öffentl. Bibliothek 
zu Stuttgart , aus dem XV. Jahrh., ohne Illustrationen. 

10) Handschr. No. 143 fol. der Fürstl. Fürsten- 
bergischen Bibiothek in Donaueschingen, XV. Jahrh. Für 
Malereien ist Raum gelassen, sie sind aber nicht aus¬ 
geführt. Am Schlüsse 5 gemalte Wappen der Familie 
von Lusignan. (Vgl Barack, S. I44f.). 

11) Cod. ms. germ. 5 der Stadtbibliothek zu Ham¬ 
burg , XV. Jahrh.; aus Uffenbachs Sammlung. (Vgl. 
„Bibliotheca Uffenbachiana“ IV, S. 180.) 

12) Cod. ms. CIV. 4 0 der Univ.-Bibliothek Giessen, 
XV. Jahrh. Auf Bl. 132—199* steht die Melusine im An¬ 
schluss an die Griseldis. (Vgl. Adrians Catalogus, S. 43). 

13) Ms. germ. fol 779 der KgL Bibliothek zu Ber¬ 
lin, aus dem Ende des XV. Jahrhunderts. 

14) Handschrift L. germ. 306 fol. der Kais. Univ.- 
und Landesbibiothek zu Strassburg. Ende des XV. 
Jahrhunderts, ohne Illustrationen, 98 Blätter, am Anfang 
defekt. Es ist der erste Teil der früheren Veesen- 
meyerschen Handschrift, die bei Bragur IV, 2 S. 176 
in ziemlich eingehender Weise beschrieben ist. 


Schon früh bemächtigte sich die Buch- 
druckerkunst des beliebten Buches und sorgte 
für seine Verbreitung in immer weiteren Kreisen. 
Bereits im XV. Jahrhundert entstanden zahl¬ 
reiche Ausgaben der deutschen Melusine, so 
dass man auf eine starke buchhändlerische 
Nachfrage schliessen darf. Man hat behauptet, 
dass die erste Ausgabe schon im Jahre 1466 er¬ 
schienen sei, und hat sich dabei auf das „Buch 
der Liebe“ von 1587 bezogen. Die angeführte 
Stelle (BL 284*» Sp. 2) beweist aber, dass dort 
von der Entstehung des Textes 1456 die Rede 
ist, wofür durch Druckfehler 1466 gesetzt wurde. 

Der älteste datierte Druck der Melusine er¬ 
schien zu Augsburg im Jahre 1474 — also vier 
Jahre vor dem französischen Erstlingsdruck — 
und beansprucht den Rang der editio princeps, 
da keine der erhaltenen undatierten Ausgaben 
über das Jahr 1474 zurückgeht. An Inkunabel- 
Drucken des Buches sind folgende bekannt 
geworden, durchweg mit Holzschnitten geziert. 
Sie tragen fast alle keinen eigentlichen Titel, 
sondern beginnen mit einer Überschrift, die in 
der ältesten Ausgabe so lautet: 

DAs abenteürlich büch beweyset vns von || 
einer frawen genandt Melusina . . . 

1) Augsburg, /oh. Bämler 1474 fol., 100 Blätter zu 
27 (28) Zeilen mit 72 Holzschnitten. Vgl. Hain „Repert 
bibliogr.“ No. 11064. [Fundort: München], Diese Aus¬ 
gabe ist wahrscheinüch einem der Nürnberger Melu¬ 
sinen-Handschrift von 1468 nahestehenden Manuskript 
nachgedruckt. Im Bildercyklus finden sich manche 
Parallelen. 

2) Ohne Ort u. Jahr fol. (Basel, Bernhard Richel 
ca. 1475) “= Hain 11063. Ein kompletes Exemplar um¬ 
fasst 100 Bll. zu 32—35 Z. mit 67 guten, fast blattgrossen 
Holzschnitten, die nach der Baseler Hs. von 1471 ge¬ 
arbeitet sind. [Fundorte: Berlin, Cassel, Darmstadt, 
Karlsruhe (aus St Peter), München, Brit Museum. 
Fragmente in Freiburg und Göttweig]. Auf Basel weist 
das Wappen in der Titelbordüre, auf den Drucker B. 
Richel die Typen (■= Sachsenspiegel 1474). Der Richel- 
sche Druck fällt später als 1474. Von der editio prin¬ 
ceps unterscheidet er sich sowohl textlich als in Zahl 
und Auswahl der Bilder. 

3) O. O. u. J. fol. (Strassburg, H. Knoblochtzer ca. 
1477), 80Blatt zu 30—35 Z. mit 67 Holzschnitten, die nach 
der Richelschen Ausgabe kopiert sind. Vgl. Hain 11061; 
Schorbach-Spirgatis „H. Knoblochtzer“ No. 7. [In Ber¬ 
lin, Brit Mus., Paris B. N., Fragment in Oldenburg]. 

4) 0 . 0 . 1478 fol. mit Holzschnitten — Hain 11065. 
Wahrscheinlich in Strassburg gedruckt; vgl Schorbach- 
Spirgatis S. 72. Ein Exemplar besass Breitkopf. 

5) O. O. u. J. fol. (Strassburg, Joh. Prüss ca. 1480), 
82 Bll mit 67 Holzschnitten nach Knoblochtzers Druck. 
Fehlt bei Hain. Das Berliner Exemplar gehörte früher 


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Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


139 


den Bibliophilen Kloss und Heyse; ein kleines Bruch¬ 
stück in Freiburg. 

6) Augsburg, Joh. Bämler 1480 fbL , 100 BL zu 28 
Z. mit 72 Holzschnitten. Fehlt bei Hain. In der Stifts¬ 
bibliothek zu St. Gallen (Scherrers Verz. No. 999). 

7) O. O. u. J. fol. (Strassburg, H. Knoblochtzer ca. 
1483), 64 B 1 L zu 33—39 Z. mit 67 Holzschnitten. Fehlt 
bei Hain; vgL Schorbach-Spirgads No. 18. [In Berlin, 
BibL Lipperheide, Karlsruhe, Brit Mus. und Strassburg]. 

8) (Strassburg, Martin Schott 1483), von Prof. Edw. 
Schröder „Zwei altdeutsche Rittermaeren“ S. XXXIV 
benutzt Fundort trotz Anfragen bei 60 Bibliotheken 
nicht zu ermitteln. 

9) O. O. u.J 4 0 (Augsburg, A. Sorg. ca. 1485) -» 
Hain 11062. Ein komplettes Exemplar umfasst wohl 
110 BU. zu 29 Lin. mit 71 Holzschnitten. [München, 
defekt]. Diese Ausgabe ist Nachdruck der Bämlerschen. 

10) Heidelberg, H. Knoblochtzer 1491, fol., 40 Bll. 
zweispaltig zu 45—46 Z. mit 67 Holzschnitten Hain 
11066. Exemplare in Heidelberg (stadt. Sammlg.), 
München U.-BibL und im Antiqu. Stargardt-Berlin 
(früher im Besitz von L. Rosenthal und K. Biltz). Das 
Stargardtsche Exemplar ist für 1000 Mk. käuflich. — 

Dies ist die erste Ausgabe mit einem wirk¬ 
lichen Titel: „Melofine . gefchicht | Mit. den . 
figuren.“ Das vom Verlag diesem Aufsatz bei¬ 
gefügte Facsimile ist eine Wiedergabe von 
BL i8 a des Buches. Man sieht, wie der Drucker 
auf eine reiche Ausstattung bedacht ist, aber 
nicht über zureichende Mittel verfugt. Die Holz¬ 
stöcke seiner Strassburger Melusinen-Drucke 
hat Knoblochtzer nicht mit nach Heidelberg 
gebracht Hier standen ihm keine geübten 
Formschneider zur Seite, so dass die neue Aus¬ 
gabe von 1491 nur rohe Bilder erhalten konnte. 
Die Holzstöcke zu diesem Druck gingen später 
in den Besitz des Strassburger Typographen 
Joh. Knoblauch über, der sie in seiner Melu¬ 
sinen-Ausgabe von 1516 wieder abdruckte. 

Der letzte Inkunabel-Druck der deutschen 
Melusine erschien in niederdeutscher Sprache. 
Es ist nachstehender: 

11) O. O. u. J. fol. (Lübeck, Stephan Amdes ca. 
1495), umfasste ca. 80 B 1 L zu 36 Z. mit Holzschnitten. 
Fehlt bei Hain. Vgl. Lappenberg „Buchdruck in Ham¬ 
burg, 11 S. 8. Ein ganz defektes Exemplar besitzt die 
Stadtblibliothek zu Hamburg. 

Im XVI. Jahrhundert stieg die Leselust des 
Volkes, und die rasch zerlesenen Auflagen muss¬ 
ten durch neue ersetzt werden. Jetzt wurde die 
„Histori oder geschieht von der edlen vnd 
schönen Melusina“, wie fortan meistens der 
Titel lautet, zum wahren Volksbuch . Die Aus¬ 
gaben des XVI. Jahrhunderts, von denen sich 
Spuren erhalten haben, sind die folgenden: 


12) Die hystoria von melusina. Strassburg , M. 
Hüpf uff 1306 fol. mit 71 Holzschnitten, von denen 69 
aus Joh. Prüss Ausgabe (ca. 1480) entnommen sind. [In 
Berlin u. Zürich]. 

13) Die Histori od’ geschieht von der edeln vn 
schönen Melusina. Strassburg, Jok. Knoblauch 1316. 
4°, mit 68 Holzschnitten, von denen die Textbilder aus 
der Heidelberger Ausgabe von 1491 stammen. [Berlin, 
Strassburg, Wolfenbüttel]. 

Fast den gleichen Titel haben die folgen¬ 
den Drucke. Vorausschicken will ich, dass die 
in Goedekes Grundriss 1*355 genannten Aus¬ 
gaben von 1530, 1546 und 1578 („Buch der 
Liebe“) nicht existieren. 

14) Augsburg, H. Steyner 1538. 4 0 mit Holz¬ 

schnitten aus der Burgkmairschen Schule. [Augsburg, 
Berlin und Brit. Mus.]. 

15) Augsburg, H. Steyner 1339. 4° mit Holzschnitten. 
[München Univ.-BibL und Wien]. 

16) Strassburg , Jak. Frölich 1340. 4 0 mit guten 
Illustrationen. [Privatbesitz, defekt]. 

17) Augsburg, H. Steyner 1343. 4 0 mit Holzschnitten. 
[Germ. Museum, Wien, Wolfenbüttel]. 

18) Augsburg, H. Steyner 1347. 4 0 mit Holzschnitten, 
(vgl. „Allg. lit Anzeiger“ 1801, 984 und Weigels Kunst¬ 
katalog IV No. 19439). 

19) Frankfurt a. M., H. Gülfferich 1349. 4° mit 
Holzschnitten. [München Univ.-BibL]. 

20) Frankfurt a. M., Weygand Han o.J. (ca. 1560) 
8° mit 65 Holzschnitten. [Darmstadt]. 

21) (Strassburg ca. 1560). Die Existenz dieses ver¬ 
lorenen Druckes beweisen einige im Besitz der Buch¬ 
druckerei Heitz-Strassburg befindliche alte Holzstöcke. 

22) Frankfurt a. M., Catharina Rebartin u. Kilian 
Han 1371 . 8° mit Holzschnitten. [Celle]. 

23) Frankfurt a. M., Paul Reffeier in Verl. Kilian 
Hans 1377. 8° mit Holzschnitten. [Göttingen]. 

24) Die schöne vnd liebliche Historie oder wunder- 
barliche Geschieht von der Edlen vnd schönen Melu¬ 
sina. Strassburg, Christian Müller 1377. 8° mit guten 
Holzschnitten. Ein Exemplar besass Panzer und nach 
ihm v. d. Hagen, aus dessen Sammlung es 1857 für 
13 Thal er versteigert wurde. 

25) Melusina. Von Lieb vnd Leyd, Ein schöne 
vnnd lustige Histori. O. O. u.J. (Augsburg ca. 1579) 8°. 
72 Bll. mit Holzschnitten. [Göttingen, Wien]. 

26) Von Lieb vnd Leyd. Ein schöne Histori oder 
Geschichte der edlen vnd schönen Melusina. O. O. u.J. 
(ca. 1585) 8° mit Holzschnitten. [Berlin]. 

27) Eingereiht in die berühmte Romansammlung: 
Das Buch der Liebe. Frankfurt a. M., S. Feyerabend 
1387 fol. auf BL 262 b —284h mit dem Titel: „Ein wunder- 
barliche Geschieht, Historia vnd Geschieht von Melu¬ 
sina.“ Der Text der Melusine ist durch 22 Holzschnitte 
von Jost Amman geziert [Berlin, Darmstadt, Oxford, 
Wolfenbüttel]. 

Dass im XVII. Jahrhundert nur wenige neue 
Auflagen erschienen sind, kann nicht Wunder 
nehmen. Folgende 3 sind mir bekannt geworden: 


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140 


Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


28) Melusina. Die schöne vnd liebliche history 
oder wunderbarliche Geschieht. . . Cöln, Heinr. Nett - 
essem 160 /. 8° mit Holzschnitten. [Frankfurt a. M.]. 

29) Die History oder Geschichte, von der Edlen 
vnd schönen Melusina. Augsburg, David Francke 0. 
/. (ca. 1612) 8° mit Holzschnitten. [Berlin]. 

30) Die Historia von der schönen Melusina. Strass¬ 
burg, Marx v. der Heyden 1624. 8° mit Holzschnitten. 
Nach Goedeke, Grässe und Weller. [Fundort unbe¬ 
kannt]. 

Im XVHI. Jahrhundert begann sich das Inter¬ 
esse für den Melusinenstoff wieder zu steigern. 
Mit wechselndem Titel folgten sich rasch die 
neuen Auflagen des Buches. 

31) Historische Wunder-Beschreibung von der so¬ 
genannten Schönen Melusina . .. Auf ein neues über¬ 
sehen. O. O. u.J. (Nürnberg ca. 1710) 8° mit rohen 
Bildern. [Berlin, Darmstadt, Giessen, Gotha, Brit Mus., 
Strassburg]. 

32) Abweichende Ausgabe mit fast gleichem Titel. 
O. O. u. J. 8° [Wolfenbüttel]. 

33) Abweichende Ausgabe. Köln, bey Christ. Eve- 
raerts o. J. 8° mit Titelbild. [Hannover]. 

34) Eine wahrhaftige vnd liebliche Historia. Von 
der Edlen und schönen Melusina. O. O. (Frankfurt) 
1739 . 8° mit Holzschnitten. Nach Weller, Annal. II, 
S. 311. 

35) Die schöne Melusine. Freyburg im Hopfensack 
o. J. 8° (Berlin ca. 1740) nach Weller a. a. O. 

36) Historia von der edlen und schönen Melusina... 
jetzo aufs neue übersehen. Frankfurt u. Leipzig o. J. 
8° (ca. 1750). [Wernigerode und Wien]. 

37) Historische Wunder-Beschreibung von der so¬ 
genannten Schönen Melusina. O. O. 1788. 8° mit 
Holzschnitten. [Brit Mus.]. 

38) O. O. 1796. 8°. [Bibliothek F. Haydinger Nr. 

871]. 

39) Ein wunderbarliche und kurzweilige Historie 
oder Geschieht von der edlen und schönen Melusina. 
Gedruckt in diesem Jahr. O. O. u.J. 8° (XVIII. Jahrh.). 
In Donaueschingen. 

Durch die Bemühungen der Romantiker 
wurde die Volkslitteratur mit neuer Liebe ge¬ 
pflegt. Auch der Melusinenroman, dem Ludw. 
Tieck selbst näher trat, wurde mit Eifer ge¬ 
lesen. Das XIX. Jahrhundert bietet eine Flut 
von Jahrmarktsausgaben desselben, die näherer 
Untersuchung noch harren. Ich notiere nur die 
folgenden: 

40) Wunderbare Geschichte von der edeln und 
schönen Melusina. Gedruckt in diesem Jahr. O. O. u.J. 
8° mit Bildern. [Brit Mus.]. 

41) Ähnliche Ausgabe wie die eben angeführte. 
O. O. u.J. 8° mit einigen Holzschnitten. [Defektes 
Exemplar in Hannover]. 

42) Linz o.J. 8° [Katalog der Bibi. Haydinger, 
No. 870]. 

43) Philadelphia o.J. 8° Nach Weller, AnnaL II. 


44) Geschichte der edlen und schönen Melusina. 
O. O. u.J. 8° (Leipzig, bei Solbrig ca. 1810). [In 
Berlin]. 

45) Ausgabe mit gleichem Titel. Dresden , zu haben 
bey dem Buchbinder H. B. Brückmann. O. J. (ca. 
1828) 8° mit Holzschnitten. [In Weimar]. 

Selbstverständlich fand die Erzählung von 
Melusine Aufnahme in die Sammlungen deut¬ 
scher Volksbücher. Ich nenne nur die drei wich¬ 
tigsten: 

46) „Die schöne Melusine“ in G. Schwab's Deutschen 
Volksbüchern. 1. Ausg. 1836 und dann oft wiederholt 
(15. Aufl. 1893). 

47) „Geschichte von der edlen und schönen Melu¬ 
sina“ als No. 3 von G. O. Marbach’s Volksbüchern 
1838 mit 6 Holzschnitten von Ludw. Richter. 

48) „Melusina“ in Band VII von K. Simrock „Die 
deutschen Volksbücher“ (Frankfurt 1847) mit 8 Holz¬ 
schnitten. Neue Ausgabe Basel 1886 ff. Der Separatab¬ 
druck aus der ersten Aufl. hat den Titel: Wunderbare 
Geschichte der edeln und schönen Melusina. Frank¬ 
furt a. M. Gedruckt in diesem Jahr. 8°. 

Die zahlreichen Neudrucke der schönen 
Melusine, welche in unseren Tagen teils be¬ 
sonders als Jahrmarktsausgaben oder in mo¬ 
dernen Sammlungen und Anthologien erschienen 
sind, können hier nicht weiter verfolgt werden. 

Aus obiger Zusammenstellung wird ohne¬ 
dies jeder erkennen, dass die Geschichte von 
Melusine zu den beliebtesten und gelesensten 
Büchern des deutschen Volkes zu zählen ist 

Der Melusinenroman Ringoltingens wurde 
bereits im XV. Jahrhundert, wie wir oben sahen, 
ins Niederdeutsche übersetzt und um 1495 zu 
Lübeck durch Steph. Amdes gedruckt Auch im 
Ausland schenkte man ihm die verdiente Be¬ 
achtung. So kann man unsem deutschen Text 
auf der Wanderung nach Norden verfolgen. 
Eine dänische Übertragung erschien in mehreren 
Ausgaben vom XVII.—XIX. Jahrhundert Aus 
dieser flössen dann das schwedische Volksbuch, 
seit 1736 in vielen Auflagen verbreitet, und auch 
jedenfalls die isländische Erzählung von Melusine, 
die bei Halfdan Einari (1777) erwähnt wird. 

Von Oberdeutschland gelangte Ringoltingens 
Roman nach Böhmen, wo er schon im XVI. Jahr¬ 
hundert in czechischer Sprache gedruckt wurde 
und seitdem in erneuter Form bis in unser 
Jahrhundert sich erhielt (vgl. Graesse „Tresor“ 
HI S. 456, wo die Titel der ausländischen Be¬ 
arbeitungen aufgefiihrt sind). Von Böhmen aus 


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Schorbach, Die Historie von der schönen Melnsine. 


141 


kam der Melusinenstoff in die rassische Litte- 
ratur; das Mittelglied bildete wahrscheinlich eine 
polnische Übersetzung. Der russische Text ist 
von der „Soci£t6 des anciens textes russes“ 1882 
nach einer Petersburger Handschrift des XVII. 
Jahrhunderts veröffentlicht worden. Er stimmt 
mit dem deutschen Volksbuch, laut Mitteilung 
von M. Cholodniak, fast wörtlich überein. 

Nach Bächtold soll der deutsche Melusinen- 
Text sogar ins Französische zurückübersetzt 
worden sein. Dies kann jedoch, wenn kein Irr¬ 
tum vorliegt, nur in neuerer Zeit geschehen 
sein, denn die älteren bekannt gewordenen 
französischen Melusinen-Ausgaben haben sämt¬ 
lich das Originalwerk des Jehan cPArras nach- 
gedruckt — 

In der deutschen Litteratur war Thüring 
von Ringoltingen nicht der Letzte, welcher die 
Geschichte von der schönen Melusine behan¬ 
delte. Auf seinem Roman fusst des Hans Sachs 
„Tragedi Melusina“ in 7 Akten vom Jahre 1552. 
Ebenso folgt ihm die zweite Dramatisierung 
des Stoffes, welche 1598 von Jakob Ayrer in 
seinem Doppeldrama „Tragedi von der schönen 
Melusine“ verfasst wurde. Eine Charakterisie¬ 
rung dieser beiden Werke muss ich mir ver¬ 
sagen, bemerke aber, dass sie nach Stil und 
Anlage äusserst plump sind und bei weitem 
nicht die Wirkung von Ringoltingens Prosaroman 
erreicht haben. 

Die erste Wiedererzählung der Melusinen- 
sage in Prosa lieferte F. W, Zachariae (Zwey 
schöne neue schöne Mährlein L von der schönen 
Melusine 1772). Ihm folgte der Romantiker 
Ludwig Tieck, der im Jahre 1800 seine „Sehr 
wunderbare Historia von der schönen Melu¬ 
sina“ (Romantische Dichtungen II) veröffent¬ 
lichte. Er erzählte nach dem Volksbuch, das 
wiederbelebt werden sollte, in schlichter Prosa, 
gab aber dem Ganzen dadurch ein fremdes 
Gepräge, dass er einige Abschnitte in Verse 
umsetzte. 

Goethes reizendes Märchen, die „Neue 
Melusine“, welches dem 3. Bande von Wilhelm 
Meister eingefügt ist, hat mit dem alten Stoff 
nur den Namen gemein. Ebensowenig gehören 
hierher, um dies gleich voraus zu nehmen, „Die 
neuste Melusine“ von Ed, v, Bülow (Novellen I 
1846), der Roman „Melusine“ von Karl Frenzei 
(1860), PaulHeyses bekannte Erzählung (5. Aufl. 
1895) und der Liebesroman „Melusine“ von 


Jak. Wassermann (1896). Sie alle haben nur 
den Namen, kaum ein Motiv entlehnt 

Das Gleiche gilt eigentlich auch von Franz 
Grillparzers Bearbeitung der Melusine, einem 
missglückten Libretto für eine romantische Oper 
in 3 Aufzügen (1833). Von dem alten Stoff ist 
wenig genug übrig geblieben; neue Figuren 
und neue Motive lassen ihn ganz fremd er¬ 
scheinen. Das Textbuch war ursprünglich für 
Beethoven bestimmt, der aber zum Glück diese 
Oper nicht komponierte; Konradin Kreutzer 
that es später mit schlechtem Erfolge. 

Im Jahre 1844 hat Theodor Apel das Schick¬ 
sal Melusinens zu einer epischen Dichtung ge¬ 
staltet, die neben vielen Neuerungen manchen 
ursprünglichen Zug der alten Sage beibehält. 

Zwei neue Behandlungen des Themas wur¬ 
den durch Moritz v. Schwinds Bildercyklus her¬ 
vorgerufen. Gleich nach dessen Bekanntwerden 
entstand „Das Märchen von der schönen Melu¬ 
sine in 11 Gedichten“ von Gustav Warmuth 
(1872). Als begleitende dichterische Beschrei¬ 
bung der 11 Aquarelle erschien bei Gelegen¬ 
heit einer Lichtdruck-Ausgabe derselben (Stutt¬ 
gart, Neff 1881) die Dichtung von A. Forstenheim 
„Die schöne Melusine. Märchen in i2Gesängen.“ 
(2. Aufl. 1883). In diesen beiden Werken ist 
die ursprüngliche Sage entsprechend der Auf¬ 
fassung des Künstlers frei umgestaltet. Neue 
Züge sind hineingetragen, und Melusine ist zur 
deutschen Nixe geworden. Als solche wird 
sie auch in 2 kleineren poetischen Erzeugnissen 
besungen. Das eine ist eine epische Dichtung 
von Herrn, Lingg („Dunkle Gewalten“ 1872), 
das andre eine hübsche vierstrophige Romanze 
von Ad, v. Tschabuschnigg („Nach der Sonnen¬ 
wende“ 1876). 

Auf die ursprüngliche Gestalt der Sage 
haben neuerdings zwei Bearbeitungen des Stoffes 
für die Bühne zurückgegriffen. In etwas engerem 
Anschluss steht das Trauerspiel „Melusine“ von 
Martin Wohlrab (1885), obwohl auch hier neue 
Personen und fremde Gedanken eingefuhrt sind. 
Den Schluss bildet die Wiedervereinigung des 
Liebespaares. Raimund stirbt in Melusinens 
Armen an ihrem Nixenkuss (Undinenmotiv). 
In freierer Weise wird der Stoff in dem 
dramatischen Gedicht „Melusine“ von Christian 
v . Ehrenfels (1887) behandelt, das als Musik¬ 
drama gedacht ist, aber, soweit mir kekannt, 
noch keinen Komponisten gefunden hat 


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Schorbach, Die Historie von der schönen Melusine. 


Den ersten Versuch, die Geschichte der 
schönen Melusine als Oper zu gestalten, machte 
auf Grund des Grillparzerschen Textes Konradin 
Kreutzer (1833). Ihm folgte Math. Nagiller 
(ca. 1860), Louis Schindelnteisser 1869 (Text 
von Pasqu6), Karl Grammann 1875 (Libretto 
vom Komponisten), Theod. HentscAel 1875 
(Text von E. Hofschläger), Karl Mayrberger 
1876 (Libretto von E. Marbach) und Karl v. 
Perfall (Textbuch unter dem Titel „Raimondin“ 
von Herman v. Schmid). Die untergelegten 
Texte sind meist ganz willkürlich gestaltet, in 
vielen ist die alte Fabel kaum mehr zu erkennen. 

Bekannt ist, dass der Schöne Melusinen-Stoff 
auch zu Feerien und Balletten herabgewürdigt 
worden ist. Ich erinnere an das Ausstattungs¬ 
stück von G. Lehnhardt, das am Berliner 
Viktoriatheater 1876 zur Aufführung kam, an 
die Märchenposse von Gust. Braun (Musik von 
L. Storch 1877) und das Ballet von Franz 
Doppler (1882), nach Schwinds Bildern arran¬ 
giert von C. Telle. Sogar eine Parodie wurde 
versucht in der Opem-Burleske „Alarich und 
Melusine“ von L. Freudenthal. 

Unzweifelhaft würde das alte echte Märchen 
zu einem packenden Musikdrama geeigneten 
Stoff geben. Bisher ist ihm aber, trotz vieler 
Versuche, noch nicht das Glück geworden, mit 
solchem Erfolge musikalisch verherrlicht zu 
werden wie den verwandten Sagen von Lohen- 
grin und der Nixe Undine. Noch harrt die 
Melusinensage, wie J. Köhler treffend sagte, 
des Meisters, „der sie uns in erschütternder 
Weise, gesteigert durch die Macht der Töne, 
vor die Seele führt“ 

Zu rein musikalischen Schöpfungen hat unser 
Märchenstoff gleichfalls mehrfach Anregung 
gegeben. Man denke an die bekannte Konzert- 
Ouvertüre von Felix Mendelssohn-Bartholdy 
(op. 32), an die symphonische Dichtung „Melu¬ 


sine“ von Jul. Zellner (op. 10) und die Kantate 
von Heinr. Hofmann, denen sich viele Klavier¬ 
stücke, z. B. von H. v. Bronsard, D. Krug, 
Theodor Giese u. A. anreihen. 

Auch auf die zeichnende Kunst hat der 
Melusinenstoff lange Zeit gewirkt. Schon bald 
nach Entstehen von Ringoltingens Prosaroman 
entstanden zur Ausschmückung des handschrift¬ 
lichen Textes Buchmalereien. Seit demEnde des 
XV. Jahrhunderts bot sich sodann den Meistern 
des Formschnitts reiche Gelegenheit, die Drucke 
der Melusine mit Illustrationen zu versehen. 
Manche tüchtige Leistungen sind so hervor¬ 
gerufen worden. Aus älterer Zeit nenne ich 
die Holzschnitte der Baseler Inkunabel (Ab¬ 
bildungen bei Muther, „Bücherillustration“ Taf. 
82—84 und Könnecke, „Bilderatlas“ S. 113), die 
Augsburger Melusinen-Hlustrationen aus der 
Burgkmairschen Schule, die Bilder der Strass¬ 
burger und einiger Frankfurter Ausgaben und 
endlich die Holzschnitte von Jost Amman, mit 
denen der Melusinentext im „Buch der Liebe“ 
O587) geziert ist. Unter den neueren Illustra¬ 
tionen sind die 6 hübschen und gut gewählten 
Holzschnitte von Ludwig Richter (Marbachs 
Volksbücher 3 vom Jahre 1838) hervorzuheben. 

Am schönsten und ergreifendsten ist aber 
das Märchen von der schönen Melusine durch 
die 11 Aquarelle von Moritz von Schwind (1869) 
verewigt worden (Cartons jetzt in Wien). 
Allerdings hat sich das doppelgestaltige Urbild 
darin zur einfachen Nixe verflüchtigt, und der 
gewählte Abschluss ist der alten Sage fremd. 
Als wirkungsvolle Schlussscene bedurfte aber 
der Maler der Wiedervereinigung der Getrennten 
im todbringenden versöhnenden Nixenkusse. 

Unter dem Eindruck dieser tiefempfundenen 
und poesievollen Verkörperungen des Märchens, 
deren Zauber sich niemand entziehen kann, 
scheiden wir nun von der schönen Melusine. 


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Die erste Ausgabe 

von Goethes „Hermann und Dorothea“ und ihr Verleger. 

Von 

Ludwig Geiger in Berlin. 


Q Hp IjBeber Goethes Arbeit an dem berühmten 
HMHH Gedicht hat Hermann Schreyer zum 
Teil nach den Materialien des Goethe- 
uncTSchüler-Archivs berichtet (G. J. X, 196fr.). 
Diese Arbeit soll hier um so weniger wieder¬ 
holt werden, als eine neue Bearbeitung des 
Gegenstandes bei der zu erwartenden Ver¬ 
öffentlichung des Gedichts in der Weimarer 
Ausgabe in Aussicht steht Schon Schreyer 
wies auf die Erzählung K. A. Böttigers hin, 
dass Goethe, der sich seit zwei Jahren mit dem 
Stoff herumtrug, am 25. Dezember 1796 eine 
Vorlesung der grösseren Hälfte des Gedichts 
veranstaltet habe. Auch die übrigen That- 
sachen waren bekannt, dass Böttiger den Ver¬ 
lag des Gedichts vermittelte, und dass durch seine 
Hände das Manuscript an den Verleger kam. 

Dieser Verleger war Friedrich Vieweg, der 
Ältere, 1764—1834 (vgl A. D. Biogr. XXXIX, 
689fg.), damals noch in Berlin, seit 1799 in 
Braunschweig. Er stand, wie aus seinen an 
Böttiger gerichteten, bisher ungedruckten und 
unbenutzten Briefen (Dresdner Bibliothek, Brief¬ 
sammlung, Band 205) sich ergiebt, seit dem 
15. Februar 1795 mit Böttiger in Korrespondenz 
(Böttigers Briefe konnte ich nicht erhalten; 
ebenso vergeblich waren meine Bemühungen, 
aus dem Viewegschen Archive andere Mit¬ 
teilungen zu erlangen), der für des Berliner Ver¬ 
legers „Deutsche“ und „Neue deutsche Monats¬ 
schrift“ Beiträge lieferte und dessen Verlags¬ 
artikel als Allerweltsmann in Jenaer und anderen 
Zeitschriften anzeigte. Vieweg war der erste, 
der daran dachte, diese bald intim gewordene 
Verbindung für Goethe zu fructificieren. Am 
14. November 1796 schrieb er nach manchen 
anderen geschäftlichen und freundschaftlichen 
Berichten Folgendes: „Nun eine Frage, die ich 
an die Behörde selbst zu thun den Mut nicht 
habe. Herr Geheimrat von Goethe hat seinen 
,Meister* geendet. Glauben Sie wohl, dass er 
sich geneigt finden lassen würde, die Heraus¬ 
gabe eines Kalenders zu übernehmen? Meine 
Kalender sollen immer 4*/* grosse oder 9 kleine 


Bogen enthalten. Aber eine Erzählung von 
Goethe dürfte nur 5 oder 6 kleine Bogen 
füllen, und ich bin gewiss, das Publikum würde 
bei solch einem Geschenk mit mir über die 
Bogenzahl nicht rechten und ich in eben dem 
Mafse den Aufwand mit Vergnügen vergrössem, 
als mich solch ein Inhalt zu grösseren Er¬ 
wartungen berechtigte. Sie haben schon in 
Leipzig gesehen, was ich für das Äussere dieser 
Kalender thun will. Auf den Fall aber, dass 
Sie es ratsam fanden, mit dem Herrn von Goethe 
über meinen Wunsch zu sprechen, lege ich 
Ihnen hier den ersten eben fertigen nur noch 
ungeglätteten Bogen des nächsten Kalenders 
bei und zugleich 2 Kupfer von Bolt.“ Er er¬ 
wähnt ferner, dass Chodowiecld und Meil die 
übrigen Kupfer fertigen sollten, und fahrt fort: 
„Da ich bei diesem ersten Versuche nichts 
spare, bei den folgenden Kalendern Manches 
noch besser und eleganter werden soll, so 
können Sie leicht denken, dass es mir nicht 
einfallen wird, am Honorar sparen zu wollen, 
wenn es Herrn von Goethe einfiel, meinen 
Wunsch zu erfüllen. Ich erteile Ihnen daher 
recht gern die Vollmacht, ihm, was er verlangt, 
zu bewilligen, und will er, was er diesem 
Kalender zur Zierde gab, nach zwei Jahren in 
seine Schriften aufnehmen, so bin ich auch das 
gern zufrieden. Mir liegt nur daran, diesem 
Kalender auch in Rücksicht des inneren Ge¬ 
halts einen vorzüglichen Wert zu geben. Er¬ 
lange ich dies, so ist mir kein Aufwand zu 
gross.“ 

Dieser Brief nebst dem erwähnten Bogen 
und den Kupfern ist es jedenfalls, den Goethe 
Ende November oder Anfang Dezember an 
Böttiger zurückschickte (W. A. Briefe XI, 270), 
nachdem Böttiger am 25. November (a. a. O. 
340) von dem Anerbieten Viewegs Goethe 
Kenntnis gegeben hatte. Böttiger antwortete 
dem Berliner Verleger am 28. November. Vie¬ 
weg dankte am 13. Dezember für die Ver¬ 
mittelung. „Ich werde thun,“ so schrieb er, 
„was in Teutschland zu thun nur immer 


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Geiger, Die erste Ausgabe von Goethes „Hermann und Dorothea" und ihr Verleger. 


möglich ist, und so für dies Vertrauen wohl am 
besten danken können. Wie sehr mich nach 
der völligen Sicherheit dieser schönen Hoff¬ 
nung verlangt, darf ich Ihnen nicht erst sagen, 
und Sie werden gewiss auch ohne mein Bitten 
so gütig sein, mir, was dazu gehört, sogleich 
nach Empfang mitzuteilen.“ Am nächsten Post¬ 
tage, 17. Dezember, kam Vieweg von Neuem 
auf die Sache zurück. »Die paar Worte des 
Dankes und der Freude, welche ich Ihnen, 
mein teuerster Freund, am Dienstage schrieb, 
werden Sie wohl empfangen haben. Auch ich 
fürchtete, wie Sie wissen, eine abschlägige 
Antwort, ob ich gleich keine Geschichte des 
30jährigenKrieges inTaschen-Format wünschte. 
Was mir der Herr von Goethe zugedacht, ist 
ganz so, wie ich’s brauche, um eines allgemeinen 
Beifalls gewiss zu sein, und mich verlangt nur, 
nun zu erfahren, was er dafür an Honorar be¬ 
stimmt. Sollte seine Erklärung diesem Briefe 
nicht schon begegnen, so bitte ich Sie an¬ 
gelegentlichst, sie, wenn es auf eine gute Weise 
geschehen kann, zu beschleunigen. Dass die 
Kupfer nicht zum Text gehören sollen, ist mir 
auch sehr lieb.“ Nach einigen unwesentlichen 
Bemerkungen fuhr er fort: „Wenn ich mich, 
wie ich gewiss glaube, weil ich es so sehr 
wünsche, mit dem Herrn von Goethe einige, 
so ist es mir sehr wichtig, die Sujets zu den 
Kupfern bald zu erfahren. Sie werden dies 
,bald‘ bei einem Kalender für 1799 vielleicht 
sonderbar finden, aber ich weiss es leider durch 
eine kostbare Erfahrung, dass man früher als 
ein Jahr vorher kommen muss, wenn man unsre 
guten Künstler nicht besetzt finden und über¬ 
eilte Arbeit verhüten will, und dann muss auch 
ich bei einem Kalender, der so werden soll, 
wie ich mir diesen Goetheschen denke, doppelt 
so viel Zeit als ein anderer haben. Ich ver¬ 
mute, dass der Herr von Goethe mit der Be¬ 
arbeitung des gewählten Gegenstandes grossen- 
teils fertig ist, so dass ich das Manuscript 
in der Mitte des nächsten Jahres ohne Unbe¬ 
quemlichkeit für ihn erhalten könnte, und Sie 
glauben nicht, wie viel Freude mir diese 
Vermutung macht.“ 

Am 19. Dezember muss Böttiger auf diesen 
Brief geantwortet und gewisse Bedingungen 
Goethes mitgeteilt oder wenigstens angedeutet 
haben. Auf diesen Brief antwortete Vieweg 
am 24. Dezember 1796. „Sie können sich leicht 


denken, mein teuerster Freund, dass mir der 
Inhalt Ihres lieben Briefes vom 19. sehr un¬ 
erwartet war, aber weder der in einigen Tagen 
völlig geendigte Druck des Gentzischen Manu- 
scripts noch der im Ganzen nicht unbeträcht¬ 
liche Aufwand für diesen, für Papier, Zeich¬ 
nungen, Kupfer u. s. w. können mich abhalten, 
die Bedingungen des Herrn von Goethe anzu¬ 
nehmen. Ich bedaure nichts — denn was würde 
ich nicht gern einer so schönen Hoffnung opfern 
— aber ich wünsche, dass die einem Kalender 
nun wohl nötigen Verzierungen diesem Inhalte 
würdig sein möchten. Sie erinnern sich, dass 
Sie selbst mir rieten, nicht zum Anfänge alles 
zu geben. Ich habe Ihren Rat befolgt, aber 
nun ist mir, was ich dem Ersten bestimmte, 
für diesen Goetheschen nicht gut genug. Ich 
wünsche, das Mögliche versuchen zu können, 
wünsche dies um so angelegentlicher, da ich 
nun bei so beschränkter Zeit Manches werde 
aufgeben müssen, was ich so gern ausgeführt 
hätte. Helfen Sie mir also, mein guter, teil¬ 
nehmender Freund, recht bald zu den Sujets 
der dem Kalender selbst von Herrn von Goethe 
bestimmten allegorischen Kupfer, zu einer, wenn 
auch nur ungefähren Angabe der Stärke dieses 
Gedichts und zu den Verlags-Bedingungen. 
Ich habe Ihnen schon in meinem letzten Briefe 
gesagt, dass ich eine längere Zeit als jeder 
Kalender-Verleger brauche, und wie höchst 
wichtig es mir ist, die Künstler nicht übereilen 
zu dürfen, und nicht der Letzte zu sein. Sie 
werden also gewiss auch ferner freundschaft¬ 
lich für mich sorgen und thun, was Sie, 
ohne dem Herrn von G. lästig zu werden, 
thun können.“ 

Am Tage nach der Absendung dieser Ant¬ 
wort fand, wie erwähnt, die erste Vorlesung 
des Gedichts in Weimar statt. Nicht nur von 
dieser Vorlesung gab Böttiger dem Berliner 
Verleger Kunde, sondern schickte auch (ob 
mit oder ohne Erlaubnis bleibe dahingestellt) 
das ihm erreichbare Manuscript oder wenigstens 
ein Inhalts-Verzeichnis, wie es z. B. in „Litte- 
rarische Zustände“ Band I, Seite 70—80 ab¬ 
gedruckt ist, an Vieweg. Dieser antwortete 
darauf am 10. Januar 1797. (Als Datum hat 
Vieweg freilich ganz deutlich 1796 geschrieben, 
wie dies ja am Anfänge des Jahres Manchen 
passiert, so dass dieser Brief in unserm Brief¬ 
bande an falscher Stelle, nämlich als Nummer 6 


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Geiger, Die erste Ausgabe von Goethes „Hermann und Dorothea“ und ihr Verleger. 


eingeheftet ist, während er Nummer 14 sein 
müsste.) „Hier, mein teuerster Freund, mit 
dem allerherzlichsten Dank zurück, was Sie 
mir über Goethes Herrmann mitzuteilen die 
Güte gehabt. Sie haben mir und meiner Lotte 
[der Tochter Campes, seit 1795 Viewegs Gattin] 
einen schönen Vorgenuss verschafft, und ich 
war so gewissenhaft, dass ich’s auch Gentz, 
nur erst nach Vorzeigung Ihres letzten Briefes 
an ihn, sehen Hess. Dass ich nun der Ent¬ 
scheidung mit um so gespannterer Erwartung 
entgegensehe, und wie ich es bedauere, dass 
die Reise des Herrn von G. [es war eine kleine 
Reise nach Leipzig und Dessau] grade jetzt 
geschehen und mich um acht Tage der so 
kostbaren Zeit bringen musste, können Sie sich 
leicht denken. Ich erinnere mich kaum, dass 
ich irgend etwas mit grösserer Sehnsucht er¬ 
wartet und auf eine Unternehmung mich so 
gefreut Ein solches Meisterstück bedarf, um 
zu gefallen, keiner äusseren Zierraten, und ich 
werde ihm geben müssen , was ich habe, da 
mir Chodowiecki, auf dessen Zeit ich im Voraus 
Beschlag legen wollte, vor acht Tagen erklärte, 
dass er bis Juni nichts mehr übernehmen könnte. 
Und doch hätte auch ich so gern einen solchen 
Inhalt würdig ausgestattet. Zwar werden Format 
und Druck, besonders aber die Bände sich 
von allen bisher erschienenen vorteilhaft aus¬ 
zeichnen, aber mir doch immer nicht genügen. 
Wie würde ich mich freuen, wenn mir der 
Herr von G. bei einem der folgenden Jahr¬ 
gänge Gelegenheit geben wollte, meine Ideen 
auszufuhren.“ 

Möglicherweise ging Böttiger mit diesem 
Briefe zu Goethe, denn am 14. Januar 1797 
(Goethes „Tagebücher“ II, 53 fg.) fand zwischen 
Beiden eine „Besprechung wegen des epischen 
Gedichts“ statt. Die Folge dieses Gesprächs 
war der Brief Goethes vom 16. Januar 1797 
an Vieweg. (W. A. XII, Seite 11. Das gleich¬ 
falls a. a. O. als Nummer 3467 abgedruckte 
Billet ist offenbar nicht wirklich abgeschickt, 
sondern nur aus der Tradition der Viewegschen 
Buchhandlung construiert, wie E. v. der Hellen 
Seite 396 richtig darlegt.) Goethe forderte 
als Honorar 1000 Thaler, gewährte dafür das 
Verlagsrecht auf zwei Jahre und überliess dem 
Verleger die Bestimmungen über die Zahl der 
Freiexemplare, stellte in Aussicht, das Manu- 
script zum Teil im April, zum Teil in der 

Z. f. B. 


Jubilate-Messe zu liefern, und schlug als Kupfer 
„Vorstellungen aus Wilhelm Meister“ vor. Mit 
diesen Bedingungen erklärte sich Vieweg ein¬ 
verstanden. Freüich ist sein Brief an Goethe 
nicht bekannt, wohl aber der an Böttiger, 
4. Februar 1797: „Sie können sich leicht denken, 
mein innigst verehrter Freund, welch eine 
Freude mir Ihr lieber Brief und die Zusicherung 
des Herrn von Goethe gemacht. Mein Herz 
hat nun keinen angelegentlicheren Wunsch, als 
Ihnen seine Dankbarkeit so zu bezeigen, wie 
ich sie empfinde . . . Durch ein Versehen des 
Postamts kam Ihr Brief in die Hände des 
andern Viewegs, aus diesen zwar unerbrochen 
in die meinigen, aber doch so spät, dass ich 
dem Herrn von Goethe erst mit der nächsten 
Post und Ihnen heute nur das Allernötigste 
schreiben kann. Dies sind — die Kupfer, die 
mir wie ein schwerer Stein auf dem Herzen 
liegen, und mich in eben dem Grade unruhig 
machen, als ich mich der Ausführung freue. 
Niemand kann überzeugter sein als ich, dass 
der bessere Teil des Publikums bei einem 
solchen Geschenk Kupfer aller Art nicht ver¬ 
missen würde. Aber dies bessere ist auch 
das kleinere, und für das grosse Publikum sind 
Kupfer unentbehrlich. Ich glaube, also daran 
denken zu müssen, und bitte Sie inständigst um 
Ihre baldige Hülfe.“ Am Schlüsse des Briefes 
fügt er noch Folgendes hinzu: „Den fertigen 
Teil des Gedichts hätte ich freilich sehr gern 
früher als Anfang April, aber ich bescheide 
mich, auch so lange zu warten, wenn es ohne 
Nachteil nicht früher sein kann. Lassen Sie 
doch mein Übereinkommen mit dem Herrn 
von G. für Jeden ein Geheimnis sein. Sie er¬ 
raten wohl, warum ich dies wünsche und Sie 
sehr darum bitten muss.“ Noch bevor dieser 
Brief an Böttiger geschrieben wurde, schickte 
Goethe seine Antwort. Sie ist vom 30. Januar 
datiert (W. A. XII, 26 ff), wiederholt die schon 
angeführten Bedingungen und erklärt sich damit 
einverstanden, dass Vieweg ausser dem eleganten 
Kalender noch eine geringere Ausgabe drucken 
lasse, und stellt in Aussicht, dass das Manuscript 
früher, als versprochen wurde, geschickt wer¬ 
den dürfte. Am Schlüsse des Briefes wurde 
angedeutet, dass Böttiger noch einiges hinzu¬ 
fügen würde. Sowohl dieser Brief Böttigers 
als ein späterer blieben längere Zeit unbeant¬ 
wortet. Erst am 11. März 1797 erwiderte 

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Geiger, Die erste Ausgabe von Goethes „Hermann und Dorothea“ und ihr Verleger. 


Vieweg dieses Schreiben. Böttiger scheint im 
Namen Goethes den Wunsch ausgesprochen 
zu haben, dass 12 Karten nach Gemmen aus 
dem Museum Florentinum hergestellt würden. 
Dies war nicht möglich, da das in der Königl. 
Bibliothek zu Berlin befindliche Exemplar des 
Werkes nach Potsdam verliehen war und nicht 
so leicht wieder beschafft werden konnte. Vie¬ 
weg schrieb darüber: „Ich muss also zu meinem 
grossen Verdruss das Vergnügen entbehren, 
diesen Wunsch des Herrn von G. zu erfüllen 
und ihn bitten, mit 6 Landschaften von Darn¬ 
stedt nach Schubert vorlieb zu nehmen, die 
ich eben aus Dresden erhalte. Sie sind ganz 
artig und werden nebst der KönigL Familie 
als Titelkupfer und einem Modeblatte dem Teile 
des Publikums gewiss genügen, welcher bei 
einem solchen Inhalte noch Kupfer verlangen 
könnte. Ausser diesen sind noch 6 Zeichnungen 
aus Wilhelm Meister, die beim Empfang Ihres 
lieben Briefes vom 13. Februar schon so gut 
als fertig waren, in den Händen der Herren 
Kohl, Bolt und Henne. Fallen sie, wie ich 
hoffe, gut aus, so können ja auch diese benutzt 
werden. Schadow hat hier einige Stellungen 
der Vigano herausgegeben, unter denen einige 
treffliche Blätter sind. Unger sagt mir eben, 
dass er sie dem Herrn Goethe gesandt, und 
so werden auch Sie sie schon kennen. Er¬ 
forderten diese Blätter nicht eine sehr sorg¬ 
fältige Illumination, und wäre die Zeit nicht zu 
beschränkt dazu, so würde ich Schadow bitten, 
mir ein paar Blätter zu radieren. Ich habe 
ihn noch nicht sprechen können, weiss also 
auch nicht, ob er sich dazu wird geneigt finden 
lassen, da er sie blos unter seinen Freunden 
verteilt.“ Ueber „Hermann und Dorothea“ er¬ 
wähnte er in demselben Briefe das ihm von 
dem Berliner Buchhändler und Schriftsteller 
Sander zugegangene Gerücht, dass Marianne 
Meyer, die spätere Frau von Eybenberg [Prin¬ 
zessin Reuss], ein thätiges und beliebtes Mit¬ 
glied von Goethes weiblicher Gefolgschaft in 
Berlin, schon einen Teil von Herrmann hätte, 
und fuhr fort: „Ich kann's nicht glauben und 
würde diese Mitteilung fürchten, denn wenn 
das Gedicht auch in den Händen eines so ver¬ 
ständigen als liebenswürdigen Mädchens sicher 
ist, so bleibt es doch nicht allein in diesen 
und könnte mir dann leicht gefährlich werden. 
Wissen Sie ein Mittel, dies zu verhüten, so 


bitte ich es anzuwenden.“ Die Furcht Vie¬ 
wegs war unbegründet. Goethe hatte nur der 
Schwester Mariannens das Epos angekündigt, 
9. Februar (Briefe XII, 37), und hatte Marianne 
die „Elegie“, nicht aber das Epos „Hermann 
und Dorothea“ geschickt (G. J. XIV, 108). Die 
von Böttiger vorgeschlagenen Kupfer wurden 
definitiv aufgegeben, wie Vieweg am 31. März 
schrieb, ein Brief, in dem er von drei ver¬ 
schiedenen Ausgaben des Almanachs sprach 
und die grossen Kosten andeutete, die er darauf 
verwende. Am Ende desselben Briefes bat er 
dringend um das Goethesche Manuscript. „Wie 
ich nach diesem verlange, das sagen keine 
Worte.“ 

Aber nicht nur die von Böttiger vor¬ 
geschlagenen Kupfer wurden aufgegeben, son¬ 
dern es schien, als wenn der Almanach über¬ 
haupt ohne Kupfer erscheinen sollte. Eine 
ausführliche Darlegung Viewegs vom 1. April 
lautete folgendermassen: „Also keine Kupfer? 
ich bin das gern zufrieden und Sie, mein teurer 
Freund, wissen, dass bei diesem Inhalte von 
ihrer Entbehrlichkeit für das bessere Publikum 
Niemand stärker überzeugt sein kann, als ich 
es bin. Mir thut es nur weh, dass der Herr 
v. G. daran zu zweifeln und mich missverstanden 
zu haben scheint. Wer spart nicht gern, be¬ 
sonders wenn er von der Unnötigkeit eines 
Aufwands überzeugt ist, und wie gern muss 
ich bei einem Unternehmen sparen, das ohne¬ 
hin so kostbar ist. Wenn ich also diese Kupfer 
wünschte und in Vorschlag brachte, so geschah 
dies von mir , dem Kaufmann , der gern alle 
Teile des Publikums für sein Unternehmen 
gewönne. Diese 12 Kupfer waren freilich für 
keinen Goetheschen Kalender bestimmt, auch 
jetzt von mir nicht dem Goetheschen Inhalt, 
sondern dem Kalender-Bogen, und auch den 
besseren Ausgaben in Seide und Maroquin 
nicht, sondern nur der schlechteren Ausgabe 
auf gewöhnlichem Papier in einem Bande von 
Pappe . . . Vielleicht sind auch keine Zeich¬ 
nungen nötig, wenn Sie mir anzeigen, wo ich 
die Abbildungen der 9 Musen finden kann, 
die Herr von Goethe nachgestochen zu sehen 
wünscht. . . Ich sehe, der Herr v. Goethe hat 
schon das Schema zu einem zweiten Gedicht 
entworfen. Die Ausführung geschieht vielleicht 
in Italien und ist dann in Jahr und Tag vollendet. 
Nur mit Mühe widerstehe ich meinem Wunsche, 


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Geiger, Die erste Ausgabe von Goethes „Hermann und Dorothea“ und ihr Verleger. 


147 


den Herrn von G. um die Hoffnung zu diesem 
Gedichte für meinen dritten Kalender zu bitten. 
Aber ich thue es heute noch nicht, bis ich 
von Ihnen weiss, ob dieses Gedicht auch schon 
versprochen, und Sie mir diese Bitte schon 
jetzt zu thun raten. Wie Hesse sich dann nicht 
Alles ausführen! Der blosse Gedanke entzückt 
mich, und eine schönere Hoffnung könnte mir 
nicht werden.“ 

Die Hoffnung, die Vieweg hier andeutete, 
wurde nicht erfüllt. Goethe hatte zwar damals 
keinen bestimmten Verleger — einen solchen 
erwarb er erst 1806 in Cotta — aber er stand 
mit J. F. Unger, bei dem die „Schriften“ 
(1792—1800) erschienen waren, damals bereits 
in einer gewissen Verbindung. Zeugnisse von 
dieser Verbindung sind die Briefe Goethes an 
Unger vom 3. und 28. März 1797 (W. A. XII, 
58 und 88ff. vgl. auch A.D.B. XXXIX, 291 fg.), 
von denen freilich der erstere nicht abgeschickt 
worden zu sein scheint. Vieweg, wenn auch 
in seiner ersten Hoffnung betrogen, bemühte 
sich nun, das Manuscript zu „Hermann und 
Dorothea“ zu erhalten. Am 3. April erbat er es 
dringend und wünschte sehnlich als äussersten 
Termin den 17. oder 18. April fixiert zu sehen, 
an welchem Tage Humboldt ankommen würde. 

Sehr wichtig ist der folgende Brief vom 
21. April. Dass Goethe damals die Arbeiten 
Schadows schätzte, geht aus den eben ange¬ 
führten Briefen an Unger hervor, in welchen 
die oben schon angedeutete Umrissradierung 
des Berliner Künstlers, das Tänzerpaar Vigano 
darstellend, gelobt worden war. Goethe muss 
nun vermuüich in einem Briefe an Vieweg 
oder Böttiger (beide sind nicht erhalten), oder 
in einem Gespräch mit Letzterem, von dem wir 
gleichfalls kein bestimmtes Zeugnis besitzen, 
Schadow zum Illustrator des Kalenders vor¬ 
geschlagen haben. Darauf schrieb nun Vieweg: 
„Eben komme ich von Schadow, den ich mehr¬ 
mal vergeblich gesucht Er findet sich durch 
den Wunsch des Herrn von G. sehr ge¬ 
schmeichelt, bewies mir aber leider, dass es 
ihm durchaus unmöglich wäre, ihn zu erfüllen. 
Ausser der Statue — die beiden Prinzessinnen 
von Preussen — mit der er eben beschäftigt 
ist und an die ihn der König seit einiger Zeit 
oft und ungeduldig erinnern lassen (vgl. darüber 
Böttiger, Lit. Zust. II, 130 fr.), hat er von diesem 
und der Gräfin von Lichtenau noch andere 


Aufträge, die er nicht schnell genug ausflihren 
könne. Auf meine Erinnerung, wie wenig Zeit 
ihm diese 9 kleinen Platten kosten würden, 
gestand er mir, dass er sehr ungeübt in der¬ 
gleichen Arbeiten sei, und eine gute Aus¬ 
führung mehrere Versuche erfordern würde, 
die er jetzt nicht machen könnte. Der Beifall 
des Herrn v. G. sei ihm zu schätzbar, und er 
wolle, was dieser in einem Briefe an Unger 
sehr gütig über ihn geurteilt, verdienen und 
sich erhalten. Ich bat nun um blosse Zeich¬ 
nungen, aber auch diese schlug er mir ab, 
wollte mir aber für einen anderen Künstler 
gerne mitteilen, was er für diesen Gegenstand 
Brauchbares besitze. Was soll ich nun thun, 
mein Uebster Freund? Von irgend einem Anderen, 
schreiben Sie mir, mag G. durchaus nichts hin- 
zugethan haben.“ Vieweg war also, wie wir 
sehen, in grosser Verlegenheit, da er dem 
Wunsche Goethes, Schadow zum Illustrator zu 
erlangen, nicht genügen konnte, und erbat sich 
eine Zeichnung H. Meyers, des Goetheschen 
Kunstgenossen in Weimar, um wenigstens durch 
deren Vervielfältigung Goethe sein Entgegen¬ 
kommen zu beweisen. Am 22. fügte er dem¬ 
selben Briefe hinzu: „Mein sehnlichstes Erwarten 
ist erfüllt. Heute empfing ich den Anfang des 
Manuscripts, und heute Abend erwartet mich 
dieser schöne Genuss. Meinen besten Dank 
für die freundschaftliche Besorgung. Die Vor¬ 
schrift des Herrn von G. soll genau befolgt 
werden. Freund Sander wird die Korrektur 
übernehmen und heute in 8 Tagen die ersten 
Aushängebogen an Sie abgehen. Wann wünscht 
H. v. G. das Honorar zu haben ? Ist’s zur Zeit, 
wenn Sie die Güte haben, es mitzunehmen? 
Es kann sonst auch früher und auch von hier 
abgehen.“ 

Böttiger hatte am 11. April die vier ersten 
Gesänge von Goethe erhalten (Goethes Briefe 
XII, Seite 85 fg.) und war zugleich aufgefordert 
worden, das ihm bedenklich Scheinende mit 
Bleistift anzustreichen und dies in einer Kon¬ 
ferenz zu besprechen. Gleichzeitig stellte Goethe 
die Vorlesung der letzten Gesänge in Aussicht. 
Ueber die Illustrations-Angelegenheit, eben die 
neun Musen, entsprechend den Überschriften 
des Gedichts, die Goethe durch Schadow dar¬ 
gestellt zu sehen gewünscht hatte, sprach sich 
Goethe auch in einem Briefe an Wilhelm von 
Humboldt vom 15. Mai (a. a. O. Seite 122) aus, 


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148 Geiger, Die erste Ausgabe von Goethes „Hermann und Dorothea“ und ihr Verleger. 


einem Briefe, in dem er sich zugleich über den 
Druck beruhigt erklärte, obwohl er ihn nicht 
sonderlich reizend fand, und die Sendung des 
Schlussmanuscripts für den 22. Mai ankündigte. 
(Über Humboldts Beteiligung an Durchsicht 
und Bearbeitung des Gedichts vergleiche die 
Briefe G. J. Band VDI, Seite 65fr., eine Er¬ 
gänzung zu den bereits 1875 von Bratranek 
veröffentlichten Briefen; über Sanders Thätigkeit 
als Korrektor die Mitteilung im „Neuen Reich“ 
Band II 1876). 

So schnell, wie Goethe erwartete, ging es 
freilich mit Vollendung und Absendung des 
Gedichts nicht. Noch am 26. Mai war ihm, 
wie er an Böttiger schrieb (XII, 28), der Schluss 
des Gedichts nicht geglückt. Erst am 3. Juni 
ging dieser, allerdings noch mit einzelnen Aus¬ 
lassungen, an Böttiger ab. Schon vorher hatte 
Vieweg einen Teil des Honorars abgeschickt 
und den Dank Goethes dafür erhalten. Dieser 
wünschte für die 2. Ausgabe lateinische Schrift 
und breite Ränder. Am 13. Juni ging wirklich 
der Schluss des Manuscripts an Vieweg ab 
(Goethe an Böttiger, Briefe XII, 155). Am 
20. Juni sandte Vieweg durch Böttigers Ver¬ 
mittelung ein Exemplar des Titelkupfers an 
Goethe und schrieb dazu Folgendes: „In dem 
Paquete finden Sie auch einen Abdruck der 
12 Kalender-Landschaften. Sollten denn unter 
diesen nicht 6 sein, die der Herr von Goethe 
erträglich fände? Eine Ausgabe ist, wie Sie 
wissen, ganz ohne Kupfer. Nun meinte Hum¬ 
boldt, da Herr v. G. das Titelkupfer gebiliiget, 
das so wenig wie die andern mit dem Text 
zu schaffen habe, so werde er auch diese ge¬ 
nehmigen. Die gewöhnliche Ausgabe des 
Kalenders auch ganz ohne Kupfer zu liefern, 
widerrieten mir alle meine Leipziger Tisch- 
Freunde und mehrere verständige und erfahrene 
Buchhändler. Ich glaube also folgen zu müssen, 
denn Sie wissen, wie wichtig mir diese Unter¬ 
nehmung ist, und dass ich mit einem Absätze, 
den man so gut nennt, nicht zufrieden sein 
kann. Die Vorstellungen aus Goethes ,Meister 4 
werden leider nicht fertig, und so kann ich sie 
weder für mich benutzen, noch Herrn Hofrat 
Schiller ablassen. Herrn von Goethe habe ich 
über diese Angelegenheit nichts geschrieben, 
weil Sie, mein gütiger, lieber Freund, das besser 
mündlich können, auch sich über so etwas 
leichter umständlich sprechen als schreiben 


lässt.“ Im Anschluss an die letztere Stelle 
mag kurz darauf hingewiesen werden, dass 
gerade damals der persönliche und in den 
folgenden Monaten der schriftliche Verkehr 
zwischen Goethe und Böttiger ausserordentlich 
lebhaft war, ein Verkehr, der sich nicht nur 
auf die uns hier interessierende Dichtung, son¬ 
dern auch auf Schillers Balladen und manche 
Persönlichkeiten bezog (vgl. Briefe XII, 176, 

195, 239fr.).! 

Doch über alle in den letzten Briefen Vie¬ 
wegs angeregte Fragen erteilt der Briefwechsel 
keine Antwort. Da jedoch die Ausgaben mit 
Maroquin- und Seiden-Einband (vergl. Hirzel 
Verzeichnis Seite 47) je 6 verschiedene land¬ 
schaftliche Kupferstiche enthielten, so ist klar, 
dass Goethe schliesslich zu dieser Ausstattung 
seine Zustimmung gegeben haben muss. In 
dem Vieweg-Böttigerschen Briefwechsel ist 
vom 20. Juni bis zum 13. Oktober eine grosse 
Lücke, die daraus zu erklären ist, dass sich 
Böttiger im Spätsommer und Herbst ein paar 
Wochen in Berlin befand (in seinen gedruckten 
Notizen über diesen Aufenthalt [Lit. Zustände II] 
erwähnt er Vieweg nicht), und Vieweg mit den 
Vorbereitungen zur Herbstmesse in Leipzig, die 
er wirklich besuchte, ausserordentlich beschäftigt 
war. Am 13. Oktober 1797 sandte Vieweg 
von Leipzig aus 18 Exemplare, teils in Seide, 
teils in Maroquin an Böttiger, von denen 2 
für den eben Genannten, 8 für Goethe, 3 für 
die fürstlichen Personen, 2 für Schiller, je I für 
Herder, Wieland, Voigt bestimmt waren. Am 
9. Dezember liess er 12 weitere Exemplare 
für Goethe folgen. Lange bevor Goethe die 
Exemplare seines Werkes erhalten hatte, war 
er über Frankfurt nach der Schweiz gereist. In 
seinen Briefen erfahren wir von seinem Urteil 
über die Ausstattung des Kalenders nichts. 
Auch über Vieweg wird nichts gesprochen. 
Dieser liess es an kleinen Aufmerksamkeiten 
nicht fehlen, schickte z. B. am 30. Juni 1798 
ein Bild Wielands. Wenn er aber nun wiederum 
auf das Werk zu sprechen kam, so war sein 
Ton ein wesentlich anderer als bisher. Zur 
Erklärung dieser Änderung könnte man zwei 
Umstände anführen. Der eine ist, dass Böttiger 
bei seiner Anwesenheit in Berlin Viewegs 
Enthusiasmus für Goethe durch manche Zu¬ 
trägereien gedämpft haben mag, der andere 
der, dass der materielle Erfolg des Kalenders 


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Geiger, Die erste Ausgabe von Goethes „Hermann und Dorothea“ und ihr Verleger. 149 


den Erwartungen des Buchhändlers bei weitem 
nicht entsprach. Freilich scheint gegen diese 
letztere Behauptung des Berliner Buchhändlers 
die Thatsache zu sprechen, dass er, damals im 
Begriff nach Braunschweig überzusiedeln, die 
Schrift Wilhelms von Humboldt über „Hermann 
und Dorothea“ in Verlag nahm. Er schrieb 
darüber am 19. Februar 1799: „Mit Humboldts 
Schrift werden Sie wohl zufriedener sein, wenn 
Sie sie ganz gelesen ha¬ 
ben. Ein Unternehmen 
für mich als Kaufmann 
ist’s freilich nicht, aber 
Humboldt selbst weiss 
das und ist deshalb 
auch in seinen Forde¬ 
rungen höchst billig.“ 

Drei Jahre ver¬ 
gingen, ehe Vieweg 
aufs neue und diesmal 
in ziemlich heftigem 
Tone die Sache er¬ 
örterte. Es handelt 
sich dabei um die so¬ 
genannte Prachtaus¬ 
gabe von „Hermann 
und Dorothea“, von 
der in unsem Briefen 
sonst weiter nicht die 
Rede ist, und die wirk¬ 
lich im Jahre 1803 mit 
10 Kupfern erschien 
(vgl. Hirzel Seite 55). 

Man muss sich er¬ 
innern, dass seit 1797 
zwischen Böttiger und Goethe eine grosse 
Spannung eingetreten war, die sich Anfang 1802 
durch des ersteren Rezension über „Jon“ furcht¬ 
bar verschärft hatte. Am 6. März 1802 schrieb 
Vieweg: „Sie wiederholen mir, dass Ihnen meine 
sogenannte Pracht-Ausgabe des Goetheschen 
,Hermann und Dorothea* Verdruss gemacht 
und noch jetzt eine Spannung unterhalte. Das 
ist mir durchaus unbegreiflich, da G. nie etwas 
gegen mich darüber geäussert, und auch gegen 


die, welche ihn auf meine Veranlassung darauf 
brachten, hat er das Ganze gar nicht ungünstig 
beurteilt. Dies beruhigt mich, denn es würde 
mir in der That sehr wehe thun, Ihnen nach¬ 
teilig geworden zu sein.“ Schon aus der Ver¬ 
anstaltung dieser Prachtausgabe geht übrigens 
hervor, dass Viewegs Klagen über den ver¬ 
hältnismässig geringen Absatz seiner Aus¬ 
gabe nicht sonderlich gerechtfertigt sind, und 

auch die Thatsache, 
die er am 24. Februar 
1803 berichtet, dass 
er nicht abgeneigt sei, 
Jagemanns italienische 
Übersetzung von „Her¬ 
mann und Dorothea“, 
freilich ohne Honorar, 
zu drucken, beweist, 
dass jener Verlag ihm 
nicht blos Ehre, son¬ 
dern auch Gewinn 
brachte. Zum letzten¬ 
mal kam Vieweg in 
dem Briefe vom 3. Mai 
1807 auf die Ange¬ 
legenheit zu sprechen. 
Er schrieb: „Mit Cotta 
habe ich über nichts 
bis jetzt Händel ge¬ 
habt. Aber er weiss, 
dass ich sie wegen 
Goethes Hermann ha¬ 
ben werde, und viel¬ 
leicht pränumeriert er 
deshalb mit seiner Un¬ 
zufriedenheit Ich werde dennoch leben, und 
meine guten Unternehmungen werden gut sein, 
auch wenn er ihnen keine Anzeige in seinen 
Blättern gestattet.“ „Hermann und Dorothea“ 
erschien bekanntlich immer weiter bei Vieweg. 
Hirzel nennt ausser den bisher erwähnten neue 
Ausgaben aus den Jahren 1805, 7, 8, 11. Gleich¬ 
zeitig mit der Ausgabe des Jahres 1814 (Hirzel 
Seite 76) erschien aber auch schon die erste 
Ausgabe des Gedichts im Cottaschen Verlage. 



Aus Chodowieckis Kupfern zu „Hermann und Dorothea“ 
vom Jahre 1798. 

„Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung auf das Jahr 1799.“ 




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Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 

Von 

Klaus von Rheden in Berlin. 


H m Jahre 1865 wurde in Berlin „Die 
Modenwelt. Illustrierte Zeitung für 
Toilette und Handarbeiten“, 1874 eine 
erweiterte Ausgabe derselben unter dem Titel 
„Illustrirte Frauenzeitung“ begründet. Die Be¬ 
schäftigung mit diesen beiden Blättern gab dem 
Verleger derselben Veranlassung, sich der Trach¬ 
tenkunde in weitestem Umfange zu widmen, und 
so erwuchs aus kleinen Anfängen die jetzige 
Freiherrlich von Lipperheidesche Sammlung für 
Kostümwissenschaft t die sich in dem Hause 
des Herrn Besitzers, Potsdamerstrasse 38, be¬ 
findet. Einen Hauptteil derselben — den, mit 
welchem wir uns an dieser Stelle eingehender 
beschäftigen wollen — bildet die kostüm- 
wissenschaftliche Bibliothek, deren Anfänge 
kaum über das Jahr 1870 hinausreichen, und 
die jetzt 4000 Werke in 5560 Bänden umfasst, 
abgesehen von den Almanachen und Zeit¬ 
schriften. Bei Anlage der Bibliothek ging ihr 
Begründer von dem gleichen Grundsätze aus, 
der für die systematische Ausgestaltung der 
ganzen Sammlung mafsgebend gewesen war: 
den heutigen Anforderungen und Bedürfnissen 
gerecht zu werden, das für Fachstudien im 
weitesten Gebiete der Trachtenkunde erforder¬ 
liche Material zu beschaffen und die zum Teil 
sehr schwer zugänglichen und vielfach ver¬ 
streuten Quellen in umfangreichem Mafse der 
Wissenschaft zu erschlicsscn. Es handelte sich 
dabei also nicht nur um die Kostümkunde im 
engeren Sinne, sondern auch um die sich ge¬ 
wissermaßen um sie gruppierenden Gebiete: 
um die Kunde von Stickerei und Weberei, von 
den Ornamenten der Kleidung, vom Schmuck 
und der Hauseinrichtung, von Ross und Wagen, 
Schiffen, Waffen und Kriegskunst, von Spiel 
und Tanz, Fechten und Reiten und sonstigem 
ritterlichen Sport, von festlichen Veranstaltungen, 
grossen Aufzügen, Feierlichkeiten u. dgl. m. 


Man sieht, es ist ein weites Gebiet, das die 
Lipperheidesche Bibliothek umfasst, und wer 
da weiss, welche grossen Seltenheiten sich ge¬ 
rade unter den Kostümwerken, Modelbüchem 
und den meist nur in kleiner Auflage hergestellten 
Schilderungen pomphafter Solennitäten älterer 
Zeit befinden, und wie hoch ihre derzeitigen 
Marktpreise sind, wird sich ungefähr einen 
Begriff von dem Wert machen können, den die 
Sammlung repräsentiert. 

Thatsächlich ist die Lipperheidesche Samm¬ 
lung die erste und bis jetzt einzige für das Ge¬ 
biet der Trachtenkunde, speziell an Buchwerken 
und Einzelblättem; wir haben freilich eine ganze 
Reihe von staatlichen Instituten, wie das Ber¬ 
liner Kunstgewerbe-Museum, das Wiener Museum 
für Kunst und Industrie, das Bayrische National- 
Museum u. a., die ähnlichen Zwecken dienen, 
ihre Bibliotheken aber doch immer nur als ver¬ 
hältnismässig kleinen Teil des Ganzen zu pflegen 
vermögen. 

Zu dem Bücherbestände der Lipperheide¬ 
schen Bibliothek kommen ausser der bereits 
angeführten Anzahl von Werken noch 45 Hand¬ 
schriften, 126 Almanache in 840 Jahrgängen, 
beginnend mit dem Jahre 1740 (mit Mode¬ 
kupfern seit 1776)— 1850 Moden-Zeitungen in 
1620 Jahrgängen mit etwa 60000 Modekupfem, 



Hochzeitstoilette der Prinzessin Marie Louise von Orleans. 
Aus dem „Mercure galant“ vom Jahre 1679. 


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von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 151 



FREIHERRLv.LIPPERHEIDE’sche 

BfelCHERSAMMLUNG 


Bibliothekxeichen des Franz Frhrn. v. Lipperheide, 
gezeichnet von Karl Rickelt. 


beginnend mit dem Jahre 1777 — 3 ° illustrierte 
Zeitschriften in 410 Jahrgängen und 25 Zeit¬ 
schriften für Kunst und Gewerbe in 155 Jahr¬ 
gängen. Speziell die Moden-Zeitungen bilden 
eine Hauptquelle für die Trachten künde; von 
Alters her hat die Bibliotheque nationale zu 


Paris denselben ihre Aufmerksamkeit geschenkt, 
neuerdings auch das Germanische Museum zu 
Nürnberg; in so umfassendem Mafstabe wie 
hier sind dieselben bisher indess noch nicht 
gesammelt worden, zumal in ihren älteren Jahr¬ 
gängen auch kaum noch aufzutreiben. Ähnlich 


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152 von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 



f.ve' 

\cirietai' Foeminini 

Jexray, cLvrrfarum Europa 
Nxtionum. dilFe reniiag habi 
tu um. ut m qtvlifapl; Pro vincii* 
Autf apiict ill is nunc vfitaÜ. 

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Titel der „Avla Veneris" 
von Wenzel Hollar, London, 1644. 
Originalgrösse. 

Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 


verhält es sich mit den Almanachen und 
Taschenbüchern, die — abgesehen von dem 
literarischen Interesse, das sie durch mancherlei 
Erstlingsdrucke von Werken unserer Klassiker 
bieten — eine wichtige Ergänzung zu den 
Moden-Zeitungen bilden. Der „Mercure galant 
dedi6 ä Monseigneur le Dauphin“, zu dem 
Ludwig XIV. im Jahre 1677 das Druckprivi¬ 
legium erteilte, und der von 1679 ab in kleinem 
Oktavformat zu Lyon erschien, ist sozusagen 
der Ahnherr unserer heutigen Modenblätter. 
Die Beschreibung der Hochzeit der Prinzessin 
Marie Louise von Orleans mit Karl II., König 
von Spanien, mit genauer Angabe der bei dem 
Feste getragenen Toiletten machte den Anfang. 
Dazu wurde — das erste bekannte Modenbild 
— ein Bild der Prinzessin in ihrer ungeheuer 
langen Hochzeitsschleppe gegeben, das A. Trou- 
vain in Kupfer gestochen hatte. Vom nächsten 
Jahrgange des „Mercure galant“ ab beginnen 
die regelmässigen Pariser Modenberichte; in 
Deutschland finden wir die ersten bildlichen 
Darstellungen neuer Moden von 1776 ab im 
„Göttinger Taschenkalender“. Die erste grössere 


und selbständige Moden-Zeitschrift in Frank¬ 
reich scheint das „Cabinet des modes, ou les 
modes nouvelles“ (Paris, 1785—1793) gewesen 
zu sein, dem auf deutscher Seite das Bertuch- 
sche „Journal des Luxus und der Moden“ 
(Weimar 1786—1827) gegenüberstand. Die 
1890 im Verlage von Franz Lipperheide er¬ 
schienene Festschrift zum fiinfundzwanzig- 
jährigen Bestehen der „Modenweit“ bringt eine 
von F. Bürmann zusammengestellte interessante 
Auswahl Kostümbilder aus Almanachen und 
Modenblättern von 1776 bis auf unsere Zeit. 

Dem Bücherschatze der Lipperheideschen 
Bibliothek reihen sich ferner noch die Einzel¬ 
blätter an, bestehend aus 27 50 Handzeichnungen, 
23750 Kupferstichen, Holzschnitten und Litho¬ 
graphien und 2580 Photographien. Die gesamte 
Bibliothek ist in stattlichen Repositorien in einer 
Reihe grosser und luftiger Zimmer untergebracht; 
daran schliesst sich die fast 900 Nummern 
zählende Bildersammlung, meist Familien-Por- 
traits des XVI.—XIX. Jahrhunderts. Kataloge 
der Bilder, der Einzelblätter, Almanache und 
Zeitschriften sind in Vorbereitung; von dem 
beschreibenden Verzeichnis der Bücher ist bisher 
der erste Halbband erschienen, auf dessen 
Basis die nachfolgenden Mitteilungen beruhen. 
Mit besonderer Freude wird man in bibliophilen 
Kreisen die Ausstattung des Katalogs begrüssen, 
in dessen Text Nachbildungen von Büchertiteln, 
Teile des Inhalts, Buchdrucker-Signete und Ab¬ 
bildungen von Einbänden eingefügt sind, die 
„in ihrer Vereinigung einen kleinen Beitrag zur 
Geschichte der Bücher-Ausstattung liefern sollen, 
um zugleich den wechselnden Geschmack auf 
diesem Gebiete vor Augen zu fuhren“. In Bezug 
auf das Beschreibende ist der Katalog — der 
übrigens auch durch den Buchhandel zum Preise 
von I M. für die Lieferung zu beziehen ist — mit 
grösster Sorgfalt ausgeführt worden. Die biblio¬ 
graphischen Noten, die den selteneren Nummern 
beigefügt sind, enthalten viel Interessantes und 
Wissenswertes und mancherlei Aufschlüsse, die 
als Ergänzung der bisher erschienenen Biblio¬ 
graphien dienen können. Die Einteilung des 
Katalogs ist folgende: AllgemeineTrachtenkunde 
— Tracht im Allgemeinen — Tracht im Mittel- 
alter und in der Neuzeit — Einzelne Teile der 
Tracht — Die Tracht einzelner Stände — Die 
Trächt für besondere Veranlassungen — Ästhetik 
und Hygiene der Tracht — Gesetze, Verbote, 


BrcntizBtfby GOOQle 






von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 



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fim Wftit Scitf• Jlmw l $<?e »Yhrittw W4 *»/ 


Kleiderordnungen — Streitschriften und Satiren, 
Karrikaturen und Spottbilder — Künste und 
Gewerbe im Dienste der Tracht — Hülfswissen- 
schaften. Dieser Gesamtübersicht reihen sich 
zahlreiche Unterabteilungen an, z. B. werden 
bei den Einzelheiten der Tracht Haar und 
Kopfbedeckung, Halsbekleidung, Handschuhe, 
Muff, Stock und Schirm, Fächer, Schnürbrust 
und Reifrock, Fussbekleidung und Schmuck¬ 
sachen in besonderen Rubriken berücksichtigt; 
bei der Ständetracht spielen die Ornate der 
Herrscher, der Höfe und Amtspersonen, der 
geistlichen und weltlichen Orden, der Zünfte 
und Gewerke und die Uniformen der Heere 
aller Zeiten und Länder eine grosse Rolle. 
Ein überaus reiches Ma¬ 
terial ist für die Trach¬ 
tenkunde bei Staats- 
Zeremonien, bei Kir¬ 
chen-, Friedens- und 
Volksfesten, ländlichen 
Festgebräuchen, bei 
sportlichen Veranstal¬ 
tungen, Theater-Auf¬ 
führungen und Masken¬ 
scherzen zusammenge¬ 
bracht worden. Dazu 
kommt eine Fülle kunst¬ 
gewerblicher Werke 
über praktische Schnei¬ 
derei und Verwandtes, 
textile Kunst und weib¬ 
liche Handarbeiten (mit 
zahlreichen Model- 
büchem des XVI. bis 
XVIII. Jahrhunderts), 
auch [über die Aus¬ 
schmückung des Hau¬ 
ses: Baukunst, Bild¬ 
nerei, Mobiliar, Holz- 
und [Metallarbeiter 
Keramik u. s. w. Die 
Rubrik derHülfswissen- 
schaften umfasst end¬ 
lich eine grosse Anzahl 
von Encyklopädien, 

Werken zur Geschichte, 

Kultur-, Kunst- u. Biblio¬ 
theks-Geschichte wie 
über die Entwicklung 
der graphischen Künste. 

Z. f. B. 


Der bis jetzt erschienene Halbband des 
Katalogs umfasst ungefähr den sechsten Teil 
der Büchersammlung, giebt aber doch schon 
ein ungefähres Bild von dem glänzenden Reich¬ 
tum des Ganzen. Die Abteilung der Allgemeinen 
Trachtenkunde beginnt mit dem ältesten be¬ 
kannten, im Druck erschienenen Kostümwerk, 
dem 

„Rccueil de la diuersitd des habits, qui sont de 
present en vsage, tant es pays d’Europe, Asie, Aflfrique 
et Isles sauuages ... A Paris ... 1567 ... 

Die erste Ausgabe, von der in Wolfenbüttel ein 
Exemplar vorhanden, erschien fünf Jahre früher. 
Der Zeichner ist nicht bekannt; als Verfasser 
der Vierzeiler unter den Unterschriften der 


Trachtenbuech. 

Bilderhandschrift von 1580, Titelblatt. Originalgrösse 21,3:17,2 cm. 
Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 


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154 


von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 


1 CO AS .QVNTA PA FFN VCVS ETTHAI5 



, Aus den „Opera'* der Roswitha, Nürnberg 150t. 

Blatt 15 a: Bekehrung der Thais durch den Eremiten PafFnucius. 

Originalgrösse 22:14,5 cm. 

Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 

Bilder nennt sich in der an Heinrich von 
Navarra gerichteten Widmung des Buches 
Frangoys Deserpz. Von grosser Kostbarkeit 
ist die Heldtsche Bilderhandschrift 

Abconterfaittung allerlei Ordenspersonen in iren klai- 
dungen vnd dan viler alten klaidungen, so vor Zeiten 
... getragen sinnt worden ... (Nürnberg 1560—1580). 

Der Verfasser nennt seinen Namen selbst in 
der Vorrede. Es ist jener Sigmund Heidt 
(Heit oder Held) der Jüngere, der von 1528— 
1587 in Nürnberg lebte, und dem der Ver¬ 
leger Sigmund Feyerabend die beiden ersten 
deutschen Ausgaben des Wappen- und Stamm¬ 
buches von Jost Amman widmete. In der 
Widmung zu der Ausgabe von 1589, die erst 
zwei Jahre nach Heidts Tode herauskam, 
nimmt Feyerabend Bezug auf ein von Heidt 
gefertigtes Stammbuch seines Geschlechts, 


das sich noch erhalten hat und sich in der 
Bibliothek des Germanischen Museums zu 
Nürnberg befindet. Das Heldtsche Trach¬ 
tenbuch, das heute kaum noch bekannt 
ist, muss seiner Zeit häufig benutzt worden 
sein; wenigstens lässt sich aus der mehr¬ 
fachen Anführung seines Titels in dem 
handschriftlichen Nürnberger Turnier- und 
Schembartbuch, von dem sich gleichalls 
ein Exemplar in der Lipperheideschen 
Bibliothek befindet, darauf schliessen. Die 
Zeichnungen sind ziemlich roh, aber sehr 
charakteristisch nach dem Leben entworfen. 
Den Einband — in gepresstem Schweins¬ 
leder — ziert ein prächtiges grosses Bücher¬ 
zeichen in Radierung, das in ornamentaler 
Umrahmung das Heldtsche Wappen zeigt. 

Die Nummern 7 und 8 des Katalogs 
notieren das Weigelsche Trachtenbuch von 
1577 mit den blattgrossen Zeichnungen 
Jost Ammans, die in der Druckerei Hans 
Weigels von diesem geschnitten wurden; 
das zweite Exemplar ist ein altkoloriertes. 
Von dem handschriftlichen Trachtenbuche 
eines unbekannten Meisters vom Jahre 1580 
geben wir auf Seite 153 ein Facsimile 
des (im Original farbigen) Titels. Die 
Weimarer Grossherzogliche Bibliothek be¬ 
sitzt eine Bilderhandschrift mit 185 Bildern 
(gegen 292 des Lipperheideschen Exem¬ 
plars), die in allen Einzelheiten mit denen 
des erwähnten Trachtenbuchs überein¬ 
stimmen. In der Widmung der Weimarer 
Handschrift heisst es, dass sie im Aufträge des 
Abraham Joerger als Geschenk dir den Johann 
Jakob Fugger in Italien hergestellt wurde. 
Beide Exemplare scheinen aus einem italieni¬ 
schen Trachtenbuche entstanden zu sein, viel¬ 
leicht in Augsburg und wohl zweifellos von der 
Hand eines deutschen Künstlers. Nicht minder 
interessant sind die beiden unvollständigen 
Exemplare eines anonymen Trachtenwerks in 
Radierung mit 203 bez. 94 Bildertafeln; das 
erste altkoloriert, das zweite schwarz. Man 
kennt von diesem Werke nur noch zwei weitere, 
auch nicht ganz vollständige Exemplare in der 
National-Bibliothek zu Paris und in der Bres¬ 
lauer Universitäts-Bibliothek, sowie eine in Mün¬ 
chen auf der dortigen Hof- und Staatsbibliothek 
liegende Handschrift von 319 Tafeln, deren 
Zeichnungen und Farbengebung fast genau mit 


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von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 


m&utßikitn 


Miroir du Salut humain. Pergamenthandschrift um 1465—1475. 
Blatt 47a, Spalte II: Hiobs Söhne und Töchter beim Gastmahl im Hause des Jadis. 

Aus der Frhrl. v. Lipperheidcschen Bibliothek in Berlin. 


dem Upperheideschen Exemplar übereinstim- Tafeln in dem Münchener Trachtenbuche nicht 
men. Ob diese Handschrift die Vorlage zu durchaus dagegen spricht. Den Schluss der 
dem Radierwerke gewesen, hat nicht ermittelt ersten Katalogs-Abteilung bilden verschiedene 
werden können, obschon meines Erachtens das Ausgaben von dem grossen und schönen vene- 
Fehlen von 44 bei Lipperheide vorhandenen zianischen Kostümwerk des Cesare Vecellio . 


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156 


von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 



Aus dem „Spiegel der menschlichen Behaltniss,'* 
Augsburg, 149a. Blatt 88 a: Das Urteil Salomons. 

Originalgrosse. 

Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 

Von dem nun folgenden 

Trachten oder Stambuch: darinen alle fiimemste 
Nationen Völckem, Manns vnnd Weibs Per¬ 
sonen in jhren Kleydem, artlich abgemahlt ... 

S. Gallen durch Georg Straub, ANNO M.DC. 
war die deutsche Ausgabe bisher nicht 
bekannt; Nagler, Monogr., erwähnt nur 
die lateinische vom gleichen Jahre. Von 
Wenzel Hollar , dem berühmten böhmi¬ 
schen Kupferstecher und Radierer, der 
unter Merian in Frankfurt seine Aus¬ 
bildung genoss, zählt der Katalog das 
Frauentrachtenbuch „Theatrum Mulier- 
um“ (London 1643, in welcher Zeit Hollar 
Zeichenlehrer des Prinzen von Wales war). 

Unter den Werken des XIX. Jahrhunderts 
ragt das gewaltige Prachtwerk des 
Italieners Ferrario (Mailand 1817—1834) 
vor allem hervor. Die Bibliothek besitzt 
das Hand-Exemplar des Verfassers mit 
den Originalen zu sämtlichen Tafeln in 
Bleistift-, Feder- und Aquarell - Skizzen 
und den Abdrücken der verschiedenen 
Plattenzustände in 45 starken Folianten. 

Der zweite Hauptteil des Katalogs be¬ 
handelt die Tracht im Altertum. Wir 
finden hier u. a. die Werke des Lazarus 


Batf über antike Schiffsbaukunst (Basel 1541 
und Paris 1542), des Thomaso Porcacchi und 
Francesco Perucci über die Funeralien der 
Völker (Venedig 1574 und Verona 1639); 
Montfaucons umfangreiche fünfbändige „L’Anti- 
quit£ expliquöe“ (Paris 1719—1724), das Kostüm¬ 
werk Dandre Bardons (Paris 1784—1786) und 
den grossen sechsbändigen Bilderatlas des 
Grafende Clarac (Paris 1826—1853). Griechen¬ 
land und Rom sind durch 126 Werke vertreten; 
unter ihnen finden sich auch die von Karl 
Rickelt gezeichneten Vorlagen für eine in Vor¬ 
bereitung befindliche Publikation des Besitzers 
der Sammlung über „Antike Helme“. Es sind 
bis jetzt über 500 Blatt, darunter sehr viel bis¬ 
her nirgends Ediertes, aber alles * Wichtigere 
von Helmen des Altertums darstellend, was 
die Museen Europas beherbergen. Die Porträt¬ 
bücher des Johannes Huttichius von 1526 und 
1552 und die grossen italienischen Münzen¬ 
werke des Aeneas Vtco aus der zweiten Hälfte 
des XVI. Jahrhunderts sind in verschiedenen 
Ausgaben vorhanden. Von der illustrierten Ge¬ 
schichte der Völkerwanderung des Wolf gang 
Lazius , des Wiener Arztes, Historikers, Zeich¬ 
ners und Radierers, dessen Werk zuerst 1572 


£31 Soccos Ppamepis.aueB facioe apparet 

/Curj -ePemproeem böie.t>irgo nö generaree 
fjvröent DpamePee gefeiten /oerwanpetc 
möte fogel fpti/ warnmbfole Pan goemc 
wollen / Pas frn mutter folee jungfrauio Im 



Defensorium inviolatae perpetuaequ e virginitatis Mariae (um 1470). 
Oberer Teil von Blatt 3a: Die Gesellen des Diomedes in Vögel 
verwandelt. Originalgrösse. 

Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 


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von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek 2U Berlin. 



Aus den „Flores virtutum*' des Hans Vindler, Augsburg, i486. 
Blatt 187 a: „Von harpffen vnd psaltern.“ 

Originalgrösse. 

Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 


in Basel erschien, beschreibt der Katalog diese 
erste Ausgabe, während Andresen, Peintre- 
Graveur II, S.421—423, nur die Frankfurter Aus¬ 
gabe von 1600 kennt. 

Der dritte Hauptteil bringt zunächst eine 
Fülle kostbarer moderner Werke und Facsimile- 
Ausgaben zur Trachtenkunde des Mittelalters. 
Dann beginnt der für die Mehrzahl der Biblio¬ 
philen interessanteste Abschnitt: das XV. Jahr¬ 
hundert mit dem „Miroirdu Saluthumain“ y einer 
gereimten französischen Übersetzung des vielbe¬ 
rühmten Heilsspiegels „Speculum humanae salva- 
tionis“, dessen Entstehung der AbtTritheim dem 
Conrad von Alzheim in der Diözese von Mainz 
zuschreibt Eine Nachahmung in französischer 
Prosa entstand schon 1449, und auch von ihr 
sind mehrere Handschriften erhalten. Die Lipper- 
heidesche Pergament-Handschrift ist zwischen 
1465—1475 geschaffen worden und mit 192 
Miniaturen geschmückt. Das ganze Werk um¬ 
fasst 45 Kapitel. Die beiden ersten behandeln 
Lucifers Höllensturz, die Schöpfung, den Sün¬ 
denfall und die Sintflut; die folgenden 40 Kapitel 
Darstellungen aus dem Neuen Testament, denen 
drei Seitenstücke aus altbiblischen Erzählungen 


gegenüberstehen; das 43. Kapitel schildert die 
Leiden Christi, und die Schlussabschnitte endlich 
beschreiben die Leiden und Freuden der Jungfrau 
Maria. Die Kostümfiguren der Miniaturen tragen 
selbstverständlich das Kostüm des XV. Jahr¬ 
hunderts und illustrieren vortrefflich die Trachten 
der verschiedenen Stände jener Zeit. Interessant 
ist es, dass diese Miniaturen sowohl ihrer An¬ 
zahl nach wie auch inhaltlich mit der vermut¬ 
lich von Günther Zainer 1471 oder 1472 in 
Augsburg hergestellten Druckausgabe des „Spe¬ 
culum 44 genau übereinstimmen. Es ist dies jenes 
Werk, auf das die Holländer ihre längst wider¬ 
legte Behauptung von der Priorität der Erfin¬ 
dung der Druckkunst mit beweglichen Lettern 
durch Lorenz Koster gründen. Man hat lange 
darüber gestritten, ob Günther Zainer, der jeden¬ 
falls der bedeutendste Augsburger Typograph 
des XV. Jahrhunderts war, den Druck des 
„Speculum 44 besorgt hat oder nicht, doch spricht 
die Wahrscheinlichkeit dafür. Die Lipper- 
heidesche Ausgabe ist bis auf drei durch Fac- 
similierung ergänzte Blätter trefflich erhalten. 
Das Buch enthält zunächst die 45 Kapitel des 
„Speculum salvationis 44 in lateinischer Sprache, 


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158 


von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 


C Cotlouegote*ff totIjepleßfo 
Ucbept alte Hettten mmtcftm foeia 
frier oolrpmöar emoarrOtgbebOfc 
oantrctf jeutn wmben paffte oem 
feniffe engloriofe opuam one fttti 
ifteftt jrprifti ttictebttrim oatt(cgo< 
nett motalen effgffeeffeUffen leerin 
gffen eff benoten meOftoriett eff gbe 
beben int epnbe bet captttelen Än 
bettoetiten gbeptent in bie 5eet oee 
maetbecoopffabt Cantnyrpen.b^ 
mff Claeoleenjttt i'aeeono beeren 
WCC ktfoiff. bet|ttDinricbffe 
bacbfnnottembri. »eogtaria» 



Aus dem „Leben Christi“ des Ludolphus de Saxonia, 
Antwerpen, 1488. Blatt 402 a, Spalte II: Schlussschrift 
und Signet des Druckers Claes Leeu. 

Originalgrösse. 

Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 

dann eine deutsche Übersetzung und als An¬ 
hang das „Speculum S. Mariae virginis“, latei¬ 
nisch allein, ein Werk des Johannes Andreas 
von Bologna. Den Beschluss macht ein ge¬ 
reimter Auszug, den der Verfasser, ein Mönch 
Johannes , der vielleicht der Herausgeber des 
Gesamtwerkes und Autor der deutschen Über¬ 
setzung ist, den Äbten des Klosters St. Ulrich 
und Afra in Augsburg widmet. Von einer (gegen 
1475) wahrscheinlich in den Niederlanden ent¬ 
standenen Ausgabe des „Speculum“, welche zum 
Teil xylographisch, zum Teil typographisch her¬ 
gestellt ist, ist das vorzügliche, aussergewöhnlich 
luxuriös hergestellte Facsimile vorhanden, das 


Ph. Berjeau 1861 in London anfertigen Hess. 
Eigentümlicher Art ist das „Defensorium in- 
violatae perpetuaeque virginitatis Mariae“, das 
Werk eines Dominikanermönchs Namens Franz 
von Refzozv, der darin aus naturwissenschaft¬ 
lichen und mythischen Gründen den Beweis der 
Jungfräulichkeit Mariä liefern will. Es existieren 
verschiedene Ausgaben dieses merkwürdigen 
Stückes, xylographische und typographische, 
die sehr verschieden von einander sind. Das 
Exemplar der Lipperheideschen Bibliothek ent¬ 
spricht der Beschreibung, die Hain unter Nr. 6085 
giebt; letzterer führt übrigens auch noch eine 
zweite undatierte Ausgabe mit den gleichen 
Holzschnitten an. Muther in seiner „Deutschen 
Bücherillustration“ schreibt den Druck Georg 
Reyser in Würzburg zu; die Entstehungszeit 
dürfte um das Jahr 1470 fallen. In der folgen¬ 
den Nummer finden wir eins der ersten und 
schönsten italienischen Holzschnittwerke, das 
Kriegsbuch des Robertus Val/urius (Verona 
1472). Der Verfasser war Kriegsminister des 
Herzogs Sigismondo Malatesta von Rimini; der 
Drucker Johannes rühmt sich im Schlusswort, 
mit seinem Buche das erste Druckwerk Veronas 
geschaffen zu haben. Die sogenannte „Neunte 
deutsche Bibel“ (Nürnberg, Anton Koberger, 
1483), in letzter Zeit auch selten geworden, 
liegt in einem schön erhaltenen Exemplar vor. 

Die Ausgabe von Ringoltingens „Melusine“ 
in der Lipperheideschen Sammlung ist eine 
ältere als das in diesem Hefte besprochene Star- 
gardtsche Exemplar, nämlich ein Strassburger 
DruckKnoblochtzers von ca. 1483. Knoblochtzer 
hatte bereits gegen 1477 eine erste Ausgabe der 
„Melusine“ ediert, deren Holzschnitte denen einer 
noch früheren Ausgabe (Basel, Bemh. Richel, 
ca. 1475) nachgebildet waren. In dem Lipper¬ 
heideschen Exemplar, aus dem wir zwei Ab¬ 
bildungen nach dem Katalog mit Erlaubnis des 
Herrn Besitzers unserm Melusine-Artikel ein- 
fügen, sind die Holzschnitte und Initialen kolo¬ 
riert. Bei dem „Horologium devotionis circa 
vitam Christi“, dessen Übersetzer aus dem Deut¬ 
schen in das Lateinische ein Dominikanermönch 
Berthold sein soll, kennt man weder den Druckort 
noch das Jahr der vorliegenden Ausgabe; doch 
ist anzunehmen, dass sie um 1480—1490 in 
Köln entstanden sei. Ein sehr interessantes 
Werk ist Hans Vindlers „Flores virtutum, oder 
das buch der Tugent“ (Augsburg i486). Die 


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von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperhcideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 1 59 


Dichtung, aus der der Verfasser — dem reichen 
Geschlechte der Vindler entstammend, das 
im XIV. Jahrhunderte Besitzer des Schlosses 
Runkelstein bei Bozen war — geschöpft hat, 
entstand gegen 1360 in Italien („Fiore de virtu“) 
und wurde dort unzählige Male gedruckt. Eine 
sehr wenig bekannte und selten beschriebene 
deutsche Übersetzung des sächsischen Kar¬ 


thäusermönchs Ludolphus „Vita Christi“ ist in 
Antwerpen, 1488, bei Clacs Leeu gedruckt 
worden. Ziemlich selten ist auch eines der 
ersten Hexenbücher, Ulrich Molitors „De lamiis 
et phitonicis mulieribus“ — Gespräche über 
Dämonologie, mit 7 blattgrossen Holzschnitten, 
von denen der erste die drei gesprächführen¬ 
den historischen Personen, die anderen Hexen 



Metallschnitt aus einem Gebetbuch, Paris, um 150a (bei Simon Vostrc). 

Teil der Abbildung auf Blatt 31 a: Verkündigung der Geburt Christi auf dem Felde. Originalgrösse. 
Aus der Frhrl. v. Lippcrheideschen Bibliothek in Berlin. 


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i6o 


von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek zu Berlin. 


in Frauentracht darstellen. Druckort ist wahr¬ 
scheinlich Köln, um 1489, Drucker vielleicht und 
dem Anschein nach Cornelius von Zyrichsee. 

Nr. 421 bringt wieder einen Druck Kobergers, 
mit den Typen der Neunten deutschen Bibel, 
den „Schatzbehalte/“, den man dem Franzis¬ 
kanermönch Stephan Fridolin zuschreibt, ein An¬ 
dachtsbuch voll asketischer Lehren. Den Holz¬ 
schnitten Michael Wohlgemuths, des Meisters 
Dürers, verdankt das Werk in der Hauptsache 
seinen Ruf. Der „Spiegel der menschlichen 
Behaltniss“ ist in der Ausgabe von 1492 (Augs¬ 
burg, Hans Schönsperger) vorhanden, die ver¬ 
kleinerte Kopien nach den Holzschnitten des 
Speierschen Druckes (Peter Drach) von ca. 
1474 enthält. In Ludwig Rosenthals Antiquariat 
in München sah ich gelegentlich eine Ausgabe 
o. O. u. J., die mit keiner der von den Biblio¬ 
graphen, Hain, Panzer, Dutuit, Weigel be¬ 
schriebenen übereinstimmt, deren Holzschnitte 
aber mit der Speierschen übereinstimmend waren. 
Es folgen die „Cronecken der sassen“ (Mainz, 
Schofler, 1492) und Schedels berühmte „Chronik 
deutsch“ (Nürnberg, Koberger, 1493); ferner 
eine wundervolle Ausgabe des Ovid „La bible 
des poötes m^tamorphosee“ (Paris, Verard, 
1493), ein Nachdruck der Übersetzung von 
Colard Mansion, der sein Werk nach der Waleys- 
schen Ausgabe selbst 1484 in Brügge druckte. 

Der „Terentius“, Strassburg 1496, ist das erste 
Illustrationswerk aus der berühmten Offizin 
Johannes Reinhardts, der sich der Sitte der 
Zeit zufolge gewöhnlich nach seinem schwäbi¬ 
schen Geburtsort Johannes Grüninger nannte. 
Die Abbildungen — blattgrosse bei dem Beginn 
jeder Komödie und kleinere fast bei jeder Scene 
— sind sehr interessant; Grüninger hatte eine 
Anzahl Holzstöcke, menschliche Figuren und 
Requisiten darstellend, anfertigen und diese 
dann je nach Bedarf zusammensetzen lassen. 
Man erkennt aus den Illustrationen, dass die 
Stöcke nicht immer recht zu einander passten. 
Ein anderer Druck Grüningers ist des Frater 
Petrus „Legenda beatae Catherinae“ (Strass¬ 
burg 1500), der von verschiedenen Bibliographen 
als von 1508 angegeben wird. Das Datum im 
Kolophons lautet nämlich: „Anno Millesimo 
qngentesimo. octauo || Deniqz idus Aprilis“. Im 
Lipperheideschen Katalog wird dagegen, wie 
mir scheint mit Recht, angeführt, dass „octavo“ 
nur zu „idus“ gehören könne; ferner ist auch 


„quingentesimo“ durch einen Punkt abgetrennt 
und mit „idus“ durch „denique“ verbunden, so 
dass es nicht „1508 an den Iden des April“ 
(idus ist doch Akkusativ), sondern „1500 am 
6. (octavo idus) April“ heissen muss. Als dritten 
Grüningerdruck finden wir Virgils „Opera“ 
(1502) mit ihrer Fülle von Illustrationen. Eines 
der wenigen Druckdenkmale, die Michael Furter 
in Basel geschaffen, bietet die Nr. 431 des 
Katalogs, die dem Bischof Methodius von Tyris 
wahrscheinlich fälschlich zugeschriebenen „Reve- 
lationes“ (1498), mit Illustrationen, die schon das 
Interesse Sebastian Brants erregten. 

Die „Cronica van der | hilliger Stat vä 
Coelle“ (Cöln, Johann Koelhoff, 1499) ist jene 
weltberühmte und seltene Chronik, die auf 
Bl. 311 und 312 die bekannte Nachricht von 
der Erfindung der Buchdruckerkunst durch 
Gutenberg in Mainz um 1440 und deren Voll¬ 
endung um 1450 enthält. Eine der nächsten 
Nummern bringt die Erstausgabe der Werke 
der Nonne Roswitha , die „Opera“ Hroswitae 
(Nürnberg 1501). Die Illustrationen, Widmungs¬ 
bilder und Darstellungen zu den Komödien 
sind häufig Dürer zugeschrieben worden. Den 
Drucker kennt man nicht; sein Signet stellt ein 
A und ein P zu Seiten einer Windfahne dar. 
Ein bekannterer Drucker jener Zeit, dessen 
Name mit P beginnt, war indessen nur Friedrich 
Peypus, der sich auch Artemisius nannte, aber 
erst gegen 1509 nach Nürnberg gekommen 
sein soll. Ein „Horarium“ mit wundervollen Illu¬ 
strationen in Metallschnitt sind die „Heures“ 
des Simon Vostre , Paris um 1502. Aus dem 
gleichen Verlage gingen in einem Zeitraum von 
gegen 30 Jahren etwa 90 Ausgaben von Gebet¬ 
büchern hervor, deren Abbildungen von der 
Wende des Jahrhunderts ab durchweg eine 
meisterhafte Technik zeigten. Die „Legenden 
der Heiligen Hedwig“ (Breslau, Conrad Baum¬ 
garten, 1504) ist das erste in Breslau gedruckte 
illustrierte Buch. Auch die erste deutsche Aus¬ 
gabe der „Römischen Historien“ des Titus Livius 
(Mainz 1505) bringt auf der Rückseite des 
Titelblattes, in der Widmung an Kaiser Maxi¬ 
milian, ähnlich wie die Kölner Chronik, ein 
Zeugnis für die Erfindung der Buchdrucker¬ 
kunst durch Gutenberg. Es heisst nämlich dort: 

... In der löblichen Stadt j| Mentz gefertigt... In 
welich-||er stadt auch anfengklich die wunderbare kunst 
der Trückerey, vn Im ersten von II dem kunstreichen 


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von Rheden, Aus der Frhrl. v. Lipperheideschen Kostümbibliothek tu Berlin. 


161 


Johan Güttenbergk, Do man zalt nach Christi vnseres 
hercn ge-| bürth Tausent vierhunderth vnd fiinffzig Jare 
erfunden, vn darnach mit vleyfs Jj kost vnd arbeyt Johan 
Fausten vnd Peter Schöffers zu Mentz gebesserth, vnd || 
bestendig gemacht ist worden . . . 

Ulrich von Richentals „Chronik des Con- 
stanzer Concils“ 1413 (Augsburg 1536) ist die 
zweite Ausgabe des berühmten Werkes, dessen 
Handschrift sich im Museum zu Konstanz be¬ 
findet. Es gilt in seiner Erstauflage, die 1483 
erschien, wegen der 1156 Wappen der am 
Konzil Beteiligten, als das älteste gedruckte 
Wappenbuch. Ausserordentlich selten gewor¬ 
den ist Georg von Ehingens „Itinerarium“ von 
1600, ein Reisewerk mit blattgrossen Kupfern. 
Auch Bidpays Fabelbuch „Der Altenn || Weisenn, 
Exempel, || Sprüch, vnd Vnderweisungen . . .“ 
ist in den älteren Ausgaben nicht mehr häufig; 
es erschien im XV. Jahrhundert unter dem 
Titel „Buch der Beispiele“ und „Buch der Weis¬ 
heit“, häufiger noch im XVI. Jahrhundert. Das 
Lipperheidesche Exemplar hat keine Ort- und 
Druckerangabe; vermutlich ist es (1548) bei 
Jac. Fröhlich in Strassburg gedruckt worden. 

Aus dem XVI. Jahrhundert besitzt die Samm¬ 
lung gleichfalls ein interessantes handschriftliches 
Trachtenwerk, zwischen 1560 und 1594 von ver¬ 
schiedenen deutschen Künstlern geschaffen. 
Wahrscheinlich hat ein Kunstfreund die einzelnen 
Blätter, die zahlreiche kostümlicheDarstellungen 
aus allen Ländern und Ständen zur Anschauung 
bringen, erst später unter Vorsetzung erläutern¬ 
der Textbilder vereinigt. Auch verschiedene 
illustrierte Stammbücher sind vorhanden: so das 
des Julius und Stephan Bayr von Nürnberg 
(1578), des ArnoldBuchelius aus Utrecht (1584), 
des Heinrich von Einsiedel (1611—1628), der 
Familien von Auffenstein und von Mandorff 
(1635) und das wegen seiner Schilderungen 
aus dem dreissigjährigen Kriege besonders 
interessante des Cornelius Dworsky (1632— 
1648). Von Jost Ammans „Kunstbüchlin“ fin¬ 
den wir die vollständigste Ausgabe von 1599, 
von Schrenck von Notzings berühmter Beschrei¬ 
bung der Ambraser Waffensammlung die 
deutsche Ausgabe, Innsbruck 1603, vor. Theodor 
de Brys Emblematenwerk ist in dem Druck von 
1611 und der vonWamecke besorgten präch¬ 
tigen Stargardtschen Facsimile-Ausgabe nach 
dem Original von 1597 vorhanden. Es folgen 
u. a. weiter die Figurenwerke Jacob Callots , 

Z. I B. 



Schlusftblatt und Signet des Antoine V6rard aus 
Ovids „Bible des po&tes mitamorphoiie“, Paris. 1493. 

Originalgrösse. 

Aus der FrhrL v. Lipperheideschen Bibliothek in Berlin. 

Wilhelm Baurs und des Crispin de Passes des 
Jüngeren , unter den letzteren auch dessen 
eigentümlicher „Miroir des plus belles courti- 
sanes de ce temps“ von 1631. Von Merians 
„Theatrum Europaeum“ und Merian - Zeillers 
„Topographia“ sind prächtige Ausgaben in der 
Sammlung. Ulrich Finders „Speculum passionis“ 
(Nürnberg 1507) ist das erste Werk mit Holz¬ 
schnitten Hans Schäufeleins und vollständiger 
als die im Jahre 1519 erschienene Ausgabe. 

Damit sei es genug für heute. Mir lag nur 
daran, einen ersten vorläufigen Überblick über 
die reichen Schätze dieser von einem Privat¬ 
mann ins Leben gerufenen Bibliothek zu geben. 
Sobald sie, wie geplant, der Öffentlichkeit über¬ 
geben worden ist und die beschreibenden Kata¬ 
loge weiter vorgeschritten sind, hoffe ich an 
dieser Stelle noch häufiger darauf zurück¬ 
kommen zu können. Jedenfalls haben wir 
es bei dem Kataloge mit einem Quellenwerke 
erster Ordnung zu thun, dem es an jeder 

21 


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1 62 


Kritik. 


Vorarbeit fehlte. Das Lipperheidesche Bücher¬ 
verzeichnis bedeutet einen Fortschritt in der biblio¬ 
graphischen Wissenschaft überhaupt, und der 
Name seines Herausgebers gesellt sich — mittel¬ 


bar oder unmittelbar — zu denen eines An- 
dresen, Bartsch, Brunet, Ebert,Goedeke, Graesse, 
Hain, Muther, Nagler, Panzer, Quaritch, Passa- 
vant, Vinet und Weigel und Anderer. 



Kritik. 


Foreign Bookbindings in the British Mussum. 
Illustrations of sixty-three examples selected on 
account of their beauty or historical interest with 
Introduction and Descriptions by William Younger 
Flächer. London, Kegan Paul, Trench, Trübner 
and Co. 1896. 

Wenig lässt der schlichte blaue Einband, der 
die Folioausgabe des Werkes umschüesst, die 
Schätze seines Innern ahnen. Was je orientalische 
und occidentale Buchbinderkunst vergangener Jahr¬ 
hunderte zu leisten vermochte, finden wir hier in 
bewunderungswürdiger Reproduktion vertreten und 
mit einfach verständlichen, kurzen und treffenden 
Bemerkungen erläutert Wollte man alle 63 Ab¬ 
bildungen besprechen — und sie verdienen es 
alle! — es würde ein neuer Folioband entstehen, 
und so müssen wir uns denn begnügen, hie und 
da ein Beispiel aus der Menge zu greifen und die 
Lust des Lesers, das Buch aus eigener Anschauung 
kennen zu lernen, zu wecken. Der verhältnismässig 
sehr niedrige Preis des kostbar ausgestatteten 
Werkes beträgt 65 M. 

Tafel 1 zeigt uns ein lateinisches Evangelienbuch t 
dessen Einband vermutlich deutschen Ursprungs 
vom Ende des X. oder Anfang des XL Jahrhunderts 
ist Die starken Holzbretter des Deckels sind mit 
Leder überzogen. Das Mittelfeld sowie der über 
letzteres erhabene Rahmen sind mit vergoldeten 
Kupferplatten belegt, in welche grosse und kleine 
Kristalle eingelassen sind. Die Mittelplatten sind 
schuppenartig gepunzt und zeigen im Centrum 
einen in Relief gearbeiteten, gekrönten und seg¬ 
nenden Christus, dessen Augen aus schwarzen 
Glasperlen bestehen. Die vier blaugrundigen, grün 
und rot gemusterten Emaillequadrate, welche die 
Ecken des Mittelfeldes füllen, stammen sicher erst 
aus dem XIV. Jahrhundert 

Tafel 2 gibt einen lateinischen Psalter in by¬ 
zantinischem Einband des XEL Jahrhunderts, der 
einst für Melissanda, Tochter des Königs Balduin 
von Jerusalem, geschrieben und illuminiert wurde. 
Auch hier büdet festes Holz das Grundmaterial 
für eine Auflage herrlich geschnitzter Elfenbein¬ 
platten, die mit Türkisen und Rubinen geschmückt 
sind. Die obere Hälfte der Schnitzerei zeigt sechs 
Bilder aus dem Leben Davids, deren Zwischen¬ 
räume durch Allegorien der siegreichen Tugend 
ausgefüllt werden. Die untere Hälfte behandelt die 


Gnadenwerke; das Ganze ist von einer leicht und 
elegant hingeworfenen Umrahmung von Arabesken 
umschlungen. Leider fehlen die Schliessen. Der 
eingeritzte Name „Herodius“ scheint auf den Künstler 
hinzuweisen. 

Von weniger kostbarem Material ist der Einband 
Tafel 5, auf Thomas Ebendorffer von Haselbachs 
n Directorium Historicum“ , das der Verfasser 1450 
für Kaiser Friedrich DL von Deutschland schrieb 
und das auch die Inschrift „Fridericus Rex 1451“ 
und darunter sein Motto „A. E. L O. U.“ (Austriae 
est imperare orbi universo) sowie den kaiserlichen 
schwarzen Adler aufweist Der schöngepunzte 
braune Kalbledereinband trägt Schliessen, Ecken 
und Mittelzierrat aus getriebenem, goldig glänzen¬ 
dem Messing. Hier wird als Buchbinder der Name 
„Petrus“ genannt 

Einen zweiten schönen Lederband sehen wir 
Tafel 7 zu Rainerius de Pisis y J*antheologia“ (Basel, 
um 1475). Das dunkle Ziegenleder ist gepresst 
und mit einem feinen Instrument nachgearbeitet, 
so dass die büdliche Darstellung, ein vor einem 
Lesepult sitzender Gelehrter, und die ornamentale 
Umrahmung scharf hervortreten. Auch hier fallen 
die sauber ziselierten Messingecken und Schliessen 
auf; die Rückseite trägt einen Messingbuckel mit 
der Inschrift „Ave Maria mder Himel o Maria“ ^ 
in gotischen Buchstaben. 

Tafel 9 bietet ein herrliches Exemplar italieni¬ 
scher Buchbinderkunst zu Celsus „De Medicina “ 
(Venedig 1497) in dunkelolivem Maroquin, wel¬ 
ches, mit schwarzer und grüner Linienpressung 
und roten und goldenen Kugelpunkten geschmückt, 
in der Mitte jedes seiner beiden Deckel je ein er¬ 
habenes, mit Pergament bezogenes und bunt aus¬ 
gemaltes Medaillon trägt Curtius, in den Abgrund 
springend, und die heldenmütige Verteidigung der 
subicianischen Brücke durch Horatius Codes bilden 
die Motive der Darstellung. Besonders interessant 
werden diese kleinen Reliefgemälde dadurch, dass 
man von beiden Bronzemedaillen kennt, ein er¬ 
neuter Beweis dafür, dass man vielfach als Matrizen 
Platten verwandte, die ursprünglich zu Schwert¬ 
scheidenomamenten angefertigt worden waren. In 
diesem Falle nennt man als Schöpfer der Metall¬ 
formen Giovanni delle Camiole in Florenz. Das 
Buch stammt aus dem Besitze Jean Groliers. 

Den Lilien von Frankreich begegnen wir auf 


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Kritik. 


163 


Tafel 10. Es handelt sich um einen Aldusdruck, 
der König Franz L gehört hat, um Suetons 
1t XII CaesareT (Venedig 1521). Der elegante 
braune kalblederne Oktavband ist mit Goldlinien 
und den bourbonischen Lilien, umgeben von dem 
Michaelsorden und den Königsinsignien, ebenfalls 
vergoldet, geziert Zwei gekrönte F rechts und links 
der Ordenskette weisen auf den ehemaligen Be¬ 
sitzer des Werkes hin. 

Ein weiteres für Grolier in der ersten Hälfte 
des XVII. Jahrhunderts gebundenes Buch ist „II 
preneipd' Macchiavellis (Venedig, Aldus 1540) auf 
Tafel 13. Rot und blau gefärbte goldgerandete 
geometrische Zeichnungen durchziehen den braunen 
Maroquinband, in die sich zierliche goldene Ara¬ 
besken mit kleinen roten und grünen Füllungen 
mischen. Am unteren Rande des Oberdeckels 
stehen die Worte: „Io. Grolierii et amicorum“, und 
in der Mitte des Unterdeckels: „Portia mea Do¬ 
mine sit in terra viventium“, das bekannte Ex-libris 
und die Devise des berühmten Bücherfreundes, die 
man auf den meisten Grolierbänden findet 

Dem ersten Stoffeinband begegnen wir auf 
Tafel 20. „Le Chappellet de Jhesus et de la vierge 
Marie “ erhielt seinen dunkelgrünen Sammet¬ 
bezug wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 
XVI. Jahrhunderts in Holland. Das Andachtsbuch 
war für Anna, die Gemahlin des Kaisers Ferdinand, 
bestimmt und trug daher auf den silbernen Schliessen 
die vergoldeten Buchstaben Anna und auf den 
Scharnieren I. H. S. und M A. Später kam das 
Buch in den Besitz der Margarethe Tudor, der 
Gattin des Schottenkönigs Jacob IV.; nun wurden 
an den vier Ecken und in den Mitten je eine 
sogenannte Tudorrose in erhabenem vergoldetem 
Silber angebracht, von denen jede einen sübemen 
Buchstaben des Namens „Marguerite“ im Kelche 
birgt Rote Seide und goldene Schnüre vervoll¬ 
ständigen die Innendekoration des kostbaren Buches. 

Ein schönes Beispiel italienischer Buchbindekunst 
des XVI. Jahrhunderts bietet uns die Tafel 26 an 
Polydori Vergilii iy Anglicae Historiae Libri XX VT' 
(Basel 1534). Der schwarzbraune, von Goldlinien 
und Arabesken übersponnene Maroquinband trägt 
auf seinen beiden Deckeln ein Mittelmedaülon mit 
einer farbig und golden ausgeftihrten Darstellung 
des Helios, der seinen Wagen dem Pegasus auf 
dem Helikon zufährt Man nahm bisher an, dass 
alle derartig ornamentierten und mit dem Spruche 
„Grad' aus und nicht schief" in altem Griechisch 
versehenen Bücher für den berühmten Arzt des 
Papstes Urban VTL, Demetrius Canevarius, gebun¬ 
den worden wären. Da Canevarius jedoch erst 
1559 in Genua geboren wurde und die meisten 
jener Bücher vor und kurz nach seiner Geburt 
erschienen und zwischen 1540 und 1560 gebunden 
wurden, so scheint diese Annahme eine irrige 
zu sein. 

Aus einer venezianischen Werkstatt Ende des 
XVI. Jahrhunderts stammt auch Mäschers )r Fiore 
de la Retorica “ (Tafel 29). Das Buch wurde der 


Königin Elisabeth von England gewidmet und auch 
der rote Maroquineinband wurde für sie eigens 
hergestellt Daher ist ihr Name nicht nur an den 
Seiten, sondern auch auf dem Deckel angebracht 
Das eingelassene vergoldete Medaillon schmücken 
die Farben von England, während vier ebenfalls 
eingelassene und vergoldete Eckplatten Pflanzen¬ 
arabesken tragen. 

Eine berühmte Liebhaberin schöner Einbände 
war bekanntlich auch Katharina von Medici. Auf 
Tafel 32 finden wir einen wundervollen Maroquin¬ 
band zu den „Opera“ des Dionysius (Paris 1562), 
dessen brauner Grund inmitten von Goldarabesken 
und farbigen Rahmen das königliche Wappen, um¬ 
geben von der Wittwenschnur, trägt; auf dem 
Buchrücken kehrt viermal das gekrönte K inmitten 
goldener Dreipunkte wieder. 

Der Einband zu De Thous „ Historia sui Tcm- 
poris“ (Paris 1604) auf Tafel 41 ist wahrschein¬ 
lich aus der Werkstatt Clovis Eves hervorgegangen. 
Man glaubt, es sei dasselbe Exemplar, das einst 
DeThou Jacob I. von England überreichte; dass 
auf den roten Deckel die Wappen Frankreichs sowie 
das gekrönte „H“ in Gold eingepresst sind, er¬ 
klärt eine Stelle des Begleitbriefes, in dem her¬ 
vorgehoben wird, dass der Autor sein Werk mit der 
besonderen Erlaubnis seines Herrn, Heinrichs IV. 
von Frankreich, übersandte; ob dieser das Buch 
mm selbst so für seinen königlichen Freund hat 
einbinden lassen, oder seinem Bibliothekar De 
Thou nur gestattet hat, einen der königlichen 
Bände kopieren zu lassen, bleibt freilich ungewiss. 

Tafel 42 bringt wiederum das Wappen Hein¬ 
richs IV.; es ziert, inmitten goldener Lilien und 
Randarabesken, einen sauberen Oktavband in 
Pergamenthülle zu den „Opera“ des Joannis a 
Bosco (Leyden 1605). Auch hier nennt man 
Clovis Eve als Binder. 

Aber man begnügte sich längst nicht mehr mit 
einfarbigem Leder oder mit bemaltem allein. Ein 
prächtiger Band von Le Gascon (Tafel 48) zu 
Chacons Geschichte Trajans (Rom 1616) macht 
uns mit herrlicher Mosaikarbeit bekannt Auf rotem 
Grunde sind zierlich verschlungene, mit goldenen 
Pointilles verzierte grüne, gelbe und braune Felder 
eingelassen; die gelben sind zur Erhöhung der 
Wirkung zumTeü noch schwarz marmoriert Das 
kostbare Werk befand sich in der Bücherei Königs 
Georg HI. von England. 

Antoine Michel Padeloups Meisterhand doku¬ 
mentiert sich auf Tafel 55/56 bei M. Fabii Quin- 
tüiani „Institutionum Oratorium Libri XII “ (Paris 
1538). Der dunkelblaue Maroquin-Aussendeckel 
trägt das Wappen des Grafen Hoym, während das 
Innere mit zitronfarbigem Leder ausgeschlagen ist, 
dessen Rand eine goldene Spitzenarabeske begrenzt 
Auf dem Titelblatt klebt das berühmte rote Schüd- 
chen: „Relie par Padeloup le jeune, place Sorbonne 
k Paris/* 

Wundervolle Mosaikarbeiten Padeloups sind 
auch die Aussendeckel auf Tafel 57 und 58 „ Office 


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164 


Kritik. 


de la Semaine Saintd* (Paris 1712). Die spitz¬ 
zackigen Einlagen von Olive und Rot, die sich in 
dem goldbraunen Leder befinden, rufen trotz der 
reichen Goldfäden und Kügelchen einen beinahe 
maurischen Eindruck hervor; einfacher, aber doch 
vornehmer wirkt die Innenverbrämung aus rotem 
goldgerändertem Maroquin, dessen Mitte das Wappen 
der Herzogin Franqoise Marie von Orleans ein¬ 
nimmt; vergoldetes Vorsatzpapier und unter dem 
Gold marmorierte Blattecken verleihen dem Buche 
ein besonders elegantes Gepräge. 

Papst Clemens XIH. war unter anderem im Be¬ 
sitz eines prächtigen „ Uffiiio della Sdtimana Santa “ 
(Rom 1758), dessen Einband auf Tafel 59 zur Dar¬ 
stellung kommt Auf braunem Maroquin mit Gold 
und zarten Farben höchst geschmackvoll verziert, 
hebt sich das päpstliche Wappen im Mittelfelde 
leicht ab; vier Seitenfelder enthalten die Passions¬ 
werkzeuge, die sich auf dem Rücken und an 
den Ecken wiederholen. Das Vorsatzpapier trägt 
weissgeblümten Goldgrund. Als letzten der glän¬ 
zenden Reihe wollen wir noch einen entzückenden 
graublauen Maroquinband Nicolas Denis Jeromes 
(Ende des XVin. Jahrhunderts) nennen, den er zu 
den „Opera“ des Tacitus (Venedig 1470) anfertigte. 
Die Randverzierung büdet die berühmte „dentelle 
ä l’oiseau“ mit den fliegenden Vögeln. Auf der 
Innenseite des Oberdeckels ist das Ex-libris Girardot 
de Pr£fonds eingeklebt 

Man wird nicht müde, das prächtige Werk 
immer von Neuem zu durchblättern. Die Wieder¬ 
gabe der einzelnen Einbände ist von seltener 
Schönheit; es sind in der That Meisterstücke 
der Technik. Die Omamentierung der Decken in 
ihrer stolzen und prunkvollen, einfach-vornehmen, 
auch heiteren Farbenpracht tritt dem Beschauer 
mit so plastischer Anschaulichkeit entgegen, dass 
man glauben könnte, die Originale vor sich zu 
haben. Auch die von dem Herausgeber getroffene 
Auswahl ist recht glücklich. Die stetig wechseln¬ 
den Muster erschlaffen das Auge nicht; man kommt 
aus der Bewunderung nicht heraus. In unseren 
buchgewerblichen Werkstätten dürfte die Sammlung 
manche neue Anregung schaffen, und ganz gewiss 
auch in jenen Kreisen der Bücherfreunde, die es 
nicht verschmähen, die Entwürfe für ihre Einbände 
selbst zu komponieren. Groliers, Majolis, Hoyms, 
Canevarii u. s. w. bekommt man nicht oft zu Ge¬ 
sicht, aber die hier gegebenen Reproduktionen 
der Einbände sind so schön, dass man sich schon 
einen Begriff von der soliden Pracht der für einen 
Privatmann meist unerschwinglich kostspieligen 
schönen Originale machen kann. —g. 

« 

Notariats-Signete. Von Friedrich Leist. Giesecke 
& Devrient in Leipzig und Berlin. 

Seitdem überhaupt öffentliche Notariate in 
Deutschland errichtet wurden, d. h. etwa seit dem 
Anfänge des XTV. Jahrhunderts, pflegten die von 


Notaren ausgefertigten Urkunden mit einem Hand¬ 
zeichen versehen zu werden, dessen Form dem 
Kammergericht mitgeteüt werden musste und dessen 
willkürliche Änderung untersagt war. Dieses Sig¬ 
net, das also die Echtheit einer Urkunde beweisen 
sollte, wurde stets an der linken Seite und zwar 
im unteren Drittel des Pergamentblattes ange¬ 
bracht, und es wurde desselben in der Beglaubi¬ 
gungsformel stets ausdrücklich mit den Worten 
„signoque meo solito et consueto signavi“ Erwäh¬ 
nung gethan. 

Der Notar durfte sich also ein beliebiges Zei¬ 
chen, das sich nur von denen seiner Kollegen 
unterscheiden sollte, wählen, musste es dann jedoch 
beibehalten. Bis in das XVII. Jahrhundert hinein 
wurden diese Signete aus freier Hand mit Tinte 
und Feder auf das Pergament gezeichnet; ver¬ 
gleicht man daher mehrere aus demselben Notariat 
stammende Urkunden, so ist zwar die Form des 
Zeichens stets die gleiche, doch ist eine völlige 
Übereinstimmung in bezug auf Kleinigkeiten nie 
vorhanden. Es ist auch kaum anzunehmen, dass 
der Notar persönlich das Signet zeichnete, viel¬ 
mehr wird dies wohl von einem seiner Kanzlisten 
geschehen sein, und da sich das Zeichen stets an 
derselben Stelle befindet, ist sogar die Möglichkeit 
nicht ausgeschlossen, dass das Signet bereits vor 
Aufnahme der Urkunde auf das leere Pergament¬ 
blatt gezeichnet war. Um nun eine grössere Regel¬ 
mässigkeit zu erzielen, bediente man sich seit dem 
XVII. Jahrhundert entweder eines Stempels zum 
Vordruck oder pinselte das Signet durch eine 
Schablone, doch haftete auch diesem Verfahren 
der Übelstand an, dass man statt der Tinte eine 
ölige Stempelschwärze anwenden musste, und da¬ 
durch um das Zeichen herum oft fettige Stellen 
entstanden. Im folgenden Jahrundert ging man 
daher noch einen Schritt weiter und liess die Sig¬ 
nete durch einen Kupferstecher hersteilen, so dass 
nunmehr völlige Übereinstimmung mit tadelloser 
Sauberkeit vereint war. Die Grösse der Zeichen 
schwankt im allgemeinen zwischen 50 mm. Höhe: 
40 mm. Breite und 80 mm. Höhe: 60 mm. Breite, 
doch kommen auch kleinere und grössere Zei¬ 
chen vor. 

Die interessantesten Beobachtungen gestattet 
uns aber die Form der Signete. Ein stemartiges 
Ornament, eine stilisierte Lüie oder eine gothische 
Kreuzblume, häufig von dem vollen Namen oder 
von den Anfangsbuchstaben desselben begleitet, 
mitunter aber auch nur ein aus den verschlungenen 
Initialen gebildetes Monogramm, sind fast die aus¬ 
schliesslichen Notariats-Zeichen des XIV. Jahrhun¬ 
derts. In der folgenden Periode gesellen sich 
Blümchen mit oder ohne Wurzeln hinzu, und reiche 
Abwechselung bietet sich seit der Mitte des XV. 
Jahrhunderts, da die Notare seitdem häufig Wappen¬ 
figuren benutzten oder sich selbst ein redendes 
Wappen büdeten. So führte Andr. Drechsel einen 
gedrechselten Becher, Erhardus Wagner ein Rad, 
Joh. Stigel eine Leiter, Joh. Fabri einen Amboss, 


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Kritik. 


Adam Heupt ein Frauenhaupt, Joh. Prunner einen 
Ziehbrunnen, ja Joachim Hoenstein kam sogar auf 
den Gedanken, aus Buchstaben seines Namens 
das Zeichen IHS (Monogramm Christi) zu bilden. 

Künstlerisch vollendeter sind natürlich die Sig¬ 
nete des XVIU. Jahrhunderts, aber ihnen fehlt ge- 
wissermassen die Individualität des betreffenden 
Notars, da der Entwurf nicht mehr von diesem, 
sondern von dem Kupferstecher ausging. Die Ge¬ 
stalt der Themis in allen möglichen Auffassungen, 
die Wage derselben allein oder auch ein Tisch 
mit dem Gesetzbuch, ein Bienenschwarm, ein Bi¬ 
bliothekszimmer, ein langweiliger Garten, ein auf 
dem Meere treibendes Schiff oder ein anderes der¬ 
artiges konventionelles Sinnbild mit obligatem Wahl¬ 
spruch zeigen uns das Perrücken-Zeitalter in seinem 
vollen Glanze. 

So fachmännisch einseitig daher das von Leist 
behandelte Thema auch auf den ersten Blick er¬ 
scheinen mag, so ist es trotzdem nicht nur für 
den Juristen, Diplomaten und Heraldiker von Wert, 
sondern büdet auch einen interessanten Beitrag 
zur Kunst- und Kulturgeschichte. S. 

«3 

Luca Beltrami: II Libro d’Ore Borromeo alla Bi- 
blioteca Ambrosiana. Miniato da Christofero Preda . 
Milano, Ulrico HoeplL 1896. 

In seiner trefflichen „Arte del Minio nel’ Ducato di 
Milano“ sagt der Marquis Gerolamo d’Adda, einer der 
feinsten Kenner italienischer Kleinmalerei, dass in den 
Handschriften und Miniaturen des Mittelalters nicht 
nur die Spuren der Zeichenkunst, sondern auch der 
Kultur- und Sittengeschichte zu suchen und zu finden 
seien. In Frankreich, England und Deutschland hat 
man sich dieser Überzeugung längst erschlossen, aber 
auch in Italien beginnt sich — vierzehn Jahre nach dem 
Tode des Marchese d'Adda- das Interesse für die intimen 
Feinheiten der Miniaturmalerei allgemach zu regen. 
Dass man den Gebets- und Andachtsbüchem auch hier 
eine besondere Aufmerksamkeit entgegenbringt, erklärt 
sich daraus, dass das Mittelalter den besten Teü seiner 
reichen Kunst gerade in solchen Werken niederzulegen 
pflegte. So können wir es denn nur mit Freude begrüssen, 
dass Herr Luca Beltrami das unter dem Titel „ Officiolo 
della B. Virgind 1 des Hauses Borromeo bekannte Libro 
d’Ore, das sich in der Ambrosianischen Bibliothek in 
Mailand befindet, zum Gegenstand einer interessanten 
Besprechung gemacht und sein Werk mit Reproduk¬ 
tionen der einzelnen Blätter des Originals hat versehen 
lassen. Für die tadellose Ausführung dieser Reproduk¬ 
tionen hat der rühmlichst bekannte Hoeplische Verlag 
in Mailand Sorge getragen. 

Mit Ausnahme des Einbands, den Friedrich Borro¬ 
meo, Erzbischof von Mailand, durch einen neuen er¬ 
setzen Üess, der allerdings ein köstliches Stück kunst- 
gewerbüchen Fleisses des XVII. Jahrhunderts darstellt, 
ist das Original unversehrt erhalten geblieben. Es be¬ 
steht aus 221 kleinen (8,7 zu 6,7 cm. grossen) Perga* 


165 


mentblättem, von denen die mit Miniaturen geschmück¬ 
ten in dem Werke Beltramis in Heliotypie nachgebildet 
sind und durch beigefügten Text erläutert werden. An 
Inhalt umfasst das Andachtsbuch ein Kalendarium, ein 
Offizium der Gebenedeieten Jungfrau, Busspsalmen, 
Totenmessen, Santa-Croce- und Heilige Geist-Messen, 
ein abgekürztes Psalterium und verschiedene Gebete, 
zum Teil vom heiligen Augustin stammend. 

Ein glückUcher Zufall fügt es, dass der Name des 
Illustrators auf einem der ersten Blätter deutlich erkenn¬ 
bar vermerkt ist Christoforo Preda, von dessen Künstler- 
hand man die verschiedenartigsten, bald architektonisch¬ 
omamentalen , bald in durchgeführter Gemäldemanier, 
bald in zartester Miniatur ausgeführten Arbeiten besitzt, 
hat die winzigen Flächen, die ihm zur Verfügung standen, 
mit einer fast überreichen Fülle von Figuren und Orna¬ 
menten geschmückt, die durchweg mit grosser Feinheit 
und in Bezug auf die Porträtdarstellungen mit charak¬ 
teristischer Treue behandelt worden sind. Die meisten 
Blätter lassen den Mittelraum für das Kalendarium 
und den Text der Gebete frei, einige sind aber auch 
völlig bemalt Am interessantesten sind die das Buch 
einleitenden. Auf dem einen findet man, wie erwähnt, 
auch den Namen des Künstlers unter dem Wappen 
der Borromeos, auf den anderen sieht man die Por¬ 
träts und eine Darstellung der Trauung des jungen 
Paars, dem zu Ehren das Buch geschaffen wurde. Es 
folgen sodann die Verkündigung Mariä und eine Reihe 
von Bildern aus dem Leben und Leiden Christi. Der 
Mitteltext enthält ausserdem noch zahlreiche Initialen, 
zum Teil mit den Brustbüdem der vier Evangelisten 
und der Kirchenväter Ambrosius, Augustinus und Hie¬ 
ronymus, von schön stilisierten Bordüren eingefasst 
Das wundervoll ausgeführte Frontispiz der Busspsalmen 
stellt den Tod Goüaths dar; dasselbe Blatt trägt im Ini¬ 
tial D eine Darstellung des im Burghof betenden Königs 
David. Sehr interessant ist auch das Blatt, das die erz- 
bischöfliche Prozession im charakteristischen Gepräge 
der Zeit zur Anschauung bringt. Die letzten Blätter 
zeigen verschiedene Heilige, St Bernhard, St. Augustin, 
die heilige Margareta und Katherina u. a., inmitten 
einer Umrahmung vollendet schöner architektonischer 
Motive. 

Aus den Codices der königlichen Bibliothek in Turin 
geht hervor, dass Preda bereits 1476 in Diensten der 
Sforzas stand. Da das Libro d’Ore zudem für eine 
Mailänder Familie geschaffen wurde und sich in dem 
architektonischen Beiwerk der Malerei mancherlei An¬ 
klänge an alte Mailänder Bauwerke vorfinden, so ist 
mit ziemlicher Bestimmtheit anzunehmen, dass auch 
das Werk selbst in der lombardischen Hauptstadt ent¬ 
standen ist Die Zeichnung auf dem Novemberblatt 
des Kalendariums, die zweifellos die Fassade der Kirche 
S. Maria Maggiore darstellen soll, ist ganz ähnlich, nur 
noch deutiicher erkennbar, auf einem in Turin befind¬ 
lichen Miniaturgemälde Predas enthalten. 

Es wäre wissenswert, zu erfahren, für welches Mitglied 
der Familie Borromeo das kleine Kunstwerk entstanden 
ist Nichts in dem Büchlein gibt einen Fingerzeig, es sei 
denn die Eheschliessungsscene zu Beginn des „O. d. 
B. V.* 1 und kleine, in den Ornamenten enthaltene Attri- 


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166 


Kritik. 


bute der Familie. Herr Beltrami zählt, nachdem er 
nachgewiesen hat, in welche Epoche die schöpferischste 
Zeit Predas fallen kann, alle Eheschliessungen der Bor¬ 
romeos auf, welche in dieser Periode stattgefunden 
haben, vergleicht die abgebildeten Symbole und Attri¬ 
bute mit denen der jungen Gatten und schwankt zuletzt 
zwischen zwei gleich wahrscheinlichen und gleich un¬ 
bewiesenen Hypothesen, die er mit seltener Unpartei¬ 
lichkeit gegeneinander abwägt, ohne doch schlüssig 
werden zu können. Mag nun das Ehepaar Borromeo- 
Brandenburg oder Rossi-Borromeo der glückliche Be¬ 
sitzer gewesen sein: das Libro d’Ore hat sich — ein 
künstlerisches Kleinod — durch alle Kriege und Wirren 
des Mittelalters hindurch erhalten und ist uns als einer 
der wenigen Zeugen der Kunst jener Tage wertvoll, so 
dass wir allen Grund haben, Herrn Beltrami und seinem 
Verleger für ihre kostbare Publikation dankbar zu sein. 

—v. 

Hausschatz moderner Kunst. Heft I. Wien, Ge¬ 
sellschaft für vervielfältigende Kunst 

Die Veröffentlichungen der Gesellschaft für verviel¬ 
fältigende Kunst, die vor etwa zwanzig Jahren in Wien 
begründet wurde, haben sich von jeher durch guten 
Geschmack in der Auswahl des Dargebotenen, durch 
eine von keinerlei konventionellen Fesseln eingeengte 
künsderische Leitung und vor allem durch ganz aus¬ 
gezeichnete Reproduktion hervorgethan. Die Zeit¬ 
schrift der Gesellschaft, die „Graphischen Künste“, über¬ 
ragt alle Publikationen ähnlicher Art, und es war 
jedenfalls ein glücklicher Gedanke, die besten Blätter 
dieser Hefte in sorgfältiger Sichtung zu einem „Haus¬ 
schatz“ zu vereinigen und so zu einem sehr billigen 
Preise auch dem grösseren Publikum zu gut kommen 
zu lassen, was bisher nur einem kleinen Kreise ver¬ 
gönnt gewesen war. 

Wie der Titel besagt, enthält der „Hausschatz“ 
nur Werke moderner Kunst Bei der Auswahl haben 
keinerlei Sonder- und „Richtungs“-Interessen mitge¬ 
sprochen; alles, was künstlerisch hervorragend ist, Land¬ 
schaft und Genre, Porträt und Historienbild, Allegorie 
und Symbolismus, von der Zeit der Romantik an bis zum 
Naturalismus und Idealismus unserer Tage, soll in dem 
„Hausschatz“ Unterkunft finden. Das Inhaltsverzeichnis 
der ersten fünf Hefte ist bereits angezeigt; wir sehen 
da Namen wie Böcklin, Grützner, August Kaulbach, 
Uhde, Feuerbach, Schwind, Volkhart, Gabriel Max, 
Eckenbrecher, Defregger, Kröner, Steinle, Bode, Lieber¬ 
mann u. s. w. — Namen, die alle Kunstströmungen der 
Gegenwart verkörpern, und deren Träger in ihrer cha¬ 
rakteristischen Eigenart ein grosses, umfassendes Ge¬ 
samtbild der Malerei unserer Zeit geben. 

Besonders betont verdient die Reproduktionsart 
der Einzelblätter des „Hausschatzes“ zu werden. Man 
hat von dem photomechanischen Verfahren Abstand 
genommen, das in Bezug auf treue Genauigkeit gewiss 
nicht zu unterschätzen ist, bei seiner Gleichförmigkeit 
aber leicht ermüdend wirkt. Dafür hat man Stich und 
Radierung gewählt, und unter der Hand von Radierern 
wie Halm, Krausskopf, Krüger, Bürkner, Unger, 


Woemle u. a. gewinnt die Wiedergabe der Bilder natur- 
gemäss an freikünstlerischer Ausgestaltung. 

Das erste uns vorliegende Heft — auf die Fort¬ 
setzung kommen wir zurück — enthält zunächst Böck- 
lins „Villa am Meer“, W. Hecht sc., dann Hugo Kauff- 
manns tirolisches Wirtshausbild „Verliebt“, von W. 
Bürkner radiert — den „Maitag“ von F. A. von Kaul¬ 
bach, W. Unger sc., Grützners „Klosterschäfflerei“, 
C.Vaditzsc., und Uhdes „Auf dem Heimweg“, radiert 
von Unger. Ich wüsste nicht, wem ich in Bezug auf 
die Ausführung den Vorrang erteilen sollte. Die Ra¬ 
dierungen sind durchweg von subtilster Feinheit und 
geben in Schwarz alle Eigenheiten der Originale wieder; 
die „Villa am Meer“ und „Auf dem Heimweg“ z. B. 
sind so famos gemacht, dass man dabei an Klinger 
denken kann; man könnte sie für erste Abzüge halten. 

Wenn die Fortsetzung hält, was der Anfang ver¬ 
spricht — dann alle Hochachtung vor diesem prächtigen 
Werke! — Der „Hausschatz“ erscheint in 20 monat¬ 
lichen Lieferungen im Format von 30:40 cm., jede mit 
5 Blatt, zum Preise von 3 M. für die Lieferung. 



Das Kupferstichkabinett. Nachbildungen nach Wer¬ 
ken der graphischen Kunst vom Ende des XV. bis zum 
Anfang des XIX. Jahrhunderts. I. Jahrgang. Heftl-VII. 
Verlag von Fischer & Franke, Gr. Lichterfelde-B erlin. 

Auch bei diesem Werke ist der billige Preis (1 M. für 
die Lieferung zu 8 Blatt) auffallend. Die Verlagsbuch¬ 
handlung hat die Absicht, in einem grossen, mehrere 
Jahrgänge umfassenden Lieferungswerke dem Publikum 
alles, was in vier Jahrhunderten auf dem Gebiete des 
Kupferstichs Vollendetes geleistet worden ist, in guter 
Facsimile-Nachbildung zur Anschauung zu bringen. 
Das ist zweifellos ein lobenswertes Unternehmen. Das 
Interesse für die alten Meister ist auch in der weiteren 
Bildungswelt in letzter Zeit reger geworden, so dass 
anzunehmen ist, der Verlag wird mit dem Werke trotz 
oder vielleicht gerade wegen seiner Wohlfeilheit auf 
die Kosten kommen, zumal mit der künstlerischen Be¬ 
deutsamkeit desselben auch das kultur- und sitten¬ 
geschichtliche Element Hand in Hand geht. Das private 
Leben unserer Ahnen in all seinen tausendfältigen 
Schattierungen wird uns am anschaulichsten durch die 
bildliche Darstellung der Zeitgenossen nahe gerückt; 
die grossen öffentlichen Sammlungen, die nach dieser 
Richtung hin ein ungeheuer reichhaltiges Material bie¬ 
ten, sind nicht immer leicht zugänglich und doch immer 
nur denen, die am Orte wohnen — da ist denn eine 
billige Reproduktion durchaus angebracht und wird 
sich auch lohnen. 

Die schon erschienenen Hefte gestatten bereits eine 
Übersicht des ganzen Plans. Die Herausgeber haben 
eine chronologische Einteilung absichtlich vermieden; 
jedes Heft bringt Blätter der verschiedensten Epochen. 
Man wird streiten können, ob die Einteilung recht und 
zweckmässig ist; dem Geschmack des grossen Publi¬ 
kums, für das zunächst das Werk gedacht ist, wird die 
bunte Fülle des Gebotenen zweifellos mehr Zusagen, 
als eine wissenschaftlicher gedachte Anordnung. Es 


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Kritik. 


167 


ist für den gebildeten Laien weit amüsanter, in einer 
Lieferung einen Dürer, Ostade, Ridinger und Delaunay, 
einen Rembrandt, Cranach und Moreau-le-jeune u.s.w. 
vereinigt zu sehen, als nach und nach der allmählichen 
Entwickelung und dem wechselnden Auf und Ab der 
verschiedenen Perioden zu folgen. Die kurzen kunst¬ 
historischen und biographischen Notizen auf der dritten 
Umschlagseite jedes Heftes sind für alle die, denen die 
grossen Nachschlagewerke nicht zur Hand sind, sicher 
eine willkommene Beigabe. 

Man kann für den geforderten Preis natürlich keine 
Meisterwerke der Reproduktionskunst verlangen. Es 
muss aber gesagt sein, dass die Vervielfältigung im 
Ganzen und Grossen vortrefflich ist Um einige 
Beispiele herauszugreifen: Bellinis „Anatomischer Hör* 
saal“, Rembrandts „Bettler 1 *, Stimmers „Knabe und 
Jüngling“, Behams „Herodias“, Urs Grafs „Lanz- 
knechte und Tod“, die zarten Landschaftsskizzen Ko¬ 
be 11s, die Stiche Freudenbergs, die die sauberste 
Ausführung verlangen — alles das ist so hübsch wieder¬ 
gegeben, dass man sich schon darüber freuen kann. 
Jedenfalls ist jedes derartige populäre Unternehmen, das 
geeignet erscheint, das Verständnis für die Kunst der Ver¬ 
gangenheit in weitere Volkskreise zu tragen, freudig 
zu begrüssen und ist ihm Glück zu wünschen. —v. 

.« 

Luschtigs üsm Eisass. Gedichtle von G. Stoskopf. 
Mit 51 lllüschtratione vun P. Braunnagel, Löon Horn- 
ecker, F. Laskowsky, J. Sattler, E. Schneider, G. Spindler, 
G. Stoskopf. Dritte Uffaa. Strassburg, Verlag von 
Schlesier und Schweikhardt 1897. 

Wir sind so daran gewöhnt, allerhand Unliebsames, 
Hetzereien, bitteren Nachgeschmack zu patriotischen 
Feiern und dergleichen mehr aus den Reichs¬ 
landen zu vernehmen, dass wir uns freuen, eine Ge¬ 
dichtsammlung vor uns liegen zu sehen, welche sich 
„Luschtigs üsm E/sass“ betitelt Wir müssen gestehen, 
dass die den Verslein eingestreuten französischen 
Brocken uns meist verständlicher waren, als der so¬ 
genannte deutsche Text, aber die charakteristischen 
Illustrationen bedürfen gar keines Textes, um klipp und 
klar ein Stück westdeutschen, noch stark mit Galli- 
cismen durchsetzten Volkslebens widerzugeben. Da 
ist gleich als Erster C. Spindlers alter Tramwaygaul 


und ferner Braunnagels braver Dorfmaire, der in der 
Unterhaltung mit dem Kreisdirektor stets „Kulturkampf* 
mit „Kulturhanf“ verwechselt, und der Gänsehirt von 
F. Laskowsky, dem es obliegt, die „orthodoxen Gänse“ 
auszutreiben. Auch Herrn E. Schneiders kranker Maire, 
dem sein Freund bedauernd erzählt, welch schöner 
Ehrung er durch sein Lebenbleiben entgangen ist, darf 
einen ersten Platz beanspruchen; gleich köstlich sind 
des Künstlers keifende Waschweiber und Bierbank¬ 
politiker. Spindler scheint sich besonders die untersten 
Volksschichten erwählt zu haben; neben der resoluten 
„Bäsengaard“ bei ihrem nächtlichen Reinigungswerk 
präsentiert sich auch manch flotter Bruder Liederlich. 
J. Sattler, dessen Hand die grellen rot-gelb-schwarzen 
Farbflecken und Silhouetten des Umschlages verraten, 
hat einzelne kleine scharf charakterisierte Kopfstudien 
geliefert, von denen wir eine, auf S. 68 als Schlussstück 
verwendete noch besonders erwähnen wollen. —r. 

Gutenberg. Sein Leben, sein Werk, sein Ruhm. 
Von Alfred Börckel. Emü Roth, Giessen. 1897. 

Ein vortreffliches Buch für jene weiteren Kreise, 
denen die grundlegenden Werke A. von der Lindes, 
die Forschungen Schorbachs und Anderer zu umfang¬ 
reich und gelehrt sind. Es nennt sich eine „Erinnerungs¬ 
schrift an die fünfhundertjährige Geburt des Erfinders 
der Buchdruckerkunst.“ Bekanndich ist das Geburts¬ 
jahr Gutenbergs nicht festgestellt worden; die Forscher 
schwanken, ob es in das letzte Jahrzehnt des XIV. oder 
in das erste des XV. Jahrhunderts fällt. Immerhin ist 
der Augenblick richtig gewählt, das deutsche Volk 
wieder einmal an einen seiner Grössten zu erinnern. 
Und das vorliegende Werk giebt sich ganz als Volks¬ 
schrift Der Herr Verfasser fasst sich kurz und knapp, 
giebt aber in engem Rahmen, immer auf der Grundlage 
des Thatsächlichen bleibend, alles Wissenswerte über 
Gutenberg und seine Erfindung in interessant erzählen¬ 
dem Tone wieder. Zahlreiche Abbildungen und Repro¬ 
duktionen aus den ersten typographischen Werken 
schmücken das elegant ausgestattete und hübsch ge¬ 
bundene Buch, dem man zudem noch den Vorzug der 
Billigkeit nachrühmen kann. Es sei auch den Schul- 
und Volksbibliotheken bestens empfohlen. —i. 



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Chronik, 


Meinungsaustausch. 


Der Verfasser des „ Paul Bello“ (v. Heft I) ist mei¬ 
nes Erachtens mit Bestimmtheit Joh. Friedei. Der Stil 
ist unverkennbar der gleiche wie in den „Galanterien 
von Breslau“, in „Eleonore“, vor allem aber in „Hein¬ 
rich von Walheim“, in dem sich auch in einigen Schil¬ 
derungen Anklänge an „Paul Bello“ finden. Absolut 
sicher dürfte es sich freilich nicht nach weisen lassen; 
ich habe so ziemlich alles an alten Repertorien und Bi¬ 
bliographien, was vorhanden ist, darnach durchstöbert 

—s. 
s® 

Wer ist Celander, der Verfasser der „Verliebte- 
Galante, Sinn-Vermischte und Grab-Gedichte“ (Ham¬ 
burg und Leipzig, Bey Christian Liebezeit, Anno 1716)? 
— Goedecke erwähnt ihn gar nicht; Wolfg. Menzel 
„Deutsche Dichtung“, Th. II, bespricht seine Dichtungen, 
ohne über die Persönlichkeit des Verfassers Aufschluss 
zu geben. Nach Wellers „Index Pseud.“ wäre es ein 
bayrischer Arzt gewesen Namens Joh. Geo. Gressel. 
Baaders „Bayer. Schriftsteller-Lexikon“ citiert über 
diesen: Fikenschers „Gelehrtes Bayreuth“ III, Hör¬ 
ners „Lexikon schwäbischer Schriftsteller“, Oettingers 
„Geschichts-AJmanach“ 1783, und Meusels „Lexikon 
verstorbener Schriftsteller“ IV. In der mir vorliegenden 
Ausgabe von Meusel finde ich ihn aber nicht Im Stutt¬ 
garter Handschriftlichen Katalog sagt, einer bibliogra¬ 
phischen Notiz H. Hayns zufolge, ein Gelehrter (Staeh- 
lin?): „Verfasser (der „Verliebten... Gedichte“) scheint 
Chp. Woltereck zu sein, dessen „Electa rei nummariae“ 
1709 in 4 0 bei demselben Verleger herausgekommen 
und dessen Aufenthalt in Hamburg um diese Zeit fallt. 
Diese Schriften würden eine Lücke in der bekannten 
litterarischen Thätigkeit Wolterecks ausfiillen. Vgl. 
Jöcher und Bouginö. Eine weitere Bestätigung erhält 
obige Vermutung durch die Ähnlichkeit der Einteilung 
von Celanders Gedichten mit Wolterecks, Holsteinischen 
Musen*, sowie sich auch der .Numismatiker* S. 442 
und 443 verrät, wo C(elander) oder Copiantes bei dem 
Ottisch und Ulrichschen Hochzeitsfeste zu dem aus 
dem Ulrichschen Kabinett verlangten Schaustück gra¬ 
tuliert, in welchem Gedicht das Symbolum Korn und 
Schrot, Strich, Überschrift, Revers und Randschrift den 
Münzliebhaber sattsam beurkundet Endlich sind auch 
die „Verliebten Gedichte“ zum Teil so grobsinnlich 
(z. B. S. 120), dass die Pseudonymität des Verfassers 
sich schon hieraus genügend erklärt, der als ehemaliger 
Theologe und Verfasser geistlicher Kantaten zu diesen 
Venusblättern seinen Namen nicht hergeben konnte.. 
Wolterecks (1686—1735) „Holsteinische Musen“ er¬ 
schienen 1712 in Glücksstadt bei Gotth. Lehmann. In 
seinem „Verliebten Studenten“, Coeln, Peter Marteau 
(Hamburg, Liebezeit), 1714, zieht Celander (in der aus 
Rintelen, 1. November 1712 datierten Vorrede) scharf 
gegen den Romanschriftsteller Meleaton (Joh. Leonh. 


Rost), der seine Schriften angegriffen hatte, zu Felde. 
Meleaton erwiderte den Angriff in einer „Bescheidenen 
Verantwortung und abgenöthigsten Ehrenerklärung 
wider Celanders grobe Beschuldigungen und unbeson¬ 
nene Injurien“, die er seinen „CurieusenLiebes-Begeben- 
heiten“ (Cöln, 1714) beigab, ohne jedoch auf die Schriften 
und persönlichen Verhältnisse Celanders näher einzu¬ 
gehen. Dass der Verfasser von Musophili „Vergnügter 
poetischer Zeitvertreib“ (Leipzig 1717), von Philomusi 
„PoetischerVergnügung“ (Leipzig, 1713) und dem „Poe¬ 
tischen Fricass^e“ von Verimontaniquanero (Cöln, 
Peter Marteau, 1715, wahrscheinlich auch Liebezeit in 
Hamburg) der Dichter der „Verliebten Gedichte“ ist, 
geht schon aus der Ähnlichkeit der Form und der An¬ 
ordnung des Stoffs hervor; ausserdem finden sich einige 
Stücke des „Fricass^e“ auch im „Poetischen Zeitver¬ 
treib“. Der allgemeinen Annahme nach soll Celander 
nicht Woltereck, sondern Gressel sein; wer aber gibt 
über diese interessante Frage, denn Celanders Schriften 
sind zweifellos wichtig zur Litteratur- und Sittengeschichte 
des XVIII. Jahrhunderts, genaueren Aufschluss? — 

—v. 

m 

Nach Deschamps „Dictionnaire de göographie,“ 
Paris 1870, col. 231 unter dem Stichwort „Byzantinum,“ 
erschien als erstes Druckwerk in Constantinopel 1488 
ein hebräisches Lexikon. Deschamps zitiert noch 
einen weiteren Constantinopeler Druck von 1490 und 
sagt: „de 1492 ä 1598 ou connait un nombre consi- 
d^rable de livres publiös dans cette ville.“ Es wäre 
mir lieb, zu erfahren, auf welche Angaben der Herr 
Verfasser der Notiz über die erste Buchdruckerei in 
Constantinopel (in Heft II) sich stützt. E. H. 

« 

Zu der Mitteilung über die Buchdruckerei in Con¬ 
stantinopel ist nachzutragen, dass in dem Jahre 1728 
die erste privilegierte Druckerei daselbst eingerichtet 
worden ist, nachdem vorher, sogar schon 1488, einzelne 
Bücher in Constantinopel gedruckt worden waren. 
Georg Daniel Seyler erzählt in seinem Schriftchen „De 
fatis ards typographicae in Turcia“, Elbingae 1740, 
dass besonders die Koranabschreiber sich jeder Grün¬ 
dung einer Buchdruckerei widersetzt hätten. Da sei 
ein früherer Sprachlehrer des Fürsten Ragozy nach 
Constantinopel gekommen und habe dem Grossvezier 
gegenüber sich anheischig gemacht, ein grosses ara¬ 
bisches Wörterbuch für den zehnten Teil des Geldes, 
welches die Abschrift kosten würde, in schönem Druck 
herzustellen. Dieser Ungar hat alsdann das erste Pri¬ 
vilegium erhalten, in der Türkei Bücher, mit Ausnahme 
religiöser, zu drucken, und eine Druckerei mit zwei aus 
Frankreich bezogenen Pressen eingerichtet Zugleich 
wurden sechs Türken nach Leyden geschickt, um da¬ 
selbst 50 Zentner arabisch-türkische Lettern anfertigen 
zu lassen. Auf der Rückkehr nahmen jene aus Wien 


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Chronik« 


169 


einige Schriftsetzer mit nach Constantinopel, unter 
andern auch Johannes Friedrich Bachstrom, einen 
ausserordentlich geschickten Typographen, welcher 
die unter der Oberaufsicht des Sohnes des Gross¬ 
veziers stehende Druckerei zu hoher Blüte brachte. 

r. 


Mitteilungen. 


Ein unbekannter Druckort Böhmens im XVI. Jahr¬ 
hunderte. Die Geschichte des Buchdrucks in Böhmen 
harrt noch immer ihres Verfassers, so dankenswert ein 
solches Unternehmen auch wäre; nur gelegentlich 
finden sich Vorarbeiten, am meisten auf tschechischer 
Seite, wo Jungmann mit seiner „Geschichte der tsche¬ 
chischen Litteratur“, die eigentlich nur eine grosse Biblio¬ 
graphie darstellt, und Hans mit seinen Ergänzungen 
zu Jungmann den Boden wenigstens in etwas bearbeitet 
und reiches, wenn auch nicht immer zuverlässiges Ma¬ 
terial zusammengetragen haben. Auf deutscher Seite 
steht der Verfasser dieser Zeilen mit seiner „Biblio¬ 
graphie zur Geschichte der deutschen Litteratur Böhmens 
im XVI. Jahrhunderte“ (1890) einsam da. So darf es 
nicht Wunder nehmen, wenn von Zeit zu Zeit immer 
wieder neue Druckschriften aus Böhmen auftauchen, von 
deren Vorhandensein bislang Niemand etwas wusste, oder 
die man längst in den Stürmen der Jahrhunderte ver¬ 
nichtet glaubte. Seltener freilich hört man von einer 
neuen Druckstätte in Böhmen, obschon es auch deren 
viel mehr gegeben haben muss, als man gemeinigüch 
anzunehmen geneigt ist. Mit einem bisher unbekannten 
Druckorte in Böhmen haben die folgenden Zeilen es 
zu thun: es handelt sich um Schlackenwerth im nörd¬ 
lichen Böhmen. 

Es ist bekannt, welch mächtigen Aufschwung das 
Erzgebirge böhmischen Anteils im XVI. Jahrhundert 
genommen hat Der Metallreichtum des Gebirges wird 
zum erstenmal gleich fachmännisch ausgebeutet, reich 
begüterte Grundherren, ihnen voran die Grafen Schlick, 
fordern das Gedeihen des Gewerbes, und eine Reihe 
neugegründeter Bergstädte verkünden deutlich den 
Aufschwung dieses Gebietes in wirtschaftlicher Rich¬ 
tung. Ihm folgt der geistige Fortschritt; Joachimsthal 
erhebt sich als die bedeutendste unter den Neugrün¬ 
dungen und zieht Männer an sich heran, die wie Mathe- 
sius, der Freund und Schüler Luthers und Melanchthons, 
den Ruhm der Stadt nicht minder weit über die Grenzen 
der Heimat tragen, wie die Joachimsthaler, die den 
Namen der heute ein kümmerliches Dasein fristenden 
Stadt noch in das Gedenken unserer Zeit herüber ge¬ 
rettet haben. Auch Schlackenwerth nahm an diesem 
allgemeinen Aufschwünge teil, und wer heute durch die 
kleinen Gassen des Städtchens schreitet, stösst noch 
allerorten auf herrlichen Schmuck der Renaissancezeit, 
den letzten Beweis, dass Schlackenwerth einst schönere 
Tage gesehen. In diese Zeit, genauer gesagt, in die 
vierziger Jahre des XVI. Jahrhunders, muss die Er¬ 
richtung einer Druckerei in Schlackenwerth fallen, deren 
Existenz bisher unbekannt war. Da auch die Akten 
der Stadt, die freilich an Genauigkeit manches zu wün- 

Z. f. B. 


sehen übrig lassen, von einer Druckerei im Orte nichts 
erwähnen, so bürgt für deren Vorhandensein nur ein 
Druck, der im Besitze des Unterzeichneten sich befindet 
und den Titel führt: ENCOMIA ILLV|ftrium uirorum, 
Fri-|DERICI STAPHYLI, DO-|ctoris Seraphici: & 
IOANNIS|A VIA, Theologi pro-;fundissimi. || f ( QVI 
negauerit me coram hominibus, ne-|gabo & Ego sum 
coram Patre meo qui | in caelis est, inquit Filius 
Del | IMPRESSVM SLACCAWER-]dae,perH.Vuen- 
delinum. || Die kleine Druckschrift, im gewöhnlichen 
Quartformat des XVI. Jahrhunderts, zählt 4 Blätter; der 
Text beginnt bereits auf der Rückseite des Titels und 
enthält einen ziemlich heftigen Angriff gegen die beiden 
wenig bedeutenden Theologen. Wasserzeichen finden 
sich nicht — Vielleicht regen die Zeilen an, weitere 
Kreise auf Schlackenwerth als Druckort aufmerksam 
zu machen; es ist nicht unmöglich, dass sich auch noch 
in anderen Bibliotheken und Privatsammlungen ein 
Druck aus Schlackenwerth erhalten hat 

Czemowitz (Bukowina). Dr. Rudolf Wolkan . 

Ä3 

Interessante Einbände . Kurfürst Otto Heinrich 
von der Pfalz (+ 1559) besass eine treffliche, namentlich 
im theologischen und staatsrechtlichen Fache reiche Bi¬ 
bliothek. Dieselbe kam im XVIII. Jahrhundert unter 
den katholischen Kurfürsten an das Jesuitenkolleg zu 
Heidelberg und von da teilweise an das Kolleg zu 
Mainz, dann in die Universitäts- und hierauf in die 
Mainzer Stadtbibliothek. Ein grosser Teil der Biblio¬ 
thek Ott-Heinrichs, namentlich alle von demselben 
neu angeschafften Bücher, tragen den nämlichen inter¬ 
essanten Einband. Auf den Vorderdeckeln befindet 
sich mitten in gutem dunkelgelbem Golddruck das Brust¬ 
bild Ott-Heinrichs mit einem Buch in der Hand, zwi¬ 
schen Säulen in Renaissancemanier gestellt, und die 
Unterschrift: Ott Heinrich von G. G. / pfaltzgrave bey 
Rhein / Hertzog in Nidern Vnd / Obern Baira./ Dar¬ 
unter ist schwarz die Jahreszahl des Erwerbs der be¬ 
treffenden Bücher, meist 1552, aber auch später, ein¬ 
gepresst. Die Rückdeckel ziert das in Gold aufgedruckte 
Pfalz-Bairische Wappen mit den Spruchbändern W. D. 
Z. oben, unten O. H. P. Die Einbände sind meist 
gleichartig gehalten und reich in den Ornamenten, in 
braunes Leder gebunden und weisen auf eine und die 
nämliche Buchbinderei hin. Andere Teile der Biblio¬ 
thek mit gleichen Einbänden befinden sich noch zu 
Heidelberg. (Vgl. Centralblatt £ BibL V. [1888] S. 127.) 

Ein Exemplar des seltenen Druckes „Canones et 
decreta sacrosancti oecumenici et generalis concUü 
Tridentini“ etc., Coloniae Excudebat Henricus Aquen- 
sis. MDLXIX, Kleinoctavo, in meinem Besitz, hat eine 
interessante Pressung des braunen Lederbandes aus 
der Zeit des Erscheinens des Buches. Das Mittelfeld 
trägt in dunklem Golddruck eine höchst fein geschnittene 
Kreuzigung, links und rechts Maria und Johannes mit 
Heiligenscheinen, am Stammende des Kreuzes einen 
Totenschädel, unten in Majuskeln: Mihi absit gloriari 
nisi in Ch(risto). Den Rand bÜden gepresste Dar¬ 
stellungen von Männern aus der Bibel, König David 

22 


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170 


Chronik. 


und anderen, in höchst feiner Ausführung mit darunter 
gesetzten lateinischen Sprüchen. Es sind 10 solcher 
Darstellungen. Die Rückseite ist in gleicher Weise 
gepresst Technisch interessant ist, dass zu diesen 
Darstellungen am Rande Silberbronze verwendet zu 
sein scheint und die Stempel dem matten Glanz nach 
ziemlich heiss aufgetragen wurden. Reste der Silber¬ 
bronze sind noch vorhanden, aber geschwärzt 
Wiesbaden. W. F. E. Roth. 

m 

Ein unbekanntes Ex-libris. Als Nachtrag zu 
F. Warnecke „Deutsche Bücherzeichen von ihrem Ur¬ 
sprünge bis zur Gegenwart“ und Lempertz „Bilder¬ 
hefte“ liefere ich die Beschreibung eines gänzlich un¬ 
bekannten Ex-libris des XV. Jahrhunderts. Dasselbe ist 
auf dem Vorderdeckel der Hs. No. 9 der Wiesbadener 
Landesbibliothek innen eingeklebt Dieser Grossfolio¬ 
band, ein interessanter Lederschnittband des XV. Jahr¬ 
hunderts, stammt aus dem Nassauischen Benediktiner¬ 
kloster Schönau. Das Ex-libris zeigt rechts einen knien¬ 
den Benediktinerabt, darüber das Spruchband: ,Sancte 
Florine*, links St Florinus (den Patron Schönaus) mit 
einer Kirche in der Rechten, diese dem Abt vor ihm 
reichend. Spruchband: ,Sanctus Flo*. Die clairobscur 
gedruckte Umschrift um das Ganze lautet: ,Sancte 
deoque duce Florine, cujus in secula non deletur vie 
morde nos cunctosque fideles sereno vultu respice et 
cui prolucuisti conviveo Schönau*. Die Schrift und 
Darstellung ist markig gut gezeichnet, tief in der 
Schwärze, die Figuren sind leicht coloriert Es ist 
dieses Unicum, das sich nur hier in Schönauer Hand¬ 
schriften und Inkunabeln findet, wohl das schönste 
Ex libris des XV. Jahrhunderts, das mir vorgekommen 
ist und das Veröffentlichung verdient R. 

s® 

Autographisches. In der von der Berliner Aka¬ 
demie der Künste zusammen mit dem Verein für die 
Geschichte Berlins im dortigen Akademiegebäude ver¬ 
anstalteten Ausstellung zur Erinnerung an Kaiser Wil¬ 
helm den Grossen bildete die Sammlung von Autogra¬ 
phen vielleicht den wichtigsten Anziehungspunkt Wer 
beobachtete, mit welchem Eifer und mit welcher Hin¬ 
gebung Personen, die im Lesen fremder Handschriften 
nicht geübt sind und die es einem Actenstück z. B. 
nicht sofort ansehen, worauf es dabei hauptsächlich 
ankommt, sich die dürftigen Angaben des Katalogs aus 
eigener Selbstschau ergänzten und erweiterten, musste 
zu dem Schlüsse kommen, dass auch die grosse Menge 
den Autographen Interesse entgegenbringt, wenn die¬ 
selben eben nur von Persönlichkeiten herrühren, die 
ihr verehrungswürdig sind oder deren Lebensgang ihr 
vertraut ist Von dem Briefchen, das der siebenjährige 
Prinz an seinen Vetter, den späteren König Wilhelm II. 
von Holland, schrieb, bis zu der bekannten, mit zittern¬ 
der Hand gegebenen Unterschrift auf dem Erlasse, 
betr. die Vertagung des Reichstages, vom 8. März 1888 
verfolgten die Besucher, jedenfalls mehr mit ehrerbie¬ 


tiger Scheu als mit etwaigem von den Graphologen 
ihnen eingeflösstem Interesse, die Wandlungen in der 
Handschrift des Gefeierten, der am 28. März 1857 an 
General v. Roon schrieb: „— wenn man ein 60er ge¬ 
worden ist, muss man sich nur noch in den Kindern 
/ortlebend ansehen,“ — nun aber erst recht in den 
Vordergrund der preussischen und deutschen Ge¬ 
schichte trat, wie die diesem Briefe folgenden nüchtern 
gehaltenen Kapitelüberschriften des Kataloges an- 
zeigen: V. Stellvertretung, Regentschaft, Militärreform. 
VI. Krönung, Die grossen Kriege. VII. Friedensjahre 
1871—88. 

Dass die verschiedenen Haus-, Staats- und Militär¬ 
archive und öffentlichen Anstalten den grössten Teil 
des ausgestellten Materiales lieferten, ist selbstverständ¬ 
lich. Fernstehende erfahren aus dem Kataloge, an 
welcher Stelle gerade verschiedene der wichtigsten und 
bekanntesten Geschichtsdokumente verwahrt werden, 
dass z. B. der berühmte Brief vom 1. September 1870, 
in welchem Napoleon III. dem König von Preussen 
seinen Degen anbietet — gewiss das wichtigste Schrift¬ 
stück, welches aber seines unscheinbaren Äusseren 
wegen von manchen Besuchern übersehen wurde — 
im Königlichen Hausarchiv hinterlegt ist 

Einige wenige Briefe des Kaisers wurden noch von 
den Adressaten selbst, z. B. Direktor v. Werner und 
E. v. Wüdenbruch, zur Verfügung gestellt, viele von den 
Hinterbliebenen derjenigen, an die sie gerichtet waren, 
besonders aus den Familien Moltke, Roon, Radowitz, 
Argeiander, Kögel etc. Aber auch Sammler, und 
darunter solche, deren Namen in der Autographengilde 
selbst unbekannt sind, wie die Herren Dr. Auerbach und 
Nantebus, beide in Berlin, haben Hochinteressantes 
ausgestellt, Oberstleutnant a. D. Dr. Jähns-Berlin nur 
zwei Briefe an Schinkel, die aber den Bau des Palais 
unter den Linden betreffen, und last, aber wahrlich not 
least der Berliner Autographenkrösus Banquier Alexan¬ 
der Meyer Cohn . Gerade ihm verdanken es die Be¬ 
sucher der Ausstellung auch, dass die Schriftzüge des 
grossen Kanzlers nicht fehlen. Viele aus dem Besitze 
dieses Sammlers stammende Briefe Bismarcks und auch 
des Kaisers selbst sind an den Generalfeldmarschall v. 
Manteuffel gerichtet; eine lange Reihe von Briefen des 
Kaisers an seinen Bruder, Prinzen Carl, hat Herr Meyer 
Cohn kürzlich erst aus dem Nachlasse des hervorragen¬ 
den deutschen Autographensammlers v. Donop — schon 
dessen Vater sammelte — erworben. Die frühesten 
Briefe dieser Correspondenz aus den Jahren 1811 
bis 1815, dreizehn an der Zahl, hat der Besitzer zu einer 
Festgabe vereinigt, welche er in 200 nummerierten 
Exemplaren — zwei Briefe sind in FacsimÜe beige¬ 
geben — an Bibliotheken und Freunde verschickt hat. 
Als Curiosum erwähnen wir, dass der sechzehnjährige 
Prinz Wilhelm in einem Schreiben aus Frankfurt vom 
21. November 1813 den Kaiser von Oesterreich als 
Kaiser Franz II. bezeichnet. Für ihn war also der 
deutsche Kaisertitel damals noch (oder wieder?) mafs- 
gebend. Und gerade aus Frankfurt ist der Brief datiert, 
wo seinem Bruder so viele Jahre später die Kaiser¬ 
krone angeboten wurde, wo sein Fernbleiben vom 
Fürstentage verhütete, dass die Stadt an Österreich 


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Chronik. 


171 


zurückkehrte, und wo der Friede abgeschlossen wurde, 
den er als erster neuer deutscher Kaiser Unterzeichnete. 

Rom. E. Fischer v. Röslcrstamm . 

m 

Auch Herr Rudolf Brockhaus in Leipzig hat zur 
Hundertjahrfeier aus seiner Autographensammlung ein 
Scherflein beigesteuert und einen Brief des hochseligen 
Kaisers für einen kleinen Freundeskreis facsimilieren 
lassen. Es ist dies ein dreiseitiges Schreiben des damals 
siebzehnjährigen Prinzen Wilhelm , den er an seinem Ge¬ 
burtstage im Jahre 1814 von Paris aus an den Prinzen Carl 
richtete. Interessant wie der Inhalt ist auch das Couvert 
Der Prinz hatte ein Couvert, das an die Prinzessin Char¬ 
lotte, die nachmalige Kaiserin von Russland, adressiert 
gewesen war, und das er nicht benutzt hatte, da ihm 
wohl die Nachricht an den Prinzen Carl im Augenblick 
wichtiger erschien, genommen und bei den Worten 
„der Prinzessin Charlotte von Preussen“ die Silbe „zes- 
sin“ in „zen“ verändert, aus dem Namen aber das h 
und die Schlusssilben „otte“ gestrichen. In der Titu¬ 
latur war dagegen das „Ihre“ vor Königliche Hoheit 
stehen geblieben. In späterer Zeit, als der Prinz längst 
den Thron seiner Ahnen bestiegen, hat er in seiner 
schlicht-bürgerlichen Sparsamkeit bekanntlich öfters 
alte Briefumschläge zu weiteren Adressen verwendet. 
Für die Persönlichkeit des grossen Fürsten ist dieser 
über achtzig Jahre alte und vergilbte Briefumschlag 
charakteristisch und rührend zugleich. —v. 

5® 

Das „Bulletin du Bibliophile“ bringt in seiner zweiten 
Märznummer die sehr gelungene Heliogravüre einer 
Photographie seines Mitbegründers, des jüngstverstor¬ 
benen berühmten Sammlers Baron Jtrome Pichon, so¬ 
wie dessen Lebensbeschreibung durch George Vicaire. 
Folgende Mitteilungen könnten wohl auch unser deut¬ 
sches Publikum interessieren: 

Baron J£röme-Frdd£ric Pichon (geb. am 3. Dez. 
1812) wurde von seinem Vater, einem vornehmen 
Diplomaten, für die militärische Karriere bestimmt und 
nach St Cyr gebracht Noch vor seiner Einkleidung 
jedoch wechselte er den Beruf und wandte sich der Juris¬ 
prudenz zu. 1838 wurde er zum Auditeur des Staats¬ 
rats ernannt, doch zog er sich schon 1846 gänzlich 
vom öffentlichen Leben zurück und widmete sich 
seinen Sammlungen, für die er von Kindheit an grosse 
Neigung zeigte. Er selbst erzählte oft scherzend, dass 
ein Stückchen Blumenbinde, das er als Knabe von 
Vivant Denon, dem Autor von „Point de lendemain“, 
auf seine Bitten geschenkt erhalten, den Grund zu 
seinen Sammlungen gelegt habe. 1831 begann Baron 
Jlröme sich als ernsthafter Sammler zu bethätigen; 
mit Stolz erwähnte er, dass es ihm als erstes Debüt 
gelungen sei, auf der Auktion von La M£sang&re für 
20 Frcs. ein prachtvolles Exemplar der „Heures de 
Macon“ von Simon Vostre zu erstehen. Sein feines 
Gefühl leitete ihn auch später meist richtig; so bezahlte 
er die Bibel von Vitr£, von Longepierre, mit 500 Frcs., 
die später einen Preis von 15000 Frcs. erreichte. Seine 


Leidenschaft für Bücher trieb ihn sogar über die 
Grenze hinaus, die die kleine Rente seines Vaters ihm 
steckte, und um eine Folio-Bibel mit dem Wappen 
Hoyms zu kaufen, musste er Uhr und Kette aufs Leih¬ 
amt tragen. 

Nach seiner Heirat mietete Baron Pichon trotz des 
Hohnes seiner Freunde ein altes Haus auf der Ile St. 
Louis, in dem er über 40 Jahre lebte. Dieses „Hötel“, 
im Jahre 1657 von Charles Gruyn des Bordes erbaut, 
wurde kurze Zeit vom Herzog von Lauzun bewohnt, 
der es dann dem Marquis von Richelieu abtrat Unter 
den vielen Bewohnern, die das alte Haus seitdem ge¬ 
habt hat, sind auch der Präsident Ogier und der Mar¬ 
quis von Pimodan zu nennen, von welch letzterem dem 
Gebäude sein Name geblieben ist 

Die holzgeschnitzten, freskogezierten, prächtigen 
Räume haben ein gut Teil grosser Geister beherbergt, 
ehe der letzte Eigentümer selbst hineinzog. Baudelaire, 
Thöophile Gautier, der Maler Boissard, Roger de 
Beauvoir und andere wohnten dort und Hessen etwas 
von ihrer Eigenart zurück. Auch die „Soctetd des 
BibUophiles frangais“ hat jahrelang dort getagt; Pichon 
war ein Jahr nach seinem Eintritt zu ihrem Präsidenten 
erwählt und bekleidete diesen Posten, bis 1892 Körper¬ 
schwäche ihn zur Abdankung zwang. 

Neben seinen bibliophilen Neigungen hatte Baron 
Pichon auch Interessen für andere Sammelzweige; die 
Goldschmiedekunst, Numismatik, Stiche und Auto¬ 
graphen, Kunstwerke und Antiquitäten beschäftigten 
ihn gleichmässig. Er begnügte sich nicht, die Dinge 
zu kaufen t sondern machte jedes einzelne zur Quelle 
sorgsamer Studien über Herkunft und Geschichte und 
hat manches Rätsel gelöst 

Im „Bulletin du Bibliophile“ hat er unter dem 
Pseudonym „Claude Gauchet“ seine ersten Arbeiten 
veröffenüicht Sein Buch „LaVie du Comte d’Hoym“ 
und die Herausgabe des „Mönagier de Paris“ stellten 
ihn in die erste Reihe der BibHophilen. Leider lässt er 
eine grosse Anzahl imfertiger Werke zurück; wie er 
selbst 1892 schrieb, hatte er sich „vom Alter über¬ 
raschen lassen“. Das Inventar von Gabrielle d’Eströes, 
das er mit M. Prost zusammen bearbeitete, wird bald 
erscheinen. 

1869 kam ein Teil einer BibUothek zum Verkauf, 
sowie 1878 eine Anzahl Silbersachen; beides erregte 
Aufsehen. Seither sind die Lücken wieder ausgefullt 
worden, ein Teil der Rarissima wurde sogar zurück¬ 
gekauft, so dass bei der bevorstehenden Auktion im 
H ötel Drouot manche Seltenheit erscheinen wird, z. B. die 
„Occupation de l’äme pendant le saint sacrifice ä la 
messe“, ein entzückendes Manuskript des XVII. Jahr¬ 
hunderts in schwarzem Juchten mit goldköpfigen Nägeln 
und dem Monogramm der Anna-Marie-Louise von 
Orleans, Herzogin de Montpensier, geziert Oder das 
„Mdmoire sur la r^formation de la poHce en France“ 
von 1749, ein FoHomanuskript, von Padeloup in blauen 
Saffian mit breiten Verzierungen ä petits fers gebunden; 
der Grund ist mit Lüien, Trophäen und Kreuzen be¬ 
streut, während die vier Ecken die Chiffre Ludwigs XV. 
zeigen. Das Innere ist mit persischer Seide ausge¬ 
schlagen und durch 28 entzückende Malereien in 


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172 


Chronik. 


chinesischer Tusche von Gabriel de Saint*Aubin geziert. 
Ferner „Le Rommant de la Rose“ von Galliot du Prö, 
1529, ein reizendes Kleinoktav-Exemplar mit dem 
Wappen des Grafen Hoym, in einem Padeloupschen 
blauen Saffianband mit zitronengelbem Saffianfütter, 
und das „Labyrinth de fortune“ von Jehan Bouchet, 
in gotischem Quartformat und Originalband mit dem 
Wappen von Claude Gouffier, Seigneur de Boisy und 
Duc de Roannais. Endlich das „Recueil de chansons 
notdes italiennes et fran^oises“, ein wertvolles Manu¬ 
skript des XV. Jahrhunderts, das in Herzform auf 
Pergament gedruckt und von Miniaturen, Schnörkeln, 
Initialen und Umrahmungen durchzogen ist 

Ein besonderes Prachtstück der Sammlung ist ein 
Andachtsbuch „Höre in iaudem beatissime Virginis 
Marie“, welches Franz I. gehörte und 1527 durch Simon 
Du Bois für Geodfrey Tory gedruckt wurde, und das 
selbst noch über dem „Livre singulier et utile touchant 
l’art et pratique de göomötrie“ steht, dessen Rücken er¬ 
neuert wurde, und das bei der Auktion Lignerolles 
auf 5160 Frcs. bewertet worden ist 

Die Herren Ledere und Comuau, welche Baron 
Pichon zu Leitern der Auktion ernannte, haben einen 
ausgezeichneten Katalog angefertigt; sie haben die gute 
Idee gehabt, alle Stanzeisen und Wappen, die der 
Baron für seine Veröffentlichungen und Einbände eigens 
hatte anfertigen lassen, als Vignetten dabei zu verwen¬ 
den; ebenso bringen sie sein hübsches kleines Ex-libris, 
welches in Goldbuchstaben den Satz „Memor fui dierum 
antiquorum“ aus dem 142. Psalm trägt. 


Von den Auktionen. 


Über die Versteigerung der Bibliothek der Gon- 
courts schreibt man uns aus Paris : Die Vente der 
Goncourts, die seit Monaten alle Sammler be¬ 
schäftigt, darf nicht nach gewöhnlichem Maasstabe 
gemessen werden. Man hatte mit dem Nimbus 
eines Namens zu rechnen, der zu den glänzend¬ 
sten des modernen Frankreich gehört und nicht 
nur den Sammler, sondern das ganze gebildete, 
namentlich gesellschaftliche Paris interessiert Daher 
konnte nicht ausbleiben, dass man dem Vermächtnis 
der beiden Brüder eine materielle Schätzung zu 
Teil werden liess, welche sich nicht mit dem objek¬ 
tiven Wert der Dinge deckt, die im Hotel Drouot 
unter den Hammer kamen. Nachdem am 15., 16., 
17. Februar die französischen Zeichnungen des 
XVIII. Jahrhunderts, am 22. Februar das Mobiliar 
und vom 8.—13. März die japanisch-chinesischen 
Gegenstände versteigert worden waren, begann am 
30. März die Auktion der Bibliothek, die zwei 
Wochen in Anspruch nahm und am 10. April be¬ 
endet war. Sie umfasste zwei Abschnitte, die 
Bücher des XVIII. Jahrhunderts und die moderne 
Bibliothek. Der erste Teü war nach Pariser Be¬ 
griffen dritten Ranges. Die Goncourts haben ihre 
Bücher nicht zu jener glücklichen Zeit erstanden, 
als sie die besten ihrer französischen Zeichnungen 


kauften, sondern erst als das vorige Jahrhundert 
modern geworden war. Damals, in den vierziger 
und fünfziger Jahren, als die Bouchers, die St Aubins 
und Fragonards in ihre Hände gerieten, hätten 
sie eine Bibliothek sammeln können, die noch 
um vieles wertvoller als die Kollektion ihrer Zeich¬ 
nungen geworden wäre. Sie versäumten den Augen¬ 
blick, und als sie nachholen wollten, war derWettkampf 
mit anderen Liebhabern zu bestehen, die nicht so 
feinsinnig, aber um vieles reicher waren. Sie hatten 
auch nicht diesen Ehrgeiz, der heute Millionen er¬ 
fordert, sie sammelten die Bücher, die sie brauchten, 
in denen sie den Geist des XVTO. Jahrhunderts 
entdeckten, der aus ihren eigenen Werken neu 
erstand. Ihr Augenmerk richtete sich also nament¬ 
lich auf den sachlichen Wert der Schriften^ nicht 
auf die mehr oder weniger wesentlichen Ausser- 
lichkeiten, die manchem Bibliophüen von Wert sind. 
Sie sammelten, was die Sammler kaum interessierte, 
aber für die Psychologen des XVIIL Jahrhunderts 
vom seltensten Reiz war. Von diesem Standpunkt 
aus war ihre Bibliothek geradezu einzig in der 
Art; ich glaube nicht, dass es im XVIIL Jahrhundert 
einen Gelehrten gegeben hat, in dessen Bücherei 
alle Gebiete der Litteratur seiner Zeit so voll¬ 
ständig vertreten waren. Über alle Wissenschaften, 
ja fast alle Stände der Zeit gab diese Bücherei 
Auskunft, am eingehendsten natürlich über Kunst 
und Geschichte. Unzählig waren die Broschüren, 
diese getreuesten Spiegelbüder des Tages, die Pam¬ 
phlete u.s.w., alle Arten von Dokumenten für die 
Sitten oder besser die Unsitten der Zeit Dieser 
wissenschaftliche Standpunkt lässt es tief bedauern, 
dass die Sammlung nicht zusammenblieb; bei allen 
anderen Abteilungen des Goncourtschen Besitzes 
wäre dies Bedauern überflüssig; denn bei ihnen 
waren künstlerische Qualitätsfragen mafsgebend, 
und es handelte sich bei diesen immer nur um 
eine Anzahl ganz vortrefflicher Stücke unter einer 
Menge wenig bedeutender. Die Bibliothek aber 
war, wie schon gesagt, einzig in ihrer Art 

An kolorierten Kostbarkeiten befanden sich nur 
4 Werke in der Sammlung: das Kostümwerk „Galerie 
des Modes et Costumes fraiujais“ mit 100 kolo¬ 
rierten Gravüren nach Ledere, Desrais, Simonet 
u. a., gestochen von Dupin, Voysard u. a., 
Paris, Emauts et Rapilly, 1778—1780 (i8soFrcs.); 
dann die La Fontaineschen „Contes et nouvelles 
en vers“ in der sogenannten fidition des Fermiers 
Generaux, Amsterdam (Paris) 1762, mit den Illu¬ 
strationen von Eisen und Choffard, in gediegenem 
altem Originaleinband, Goldprägung auf grünem 
Maroquin (1055 Frcs.); „Choix de Chansons“, Paris, 
de Lormel 1773, mit der Musik von de La Borde, 
sowohl die Noten wie der Text gestochen, illu¬ 
striert von Moreau, Le Barbier, Saint Quentin und Le 
Bauteux, in modernem Einband von den Gebrüdern 
Lortie, 2 Bde. (1205 Frcs.). Der Mangel an be¬ 
rühmten illustrierten Werken wird durch die sehr 
reichhaltige Sammlung an Gravüren gedeckt, die 
demnächst unter den Hammer kommt und wohl 


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Chronik. 


173 


noch eine schöne runde Summe ergeben dürfte. 
Unter den alten Büchern war das interessanteste 
Werk ein nicht illustriertes: „Recueü de Comedies 
et Ballets“; der erste Band Paris 1748, die drei 
übrigen 1749 — 1751; eine Sammlung von Theater¬ 
stücken meist leichten Genres, die in den Jahren 
1747—1749 in den Schlössern von Versailles und 
Bellevue von der Pompadour für Louis XV. ver¬ 
anstaltet wurden, unter Leitung des Duc de La 
Valli£re, der diese Sammlung in nur wenigen 
Exemplaren drucken liess. Die vier Bände, alle 
in reichen Originaldecken, erzielten iS95Frcs. (allen 
hier notierten Preisen sind 5% zuzuschlagen). 

Einen ganz anderen Eindruck machte die moderne 
Bibliothek. Auch sie war in ihrer Art Unikum. 
Edmond de Goncourt besass, kann man sagen, 
das gesamte „Oeuvre“ des modernen litterarischen 
Frankreich in Originalausgaben und mit den Wid¬ 
mungen der Verfasser. Von Balzac und Victor 
Hugo angefangen bis zu den Alleijüngsten, die mit 
Stolz dem Veteranen ihre Erstlingswerke widmeten, 
war das Beste, das die französische Litteratur in 
diesem Jahrhundert geschaffen hat, zusammen. An 
den Preisen, die die Auktion erzielte, konnte man 
interessante Vergleiche mit den Verhältnissen unseres 
Büchermarktes anstellen. Dass Originalausgaben von 
Balzac 20—60 Frcs. brachten, ist nicht erstaun¬ 
lich; die Preise sind eher bescheiden. Dafür wur¬ 
den Originalausgaben vonFlaubert auf Luxuspapier 
mit Hunderten bezahlt „Salambö“ (Paris, M. L£vy, 
1863), in japanisches Lederpapier gebunden, ging 
bis auf 712 Frcs., trotzdem der Umschlag fehlte. 
Daudets Originalausgaben auf japanischem oder 
holländischem Bütten erzielten 30—60 Frcs., Mau- 
passants „Une vie“ (Paris, V. Havard, 1883), auf 
holländischem Bütten, 100 Frcs., „Bel Ami“ (dito, 
1884) 60 Frcs., Zolas berühmteste Werke in ein¬ 
fachen Originalausgaben (erster Preis 3,50 Frcs.) 
50—80 Frcs., ,,Les Soir£es de Medan“ (1880) mit 
den Dedikationen der sechs Verfasser auf China 
400 Frcs. Noch auffallender aber waren die Preise, 
die die Bücher der alleijüngsten Autoren teÜweise 
erzielten; so brachte das schnell berühmt und be¬ 
rüchtigt gewordene Buch von Pierre Louys „Aphro- 
dite“, das erst im vorigen Jahre bei dem Mercure 
de France erschienen ist, in der einfachen Original- 
Ausgabe 28 Frcs., was, wenn man die Kosten hin¬ 
zurechnet, einer Verzehnfachung des Preises binnen 
einem Jahre gleichkommt 

Geradezu ungeheuerliche Preise erzielten die 
Manuskripte der Brüder. Die „Notes sur PItalie“ 
mit Skizzen von der Hand Jules' brachten 42 50 Frcs., 
„La fille Elisa“ — allerdings besonders wertvoll durch 
ein noch nicht veröffentlichtes Kapitel — 650 Frcs., 
„Les fr£res Zemganno“ 505 Frcs., die „Necrologie de 
Jules de Goncourt“, eine Zusammenstellung aller 
Zeitungsaufsätze, die nach dem Tode Jules* er¬ 
schienen, nebst den BeÜeidbriefen von Michelet, 
Victor Hugo, George Sand, Taine, Flaubert u. a., 
2 3°5 Frcs. tu s. w. Auch die Originalausgaben der 
Werke der Brüder, die vollständig zusammen waren, 


wurden hoch bezahlt, z. B. die „Histoire de Marie 
Antoinette“ auf China 700 Frcs., „Nanette Salomon“, 
mit zwei Emaille-Medaillons von Popelin in dem Ein¬ 
band, 1800 Frcs., „Gavami“ mit n Originalzeich¬ 
nungen Gavamis 2800 Frcs., „L’Art du XVIIL sifccle“ 
mit einer Anzahl von Separatabzügen der Gravuren 
von Jules de Goncourt 4000 Frcs. Wohlverstanden 
wurden diese Preise von Händlern bezahlt — es 
war natürlich der ganze Pariser Buchhandel, Con- 
quet, Floury, Morgand, Durei, der Leiter der Vente, 
u. a. am Platze. Freüich muss man die zum Teil 
wertvollen Einbände in Betracht ziehen, die Gon¬ 
court seinen Lieblingsbüchem gab. Diese Einbände 
entsprachen ganz dem Pariser Geschmack, dem 
bric-ä-brac-Ideal, das auf den Deckeln alle mög¬ 
lichen Anspielungen in jeder denkbaren Form liebt 
und das Buch mehr missbraucht als schmückt 
Auf dem einen waren Emailles, auf dem anderen 
seltene silberne Medaillen inkrustiert, Zeichnungen 
in Mosaik, die gar nichts Buchgewerbliches be¬ 
sitzen. Den Gipfel erreichte die berühmte Kollektion 
von Büchern der Freunde Goncourts, die der Ver¬ 
storbene auf den Pergamentdeckeln mit Portraits 
der Autoren von der Hand berühmter Künstler 
hatte fertigen lassen; kunstgewerblich gedacht 
ungefähr die schlimmste Verirrung, auf die der 
Kuriositätendrang fallen kann. Daudets „Sapho“ auf 
Japan mit dem Portrait Daudets von Carrtere und 
einer Manuskriptseite brachte 905 Frcs., die in drei 
Exemplaren für den bekannten Sammler Gallimard 
gedruckte Ausgabe der „Germinie Lacerteux“ mit 
den radierten Illustrationen Raffaellis und den Por¬ 
traits der beiden Goncourts auf dem Deckel 
3000 Frcs. Andere Portraits stammten von Braque- 
mond, Rodin, Raffaelli, Jeanniot Ch£vet, Forain, 
Gandora u. s. w. Es war kaum ein bedeutendes 
darunter, und ich kann es den Künstlern nicht 
verdenken, für diesen Unfug nicht ihr Bestes ge¬ 
geben zu haben. 

Man kann die Methode, die die Goncourts zur 
Aufhellung des XVIIL Jahrhunderts anwandten, 
die Psychologik, die von der Umgebung des In¬ 
dividuums, von seinen Neigungen, den Dingen, 
mit denen es sich abgab, auf die Person schliesst, 
auch auf die Goncourts selbst anwenden. Es ist 
kein ganz grosses Bild, das sich dann ergibt. Hier 
und da liegen kleinliche Schatten, die dem Ver¬ 
ehrer der feinsinnigen Muse der Brüder weh thun. 
Sie gehören der Vergangenheit an, sie haben sich 
nicht ungestraft in ihre Lieblingszeit versenkt; man 
spürt nichts von dem aufsteigenden Geist unserer 
neuen Zeit, wenn man die reiche, bunte Hinter¬ 
lassenschaft übersieht, so sehr die beiden Brüder 
unmittelbar mit der modernen verwachsen sind. 
Sie waren in letzter Instanz doch nur Zuschauer, 
und ihre Sammlungen waren so etwas wie An¬ 
denken an eine interessante Vergnügungsreise, die 
sie in ihrer Maison d’un Artiste aufstellten, dem jetzt 
nur noch in der Form ihres geliebtesten Buches 
erhaltenen Heim am Boulevard Montmorency. 

Paris. J- Mcicr-Gratfc . 


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174 


Chronik. 


Anfang März kam in Paris der erste Teil der 
Bibliothek des verstorbenen Bibliophilen und Notars 
Tandeau de Marsac zur Auktion. Leider huldigte dieser 
sonst feingebildete und geschmackvolle Sammler 
der Unsitte, alte Kalblederbände, welche berühmte 
Wappen trugen, der grösseren Eleganz halber durch 
Saffian mit Goldpressung ersetzen zu lassen und da¬ 
durch so manches herrliche Buch um einen Teil seines 
Wertes zu berauben. Dreiviertel seiner Bücher weisen 
die Namen der Buchbindermeister Cap£, Masson 
und D^bonnelle auf, nur hin und wieder findet man 
einen Trautz, denn zur Zeit des zweiten Kaiserreichs, 
als Marsac am eifrigsten sammelte, war der späterhin 
so vergötterte Trautz nur einigen wenigen Eingeweihten 
bekannt 

Die Bibliothek enthält neben vielen relativ minder¬ 
wertigen Klassikern auch manches Erwerbenswerte. 
Da ist in erster Linie eine Originalausgabe der 
„Discours sur l’Histoire Universelle“ von Bossuet, in 
roten Saffian gebunden und mit dem Wappen des 
Kanzlers Le Tellier versehen, welche schon bei der 
Auktion Turner 1878 zu 6400, 1879 hei Fontaine mit 
8000 Frcs. bezahlt wurden. Zu nennen ist ferner ein 
Montaigne von 1588 im Originaleinband, welcher Ini¬ 
tialen aufweist, die man für die Heinrichs IV. und der 
Gabrielle d’Estr^e zu halten geneigt ist. Unter der 
grossen Sammlung von Andachtsbüchem findet sich 
gleichfalls manches Bemerkenswerte, und besonders 
reichhaltig sind illustrierte Werke des vorigen Jahr¬ 
hunderts vertreten. Wir erwähnen nur einen „Temple 
de Gnide“(i772), Quartausgabe in altem Saffian — die 
„Chansons de La Borde“, deren vier in schön marmo¬ 
riertem Kalbleder gebundenen Bänden noch ein Auto¬ 
graph des Verfassers an Voltaire beigegeben ist— ,,Le 
Fond du Sac“ von Nogaret, hübsch illustriert — ferner 
„Les Amours de Psyche et Cupidon“ von Lafontaine in 
der Saugrainschen Ausgabe von 1797, eines der drei 
bekannten Exemplare, welche mit Kupfern von Moreau- 
le-jeune geschmückt sind. Endlich ein reizendes Exem¬ 
plar von „Paul etVirginie“, Original-Ausgabe von 1789, 
von Bozdrian in blaues Saffianleder gebunden und mit 
Bildern von Moreau-le-jeune „vor der Schrift“ geziert 
Diesen letzten Schatz hatte Marsac vor etlichen 50 Jahren 
zu seiner grossen Freude für ein paar Franken erstanden. 

Einen besonderen Wert legte Marsac auf Ori¬ 
ginalausgaben des XVI. Jahrhunderts, und so enthält 
die Sammlung u. a. auch die Kollektiv-Ausgaben 
sämtlicher Klassiker, von der seltenen des Corneille 
(1644) bis zu der berühmten 1673er Molifcres. Dieser 
Moli£re war der ganze Stolz des Verstorbenen; er hatte 
ihn einst für 20000 Frcs. von Gouin und Jean-Fontaine 
gekauft, welche selbst 1500 Gulden dafür in Holland 
gezahlt hatten. Die Ausgabe war lange unbekannt, 
ist vollständig von grösster Seltenheit und bietet dem 
Forscher genug des Rätselvollen. Ihre ersten beiden 
Bände enthalten schon 1666 vereinigt erschienene 
Stücke; die folgenden büden eine Sammlung der Stücke 
zwischen 1666 und 1673. Trautz hat die Einbände 
für die Gesamtausgabe geliefert, die natürlicher Weise, 
wie Alles, was der berühmte Binder geschaffen hat, 
von mustergültiger Schönheit sind. —fl 


Kleine Notizen. 


Deutschland. 

In einer der letzten Sitzungen des Vereins Herold in 
Berlin lenkte Professor Hildebrandt die Aufmerksamkeit 
auf einen interessanten Adelsfabrikanten des XV.Jahr¬ 
hunderts, Er verlas eine Notiz aus des Joachim v.Watt 
(latinisiert Vadianus), Reformators der Stadt St Gallen, 
Abhandlung „von Edelknechten und ihren überflüssigen 
Titeln“: „Zu Einsiedeln war ein Konventherr, hiess Herr 
Albrecht von Bonstetten, dem waren viel hundert 
Briefe (Urkunden) von Kaiser Friedrich III. zu teil ge¬ 
worden, darin allein die Namen dero, so edel wollten 
werden, einzuschreiben waren. Der von Bonstetten 
nahm von manchem einen Gulden, gab ihm der Briefe 
einen und machte ihn edel, etlichen schenkte er es gar. 
Daneben sind fast viel neuer Edelleute geworden. Ist 
aber einer vorhin verständig und tugendreich, so hat 
er den Adel, darf ihn nicht erst kaufen. Ist er aber 
ein Esel oder Gauch, so bleibt er nach dem Kauf auch 
derselbe und mag nichts edles aus ihm geraten.“ . . . 
Rat Seyler bemerkte hierzu, dass die Schweizer Chronik 
des Johann Stumpf (1606) eine ganz ähnliche, wahr¬ 
scheinlich aus der Abhandlung des Vadian geschöpfte 
Ausführung enthalte. Die beiden Schriftsteller haben 
jedoch ungenau berichtet. Albrecht von Bonstetten, 
Dechant des gefürsteten Stiftes Einsiedeln, erhielt von 
Kaiser Friedrich III. im Jahre 1491 die Erlaubnis, 20 
Wappenbriefe zu erteüen. Bonstetten scheint, was die 
Zahl anlangt, von seinem Privilegium keinen unmässigen 
Gebrauch gemacht haben; wenigstens beläuft sich die 
Zahl der bekannten Diplome noch nicht auf zehn. Darin 
überschritt er aber seine Befugnis, dass er sich nicht 
damit begnügte, schlichte, bürgerliche Wappenbriefe 
zu erteüen, sondern stets mit dem Wappen auch den 
rittermässigen Adel verlieh, wie den Manzen in Zürich, 
den Wirzen von Uerckon, deren Wappen bereits in 
Wappenbüchem aus dem Anfang des XVI. Jahrhun¬ 
derts erscheint Im Jahre 1500 verlieh er dem Gebhard 
Vittler, Abt zu Churwaiden, und dessen Brüdern Johann 
und Ulrich einen Adelsbrief. Alle Diplome hat aber 
Bonstetten in seinem eigenen Namen ausgestellt, und 
es ist somit nicht richtig, dass er von dem Kaiser viele 
hundert Adelsdiplome erhalten habe, in denen nur der 
Name auszufüllen gewesen sei 

Für dieselbe Sitzung hatte der Antiquar Ludwig 
Rosenthal in München ein Originaldiplom Kaiser 
Friedrichs III., d.d. Graetz, 16. August 1479, eingesandt, 
durch welches Angelus, Bischof von Sessa Aurunca, 
Johannes, Bischof von Catanzaro, und deren Brüder 
Bemardinus, Baptista und Hieronymus, Söhne des 
Matthäus Geraldini v. Amelia die Würde der Latera- 
nensischen Pfalzgrafen erhielten, mit der Befugnis, 
Notare zu kreieren und Bastarde zu legitimieren, mit 
Ausnahme der Kinder von Fürsten, Marchesen, Grafen 
und Baronen. Den Brüdern Geraldini insgesamt, 
oder der Mehrzahl derselben wurde weiter die Be¬ 
fugnis verliehen, alljährlich einen Doktor des kanoni¬ 
schen Rechts zu promovieren. Endlich wurde ihr 
Wappen noch mit dem Reichsadler vermehrt Die in 


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Chronik. 


175 


der Mitte der Pergament-Urkunde befindliche Wappen- 
malerei wurde jedenfalls in Italien hergestellt Der 
quadrierte Schild zeigt im ersten und vierten gespaltenen 
Felde vom einen halben schwarzen Adler in Gold, hinten 
von Rot und Gold fünfmal gespalten; das zweite und dritte 
blaue Feld enthält einen goldenen Baum, der von drei 
Sternen begleitet ist. Zum Vergleiche wurde die Photo¬ 
graphie eines Wappenbriefes des nämlichen Kaisers 
vom Jahre 1471 für die Gebrüder Hans und Ulrich 
Grebel, Patrizier von Zürich, vorgelegt Die Wappen¬ 
malerei hat einen unverkennbar schweizerischen Cha¬ 
rakter, auch ist sie nicht 1471, sondern erst im XVI. Jahr¬ 
hundert in das Diplom eingefügt Die Kaiserliche Kanzlei 
hatte damals noch keine eigene Wappenmalerei; der 
Platz in dem Diplome wurde leer gelassen, und es 
blieb den Beteiligten überlassen, das Wappen auf 
ihre eigenen Kosten hineinmalen zu lassen. 


In der dritten Jahres-Sitzung der Kunstgeschicht¬ 
lichen Gesellschaft in Berlin sprach Herr Dr. Alfred 
Schmid „ Über neue Holbein-Forschungen“. Im letzten 
Winter hat die Litteratur über diesen Meister, so führte 
Dr. Schmid nach dem Berichte der „Voss. Ztg.“ aus, 
einen wichtigen Zuwachs durch zwei Werke erfahren, 
deren erstes von Alexander Goette „Holbeins Toten¬ 
tanz und seine Vorbüder“ zum Gegenstände hat Der 
Verfasser, nicht Kunsthistoriker von Beruf, sondern 
Mediziner, verrät zwar den Dilettanten ebenso in der 
Unkenntnis der einschlägigen Schriften und Publika¬ 
tionen wie in der Vernachlässigung stilistischer Krite¬ 
rien für die Datierung der einzelnen Werke, gibt aber 
trotzdem beachtenswerte Bemerkungen über den ana¬ 
tomischen Bau von Holbeins Todesgestalten. Darnach 
hat Holbein erst spät, auf der bekannten Zeichnung zu 
einer Dolchscheide in Basel, den Tod als vollkommenes 
Geripp dargestellt, in den früheren Fassungen des glei¬ 
chen Gegenstandes, im Alphabet und in dem sog. 
grossen Totentanz aus künstlerischen Gründen eine ge¬ 
naue Wiedergabe des Skeletts vermieden. Unrichtig 
ist es, wenn der Verfasser in dem Totentanz den ein¬ 
heitlichen Plan der Tendenz leugnet und nur Genrebilder 
mit tragischem Inhalt in ihm erkennen will. Holbein 
hat zwar den ursprünglich mehr epischen Charakter 
des Tanzreigens durch Teilung in einzelne Büder mehr 
ins Genrehafte gewandelt, aber doch durchzieht alle der 
gleiche tragische, bald nur leise angedeutete, bald dras¬ 
tisch ausgesprochene Gedanke. DieTodesdarstellungen 
sind endlich nicht, wie der Verfasser annimmt, das Re¬ 
sultat einer langen Entwickelung, sie drängen sich viel¬ 
mehr alle auf die Jahre 1521 bis 1524/25 zusammen, und 
nur der Totentanz auf der Dolchscheide folgt erst in 
späterer Zeit nach. 

Das zweite für die Kenntnis von Holbeins Entwicke¬ 
lung wichtige Buch behandelt die „Renaissance in der 
Schweiz. Studien über das Eindringen der Renaissance 
in die Kunst diesseits der Alpen“ von Gustav Schneeli. 
Der Verfasser sucht hier für die Kulturgeschichte der 
Schweiz das zu geben, was Jakob Burckhardt in seiner 
berühmten Kultur der Renaissance für Italien geleistet 
hat. Trotzdem eine endgildge Beantwortung aller ein¬ 


schlägigen Fragen, zumal bei einem Erstlingswerk, wie 
diesem, vermisst werden muss, bietet die trefflich aus¬ 
gestattete Schrift doch genug beachtenswerte Resultate. 

Die Gründe für den in der Schweiz wohl später 
noch, als in Augsburg eingetretenen Stilwandel lassen 
sich historisch weit zurückverfolgen. Schon im Anfang 
des XV. Jahrhunderts bei den Brüdern van Eyck äussert 
sich im fernsten Gegensatz zur Gotik ein Gefühl für 
architektonische und ornamentale Formen, das dem 
Eindringen der Renaissance im Norden die Wege 
ebnet Die entscheidende Anregung kommt von den 
Ländern diesseits der Alpen, nicht, wie man gewöhnlich 
annimmt, von Italien unmittelbar, sondern durch die italie¬ 
nische Buchillustration. So erklärt sich am besten der 
flache, mehr zeichnerische als plastische Charakter aller 
architektonischen Werke. Erst in Holbein gelangt diese 
Richtung zur Herrschaft, und so ist er als der eigentliche 
Führer der Renaissancebewegung und ihrer Entwick¬ 
lung in der nordischen Kunst zu betrachten. 


Das Königliche Kupferstichkabinett su Dresden hat 
den gesamten Nachlass AlfredRethels, der sich bisher 
im Besitze der Familie befand, erworben. Es sind im 
ganzen in Zeichnungen, darunter der Hannibal-Zug 
mit dem siebenten in der Holzschnittausgabe fehlenden 
Blatte, die Entwürfe für den Römer in Frankfurt a. M. 
und die Fresken im Aachener Rathaussaal mit dem 
Kopfe Karls des Grossen, der Totentanz, die beiden 
Blätter „der Tod als Freund“ und „der Tod als Er- 
würger“, die Nemesis, die Genesung, Frauenlobs Be¬ 
gräbnis, die Rheinsagen und vieles andere mehr. 


Italien. 

Wir nahmen bereits kürzlich Gelegenheit, von den 
lobenswerten Bestrebungen, eine bibliographische Ge¬ 
sellschaft in Italien , dem Vaterlande so vieler biblio- 
phüer Schätze und kunstreicher Einbände, zu begrün¬ 
den, unsem Lesern Mitteüung zu machen. Heute nun 
liegen uns die Statuten dieser ersten transalpinischen 
Vereinigung von Bücherfreunden vor, die als Zweck der 
„Sodetä bibliografica italiana“ die Förderung biblio¬ 
graphischer Studien und der Liebe zum Buch überhaupt, 
sowie die Vergrösserung der bibliographischen Institute 
und öffentlichen Bibliotheken bezeichnet Die Gesell¬ 
schaft will in den verschiedenen Städten Italiens allen 
Interessenten des Buches einen Vereinigungspunkt 
bieten. Es kann jedermann, den Beruf oder Neigung 
zu solchen macht, Mitglied der Gesellschaft werden, 
und zwar teüen sich die Mitglieder in ordentliche und 
in korrespondierende. Erstere müssen sich unter An¬ 
gabe ihres Nationale an den Vorsitzenden Rat wenden 
und müssen Italiener von Geburt sein resp. in Italien 
leben. Allmonatlich wird den Mitgliedern der Name 
der neuen Kandidaten mitgeteÜt, und muss Zustimmung 
oder Ablehnung binnen 7 Tagen in Händen des Rates 
sein. Zu korrespondierenden Mitgliedern werden in der 
Generalversammlung auf Beantragung des Rates ver¬ 
dienstvolle Ausländer gewählt, jedoch darf ihre Zahl 20 


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176 


Chronik. 


nicht überschreiten; sie beteiligen sich an keiner der 
Lasten der Gesellschaft 

Das Eintrittsgeld für die ordentlichen Mitglieder 
beträgt 12 L., der Jahresbeitrag 6L., jedoch sind die¬ 
jenigen, welche noch im Gründungsjahr eintreten, von 
ersterem befreit Der Rat hat das Recht, unwürdige 
Mitglieder auszustossen. Dieser sogenannte Rat be¬ 
steht aus einem Präsidenten, zwei Vizepräsidenten, zehn 
Beiräten und einem Schriftwart Der Sitz der Ge¬ 
sellschaft befindet sich an dem jeweiligen Wohnort 
des Vorsitzenden. An jedem ersten Sonnabend im 
Monat findet eine Sitzung statt, einmal im Jahre in wech¬ 
selnden Städten Italiens eine Generalversammlung. 

Zu den Veröffentlichungen der „Societä“ gehört in 
erster Linie eine bibliographische Zeitschrift, welche 
auch die officiellen MitteÜungen der Gesellschaft bringt 
und gratis verteÜt wird. 

Sollte eine Auflösung des Vereins wünschenswert 
sein, so genügt dazu die Zustimmung von dreivierteln 
derjenigen, welche sich an der Abstimmung darüber 
beteiligt haben. Der Besitz des Vereins fällt dann einer 
öffentlichen italienischen Bibliothek zu. 

Die erste Versammlung soll im September 1897 in 
Mailand stattfinden. 

In letzter Stunde erfahren wir, dass zum Präsidenten 
der „Societa bibliografica italiana“ Prof. E. Fumagalli 
in Mailand, zu Vice-Präsidenten Dr. E. Biagi in Florenz 
und Dr. D. Bonamici in Livorno, zum Schatzmeister 
Verlagsbuchhändler Ulrico Hoepli in Mailand gewählt 
worden sind und die Wahl auch angenommen haben. 


Spanien. 

Aus Madrid wird uns berichtet: Während wir lange 
Zeit hindurch eines Organes entbehrten, das uns über 
litterarische Erscheinungen, bibliothekarische und archi- 
valische Arbeiten auf spanischem Boden unterrichtet 
hätte, scheinen sich in letzter Zeit nach dieser Richtung 
die Verhältnisse wesentlich zum Besseren gewendet zu 
haben. Indess die von J. Läzaro gegründete „Revista 
Modema“ — etwa unserer „Deutschen Rundschau“ 
entsprechend — fortfährt, durch gediegene Original¬ 
artikel der besten zeitgenössischen Schriftsteller, wie 
Juan Valera, Emilio Castelar, Marcelino Mendndez 
Pelayo uns über die modernen litterarischen Strömungen 
auf dem Laufenden zu erhalten, bietet sie eine er¬ 
wünschte Ergänzung zu der gleichfalls rührig geleiteten 
„Revista critica“, die, wie der Name schon besagt, das 
Hauptgewicht auf Bücherbesprechungen legt. Sehr 
reichhaltig und besonders für die Leser unserer Zeit¬ 
schrift beachtenswert verspricht die neue — dritte — 
Folge der „Revista de Archivos“ zu werden, welche an 
die Tradition der ersten, seit 1878 eingegangenen Serie 


dieser Zeitschrift in erfreulicher Weise anknüpft. In den 
beiden letzterschienenen Heften (1897 Nr. 2 und 3) 
beschreibt Antonio Paz y Melia, der Vorstand der 
Handschriftenabteilung der Madrider Nationalbiblio¬ 
thek, einige wertvolle Manuskripte derselben aus der 
Sammlung der Grafen Haro, bringt (in der Ab- 
teüung „Dokumente“) eine interessante Instruktion der 
spanischen Gesandten auf dem Basler Konzile zur 
Mitteilung und veröffentlicht schliesslich eine ein¬ 
gehende Studie über die Santa Real Hermandad 
general del Reino — die spanische Gensdarmerie vom 
XIII.—XVII. Jahrhundert. Unter den beigelegten Illu¬ 
strationen erregen eine Zahl älterer Karrikaturen aus 
dem General-Archive zu Simancas, insbesondere eine, 
welche Alexander Farnese und den Grafen Mansfeld 
darstellt, Interesse. Die Autographen sind durch einen 
Bericht Juan de Austrias über die Schlacht von Lepanto, 
datiert vom 9. Oktober 1571, sowie durch eine Ver¬ 
fügung Philipp II., betreffend die Verhandlungen mit 
dem kaiserlichen Botschafter Grafen Khevenhüller, 
vertreten. Unter den Fundberichten wären die Mit¬ 
teilungen über ein kürzlich von den Deckeln einer 
Handschrift abgelöstes catalanisches Kartenspiel aus 
dem XVI. Jahrhundert, das jetzt im archäologischen 
Museum zu Barcelona aufbewahrt wird, zu erwähnen. 
Wie aufmerksam der wohl organisierte Cuerpo der 
spanischen Bibliothekare und Archivare die moderne 
bibliothekstechnische Bewegung verfolgt, erhellt aus 
dem Umstande, dass auf Veranlassung desselben die 
Grundzüge des Deweyschen Dezimal-Systems von 
einem Beamten der Universitätsbibliothek zu Sala- 
manca, Don Manuel Castillo, ins Spanische übersetzt und 
in der Revista veröffentlicht wurden. Diese spanische 
Bearbeitung ist jetzt als 13. Publikation des Office 
international de Bibliographie unter dem Titel „La 
clasificaciön bibÜogräfica decimal. Exposiciön del 
sistema y traduccion directa de las tablas generales 
del mismo por D. M. Pastillo“ in Salamanca erschienen. 

—rb. 


Zu der Notiz über das „Gesetzbuch Alarichs 0 in 
Heft II schreibt man uns, dass es sich nicht um einen 
neu aufgefundenen Text in westgotischer Sprache, 
sondern um ein neu entdecktes Manuskript des „Lex 
Romana Wisigothorum“ in lateinischer Sprache han¬ 
delt. Die Vervielfältigung enthält auf der linken Seite 
das Facsimile der lateinischen Handschrift in römischen 
Minuskeln und auf der rechten die Transkription in 
moderner Schrift Der Titel der Ausgabe lautet: Legis 
Romanae Wisigothorum Fragmenta en codice paümp- 
sesto Sanctae Legionensis Ecclesiae protulit, illustravit 
ac sumptu pubiico edidit Regia Historiae Academia 
Hispana. Gr. 4 0 , XVII, 439 S. Matriti 1896. 


Nachdruck verboten . — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse: Berlin W. Ansbacherstrasse 47 erbeten. 

Gedruckt yon W. Orugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. — Papier der Neuen Papier- 

Manufaktur in Strassburg L E. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 


BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

i. Jahrgang 1897. - Heft 4: Juli 1897. 


Die ältesten gedruckten Quellen zur Geschichte des 
deutschen Studententums. 

Von 

W. Fabricius in Marburg. 


lte Leute haben immerdar auf 
die Sitten der Jugend gesehen 
und daraus, was für eine Zeit 
folgen werde, gcweissaget: ist 
auch niemals ermangelt“ — so 
schrieb schon 1636 der Erfurter 
Professor Meyfart mit Bezug auf das Studenten¬ 
leben, und erst heute, nach 250 Jahren, fängt 
man an, der Geschichte des deutschen Stu¬ 
dententums die ihr gebührende Aufmerksam¬ 
keit zuzuwenden. Wenn Meyfart recht hat, so 
ist das Studentenleben aller Zeiten nicht nur 
ein Spiegel der jeweiligen sozialen Zustände 
gewesen, sondern es hat auch in sich die 
Keime der Zukunft getragen. Und Meyfart 
hat recht! Niemand wird leugnen wollen, dass 
die wesentlichsten Epochen der Entwickelung 
deutschen Geisteslebens — vielfach auch der 
politischen und sozialen Verhältnisse — durch 
Impulse hervortretender Persönlichkeiten ein¬ 
geleitet worden sind; diese Persönlichkeiten 
aber haben meist auf Universitäten die Rich¬ 
tung für ihr Leben erhalten, und unter den 
akademischen Einflüssen, welche die Richtung 
eines Mannes bestimmen helfen, stehen ent¬ 
schieden neben den rein wissenschaftlichen die 
Z. f. B. 


geselligen oder die des Studentenlebens im 
engeren Sinn in erster Linie. Nehmen wir als 
Beispiel aus unserer Zeit einen alten Corps¬ 
studenten und einen alten Wingolfiten: wer 
die Richtungen unseres akademischen Lebens 
kennt, wird zugeben müssen, dass sie in dem 
gewählten Beispiel ihren Einfluss, der sich 
freilich nicht zahlenmässig ausdrücken lässt, 
geltend machen werden. 

So ist es zu allen Zeiten gewesen, und des¬ 
halb braucht der, welcher sich mit der Ge¬ 
schichte des Studentenlebens befasst, nicht zu 
befürchten, dass ihm von Einsichtigen der Vor¬ 
wurf gemacht werde, er verschwende seine 
Zeit an Quisquilien. Und wenn wir Männer, 
wie Erich Schmidt, Fr. Kluge u. a. ihre Auf¬ 
merksamkeit dem studentischen Gebiete zu¬ 
wenden sehen, so wird gewiss auch der Ver¬ 
such gerechtfertigt sein, in dieser Zeitschrift 
dem Schrifttum des deutschen Studentenwesens 
eine Vertretung zu sichern. 

Wer die neueren Antiquariatskataloge ver¬ 
folgt, wird bemerkt haben, dass die Rubrik 
„Studentica“ häufiger als früher auftritt, ja ich 
glaube, dass sie erst in neuerer Zeit aufge¬ 
kommen ist. Damit ist das wachsende bibliophile 

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Fabricius, Die ältesten gedruckten Quellen sur Geschichte des deutschen Studententums. 


Interesse an dem Gegenstand erwiesen, und 
deshalb sollen die wichtigsten und interessan¬ 
testen Druck-Erzeugnisse, welche dieses Gebiet 
berühren, in einer Reihe für sich abgeschlos¬ 
sener Betrachtungen in der »Zeitschrift für 
Bücherfreunde* behandelt werden. — 

I. 

Das sogenannte „Manuale Scolariutn“. 

Im Jahre 1857 gab Professor Fr. Zarncke in 
Leipzig eine Schrift heraus, die er etwas ver¬ 
fehlt „Die deutschen Universitäten im Mittel- 
alter“ (Erster Beitrag, Leipzig, Weigel, 1857) 
benannte. Sie bot nicht, wie der Titel ver¬ 
mißen licss, eine Behandlung der Universitäts¬ 
verhältnisse im Mittelalter, sondern eine Samm¬ 
lung von Neudrucken, deren Originale zudem 
kaum mehr zum Mittelalter zu rechnen sind, 
da sie dem Ende des XV. und Anfang des XVI. 
Jahrhunderts angehören. Aber trotzdem ver¬ 
diente das Buch eine bessere Aufnahme, als 
ihm geworden ist: dem ersten Teil ist ein 
weiterer nicht gefolgt. 

Die erste Stelle und auch den ersten Rang 
in dieser Sammlung nimmt das „Manuale Scola- 
rium“ ein, das bis dahin verschollen war. 
Es ist eine Zusammenstellung von Gesprächen 
zwischen Studenten, welche die damaligen 
Universitätsverhältnisse und zwar so behandeln, 
dass das Buch als eine vorzügliche Quelle für 
die Untersuchung der akademischen Zustände 
um 1480 zu betrachten ist. Wir lernen aus 
ihm zunächst die Formalien der Aufnahme, 
dann die Lektionen, deren sich der angehende 
Student zu befleissigen hatte, die beiden „Wege“ 
(via moderna und antiqua, Nominalisten und 
Realisten), in welche das Studium der Philo¬ 
sophie gespalten war, die Bedingungen und 
Formalien des Baccalauriats-Examens kennen; 
wir beobachten die Scolares in ihrer Burse, 
bei Tische, bei den Repetitionen und bei ge¬ 
meinsamen Spaziergängen. 

Zarncke hat zu seiner Ausgabe des Manuale 
die fünf Drucke benutzt, die in der Münchener 
Hof- und Staatsbibliothek aufbewahrt sind und 
die auch mir durch die Güte der Direktion zur 
Benutzung überlassen wurden. Diese Drucke 
werden auch von Hain und Panzer namhaft 
gemacht, von Panzer ausserdem ein sechster, 
der aber trotz aller Mühe nicht aufzutreiben 
war. Uber einen weiteren Abdruck, oder viel¬ 


mehr eine Bearbeitung, werde ich sogleich be¬ 
richten. Die erstgenannten fünf Drucke (1 bis 5) 
sind sämtlich undatiert und ohne Druckort so¬ 
wie ohne Andeutung eines Autors. Die Re¬ 
sultate Zamckes, die ich sorgfältig nachgeprüft 
habe, sind folgende (vergl. S. 221 bis 226 des 
citierten Buches): Unter den fünf ersten Drucken 
ist der von Zarncke mit A bezeichnete relativ 
der beste; er soll nach Hain aus der Offizin 
von Konrad Dinckmut in Ulm stammen. Ihm 
ähnelt am meisten der von Zarncke unter a 
aufgeführte Druck. Bei diesen beiden Drucken 
heisst der Titel: 

Manuale scolarium, qui studentium universitates 
aggredi ac postea in eis proficere insütuunt 

Die drei nächsten Drucke unterscheiden 
sich von den ersten hauptsächlich dadurch, 
dass cs im Titel statt instituunt heisst: intendunt. 
Die beiden letzten haben auf der Titelseite 
einen Holzschnitt, den der Kölner Buchdrucker 
Quentell 1492 in einem anderen Werke ver¬ 
wandte; cs scheint demnach sicher, dass diese 
Drucke ebenfalls von Quentell stammen. Der 
von Panzer erwähnte sechste Druck soll die 
Notiz tragen: „Impressum in nobili argentina per 
Martinum Flach 1481“. Es liegt auf der Hand, 
dass die Vergleichung dieses Druckes, als des 
einzigen datierten, von grosser Wichtigkeit für 
die Bestimmung der Herkunft des Manuale 
wäre; da er aber, wie es scheint, verschollen 
ist, so muss er hier ausser Betracht bleiben. 
Die fünf vorgenannten Drucke verlegen den 
Schauplatz nach Heidelberg. Es werden ver¬ 
schiedene Heidelberger Lokalitäten namhaft 
gemacht, der Spaziergang der sich Unterhalten¬ 
den richtet sich nach dem Neckarufer. Bei der 
Besprechung der Studien spielen die beiden 
„Wege“ eine Hauptrolle, was völlig für die 
anderweit bezeugten Heidelberger Verhältnisse 
zutrifft. Aus der Erwähnung des Fürsten 
Philipp (des Aufrichtigen, 1476 ff.) und eines 
Turniers, welches in Heidelberg 1481 stattfand, 
lässt sich mit einiger Bestimmtheit 1481 als 
das Jahr der Entstehung vermuten. Der Ver¬ 
fasser ist durchaus unbekannt; vielleicht ent¬ 
stand das Buch in Ulm. 

Diese von Zarncke begründete Auffassung 
bestand unbehelligt bis 1894. Da erschien der 
3. Teil des Buches „Böhmens Anteil an der 
deutschen Litteratur“ von R. Wolkan . Der Ver¬ 
fasser macht darin auf die „Latina ydeomata“ 


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Fabricius, Die ältesten gedruckten Quellen zur Geschichte des deutschen Studententums. 


des Paul Niavis (Schneevogel, aus Eger) auf¬ 
merksam, und in der That findet sich darunter 
ein ydeoma, genannt „Pro novellis studentibus“, 
welches mit dem „Manuale scolarium“ grossen- 
teils identisch ist Indessen finden doch starke 
Abweichungen, Weglassungen und Zusätze 
statt; für die Heidelberger sind überall Leipziger 
Örtlichkeiten gesetzt, der Text, der in den 
Drucken I bis 5 durchweg corrupt erscheint, 
ist entschieden besser. 

Es wird sich nachher noch Gelegenheit 
bieten, näher darauf einzugehen; ich referiere 
zunächst über die Schlüsse, die Wolkan aus 
der Neuentdeckung des Druckes von Niavis 
zieht Er sagt (S. 162 des eit. Werkes): „Der 
Verfasser des in Rede stehenden Dialogs ist 
Paul Niavis; des ersten von ihm veranlassten 
Druckes desselben bemächtigte sich sofort der 
Nachdruck und verbreitete das Werk unter 
dem nicht von Niavis herrührenden Titel 
„Manuale Scolarium“ in einer Unzahl von 
Auflagen. Der erste Nachdrucker änderte die 
ursprünglichen (Leipziger) Lokalitäten in Heidel¬ 
berger um, weil er damit seinen Druck gang¬ 
barer zu machen hoffte. Später veranstaltete 
Niavis eine neue korrigierte Ausgabe, die er 
den bereits genannten „Ydeomata latina“ einver- 
lcibte. „Mit dieser Auffindung des wirklichen 
Verfassers fallen natürlich auch alle Ver¬ 
mutungen, die Zamcke, irre geleitet durch die 
geänderten Ortsnamen des Manuale, über den 
Verfasser aufstellt, ebenso wie das, was Prantl 
(Gesch. der Logik, 4) auf Grund des Manuale 
über die Streitigkeiten der beiden Richtungen 
an den deutschen Universitäten mitteilt.“ 

In der That wäre, wenn die Wolkansche 
Auffassung unbestritten und unbestreitbar bliebe, 
ein wichtiges neues Licht auf die Universitäts¬ 
verhältnisse der Zeit um 1480 gefallen. Es 
wäre vor allem festgestellt, dass auch in Leipzig 
die beiden „viae“ im Kampfe lagen, was nach 
der bisherigen Kenntnis der Sache ausge¬ 
schlossen schien. Und gerade an diesem 
Punkt hat die Kritik der Wolkanschen Auf¬ 
fassung anzusetzen. 

Es wäre mehr als sonderbar, wenn von 
einem so wichtigen Verhältnis, welches an 
vielen Universitäten die philosophische Fakultät 
geradezu in zwei Teile spaltete, keine andere 
Nachricht vorläge, als ein zum Schulgebrauch 
bestimmtes Elaborat eines Chemnitzer Schul¬ 


meisters (das war Niavis, als er den Neudruck 
des Gespräches veranstaltete). Zarncke hat 
die Akten der Leipziger Universität, die 
in grosser Vollständigkeit vorhanden sind, jahre¬ 
langin mustergültigerWeise bearbeitet und konnte 
trotzdem zu keinem anderen Resultat kommen, 
als er es in der Abhandlung „Zur Geschichte 
der Universität Leipzig“ in den „Abh. der sächs. 
Gesellsch. der Wissenschaften“ III (1857), S. 525 
ausgesprochen hat: „Der Nominalismus und 
Realismus, die auf anderen Universitäten die 
wichtigsten Faktoren wurden, erscheinen in 
den Dokumenten der Leipziger Universität 
kaum dem Namen nach.“ Es scheint mir nicht 
zulässig, aus dem einzigen Umstand, dass 
Niavis in seiner Ausgabe des Manuale den 
Kampf zwischen beiden Richtungen sich auch 
in Leipzig abspielen lässt, zu schliessen, dass 
dieses Faktum sei, wirklich stattgefunden habe. 
Wenn wir aber dem Zweifel gegen die Wolkan¬ 
schen Schlüsse so weit Raum gegeben haben, 
dann müssen wir auch bezweifeln, dass der 
ursprüngliche Verfasser Leipziger Verhältnisse, 
die gar nicht zutrafen, gesetzt habe, oder kurz 
gesagt, dass Niavis der Verfasser ist. Eine 
Stütze findet der Zweifel in dem vollkommenen 
Fehlen eines Druckes, der als die ursprüngliche 
Ausgabe des Niavis gelten könnte. Die sämt¬ 
lichen übrigen Ydeomata des Niavis sind in 
verhältnismässig zahlreichen Drucken vorhanden, 
ebenso wie die Drucke des Manuale, die nach 
Wolkan Nachdrucke nach jenem verschollenen 
ersten Niavisschen Druck sein sollen. Das muss 
mindestens verdächtigerscheinen. Wederjöchers 
„Gelehrtenlexikon“, noch die übrigen bio- und 
bibliographischen Nachschlagebücher, welche 
die Werke des Niavis angeben, erwähnen diesen 
sagenhaften Druck. Warum sollte gerade er 
so spurlos verschollen sein? Warum sollten 
sämtliche Nachdrucker auf die Idee verfallen 
sein, für die Leipziger Örtlichkeiten und Namen 
des Originals gerade Heidelberger zu setzen, 
da doch feststcht, dass die bekannten Drucke 
des Manuale an sehr verschiedenen Orten ent¬ 
standen sind? Der Kölner Quentell hätte doch 
gewiss, um seinen Druck „gangbarer“ zu machen, 
Kölnische Örtlichkeiten setzen müssen?! — 
Wenn die Existenz des bereits oben er¬ 
wähnten, von Panzer als von ihm gesehen be- 
zeichneten einzigen datierten Strassburger 
Druckes von 1481 ausser Zweifel stände (denn 


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Fabricius, Die ältesten gedruckten Quellen zur Geschichte des deutschen Studententums. 


das Sternchen bei Panzer könnte ein Druck¬ 
fehler sein), so wäre die Streitfrage ohne 
weiteres gegen Wolkan entschieden, denn Niavis 
war 1481 noch Student in Leipzig und dachte 
keinesfalls schon an die Abfassung päda¬ 
gogischer Schriften. Aber vorläufig müssen 
wir auf dieses Argument verzichten und dürfen 
uns nur an das halten, was wir mit eigenen 
Augen gesehen haben. Wenn wir dieses aber 
genau prüfen, so werden wir sehen, dass die 
Wolkansche Konjektur durchaus nicht so zwin¬ 
gend ist als es scheint. — 

Das Buch des Niavis, welches den in Frage 
stehenden Dialog enthält, ist betitelt: 

Latina ydeomata Ma 

gistri Pauli Niavis. 

Am Schlüsse: 

Impressum per me Conradum 

Bachelovenn liptzk. 

Es enthält zunächst unsere Schrift unter 
der speziellen Überschrift „Praefatio Magistri 
Pauli Niavis in latinum ydeoma, quod pro 
novellis edidit studentibus .“ Den übrigen Inhalt 
des Buches bildet ein „Thesaurus facundiae“ und 
ein „Ydeoma pro scholaribus adhuc particularia 
frequentantes“. Das Ganze ist einem Chemnitzer 
Presbyter Erasmus gewidmet, dem Niavis in 
der Vorrede schreibt (die Stelle führt auch 
Wolkan an): „Egisti mecum quam sepissime, 
ut ipsam illam quam pro incipientibus materiam 
in latinitatis ratione collegerim in unum tra- 
ducerem, verum ea quidem cum corrupta sit 
integram deinceps correctamque ad te mitterem.“ 

Aus allen diesen Angaben ist durchaus 
nicht mit Sicherheit zu schliessen, dass Niavis 
der Verfasser des in Frage stehenden Ydeoma 
ist oder dass er sich dafür ausgeben will. Er 
sagt vom Ganzen freilich: „lat. ydeomata Pauli 
Niavis“, aber das kann sich sehr wohl auf den 
Umstand beziehen, dass der grössere Teil des 
Buches sein unbestrittenes Eigentum ist (von 
den beiden anderen Teilen des Buches sind 
zahlreiche Drucke mit dem Namen des Niavis 
bekannt); in dem „edidit“ der Einleitung zu 
dem „ydeoma pro novellis studentibus“ liegt 
durchaus kein Anspruch auf die Autorschaft. 
Auch in der vorhin angeführten Stelle der Wid¬ 
mung an Erasmus ist nur gesagt, dass er das 
Material, welches er für Anfänger in der La- 
tinität gesammelt hat, in verbessertem Zustande 
zu liefern die Absicht habe. 


Es ist notwendig, dass wir auf die päda¬ 
gogische Schriftstellerei des. Niavis kurz ein- 
gehen, um sein Verhältnis zu dem Manuale 
besser zu erkennen. — In dem Bericht über 
einen Vortrag, den Dr. Loose im „Verein flir 
Chemnitzer Geschichte“ über Niavis, der von 
ca. 1485 an Magister an der dortigen Latein¬ 
schule war, gehalten hat (Mitteilungen dieses 
Vereins I, Jahrb. für 1873—75), heisst es S. II: 
„Am wichtigsten sind seine pädagogischen 
Schriften, namentlich die in Chemnitz ent¬ 
standenen idiomata latina, welche die Übung 
der Schüler im Lateinsprechen bezwecken .... 
Zuerst erschienen die Gespräche für Anfänger, 
dialogus pro parvulis, welche . . . am meisten 
nachgedruckt sind; denn zwanzig in Leipzig, 
Nürnberg, Basel, Reutlingen, Ulm, Speier, 
Köln u. a. O. erschienene Ausgaben sind be¬ 
kannt. Später folgen Gespräche für ältere 
Schüler, zidetzt für Studenten. Diese Gespräche 
sind für Topographie und Sittengeschichte gleich 
wertvoll, da Niavis ihnen die realen Verhält¬ 
nisse seiner Zeit zu Grunde legt, historische 
Persönlichkeiten behandelt, die Schulen be¬ 
sprechen lässt.“ Also zuerst erschien sein 
„dialogus pro parvulis scholaribus“, später solche 
für ältere Schüler: „pro scholaribus adhuc parti¬ 
cularia (Partikularschule, im Gegensatz zu Studium 
generale“, Universität) frequentantibus, und „dia¬ 
logus literarum studiosi cum beano (ältere 
Partikularschüler) imperito“. Es ist ganz klar, 
dass ein Dialog wie das Manuale in diese 
Reihe sehr gut als Abschluss passte, und 
zweifellos würde die Annahme Wolkans, die 
schon Loose implicite im Sinn gehabt zu haben 
scheint, dass nämlich Niavis der Verfasser auch 
dieses Dialogs sei, keinem Widerspruch be¬ 
gegnen — wenn nicht innere, d. h. aus dem 
Inhalt genommene Gründe, die zum Teil schon 
angedeutet sind, ein Hindernis bildeten. 

Vergleichen wir deshalb zunächst den In¬ 
halt beider Schriften, die ich der Einfachheit 
halber unter den Bezeichnungen Manuale und 
Ydeoma auseinander halte. Freilich kann, da 
die Abweichungen im Einzelnen, in Wortformen 
und dergl. sehr häufig sind, nur auf die be¬ 
deutenderen Rücksicht genommen werden; die 
Abweichungen in den Namen der Örtlichkeiten 
sind schon genügend gekennzeichnet. 

Der „Prologus“ des Manuale ist in sich 
völlig abgeschlossen; die praefatio des Ydeoma 


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Fabricius, Die ältesten gedruckten Quellen zur Geschichte des deutschen Studententums. 


1 81 


fügt in der Mitte und am Ende längere Sätze 
zu, die sich an das Übrige sinngemäss an- 
schliessen. 

Kap. i. Der discipulus des Manuale ist im 
Ydeoma in Bartoldus verwandelt, was wider¬ 
sinnig ist, da Bartoldus im nächsten Kapitel 
als einer der depositores, die den discipulus 
deponieren, auftritt. — Kap. 2 (Deposition). 
Im Ydeoma fehlt eine längere Stelle (Zarncke, 
S. 6, 22—33) und zwar gerade eine solche, 
welche Schimpfworte und Unanständigkeiten 
enthält. Es erscheint plausibel, dass die 
Streichung mit Rücksicht auf pädagogische 
Zwecke erfolgte. In demselben Kapitel fehlt 
bei Niavis die Stelle Zarncke 9, 11—24, bei der 
gleiche Rücksichten obgewaltet haben können. 
Die Stelle Zarncke 10, 4—10, ist bei Niavis 
verkürzt, dagegen gleich darauf der Anrede 
an den Magister ein charakteristisches „vir 
praestantissime“ zugesetzt. — Kap. 4. Zarncke 14, 
17 haben alle Drucke des Manuale „tarnen“, was 
ganz sinnlos ist, während Niavis richtig Thomam 
(v. Aquino) hat. Ähnliche Verbesserungen 
kommen vielfach bei Niavis vor. Darüber 
später mehr. — In Kap. 7 (Zarncke 20, 30) 
hat Niavis ein grösseres Stück, welches im 
Manuale fehlt. Nach dem gemeinsamen Kap. 11 
setzt Niavis als Kap. 12 die im Manuale als 
Kap. 18 am Ende stehenden Einladungsformeln, 
denen Niavis eine zusetzt; dann folgt bei Niavis 
als Kap. 13 das im Manuale mit 17 bezeichncte 
Kapitel. Dann gehen beide wieder parallel; 
überall ist der Stil bei Niavis korrekter als im 
Manuale; im Kap. 14 (16) fehlen bei Niavis 
einige Zeilen. Nach Kap. 15 des Manuale 
folgen bei Niavis als Kap. 18 und 19 eine 
Reihe moralischer Sentenzen, wie er sie auch 
im thesaurus facundiae hat. Im manuale findet 
sich keine Spur von ihnen; sie passen auch 
gar nicht dahin. Durch diese Einschiebung 
wird das nun folgende gemeinsame Kap. 16 
des manuale zu Kap. 20 bei Niavis. Es sind 
bei Niavis wieder zw ei Zeilen (Zarncke 42, 18 
und 19) ausgelassen und zwar jedenfalls ent¬ 
gegen dem Original, da in diesen Zeilen die 
Antwort auf eine vorhergehende Frage ent¬ 
halten ist, die demnach bei Niavis unbeant¬ 
wortet bleibt. Dagegen setzt Niavis am Schlüsse 
dieses Kapitels eine Episode (Tötung eines 
Studenten durch Wächter) zu, welche in keinem 
der Drucke des Manuale zu finden ist und auch 


nicht in direktem Zusammenhänge mit dem 
übrigen steht. — Das 17., von Niavis mit 13 
bezeichnete Kapitel führt einen von Leipzig 
kommenden Studenten ein, den der andere 
nach den dortigen Verhältnissen fragt. Hier 
wird deutlich gesagt, dass in Leipzig der Unter¬ 
schied beider viae nicht hervortritt. Camillus 
fragt den Leipziger: „Quid autem de via dices, 
vel doctoris magni vel subtilis?“ (Albertus und 
Scotus sind gemeint). Und jener antwortet 
trocken: „Nihil, nam qui Albertum sequuntur 
pauci sunt, tres tantum quatuorve .... sed 
parva est eorum audientia parumque resumunt.“ 
Ganz ähnlich wird in Kap. 7 Erfurt nebenbei 
besprochen; wir erhalten damit einen Anhalt 
dafür, dass nicht Leipzig , wie bei Niavis, dem 
Ganzen zu Grunde liegt, sondern eine andere 
Universität, als welche nach Lage der Sache 
nur Heidelberg in Betracht kommen kann. 

Um den Unterschied zwischen dem Manuale 
und dem Ydeoma ganz klar zu sehen, muss 
man die beiden Texte nebeneinander vor sich 
liegen haben. Mehr als ich in den vorstehen¬ 
den Zeilen gab, konnte in dem mir zuge¬ 
messenen Raume nicht geboten werden; ich 
hoffe aber trotzdem für das Verständnis meiner 
weiteren Ausführungen damit eine genügende 
Grundlage geboten zu haben. 

Nach gewissenhafter Vergleichung der Texte 
und streng kritischer Betrachtung der Sachlage 
kann ich der Ansicht Wolkans nicht zustimmen. 
Ich bin vielmehr überzeugt, dass das Manuale 
nicht von Niavis herrührt und dass es älter ist, 
als dessen übrige Dialoge. Wahrscheinlich 
hat er, nachdem er seine Dialoge für die 
Kleinen und für die Partikularschüler ge¬ 
schrieben, das Manuale, welches ja ebenfalls 
in der damals für Lehrschriften überaus be¬ 
liebten Dialogform verfasst ist, als eine ge¬ 
eignete Fortsetzung seiner Dialogreihe erkannt 
und es demzufolge adoptiert hat. Wir würden 
freilich heutzutage ein solches Verfahren Plagiat 
nennen; aber in der Zeit, um die es sich hier 
handelt (c. 1480—1500), galt cs keineswegs für 
anstössig, sich fremde litterarische Produkte 
ohne weiteres und ohne Qucllcnnennung anzu¬ 
eignen, so dass meine Annahme durchaus 
keinen ehrenrührigen Vorwurf gegen Niavis 
bedeutet. 

Dagegen aber ist festzustellen, dass Niavis 
als Vorlage keinesfalls einen der uns bekannten 


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1&2 


Fabricius, Die ältesten gedruckten Quellen zur Geschichte des deutschen Studententums. 


Drucke des Manuale benutzt haben kann. Dies 
zeigen die textlichen Eigentümlichkeiten bei 
Niavis ganz genau. Ich führe nur ein schlagen¬ 
des Beispiel an. In der Überschrift des Kap. 17 
(13 bei Niavis) heisst es in allen bekannten 
Drucken des Manuale und auch bei Zamcke: 
„Quomodo respondere quis debet, cum in primo 
de universitatis ritu interrogetur.“ Dieses primo 
ist ganz sinnlos, Niavis hat statt dessen pria, 
was in patria aufzulösen ist. Diese Abkürzung 
hat Niavis offenbar aus dem Original herüber¬ 
genommen, welches auch dem ersten bekannten 
Druck des Manuale zu Grunde gelegen hat; in 
diesem aber ist die Abkürzung falsch aufgelöst 
worden, und so ist der sinnentstellende Fehler 
in alle übrigen Drucke (Nachdrucke) über¬ 
gegangen. 

Es muss also noch ein Druck des Manuale 
existiert haben, welcher den Ausgangspunkt 
einerseits für die von Zamcke (und mir) be¬ 
nutzten Drucke, andererseits für Niavis gebildet 
hat. Möglicherweise, ja sehr wahrscheinlich, ist 
dies eben der Strassburger Druck von 1481, 
den Panzer aufführt und gesehen haben will. 1 

Man könnte einwenden, jenes unbekannte 
Original wäre der erste von Niavis herrührende 
Druck. Aber dem widersprechen mehrere 
Gründe. Zunächst muss jener Druck anonym 
sein, weil nirgends, weder in den Nachdrucken, 
noch von Panzer der Name des Verfassers 
angegeben ist. Die früheren Einzeldrucke der 
Dialoge des Niavis sind aber sämtlich mit 
seinem Namen bezeichnet: warum sollte er 
gerade bei diesem opus eine Ausnahme ge¬ 
macht haben? 

Sodann beweisen die Weglassungen und 
Zusätze, die Niavis im Ydeoma hat und die 
dem Ganzen den Charakter einer Bearbeitung 
zu pädagogischen Zwecken geben, dass das 
Original von Niavis ziemlich frei benutzt ', nicht 
nur korrigiert ist, während die Drucke des 
Manuale sich an dasselbe möglichst genau an- 
schliessen und nur, weil ungelehrte Drucker 
die verschiedenen Ausgaben besorgten, Lese- 


und Druckfehler in reicher Zahl in sich auf¬ 
genommen haben. 

Der zwingendste Beweis gegen Wolkan 
aber ist, wie schon angedeutet, der Umstand, 
dass die geschilderten, für Heidelberg voll¬ 
kommen zutreffenden Verhältnisse auf Leipzig 
durchaus nicht passen, und dass als Episode 
der — dieses Mal völlig zutreffende — Bericht 
eines von Leipzig kommenden Studenten ein¬ 
gefügt ist. Wenn Niavis der Verfasser war 
und ursprünglich Leipziger Verhältnisse dem 
Ganzen zu Grunde lagen — wozu dann diese 
Episode, die mit dem übrigen Inhalt im Gegen¬ 
satz steht?! 

Da Niavis ein gelehrter und wohlerfahrener 
Mann war, könnte es freilich Anstoss erregen, 
dass er in seiner Bearbeitung des Manuale die 
Heidelberger Verhältnisse durch Leipziger er¬ 
setzte, von denen er als ehemaliger Leipziger 
Student wissen musste, dass sie nicht zutrafen. 
Aber er lebte damals in Chemnitz, nahe bei 
Leipzig und sehr weit von Heidelberg; es lag 
für seinen Zweck, die Schüler über das 
Universitäts/f^w aufzuklären, nahe, Leipzig zu 
setzen, zumal das, was den Hauptinhalt des 
Buches bildet, die Umgangsformen, die De¬ 
position 2 , das Leben in den Bursen und 
Kollegien hier wie dort gleich war. Auch will 
er ja sonst nur Muster zum Lateinsprechen 
geben, und dabei kommt es auf den Nomi¬ 
nalisten- und Realistenstreit an sich nicht an, 
dieser gibt für Niavis lediglich die Grund¬ 
lage zu einer (nach seiner Ansicht) sehr ele¬ 
ganten lateinischen Kontroverse. 

Ich glaube, um kurz zum Schlüsse zu kommen, 
nicht, dass die Existenz des Ydeoma pro novellis 
studentibus genügenden Anlass gibt, die an 
das Manuale geknüpften Untersuchungen von 
Zamcke und Prantl über den Haufen zu werfen. 
Möchten diese Zeilen dazu beitragen, die Frage 
in Fluss zu erhalten, und — wenn das Glück 
will und uns günstig ist — den verschollenen 
Druck, der des Rätsels unumstosslich klare 
Lösung bringen muss, zu Tage zu fördern! 


t Neuerdings von mir eingezogene Erkundigungen machen die Existenz dieses Druckes sehr unwahrscheinlich. 
Ich werde darüber demnächst berichten. 

* Die Schilderung der Deposition im Man. scol. ist im XVII. Jahrh. wiederholt abgedruckt und für die Unter- 
suchung dieses Brauches von grosser Wichtigkeit, da sie beweist, dass die Anwendung von Handwerkszeug bei 
der Deposition um jene Zeit noch nicht üblich war. Die hier gebrauchten Werkzeuge sind ärztliche; mit dem 
Handwerkszeug kam eine ganz neue Auffassung hinzu. Hiernach ist die Anmerkung S. 233 des 2. Bandes von 
Kaufmanns „Geschichte der deutschen Universitäten“ zu berichtigen. 


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Moderne Plakatkunst. 

Von 

Felix Poppenberg in Berlin. 


■TfiTVMenn sich jetzt in Deutschland gemein- 
|i M f|t| sa m mit dem erhöhteren Interesse 
das Kunstgewerbe, für Tapeten, 
Zinn- und Glas- und Lederarbeiten, auch ein 
frischerer, originellerer Zug in der Plakat- und 
Buchumschlagtechnik fühlbar macht, so trotten 
wir in diesem Falle nicht gar so spät hinter 
dem Ausland her. 

Huysmans spricht in seiner Studie über 
„Cherety den König der Plakate“, von der 
„tristesse de nos rues“ und von den Plakaten 
vor ihm: „Lcs placards en couleurs affichcs sur 
les palissades des maisons en construction ou 
le long des murs ötaient d’une teile laideur 
qu’cn depit de leurs tons crus ils s’harmoni- 
saient avec lateinte des alentours. La tristesse 
lourde et le cri coriace se mariaient ä peu 
pres, faisaient presque bon menage, ne bles- 
saient pas, en tout cas, par un faux accord. 
M. Chöret a changö 
celä.“(Certains, pag. 53.) 

Und Emest Maindron 
beklagt 1886 im ersten 
Bande seines grossen 
Werkes „Lcs affichcs 
illuströes“, dass so wenig 
Sammler sich für die 
junge Plakatkunst zu 
interessieren vermögen. 

Mit Chöret beginnt, 
trotz der feinen Blätter 
der Dorc, Gavami, Char- 
let, Cham der vierziger 
Jahre, erst das öffent¬ 
liche Leben des zugleich 
künstlerisch und zweck¬ 
mässig komponierten 
Anschlags. Und Chörets 
Kunstindustrie grossen 
Stils datiert erst seit 
i886„grace ä l’invention 
des machines permettant 
Temploi des pierreslitho- 
graphiques de grandes 
dimensions.“ „Personne 
avant lui n’avait aussi 


clairement exprimö que Taffiche illuströe devait 
s’imposer, non seulcment par l’aspect göneral 
de la coloration, mais encore par fölögance des 
lignes et la composition.“ (Maindron.) 

1884 fand in Paris die erste Ausstellung 
von Plakaten statt; sie ging vorüber, ohne all¬ 
gemeines Interesse zu erwecken. 

Nachdem der erste Band des Maindron- 
schen Werkes erschienen, und er selbst auf 
staatliche Anregung hin eine Ausstellung alter 
Plakate veranstaltet hatte, die, in Stücken aus 
seinem eigenen Besitz, die Entwicklung der 
Reproduktion im Dienste der Affiche vom Ende 
des XVII. Jahrhunderts an zeigte, wuchs die 
Teilnahme, und jetzt bringt jedes Jahr einen 
Fortschritt. 

Dezember und Januar 1889/90 fand die 
grosse Chöretausstellung statt, die ihm das 
Kreuz der Ehrenlegion eintrug und ihn zur ge¬ 
feierten öffentlichen Be¬ 
rühmtheit machte. Da¬ 
mals sprach Edmond 
de Goncourt auf ihn 
seinen bekannten Toast: 

„Je bois au premicr 
peintre du mur parisien, 
ä Tinventeur de Tart dans 
Taffiche“. (Journal des 
Goncourt VIII pag. 148.) 
Und nun hält das künst¬ 
lerische Plakat seinen 
Siegeszug durch die 
Kulturwelt. 

Reizvoll ist es ihm 
zu folgen, zu beobachten, 
wie sich die Individuali¬ 
tät der verschiedenen 
Länder in ihren Affichen 
ausspricht, welche Race- 
eigenschaften und psy¬ 
chologische Merkmale 
dabei zur Geltung kom¬ 
men. Und man wird 
erkennen, dass diese 
ephemeren Blätter, diese 
Eintagsfliegen [ein K11I- 



Ch 6 re ti 

Plakat „Lidia** für den Alcaiar d’£te. 


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Poppenberg, Moderne Plakatkunst 


184 

turdokumcnt von unschätzbarem Wert reprä¬ 
sentieren. 

In der Meistergalerie der Affichenschöpfer 
griissen wir gebührend als ersten Cheret. Er ist 
der romanischste der französischen Plakatkünst¬ 
ler, von einer sprühenden, vibrierenden Lebens¬ 
und Farbenfreude; vom modernen Franzosentum, 
von Symbolismus, Neokatholizismus, Neohelle¬ 
nismus hat er gar nichts. Er ist ein jungge¬ 
bliebener Bürger der Zeiten Mussets und Murgers. 

Seine Frauen sind immer die gleichen; 
ein Parfüm tolljauchzender Lebenslust umwebt 
sie, die Augen blitzen, und die Lippen locken 
kirschrot. Allmählich erstarrt ihm dieser Typus 
etwas, und das Lachen wird zu dem stereotypen 
Lachen der Balleteusen und Chansonetten. 
Aber in seinen besten Stücken leuchtet und 
zuckt blendend berauschend wirklich die Freude, 
und diese Frauen mit dem kühn zurück ge¬ 
worfenen, übermütigen Kopf sind wie ein Sinn¬ 
bild fascinierenden Pariser Lebenscarnevals 
voll schmeichlerischem Reiz; einer Freude, 
die sich betäubt; einer Extase, die das graue 

Leben zu einer leuch¬ 
tenden, seidenschim¬ 
mernden Feerie 
machen möchte. 

Die glänzendsten 
Worte für ihn hat 
Huysmans gefun¬ 
den: 

„II verse une 
legere ivresse de 
vin mousseux, une 
ivresse qui fume, 
teintöe de rose; il la 
personific, en quel- 
que sorte, dans ses 
femmes delicicuses 
par leur debraiI 16 , 
qui bögaye et sourit, 
sans cri vulgaire. II 
prend une fille du 
peuple ä la mine 
polissonne, au nef 
inquiet, aux yeux 
qui s’allument et qui 
tremblent, il raffine, 
la rend presque 
distinguee, sous ses 
cripeaux, fait d’elle 


comme une Soubrette 
d’antan, une friponne 
elegante dont les Scarts 
sont delicats.“ Und 
hierzu hat er sich eine 
Technik geschaffen, 
die kein Vorgänger 
hat. Durch zwei Fak¬ 
toren wirkt er beste¬ 
chend, durch die Farbe 
und durch die Linie. 

Seine Farben stehen 
nie neben einander, sie 
gehen stets ineinander 
über in weichen fluten¬ 
den Wellen. Eine 
melodische Farben¬ 
symphonie in rot, blau, 
gelb, in der die einzel¬ 
nen Nuancen nicht 
scharf bestimmt hin¬ 
gesetzt sind, sondern 
etwas Rauchiges, in 
schimmernden Duft ge¬ 
tauchtes haben, wie 
die weichen, flaumigen 
Lasuren auf Fayencen. 

Immer ist das Blau 
noch in sich selbst abgetönt, das Gelb ge¬ 
flammt und das Rot changierend. Die Farben 
schimmern wie von elektrischen Monden durch¬ 
leuchtet, transparent, kaleidoskopisch spielend. 
In diesem verwirrenden Farbengaukeltanz, der 
auf so wenig Grundtöne gestimmt ist und seine 
Wirkung in dem raffinierten wechselnden Chan¬ 
gieren findet, hat Cheret nur einen Konkurren¬ 
ten. Das ist Miss Loie Füller, die Serpentin¬ 
tänzerin. Im Serpentintanz sind jene welligen, 
verschwimmenden Farbenübergänge, die für 
Cherets Plakatkunst so charakteristisch sind, am 
vollkommensten zum Ausdruck gelangt. Und 
der Loie Füller hat Cheret auch eine seiner 
klangreichsten Farbenhymnen komponiert. 

Dem schmeichlerischen Fluss seiner Farbe 
verwandt ist der Charme seiner Linie. Seine 
Gestalten haben nichts Statuarisches, Starres, 
nichts von der bewussten Eckigkeit englischer 
Praerafaeliten. Seine Gestalten stehen nicht 
auf ihrem Hintergrund, sie schwimmen, schwe¬ 
ben, gaukeln, Tänzerinnen in Gazewolken gleich. 
Ihre Füsse haben immer etwas Unkörperliches. 


^p ron o z ri„ C a e a o 

van Houten 


Willette : 

Plakat für ,,Cacao Van Houten“ 
Weesp (Holland). 



Meunieri 

Plakat für eine Cigarren Fabrik 
„Frossard's Cavour Cigars“, 
Payerne (Schweiz). 


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Poppenberg, Moderne Plakatkunst 


185 


Die Figur biegt sich bacchantisch. Er liebt 
die geschmeidige Wellenlinie beim Schlittschuh¬ 
lauf; er erhöht das Weiche, Schmiegsame des 
Schrittes durch eine Riesenboa, die ringelnd 
nachschwirrt, und durch das Spitzengewirr der 
Röcke, deren Frou-Frou man zu hören glaubt. 

Und wie sind diese Plakate, neben ihrer 
rein künstlerischen Bedeutung, sachlich zweck¬ 
entsprechend! Sie haben eine glänzende weite 
Fern Wirkung, eine ungemeine Leuchtkraft. In 
ihnen ist etwas von der 
raffinierten Wirkung der 
Bühnenbeleuchtung. Am 
bezeichnendsten hierfür 
sind seine berühmten 
„Coulisses de l’Opera“. 

In Soffiten- und Rampen¬ 
licht getaucht, tänzelt eine 
Schar von Tänzerinnen 
nach vorn, und von der 
letzten im Hintergründe 
sieht man nur noch die 
in feinblauem Duftnebel 
aufgehenden Konturen. 

Und noch ein anderes 
Mittel giebt Ch£rets Pla¬ 
katen ihre Wirkung, ein 
Mittel, das unsere jungen 
Plakatkünstler noch viel 
zu wenig meistern: der 
künstlerisch in die Affiche 
komponierte Text. Bei 
Ch£ret ist der Text nie¬ 
mals einfach in das Bild 
hineingeschrieben. Er ist 
stets, wie es ja eigentlich 
dem Wesen der Affiche 
entsprechend auch sein 
muss, organisch. Seine Buchstaben wirken wie 
mit farbigen Scheiben auf die Wolken des 
Himmels geworfen; ihre Farben stimmen sich 
nach den Grundtönen des Plakats, wirkungs¬ 
stark kontrastierend und doch in den Umrissen 
weich übergehend. Den Schwung ihrer Linien, 
das Bizarre, Schwebende, Gaukelnde haben sie 
mit der Linie seiner Frauenkörper gemeinsam. 

Chöret verwendet gerade auf die Textpartie 
grösste Sorgfalt. Sie wird genau von ihm in¬ 
szeniert. Die Ausführung der Buchstaben aber 
übernimmt er nicht selbst; Mr. Madar£, seiner 
rechten Hand, ist dies verantwortungsvolle Amt 

Z.CB. 


übertragen. Von Ch6ret stark beeinflusst sind 
Lucien Lefevre und George du Feure. Der 
erstere hat das bekannte Saxoleine-Plakat des 
Meisters — die Dame in gelb, die auf blauem 
Grund eine rotbeschirmte Lampe mit übermü¬ 
tigem Armschwung in die Höhe hält — für 
seine „L’Electricine“ auf sich wirken lassen. Und 
du Feure zeigte in seiner „Marjolaine“ ganz die 
Bühnenbeleuchtung und das illuminierende Far¬ 
benspiel seines Vorbildes. Auch der Belgier 
Meunier ist durchaus 
Ch^retschüler, vor allem 
im Plakat für das Job¬ 
cigarettenpapier. 

Uns interessieren in 
Frankreich mehr die 
Köpfe, die neben Ch£ret 
ein durchaus eigenes, 
selbständiges Gepräge 
haben. 

Und hier ist es inter¬ 
essant, wie die jüngeren 
Künstler der Affiche an 
der Domaine, die Chöret 
so unvergleichlich für sein 
Können fand,. durchaus 
vorübergehen, an dem 
Wirken durch Charme 
und Chic. Zwar Willette 
und Guillaumt bevor¬ 
zugen noch das Raffine¬ 
ment der Eleganz und den 
verführerischen F rauen¬ 
reiz. Willette hat ausser 
seinem Plakat zum „L'en- 
fant prodigue“, jener hol¬ 
den Pantomime voll Pier¬ 
rotgrazie und Pierrotweh¬ 
mut, und ausser der ehrenhaften Cacaohollän- 
derin, manche zierliche Pariserin verewigt. Seine 
Frauengestalt ist, nach Maindrons Definition, 
jünger als die Ch^rets: „c’est presque un enfant; 
eile est pervertie d£jä, mais il lui reste comme 
un vague parfum d’ingenuit£, qui la rend plus 
d£sirable.“ 

Und Guillaume, der „Historien de la petite 
femme“, bildet mit Liebe und schmeichleri¬ 
schem Sinn an Kostüm und Zügen seiner 
Schönen: „rien ne leur manque, ni cette petite 
Physiognomie d’oiseau jaseur, ni cette main 
paresseuse gant£e de 6 x / it ni cette cheville 

24 



LaTrehiereMaison Du Monde 
Pou r JestoporMons Oneriföles 


Grasset: 

Plakat der „Grands Magasins de la Place Clichy** in Paris. 


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i86 


Poppenberg, Moderne Plakatkunst. 


prometteuse abandonn^e aux re- 
gards indiscrets.“ 

Aber das ist doch schon eine 
ganz andere Eleganz und ein ganz 
anderer Chic als bei Cheret. Das 
ist nicht mehr Feerie in Bühnen¬ 
beleuchtung, das sind nicht mehr 
gaukelnde Frauengestalten, duftig 
und wie auf Wolken. Das sind, vor 
allem bei Guillaume, realistische 
Ausschnitte aus dem Grossstadt¬ 
leben, illustrativ, dass man ein Bon¬ 
mot darunter schreiben könnte. 

Das ist eine moderne Art der 
Betrachtung, und ihr Weg führt zu 
Steinlen , Forain , Toulouse-Lautrec . 

Bei ihnen kichert nicht mehr 
das helle, lebensjauchzende Lachen 
der Freude; ihre Lebensauffassung 
ist melancholisch - brutal. Sie 
malen nicht die Coulissen, leicht¬ 
flimmernd und schimmernd, sie 
malen die Vorgänge hinter den 
Coulissen. Ihre Zeit ist nicht der 
sentimental - heitere Chansonmai 
der Murger und Müsset, sondern 
die unerbittliche Epoche der 
„Nana“, der Galgenlieder von 
Yvette Guilbert und Aristide 
Bruant. Sie sind soziale Kritiker, Moralisten, 
die mit finsterem Behagen nach den Nachtseiten 
des Daseins spähen, nach der grausamen Ironie 
und den versteckten Lastern. 

Diese Persönlichkeitsprägung haben auch 
ihre Plakate. Und sie werden so zu einem 
Zeitsignum. 

Steinlens Spezialität sind die untersten 
Schichten. Wie man früher die Eleganz an¬ 
betete, so strebt er bewusst nach Uneleganz. 
Die Gestalten der Strasse, die lichtscheuen, 
verkommenen, die durch schweren Arbeitslohn 
zu Boden gedrückten, die Hungernden und 
Frierenden reizen ihn. Er bringt sie in Kontrast 
zu den Reichen und Üppigen und illustriert 
so Ungerechtigkeit und Elend der Welt. 

Er malt einen Arbeiter, der sich seine Zigarre 
an der eines Dandy anraucht, und er skizziert 
derb-rohe Liebesszenen vertierter Menschen. 

An seine Art erinnern manche Blätter von 
Ibels, auch Luc Metirets bekanntes Plakat für 
die Vorstellungen der Eugenie Buffet, der 


„chanteuse r^aliste“. Er stellt sie 
dar in ärmlicher Tracht, wie sie mit 
windverwehten Kleidern abends 
im Arbeiterviertel am Montmartre, 
die Hände in den Taschen, um¬ 
hergeht 

Der kitzelnde Reiz von Misere 
und Not war damals gerade 
Trumpf. M6tiret hat als Kontrast 
zu der Bühnen-Proletariererschei- 
nung der Eugenie Buffet sie noch 
einmal in ihrem „Zivil“ gemalt; da 
steigt sie im üppigen Pelzmantel 
nach der Vorstellung in ihr Coupe. 

Forain bevorzugt das eigent¬ 
liche Proletariat nicht so, aber ihn 
reizt sozusagen das Proletarische 
der oberen Zehntausend, die Kehr¬ 
seiten des eleganten Lebens; 
jene Stimmung der Nanaszene, 
wo ein Grosswürdenträger sich 
zur Rolle des Hundes erniedrigt, 
ist auch in den Bildern Forains. 
Daneben hat er aber mit flotter 
origineller Künstlerschaft ein Rad¬ 
fahrerplakat gemalt, das zeigt, 
wie er, trotz des Pessimismus und 
der Menschenverachtung, auch 
den Chic kommandieren kann. 
Die Radlerinnen sind in so schneller Bewegung 
erfasst, dass man nur die Lenkstange der 
Maschine sehen kann, und alles in einem 
Farbenkreisel von grau, grün und rot dahin¬ 
wirbelt. 

Den eigenartigsten Ausdruck von diesen drei 
Iuvenalen hat Toulouse-Lautrec für sich ge¬ 
funden. 

Aus seinen Plakaten tönt ein grell-höhni¬ 
sches Lachen. Er sieht hinter der Freude 
schon Tod, Elend und Siechtum lauem. Wo 
sind die gemalten zierlichen Geschöpfchen 
Ch^rets hin? Das hier sind verdammte Skla¬ 
vinnen der Lust mit bezahltem Lachen, denen 
man das frühe jämmerliche Ende an den Augen 
abliest. Das Hospital, die Morgue wirft ihre 
Schatten über diese Szenen in den Tingel- 
Tangeln und den Chambres-s6par£es. Dazu 
kommt eine Mischung aus Groteskem und 
Grausigem zugleich. Die sterbensmatte, kreidig¬ 
blasse Cancaneuse mit den grellfarbigen Strüm¬ 
pfen in hellstes Licht getaucht, mit dem dunklen 



Rialier-Dumas: 

Plakat für die französische Ge¬ 
sellschaft 

„Incandescence par le Gaz‘* 
(Systeme Auer), Paris. 


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Poppenberg, Moderne Plakatkunst. 


187 


in Schatten verdämmernden Vordergrund, in 
den die langen Hälse der Bässe des Orchesters 
hinein sich recken, wirkt fast gespenstisch. Ein 
Vampyrballet. 

Und ähnlich ist’s im „Divan Japonais“. 
Auch hier im Vordergrund die Logen und die 
wie aus einer anderen Welt in die Höhe 
ragenden Basshälse, und auf der Bühne die 
Sängerin, von der man fast nur die unnatür¬ 
lich hager-langen Arme sieht. — Es ist so 
komisch, dass man lachen möchte; aber das 
Lachen bleibt im Halse stecken, und ein Gefühl 
vernichtender grässlicher Ode weht uns an. 

Toulouse-Lautrecs Plakate sind eine herbe 
schonungslose Kritik moderner Grossstadtfreu¬ 
den: „Die Wollust der Kreaturen ist gemenget 
mit Bitterkeit.“ Vielleicht hat gerade dieses 
Wermutelement, dieser Stachel des Todes in 
der Ankündigung der Lust, einen pikanten 
Kontrastreiz. 

Toulouse-Lautrec verfügt über eine glän¬ 
zende Technik. Er hat am meisten von den 
Japanern gelernt, denen moderne Kunst und 
modernes Kunstgewerbe so viel verdanken. 

Er hat ihre 
Kraft der Cha¬ 
rakteristik, die mit 
wenigen treff¬ 
lichen Strichen, 
einigen schein¬ 
bar zufällig wir¬ 
kenden Flecken 
Szenen und Ge¬ 
stalten hinsetzt. 

Wie schlagend 
wirkt sein Ari¬ 
stide Bruantpla- 
kat, das in einer 
Art Silhouetten¬ 
technik, das Ge¬ 
sicht nur mit we¬ 
nigen aber haar¬ 
scharfen Vallo- 
tonzügen ange¬ 
deutet, eine spre¬ 
chende Charak- 
terstudic giebt! 

Und ganz japa¬ 
nisch ist es, wie 
er die Umrisse 
der Bruantfigur, 


die Kontur des grossen Farbenfleckes, den der 
Mantel darstellt, mit einem leicht hingehauchten 
Blassgrün umzieht. Als Farbenwirkung ist dies 
kaum zu merken, aber das Massige, breit Hin¬ 
gestrichene der Farbenfläche wird dadurch ge¬ 
mildert. Und japanisch ist auch die grotesk¬ 
ornamentale Behandlung der Figuren. 

Noch zwei Richtungen sind hier zu ver¬ 
zeichnen. Und auch sie folgen wie die bereits 
charakterisierten den Strömungen der Zeit und 
dokumentieren sie: die symbolistische und die 
archaisierende. 

Für die erste sind natürlich prägnanteste 
Beispiele die Plakate der Ausstellungen des 
Salon Rose-Croix. Ihre Vertreter sind Carloz 
Schwabe und Aman Jean . 

Der archaisierende Stilist aber ist Eugene 
Grasset . Er kommt vom Kunstgewerbe her, 
und seine Plakate zeigen in Linie und Farbe 
die Art alter bemalter Glasscheiben. Er ist 
ornamentaler und heraldischer Künstler und 
verfügt über verblüffende Kenntnis der Realien, 
des Details der Kostüme, der Requisiten. Am 
besten liegt ihm das fünfzehnte Jahrhundert. 

Bekannt ist seine 
Sarah Bernhard- 
Affiche, welche 
die Tragödin als 
Jeanne d’Arc dar¬ 
stellt, von Lan¬ 
zen und Helle¬ 
barden umschart, 
wie von einem 
Kranze eiserner 
Sternstrahlen, ein 
heroisches Wap¬ 
pen. Auch exo¬ 
tisch kommt er 
bisweilen. Den 
grossen Teppich¬ 
magazinen auf 
der Place Clichy, 
deren farben¬ 
leuchtende Ori¬ 
entschätze wir in 
verschwende¬ 
rischer Fülle an 
den Wänden und 
in der Thürfül¬ 
lung der Champs 
Elysöes- und der 


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MPER’S 

is the largest 
and most populär 

MAGAZim 

yetowing to its 
enormous salc 
and in spitc of 
the great expense 
of produ&ion, 
the price is 

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I ONE SHILLING 

Tbc Artistic Supply Co Ltd. 
jhobetkyHouse W.C 

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Beggar staff: 

Englisches Plakat für die Zeitschrift: „Haiper’s Magazine**. 


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188 


Poppenberg, Moderne Plakatkunst. 


Champs de mars-Ausstellung bewundern, hat 
er ein freilich für seine Individualität nicht allzu 
chrakteristisches Plakat entworfen. Verwandt 
dieser Art sind ferner Mucha und der feine 
Exotiker Orazzi. Für die Graecomanie ist 
charakteristisch das Gasplakat von Realier- 
Durnas: die schlanke hellblaue griechische 
Gestalt in keuscher, gerader Linie auf dem 
pompejanischroten Hintergrund, die eine antike 
Thonlampe trägt. Welch ein Schritt von 
der sprühenden Verve 
Ch£rets zu der herben 
starren, priesterlich£n 
Ruhe dieser feuerhüten¬ 
den Vestalin! Der 
Schöpfer dieser Affiche 
war übrigens einer der 
ersten, von dem man 
in Deutschland öffent¬ 
lich einen Anschlag 
gesehen hat. Die 
lange gelbe Dame der 
„Wiener Mode“, die auf 
unseren Säulen so selt¬ 
sam fremd sich vorkam, 
stammt von ihm. 

Anders sind die 
Typen, die wir jenseits 
des Meeres, in England 
und Amerika finden. 

Diese Länder haben 
dem Grundzug ihrer 
praktischen Spekula¬ 
tion zufolge vor allem 
charakteristisch den 
Nutzwert des Plakats 
als fernwirkenden Re¬ 
klamewerfer betont. Sie erreichen ihre Zwecke 
aber mit originellen, nie banalen Mitteln. 

Die Künstler dieser Richtung sind die Brü¬ 
der Beggarstaff und Maurice Greifenhagen . 
Das Hauptmittel ihrer Femwirkung ist die 
Riesensilhouette. Sie nehmen kolossale Flä¬ 
chen von gleichmässiger Grundfarbe und werfen 
mit ganz flüchtigen Strichen einige Konturen 
darauf, die in der Nähe gar nicht wirken, die aber 
für weite Dimensionen aus dem Untergrund Ge¬ 
stalten herausheben. Beispiel hierfür ist das 
Plakat von „Harper s Magazine“, das mit wenigen 



F i d u s: 

Plakat für die FahrradTabrik „Adler 4 *. 
Aus M. Fischers Kunstanstalt, Berlin SW. 


scharfen Strichen aus rotem Untergründe die 
Gestalt eines Towerwächters (Beefeater) in 
roter Uniform herausschneidet und zwar so, 
dass die Konturen der Lichtseite einfach fort¬ 
gelassen sind. Das Auge des Beschauers setzt 
sich gleichsam aus diesen Riesenandeutungen 
die Gestalt selbst zusammen. Eine ganz un¬ 
willkürliche optische Mitarbeit des Betrachters 
wird verlangt und so das erregende Moment für 
Aufmerksamkeit und Erinnerung noch verstärkt. 

Ähnlich ist das mit 
Aussparung arbeitende 
Plakat „Pall Mall Bud¬ 
get“ von Maurice Grei¬ 
fenhagen. Es ist in rot 
und schwarz gehalten; 
der Grundton des weis- 
sen Papiers, der aus 
der Färbung herausge¬ 
schnitten ist, bildet den 
Fleischton für Gesicht 
und Hals der lesenden 
Dame. 

Charakteristische 
Unterschiede zwischen 
England und Frank¬ 
reich findet man, wenn 
man die Frauengestal¬ 
ten der Plakate beider 
Länder vergleicht. Hie 
Chöret — hie Dudley 
Hardy! 

Die Frauen des 
Franzosen duftig gra¬ 
ziös hingehaucht, die 
Frauen des Engländers 
sportmässig, mit dem 
Elan der Tennisspie¬ 
lerin, der Radlerin. Flott 
und schnittig fegt Dudley Hardys „gaiety girl“ 
in ihrem weissen knappen Kostüm auf hell¬ 
rotem Grund dahin. 

Selbstverständlich hat auch die neue kunst¬ 
gewerbliche Bewegung in England und Ame¬ 
rika in der Plakatkunst einen Niederschlag ge¬ 
funden. Jene Kunst der Crane und Morris, die 
wir in den delikaten Flachmustern bedruckter 
Stoffe und Tapeten, in den bizarren Formen 
der neuen Möbel finden. Aber diese intimere 
Kunst wird weniger für die Riesenaffichen an¬ 
gewendet als für die kleineren Anzeigetafeln 


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Poppenberg, Moderne Plakatkunst. 


von Journalen und Büchern, sowie für Zeit¬ 
schriftenumschläge. 

Für England ist hier der Wilde-Illustrator 
Aubrey-Beardsley zu nennen, der stark unter 
dem Einfluss des Japonismus steht. 

In Amerika gehört dieser Ästhetenrichtung 
William Bradley an, der für das Chapbook 
in Chicago arbeitet. Ihn reizen das Archaisieren 
der Prärafaeliten, die raffinierte Primitivität der 
hageren Linie, das Spielen mit den Motiven 
der Glasfenster und 
Majoliken. So malt 
er in strengstilisierter 
Umrahmung mittelalter¬ 
liche Pastoralen und 
Hirtenidylle im Wald. 

Aber es kommt bei 
ihm nicht aus einem 
antikisierenden Em¬ 
pfinden, sondern mehr 
aus einer Art Antiqui¬ 
tätenpassion. Es ist 
mehrpikanterKontrast- 
reiz für ihn, ähnlich 
dem modernen deko¬ 
rativen Geschmack, der 
mit Vorliebe aparte 
Schöpfungen moder¬ 
nen Kunstgewerbes mit 
den Stücken ver¬ 
gangener Jahrhunderte 
zusammen stellt Wie 
für das archaistische, 
so findet er auch den 
Ton für einen gewis¬ 
sen exaltiert bizarren 
Chic. Das zeigt das 
Dreiblatt seiner lusti¬ 
gen Weiber, deren 
Schleppen übermütig Rad schlagen. 

Auch die moderne Landschaftsmalerei 
hat beim Plakat Pate gestanden. In manchen 
der Lippincotsblätter von Carqueville zeigt 
sich das. 

Da sind Strandstimmungen mit weit ver¬ 
dämmerndem, leuchtendem Meer. Und auf dem 
gelben Sand sitzt im tiefen Stuhl eine schlanke 
weisse Gestalt mit rotem Sonnenschirm. Oder 
die Park- und Wiesenstimmungen mit den 
matten, umnebelten Farben der Schotten in 
ihren feinen Wirkungen und zarten Tönen! 


189 


Ausser Frankreich und England spielt in 
der Plakatkunst eine bemerkenswertere Rolle 
noch Belgien. Am bekanntesten von den 
Belgiern ist wohl Henri Meunter. Seine An¬ 
fänge stehen, wie schon früher gesagt, unter 
Ch^rets Einfluss. Aber er ist selbständig und 
originell geworden. Sein zugleich eminent far¬ 
benleuchtendes und apartes Plakat des Casi¬ 
nos von Blankenbergh giebt ihm einen ersten 
Platz. Dies brillante Nachtstück schimmert 

wie von einer Mitter¬ 
nachtssonne erleuch¬ 
tet. Der Vordergrund 
ist Wasser mit einem 
stillruhenden Schiff; ein 
Matrose hält Ausguck. 
Im Hintergrund aber 
steigt aus dem Dunkel, 
wie ein farbentrunkenes 
Märchen in Lichter¬ 
glanz, das hellstrah¬ 
lende Casino. Und 
es wirft sein illuminier¬ 
tes Bild gelbfunkelnd 
weit hinein in die stille 
und weite, schweigende 
Wasserstrasse. 

1886 schrieb Main- 
dron klagend, so wenig 
Interesse sei für das 
Plakat vorhanden, so 
wenig Menschen gebe 
es, die Affichen sam¬ 
melten, aber er fügte 
prophezeiend hinzu: 
„dans quelques annöes, 
avec quelle sollicitude ne les (sc. les affiches) 
recherchera-t-on pas!“ 

Die Prophezeiung ist eingetroffen. In Paris 
giebt es Läden, die lediglich der Sammellust 
der Plakatinhaber dienen. Besonders begehrt 
sind seltene Ch^rets und Toulouse-Lautrecs. 

Reiche und vornehme Sammler haben sich 
eifrig dem neuen Sport zugewandt und be¬ 
wahren die Blätter an Gestellen mit drehbaren 

Armen auf. Und mancher deutsche Parispilger 
schmückte zum Andenken an die Tage der 
Boulevards seinen heimischen Korridor mit 



Th. Th. Heine: 

Plakat für Fleckenwasser. 

Aus M. Fischers Kunstanstalt, Berlin SW. 


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190 


Poppenberg, Moderne Plakatkunst 


einer flotten Ch£retschönen, die ihn an den 
„Alcazar“ oder die „Folies bergeres“ erinnert. 

Und die Prophezeiung ist eingetroffen auch 
für Deutschland . Die gleiche Strömung, die 
durch ausländische Vorbilder unser Kunst¬ 
gewerbe beeinflusste, die englische Möbel, Ta¬ 
peten und Stoffe einführte, die originale Talente 
wie Hermann Obrist und Köpping erweckte, wies 
auch dem deutschen Plakat seine neuen Bahnen. 
Die Entwicklungsstadien waren die normalen. 
Zuerst Aufmerksamkeit und Interesse für das 
Werk des Auslands. Deutsche Künstler und 
Kunstfreunde brachten, entzückt von dem Reiz 
und der Kultur französischer Affichen, von ihren 
Reisen Blätter mit nach Hause. Die deutschen 
Kunstgewerbemuseen, die durchweg von fein¬ 
fühligen Männern geleitet werden, fingen an, 
diese ephemeren und doch so wichtigen Doku¬ 
mente zu sammeln, zu sichten und auszustellen. 

Das Berliner Kunstgewerbemuseum begann 
sehr früh damit. In einer Zeit, als der Begriff 
des künstlerischen Plakats als Sammelobjekt 
den weiteren Kreisen noch völlig unbekannt 
war, konnte Direktor Jessen in seinen öffent- 



Th. Th. Heine- 
Plakat für Chokolade. 

Aus M Fischers Kunstanstalt, Berlin SW. 


liehen Vorträgen über die graphischen Künste 
seinen Hörem aus den Vorräten des Museums 
schon eine interessante Kollektion Vorführern 

Jetzt kennt jedermann die französischen 
Affichen aus dem Depeschensaale des „Lokal¬ 
anzeigers/* Auch im Lichthof des Kunstge¬ 
werbemuseums war, nach den kleineren Ver¬ 
suchen früherer Jahre, kürzlich eine ungemein 
reichhaltige und instruktive Sammlung ausge¬ 
stellt, die für alle vorher nur skizzierten Rich¬ 
tungen die markantesten Beispiele giebt. Was 
aber am wichtigsten ist: die Industrie ward auf¬ 
merksam, langsam zwar, aber sie merkte doch 
die Wichtigkeit des Kommenden. Firmen wie 
Grimme & Hempel in Leipzig veranstalteten 
Preisausschreiben und planen permanente Aus¬ 
stellungen; in Berlin ist von M. Fischer ein 
Spezialbureau für künstlerische Plakate errichtet 
worden, das ausserordentlich Tüchtiges leistet. 

Die Künstler versuchten freudig ihre Kräfte 
an dem Neuen. Den Übergang bildete zu¬ 
nächst der illustrative Buchumschlag. Albert 
Langen in München begann damit; er gewann 
sich dekorative Talente wie Eckmann und 
Thomas Theodor Heine. S. Fischer in Berlin 
und neuerdings auch Schuster & Löffler, Max 
Spohr u. A. folgten auf diesem grünenden 
Wege. Gründungen wie der „Simplizissismus“ 
und die ,Jugend“ erblühten auf ihm. 

In der dekorativen Kunst des Buchumschlags 
wird jetzt ein Erfreuliches geleistet, in Plakaten 
aber — das lehrt die letzte Ausstellung — be¬ 
wegen wir uns erst tastend vorwärts. 

Der Affichencharakter wird noch zu wenig 
betont; die Femwirkung wird nicht berechnet. 
Diese Blätter können ebenso gut Illustrationen, 
Titelblätter sein. Der durch die Plakate der 
Ausländer Verwöhnte vermisst vor allem den 
in Farbe und Stil der Affiche einkomponierten 
Text. Der Text hat häufig gar kein Verhältnis 
zu seinem Blatt, er wirkt nachträglich aufgesetzt. 

Um nicht ungerecht zu sein, muss freilich 
darauf hingewiesen werden, in welcher schwie¬ 
rigen Lage sich unsere Plakatschöpfer gegen¬ 
über den Künstlern des Auslandes befin¬ 
den. Unsere Künstler haben auf diesem neuen 
Boden noch allzuschwer mit ihren Abnehmern 
zu kämpfen. Die Industriellen haben doch im 
allgemeinen noch wenig Vertrauen zu den 
ihnen so „wild“ erscheinenden Blättern und sie 
ziehen ihre Hausmannskost, die gute Mutter 



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Die Künstler versuchten freudig ikie Krir 
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laufen in Mi.neben begann damit, er gewann 
sieh dekorative Talente wie Lehmann und 
d homas Theodor 1 leine. S. Tischer m Heran 
•and neuerdings auch Scluistcr & Toffler. Max 
Spulir u. A. folgten auf diesem grünenden 
Wege. Gründungen wie der „Simpü/issbmus 4 * 
und die „Jugend“ erblühten auf ihm. 

In der dekorativen Kunst des Buchumschlags 
wml jetzt ein Lrfreuliches geleistet, in Plakaten 
aber — das lehrt die letzte Ausstellung — be¬ 
wegen wir uns erst tastend vorwärts. 

Der Afllchencharakter wird noch zu wenig 
betont; die Fernwirkung wird nicht berechnet. 
Diese Blatter können ebenso gut Illustrationen, 
Titelblätter Scan. Der durch die Plakate der 
Au sl.mder Verwohnte vermisst vor allem den 
in Farbe und Stil der Afliehe cinkomponierten 
Text. Der Text hat häufig gar kein Verhältnis 
zu seinem Blatt, erwirkt nachträglich aufgesetzt. 

Um nicht ungerecht zu sein, muss freilich 
darauf hingewiesen werden, in welcher schwie¬ 
rigen Tage sieh unsere Piakatschdpfer gegen¬ 
über den Künstlern des Auslandes befin¬ 
den. Unsere Künstler haben auf diesem neuen 
Bod« n noch ah/usehwer mit ihren Abnehmern 
zu kuinpfen. Die Industriellen haben doch im 
a !g« m< -u» n noch wenig Vertrauen zu den 
ihnen w *» ,,v i!d“ erseheiiK in.lt n Blattern und sie 
ziehen * 5 )-e 11 ausinannskost, die gute Mutter 



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Franz Stuckt 

Plakat der Internationalen Kunstausstellung des Vereins bildender Künstler Münchens (Secession). 


Zeitschrift für Bücherfreunde 


Zu Poffenberg, Moderne Plakatkunst, 


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Poppenberg, Moderne Plakatkunst 


191 


an der Nähmaschine oder ähnlich traut be¬ 
währte Szenen vor. Es muss allzuviel aufs 
Geratewohl gearbeitet werden, dem erst dann, 
wenn sich ein Liebhaber gefunden, noch nach¬ 
träglich der speziellere Stempel aufgedrückt wird. 

Unter diesen Schwierigkeiten leiden vor¬ 
läufig noch die reichen Talente von Baluschek und 
Brandenburg , von dem wir manches Hübsche 
hier zu sehen bekommen. Vor allem erweist 
sich da auch für die Deutschen als malerisch 
und dekorativ ungemein wirksames Motiv das 
modernste Fortbewegungsmittel, das Fahrrad. 

Aber das Wesen des Plakats aus dem rein 
Illustrativen herauszufinden und zu heben ist 
ihnen noch nicht so sicher gelungen, als zu 
verlangen wäre und man hoffen durfte. 

Auch Josef Sattler , der Meister der Klein¬ 
kunst des Exlibris, hat das nicht. Sein Pan- 
plakat ist zu unruhig und unklar; es hat nicht wirk¬ 
same grosse einfache Linie und vor allem keine 
schöne, freie, selbstverständliche Gliederung. 

Sütterlitis Gewerbeausstellungsplakat ent¬ 
sprach zwar seinem Zweck: es war bürgerlich, 
arbeitsemst, deutlich in der Sprache, aber doch 
allzu schwerfällig; es klebte selber an der san¬ 
digen Erde, aus der sein Hammerarm erwuchs. 
Es war zu wenig Freude darin, zu wenig Luft 
und gar keine klingenden, siegenden Fanfaren. 

Schade, dass man auf dieser Ausstellung 
nichts von Edmund Edel sieht. Er hat, wie 
seine Parodie des Hammerplakats zeigt, lustige 
Einfalle und zudem den Chic des modernen 
Kostüms, die Freude am Skizzieren von Toi¬ 
lettenfinessen, wodurch die Franzosen so vieles 
machen und auch so Schönes erzielen. 

Hübsch ist die altdeutsche Anmut des Otto 
Fischer selten Plakates für die DresdenerGewerbe- 
ausstellung: die junge Meisterin im Kostüm 
des XVI. Jahrhunderts ganz im Vordergründe, 
aus dem Rahmen heraustretend, während sich 
hinten, jenseits des Flusses mit seinem gewölb¬ 
ten Brückenbogen, die alte Stadt in buntkrau¬ 
sem Gewirr mit Giebeln und Türmchen an¬ 
steigend erhebt: ein gut wirkendes Blatt! 

Stucks Goldmosaikenblatt mit dem Mi¬ 
nervakopfist ein durchaus vornehmes Kunstwerk. 
Es hat nachhaltig gewirkt; die Anzeige unserer 
Christusausstellung übernahm die Mosaiktech¬ 
nik, und jetzt sieht man sie und eine ähnliche 
Komposition in dem von Ludwig Kaders ge¬ 
zeichneten Umschlag zu Emanuel von Bod- 



Th. Th. Heine: 

Plakat für Tinte und Feder von Aug. Zeis« & Co., Berlin. 
Aus M. Fischers Kunstanstalt, Berlin SW. 


manns Gedichten. (München, Albert Langen.) 
Aber diese Mosaiken sind für das Plakat doch 
nicht wesensentsprechend und nicht allzu glück¬ 
lich wirksam. Stuck wird in der Geschichte 
unserer Affiche keinen ersten Platz erhalten. 

Sehr beachtenswert, wenn auch nicht durch¬ 
aus originell ist Fritz Rehnts Plakatkunst. Vor 
allem in seinem Blatt für den Multiplexfern- 
zünder. Dieser Künstler arbeitet mit glück¬ 
lichem Griff die leuchtende Femwirkung heraus. 
Auf dunklem Hintergrund scharfgrün der Vor¬ 
dergrund. Ein Mephisto im blanken Cylinder 
lässt hellsprühend in irrlichtartigen Flämmchen 
über die schwarzen Dächer einer Stadt das 
Wort „Multiplexfernzünder“ aufleuchten. 

In der Berechnung der Farben Wirkung, in 
flotten silhouettenhaften Umreissen der Figuren 
zeigt sich Rehm als gelehriger und geschickter 
Schüler der Fremde. 

Nur einen wüsste ich, der sich getrost neben 
die Meister des Auslandes stellen kann, und das 
ist Thomas Theodor Heine . 

Er ist, wie sie, bei den Japanern in die 


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192 


Poppenberg, Moderne Plakatkunst 


Schule gegangen und hat das Erworbene an 
technischer Fertigkeit dann mit dem Eigenen 
verbunden. Und dies Eigene ist nicht wenig, 
es ist ein ganz persönlicher satirischer Humor, 
der völlig originell und in keiner Weise durch 
fremdländischen Einfluss genährt ist. Was er¬ 
reicht er z. B. für schlagend komische Kon¬ 
trastwirkungen dadurch, dass er Philistertypen 
dekorativ stilisiert! Auf seinen Buchschmuck 
wird man in diesen Heften, wie ich höre, noch 
zurückkommen. Und das ist gut, denn in 
seinen Vignetten und Zierstücken steckt so 
viel Geist und Grazie und eine so aus dem 
Vollen schöpfende künstlerische Kraft, dass er 
in unsern Tagen als Buchillustrator in erster 
Reihe genannt zu werden verdient. 

Heine hat von den deutschen Plakatkünst- 
lem am sichersten erkannt, worauf es beim 
Plakat ankommt. 

Seine Affichen haben die weite Fernwir¬ 


kung, die reizvollen, stark kontrastierenden und 
doch so harmonisch gestimmten Übergänge in 
der Farbe und die originelle grosse Linie. 
Unverkennbar ist seine Marke. Hier die knur¬ 
rigen Simplizissimushunde, die auf ihrem roten 
Grunde sich weithin drohend abheben. Dort 
das drollige Libertyprinzesschen im altklugen, 
bauschigen Kleid im englischen Riesenlehn¬ 
sessel, mit Chokolade und Hündchen. Der 
schwarze Teufel auf violettem Grund, der mit 
dem Riesenschweif das Tintenfass umgeworfen 
hat. Das gelb und braun gestreifte Zebra mit 
roter Zunge auf blauem Grunde, das von 
rüstigen Händen abgeseift wird, als eine Flecken¬ 
wasserreklame. 

Allein die Gestalt Th. Th. Heines zeigt, dass 
es auch in der Plakatkunst bei uns Frühling ge¬ 
worden ist und dass wir mit gutem Vertrauen 
der Weiterentwicklung dieses Zweiges unseres 
Kunstgewerbes entgegenschauen können. 



A. Jank: 

Plakat für Cacao. 

Aus M. Fischers Kunstanstalt, Berlin SW. 


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Vom Autographensammeln. 

Von 

E. Fischer von Röslerstamm in Rom. 


K^BVibliophilie und Autographenliebhaberei 
III SEAi ehren sich gegenseitig, wenn sie sich 
M B mm J A als „Verwandte“ betrachten. Dass es 
siclwiabei nur um Geistesverwandtschaft han¬ 
delt, erhellt u. A. daraus, dass der Sammler 
von Handschriften dem Bücherfreund kaum 
jemals ins Gehege kommt, während ihm der 
Liebhaber von Holzschnitten und Kupferstichen 
bei illustrierten Werken häufig scharfe Kon¬ 
kurrenz macht. Denn die Fälle, dass auf dem 
Vorstossblatte eines alten Buches die Dedikation 
des Verfassers sich findet, oder dass darin 
handschriftliche Eintragungen von einem Vor¬ 
besitzer gemacht wurden, der berühmt genug 
war, dass jede von ihm geschriebene Zeile als 
begehrenswertes Autograph gelte, reizen den 
Sammler von Handschriften nicht so sehr, dass 
er den von dem Bücherfreund zu bewilligenden 
Preis zu überbieten Lust hätte. 

Alle die einzelnen Züge aufzuzählen, in denen 
sich die Geistesverwandtschaft zwischen dem 
Bücherliebhaber und dem Autographensammler 
äussert, würde zu weit fuhren; es könnte auch 
ohne Seitenhiebe auf andere Sammelzweige 
nicht abgehen, deren Anhänger es uns vielleicht 
als Überhebung auslegten, wenn ich betonte, 
dass zum Bücher- und Handschriften-Sammeln 
ein gutes Stück allgemeiner Bildung mitgebracht 
werden muss und dass dazu nicht gewöhnliche 
Ausdauer gehört, welche freilich dem Einzelnen 
durch ansehnliche Erweiterung seiner Kennt¬ 
nisse gelohnt wird. 

Nur zwei Punkte will ich hier hervorheben, 
die für beide Sammelgattungen zutreffen oder 
in denen sie sich berühren. Der Bücher- und 
der Autographenfreund gehen beim Antiquar aus 
und ein, der Beiden von seinem Lager anbietet 
oder sie zu Versteigerungen einladet, und Beide 
treffen dort zusammen mit den Einkäufern für 
Bibliotheken, Museen, Archive oder welche 
andere Namen die verschiedenen öffentlichen 
Anstalten tragen mögen. Dies wäre der eine 
Punkt, auf den ich später noch wiederholt zu¬ 
rückkommen werde; der andere ist: Die Zahl 
und der Eifer der Bücher- sowohl wie der 
Autographen-Liebhaber halten nicht gleichen 

Z. L R 


Schritt, ja bleiben erheblich zurück gegen das 
Anwachsen des Volkswohlstandes, das man 
von Jahrhundert zu Jahrhundert, ja von Jahr¬ 
zehnt zu Jahrzehnt beobachten kann. 

Wie sehr ist der Luxus gestiegen, welche 
Summen verschlingt alljährlich und bei allen 
Nationen der Sport! Man hat auch unsere 
Liebhabereien unter den letzteren Begriffen 
rangiert, indem man von Büchersport und Auto¬ 
graphensport spricht Doch dagegen sollten 
sich Bibliophilen und Handschriftensammler 
verwahren, selbst wenn ihnen von durchaus 
wohlwollender Seite das Kompliment gemacht 
wird, dass sie einem „vornehmen“ Sport hul¬ 
digen. Der Name Sport bleibe für die Leibes¬ 
übungen reserviert, welche denjenigen, die sie 
betreiben, gerade so viel Geld kosten, als ihnen 
das daraus erwachsende Vergnügen wert ist, 
und die der Allgemeinheit, was die Kräftigung 
des Menschengeschlechtes, die Steigerung der 
Wehrkraft einer Nation betrifft, gewiss viel 
nützlicher sind, als sie dem Einzelnen manch¬ 
mal schädlich werden. Abgesehen davon, dass 
es beim Sport meistens noch auf einen Wett¬ 
bewerb ankommt, der nur Rennpreise, die bald 
wieder zu Sportzwecken verwendet werden, 
Champions-Titel und dergleichen produziert, 
schaut bei ihm nichts weiter heraus, als dass 
Stunden, Tage, Wochen angenehm totgeschlagen 
werden. Sammeln aber ist von vornherein gleich¬ 
bedeutend mit Sparen, denn selbst der Sammler 
von Streichholzschachteln behält noch immer 
einen Haufen Holz übrig, wenn er alle seine 
kongenialen Sammelkollegen überleben und 
wir nicht auch von Jönköping- und Buzbro- 
thers- Marken lesen sollten, die auf Auktionen 
staunenswerte Preise erzielt hätten. Das Sam¬ 
meln aller anderen Gegenstände — und dazu 
darf man, solange uns nicht alle Ausgaben¬ 
bücher von Bibliophilen und Autographen- 
sammlem vorgelegt werden, auch Bücher und 
Handschriften zählen — kommt aber einer 
Kapitalsanlage gleich, während der Sport nicht 
einmal für den nächsten Tag etwas übrig lässt. 

Die Ausdrücke Büchersport und Autogra- 
graphensport mögen wohl dadurch in Aufnahme 

*5 


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194 


Fischer von Röslerstamm, Vom Autographensammeln. 


gekommen sein, dass man häufig von absonder¬ 
lich hohen oder hoch scheinenden Preisen liest, 
welche für gewisse Bücher und seltene Auto- 
graphe bezahlt wurden. Gewiss ist es schon 
häufig vorgekommen, dass ein Autograph — 
den Vergleich mit den Büchern lasse ich end¬ 
lich fallen — bei einer Auktion so hoch ge¬ 
trieben wurde, dass es seinem Ersteher oder 
dessen Erben, die es später wieder zur Ver¬ 
steigerung brachten, nicht mehr so viel eintrug, 
als es das erste Mal gekostet hatte. Doch wie 
viele Autographe werden bei derselben Ge¬ 
legenheit über den ursprünglichen Erwerbspreis 
hinausgegangen sein, so sehr, dass man sagen 
kann, der Besitzer habe nicht nur Jahre lang 
sich an den Stücken erfreut, sondern auch noch 
sein Geld reichlich verzinst bekommen? Wer 
aber immer teuer oder zu teuer gekauft hat, 
— nun, der hatte es wohl dazu, und braucht 
sich darüber Niemand den Kopf zu zerbrechen. 
Veranlassung — kein Recht — sich darüber 
zu beklagen, dass die Preise von reichen Samm¬ 
lern in die Höhe getrieben werden, haben nur 
die wenig begüterten Kollegen, die bei Auktionen 
Zusehen müssen, wie aus dem Kuchen die Ro¬ 
sinen hervorgeholt werden und ihnen nur die 
vertrocknete Krume bleibt Diese aber — 
immerhin auch ein Trost! — ist dann ge¬ 
wöhnlich spottbillig. 

Damit bin ich in medias res eingetreten, 
aber zugleich an dem Punkte angelangt, der 
mir charakteristisch zu sein scheint für die 
Wendung, welche das Autographensammel¬ 
wesen — nicht plötzlich, sondern ganz all¬ 
mählich — genommen hat. Die ersten Sammler, 
(ich rede nicht von den alten Griechen und 
Römern oder von den Chinesen, denn die be¬ 
trieben oder betreiben es noch in ganz anderer 
Weise!) die ersten richtigen Autographensamm¬ 
ler, also Henry Bdthune, der Bruder Sullys, 
und Antoine Lomdnie de Brienne sammelten 
Alles, was ihnen unterkam und werden kaum 
jemals in die Lage geraten sein, für die 
vielen Tausende von Schriftstücken (Briefen und 
Urkunden), die sie in ihren archivähnlichen 
Sammlungen aufspeicherten, Geld ausgegeben 
zu haben. Ihre Sammelweise fand in Deutsch¬ 
land und England Nachahmung. Als die ge¬ 
steigerte Nachfrage — die ersten Sammlungen 
wanderten in Frankreich in die Biblioth£que 
nationale, in England ins British Museum — 


zur Folge hatte, dass die vorhandenen Stücke 
käuflich erworben werden mussten, wurden die 
Sammler wählerischer. Bis in das Zeitalter des 
Dampfes hinein hielten die einzelnen Auto¬ 
graphenfreunde aber doch jedwede Persönlich¬ 
keit, die sich durch ihre Thaten, Schriften oder 
sonstwie einen Namen gemacht hatte, für würdig, 
dass ihre Handschrift aufbewahrt bleibe. Erst 
in den letzten Jahrzehnten, da an die Zeit des 
Einzelmenschen durch Reisen, gesellschaftliche 
Verpflichtungen, Intensität des Erwerbslebens, 
Politik, Vereins wesen u. dgl. viel grössere An¬ 
forderungen gestellt werden, fanden viele Samm¬ 
ler nicht mehr die Müsse, alle Autographe, die 
ihnen erreichbar waren, einzuordnen, und sie 
hielten es bequemer, von hervorragenden Persön¬ 
lichkeiten, mit deren Lebenslauf und Leistungen 
sie sich nicht erst aus Nachschlagebüchem ver¬ 
traut machen mussten, womöglich mehrere Briefe 
u. dgl. zu erwerben, als über Berühmtheiten 
zweiten und dritten Ranges nachzulesen, die 
Autographe jedes in eine eigene Mappe zu 
legen, auf dem Umschläge Auszüge aus ihrer 
Biographie zu verzeichnen — alles Dinge, an 
denen der über viel freie Zeit verfügende 
Sammler sein eigentliches Vergnügen findet 
Der Unterschied zwischen Arm und Reich 
tritt gewiss auf allen Sammelgebieten hervor. 
Der Reiche kann schnell und mit weitgeöffneten 
Händen zugreifen, während der mit Glücks- 
gütem wenig Gesegnete nach einer billigen Ge¬ 
legenheit fahnden muss, gewöhnlich aber ruhig 
abzuwarten hat, was sein in günstigeren Ver¬ 
hältnissen lebender Sammelkollege ihm übrig 
lassen wird. Bei den Autographen macht sich 
aber noch geltend, dass der mehr begüterte 
Sammler gewöhnlich auch in seiner Zeit mehr 
beschränkt ist Eine Reihe von Briefen eines 
Sternes erster Grösse in die Sammlung einzu¬ 
legen, dazu gehört nicht viel mehr, als dass 
man sie nach dem Datum, vielleicht auch nach 
den Adressaten ordnet. Wie schon gesagt, ent¬ 
schädigt sich der Reiche dafür, dass er, durch 
allerlei Verpflichtungen abgehalten, denen er 
sich nicht entziehen darf, seiner Sammlung 
nicht genug Zeit widmen kann, um sie auf 
breiter Basis einzurichten, in der Weise, dass 
er jeden berühmten Namen mehrfach zu er¬ 
werben sucht Dadurch wird dem Unbemittelten 
die Möglichkeit entzogen oder doch erschwert, 
seiner Sammlung Schriftstücke von hervorragen- 


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Fischer von Röslerstamm, Vom Autographensammeln. 


den Geistesheroen oder ganz bedeutenden histo¬ 
rischen Persönlichkeiten zuzufiihren. 

Man hat sich nun dadurch zu helfen ge¬ 
sucht, dass man darauf verzichtet hat, Auto- 
graphe von allerhand Berühmtheiten zu sammeln, 
und sich auf eine Kategorie beschränkt. Der 
nicht über grosse Geldmittel gebietende Sammler 
wird dabei noch von der Hoffnung geleitet, 
dass es ihm gelingen werde, Autographe, die 
nicht in sein Sammelgebiet fallen, geschenkt 
zu erhalten oder gelegentlich billig erwerben 
zu können, die er dann anderen Sammlern, 
welche noch alle Gebiete berücksichtigen oder 
speziell die Kategorien kultivieren, in denen er 
Abgeber ist, im Tauschwege oder gegen bares 
Geld abtreten könnte. Auch wohlhabende Samm¬ 
ler haben sich dazu entschlossen, nur ein Ge¬ 
biet, dieses aber vollständig zu kultivieren, weil 
sich eine solche Beschränkung auf Musik, Litte- 
ratur oder auf ein bestimmtes Zeitalter allein 
mit dem Zeitaufwande, den sie ihren Samm¬ 
lungen nur gewähren konnten, vertrug, aber 
natürlich haben sie sich deijenigen Kategorie 
zugewendet, die ihren Neigungen am meisten 
zusagte, und so sind denn die erwähnten Ge¬ 
biete Musik und Litteratur, allenfalls noch das 
Theater, dann der dreissigjährige Krieg, das 
Zeitalter Friedrichs des Grossen, die goldenen 
Tage von Weimar, die französische Revolution 
u. a. sehr begehrt worden, während andere Kate¬ 
gorien ganz entschieden vernachlässigt werden. 

Das ist immer so gewesen, aber in den 
letzten Jahren ist es noch mehr hervorgetreten. 

Und dazu kommt ein anderes Moment, 
welches die geradezu horrende Ungleichmässig- 
keit in den Autographenpreisen, die dem Nicht¬ 
fachmanne unerklärlich ist, noch mehr fördert. 
Die „Eine Zeile von Ihrer Hand" existiert nur 
in den Autographen-Bettelbriefen, von denen 
man übrigens in letzter Zeit — ich komme 
darauf noch zu sprechen, — nicht mehr so 
sehr viel hört Der Autographensammler — 
und natürlich der reiche erst recht — begnügt 
sich durchaus nicht mit einer Zeile, er will von 
Regenten, Prinzen und Prinzessinnen, deren 
blosse Unterschriften in der Regel, d. h. wenn 
sie nicht um etliche Jahrhunderte zurückliegen, 
beinahe wertlos sind, eigenhändig geschriebene 
Briefe haben, und Briefe anderer Sterblicher 
sollen inhaltsreich sein, sie sollen überdies kein 
Fleckchen und nicht den kleinsten Riss haben. 


195 


Wenn der Empfänger des Briefes die Unvor¬ 
sichtigkeit begangen hat, den Brief rasch aufzu- 
reissen, so dass ein paar Buchstaben oder Worte 
verloren gegangen sind, wird das Autograph 
seinem modernen Ersteher ganz unverhältnis¬ 
mässig entwertet. Das sind Dinge, auf welche 
die Sammler noch im Beginn und in der Mitte 
des laufenden Jahrhunderts wenigGewicht legten, 
die sich aber jetzt vielleicht über Gebühr be¬ 
merkbar machen. 

Doch ich muss mich davor hüten, dass es 
den Anschein bekäme, als erlaubte ich mir als 
einzelner Sammler, die Vorgangsweise meiner 
Kollegen, von denen mir einer oder der andre 
vielleicht schon die soeben eingeschalteten 
Worte „über Gebühr“ übelnimmt, zu kritisieren. 
Nirgends ist die Freiheit und Selbständigkeit 
mehr am Platze, nirgends soll die individuelle 
Meinung mehr bestimmen, als beim Auto¬ 
graphensammeln. Es kann nicht zwei Samm¬ 
lungen geben, die einander auch nur ähnlich 
wären. Nicht bloss, dass die einzelnen Samm¬ 
lungen verschieden sind nach Ausdehnung und 
nach den kultivierten Gebieten — dass der 
eine Liebhaber (man nennt ihn dafür einen 
Sammler mit Geschmack) auf eine Persönlich¬ 
keit lieber ganz verzichtet, als dass er von ihr 
ein Stück einlegte, das nicht in der Qualität 
tadellos ist, während der andre sich Papier¬ 
schnitzel gefallen lässt, so lange er nicht ein 
gutes Autograph erhaschen kann: ist auch 
die Einordnung und Verwahrung der Auto¬ 
graphe in das Belieben des Sammlers gestellt. 
Und dabei hält durchaus nicht jeder Sammler 
sein System für das beste; wenn ich z. B. 
heute von vom anzufangen hätte, würde ich 
meine Sammlung auf einem ganz anderen 
Fusse einrichten, als deijenige ist, bei dem sie 
nun jetzt so ausgedehnt geworden ist, dass ich 
vor der Mühe des Umlegens und Umordnens 
zurückschrecken muss. 

Nur über zwei Punkte sind die Autographen¬ 
sammler aller Nationen gegenwärtig einig: dass 
die Autographe nicht auf geklebt werden dürfen 
und dass jedes einzelne schnell zu finden sein 
muss. Alle Klebearbeit ist den Autographen 
schädlich, und das Durchstecken der vier Ecken 
eines jeden Blattes durch ein stärkeres Papier 
oder in ein mit dem Messer durchkerbtes 
Stück Pappe ist mindestens unnötig, gleich¬ 
viel, ob jedes einzelne Autograph in einen 


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196 


Fischer von Röslerstamm, Vom Autographensammeln. 


besonderen Umschlag (Chemise) gelegt wird, 
oder ob man mehrere (bis zu 25) in einem 
Hefte verwahrt. 

DerVerpflichtung, sich einen Gesamt^ Katalog 
(in Zetteln) anzulegen, in dem jedes Stück kurz 
beschrieben ist und angegeben wird, in welcher 
Mappe oder Lade das betreffende Autograph 
liegt, wird sich nur deijenige entziehen können, 
der seine ganze Sammlung nach einem durch¬ 
gehenden Alphabet geordnet hat Wer so ver¬ 
fahrt, hat aber keinen Überblick über seine 
Sammlung; er weiss nicht, wie viele Dichter, 
Maler, Philologen u. s. w. und welche er be¬ 
sitzt, er müsste denn immer die ganze Samm¬ 
lung nach der betreffenden Kategorie durch¬ 
forschen. Wenn man ein paar Stunden damit 
verbringen will, in Autographen nachzulesen, 
sucht man ja doch die Gesellschaft von Musi¬ 
kern oder Gelehrten oder Staatsmännern u. s. w., 
will aber nicht einen Buchstaben des Alphabets 
durchnehmen, um bei jedem einzelnen Blatt 
einen andern Ideenkreis zu betreten. Auch 
wissbegierigen Beschauern wird man mehr 
dienen, wenn man eine bestimmte Gruppe oder 
eine Berufsart geschlossen vorführt, als wenn 
man sie durch langes Suchen nach Personen 
eines sie mehr interessierenden Faches lang¬ 
weilt Besonders aber solchen Sammelkollegen, 
die nur ein einzelnes Gebiet kultivieren und die 
sehen wollen, was in der zu musternden Samm¬ 
lung davon vorhanden ist, wird man nur dann 
mehr oder weniger zu imponieren in der Lage 
sein, wenn man nach Fächern geordnet hat. 
In diesen einzelnen Fächern auch noch alpha¬ 
betische Ordnung anzuwenden, empfiehlt sich 
dagegen sehr und erspart dem Besitzer die 
Zuteilung von Nummern an die einzelnen Stücke. 
Im Zettelkataloge braucht dann nur angegeben 
zu werden, dass Virchow z. B. unter Medizinern 
(und nicht unter Abgeordneten oder Altertums¬ 
forschern) liegt, um ihn schnell heraussuchen 
zu können. Wären aber die Mediziner, deren 
ein Sammler, der nicht nur die allerersten 
Namen berücksichtigt, einige Hundert besitzen 
kann, nicht alphabetisch geordnet, so müsste 
Virchow neben einem Buchstaben (für die Me¬ 
dizin) auch noch eine Nummer tragen. Die er¬ 
drückend grosse Mehrzahl der Autographe 
stammt ja übrigens von Personen, über deren 
Einreihung keine Zweifel obwalten können, so 
dass der Sammler, der sein System im Kopfe 


hat, ohne den Zettelkatalog zu Rate ziehen zu 
müssen, sofort weiss, wo er das Gewünschte 
zu suchen hat Andrerseits hat aber das Ver¬ 
fahren, dass man in jeder Kategorie fortlaufend 
numeriert, den Vorteil, dass der Sammler besser 
im Auge behält, wie sich seine Sammlung durch 
den Zuwachs vermehrt Dieser Vorteil wird 
dadurch wieder nicht unerheblich alteriert, 
dass man oft durch ein neuerworbenes Stück 
ein älteres, das man schon lange besitzt, er¬ 
setzt, um dieses in die Doublettenmappe zu 
verweisen. 

Strenge Ordnung zu halten, empfiehlt sich 
besonders für diejenigen Autographensammler, 
welche manchmal in die Lage kommen, Auto¬ 
graphe behufs Ausnutzung durch Fachmänner 
zu verleihen oder selbst sie zu Publikationen 
oder zur Illustrierung von Vorträgen verwenden. 
In allen diesen Fällen ist es sehr zweckmässig, 
gleichzeitig, sobald ein Autograph aus der 
Sammlung genommen worden ist, auch aus 
dem Gesamt-Katalog den betreffenden Zettel 
zu beheben und ihn nunmehr gesondert zu ver¬ 
wahren, bis das Autograph wieder in die 
Sammlung zurückkehrt. 

Die litterarische Ausnutzung der Autographen¬ 
sammlungen und Vorträge, bei welchen den 
Zuhörern Autographe vorgelegt werden, sind 
kräftige Hülfsmittel im Interesse der Hebung 
unseres Sammelwesens. Denn dass etwas ge¬ 
schehen muss, um der Gilde der Autographen¬ 
sammler Nachwuchs zu schaffen, darüber sind 
die Sammler selbst und die dabei interessierten 
Autographen-Händler nicht im Zweifel. Ich 
weiss nicht, ob das von der altbekannten Leip¬ 
ziger Firma O. A. Schulz ersonnene Mittel, 
kleine Sammlungen für Anfänger anzulegen und 
zum Kaufe anzubieten, auch von anderen Händ¬ 
lern versucht worden ist Wie kleine Herba¬ 
rien, dann auch Insekten-Sammlungen, beson¬ 
ders aber wieder Spezial-Floren und -Faunen 
von einzelnen Gegenden, sowie auch Mappen 
mit den schwer zu bestimmenden Kryptogamen 
Anfängern auf diesen Gebieten sehr zu gute kom¬ 
men, wenn sie nicht überhaupt erst die Sammel¬ 
lust wecken und Sammelverständnis verbreiten, 
so sollte man glauben, könnten auch kleine, 
wohlfeile Autographensammlungen, die aber 
doch von jedem Gebiete ein paar Stücke ent¬ 
hielten, der Liebhaberei neue Anhänger zuführen. 
Nur dürfen dieselben nicht in Antiquariaten zum 


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Fischer von Röslerstamm, Vom Autographensammeln. 


197 


Kaufe ausgeboten werden, sondern es werden 
sich hiezu besser Sortiments-Buchhandlungen 
empfehlen. Der Sortimenter, der seinen Kunden 
Ansichtssendungen von Novitäten des Bücher¬ 
marktes macht, kann in Familien mit jungen 
Damen und heranwachsenden Söhnen solche 
gefüllte Autographenmappen schicken, was sich 
besonders dann rentieren wird, wenn in den be¬ 
treffenden Familien ein der niedrigsten Spezies 
des Genus Autographensammler angehörendes 
Glied vorhanden ist, ein Autographenmarder oder 
eine Autographenbettlerin. Diese würden gar 
bald erkennen, dass man mit ganz geringen 
Kosten bessere, vor Allem auch ältere Auto- 
graphe erwerben kann, als der Bettel flir ge¬ 
wöhnlich ins Haus liefert 

Wenn die neueste preussische Einkommen¬ 
steuer-Einschätzung ergeben hat, dass in Preussen 
über 8000 (Mark-) Millionäre sind, so kann man 
deren Zahl in allen deutschredenden Ländern 
gewiss auf 15000 annehmen. Zehn Prozent 
davon erhalten doch gewiss Ansichtssendungen 
von ihrem Buchhändler. Wie mein durchaus 
nicht wohlhabender Vater mir vor beinahe 40 
Jahren einige Centimen Kryptogamen, die ihm 
von seinem Buchhändler zur Ansicht geschickt 
wurden, unter den Weihnachtsbaum legte, so 
würden doch auch etliche Autographensamm¬ 
lungen alljährlich auf diese Weise Abnehmer 
finden. Und wenn von den damit beschenkten 
Jünglingen und Jungfrauen auch nur die Hälfte 
oder ein Drittel sich zu selbständigen Auto- 
graphensammlem entwickelt, so ist schon 
damit viel gewonnen. Unsere oft mit starken 
Autographen-Lagern gesegneten Antiquare 
könnten gewiss jeder mehrere Kollegen vom 
Sortiment mit solchen Probe-Sammlungen ver¬ 
sehen, ohne ihre Bestände so zu schwächen, 
dass ihnen eine Gelegenheit, Autographe vom 
Lager oder durch Kataloge zu verkaufen, 
entginge, und die Sammler würden zweifellos 
auch ihren eigenen Sortimentsbuchhändler, bei 
dem sie ihre Einkäufe besorgen, geneigt finden, 
Sammlungen von solchen Stücken, die in ihren 
Doublettenmappen unfruchtbar liegen, in Kom¬ 
mission zu nehmen. Der Händler könnte sich 
Mappen mit Aufschriften, wie „Fürsten“, „Ge¬ 
lehrte“, „Künstler“, „Musik“, „Theater“, „Litte- 
ratur“ bedrucken lassen, der Privatsammler 
begnüge sich mit beschriebenen Kartons. 
Beide würden jedes Autograph in eine eigene 


Chemise legen, auf der derEinzelpreis angegeben 
ist, und eine Ermässigung für Enbloc-Abnahme 
zugestehen, auch die Mappen oder Kartons 
zum Selbstkostenpreise berechnen. Wenn ein¬ 
zelne Autographe abgesetzt worden sind, können 
dieselben von dem Händler oder Sammler nach 
ihm gewordener Verständigung leicht wieder 
durch ähnliche ersetzt werden. Sobald den neu- 
angeworbenen Sammlern beim Essen der Appetit 
gekommen ist, werden sie den Weg zu dem 
reichausgestatteten und mit teureren Stücken 
versehenen Lager des Autographenhändlers von 
selbst finden. Übrigens wird sich auch kein 
Sortimenter daran stossen, dass auf den Mappen 
oder auch auf den Chemisen die Adresse des Händ¬ 
lers oder Sammlers angegeben ist Im Notfälle 
verweise man ihn darauf, dass die Autographen¬ 
sammler, deren Zahl vermehrt werden soll, gute 
Kunden für die neuesten biographischen Lexika, 
für Facsimilewerke, Briefsammlungen und der¬ 
gleichen sind. Durch das Hantieren mit solchen 
Probe-Sammlungen würden übrigens auch viele 
Buchhandlungs-Gehülfen Interesse für Auto¬ 
graphe gewinnen, während man bisher nur ein 
solches bei denjenigen jungen Leuten antrifft, 
die in Antiquariaten gelernt haben oder thätig 
gewesen sind. 

Diese Probe-Sammlungen oder Sammlungs- 
Proben würden auch der Veröffentlichung von 
Autographenpreisen, die bei Auktionen erzielt 
worden sind, ein heilsames Gegengewicht lie¬ 
fern. Man sollte es doch endlich unterlassen, 
aus einer Auktion, die ein paar Tausend Num¬ 
mern umfasst, etliche Stücke herauszuheben 
und die dafür gezahlten Preise in Tagesblättem 
bekannt zu geben. Das erweckt nicht nur in 
den fernstehenden Kreisen die falsche Meinung, 
dass zum Autographensammeln sich nur mehr¬ 
fache Millionäre eigneten, sondern verteuert 
auch die dem Händler und Sammler sich doch 
immer noch vielfach bietenden Gelegenheiten, 
von Privatpersonen (also aus erster Hand) oder 
von Trödlern u. dgl. Autographe zu erwerben. 
Wer eine Unterschrift der Königin Luise be¬ 
sitzt, bildet sich ein, dieselbe sei so viel wert 
wie ein eigenhändig geschriebener, inhaltsreicher 
Brief derselben Fürstin, und weil ein Heinrich 
v. Kleist zu hohem Preise verkauft worden ist, 
glauben Hinz und Kunz, Briefe von Viktor 
v. Scheffel oder Roderich Benedix oder Emst 
v. Wildenbruch nicht billiger ablassen zu dürfen. 


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198 


Fischer von Röslerstamm, Vom Autographensammeln. 


Auf einem den Probe-Autographen voraus¬ 
zustellenden Blatte müssten die gebräuchlichen 
Abkürzungen, nämlich las. = lettre autographe 
sign^e, eigenhändig geschriebener und Unter¬ 
zeichneter Brief; 1 . s. -=* lettre sign6e, Unter¬ 
schrift unter fremdem Text; 1 . s. e. c. a. — lettre 
sign£e et compliment autographe, Unterschrift 
mit eigenhändiger Schlussformel u. s. w. an¬ 
gegeben werden. Der Vergleich der wenigen 
Proben untereinander würde auch dem von 
Preisen nichts ahnenden Autographenbettler klar 
machen, dass die für ihn unerreichbaren Regenten¬ 
briefe, wenn sie nur unterzeichnet sind, gar 
nicht viel Geld kosten, auch dem der Sache 
ganz Fernstehenden würde einleuchten, dass ein 
inhaltsreicher, mehrere Seiten füllender Brief 
teurer sein muss, als ein Billet oder gar eine 
Postkarte desselben Schreibers, dass die Dichter 
und Musiker durchschnittlich höher geschätzt 
werden, als die Gelehrten und Staatsmänner, und 
dass der Handelswert der Autographe mit der 
Anzahl der Jahrzehnte und Jahrhunderte steigt, 
um welche die Daten der Briefe und Urkunden 
weiter zurückgehen. Dass Autographe von Per¬ 
sönlichkeiten, die früh berühmt geworden sind 
und ein hohes Alter erreicht haben, weniger 
Geld kosten, als die von solchen, welche nur 
eine kurze Blütezeit gehabt haben, dass also 
Marat, wenn man bei ihm von einer Blütezeit 
sprechen kann, teurer ist als Alexander von 
Humboldt, sagt auch dem Neuling die eigene 
Überlegung; in die Feinheiten des Autographen¬ 
marktes, die auch für den ältesten Sammler 
oft noch einen komischen Beigeschmack haben, 
können den Anfänger Handbücher und Zeitungs¬ 
ausschnitte nicht einführen, die lernt er erst 
durch die Praxis und durch die Lagerkataloge 
der Händler, durch dieDoubletten-Preislisten von 
Tauschfreunden, durch ausführliche Auktions¬ 
berichte und gelegentlich seiner eigenen Er¬ 
fahrungen bei Auktionen kennen. Was er aber 
recht bald erfahren sollte, weil es geeignet ist, 
ihm Vertrauen einzuflössen, ist, dass der Auto¬ 
graphenhandel auf der ganzen Erde, und ganz 
besonders in Deutschland, in streng reellen 
Händen ruht Albert Cohn, Leo Liepmanns- 
sohn, August Spitta und J. A. Stargardt in 
Berlin, Richard Bertling in Dresden, O. A. Schulz 
in Leipzig (List & Francke ebendort nur für 
Auktionen) und Gilhofer & Ranschburg in Wien 
sind die am meisten im Autographenfach thä- 


tigen Antiquare. Ihren Angaben in den Kata¬ 
logen ist unbedingt Glauben zu schenken. Dies 
bezieht sich besonders auf die Unterscheidung, 
ob ein Autograph eigenhändiger Text oder nur 
1 . s. oder doc. s. (Unterzeichnete Urkunde) ist 
Denn dass ältere Autographe (wie z. B. wenn 
wieder einmal ein Huss auftaucht), sobald Zweifel 
über ihre Echtheit bestehen, mit einem „angeb¬ 
lich“ o. dgl. versehen werden, ist selbstverständ¬ 
lich. Wer gefälschte Autographe hat, und es 
giebt Sammler (und es gab deren noch mehr), 
welche im Rufe stehen, Fälschungen anzufertigen 
oder wenigstens zu vertreiben, wird sich nicht 
darauf einlassen, sie behufs Prüfung zu verleihen; 
wer also darauf nicht gleich eingeht, dem dränge 
man auch kein Depot von Geld auf, denn er 
fände vielleicht Ausflüchte, um die Zurück¬ 
nahme der Stücke zu verweigern. Zur Beur¬ 
teilung der Echtheit reicht gewöhnlich der ganze 
Habitus des Autographs aus; ein schwierigerer 
Fall kann durch Vergleichen mit einem Fac- 
similewerk erledigt werden; manchmal giebt 
aber denn doch nur Gewissheit die rückhaltslose 
Versicherung eines solchen Kenners, dem schon 
mehr Autographe desselben Schreibers durch 
die Finger gegangen sind. Jedenfalls braucht 
sich der Laie durch Bedenken, ob er sich nicht 
etwa gefälschte Stücke einwirtschaften werde, 
nicht davon abhalten zu lassen, Sammler zu 
werden, denn gleich am Anfänge seiner Lauf¬ 
bahn wird ihm ja wohl nicht ein Holck oder 
ein Mörder Wallensteins angeboten werden. 
Jedenfalls hört und liest man viel mehr von 
Autographenfalschungen, als die Sammler wirk¬ 
lich davon zu befurchten haben. 

Das erkennt man so recht an dem Verlaufe 
von grossen Autographen-Auktionen, bei welchen 
doch immer nur höchst selten eine Katalogs¬ 
nummer als zweifelhaft oder als den Angaben 
des Auktionators nicht entsprechend (wenn das 
Stück im Katalog las. genannt wird, während 
es nur 1 . s. ist) angehalten wird. Gerade jetzt 
kommen zwei grosse Autographensammlungen 
in Deutschland zur Versteigerung. In Berlin, 
bei Herrn L. Liepmannssohn, fanden schon 
zwei Verkäufe statt, die eine wertvolle Samm¬ 
lung betreffen, deren Besitzer sich ganz oder 
teilweise von der Sammelthätigkeit zurückzieht; 
in Leipzig wurde Anfang Dezember 1896 von 
den Herren List & Francke der erste Teil der 
von dem Sammler-Veteranen Wilhelm Künzel, 


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Fischer von Rösters tamm, Vom Antographensammeln. 


199 


der im Sommer 1896 in Leipzig gestorben ist, 
hinterlassenen Sammlung und im März 1897 die 
zweite Abteilung versteigert Bei diesen beiden 
Auktionen tritt so recht hervor, dass auf erste 
Namen, oder doch auf Seltenheiten, ein grosses 
Gewicht gelegt, dass auf den Inhalt sehr viel 
gegeben wird und dass der tadellose Zustand 
eines Autographs (keine Risse, keine Flicken, 
keine Flecken) bei der Preisbewertung ausser¬ 
ordentlich hoch angeschlagen wird. 

Mit diesen beiden Sammlungen lichtet sich 
die Reihe der grossen Universal-Sammlungen 
in Deutschland bedenklich. Nur noch die Freiin 
Elise v. König-Warthausen in Stuttgart verfugt 
über eine Sammlung, die alle Gebiete umfasst 
und in der doch auch die teuersten, ältesten, 
geschätztesten, seltensten Namen vertreten sind. 
Die Herren Alexander Meyer Cohn und Karl 
Emil Franzos in Berlin, Karl Meinert in Dessau, 
Rudolf Brockhaus und Karl Geibel in Leipzig 
und Fritz Donebauer in Prag kultivieren nicht 
alle Gebiete. 

Einzelne Museen und Archive — ich nenne 
nur die Goethe-Schiller-Sammlungen in Weimar 
und das Germanische Museum in Nürnberg — 
treten auf dem Autographenmarkte als kräftige 
Mitbewerber auf. Diese Institute haben ja in 
ihren Sammlungen von Handschriften dasjenige, 
was eigentlich nur Kuriosität ist, niemals aus¬ 
geschlossen, sondern es, besonders als Geschenk, 
gern acceptiert, heute suchen sie aber schon 
dergleichen, und ihre Vertreter sind oft mit 
recht weitgehenden Vollmachten ausgerüstet. 
Natürlich wird auch von ihnen der Inhalt des 
Schriftstückes und seine Erhaltung sehr genau 
berücksichtigt. 

Endlich noch ein Wort über die Autographen 
aus dem weiten Bereiche der Wissenschaft! 
Unsere Gelehrten kommen bei der Geschmacks¬ 
richtung von heutzutage, die dahin geht, nur 
einzelne Fächer oder Gruppen zu kultivieren, 
am schlechtesten weg, denn für die Anfänger 
ist es wenig verlockend, eine oder mehrere 
verwandte Kategorien von Gelehrten zu sam¬ 
meln, und welcher Autographensammler, der 
bisher Universalist war, möchte sich, als auf 
sein Altenteil, auf Mathematiker oder Juristen 
zurückziehen? Und doch sind Gelehrtenbriefe, 
jeder einzelne für sich betrachtet, gewöhnlich 
gar nicht so uninteressant! Wenn ihre Ver¬ 
fasser auch in der Regel auf das öffentliche 


Leben keinen bedeutenden Einfluss übten, 
nehmen sie in ihren Korrespondenzen unter¬ 
einander doch häufig auf dessen Erscheinungen 
Bezug und liefern also kulturhistorisches Mate¬ 
rial, und dann: wie viel Tendenziöses, Streit¬ 
sucht, Malice und Medisance läuft in ihren 
Briefen mit unter! Die Fürsten werden gesam¬ 
melt, trotzdem ihre Briefe, die in den Auto¬ 
graphenverkehr kommen, zum grossen Teile 
nur Glückwunsch- und Dankschreiben sind oder 
Berichte von Familienereignissen; viele 1 . s. von 
Staatsmännern sind trockene Geschäftsbriefe, 
und die gezeichneten militärischen Ordres von 
Feldherren, wenn sie auch „aus dem Haupt¬ 
quartiere“ stammen sollten, worauf bei Militärs 
ein gewisses Gewicht gelegt wird, können doch 
auch selten ein historisches Interesse (wegen 
ihres Inhaltes) beanspruchen. Trotzdem werden 
solche Autographe immer noch mehr geschätzt, 
als seitenlange, eigenhändige Briefe von solchen 
Gelehrten, die in ihrer Wissenschaft nicht einen 
allerersten Rang einnehmen. Die Stellung dieser 
Mittelsorte von Gelehrten wird in der Auto¬ 
graphenwelt dadurch noch herabgedrückt, dass 
der Spezialist in Litteratur die bedeutendsten 
Philosophen, Naturforscher, Historiker u. s. w. 
als Nationalschriftsteller auch noch für sich 
reklamiert und sie somit gewissermaßen ihrem 
eigenen Berufe entzieht Auch die von fran¬ 
zösischen Sammlern begründete Rubrik „Initia- 
teurs“ absorbiert noch eine Anzahl hervorragen¬ 
der Gelehrtennamen. Was soll nun aber mit 
den anderen geschehen, wenn die Universalsten 
aussterben und Spezialisten fiir Philologen, Me¬ 
diziner u. s. w. nicht auftauchen? Ich glaube, 
hier könnte der Antiquar als solcher, wenigstens 
etwas, abhelfen. Der Universitätsprofessor, der 
Gymnasiallehrer und der Privatgelehrte sind 
tägliche Gäste in ihrem Bücherladen. Es wird 
gegenwärtig wenige Herren aus der Gelehrten¬ 
zunft geben, die nicht ihre Korrespondenz fein 
säuberlich in einem Archivschrank verwahren. 
Der Löwenanteil dieser Korrespondenz stammt 
gewöhnlich von Fachgenossen. Wäre es denn 
nicht sehr leicht denkbar, dass ein oder der 
andere Philologe, Historiker, Physiker u. s. w. 
die Gelegenheit, dass die Autographe seiner 
Vorgänger so ausserordentlich billig sind, er¬ 
griffe und sich zu den an ihn selbst gerichteten 
Briefen auch noch solche zulegte, die zwischen 
seinen verstorbenen Fachgenossen ausgetauscht 


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200 


Jellinelc, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


wurden? Könnte er doch in solchen Briefen 
auch noch viel Anregung, mindestens aber 
Unterhaltung finden! Wenn der Antiquar einem 
nach alten Büchern herumstöbemden Gelehrten 
ein Päckchen Briefe von Fakultäts- oder Dis¬ 
ziplin-Genossen unterschöbe, würde die Zahl 
der Autographen-Spezialisten vielleicht für das 
am meisten vernachlässigte Fach vermehrt wer¬ 
den. Betrachten es doch schon jetzt die wenigen 
Gelehrten, welche Autographe sammeln, ge- 
wissermassen als ein Gebot der Selbstachtung, 
dass sie neben Kategorien, die sie aus Neigung 
und Liebhaberei kultivieren, auch solche Briefe 
zu einer Gruppe zu vereinigen suchen, die von 
Männern stammen, welche auf irgend einer 
Lehrkanzel einmal dieselbe Disziplin tradiert 
haben, welche der betreffenden Sammler eigent¬ 
lichen Lebensberuf bildet! 

Ob der Autographen-Bettel in den letzten 
Jahren mehr in den Hintergrund getreten ist, 
weil erkannt wurde, dass bei diesem odiosen 


Handwerk auch nichts Gescheidtes herauskommt, 
oder ob wir es bei diesem Nachlassen mit 
einem Zeichen der Zeit zu thun haben, dass 
unsere Jugend durch das Zweirad und die Brief- 
marken-Sammlerei von dem thörichten, aber 
doch von einem gewissen Idealismus geleiteten 
Schritte, sich von ihren Lieblingen in der Dich¬ 
tung, im Konzert und auf der Bühne Autographe 
zu erbitten, zurückgehalten wird, ist schwer zu 
entscheiden. Jeder ernste Sammler sollte es 
sich angelegen sein lassen, diese rari aves auf 
den richtigen Sammelweg zu leiten, wie auch 
andere Anfänger im Autographensammeln mit 
Rat und That zu unterstützen. Der Eifer, den 
er selbst an den Tag legt, um seine eigene 
Sammlung immer noch zu vermehren, wird die 
wirksamste Waffe sein, um auch diejenigen, die 
noch nicht recht aus und ein wissen, anzu- 
feuem. Das Sammeln ist eine redliche Arbeit, 
die noch immer ihren Lohn gefunden hat, die 
erfrischt, erquickt und den Geist rege hält. 




Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 

Von 

A. L. Jellinek in Wien. 0u 


HioH Han nennt unser Jahrhundert das „Jahr- 
■JLw| H hundert des Dampfes“, und mit nicht 
H^mJI minderem Rechte bezeichnet man 
es auch als das papierene. Die Hochflut 
der Bücher und Broschüren, die jeder Tag 
zum Vorschein bringt, die Menge der Zeitungen, 
Zeitschriften, Jahrbücher, Berichte, die Fülle 
der in ihnen verstreuten Aufsätze und Ab¬ 
handlungen spottet jeder Beschreibung. Unser 
Wissen ist nicht nur ausgebreitet, erweitert, 
sondern auch nach allen Richtungen hin ver¬ 
tieft worden. Selbst auch nur eine Wissen¬ 
schaft in ihrem ganzen Umfange vollständig 
zu beherrschen ist dem einzelnen heute völlig 
unmöglich. Denn wenn man von einem ernsten 
Forscher billiger Weise fordern darf, dass er 
nicht nur die Resultate und thatsächlichen 
Ergebnisse seiner Wissenschaft, sondern auch 
deren Geschichte und Entwickelung, deren 


icitubi scienda 
habend est proximus. 

Auswüchse und Irrtümer in früherer Zeit 
kenne, kurzum mit der ganzen sich an sein 
Fach knüpfenden Geistesarbeit, mit der ge¬ 
samten einschlägigen Litteratur vertraut sei, 
so muss, um diese Forderung im Laufe eines 
Menschenlebens erfüllen zu können, das Arbeits¬ 
gebiet ein wohl beschränktes sein. Die Zeit, 
da jemand die ganze Geschichte in diesem 
Sinne beherrschen konnte, ist längst vorüber, 
ja nicht einmal die Geschichte eines Gross¬ 
staates, wie Deutschlands oder Frankreichs, 
einer Völkervereinigung, wie Österreichs, lässt 
sich heute von einem Einzelnen aus jener 
sicheren Gesamtbeherrschung des Stoffes heraus 
schreiben, wie sie wohl ein Erfordernis strenger 
Wissenschaft wäre. Darum Arbeitsteilung bis 
ins Kleinste. Friedrich der Grosse, Napoleon, 
Bismarck sind welthistorische Gestalten, an die 
sich neben einer Fülle zeitgenössischer Berichte 



Jellinelc, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


201 


und Mitteilungen die ganze Folgezeit hindurch 
eine so reiche, fast unübersehbare Litteratur 
geknüpft hat, dass nur einen einzigen dieser 
Männer mit Verwertung der ganzen früheren 
Forschung zu schildern eine Aufgabe ist, die 
allein die kurze Spanne eines Menschenlebens 
füllen kann. 

So ist es in der Litteraturgeschichte, so in 
der Philosophie, so in den Rechtswissenschaften. 
Weniger streng wird man dagegen die obige 
Forderung den exakten Wissenschaften gegen¬ 
über aufrecht erhalten. Man wird von dem 
Chemiker nicht verlangen, dass er die alche- 
mystischen Schriften kenne, man wird von 
dem Physiker, dem Astronomen und Natur¬ 
historiker auch nicht unbedingt fordern, dass 
neben dem Wirklichen, Thatsächlichen seiner 
Wissenschaft, auch alle tastenden, oft fehl¬ 
gegangenen Versuche früherer Zeit, Ansichten 
und Anschauungen, die längst als irrig erkannt 
wurden, ihm geläufig sind. Mit Recht heischt 
man aber von den Vertretern aller Wissen¬ 
schaften, dass sie von allen Fortschritten der¬ 
selben Kenntnis nehmen, dass ihnen die Ar¬ 
beiten, die Erfolge der Genossen und Mit¬ 
kämpfer bekannt werden, kurz, dass sie an 
dem lebendigen, fortwallenden Strome zu¬ 
nehmender Erkenntnis teü haben. 

Und die Erfüllung dieser ersten Pflicht 
wird bei dem ungemessen zunehmenden Um¬ 
fange der Fachlitteratur immer schwieriger. 
In den Recensionen der Fachblätter mehrt 
sich der leicht zu erhebende Vorwurf, der 
Verfasser habe die Benutzung dieses oder 
jenes Programmaufsatzes, dieser oder jener 
Abhandlung in einer Zeitschrift verabsäumt 
So wird die traurige Erscheinung immer häu¬ 
figer, dass, was längst bewiesen oder ge¬ 
schrieben wurde, ohne inhaltliche Änderung 
nochmals geschrieben wird, dass Ansichten, 
die bereits widerlegt wurden, neuerdings auf¬ 
gestellt werden, beides aus Unkenntnis der 
früheren Litteratur. So wächst die Litteratur 
ins Ungemessene, nutzlos verwenden die Ver¬ 
fasser Zeit und Mühe, und eine kurze Reihe 
von Jahren reicht hin, ihr Werk wieder der 
Vergessenheit zuzuführen. Daher liegt die Ge¬ 
fahr eines ewigen Kreislaufs nahe, bei dem 
nicht der Umfang des Wissens, sondern nur 
der der Menge der produzierten Bücher in un¬ 
heimlichem Maise mehr und mehr zunimmt 

z. I B. 


Diesem einschneidensten Übelstande hat 
man in der richtigen Erkenntnis der Trag¬ 
weite desselben verschiedentlich abzuhelfen 
gesucht Grundrisse und Handbücher mit mehr 
oder minder reichlichen Litteraturangaben sind 
in letzter Zeit mehrfach erschienen. Daneben 
treten ergänzend die Jahresberichte der' ein¬ 
zelnen Wissenschaften, Mühlbrechts „Allge¬ 
meine Bibliographie der Staats- und Rechts¬ 
wissenschaften“, Jastrows „Jahresberichte der 
Geschichtswissenschaft 1 , die „Jahresberichte für 
germanische Philologie“, „für neuere deutsche 
Litteraturgeschichte“, „für romanische Philo¬ 
logie“, „für die klassische Altertumswissenschaft“, 
um nur die bedeutendsten zu nennen. Fast 
alle Wissenszweige besitzen gegenwärtig solche, 
zumeist kritische Organe, welche ' in ’ kurzen 
Zwischenräumen über die neuen Erscheinungen 
berichten. Trotzdem sind der Ubelstände vor¬ 
nehmlich zwei. Einerseits sind diese periodischen 
Organe verhältnismässig jungen Datums, und 
für die ganze, reiche Litteratur der Zeit vor 
ihrem Erscheinen ist der Forscher wie der 
Laie nach wie vor auf eigene Zusammen¬ 
stellung angewiesen, da alle bisherigen Hand¬ 
bücher und Grundrisse lückenhaft sind, wenn 
solche nicht ganz fehlen; andererseits kann 
auch den Jahresberichten das Lob der Voll¬ 
ständigkeit nur in sehr bedingtem Mafse ge¬ 
zollt werden. Besonders die Verzeichnung der 
Zeitschriftenaufsätze, zumal der in weniger ge¬ 
läufigen Sprachen abgefassten, weist mannig¬ 
fache Lücken auf. Die Arbeiten russischer 
oder portugiesischer Gelehrter für deutsche Ge¬ 
schichte oder Litteratur, so spärlich sie auch 
sein mögen, sind fast nie berücksichtigt Der 
Umstand, dass wohl an keinem Orte der Welt 
alle Zeitschriften und Zeitungen benützt werden 
können, und dass weiter es immer nur ein 
Einzelner ist, der denn auch für ein möglichst 
begrenztes Gebiet diese Zusammenstellung 
macht, lässt den Mangel an Vollständigkeit 
erklärlich erscheinen. Zudem wird einem 
wesentlichen Teüe der litterarischen Produktion, 
den Recensionen, lange noch nicht die ge¬ 
bührende Beachtung geschenkt. Wer die weit 
ausholenden Besprechungen der früheren Zeit, 
die sich zu selbständigen Essays erweiterten, 
die Aufsätze eines Macaulay, Saint-Beuve u. a., 
wer die neueren inhaltsreichen Anzeigen eines 
Reinhold Köhler, Bemays, Minor, insbesondere 

26 


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202 


Jeilinek, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


die Referate in den altberühmten „Göttingischen 
gelehrten Anzeigen“ kennt, wird wohl zugeben, 
dass nicht selten die Recension an innerem 
Werte weit über dem Buche steht, das die 
Anregung geboten hat, und dass manches 
Buch erst im Verein mit der Besprechung an 
Lebensfähigkeit gewinnt, wenn Irrtümer be¬ 
richtigt, Lücken ergänzt, Mitteilungen vervoll¬ 
ständigt sind. So ist es ein Haupterfordemis 
jeder künftigen Bibliographie, alle selbständigen 
Besprechungen, wenn sie die Sache nur irgend¬ 
wie fördern, zu dem betreffenden Buche zu 
verzeichnen, ein Erfordernis, dem selbst die so 
trefflich geleiteten „Jahresberichte für neuere 
Deutsche Literaturgeschichte“ nicht völlig nach- 
kommen. 

Nur durch das Zusammenwirken vieler, 
durch eine bis ins Kleinste ausgearbeitete 
Organisation und eine weitgehende Arbeits¬ 
teilung ist es möglich, nicht nur die laufende 
literarische Produktion, sondern rückgreifend 
auch die gesamte bisherige geistige Arbeit 
der Jahrhunderte lückenlos und mit der an¬ 
gedeuteten Genauigkeit zu verzeichnen. Da¬ 
durch würde der Gesamtheit der Wissen¬ 
schaften ein Dienst geleistet werden, der den 
grössten Errungenschaften derselben gleich 
käme, viele Arbeit sparen und den Fortschritt 
der Forschung gewaltig zu fordern im¬ 
stande wäre. Ein Inventar alles dessen, was 
jemals geschrieben und veröffentlicht wurde, 
alles dessen, was jemals Forschung erstrebt, 
Erkenntnis erreicht hat, würde die sichere 
Grundlage bilden für alle künftige Arbeit 
Wieder würde zum Bewusstsein kommen das 
unwandelbare Gesetz der Entwickelung, das 
Prinzip folgerichtigen, von den Vorgängern ab¬ 
hängigen Fortschritts. Nicht nur dem Ge¬ 
lehrten, dem Forscher würde ein solches Werk 
von unschätzbarem Nutzen sein, mehr noch 
dem Laien, der, nicht vertraut mit den gegen¬ 
wärtigen, oft entlegenen Hilfsmitteln der Biblio¬ 
graphie, in einem solchen Universal-Repertorium 
leicht die gewünschte Belehrung fände. 

Der gigantische Plan eines derartigen Re¬ 
pertoriums über die gesamte geistige Pro¬ 
duktion der Vergangenheit hat seit Jahr¬ 
hunderten den Traum gelehrter Sammler und 


Polyhistoren gebildet. Erst unserer Zeit soll 
es, wie es scheint, gegönnt sein, diesen Traum 
zu verwirklichen. Nachdem in den letzten 
Jahren der Ruf nach einer „ WeUbibliographüf* 
immer lauter geworden, wurden vor ungefähr 
einem Jahre, also noch rechtzeitig vor Schluss 
des „Jahrhunderts der Erfindungen und Ent¬ 
deckungen“ in Brüssel die ersten Schritte ge- 
than, diesen Wunsch thatsächlich zu erfüllen. 
Die Anregung hierzu geboten zu haben, ist 
das unleugbare Verdienst der beiden Brüsseler 
Advokaten Henri La Fontaine und Paul Otlet 
Ihr Verdienst ist kein geringes, wenn sie auch 
mit selbstloser Bescheidenheit hinter ihrem 
Werke zurücktreten. Mehljährige Beschäfti¬ 
gung mit der Bibliographie der sociologischen 
Litteratur hatte sie auf die allgemeine Biblio¬ 
graphie geführt und, unterstützt von einigen 
belgischen und französischen Gelehrten, be¬ 
riefen sie für den September des Jahres 1895 
eine internationale bibliographische Konferenz 
nach Brüssel, die vom 2. bis 4. September da¬ 
selbst getagt hat. Einem Berichte über den Ver¬ 
lauf dieser Konferenz entnehmen wir folgendes 1 : 

„Die Konferenz war vorzüglich deshalb ein¬ 
berufen worden, um ein internationales Institut 
für Bibliographie als eine wissenschaftliche Ge¬ 
sellschaft zu gründen, eine allgemeine biblio¬ 
graphische Klassifikation anzubahnen, die Her¬ 
stellung und Veröffentlichung eines allgemeinen 
bibliographischen Repertoriums einzuleiten und 
zu diesem Zwecke den Regierungen vorzu¬ 
schlagen, untereinander eine internationale biblio¬ 
graphische Union zu bilden. Die Konferenz 
fand in Brüssel am 2. bis 4. September 1895 
statt Unter den Teilnehmern befanden sich 
zumeist Vertreter der Facultäten, Bibliotheken 
und sonstigen wissenschaftlichen Institute von 
Belgien und Frankreich, während von einer 
sehr grossen Anzahl gelehrter Gesellschaften, 
Bibliotheken, Redaktionen wissenschaftlicher 
Zeitschriften und Buchhändlervereinigungen Zu- 
stimmungs- und Sympathiekundgebungen ein¬ 
gelaufen waren.“ 

Einer der wichtigsten Beschlüsse der 
Konferenz war der die Gründung einer 
wissenschaftlichen Gesellschaft unter dem 
Namen „Institut international de Bibliographie“ 


1 Carl Junker „Ein allgemeines bibliographisches Repertorium und die erste internationale Conferenz in Brüssel 
1895", Wien, Alfred Holder 1896. 


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Jellinek, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


203 


betreffende. Das Institut ist eine freie wissen¬ 
schaftliche Vereinigung, welche den Beitritt aller 
Bibliographen, Bibliothekare, aller wissenschaft¬ 
lichen Körperschaften und aller jener Personen 
zu gewinnen trachtet, denen Erfahrung oder 
Stellung ermöglicht, in nutzbringender Weise 
an den Arbeiten des Instituts teilzunehmen oder 
dieselben irgendwie zu fordern. Das „Institut 
international de Bibliographie", das bereits ins 
Leben getreten ist, sucht nun durch Abhaltung 
von Kongressen und durch Herausgabe einer 
Zeitschrift („Bulletin de l’Institut international de 
Bibliographie", bis jetzt Jahrgang I, Nr. 1—6 
in 4 Heften und Jahrgang II, Nr. 1—2), die 
leider nur in allzu langen und unregelmässigen 
Zwischenräumen erscheint, alle auf Bibliographie 
bezüglichen Fragen zu erörtern, durch die Dis¬ 
kussion der Fachleute aller Länder jene Regeln 
und Grundsätze festzustellen, welche bei der Aus¬ 
arbeitung eines allgemeinen bibliographischen 
Repertoriums zu Grunde gelegt werden müssen. 
Die Ausarbeitung selbst wird nicht von dieser 
privaten Vereinigung ausgehen, die nur den 
Boden dafür ebnen, Anhänger gewinnen und 
durch die gemeinsame Arbeit einer Reihe der 
bedeutendsten Gelehrten und einflussreichsten 
wissenschaftlichen Gesellschaften eine beratende 
Stimme von weitreichendem Einflüsse besitzen 
soll, hauptsächlich aber danach trachten wird, 
die Regierungen dafür zu gewinnen, dass sie 
durch gemeinsame Gründung eines internatio¬ 
nalen staatlichen Amtes für Bibliographie und 
hinreichende Unterstützung desselben die Aus¬ 
führung des Werkes selbst in die Hand nehmen. 
Nur dadurch scheint die Vollendung und dauernde 
Weiterführung gesichert Bereits hat die bel¬ 
gische Regierung auf Antrag des Ministers des 
Innern und des öffentlichen Unterrichtes, F. 
Schollaert, in Brüssel unter dem Titel „Office 
international de Bibliographie“ ein Amt errichtet, 
„welches die Herstellung und die Veröffent¬ 
lichung eines allgemeinen bibliographischen Re¬ 
pertoriums zum Zwecke hat" Es wird nun das 
nächste Erfordernis sein, alle übrigen Regie¬ 
rungen dafür zu gewinnen, dass sie offizielle 
Vertreter ernennen, welche diesem Amte bei- 
gesellt und dass seitens der einzelnen Staaten 
entsprechende Subventionen geleistet werden. 
In Belgien, das den Ruhm für sich in Anspruch 
nehmen darf, die Anregung zu diesem gewaltigen 
Werke geboten und es in seinen Anfängen fast 


allein unterstützt zu haben, das überdies, wenn 
es auch keine litterarischen Mittelpunkte mit 
reichen Bibliotheken, wie es etwa Paris oder 
Leipzig ist, besitzt, durch die warme Förderung, 
die dort allen geistigen Interessen zu teil wird, 
sowie durch seine zentrale Stellung nächst der 
Schweiz am geeignetsten erscheint, als inter¬ 
nationale Sammelstätte zu dienen, wird sich die 
Leitung des ganzen Unternehmens befinden. In 
den einzelnen Ländern werden nationale Sek¬ 
tionen errichtet werden, welche wiederum da¬ 
für zu sorgen haben, dass die einzelnen Mit¬ 
arbeiter an jene Stätten verteilt werden, wo 
durch gesetzliche Bestimmungen die Abgabe 
der Pflichtexemplare seit langer Zeit geregelt 
ist, oder wo sich reiche Bibliotheken befinden, 
die die Arbeit erleichtern. Diese ist eine doppelte. 
Man wird einerseits von dem Tage, an dem dies 
von allen Staaten gegründete Amt ins Leben 
tritt, die gesamte laufende Litteratur, selbst¬ 
ständige Werke, Zeitschriftenaufsätze, Veröffent¬ 
lichungen gelehrter Gesellschaften etc. mit aller 
nur erreichbaren Vollständigkeit verzeichnen, 
und man wird andererseits in der gleichen 
Weise die Litteratur der früheren Zeit mit der 
gleichen Genauigkeit inventarisieren. Die Arbeit 
ist natürlich eine getrennte. 

Ein sehr glücklicher Gedanke ist es nun, 
die auf diese Weise gesammelten Angaben 
nicht in Buchform zu veröffentlichen. Durch 
die beständig notwendig werdenden Supple¬ 
mente, allfällige Nachträge und Verbesserungen 
würde die Benutzung des Werkes äusserst er¬ 
schwert werden. Man würde bald genötigt sein, 
wie es bei modernen Encyklopädien der Fall 
ist, aus zehn oder zwanzig Bänden sich die 
Angaben über einen Gegenstand zusammen¬ 
zusuchen. Es wurde daher beschlossen, die 
Bibliographie auf einzelnen losen Zetteln er¬ 
scheinen zu lassen, in der Weise, wie in grossen 
Bibliotheken das Verzeichnis der Bücher im 
„Zettelkatalog" auf einzelnen Bogen von je¬ 
weilig bestimmter Grösse angelegt ist. Diese 
Zettel, von denen jeder einzelne nur je einen 
Titel trägt, sind nach einem bestimmten System 
angeordnet, sei es nun alphabetisch nach Autor¬ 
namen, oder nach den Wissenschaften, die die 
betreffenden Werke behandeln, und gestatten 
ohne weiteres, dass neue Zettel eingeschoben, 
fehlerhafte entfernt und ebenso natürlich auch 
durch andere ersetzt werden können. 


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204 


Jellinek, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


So kann die Bibliographie, da von der 
Zentrale in bestimmten Zwischenräumen die 
neugedruckten Zettel an alle Abonnenten 
des Repertoriums versendet würden, stets 
leicht auf dem Laufenden erhalten werden und 
niemals veralten. Andererseits ist auch durch 
diese Erscheinungsform die Möglichkeit geboten, 
beliebig kleine Teile der Bibliographie zu er¬ 
werben, ein Vorteil, der später noch eingehen¬ 
der dargelegt werden wird. Die Kosten des 
Werkes werden dadurch wenig erhöht Jeder 
Zettel erhält nun in der üblichen Weise den 
genauen Titel je eines Buches, also auch Ver¬ 
lag und Verlagsjahr, Format, Seitenzahl, eventuell 
bei Sammelwerken Angabe der einzelnen Teile, 
bei Titeln, die nicht genau oder nicht vollständig 
den Inhalt wiedergeben, oder Missverständnisse 
herbeifuhren könnten, kurze Angabe des that- 
sächlichen Inhalts. Ausserdem würde man 
trachten, in erster Reihe auf jedem Zettel die 
wichtigen Besprechungen (natürlich nur diese) 
des Werkes, auf deren ausserordentliche Be¬ 
deutung oben hingewiesen wurde, kurz zu ver¬ 
zeichnen, Fortsetzungen, Gegenschriften etc. an¬ 
zugeben, bei selteneren Werken die Orte, resp. 
die Bibliotheken anzufiihren, wo sich diese finden. 
Man wird vielleicht auch durch den Druck 
oder die Farbe des Zettel besonders wichtige 
oder grundlegende Werke kenntlich machen, 
blosse Übersichten und Handbücher von aus¬ 
führlicheren Darstellungen scheiden, besonders 
aber Werke fiir den ausschliesslich wissenschaft¬ 
lichen Gebrauch von populären, dort wo die 
Titelangaben nicht genügend unterrichten, tren¬ 
nen; kurz, in diesen Millionen Zetteln wird nicht 
nur ein ungeheueres bibliographisches Material, 
sondern auch ein gut Stück Wissenschaft ver¬ 
arbeitet sein 1 . 

Das handschriftliche Material für diese 
„Bibliographie Universaüs“ — dies der Titel 
des geplanten Werkes — würde in den einzelnen 
Sektionen gesammelt, in der Zentrale geordnet, 
redigiert und durch den, Dnick vervielfältigt 
werden, um dann, wie. erwähnt, an alle Ab¬ 
nehmer versendet zu werden. 

Nicht unwichtig ist natürlich auch die Frage: 
in welcher Weise sollen in diesem Universal- 


Repertorium die einzelnen Zettel angeordnet 
werden, damit ihre Benutzung eine möglichst 
einfache, jedermann leicht verständliche ist, da¬ 
mit die Ausnutzung des Inhaltes in weitgehend¬ 
stem Mafse ermöglicht und die Einreihung 
der Titel erleichtert werde? In etwas verfrühter 
Weise hat man das aus Amerika stammende 
sogenannte Deweysche Desimal-Klassifikations - 
System angenommen. Verfrüht, denn wohl wäre 
es wichtiger gewesen, in erster Reihe die Unter¬ 
stützung der Regierungen und aller jener Kreise 
zu gewinnen, durch deren Mithilfe das Werk 
gefordert werden könnte, als durch die etwas 
überstürzte Annahme dieses Systems mit seinen 
zweifelhaften Vorzügen sich statt Anhänger 
Gegner zu schaffen. Wohl wäre es auch schick¬ 
lich gewesen, bei der schwachen Beteiligung 
am Kongresse — infolge der verspäteten Ein¬ 
ladungen haben England, Deutschland, Öster¬ 
reich und Italien fast ganz gefehlt — die end¬ 
gültige Entscheidung über die Wahl eines 
Klassifikationssystems auf die nächste Versamm¬ 
lung zu verschieben, und bis dahin durch Dis¬ 
kussion in den Fachblättem auch die andern 
Fachleute heranzuziehen, wodurch die Sache 
jedenfalls wesentlich gefordert worden wäre, 
statt, dass eine verschwindende Minderheit, von 
niemandem autorisiert, mit viel gutem Willen, 
aber doch nicht jener Summe von Erfahrung, 
wie sie eine wirklich internationale Vereinigung 
aller Bibliothekare und Bibliographen besessen 
hätte, einen Beschluss voreilig fasst, denselben 
in alle Welt ausposaunt, und mit einer gewissen 
Prätension ihn Regierungen und Vereinigungen, 
Redaktionen und Privaten aufoktroyieren will. 
Jedenfalls hätte es noch gute Zeit gehabt, einen 
diesbezüglichen „Beschluss“ zu fassen, gewisser- 
mafsen aus der langen Reihe von zu erledigen¬ 
den Punkten einen einzelnen herauszugreifen, 
als ob mit dessen Behandlung schon alles ge- 
than wäre. Vor Ende dieses Jahrhunderts wird 
schwerlich und hoffentlich nicht mit der end- 
giltigen Ausarbeitung begonnen werden. Es 
wird im Gegenteil als ein Erfolg von nicht zu 
unterschätzender Tragweite zu bezeichnen sein, 
wenn bis. dahin die vorbereitenden Arbeiten, 
und es sind ihrer nicht wenige, soweit gediehen 


1 Treffend hat jüngst V, Chauvin in der Einleitung zu seiner „Bibliographie des ouvrages arabes ou relatifs aux 
Arabes publils dans l’,Europe chrltienne* de 1810 k 1885“, Likge 1892, alle Forderungen, die an eine vollständige 
Bibliographie'gestellt werden können und müssen, zusammenfassend ausgesprochen. % 


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Jellinek, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


205 


sein werden, dass dann an allen Punkten gleich¬ 
zeitig und ohne die Gefahr einer Stockung be¬ 
gonnen werden kann. Bei einem Werke von 
solchem Umfange, und, wo ein verfehlter 
Schritt nur mit den grössten Opfern rückgängig 
gemacht werden kann, ist nichts schädlicher 
als Übereilung. Jeder einzelne Schritt muss 
wohl erwogen werden, und keine Stimme soll 
ungehört bleiben. Die Welt, die sich so lange 
ohne das Repertorium beholfen hat, wird gewiss 
sich noch drei oder fiinf, ja zehn Jahre und 
länger gerne gedulden, wenn sie dafür die Ge¬ 
währ hat, dieses Repertorium um so vollständiger 
und brauchbarer zu erhalten. Jedenfalls wird es 
noch reiflicher Erörterung der maßgebenden 
Kreise bedürfen, in welcher Gestalt das vom 
Institut vorgeschlagene Deweysche Klassi¬ 
fikationssystem auch thatsächlich einem biblio¬ 
graphischen Universal-Repertorium zu Grunde 
gelegt werden könne. 

Metvil Dewey , Bibliothekar an der New- 
Yoiker Staatsbibliothek, der Erfinder des bereits 
mehrfach erwähnten Systems, nannte es Deci - 
mal-Classification. Das ganze Gebiet mensch¬ 
lichen Wissens wird in zehn Klassen geteilt, die 
mit den Ziffern o bis 9 bezeichnet sind. Diese 
zehn Klassen sind: 

o. Allgemeine Werke, 5. Naturwissenschaften, 

1. Philosophie, 6. Nützliche Künste, 

2. Religion, 7. Schöne Künste, 

3. Soziologie, 8. Litteratur, 

4. Philologie, 9. Geschichte. 

Jede dieser zehn Klassen zerfällt durch An¬ 
hängung der Ziffern o bis 9 wieder in zehn 
Abteilungen, eine jede Abteilung kann auf die¬ 
selbe Weise wieder geteilt werden, und so be¬ 
liebig fort Die Klasse 3 Soziologie zerfällt in: 

30. Soziologie im allgemeinen, 

31. Statistik, 

32. Politik, 

33. Politische Ökonomie, 

34. Rechtswissenschaft, 

35. Verwaltung, 

36. Wohlfahrtseinrichtungen, 

37. Erziehung, 

38. Handel und Verkehr, 

39. Sitten, Trachten, Volksleben. 
Abteilung 33. Politische Ökonomie zerfällt 

wieder in: 

33a Politische Ökonomie im allgemeinen, 

331. Arbeit und Arbeiter, 


332. Banken, Geld, Kredit, 

333. Unbewegliches Eigentum, 

334. Vereinigungen, 

335. Sozialismus, 

336. Staatshaushalt, 

337. Zollwesen, 

338. Quellen des Reichtums, 

339. Verteilung und Verbrauch des Reichtums. 

So lässt sich die Einteilung unbegrenzt aus¬ 
dehnen. „Zuckersteuer“ z. B. hat den Klassi¬ 
fikations-Index 336.271.3. Die Ziffern 336 be¬ 
sagen schon, dass das mit diesem Index ver¬ 
sehene Buch unter „Staatshaushalt“ (336) ge¬ 
hört, die zweite Unterabteilung, also 336,2, sind 
„Steuern“. Steuern sind nun entweder direkte 
Steuern — 336,2/, Grundsteuern — 336,22, Per- 
sonalsteuem — 336,2 3, Vermögenssteuer — 
336,24, Kopfsteuer — 336,25, Mauthsteuer — 
336,26, Indirekte Steuern — 336,27 u. s. w.; 
die erste Art indirekte Steuern sind die 
„Verbrauchssteuern“ — 336,271; von den 

Verbrauchssteuern ist „Zuckersteuer“ die dritte 
336,271, 3. Sollte vielleicht in Fachblättem 
oder Fachbibliotheken dieser Begriff wieder 
geteilt werden müssen, etwa in Rübenzucker¬ 
oder Rohrzuckersteuer, Rohzuckersteuer und 
Raffinatsteuer, so geschähe dies, indem man 
an die Zahl 336,271,3 wieder die Ziffern 1 
bis 9 anhängt. Um aber beispielsweise „Zucker¬ 
steuer in Russland“ oder „Zuckersteuer in 
Amerika“ auszudrücken, nimmt man nicht zu 
weiterer Teilung seine Zuflucht, was ja bei dem 
höheren Begriffe „Steuern“ unmöglich wäre, da 
dessen Teile schon erschöpft sind, sondern man 
fugt den sogenannten „geographischen Index“ 
an. Diese aus den Klassifikationsziffem der 
10. Klasse „Geschichte“ durch Weglassung des 
Klassenindex 9 (Geschichte) entstanden, ist eine 
für jedes Land feststehende Zahl. (42) für 
England, (43) Deutschland, (43,6) Österreich, — 

-(47) Russland, (73) Vereinigte Staaten 

von Nordamerika u. s. w. 

Zuckersteuer in Amerika wäre also 336,271,3(73). 
Zuckersteuer in Russland 336,271,3(47). 

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist, dass 
diese Zahlen, so gross sie auch scheinen, sich 
mit überraschender Leichtigkeit dem Gedächt¬ 
nisse einprägen, da jede Ziffer einen Begriff 
darstellt Wie der Versuch überzeugt, ist man 
nach kurzer Benutzung bereits imstande, die 
Hauptabteilungen, also alle Ziffern von 000 bis 


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206 


Jellinek, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


999 mit ihrer Bedeutung im Deweyschen System 
vollständig zu beherrschen. Wesentlich er¬ 
leichtert wird die Benutzung der Tafeln durch 
den sowohl der englischen Ausgabe 1 als auch 
der französischen Übersetzung derselben bei¬ 
gefugten alphabetischen Index (Subjekt relativ 
index), der in der vollständigen englischen Aus¬ 
gabe mehr als 18,000 Nachweisungen enthält 

So sinnreich und übersichtlich das alles nun 
auf den ersten Blick erscheint, bei eingehender 
Prüfung machen sich eine Reihe Bedenken 
geltend. Ist anzunehmen, dass die Wissen¬ 
schaften, welche sich im Laufe vieler Jahr¬ 
hunderte frei entwickelt haben, welche sich be¬ 
ständig teilen und in Spezialfächer sondern, ist 
anzunehmen, dass diese leicht und ohne Will¬ 
kür sich im Dezimalsystem immer von zehn zu 
zehn teilen lassen? Die Deweyschen Tafeln 
selbst, und zwar die englische Ausgabe, zeigen, 
dass eine solche Annahme irrig ist In der 
Willkür, die angewendet werden musste, um 
überall zehn Teile zu erhalten, liegt ein schwer¬ 
wiegender Fehler, der sich vielleicht beseitigen 
lässt, aber nur dann, wenn man die bisher ängst¬ 
lich gewahrte Rücksicht auf Amerika, dessen 
Bibliotheken und Kataloge, die das Deweysche 
System in der älteren Form bereits lange 
anwenden, preisgibt und ausschliesslich den 
des zu schaffenden Universal-Repertoriums im 
Auge behält 

In früheren Aufsätzen („Nachrichten aus dem 
Buchhandel“ 1896, 4., 10. und n. April, Nr. 78, 
82 und 83, im „Magazin für Litteratur“ 1896, 
Nr. 42, „Deutsche Litteraturzeitung“ 1897, No. 6, 
wo die wichtigsten Besprechungen und Auf¬ 
sätze über das neue Unternehmen verzeichnet 
sind), habe ich Mängel des Deweyschen 
Klassifikationssystems ausführlicher dargelegt. 
Eingehenderes Studium hat mich seitdem über¬ 


zeugt, dass es vielleicht doch soweit verbessert 
werden könnte, um wirklich mit Nutzen ange¬ 
wendet zu werden. Dann müsste man aber 
einerseits mit den konservativen Anschau¬ 
ungen brechen, welche, gegenwärtig herrschend, 
alles verbessern, aber dabei möglichst wenig 
ändern wollen, sondern vielmehr eine radikale 
Umänderung eintreten lassen, bei welcher eigent¬ 
lich bloss das System, Begriffe durch Zahlen zu 
bezeichnen, beibehalten würde, sich aber andrer¬ 
seits ebenso vor spitzfindigen Klügeleien und 
Emendationen hüten, welche das als „einfach“ 
gepriesene System wieder zu einem kompli¬ 
zierten gestalten. Die Vorschläge auf Seite 
228 f. des Bulletins sind ganz danach angethan, 
neue Verwirrung in die Sache zu bringen. 

Die kürzlich erschienene französische Aus¬ 
gabe der abgekürzten Deweyschen Tafeln ent¬ 
hält nun thatsächlich einige Verbesserungen, 
allerdings ein verschwindend kleiner Teil zu der 
Menge von Schematisierungen, die mit Recht 
angegriffen werden können. Schon in dem 
erstgenannten meiner diesbezüglichen Auf¬ 
sätze habe ich, und fast gleichzeitig mit mir 
verschiedene französische Gelehrte, wie Delisle, 
Funck-Brentano u. a., hervorgehoben, wie be¬ 
fremdlich es sei, dass während der „ameri¬ 
kanischen“ Litteratur der Rang einer Haupt¬ 
abteilung (881) eingeräumt sei, wie etwa der 
deutschen, französischen oder englischen, Li¬ 
teraturen wie die russische, polnische oder 
andere gewiss gleich bedeutende, erst in der 
vierten, ja fünften Unterabteilung erscheinen. 
Wenn die portugiesische Litteratur an die 
spanische, die rumänische an die italienische 
angegliedert werden konnte, um wie viel mehr 
erst die amerikanische an die englische, mit der 
sie ja doch durch die gemeinsame Sprache ver¬ 
bunden ist. Diesem augenfälligen Mangel der 


* Melvil Dewey „Decimal Classification and Relative Index for libraries, clippings, notes etc.“ 5** edition. Boston- 


London, Library Bureau 1894. Die erste Auflage von 1876 umfasst nur 42 Seiten. 

Von der französischen, in einzelnen Teilen erscheinenden, verbesserten Ausgabe liegen bisher vor, teilweise als 
Publikationen des Office International de Bibliographie: 

Classification döcimale: Table glnlrale des mille divisions principales.14 S. 

„ „ Tables g^ographiques glnlrales.8 S. 

»» ,, Tables m&hodiques et alphab^tiques de la Sociologie et du Droit (Edition 

fran$aise developp^e).80 S. 

ff fi Tables mlthodiques des Sciences mldicales.43 S. 

Classification dlcimale des Sciences militaires et navales (Von Gaston Moch bearbeitet) .... 44 S. 

Physiologie, Classification d^cimale. Index glnlrale. Paris, F. Alcan 1896.39 S. 

Classification döcimale pour les Sciences photographiques. (Projet de Classification developp£e . .. ) 11 S. 

Classification döcimale. Tables g£n£rales abrlgles.73 S. 


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Jellinek, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


207 


englischen Originaltafeln ist, wie es scheint, in 
der vorliegenden französischen Ausgabe bereits 
abgeholfen. Die dadurch frei werdende Ab¬ 
teilung 881 müsste entsprechend der korrespon¬ 
dierenden Abteilung 471 der Philologie, welche 
die „Vergleichende Sprachwissenschaft“ be¬ 
zeichnet, von der Vergleichenden Litteratur- 
geschichte eingenommen werden, einer Wissen¬ 
schaft, die heute nach Bedeutung und Umfang 
gewiss dringend einer Verzeichnung der ein¬ 
schlägigen Werke bedarf. Der unzeitige Lokal¬ 
patriotismus des Verfassers der Tafeln tritt 
auch anderwärts grell zu Tage. Man wird sich 
billig darüber wundem, dass in der Klasse 
„Geschichte“ Amerika zwei Abteilungen (997,998) 
einnimmt, Europa nur eine, dass Deutschland 
und Österreich in eine Unterabteilung zusammen¬ 
gedrängt sind (Deutschland mit seinen vielen 
Kleinstaaten, Österreich mit all den Kron- 
ländem!), während die Vereinigten Staaten von 
Nordamerika sieben solcher Teile umfassen, 
während Columbia, Bolivia, Peru, Neu-Guinea etc. 
je einen Teil für sich bildet Was dem prak¬ 
tischen Bedürfnisse einer amerikanischen Bi¬ 
bliothek, für die ja das System ausgearbeitet 
war (Dewey hat nie daran gedacht, ein inter¬ 
nationales Klassifikations-System zu schaffen), 
entspricht und genügt, kann aber unmöglich 
zugleich einem internationalen Repertorium in 
unveränderter Gestalt zu Grunde gelegt werden. 
So international, wie allgemein gepriesen, ist 
daher die Deweysche Dezimal-Klassifikation 
nicht Die Verteidiger derselben haben nun 
eingewendet, es sei ja ganz gleichgültig, an 
welcher Stelle irgend ein Land oder eine 
Disziplin eingereiht werde, wenn man nur im¬ 
stande sei, sie rasch und sicher zu finden, und 
wenn man einmal sich darüber geeinigt habe, 
dass die betreffende Zahl, z. B. 91(469), die 
Geographie Portugals für immer bezeichne. Da¬ 
durch, dass beispielsweise Norwegen erst an 
6., Venezuela an 5. Stelle stehe, solle ja durch¬ 
aus nicht ein Rang- oder Machtunterschied 
gekennzeichnet werden. Gewiss nicht Aber 
gegenüber verschiedenen Vorschlägen, welche 
von andrer Seite gemacht wurden, man möge 
dem Universalrepertorium die alphabetisch-sach¬ 
liche Anordnung zu Grunde legen, haben die 
Verteidiger der Deweyschen Tafeln immer her¬ 
vorgehoben, dass diese ein n System“ enthielten, 
in welchem das Zusammengehörige neben ein¬ 


ander zu finden sei, in welchem man immer 
vom Allgemeinen zum Besonderen, vom Ganzen 
zum Teil ausgehe, während bei alphabetisch¬ 
sachlicher Anordnung die Willkür des Alpha¬ 
betes naheliegende Gebiete trenne. Gerade 
eine systematische Anordnung fordert aber, dass 
die einzelnen Teile genau nach ihrer Wichtig¬ 
keit angeordnet werden, dass in den einzelnen 
Unterabteilungen der Parallelismus überall durch- 
gefiihrt sei, dass also Amerika als Weltteil genau 
denselben Rang (in einem bibliographischen 
Systeme natürlich) einnehme, wie Europa’, 
Australien und die übrigen Erdteile. Freilich 
könnte kein System der Welt allen Anforderun¬ 
gen in dieser Hinsicht genügen; aber auch er¬ 
füllbare zu befriedigen ist das Deweysche 
System noch weit entfernt. 

Zu gunsten dieses Systems spricht dagegen 
der Umstand, dass es in über hundert der 
grössten Bibliotheken Amerikas eingeführt und 
den vorzüglichen Katalogen dieser Bibliotheken 
zu Grunde gelegt ist. Da, wie allgemein be¬ 
kannt, die amerikanischen Bibliotheken die 
unseren nicht nur an Zahl, Grösse, Reichtum, 
Ausstattung, sondern auch durch vorzügliche 
Anlage und Verwaltung, insbesondere durch 
die, eine weitgehende Ausnutzung der Bücher¬ 
schätze ermöglichenden Realkataloge über¬ 
treffen, so muss dieser Umstand doch als ein 
gewichtiges Zeugnis für die praktische Ver¬ 
wendbarkeit der Deweyschen Tafeln gelten, 
wenn er auch nicht hinreicht, um im vorliegen¬ 
den Falle alle theoretischen Bedenken zu be¬ 
seitigen. 

Soll aber dieses Repertorium den Er¬ 
wartungen, die man an dasselbe stellt, wirk¬ 
lich entsprechen, so scheint es notwendig, eine 
Forderung stärker zu betonen, als es bisher 
der Fall war, nämlich betreffs der Systemati¬ 
sierung der Mitarbeiterschaft und einer bis ins 
kleinste ausgearbeiteten Arbeitsteilung. Bevor 
auch nur der erste Zettel für das Repertorium 
niedergelegt wird, muss diese vollendet sein. 
Die beiden Gründer des Office, Paul Otlet und 
La Fontaine, haben demselben ihre Sammlung 
von 400000 Zetteln, die soziologische Litteratur 
betreffend, zum Geschenke gemacht. Es kann 
trotz aller Anerkennung hierfür die Bemerkung 
nicht unterdrückt werden, dass selbst eine halbe 
Million und mehr Zettel für die geplante Welt¬ 
bibliographie von verhältnismässig geringem 


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208 


Jellinek, Eine Encyklopidie der Wissenschaften. 


Werte sind, wenn diese Sammlung nicht syste¬ 
matisch angelegt wurde, d. h. die Litteratur 
einer bestimmten Zeitperiode oder eines be¬ 
stimmten geographischen Bezirkes so voll¬ 
ständig erschöpft ist, dass jeder künftige Biblio¬ 
graph oder Mitarbeiter diesen Abschnitt ruhig 
übeigehen kann. Ja auch dann können diese 
Zettel nur unter der Voraussetzung in die ge¬ 
plante „Bibliographia Universalis“ aufgenommen 
werden, wenn sich die verarbeiteten Teile leicht 
und zweckmässig in den Gesamtplan der Ver¬ 
teilung einfugen. Was nützt es beispielsweise, 
wenn aus hundert Zeitschriftbänden alle philo¬ 
logischen Artikel ausgehoben sind; diejenigen 
Mitarbeiter, welche die litterarische Bibliographie 
zusammenstellen, werden alle Bände nochmals 
durchsehen müssen, und bei den schwankenden 
Grenzen zwischen Philologie und Litteratur wird 
es unvermeidlich sein, dass einzelne Aufsätze 
doppelt aufgenommen, andere ausgelassen 
werden. Aus den vorhandenen Bibliographien, 
sowie aus einigen besseren Auktions- oder 
Antiquariats-Katalogen lassen sich ja leicht in 
sehr kurzer Zeit einige hunderttausend Zettel 
zusammenraffen; allein gesetzt auch, dass man 
bestenfalls zwei Drittel des gesamten Materials 
damit erschöpft hat, die Sammlung des letzten 
Drittels der hierhergehörigen Litteratur ist fast 
nur vom Zufall abhängig und die endgültige 
Vollendung lässt sich daher gar nicht absehen. 
Nachdem das erste, leicht zugängliche Material 
verzeichnet wäre, könnte man Hunderte von 
Bibliothekskatalogen, Zeitschriftenserien etc. 
durchblättem, ohne auch nur einen Nachtrag 
zu finden. Und die bei solch nutzlosem Suchen 
aufgewendete Zeit ist nicht kürzer, als diejenige 
die zur systematischen Sammlung der Titel not¬ 
wendig gewesen wäre. Hundert und mehr Mit¬ 
arbeiter werden nur von geringem Nutzen sein, 
wenn 20 oder 30 Prozent ihrer Titelaufnahmen 
sich immer bereits im Repertorium vorfinden. 
Eine solche Verschwendung der Arbeitskraft, 
indem infolge mangelhafter Organisation die¬ 
selbe Arbeit unnötigerweise mehrfach geleistet 
würde, wäre sehr zu bedauern, zumal es nicht 
allzuschwer wäre, zu erreichen, dass durch genaue 
Abgrenzung der Arbeitsgebiete kein einziger 
Titel doppelt verzeichnet würde. Eine solche 
Abgrenzung einzelner nicht zu umfangreicher 
Teile bietet auch mehr die Gewähr der Voll¬ 
ständigkeit; und Vollständigkeit ist die unbe¬ 


dingte Hauptforderung , die man an die 
Universal-Bibliographie stellen muss. Wird diese 
Forderung nicht erfüllt, so ist der Wert der 
„Bibliographia Universalis" ebenso problema¬ 
tisch, wie der eines Kataloges einer Bibliothek, 
wenn es auch der Katalog der grössten Biblio¬ 
theken der Erde, der Bibliothdque Nationale zu 
Paris oder des British Museum zu London ist, die 
ja bei aller Reichhaltigkeit doch eben nur eine 
Auswahl aus den Bücherschätzen besitzen. Aus 
dem gleichen Grunde scheint es auch unthun- 
lich, wie beabsichtigt wird, die bestehenden 
Spezialbibliographien zur Grundlage dieser 
Encyklopädie zu machen. Denn wie schon 
früher erwähnt, ist keine einzige dieser Biblio¬ 
graphien absolut vollständig, und Mühe und 
Zeit, dieselben zu ergänzen, ist nicht nur nicht 
geringer, sondern wahrscheinlich auch be¬ 
deutender, als wenn Anlage und Ausführung 
nach einem feststehenden, einheitlichen Plane 
von Neuem begonnen würde. Eine Biblio¬ 
graphie kann Fehler, Irrtümer enthalten. Sollen 
diese blindlings, im Vertrauen auf die Zuver¬ 
lässigkeit oder in der Hoffnung auf spätere 
Berichtigung abgedruckt werden, oder will man 
sich bei jeder einzelnen Nummer über die 
Richtigkeit vergewissern? Um wie viel zeit¬ 
raubender dies ist, als eine ganz unabhängige 
Bearbeitung des Stoffes, ist klar. Nein! Wenn 
man schon entschlossen ist, ein Werk von so 
gewaltiger Ausdehnung zu schaffen, soll man 
nicht durch Bequemlichkeit und Lässigkeit die 
Brauchbarkeit desselben von vornherein wieder 
in Frage stellen. Das Repertorium soll jeder¬ 
mann die sichere Gewähr bieten, dass es ab¬ 
solut vollständig ist; da soll man nicht Kosten 
und nicht Mühen scheuen, dieses Ziel zu er¬ 
reichen. Mag die Ausführung auch doppelt so 
lange währen, der Preis sich vervielfachen, es 
scheint nicht zu teuer erkauft, wenn damit 
jene Gewähr geboten wird. Durchaus selb¬ 
ständig, auf Grund der Quellen, d. h. der 
existierenden Bücherschätze selbst muss die 
Arbeit geleistet werden; dann kann und wird 
sie gelingen und alle Anforderungen befriedigen. 
Die vorhandenen Kataloge und Bibliographien 
können nur zur Kontrolle der Vollständigkeit 
dienen. — 

Da diese Forderungen bisher noch nicht 
genugsam geltend gemacht wurden, schien es ge¬ 
boten, mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen. 


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Jellinek, Eine Encyklopädie der Wissenschaften. 


209 


Andere Einwände, die man gegen das 
Werk erhoben hat, richten sich von selbst 
Man hat vor allem es für unmöglich erklärt, 
diesen ungeheueren Stoff zu bewältigen. Tref¬ 
fend hat Paul Otlet in einem Aufsatze „Le 
Programme de rinstitut international de Biblio¬ 
graphie“ (in No. 2/3 des „Bulletin de lTnstitut 
international de Bibliographie“) darauf geant¬ 
wortet: „Wie? Die Menschheit, die die Kraft 
besessen, so viele Bücher und Schriften zu 
ersinnen und zu vervielfältigen, sie sollte heute 
nicht imstande sein, ihre eigene titanenhafte 
Arbeit wieder ins Gedächtnis zurückzurufen? 
»Keine Mühe', sagt Lessing in seinem »Leben 
des Sophokles', ,ist vergebens, die einem anderen 
Mühe ersparen kann. Ich habe das Unnütze 
nicht unnützlich gelesen, wenn es von nun an 
dieser oder jener nicht weiter lesen darf.' Ein 
schönes Wort und zugleich eine Devise für die 
Bibliographie. Grössere und schwierigere Werke 
sind durch Vereinigung und Arbeitsteilung ent¬ 
standen. So wird auch dieses Werk vollendet 
werden. Wenn auch nach der höchsten 
Schätzung 30 Millionen Zettel erforderlich 
wären zur Verzeichnung der gesamten Litera¬ 
tur bis Ende unseres Jahrhunderts, und von 
da ab für die laufende Literatur jedes einzelnen 
Jahres bei der gesteigerten Produktion je eine 
Million, so ist die Arbeit doch verschwindend 
gering mit der an manch anderen Werken des 
XIX. Jahrhunderts. Auch nur hundert ständige 
Mitarbeiter — eine Zahl, die in Wirklichkeit weit 
übeitroffen werden wird — angenommen, die 
sich ausschliesslich dem Dienst des Reper¬ 
toriums widmen, können in fünfundzwanzig bis 
dreissig Jahren die Verzeichnung der Litteratur 
bis 1900 vollenden, vorausgesetzt natürlich, das 
infolge des vorher ausgearbeiteten Planes weder 
Verzettelung der Arbeit, noch Wiederholung 
oder Stockung eintritt V' 

Auch die Kosten des Werkes sind durch¬ 
aus nicht hoch oder gar unerschwinglich, wie 
manche meinen, besonders im Vergleich mit 
den Summen, die alljährlich für andere öffent¬ 
liche Arbeiten wie Bauten, Strassen oder gar 


Heereserfordemisse verausgabt werden. Ein 
Hundertstel des jährlichen europäischen Militär¬ 
budgets würde genügen, sämtliche Kosten des 
Werkes zu decken und dasselbe in einer Auf¬ 
lage von 1000 Exemplaren unentgeltlich über 
die Erde zu verbreiten. Doch auch von dieser 
ja leider illusorischen Voraussetzung abgesehen, 
werden sich hinreichende Mittel zur Bestreitung 
der Kosten finden. Den Beitrag der einzelnen 
Regierungen der Kulturstaaten mit nur ein 
Frank auf je 500 Seelen angenommen, was für 
Deutschland die für den Etat eines Gross¬ 
staates geringfügige Summe von etwa jähilich 
65,000 Mk., für Österreich 40,000 fl. ergäbe, 
würde die staatliche Subvention insgesamt die 
Höhe von ungefähr einer Million Frank jähr¬ 
lich erreichen. Dazu nun die Beiträge wissen¬ 
schaftlicher Gesellschaften, die Unterstützung 
durch freigebige Förderer der Wissenschaft 
und das Erträgnis aus dem Verkaufe der Re¬ 
pertoriumszettel. Wohl jede Stadt mit 100,000 
Einwohnern wird ein solches Universal-Reper- 
torium zu erwerben trachten, das der allge¬ 
meinen Benutzung freigegeben werden soll. 
Alle grossen öffentlichen Bibliotheken, alle 
Universitäten etc. werden das ganze Reper¬ 
torium besitzen müssen, während Fachschulen, 
Fachbibliotheken, gelehrte Gesellschaften, wissen¬ 
schaftliche Anstalten und Institute den ihre 
Wissenschaft betreffenden Teil des Reper¬ 
toriums vollständig oder zum mindesten teilweise 
erwerben werden. Denn diese Zettel werden in 
Partien zu je tausend Zettel verkäuflich sein, 
so dass auch dem einzelnen Forscher oder 
Sammler Gelegenheit geboten ist, sich für 
irgend einen speziellen Gegenstand das Ver¬ 
zeichnis der gesamten darüber erschienenen 
Aufsätze und Werke zu erwerben. Der Preis 
für 1000 Zettel, der gegenwärtig mit 8 Frank 
angesetzt ist, wird sich vielleicht auf 5 Frank 
erniedrigen lassen, da ein Teil der Kosten 
durch die Beiträge gedeckt werden wird, so 
dass das vollständige Repertorium auf höchstens 
150,000 Frank, die jährliche Ergänzung auf 
5000 Frank zu stehen käme; das ist für eine 


* Die hierbei tu Grunde gelegte Rechnung ist folgende: Gesetzt, jeder einzelne könne bei täglich achtstündiger 
Arbeitszeit auch nur durchschnittlich fünfzig Titel verzeichnen, eine gewiss niedrig angenommene Zahl, wenn man 
bedenkt, dass von kürzeren Titeln dreissig und mehr in einer Stunde abgeschrieben werden können, und dass die 
oben geforderten weiteren Angaben, also über Recensionen, Gegenschriften etc. ja durch Zusammenlegen mehrerer 
selbständig aufgenommener Zettel entstehen, so wären dies bei hundert Arbeitern im Jahr zu 300 Tagen 1 x /a Millionen 
d. b. die erforderlichen 30 Millionen in zwanzig, höchstens dreissig Jahren. 

Z. t B. 27 


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210 


Bierbatun, Gedanken über Buchausstattung. 


Stadt von 100,000 Einwohnern, auf den Kopf darum, die Unterstützung aller Regierungen zu 
repartiert und die Zahlung der Anfangssumme, gewinnen und den detaillierten Plan der Aus¬ 
gemäss der Vollendung des Werkes auf 30 arbeitung und Organisation zu entwerfen, ehe 
Jahre verteilt, eine jährliche Steuer von 10 noch das Jahrhundert zur Neige geht, damit 
Centimes fiir die ersten dreissig Jahre und mit dem Glockenschlage des 1. Januar 1901 
dann nur 5 Centimes fiir die Folgezeit Und hüben und drüben Tausende von rührigen und 
da sollte das Werk nicht ein halbes Tausend zielbewussten Köpfen die gemeinsame Arbeit an 
Abnehmer finden? Die materielle Basis scheint dem Werke beginnen, das ohne Zweifel unter 
vollkommen gesichert, unter der Voraussetzung allen geistigen Werken des neunzehnten Jahr- 
wieder, dass das Repertorium den hohen, aber hunderts das bedeutendste und umfassendste, 
erfüllbaren an dasselbe zu stellenden Anforde- ebenso wie unter allen Aufgaben des nahenden 
rungen entspreche. Noch handelt es sich zwanzigsten Jahrhunderts die dringendste ist 


Gedanken über Buchausstattung. 

Von 

Otto Julius Bierbaum in Englar. 


as Wort stilvoll hat einen üblen Klang 
bekommen, denn es löst die Erinnerung 
an sehr billige Tapeziererkünste aus. 
n denkt dabei an jene nach der Schablone 
des musterkopierenden Kunstgewerbes zu¬ 
sammengestellten Zimmereinrichtungen, die, als 
wären sie zum Zwecke des Anschauungsunter¬ 
richtes fiir Kunstgewerbeschüler da, Stil reprä¬ 
sentieren, statt der Ausdruck eines persönlichen 
Wohnlichkeitsgefiihls zu sein. In Wahrheit ist 
es ein Missbrauch des Wortes, wenn man 
derlei stilvoll nennt Man dürfte höchstens 


stiltreu sagen. Zum Stilvollen bei Dingen des 
Gebrauches gehört, dass auch der Gebrauchende 
zum Stile passt, dass der Stil der Objekte ein 
Persönlichkeitsausdruck dessen ist, der sich 
ihrer bedient In diesem Sinne sollte man das 


Wort wieder zu Ehren bringen. 

Das gilt auch fiir die Buchausstattung nicht 
minder wie für die Zimmereinrichtung. 


In den Zeiten, die einen eigenen Stil hatten, 
war es fiir den Einzelnen leicht, stilvoll zu 
wohnen, oder, wenn er Bücher herausgab, sie 
stilvoll auszustatten. Stil und Mode waren 
eins. Jeder Tapezierer, Tischler, Weber, 


Töpfer, jeder Drucker wusste, woran er sich 
zu halten hatte. Und alle Welt passte in 
diesen Stil hinein. Wie deckt sich der Inhalt 
von Büchern aus der Renaissance, aus dem 
Rokoko mit dem Schnitt ihrer Typen, mit der 
Anordnung des Satzes, mit dem Duktus der 
Illustrationen, der Vignetten! Alles aus einem 
Gusse, alles in einem Zuge! Darum wirken 
die Bücher als solche künstlerisch, und der 
heutige Liebhaber sammelt sie als Kunstwerke. 
Dabei kommt dieser Umstand des Stilvollen 
aber auch der Wirkung des Gehaltes sehr zu 
gute. Man braucht nur einmal den Versuch 
zu machen und so ein Buch zunächst in 
einer Originalausgabe und dann etwa in einem 
heutigen Nachdruck der Reclam-Bibliothek zu 
lesen. 

Unsere Zeit hat noch keinen persönlichen 
Stil, aber die künstlerischen Persönlichkeiten 
unserer Zeit, schaffende wie geniessende, sind 
jetzt von der Sehnsucht nach einem Stil er¬ 
griffen. Die Periode der vollkommenen Gleich¬ 
giltigkeit in diesem Punkte, der nackten 
Nüchternheit ist vorüber. Die „stilvollen“ 
Kopieen der historisch kompilierenden Epoche 
zeigten diese Sehnsucht in ihren Anfängen. 
Jetzt ist sie gross geworden und will selber 
zeugen. Zu diesem Zwecke knüpft sie recht 


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Bierbaum, Gedanken über Buchausstattung. 


211 


flatterhaft Verhältnisse bald da, bald dort an, 
und man mag manchmal bedenklich werden, 
wenn man sieht, was für Mondkälber sie dabei 
hervorbringt, Bastarde und Mischlinge von zu¬ 
weilen ungeheuerlicher Herkunft, Japan halb, 
halb Biedermeier, und noch erstaunlichere 
Kreuzungen. 

Trotzdem wollen wir froh sein, dass, wie 
Uhlands Graf Rauschebart sagt „der Fink wieder 
Samen hat“ Schliesslich wird es auch wieder 
eine Rasse geben. Selbst die tollsten Mischungen 
sind besser als Sterilität, und alles Geschaffene 
wirkt schliesslich mit zum guten Ganzen. 

Wir dürfen überhaupt zu strenge nicht sein, 
weil ja keiner von uns bereits das Heil besitzt 
Im Kochtopf tanzen die Klöfse wunderlich; wir 
fischen uns den heraus, der uns behagt, wollen 
aber darum die andern nicht verwerfen. 

Aber eines kann auch von uns verlangt 
werden: wir dürfen fordern, dass wenigstens 
innerhalb jedes Einzelfalles Einheitlichkeit des 
Stiles, der im Übrigen selber sein mag wie er 
wolle, gewahrt wird. Mag der Büchermarkt 
im Ganzen ein Bild des stilfuhrenden Chaos 
unsrer Zeit sein, das einzelne Buch soll für 
sich stilvoll sein. Sonst hat es keinen An¬ 
spruch darauf, ästhetisch ernsthaft genommen 
zu werden. 

In diesem Punkte geschehen bei uns greu¬ 
liche Dinge. 

Mehr und mehr empfinden auch deutsche 
Verleger, dass es zeitgemäss ist, den Büchern 
Schmuck und ästhetische Gestalt zu verleihen. 
Sie fangen an, Zeichner ftir sich zu beschäftigen 
und auf den Schnitt der Typen zu achten, die 
sie verwenden. Aber nun möchten sie am 
liebsten gleich in jedem Buche, das sie „modern 
ausstatten 44 , ihren ganzen Apparat spielen lassen. 
Was irgendwie gutes an Leisten, Vignetten, 
Schlussstücken in ihrem Besitz ist, soll mög¬ 
lichst überall figurieren. Wie der Konditor 
Zucker über eine Torte siebt, streuen sie über 
ihre Bücher, was sie irgend Schönes haben, 
nur, dass ihr Sieb grössere Löcher hat, als das 
des Zuckerbäckers. Aber so geht das wirklich 
nicht Ein schmuckloses Buch ist besser, als 
ein ohne Wahl mit Schmuckstücken bestecktes 
Buch. Schöne Bücher improvisiert man nicht 
Es gehört ruhiger Kunstverstand, nicht geringe 
Überlegung und eine Mühewaltung dazu, die 
auch dem kleinsten Aufmerksamkeit schenkt 


Ich möchte einige Grundsätze hier auf¬ 
stellen, von denen ich glaube, dass ihre Be¬ 
achtung im allgemeinen vor den gröbsten 
Missgriffen bewahrt 

Selbst der Elementarsatz muss dabei wieder¬ 
holt werden, dass Ausstattung und Gehalt 
wesenseins sein müssen. Wenn sich ein reich¬ 
gewordener Metzger im Geschmacke der eng¬ 
lischen Ästheten einrichtete und seine massige 
Fülle, sein wetterderbes Backenrot zwischen 
den fahlen Farben alter, mit Legendenmotiven 
bestickten Webereien präsentierte, so würden 
wir das nicht ganz harmonisch finden, und so 
lächerlich es wäre, es würde uns doch weh 
thun; aber in Büchern begegnet uns ähnliches 
oft genug, und man kann dann in den Zei¬ 
tungen lesen: Besondere Sorgfalt hat die Ver¬ 
lagshandlung der Ausstattung des Buches ge¬ 
widmet 

Noch häufiger ist der Fall, dass zwar im 
Ganzen der Zusammenklang von Text und 
Schmuck vorhanden ist, dass er aber plötzlich 
sinnlos durch einen fremden Ton unterbrochen 
wird. Diese Fälle sind weniger krass, aber 
immer noch schlimm genug. 

Es sollte im allgemeinen der Schmuck 
eines Buches immer nur von einem, sorgsam 
für den jeweiligen Zweck ausgewählten Künstler 
hergestellt sein; von mehreren nur dann, wenn 
diese so zusammenstimmen, dass sie wenigstens 
nicht offensichtlich auseinandergehen. 

Zu dieser Forderung gehört die weitere, 
dass die Technik des Schmuckes durch das 
ganze Buch hin gleichmässig sei. Wenn im 
allgemeinen ein zarter Strich herrscht, so wirkt 
alles Derbe daneben plump und klecksig, und im 
umgekehrten Falle ist die Wirkung nicht besser. 

Vor allem muss der Duktus der Zeich¬ 
nungen zum Schnitte der Typen passen. Feine 
Linienführung inmitten dicker Schwabacher 
Lettern ist ein Unding, desgleichen eine derbe 
Holzschnitttechnik zwischen einer zarten Elze¬ 
vierschrift. 

Bildnerischer Schmuck darf nie blos Füllsel 
sein. Möglichst immer soll er zugleich einen 
ästhetischen Zweck und eine Sinndeutung haben, 
zum mindesten aber einen ästhetischen Zweck. 
Die „eingestreuten 44 Zierstücke sind nicht blos 
überflüssig, sondern auch störend. 

Die Art, wie der zeichnerische Schmuck im 
Text angebracht ist, muss durchgehends den 


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212 


Bierb&nm, Gedanken über Buchausstattung. 


gleichen Geschmack zeigen. Er sei entweder 
streng symmetrisch oder frei kapriziös. Beide 
Manieren gemischt wirken immer unerquicklich. 

Dass man nicht ohne besondere Absicht 
verschiedene Schriften oder verschiedene Grade 
einer Schrift durcheinander mischen soll, er¬ 
scheint selbstverständlich. Man findet aber 
noch oft genug, dass dagegen gefehlt wird. 
Besonders häufig sieht man unpassende Ini¬ 
tialen, die von der Textschrift hart abstechen, 
und dass der Schnitt der Ziffern nicht zum 
Schnitt der Buchstaben passt, ist beinahe die 
Regel, ganz davon zu schweigen, dass die 
Titelblätter verkehrter Weise fast immer in 
anderen Typen gesetzt werden als der Text 
Im Grunde genommen ist dieses Zusammen¬ 
tragen verschiedener Schriften ein Ausfluss 
desselben unfeinen Geistes, der, weil er durch 
die Masse wirken möchte, unzusammenhängende 
Zierstücke über ein Buch ausstreut 

Meine Ausführungen im ersten Hefte des 
„Pan", in denen für Verwendung verschiedener 
Typen in einer Zeitschrift plaidiert wird, und 
die dementsprechend gestaltete typographische 
Ausstattung der ersten drei Hefte jenes Blattes 
sind nicht einer Verkennung dieses für das 
Buch selbstverständlichen Grundsatzes ent¬ 
flossen, sondern vertreten die Anschauung, dass 
zwischen Buch und Zeitschrift auch in dieser 
Hinsicht ein wesentlicher Unterschied besteht 
Eine Zeitschrift, da sie nicht eine, sondern viele 
Persönlichkeiten vorstellt, kann in meinem Sinne 
nicht durchgehends einen Stil zeigen, wenigstens 
nicht in unserer Zeit der Stilzerklüftung. So 
kam ich auf den redaktionell sehr unbequemen 


Modus, jeden einzelnen Beitrag möglichst für 
sich abzusondem und in sich sowohl typo¬ 
graphisch wie dekorativ eigens zu behandeln. 
Dass damit der Gesamteindruck der Hefte ge¬ 
schädigt würde, war mir klar, aber mir schien 
dies, so fatal es mir war, bei einer auf Ver¬ 
tretung des Persönlichen in der Kunst zuge¬ 
schnittenen Zeitschrift von verhältnismässig 
geringerem Belang, als es eine äussere Uni¬ 
formierung von dichterischen Erzeugnissen ge¬ 
wesen wäre, die auf individuellste Eigenart 
ausgesucht waren. Als schliessliche Lösung 
dieses Zwiespalts erschien meinem Freunde 
Meier-Graefe und mir die Aufstellung der Regel, 
künftighin immer nur Hefte innerlich verwandter 
dichterischer Wesenart zusammenzustellen, die 
es erlaubte, auch äusserlich Einheitlichkeit 
in geschmackvoller Form walten zu lassen. 

Alle diese Grundsätze sind so Idar und 
liegen so deutlich im Wesen des Gegenstandes, 
und sie alle sind daher in jeder guten Epoche 
so unfehlbar befolgt worden, dass man sich 
fast scheut, sie besonders zu formulieren. 
Aber: man mustere nur heutige Bücher und 
gerade solche, die Anspruch auf ästhetische 
Bewertung machen, und man wird finden, dass 
es nicht überflüssig ist, auf sie hinzuweisen. Es 
ist vieles in Vergessenheit geraten, was ehedem 
selbstverständlich war, und der künstlerische 
Instinkt, den zu Zeiten Dürers vielleicht jeder 
Setzergehilfe besass, lebt heute nicht mehr im 
Buchgewerbe, obgleich zu unserer Freude künst¬ 
lerische Intentionen wieder wach werden. 



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Kritik, 


Der Kursächsische Hofiuchbinder Jakob Krause . 
Von Dr. K Berling , Direktorial-Assistent am kgl. 
Kunstgewerbemuseum in Dresden, Dresden, Druck 
und Verlag von Wilhelm Hoflmann 1897. 18 S. 

12 Tafeln. 

Jakob Krause, mit dem sich diese verdienst¬ 
liche Veröffentlichung beschäftigt, ist zunächst als 
kursächsischer Hofbuchbinder wieder bekannt ge¬ 
worden, als Petzhold 1844 in seinen „Urkund¬ 
lichen Nachrichten zur Geschichte der sächsischen 
Bibliotheken“ Krauses beide Bestallungen am säch¬ 
sischen Hofe veröffentlichte. Dann wird er als ein 
geschickter Buchbinder, der 1566 nach Dresden 
berufen wurde, um des Kurfürsten und seiner Ge¬ 
mahlin Bücher angemessen einzubinden, erwähnt 
in v. Webers Buch „Anna Churfürstin zu Sachsen“ 
(Leipzig 1865). Seitdem aber ist er durch Richard 
Steches verdienstliche Schrift „Zur Geschichte des 
Bucheinbandes“ (Leipzig 1878) in weiteren Kreisen 
der Bücherfreunde derartig bekannt geworden, dass 
er in einer geschichtlichen Betrachtung über deutsche 
Buchbinder wohl kaum mehr fehlen wird. Indes 
Steche vermochte nur einen einzigen Einband der 
königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden mit 
Sicherheit auf Krause zurückzuführen. Da wurde 
Dr. Berling im vorigen Jahre auf eine Reihe von 
Forstzeichenbüchem des Kurfürsten August L von 
Sachsen aufmerksam gemacht, die sich im kgl 
sächs. Hauptstaatsarchiv befinden und die sich 
durch ihre technisch wie künstlerisch gleich vor¬ 
züglichen Einbände auszeichnen. Es sind nicht 
weniger als 56 meist tadellos erhaltene Einbände 
und 43 Kapseln dazu. Berling erkannte sie bald 
als Werke des kurfürstlichen Hofbuchbinders 
Jakob Krause, und dieser Entdeckung verdanken 
wir es, dass unsere Kenntnis Krauses und seiner 
Arbeiten in ganz ungeahnter Weise erweitert worden 
ist Dr. Berling verzeichnet in seinem oben an¬ 
geführten neuen Werke nicht weniger als 170 Ein¬ 
bände, die grösstenteils mit voller Sicherheit als 
von Krause hergestellt bezeichnet werden müssen. 
Berling giebt im Texte seiner Schrift über Krause 
zunächst Mitteüungen über die Entwickelung des 
Bucheinbandes nach der Erfindung des Buchdrucks, 
welche im Verein mit der Renaissance - Kunst¬ 
bewegung die Blütezeit der Buchbinderkunst im 
XV. und XVL Jahrhundert hervorrief Dann schil¬ 
dert er die Bedeutung des kursächsischen Hofes 
für die Buchbindekunst Augsburg und Nürnberg, 
die Geburtsstätten Holbeins und Dürers, gelten mit 
Recht als die Vororte der deutschen Renaissance, 
und es lässt sich annehmen, dass die neue Art 
der Buchverzierung, wie sie die Renaissance mit 
sich brachte, schon frühzeitig in Augsburg bekannt 
geworden und von den dortigen Buchbindern auf¬ 
genommen worden war. Indes wird nach Berlings 
Darlegung die Hauptbethätigung der Buchbinde¬ 


kunst in der deutschen Renaissance nicht eigentlich 
hier, sondern am kursächsischen Hofe zu Dresden 
und zwar durch den Kurfürsten August (1553—86), 
also durch einen Bücherliebhaber, hervorgerufen. 
August zeichnete sich überhaupt durch rege Teü- 
nahme und nicht geringes Verständnis für die 
meisten Gebiete des gewerblichen und künstle¬ 
rischen Lebens seiner Zeit aus. Schon im Jahre 
1556 begann er Bücher zu sammeln und zwar aus 
den verschiedensten Gebieten in deutscher wie 
in lateinischer, französischer und englischer Sprache. 
Seine Bibliothek bestand im Jahre 1574 aus 1721, 
im Jahre 1580 schon aus 2354 Bänden, die später 
zum grössten Teile der Königlichen öffentlichen 
Bibliothek in Dresden einverleibt worden sind. 
Dorthin kam auch die Bibliothek der Kurfürstin 
Anna, die 438 Bände umfasste. Im Jahre 1568 
liess Kurfürst August in Dresden eine eigene Hof- 
buchdruckerei errichten, in der er verschiedene, 
besonders wirtschaftliche Schriften drucken liess. 
Schon 1566 aber hatte er aus Augsburg den be¬ 
rühmten Buchbinder Jakob Krause an seinen Hof 
berufen, der bereits früher für ihn zu seiner grössten 
Zufriedenheit gearbeitet hatte. Krause stammt 
wahrscheinlich aus Zwickau in Sachsen (in dem 
Vermerk über seine Vereidigung als Dresdner 
Bürger wird er Jakob Krause „von Zwickaw“ ge¬ 
nannt). Er war von Mitte des Jahres 1566 
bis etwa 1585 — in welchem Jahre er vermutlich 
starb — mit ganz wenigen Ausnahmen nur für den 
Kurfürsten August und dessen Hofhaltung thätig. 
Er hat zugleich sozusagen die Stelle eines Biblio¬ 
thekars versehen, denn er musste die zur Ver¬ 
mehrung der Bibliothek nötigen Bücher auf der 
Leipziger Messe mit „aussehen und erkauften 
helffen.“ Bis 1578 hat nur Krause für den Hof 
gebunden. Dann erst tritt neben ihm Kaspar Meuser 
selbständig als Hofbuchbinder auf. Berling glaubt 
daher wohl mit Recht annehmen zu müssen, 
dass die Einbände sämtlicher Bücher aus dem 
Besitz des Kurfürsten August und seiner Gemahlin, 
soweit ihre Anschaffung in die gedachte Zeit fällt 
und soweit sie nicht gleich gebunden von auswärts 
bezogen worden sind, auf die Thätigkeit Krauses 
zurückgeführt werden müssen. Die Einbände, die 
Berling dem Jakob Krause zuweist, sind mit J. K. 
bezeichnet, und zwar sind diese Buchstaben ent¬ 
weder einer bestimmten Heiligenfigur oder einem 
Krug, aus dem Blumen hervorragen, beigedruckt 
Derselbe Krug mit den beiden Buchstaben findet 
sich auf Krauses Siegel — als redendes Wappen, 
denn Kraus oder Krause bedeutete in damaliger 
Zeit soviel wie ein thönemer oder gläserner oben 
enger werdender Krug. 

Das Hauptverdienst Krauses besteht nun darin, 
dass er die mit Bogenstempeln, Deckplatten und 
Fileten und zwar in Vergoldung verzierten Einbände 


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214 


Kritik. 


in Sachsen eingeführt hat Krause selbst rühmt 
sich gelegentlich, dass er Bücher in deutscher, 
französischer und welscher Art binden könne, eine 
Thatsache, die für so wichtig und ungewöhnlich 
gehalten wurde, dass sie in seine zweite Bestallung 
mit aufgenommen worden ist Unter deutscher 
Weise ist zu verstehen das Einbinden in Schweins¬ 
oder Kalbleder, wobei die Einbände mit Streich¬ 
eisen, Stempeln und Rollen im Blinddruck verziert 
werden. Das war die alte in Sachsen bekannte 
Verzierung. Wie aber französische und welsche 
Einbindung — in der Bestallung heisst es „vf 
Teutszch, Frantzosisch oder Welsch“ einbinden — 
unterschieden worden sind, erscheint nach Berlings 
Darlegung nicht recht klar. Man könnte daran 
denken, dass die Stempel der italienischen Leder¬ 
bände aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts 
wohl volle Goldflächen oder unausgefüllte Gold¬ 
konturen, aber niemals die für die französischen 
Stempel charakteristische Schraffierung (fers azur£s) 
zeigen, dass also Krause sagen will, er kenne auch 
die fers azur£s, was ja in der That der Fall ist 
Die genannten Neuerungen Krauses sind das viel¬ 
fältige Färben des Leders, die Anwendung der 
Vergoldung und Versüberung und neben dem 
Rollendrucke auch der Druck mit Bogenstempeln, 
Füeten und Platten, während in Bezug auf die Ver¬ 
zierungen zu bemerken ist, dass nunmehr die Figur, 
besonders die Heiligenfigur gegen das rein Orna¬ 
mentale, vor allem gegen die Arabesken bedeutend 
zurücktritt 

Von den 170 Bänden und Kapseln, die Berling 
auf Krause zurückführt, gehören 102 dem kgl sächs. 
Hauptstaatsarchiv zu Dresden an, 58 der kgl öffent¬ 
lichen Bibliothek, zwei dem kgl. Kupferstichkabinet, 
einer der Barbierinnung daselbst (Innungsartikel 
von 1566). Je einen besitzt das Hamburgische 
Museum für Kunst und Gewerbe und der Börsen¬ 
verein der deutschen Buchhändler in Leipzig, drei 
bewahrt das South Kensington Museum in London. 
Namentlich die Einbände und Kapseln des kgL 
sächs. Hauptstaatsarchivs sind zum Teil in ihrer 
Erhaltung so vorzüglich, als wären sie erst gestern 
aus der Hand des Buchbinders hervorgegangen. 
Sie büdeten, während sie im vorigen Winter im 
kgl Kunstgewerbemuseum ausgestellt waren, das 
Entzücken aller Bücherfreunde Dresdens. Ein 
Dutzend davon sind in dem Berlingschen Buche 
in trefflichem Lichtdruck abgebüdet worden. 

Berling wirft schliesslich die Frage auf, wer 
wohl die Rollen, Filete und Platten für Jakob 
Krause gefertigt habe, und er glaubt hierfür den 
Schwertfeger und Eisenschmidt Thomas Rückart 
in Augsburg, der kurze Zeit in Dresden lebte, in 
Anspruch nehmen zu dürfen. Diesem würde dann 
ein Teü des Verdienstes gebühren, die neue orien- 
talisierende Art, welche von Italien und Frankreich 
herübergekommen war, die reichen und anmutigen 
Golddruckverzierungen auf den Bucheinbänden auch 
in Sachsen bekannt und beliebt gemacht zu haben. 

Berlings Buch büdet eine sehr wesentliche Er¬ 


gänzung zu Steches Mitteüungen über Jakob Krause. 
Schon der Abbüdungen wegen werden die Kunst¬ 
freunde es sich nicht entgehen lassen dürfen. 

Dresden-Blasewitz. Paul Schumann. 

* 

Die Sangesweisen der Colmarer Handschrift und 
die Liederhandschrift Donaueschingen. Heraus¬ 
gegeben von Paul Runge. Leipzig 1896, Breit¬ 
kopf & Härtel 

Unsere Zeit lebt im Zeichen der Erforschung 
der Naturgesetze und der Wiederbelebung alter 
Kunstwerke. In der Malerei, Bildhauerei, Baukunst 
und Dichtung ist man schon seit langer Zeit be¬ 
müht, die Leistungen älterer Perioden durch Re¬ 
produktionen und Galerien der Gegenwart wieder 
vor Augen zu führen und den Geschmack fürs 
Edele und Hohe zu büden und empfänglich zu 
machen. Die Musik, als jüngste der Künste, hat 
vieles nachzuholen, denn erst im XVL Jahrhundert 
errang sie sich die Stellung einer Kunst neben den 
andern Künsten und schritt in ihrer Entwickelung 
von einer umwälzenden Periode zur andern so 
langsam vorwärts, gleichsam dreimal von vom be¬ 
ginnend, dass wir erst seit der Mitte des XIX. Jahr¬ 
hunderts uns nach und nach einen deutlichen 
Begriff ihrer Entwickelung erworben haben. Es 
hat nicht an Unternehmungen einzelner Nationen 
gefehlt, die alten Kunstwerke der Musik durch 
neue Auflagen in unserer heutigen Notierung wieder 
bekannt zu machen; es haben sich besonders die 
Engländer von je her dadurch ausgezeichnet, die 
alten Kunstwerke des XVL und XVII. Jahrhunderts 
in Einzeldrucken und in Sammlungen wieder zu 
beleben, doch blieben es stets vereinzelte Versuche, 
die bald wieder in Vergessenheit versanken. Erst 
der Neuzeit blieb es Vorbehalten, die Entwickelung 
der Musik durch eifrige und umfassende Quellen¬ 
forschung, jede Periode der Musik seit den Zeiten 
der Griechen zu erforschen und in epochemachen¬ 
den Werken die Resultate niederzulegen. Frank¬ 
reich gebührt darin der Vorrang; die Deutschen 
kamen langsam, aber in gründlicher Weise erst 
nach. Das kleine Häuflein Verehrer der älteren 
Kunstepochen vermehrte sich Zusehens, und heute 
wetteifern alle europäischen Völkerschaften, die 
alten Meisterwerke durch Neuausgaben, ja sogar 
Gesamtausgaben, der gebüdeten Welt wieder zu¬ 
gänglich zu machen. Der Spanier Philippo Pedrell 
giebt seit wenigen Jahren eine „Hispaniae schola 
musica sacra“ heraus. Belgien bringt die Gesarat- 
werke Gr£trys, Frankreich rüstet sich, seinen Rameau 
in einer Gesamtausgabe wieder neu zu beleben, und 
Henry Expert giebt alle Jahre ein altes, längst ver¬ 
schollenes französisches Kunstwerk heraus. England 
bringt eine Neuausgabe Henry Purcells; Oesterreich 
vereinigt in einem grossartig angelegten Sammel¬ 
werke die „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“; 
die Niederlande veröffentlichen jährlich ein Ton¬ 
werk der nordniederiändischen Meister, und Deutsch- 


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Kritik. 


215 


land, welches stets international empfindet und 
handelt, hat nicht nur eine Gesamtausgabe seiner 
klassischen Meister bereits fertiggestellt, Bach, 
Händel, Schütz, Mozart, Beethoven, sondern auch 
Palestrinas Werke in einer Musterausgabe veröffent¬ 
licht Besonders verdient hat sich aber die Gesell¬ 
schaft für Musikforschung durch ihre Ausgaben 
alter Werke gemacht Hier sind nicht nur alte 
theoretische Werke, wie Schlicks „Spiegel der Orgel- 
macher* ‘ und dessen „Orgelbuch“, Virdungs „Deutsche 
Musica“ 1511, Martin Agricolas „Musica instru- 
mentalis“ 1529, Prätorius* „Syntagma“, 2. Band 
1618, Glareans „Dodecachord“ in deutscher Über- 
setzimg 1547 neu veröffentlicht, zum Teü im Facsi- 
mfle, sondern auch viele praktische Musikwerke 
aus allen Fächern der Kunst und den verschie¬ 
densten Zeiten, wie 5 starke Bände alte Opern 
von 1600—1750, Italiener, Franzosen und Deutsche 
enthaltend, alte mehrstimmige Liederbücher, wie 
das Oeglinsche von 1512, das Ottsche von 1544, 
Heinrich Finck von 1536, Hasslers „Lustgarten“ von 
1601 und manches andere. Doch man hat auch 
noch weiter zurückgegriffen und die alten ein¬ 
stimmigen gregorianischen Choralgesänge durch 
Entzifferung der einstigen Neumennotation und 
durch lithophotographische Wiedergabe der Ori¬ 
ginale ein weites Feld der Erforschung eröffnet 
Frankreich und England wetteifern durch Her¬ 
stellung der kostbarsten Drucke. Anschliessend 
an diese letzteren Veröffentlichungen sind in jüng¬ 
ster Zeit zwei einstimmige, halb geistliche, halb 
weltliche Liederbücher aus dem Mittelalter, dem 
sogenannten Meistergesänge, reproduziert worden: 
die Jenaer Liederhandschriß , deren treffliche, bei 
F. Strobel in Jena erschienene Facsimilierung in 
diesen Heften bereits besprochen worden ist — 
und das Colmarer Liederbuch , das hier eine ein¬ 
gehendere Würdigung erfahren solL 

Das „Colmarer Liederbuch“ enthält zugleich einen 
Teü der Donaueschingener Liederhandschrift, so¬ 
weit dieselbe mit der Colmarer Handschrift nicht 
übereinstimmt Erstere rührt grösstenteils aus dem 
XV. Jahrhundert her und ist, wenn auch mit Sorg¬ 
falt, dennoch in der Schriftart der damaligen Zeit, 
oft recht eng und jeden Raum benutzend, ge¬ 
schrieben und bietet dem Lesenden gar manche 
Schwierigkeit, so dass selbst Fachmänner über man¬ 
ches Wort nicht einig sind. Auch die Notenschrift, 
die in der deutschen Choralnote geschrieben 
ist, welche noch manche Eigentümlichkeit mit der 
älteren Neumenschrift gemein hat, bietet trotz ihrer 
ziemlich deutlichen Niederschrift selbst dem Ein¬ 
geweihten manche Schwierigkeit All diese Um¬ 
stände geboten ein anderes Verfahren als bei der 
Jenaer Handschrift, und der Herausgeber hat ganz 
richtig gehandelt, den Text mit den heutigen goti¬ 
schen Schriftzeichen setzen zu lassen und die Noten 
mit der römischen eckigen Choralnote zu vertau¬ 
schen, die unserer Viertelnote in der Form noch 
am nächsten kommt Da aber das Original noch 
mancherlei Varianten aufweist, die, wie man glaubt, 


Verzierungen, d. h. Vorschläge, Pralltriller, Doppel¬ 
schläge u. a. bedeuten, so hat der Herausgeber 
dafür ein der Choralnote ähnliches Zeichen mit 
schrägen Strichen nach oben oder unten gewählt, 
deren Bedeutung er im Vorworte erklärt und durch 
Beispiele erläutert Verschiedene facsimüierte Tafeln 
geben ein getreues Abbüd, wie die Handschrift 
aussieht Sie umfasst mehr als 132 Lieder, denn 
mehrere Nummern sind durch a und b getrennt, 
die sich dann auf die Donaueschinger Handschrift 
beziehen. Beide Handschriften enthalten Lieder 
von Frauenlob, Kanzler, Lesch, dem Mönche von 
Salzburg, Peter von Sachsen, Reinmar von Zweter, 
Meister Ancker, Graf Peter von Arberg, dem starken 
Boppe, Brannenberger, Clingesor, Tannhäuser, 
Erenbott, Wolfram von Eschenbach, im Tone des 
Kanczlers, Kunrad von Würzburg, lieben, Murner, 
Meister Meffryd, Michsener, Millich von Prag, 
Muscatblüt, Nytharcz (Nithart), Peter von Richen¬ 
bach, Regenbogen, Meister Rumsland, Meister 
Suchensin, Frider von Suneburg, Walther von der 
Vogelweide und Zwinger. — Die Handschrift hat 
mancherlei Irrfahrten gemacht, ehe sie in den 
sicheren Hafen der kgl Staatsbibliothek in Mün¬ 
chen gelangt ist, und der Herausgeber geht ihren 
jeweiligen Besitzern mit diplomatischer Untersuchung 
nach, die teils auf Einschreibungen in die Hand¬ 
schrift selbst beruhen, teils auf Bemerkungen, die 
sich in anderen Handschriften befinden. Auch über 
die Notenniederschrift giebt er einen ausführlichen 
Bericht, so dass der Neudruck in jeder Hinsicht 
eine Bereicherung unseres Wissens anstrebt und 
zugleich einen Schmuck unseres Druckverfahrens 
büdet, den die Verlagshandlung und Druckerei 
von Breitkopf & Härtel in Leipzig ausgeführt hat 

Der Inhalt besteht aus Liebesliedern, Natur¬ 
liedern, die besonders den Monat Mai besingen, 
und geistlichen Liedern zur Verherrlichung der 
Mutter Maria als reine Jungfrau. Manche der¬ 
selben müssen weit zurückreichen. So befindet 
sich Seite 20 ein Lied, welches vom Diskantieren 
in Oktaven und Quinten spricht, welches bis ins 
12. Jahrhundert zurückreichen muss, denn zu der 
Zeit und noch früher diskontierte man, d.h. man 
sang mehrstimmig in Quinten und Oktaven. Die 
Melodien schliessen sich eng an den katholischen 
Choralgesang an, der keine Takteinteilung kennt; 
der Wortaccent bestimmt die Längen und Kürzen. 
Damit steht auch die Formlosigkeit in Verbindung. 
Es ist ein recitativartiges Singen in Hebung und 
Senkung der Stimme. 

Templin. Lob. Eitner. 

.« 

Schillers Briefe. Herausgegeben und mit An¬ 
merkungen versehen von Fritz Jonas. Kritische Ge¬ 
samtausgabe. Bd. I—VII. Stuttgart, Leipzig, Berlin, 
Wien. Deutsche Verlags-Anstalt. 

Eine Ausgabe sämtlicher Schülerscher Briefschaften 
existierte bisher noch nicht; ein Versuch dazu war vor 


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216 


Kritik. 


Jahren gemacht worden, erwies sich aber als durchaus 
misslungen. Nur einzelne Sammlungen von Briefen 
Schillers mit verschiedenen Correspondenten, mit 
Goethe, Körner, Fischenich, Charlotte von Lengefeld 
u. s. w. waren erschienen, entbehrten aber meist der 
kritischen Sichtung. Vorarbeiten zu einer Gesamt¬ 
ausgabe hatte schon Anfang der sechziger Jahre Ober¬ 
lehrer Dr. Kuhlmey begonnen. Auf seinen Kollek* 
taneen hisste Robert Boxberger, aber auch diesen 
verdienten Forscher rief der Tod ab, ehe er zur Aus¬ 
arbeitung des Planes kam. Boxberger selbst hatte 
gewünscht, dass Dr. Jonas die Arbeit vollenden möge. 
Dass Dr. Jonas sich ausserordentlich gut für die Sichtung 
und kritische Glossierung des Materials eignen würde, 
liessen frühere Veröffentlichungen ähnlicher Art aus 
seiner Feder als wahrscheinlich erscheinen. Und Box¬ 
berger hat sich in der That nicht getäuscht In erster 
Linie ist Jonas bei der Redaktion des Werkes mit 
peinlichster Gewissenhaftigkeit vorgegangen; wo es 
irgendwie anging, haben ihm die Originalschriftstücke 
Vorgelegen, bei Abschriften und Abdrucken wurde 
deren Zuverlässigkeit penibel geprüft Die Besitzer von 
Autographen Schillers und dessen bekannte Biographen, 
Minor, Weltrich u. a., die grossen Bibliotheken wie 
private Sammler haben den Herausgeber eitrigst unter¬ 
stützt, so dass das grosse Werk, soweit es bei einer 
derartigen Publikation überhaupt möglich ist, Anspruch 
auf fehlerfreie Vollständigkeit erheben kann. 

Dass der Herausgeber seine Anmerkungen und 
Glossen nicht unter den Seitentext setzen liess, wird 
dankbar empfunden werden. Ganz abgesehen davon, 
dass diese Sitte oder Unsitte das schmucke Druckbild 
des Ganzen in hässlicher Weise stört, ist sie auch ge¬ 
eignet, die Aufmerksamkeit des Lesers zu zerstreuen. 
Dadurch, dass die Anmerkungen dem Schlüsse jedes 
Bandes beigegeben worden sind, ist die Möglichkeit 
ausgeschlossen, dass sie den Genuss der Lektüre durch 
eine Zersplitterung verkümmern können; es bleibt dem 
Leser überlassen, sich über die verschiedenen Lesarten, 
Original-Korrekturen und Vergleichungen durch ein 
Nachblättem zu orientieren, das ein jedem Bande bei¬ 
gefugtes praktisches kleines Instrument, eine Art Zeilen¬ 
messer, überdies sehr erleichtert 

Die Notizen des Anhangs beschränken sich übrigens 
nicht nur auf die Lesarten; der Herausgeber hat auch 
eine Fülle von litterarhistorischen Einzelheiten, bio¬ 
graphische Details über weniger allgemein bekannte 
Adressaten u. dergl m. beigefügt, so dass das Werk in 
der That als das begrüsst und betrachtet werden kann, 
was es sein möchte: eine notwendige Ergänzung zu 
Schillers Werken und den über ihn erschienenen Bio¬ 
graphien. Wir behalten uns vor, noch einmal ausführ¬ 
licher auf die Einteilung des Stoffes und eine Würdigung 
der mühsamen Arbeit zurückzukommen und bemerken 
für heute nur noch, dass der Verlag, der späterhin 
als Ergänzung eine Sammlung der an Schiller ge¬ 
richteten Briefe herauzugeben beabsichtigt, auch für 
eine vornehme Ausstattung des Werkes Sorge ge¬ 
tragen hat, so dass es Freude macht, die stattlichen 
Bände der Bibliothek einreihen zu können. 

-f. 


Der Inüialschmuck in den elsässischen Drucken 
des XV. und XVI. Jahrhunderts . Erste und zweite 
Reihe. Von Paul Heitz . Strassburg, J. H. Ed. Heitz 
(Heitz & Mündel). 

Der Heitzsche Verlag in Strassburg, dessen biblio¬ 
graphische Publikationen zurEntwicklungsgeschichte der 
Druckerkunst sich allseitiger Schätzung erfreuen, legt 
Fachgelehrten und Bücherfreunden mit dem vorliegen¬ 
den Werke den Anfang einer Reihe von Bilderheften 
vor, welche uns intimer mit den Zierinitialen bekannt 
machen, die von den elsässischen Druckern vergangener 
Zeit verwandt wurden. Thomas Anshelm , der Meister 
von Hagenau (1516—1523), macht den Beginn. Die 
sechs Alphabete, die das Heft bringt, sind ein Beweis 
dafür, wie sehr Anshelm sich um die bildnerische Aus¬ 
gestaltung der Typographie verdient gemacht hat 
Vier der Alphabete stammen aus Missaldrucken und 
sind die bei weitem kunstreichsten der Anshelmschen 
Werkstatt Die prachtvollen, aussergewöhnlich grossen 
Initialen des ersten Alphabets scheinen von derselben 
Künstlerhand zu stammen, wie die der drei folgenden, 
nach einer Mutmassung des Herrn G. von Tlrey aus 
der Regensburger Schule und zwar von einem Wander¬ 
künstler, der auch die Miniaturen des in München be¬ 
findlichen Codex des Conrad von Scheyern angefertigt 
hat und der im Eisass zweifellos unter dem Einflüsse 
Hans Baidungs stand. Die ausdrucksvolle Charak¬ 
teristik der Gestalten und besonders der Köpfe spedell 
im ersten Alphabet wie auch mancherlei Ähnlichkeiten 
im Figürlichen und in der Komposition mit bekannten 
BaldungschenBildem lassen dies allerdings sehr wahr¬ 
scheinlich sein. Auch das letzte kleine Kinderalphabet 
steht offenbar unter dem Einflüsse Baidungs; die Ähn¬ 
lichkeit der Kindergestalten auf dem von ihm gefertigten, 
dem Bande beigefügten Druckerzeichen Anshelms mit 
den Putten des Alphabets ist in die Augen fallend. Das 
fünfte grosse Kinderalphabet schreibt Weigel Heinrich 
Vogtherr dem Ältem zu, Busch dem Johann Wechtlein, 
während Lampertz annimmt, dass es der Dürersehen 
Schule angehöre. 

Der Herr Herausgeber, der in dem begleitenden 
Texte die Erstdrucke wie die späteren Drucke genau 
aufführt, in denen die Initialen enthalten sind, schickt 
dem Ganzen ein kurzes Vorwort voraus, in dem das, 
was er über die bei Typenmessungen leicht vor¬ 
kommenden Irrungen sagt, von besonderem Interesse 
ist Die mehr oder minderwertige Güte des Papiers, 
das sich beim Druck häufig zusammenzieht, erklärt es, 
dass der Abdruck ein und desselben Stocks und ein 
und derselben Type bald grösser, bald kleiner ausfallen 
kann, erklärt auch manche Verschiedenheit in der Farbe 
des Drucks. 

Die zweite Reihe der Veröffentlichung bringt Zier¬ 
initialen aus Drucken von Johann Grüninger und Johann 
Herwagen. Grüninger, wie er sich nach seinem Geburts¬ 
ort nannte oder Reinhardt, wie er eigentlich hiess, ge¬ 
hört zu den bedeutendsten Strassburger Typographen. 
Da seine Drucke in den ersten Jahrzehnten seiner 
Thätigkeit meist anonym erschienen und er, der Sitte 
der Zeit folgend, die Stöcke für seine Initialen häufig 
an andere Drucker verlieh, so ist es nicht leicht, die 


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Kritik. 


2I 7 


aus seiner Offizin stammenden Werke vollständig zu 
registrieren. In dieser Beziehung giebt das vorliegende 
Werk manchen neuen Anhaltspunkt Originell und 
hübsch sind die Pflanzenornamente des fünften Alpha¬ 
bets, die im modernen Buchschmuck wieder anfangen, 
beliebt zu werden — das Ptoleamaeusalphabet und die 
Zierleisten. Henvagen oder Herwagius druckte von 
1522—1528 in Strassburg und verzog sodann nach Basel. 
Seine Strassburger Drucke sind durchweg Oktav¬ 
bändchen in Cursivschrift, zu denen er verhältnismässig 
grosse, immer aber schön ausgefiihrte und geistvoll 
componierte Initialen verwandte. Die von Heitz wieder¬ 
gegebenen Buchstaben sind bisher noch nicht veröffent¬ 
licht worden. Zum Teil sind sie sehr reizvoll; auch 
bei ihnen ist die Anlehnung an die Schule Baidungs 
unverkennbar. 

Die Hefte, deren Fortsetzung noch im Laufe des 
Jahres erscheinen soll, sind elegant ausgestattet, und 
die Reproduktion ist ganz vorzüglich. —v. 

* 

Monographien zur Weltgeschichte. In Verbindung 
mit Anderen herausgegeben von Ed. Heyck. I. Die 
Mediceer. Von Archivrat Prof. Dr. Ed. Heyck. Mit 
4 Kunstbcilagen und 148 Abbildungen. Velhagen & Kla- 
sing, Bielefeld und Leipzig. 

Die bekannten Künstler-Monographien der Firma 
Velhagen & Klasing und der Erfolg, den diese ihr ein¬ 
trugen, mögen die Veranlassung zu dem vorliegenden 
Unternehmen gegeben haben, das an innerer Gediegen¬ 
heit wie an Geschmack der Ausstattung den vorerwähnten 
Veröffentlichungen nicht nachstcht. Die „Monographien 
zur Weltgeschichte“ sind zunächst für jenes grössere 
Publikum gedacht, dem die schwerere Form der ge¬ 
lehrten Specialgeschichte mit ihrem unvermeidlichen 
Ballast an Quellen-Nachweis nicht recht munden will. 
Die einzelnen Zeitalter sollen an der Hand ihrer her¬ 
vorragendsten und charakteristischsten Persönlichkeiten 
geschildert werden; dabei wird jedes Heft einzeln käuf¬ 
lich sein, so dass es dem Publikum freisteht, sich den 
oder jenen Zeitabschnitt auszuwählen, für den es gerade 
besonderes Interesse hat, und seine Darstellung der 
Privatbücherei einzureihen. Die Illustration spielt, wie 
bei den Künstler-Monographien, so auch bei dem neuen 
Unternehmen eine wichtige Rolle, und zwar wie dort, 
so auch hier die sogenannte „authentische“ Illustration, 
d. h. die Wiedergabe von Porträts, Gemälden, Holz¬ 
schnitten, Skulpturen, Handschriften u. s. w. nach den 
Originalen bezw. nach Photographien. So soll die Ab¬ 
bildung den Text, für dessen Abfassung erste wissen¬ 
schaftliche Kräfte gewonnen sind, begleiten, erläutern 
und veranschaulichen helfen, ohne ihn in den Hinter¬ 
grund zu drängen. 

Das erste, kürzlich erschienene Heft, „DieMediceer *', 
in dem Prof. Heyck die Epoche der italienischen 
Renaissance in seiner klaren und unterhaltenden Dar¬ 
stellungsart schildert, kann als Beginn der Ausführung 
des Programms gelten. Der Bilderschmuck ist fast 
überreich. Ansichten des modernen und des mittel¬ 
alterlichen Florenz wechseln mit zahlreichen Porträts 

Z. f. B. 


der Mediceer und ihrer berühmtesten Zeitgenossen, 
mit Abbüdungen von Fresken, Denkmünzen, Kameen, 
Reliquien, Reliefs, von Wappen, Urkunden und Auto- 
graphen. Die ganze Glanzzeit Toscanas wird in diesem 
Buche lebendig. Schon bei flüchtigem Durchblättem 
merkt man, dass es von langer Hand vorbereitet worden 
ist, dass zahllose Sammlungen, Museen und Biblio¬ 
theken durchstöbert werden mussten, um das ein¬ 
schlägige Material heranzuschaffen. 

Die Wiedergabe der Büder ist trefflich, die ganze 
Ausstattung geschmackvoll und elegant. Neben der 
wohlfeilen Ausgabe (zu 3 Mark für den Band) hat die 
Verlagsbuchhandlung eine nur in hundert numerierten 
Exemplaren hergestellte Ausgabe für Bücherfreunde 
auf Kunstdruckpapier in Ganzlederband (für 20 Mark) 
an fertigen lassen, die wohlhabenden Bibliophilen sicher 
sehr willkommen sein wird. —nm. 

.« 

The Enemies of Books. By William Blades. With 
a preface by Richard Gamett. Illustratet by Louis 
Gunnis and H. E. Butler. London, Elliot Stock, 1896. 

„Liebet Eure Feinde“ ward nicht für die Feinde 
des Buches gesagt, denn der Bücherfeind ist nicht nur 
ein Widersacher des Einzelindividuums, sondern des 
ganzen Menschengeschlechts. Wie vieles andere, so 
überschätzt man gern den Wert der Bücher; wir pflegen 
von ihnen zu sprechen wie von Weisheit, Gelehrsam¬ 
keit und Genie in Person, während sie in der That 
doch nur das Gefäss für alle Geistesschätze sind. Aber 
selbst von diesem gemässigten Standpunkt aus scheint 
uns ihre Bedeutung so gross, dass sie zu zerstören einer 
Sünde gleichkommt Man hat noch von niemand ihre 
Vernichtung als gute That rühmen hören, ausser etwa 
vom Kaliven Omar; selbst er wollte ein Buch verschont 
wissen. Hätte er ein Jahrhundert oder zwei länger auf 
der Welt sein können, so würde er die Entdeckung 
gemacht haben, dass dies eine verschonte Buch, der 
Koran, abermals eine stattliche Litteratur erzeugt hat. 
Aber kein solch gigantischer Verwüster, dessen Brand¬ 
fackel einen düstem Schein durch spätere Jahrhun¬ 
derte wirft, nimmt den Ehrenplatz in Mr. Blades Buch 
ein. Die Feinde, die er nennt, sind Feuer, Wasser, 
Gas und Hitze, Staub und Vernachlässigung, Unwissen¬ 
heit und Ungeziefer, Buchbinder und Sammler. Eines 
aber fehlt noch: Unheilvolle Teilnahme, die man kaum 
zur Unwissenheit rechnen kann, da sie sich ihrer feind¬ 
seligen Stellung zum Buche gar wohl bewusst ist. Es 
wäre interessant zu erfahren, ob durch Verstümmelung 
oder Verhinderung am Vervielfältigen der Menschheit 
wirklich wertvolle Werke vorenthalten worden sind. 
Eines jedoch steht fest: ein wahrhaft schädliches Buch 
hat die Zensur nie unterdrücken können. Derartige 
Untersuchungen haben dem friedlichen Gemüt Mr. 
Blades fern gelegen; obwohl völlig befähigt, tapfere 
Streiche auszuteüen und auch zu ertragen, war es ihm 
eine Freude, über ein Thema schreiben zu können, über 
das alle seine Leser der gleichen Meinung sein werden, 
wie er selbst. Selbst in unserer Zeit der Verteidigung 

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Chronik. 


wird wohl niemand für Mäuse und Buchwürmer in die 
Schranken treten; alle andern Vergehen, die er nennt, 
fallen in die Rubrik „Unwissenheit“, sowohl die Schnitzer 
der Buchbinder als auch die letzte Leidensstation alter 
Pynsons und Caxtons im Butterladen. Einer gewissen 
Art von Unwissenheit verdanken wir sogar die Erhal¬ 
tung so manchen Buches, nämlich der, ein Buch für 
eminent selten zu halten, weil keiner der Nachbarn es 
kennt, oder für uralt, weil es zu Grossvaters Zeit schon 
existierte; doch ach, wie selten nur erweist sich solch 
Unikum der Pflege, die es erhalten hat, wert! — 

Ob das hübsche, unterhaltende und belehrende 
Werk Mr. Blades umfassender und philosophischer 
gehalten sein könnte, kommt neben den schätzens¬ 
werten Anweisungen über die Gesundheitspflege der 
Bücher kaum in Betracht Freilich bethätigt sich 
geistige Buchfeindschaft meist nur in verstärkter Pro¬ 
duktion schlechter Bücher; für die Büchersammler und 
Antiquare haben aber selbst die anderen Zerstörer einen 
gewissen Wert. Wenn alle Bände wohlerhalten und 
in hunderten von Exemplaren vorhanden wären, dann 
wären eben Caxtons und Gutenbergische Bibeln keine 
Seltenheiten, und man könnte sie weder sammeln noch 
Sammlern zu hohen Preisen verkaufen. 


Obige halb scherzhafte Bemerkungen sind der Vor¬ 
rede entnommen, die Mrl R. Gamett zu Mr. Blades, 
Buch geschrieben hat, und sie erschöpfen auch das 
Textliche vollkommen. Eine amüsante mit humoristi¬ 
schen Anekdoten untermischte feuilletonistische Ab¬ 
handlung sind die „Enemies of Books“ in der That 
und deshalb bestens zu empfehlen. Künstlerischen Wert 
erhält das Buch durch die entzückenden Illustrationen 
von Louis Gunnis und H. E. Butler, die sich zum Teil 
auf die erzählten Anekdoten, zum Teil auf Mr. Blades, 
eigene Ansichten beziehen. Besonders reizvoll sind die 
Bücherstillleben, welche als Kapitelköpfe und Culs-de- 
lampe verwandt worden sind. Auch das Ex-libris des 
Herrn Verfassers ist dem Buche als Einzelblatt bei¬ 
gegeben; es zeigt in seiner Mittelcartouche eine Buch¬ 
presse, von zwei als Setzer und Schwärzer durch ihre 
Kostüme sich kennzeichnenden Männern flankiert Aus 
dem oberen arabescierten Geranke hält eine Hand ein 
aufgeschlagenes Buch empor, während das Spruchband 
die Vignette nach unten hin abschlicsst und die Devise 
„Rerum Tutissima custos“ trägt Den Namen und die 
Bezeichnung „Ex libris“ weist ein frei darunter schwe¬ 
bendes, an einer Stange mit Ringen befestigtes Lam¬ 
brequin mit Fransenbesatz auf. — st. 




Chronik. 


Mitteilungen. 


Über die Buchbinderarbeiten auf der Sächsisch - 
Thüringischen Industrie - und Gew erbea usStellung zu 
Leipzig schreibt man uns: Die Buchbinderei, die sich 
auf hiesiger Ausstellung der buchgewerblichen Kol¬ 
lektivausstellung angeschlossen hat, ist im Verhältnis 
zur Anzahl der Buchbindereibetriebe nicht so zahl¬ 
reich vertreten, wie es wünschenswert gewesen 
wäre. Von ca. 170 Leipziger Buchbindereien haben 
nur 11 ausgestellt. In erster Linie kommt die 
Firma H. Sperling in Leipzig in Betracht Das 
Buchbindergewerbe hat hier in Musterarbeiten aller¬ 
ersten Ranges seinen Ausdruck gefunden, der Buch¬ 
bindereigrossbetrieb durch eine gewaltige Anzahl von 
Einbänden und Mappen für den Verlagshandel, die 
Buchbindekunst durch Handarbeiten (Handvergol¬ 
dung und Ledermosaik), wie sie bisher kaum eine 
ähnliche Ausstellung aufzuweisen hatte. Zuerst ins 
Auge fallen an den Wänden der vornehm ausge¬ 
statteten Koje eine grosse Anzahl der von genannter 
Firma in den letzten Jahren hergestellten Einband¬ 
decken in Pressvergoldung und Farbendruck. In den 
an den Seiten der Koje angebrachten Vitrinen befindet 
sich eine stattliche Kollektion von Bucheinbänden 
für den Verlagsbuchhandel und.von Katalogdecken 
für industrielle Grossbetriebe, ferner eine Anzahl 
von Celluloideinbänden mit ganz neuartigen Farben¬ 


drucken. Eine besonders zusammengestellte Kol¬ 
lektion von Bucheinbänden zeigt Entwürfe jener 
modernen Richtung, in welcher der Münchener 
Künstler O. Eckmann so entzückendes leistet und 
die z. Z. gottlob im gesamten graphischen Ge¬ 
werbe eifrige Förderer findet. Bei den künst¬ 
lerischen Bucheinbänden im Mittelraum der Koje 
fällt sofort auf, dass bei nicht einem dieser 
kunstvollen Einbände eine von den alten Deko¬ 
rationsweisen zu finden ist; alle sind vielmehr in 
neuen, sehr eigenartigen Entwürfen gehalten, und 
zwar von einer Vielseitigkeit, die erstaunlich wirkt 
Mit einzelnen Stempeln sind Zusammensetzungen 
ausserordentlich effektvoller Art ausgeführt worden; 
auch die Farbenzusammenstellungen bekunden 
durchweg einen fein ausgebildeten Geschmack. 
Dabei sind die Handvergoldungen und Leder¬ 
mosaiken von einer Sauberkeit und Accuratesse, 
selbst bei dem so schwer zu behandelnden matten 
Kalbleder, wie man sie sonst nur bei Zähnsdorfschen 
und Leon Gruelschen Arbeiten zu bewundern 
Gelegenheit hat. 

Es würde den gegebenen Raum erheblich über¬ 
schreiten, wollten wir alle diese Arbeiten so ein¬ 
gehend besprechen wie sie es verdienten; wir 
können nur einige erwähnen. Da ist vor allem 
eine Adressmappe in Grösse von 67x53 cm., bei 
welcher alle drei Kunsttechniken der Buchbinderei 
angewandt sind: Hand Vergoldung, Ledermosaik 


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Chronik. 


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und Lederpunzarbeit. Auf hellblauem Gninde in 
Maroquin £crase befindet sich in der Mitte das 
Monogramm H. S. in den Farben rot und weiss, 
um welches ein Lorbeerkranz in den natürlichen 
Farben liegt; es ist umgeben von einem weissen, 
verschlungenen Bande, um das sich Guirlanden 
winden: Rosen, Waldreben und Sonnenblumen 
in den natürlichen Farben. Das ganze Mittelbild 
umgiebt eine Rokokoumrahmung in Lederpunz- 
arbeit In gleicher Grösse, aber in der Ausführung 
durchaus abweichend von der vorhergehenden ist 
eine, dem Prinzen Georg von Sachsen gehörende 
und ihm von einem Leipziger Militärverein gewid¬ 
mete Jubiläumsadresse ausgestellt, bei welcher 
man die wunderbar fein in Silber getriebenen, ver¬ 
goldeten und ciselierten Beschläge bewundern muss. 
Zwischen diesen beiden Adressmappen befindet 
sich